1917

Gritli Letters

 

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Januar 1917

[Eugen:]

1.Januar 1917

Lieber R

            Ich schrieb Ihnen gestern de persona auctoris Putziani. Heut komm ich zur Sache selbst, die ich unrecht hatte, gestern weniger zu betreuen als ihren Ort zu betrachten: Was wird aus der Deutschen  Schule, vor allem aus der Reichsschule?? Denn die brauchen Ihre Schrift dringend; im Ganzen und in fast allen Einzelheiten. Wollen Sie den Schatz uns freimachen und gönnen, so brechen Sie den Bann, der darauf gelegt ist durch den Juden. Erlauben Sie dass man diese Stelle tilge und die Schrift als das druckt was sie ist: eine weltliche, geistige Angelegenheit, die seit 1789 1870 1871 ohne geistliche Zutat verhandelt werden kann - wenn nur, ja wenn nur der Verfasser ein Christ ist oder doch sein könnte.

            Orthodoxissime, geben Sie Ihr Imprimatur. Wird es allerdings ohne Ihren Fluch abgehen?

                        Ihr

                        Eugen Rosenstock

12.I.17.

L.R.,

            auszusetzen nicht wie Moses ausgesetzt wurde; ich hätte keine Mirjam in die Nähe gestellt, dass sie sähe was aus dem Kind würde - sondern wie Ismael mit seiner Mutter Hagar ausgesetzt wurde, in die Wüste, auf Nimmerwiedersehn und ohne Zukunft wenn sich nicht ein Engel vom Himmel selber seiner annehmen würde (denn dass, wie es nachher heisst, ihn dennoch beide Söhne, Isaak und der, ältere aber verheissungslose, Ismael, begraben würden, konnte Abraham nicht ahnen, als er Hagar verstiess). Dies ist mein Gleichnis (und nicht Ihr scheussliches von den beiden Geschäften, - warum das?) und deshalb konnte ich meiner Mutter erlauben, für den Fall, "allgmeinen Wunsches" das Putzianum in die Öffentlichkeit zu lassen. Das ging so gut und so schlecht wie es beim Schellingianum oder beim Hegelbuch geht. Der "allgemeine Wunsch" ist freilich Voraussetzung; ich würde so etwas nie dem Publikum aufzwingen, also nie etwas dafür tun. Deswegen kann von mir aus das Sätzchen wenn es so gefährlich ist ruhig fortbleiben; ich hatte es hineingesetzt nicht etwa wie man in Kassel wohl gemeint hat aus Bekennerwut, sondern wie Sie es richtig aufgefasst haben: um die Lücke, die ich lassen musste wenigstens als solche zu bezeichnen. Wenn Sie also meinen, dass es auch so fragmentarisch geht, so ist es gut. Von mir aus ist es ja in jedem Falle Fragment, weil eben alles, wobei man nicht selber dabei bleibt (und sieht was aus dem Kindlein wird) schon dadurch Fragment ist. Übrigens würde die gefährliche Stelle bei Jäckh oder Grabowskij oder selbst bei Naumann oder auch bei Rade nicht so gefährlich wirken wie grade bei Diederichs. Ich habe keine rechte Vorstellung wie lang das Ding überhaupt ist und ob es, sei es auch in Fortsetzungen, in irgend eine Zeitschrift hineingeht. Gegen Kürzungen hätte ich nun, nachdem ich diese trotz ihres bloss negativen Inhalts wichtigste Kürzung zugegeben habe, gar nichts mehr; es ist nun, da ich ja ausserdem pseudonym bleibe und weiter als "einen Bogenschuss" entfernt, gleich was wird ("ich mag nicht zusehn, wie das Kind stirbt"). Auch Absätze können ruhig hineingemacht werden, wenn es nötig ist. Aber wenn Sie wirklich noch weiter die Rolle des Engels spielen wollen, der den Weg zum Verlegerbrunnen zeigt, - so setzen Sie sich mit meiner Mutter in Verbindung, damit es keinen Mus giebt (im Falle Diederichs hat es wohl schon "Mus" gegeben, denn gleichzeitig hat Hans an Buchwald, den Lektor von Died., geschrieben!).

            Vielen Dank für den famosen Aufsatz zur Entstehung der Prosa im Deutschen. Aber ich bin froh, dass Sie jetzt so weit sind, das Wesen solcher Dinge auch ohne den Nürnberger Tand der "Anmerkungen" und ausserhalb des Spielwarenladens (für grosse Kinder) Savignyzeitschrift (et hoc genus omne) auszusprechen. Mag die Spielwaren-branche sehen, wo sie dabei bleibt.

            Für wen war der gereimte Neujahrsgruss ursprünglich? "Sendschreiben an meine Freunde im Feld" oder "Sylvesterfeier der San. Komp. 103"? Und darf ich es meinen Eltern weiterschicken? Mir selber ist darin nur wieder aufgegangen, wie abwegig ich sitze, sowohl in dem was Sie wissen, als auch in anderem was ich nicht sagen kann. Ich bin so ganz und gar nicht Ihr "Freund im Feld", sondern nur (trotz aller groben und feinen Anpöbelungen) schlechtweg Ihr Freund

                        F. R.

Februar 1917

[Eugen:]

3.II.1917.

Lieber Freund,

            Ich muss Ihnen tatsächlich nach dem bösen Brief von neulich abbitten. Für eine Weile ist es meine letzte Proselytenmache gegen Sie. Sie sollen recht bald ein MS. erhalten, worin sie den Grund dafür wiederfinden werden. Ich stehe ganz unter dem Eindruck der U - Boot Note. Sie bedeutet die erste Tat zur Vereinigung Europas einschliesslich Englands zu seiner Gestalt (Siehe Annahme der europäischen - nicht russischen!! - Zeitrechnung in Byzanz): Der Ring von der Gefangennahme Richard Löwenherz über die 5 grossen Revolutionen Europas: 1200-46 Papsttum, 1517-47 Volkstum, 1649-88 Reichtum, 1756-63 Kaisertum, 1789-93 Stadttum (oder: Klerikalismus Nationalismus Kapitalismus Militarismus Sozialismus) schliesst sich mit diesem 1.II.1917, an dem wir England den Krieg erklärt haben; das is der Riesenunterschied gegen 4.Aug.14.

            Vergleichen Sie Dante und Schiller, Goethe und Thomas, Avignon und 1804, 1314 und 1789, 1246 und 1870 und Sie haben in der Geschichte das was es sonst nicht zu geben scheint: einen Kreis, [Zeichnung] mit rückläufigen Bewegungen, weil diese erste Bogenhälfte eben nur vorläufige Bewegungen waren. Mein opus heisst Die Christliche Zeitrechnung, und wird allen Mathematikern angelegentlich als neue Rechenart gegenüber der Raumrechnung empfohlen. Das π darin sind die Juden. Europa ist πr. Und jeder Europäer πr [darunter:] x, z.B. Franz Rosenzweig und sein Freund

                        Eugen Rosenstock

März 1917

[Eugen:]

5.III.1917

L. R!

            Seit zwei Monaten kein Wort, c'est inoui. Infolgedessen verweigere ich auch jedes Konzil der Ökumene.

                                                E.

[Anfang März 1917]

L.R., vielen Dank für das philosophische Specimen. So ähnlich hatte ich es mir gedacht. Dafür kriegen Sie die Briefe "über" Luther, eine ganz grosse Überraschung nach allem was ich zuvor davon gehört hatte. Komischerweise hat sogar Frau Strauss noch am besten berichtet, weil sie den Roman der darin steckt gesehen hat. Eben weil es Romanform hat, ist es ganz wirkliche Philosophie von heute. Ich bin noch ganz erstaunt, und Sie werden es auch sein. – Scheibert [?] ist herrlich, ich wusste überhaupt nichts von ihm. Haben Sie auch das grosse Buch von ihm, was er damals gelernt [?]? Kann man es noch kriegen?

            Also nun zu Ihrer Rede. Ich will Ihnen auf den einen von den beiden Sätzen antworten, wo Sie mich besonders ansahen, und zwar auf den harmlosen. Sie meinen, ein Kenner des Semitischen müsste den gemeinsamen Grund der jüdischen Beschränkung und der "arabischen" Ausbreitung zeigen können. Ich glaube nicht (habe es übrigens doch versucht, aber nichts gefunden), es ist im Gegenteil wahrscheinlich, dass irgendwo da wo die Sprache Begriffssprache wird, die verschiedenen Richtungen ihre Spuren in ihr eingezeichnet haben. Z.B. dass im Judentum der Eigenname Gottes (das "Tetragramma-ton") Begriffswert bekommen hat (vgl. die üblichen "Übersetzungen" κυριος u.s.w.), während umgekehrt im Islam das Begriffswort Gott mit dem Artikel in grammatisch ungebräuchlicher Weise zum Eigennamen "Allah" - statt alilah - verschmolzen ist. Aber das liegt doch auf einem andern Niveau, es ist sozusagen weniger geheimnisvoll, obwohl genau so jenseits von menschlicher Willkür wie die ursprüngliche prästabilierte Harmonie von Volkssprache und Volksgeist. Dass Sie solche ursprünglichen Beziehungen (gewissermassen aus der Naturphilosophie der Sprache) bei der offenbarten Religion (bzw. bei ihrer Karrikatur, dem Islam) überhaupt nicht leicht auffinden werden, liegt daran, dass die Offenbarung über = "ethnisch" ist. Daher der Volksgeist, den wir in der Sprache erkennen, höchstens die Art bestimmt, wie das Volk die Offenbarung aufnimmt und verarbeitet. Die Offenbarung selbst spricht eine Sprache, die es "noch gar nicht giebt", die erst dann Menschensprache wird, wenn die Fülle der έθνη eingegangen ist (vgl. den Profeten: "ich will den Völkern eine gereinigte Lippe geben"). Deswegen tun Sie den Arabern Unrecht, wenn Sie sie für den Islam verantwortlich machen; die Araber sind ein geniales έθνος, dem Islam zum Trotz. Wenn Sie z.B. die philosophische Leistung der Araber (auch ein Stück dieses "trotz dem Islam", wenigstens soweit es gross ist), wenn Sie diese Leistung damit in Verbindung bringen wollen, dass das Altarabische die einzige semitische Sprache ist, die es zu einer der griechischen, lateinischen deutschen gleichwertigen syntaktischen Ausbildung gebracht hat (und zwar, worauf es ankommt, weil sie sich dazu bereitgehalten hatte, indem sie wenigstens mündlich - in der, vokallosen, Schrift kommt es nicht zur Bezeichnung - sich wieder als einzige unter allen semitischen Sprachen Kasusendungen und Konjunktivformen erhalten (bzw. ausgebildet) hat) - wenn Sie das sagen, dann bleiben Sie in der Naturphilosophie der Sprache. Dahin gehören auch Naturtatsachen, deren Entstehung wir ganz genau verfolgen +) können, wie z.B. die Unmöglichkeit, im Englischen zu philosophieren, weil es, durch die Verarmung seiner Formen, keine Möglichkeit zur Periodenbildung bietet (die Periode ist Gelenkverbindung von Gedanken; Shakespeare baut cyklopisch, d.h. haltbar aber mörtellos, aus Gesichten, vgl. Gundolfs Analyse des Hamletmonologs in dem Shakesp.buch). Hingegen das andre (wie vorhin in dem Beispiel mit den Gottesnamen) dahin gehört alle Sprachbildung, die auf dem schon gegründeten Boden des Geistes (der Gemeinschaft) wächst, wie z.B. um etwas zu nennen, was wir jetzt täglich beobachten, die militärische Amtssprache.

            Nun ist es klar, dass dieser "gegründete Boden des Geistes" eben selber wieder auf Sprache, etwa im eben genannten Beispiel, auf der Sprachform des Befehls, gegründet ist, und so alterniert in der Wirklichkeit immerfort Gemeinschaft und Sprache ("Geist" und "Natur").

            Was tuen Sie nun?

            Sie bannen diesen Pulsschlag in das Gehäuse eines einzigen Symbols (daheim und draussen, Sprache des Hauses, Sprache der Agora) und tragen rings um dieses Symbol alle Wirklichkeit als Illustrationen zusammen. Das ist ihre Denkform und da Sie mir einen lebendigen Akt dieses Denkens hinlegen, haben Sie ohne weiteres und unwidersprochen Recht. Wer ausgeführt hat, hat immer Recht. Ich kann mir nur klar machen, worin sich mein, unausgeführter, Denkwille von ihrem wirklichen Denken unterscheidet.

            Wohl darin: ich nehme die Wirklichkeit gefährlicher, sie muss ganz heran und so "wie sie geritten und gefahren kommt". Daher fällt mein Denken immer wieder in die historische Form, weil es die einzige ist die "Vollständigkeit" zu gewährleisten scheint. Selbst das Symbol muss dabei so antreten wie es "geritten und gefahren kommt". Z.B. wenn ich über Sprache denke, so frage ich nach "Ursprung" und "Ende" der Sprache - ich merke, dass ich dies alles Ihnen schon einmal geschrieben habe. Danach muss es also wahr sein.

[Pfeil auf das Geschriebene:] das sind Spritzer von einem mazedonischen Schneeball - immerhin eine Seltenheit.

+) Übrigens gewiss ist die Geschichte ein Experiment, aber man sieht grade daraus, was für ein ungeheurer Schritt es war, als der Mensch das Experiment an der Natur erfand, ein deinon im Doppelsinn des Worts.

7.III.[1917]

            Seitdem ist Schnee keine Seltenheit mehr gewesen und dieser Brief ist liegen geblieben; es war arg kalt; wir sind hier über 800 m hoch. Von Ihnen kam Ihr Doppelkartenbiref von Anfang Februar, das darin versprochene Manuskript noch nicht. Nein ich war wirklich nicht böse über Ihren grossen Brief, nur etwas auf den Mund geschlagen, weil es ja eine Abhandlung und kein Brief mehr war. Und auch das ad hominem darin was mir in einem Brief allerdings, nach unserm ganzen Schreiben, erschreckend gewesen wäre, war es in der "Abhandlung" nicht. Denn das erwarte ich gar nicht, dass Ihnen dies Persönliche zwischen uns schon bis in Ihr Gedankliches zwischen Ihnen und der Welt hineinspukt. Dazu ist es, von Ihnen aus gesehn, zu nebensächlich. Ihnen kann und muss es genügen, wenn Sie die Zahl  π in Ihre Rechnungen einsetzen (πr = Europa). Für den Juden aber kommt - ich drücke es von Ihrer Mathematik her aus - der besondre Fall r = 1 in Frage, wo also die ganze Mannichfaltigkeit "Europas" wieder auf ihren Ursprung zurückgeschoben ist, und nun lautet seine Gleichung: = π [darunter:] x; er ist also, da x ja die persönliche Variable sein soll, ganz und gar angewiesen auf das π, und dass man dieser Grösse gegenüber nur die Wahl hat, sie entweder so zu lassen oder das ganze Leben und länger auf ihre Ausrechnung zu wenden, lehrt die Geschichte der Mathematik. Dem Christen kann und muss "π" genügen, denn er glaubt das was π bedeutet (die Zurückführbarkeit der Krummen der Schöpfung auf die Graden der Offenbarung (vgl. Jes.40, ca Vers 5) und kann nun damit fröhlich drauflos rechnen und konstruieren. Der Jude aber ist bestimmt ("erwählt" sagen wir, "verdammt" sagt ihr), jenem Glauben, von dem Ihr ausgeht, die sinnliche Bestätigung zu geben, indem er π durch alle Dezimalen hindurch, ohne ein Ende absehen zu können und doch der ständigen Richtigkeit gewiss, auszurechnen hat. Bis (ich weiss nicht, ob hier das Gleichnis hinkt, nämlich ob es vielleicht möglich ist die Aperiodizität eines Bruchs bei unendlich viel Dezimalen zu beweisen) also bis eines Tages der Bruch periodisch wird und die Weltgeschichte in das Reich Gottes mündet.

            Können Sie mir mal kurz schreiben, was Ihr Mannschaftshaus eigentlich war? Nämlich hier war offenbar etwas ähnliches beabsichtigt: eine "Vortragstruppe" (teils Ulk =, teils wissensch. Vorträge) "für Truppen in Ruhestellungen". Ich hatte mich auf die Anfrage gemeldet; allerdings, da ich im Korpsbezirk der Einzige geblieben bin, scheint nichts daraus zu werden. Wenigstens hat sich das AOK auf mein wunderschönes Menü ausgeschwiegen. Aber, immerhin, falls die Sache doch noch in Fluss kommen sollte, wüsste ich gern, was Sie eingerichtet hatten.

10.III.[1917]

            Von hause hörte ich, dass wieder etwas an mich unterwegs ist, ein "Putzianum"? Nun soll dieser Brief aber schleunigst fort. Auch eine Kritik über Ökumene wird erwartet; ich bin schon im voraus überzeugt; ich war ohne eigenes Urteil darüber.

                                                Ihr F.R.

Rudi lässt Sie bitten (wenn es Ihnen möglich ist), Ihr Exemplar seiner "Predigten" an Hedis Adresse zu schicken.

11.III.17

L.R.,

Sie haben natürlich recht. Ökumene ist unangesehen gelehrt und "schön", sodass über dem Vergnügen des Darstellens die ernsthafte Klarheit des Fragens und Antwortens (was Sie naturwissenschaftliche Methode nennen oder vielleicht, aus dem Wissen dass sie bei den Naturwissenschaften leicht zur Wahllosigkeit des Fragens und Antwortens entartet, Methode der technischen Wissenschaften) verlorengegangen ist. Z.T. sind wohl Rankes grosse Mächte schuld daran, obwohl Ranke - weil er nicht nach Jahrhunderten sondern nach Staaten gliedert - viel entschiedener zu seinem Ziele rollt (das kokette "nur, wie es gewesen" ist bei den Grossen Mächten noch sichtbarer eine Unwahrheit wie bei allen andern Rankeschen Büchern; es ist nur aus der Defensivstimmung gegen Leo gesagt und zu verstehen). Dabei stecken wohl dennoch die Fragen und Antworten alle in dem Aufsatz drin, nur habe ich - ohne es zu wollen - meine eigenen Spuren verwischt, aus böser Lust an der schönen glatten Bildfaçade.

Was habe ich denn gefragt? Nicht nach den heutigen Grossmächten zunächst, sondern nach dem Imperialismus, seiner äusseren und inneren Form. Geglaubte Voraussetzung: weil diese Dinge auf unsrer und Gottes Erde geschehn, so müssen sie wiederklingen in den Publizistiken der Kriegsausbrüche und sich abbilden in den Grenzvereinbarungen der Friedensschlüsse. Es wird nach dem Imperialismus gefragt, also fängt die Geschichte da an, wo das Imperium ausgeht und die Staaten anheben und dadurch über das Imperium die Pluralität des Begriffs ("ismus") kommen kann. Nur kann, durchaus noch nicht kommt. Denn noch reitet der tote Cid "Imperium" zur Schlacht und als Karl V gefallen ist, da suchen die siegreich übriggebliebenen Heidenstaaten noch nach den Stücken seiner Rüstung (Ferdinand, Ludw. XIV.) Erst im 18. Jahrhundert wagen sie es, sie selbst zu sein und ohne die Prunkrüstung der lateinischen Heiligkeit miteinander zu fechten. Und hier könnte die Weltgeschichte +) zu Ende sein und es ist das Wesen der Aufklärung, dass sie es nicht anders weiss als ob es so wäre. (Deswegen sind alle ihre Denkmale und Überreste für uns so verblüffend; es ist fin = du = monde = Stimmung "und kein Ende".) Aber die Weltgeschichte, die diesem Augenblick sein Denkmal setzte in dem einzigen reinen Bestätigungskrieg, der je geführt worden ist, ist nicht zu Ende, denn nun zeigt sich, dass der tote Cid nicht bloss einen gewaltigen Körper und eine prunkende Rüstung besessen hatte, sondern "auch" eine unsterbliche Seele. Die Seele ersteht jetzt, reine Seele, eine Ökumene nicht des Papstes noch des Kaisers noch auch selbst bloss der Verfassungsorganisation, sondern der idées. Hier ist der Anfang des ewigen Lebens (1789 Anfang des Endes der Geschichte). Diese reine Seele umkleidet sich mit Fleisch, sodass sie beinahe wieder aussieht wie als wenn sie bloss von dieser Welt wäre (187O), aber so sah es nur aus; hat sie nur erst einmal wieder ihr Fleisch beisammen, dann wird sich schon weisen, dass es auferstandenes Fleisch, ökumenische Staatlichkeit ist. 1914. Am Schluss steht natürlich nur ein Doppelpunkt, eine Richtung, denn wir erleben ja einen Anfang, ja was die Sichtbarkeit anbetrifft (Imperialismus), sogar einen vollkommenen Anfang.

So war es gemeint und so werden Sie zufrieden sein.

+) wenn sie Vondieserweltgeschichte wäre

[? Frühjahr 17]

[Anfang fehlt]

            Und nun noch etwas "zur Person". Ich war mit Ihrer Namengebung "Adam Bann" ganz einverstanden. Weil sie von Ihnen, also von "draussen" kam. Ich selbst würde mich nicht so genannt haben. Von aussen heisst es "Bann", von innen "Bund". Es hat keinen Zweck zu wiederholen, was wir uns seit dem Sommer geschrieben haben; es ist alles - wie ich Ihnen auch immer wieder gesagt habe - in seiner "konzilienhaften" Deutlichkeit eben doch nur eine Hälfte. Die andre Hälfte, die nicht schriftlich zu machen ist, kann ich Ihnen nicht glaubhaft machen, aber sie ist in mir, und sie ists, die mich jetzt bis zum Platzen anfüllt; ihretwegen und nur ihretwegen ersehne ich für mich den Kriegsschluss als meinen Anfang. Obwohl ich mich fürchte, denn ich weiss (zwar nicht wohin mein Weg, aber) wohin mich mein Weg führen wird. Hier steckt mein - unformulierbares, aber gewalttätig herschendes - Muss. Über das "Hier stehe ich" konnten wir sprechen, über das "Ich kann nicht anders" nicht, das, lieber Eugen (wir wollen uns wirklich Du nennen), kann man nur singen.

                                    Dein F.

April 1917

[30.IV.17]

L.E.,

            nun kenne ich also "Europas Darstellung". Und muss die arme "Ökumene" grundsätzlich in Schutz nehmen. Du siehst, was du glaubst. Deswegen ist für dich "1914-17" voller Sühne und Versöhnung. Und wo die Versöhnung ist, da giebt es freilich keine Ismen mehr und überhaupt keine Gespenster. Aber der Weg zu diesem Himmel auf Erden führt an vielen Gespenstern vorbei und 1914-17 haben sie die Gestalt der "Giganten mit riesengrossen etc."

            Bei dir singen sie schon im höhern Chor, bei mir haben sie noch keine Zeit zum Singen, sie haben noch vollauf zu tun und wenn sie sich ihrer zukünftigen Partie im höhern Chor erinnern und wollen daraufhin ein bischen vorüben, so wird es - "Gedankenlyrik" ("Ismen"!). Du bist hinreissend wirklich in deinen Begriffen (Symbolen, Anschauungen, oder wie du willst, dass man deine Sprachstücke nennt, also, um keinen Streit hervorzurufen: in deinen Substantiven) und auch noch da, wo du es mit einer durch eigne Notwendigkeit gegliederten Wirklichkeit zu tun hast (also z.B. mit "den" Parteien des Staats), aber erschreckend willkürlich, wenn du auf solche Wirklichkeit stössest, deren Gliederung noch als ein Geheimnis Θεου εν γουνασι κειται, ein Geheimnis, von dem er nur das Dass aber noch nicht das ganze Wie der Offenbarung angezeigt hat. Z.B.: ich rechne mit zukünftigen "Rückläufigkeiten" der Entwicklung, freilich Rückläu-figkeiten nur von uns gesehn, denn geschehen ist geschehen und um die Tatsache der ersten wirklichen Weltreiche wird die Zukunft auch dann nicht herumkommen, wenn diese Tatsache noch einmal wieder zur bloss gewesenen Tatsache werden sollte. Vorläufig sind die "Ismen" eben die einzige Gegenwart (in der Geschichte; im Hause, aus dem deine Substantive - ich bin vorsichtig - stammen ist es anders) und kein verzwei-feltes Leugnen hilft gegen die furchtbare Tatsache, dass die gegenwärtigen Menschen für Ismen bluten müssen, also für Fragezeichen, wenn auch richtig gesetzte. Die christlichen Völker sind unterwegs, und nur das Eine, das sie deswegen in "Bann" erklären, blutet, weil es nirgends für sich selber blutet, überall und immer schon in der Gegenwart für das Reich, ohne Umschreibung durch einen Ismus.

            Nein, die Welt ist noch nicht fertig und ihre Mächte und Kräfte noch nicht Glieder eines Leibs. Das ist der allgemeine Grund meines Unglaubens an dein Europa. Die besonderen bedeuten dagegen wenig. Russland wegzudenken ist mir schlechthin unmöglich. Gewiss, es hat kein Mittelalter. Aber damit ist es doch nur aus der ursprünglichen Gemeinschaft der Ökumene ausgeschlossen. Es ist ja aber grade der Sinn dieser ursprünglichen Gemeinschaft, dass sie sich erweitert und zwar so erweitert, dass (im Gegensatz zum ausserchristlich Selbstverständlichen) die neu angenommenen Arbeiter im Weinberge nicht schlechter entlohnt werden wie die Knechte die schon vom frühen Morgen an gearbeitet haben. Russland ist die "Vorstellung" geschenkt; es besitzt sie also auch, freilich nicht erlebt, sondern "geschenkt". Aber der Hochmut und Anspruch der Arbeiter vom Morgen an wird den "romanisch = germanischen Völkern" vom Herrn des Weinbergs nicht durchgelassen. - Etwas anderes: ich traue dir die "Raumrechnung" nicht recht zu; denn wenn sie schon mehr als Plan und Vorhaben bei dir wäre, dann würdest du ihr die "Zeitrechnung" nicht mehr so genau parallelisieren wollen. Im Raum ist die Rechnung die ganze Wahrheit oder wenigstens das ganze Zeichen der ganzen Wahrheit. In der Zeit wäre sie höchstens eine Curiosität. Raumgleichheit ist das Wesen des Raums. Zeitungleichheit ist das Wesen der Zeit. Die Ungewissheit quid sit spatium, hätte keinen Augustin je zu verzweifelten Stossgebeten gebracht wie die quid sit tempus. Tausend Jahre können wie ein Tag sein; aber einen heiligen Wetterschlag der Not, der die Unendlichkeit des Raumes dem Menschen in die hohle Hand legen würde, - den giebt es nicht.x) Die Zeitgleichungen, die du aufstellst sind gewiss bestechend, aber Keplers Berechnung der Planetenabstände aus den regelmässigen Körpern und aus den musika-lischen Harmonien zeigte ebenfalls eine bestechende Übereinstimmung mit dem Beob-achteten und war doch falsch und musste falsch sein, denn sie beruhte auf der von Kepler etc. selber zerstörten Vorstellung der Welt als einer wesentlich ruhenden, und erst das "Dritte Gesetz", das er auf jener Suche nach den Eselinnen seines Vaters Platon schliesslich fand, war grundsätzlich richtig, denn es stellte die Abstände als eine Funktion der Bewegungen dar. Ich "lynche" dich also nicht - das wäre, wenn ich mir die Mühe machte, deine Zeitgleichungen zu parodieren (was sicher möglich wäre, denn "Zeit giebts genug und Zahlen auch" sagt Morgenstern), sondern ich zupfe dich nur ganz brav südwestdeutschschulmeisterlich am kritischen Ohr.

            Und da ich einmal beim Schulmeistern bin: wenn ich Leutnant und du Unteroffizier wärest, so würde ich dir dienstlich befehlen, das Wort "protestantisch" für Kriegsdauer oder meinetwegen auch länger nicht in den Mund zu nehmen. Immer wenn du "protestantisch" sagst, wirst du aus einem Heidenmissionar, der predigt bis er gefressen wird, zum Grossinquisitor. Was tut es denn, wenn Rikarda Huch etwas "vergisst". Wundre dich doch, dass sie soviel wie kein andrer Mensch, der seit Nietzsche hat drucken lassen, weiss. Gib doch nichts auf die Automaten à la Planck, die zufällig dein Glaubensbekenntnis herunterschnarren, - hörst du aber statt auf die Worte auf den Ton der die Musik macht, so ist es die alte vertraute Hegelweis - sondern halte dich an die Menschen, die deinen Ton resonieren. Rikarda ist einer, ich bin auch einer, obwohl du mich mit Gewalt (und meinetwegen mit zehnfachem äusseren, nämlich einzelfalligem Recht) zu Hans Ehrenberg hinüberstössest. Mein eignes Bewusstsein (und selbst wenn es sich vor deinen Augen nur ein Mal unter zehn Malen als wirklich zeigt) muss dir da glaubwürdig sein. Ich selber spüre es grade jetzt, wo ich mit Hans wieder viel zusammen-zukommen suche - denn ich will nichts Vergangenes liegen lassen, wenigstens nicht durch Schuld eigener Lässigkeit -; zwischen Hans und mir giebt es heute kein "und" mehr; nur das Komma ist zwischen uns möglich. Mit dir aber stehe ich auf "und", und zwar in meinem Sinn der "Vollständigkeit" und in deinem!

                                    Dein F.

x und braucht es nicht zu geben, weil es schon ohne "Not" u. "Wetterschlag" der Fall ist.

Mai 1917

[22.-24.V.17]

L.E., ich brauch die "Chiffre" grade zum Du, weil der Brief damit anfängt, wie ich es auch zum Schluss wieder brauche. Gehörst du auch zu den Leuten, denen das Stimmen zu Anfang und das (forte:) Schrumm Schrumm (das manchmal einen ganzen Satz lang ist) zum Schluss des Streichquartetts x1) auf die Nerven geht und die lieber unmittelbar aus dem Münster wieder auf den Markt treten möchten, statt durch ein grosses zehn Schritte tiefes Portal, das nicht mehr Kirche ist und noch nicht Markt sondern von beidem etwas?

            Also "Kepler" habe ich deinem Prodromus gegenüber so "feierlich" schmeichelhaft genannt wie du es aufnimmst. Hinter deinen arithmetischen Geschichts-gleichungen muss etwas Wahres stecken, obwohl sie grundsätzlich unmöglich sind, unmöglich weil es Zahlen (=Grössen, =Strecken) =gleichheit nur im Raum geben kann, weil nur der Raum "stille hält" und sich also messen lässt, während die Zeit "davonläuft". Ich glaube, hinter deinen Zeitgleichungen stehen Lebenszeit = Gleichungen (Gene-rationsgleichungen) und ihre Gesetze musst du suchen. Wie erfahren wir denn Geschichte? Doch eben - im Haus. Nicht von den Eltern (weil nicht an den Eltern), denn die sind uns malgré tout gleichzeitig, sie prügeln uns ja! - und auch nicht an den Kindern - denn die haben wir zu verprügeln und sie dadurch ebenfalls als Zeitgenossen zu behandeln (der Widerstand der "Söhne" gegen die "Väter" und ihr "den züchtigt er" ist zwar geschichtlich, aber nicht innerhäuslich begründet, sondern ein Hineinwirken des Draussen ins Haus). Sondern wir erfahren Geschichte an den Grosseltern und Enkeln. Die sind unsrer Prügelweite und wir ihrer entzogen, sie sind uns Denkmäler und doch dicht bei uns, sie sind keine Zeitgenossen und wir sehen sie doch (und das ist "Geschichte"). Daraus ergeben sich Zeitabschlüsse von 3 oder 5 Generationen. Drei für die eigentliche Erfahrung, das Geschichteleiden, und fünf für das Geschichtewissen (denn das Entfernteste was ich wirklich noch praeteritoperfektal "wissen" kann, ist das, was mir der Grossvater von seinem Grossvater erzählt) und für das geschichtl. Selbstbewusstsein (denn das bewegt sich zwischen meinem Grossvater und meinem Enkel). Und nun sind diese Zeiten nicht in Jahren nachzumessen, sondern in wirklichen Menschen aufzuzeigen. Also z.B.: nicht 1453-1492 = 39 Jahre, sondern das persönliche ("private") Geschichtser-lebnis Machiavells oder 1453-1563 = Michelangelo. Ich nenne die beiden, weil grade an ihnen Gobineau die Abgeschlossenheit der "Renaissance" aufzeigt, an ihren eignen Erinnerungen und Hoffnungen. Natürlich muss es auch Gesetze der in einer oder der in zwei Generationen geschlossenen Zeit geben und auch ein Gesetz der 6 und mehrten Generationenzeit, jene für ungeschlossene, dieses für die nicht mehr "erlebnismässig" schliessbare Epoche. Die Hauptsache ist eben immer das wirkliche Aufzeigen in den schicksalbeschwerten Leuten, den Machiavells und Michelangelos Gobineaus. Dann wird es auch Gleichungen geben, aber nicht Gleichungen von Sonnenjahrsummen, sondern Gleichungen, worin "links" eine Erfahrungsepoche (drei Generationen) und "rechts" ebenfalls eine Erfahrungsepoche steht oder vielleicht Ungleichungen wo rechts eine  Bewusstseinsepoche mit 5 Generationen steht und eben die Ungleichung durch ihr Auftreten darauf hinweist, dass hier im Verhältnis der beiden Epochen zu eineinander etwas "nicht stimmt". U.s.w. u.s.w. So ist "methodisch" nichts mehr dagegen zu sagen und alles Bestechende an deinen Entdeckungen kann und muss dadurch erst mehr als bestechend werden.

            Ich halte die Parteien nicht für wirklicher als die Mächte - um Himmelswillen! Sondern ich meinte, deine Begriffe sind ungezwungener auf sie anzuwenden, weil sie schon als Bewohner in einem sozusagen wirklichen Haus, dem "Einzelstaat", leben, während ich diesen Charakter der selbst = auch = nur = sozusagen = Wirklichkeit dem Haus Europa abspreche. Und das giebst du mir diesmal eigentlich zu und nennst selber die Mächte weltlich, nachchristlich. Etwas andres will ich auch nicht sagen. Eben deswegen können sie auch nur für ismen, für "Ideen" sterben. Dass sie damit gleichwohl Gottes Wort erfüllen (seinen "Weltplan verwirklichen" wie du schreibst), das glaubt Adam Bund wahrhaftig auch, er traut sich aber nur zu, ihnen ihre Ideen abzuhören und weiss - 1914 bis 1917 - nicht, wie von diesen "Gestalten" der Weg zu der noch ungesehenen Gestalt führt ("ihr habt keine Gestalt gesehen - die Stimme allein habt ihr gehört"). Nur das Vorbild dieser Gestalt kenne ich, aber nicht sie selbst.

            Deshalb wie dir die drei Mächte von "Ökumene" zu ungefüge sind, so sind mir die sechs von "Europa" zu gefüge, zu - weisst du, wer von dem Schreibmaschinen-manuskript nicht bloss entzückt x2) sondern wissenschaftlich befriedigt wäre (und wenn du es mir erlaubtest, würde ich es ihm schicken, aber du wirst es nicht erlauben, weil du dich viel zu sehr über diese Voraussage ärgern wirst?) Hans Ehrenberg! Ich will dir aber lieber von meinem eigenen Eindruck schreiben. - Was ich übrigens jetzt eigentlich erst kann; denn erst in der verflossenen Nacht, also erst nachdem ich den ersten Bogen schon vollgeschrieben hatte, habe ich dich wirklich verstanden. Das muss doch an deiner Darstellung liegen, vielleicht daran, dass du - mir gegenüber - die Symbole (Mann, Weib, Sohn, Kind etc.) vorangeschickt hattest und dann gleich die Gliederung der Mächte. Ich sehe jetzt, dass du unbedingt anfangen musst mit der inneren Gliederung der Macht (also Gebiet, Civilisation, Kirche, Recht u. Wirtschaft, Heer, Nationalität), die du entweder an den einzelnen Mächten aufzeigen oder an einer Utopie oder politeia beschreiben musst. Dann das Entstehen der einzelnen Glieder durch die zugehörigen Revolutionen und daraus zu entwickeln ihr Sichkonstruieren zu Grossmächten. Tableau: Europa.

            Um nun nochmal anzuknüpfen an das gestern Gesagte und statt der hypothetischen ein wirkliches Beispiel zu geben. 1756-63 = 1864-71, 1848-71 = 1740-63, 1806-1871 = 1701-63, 1786-1871 = 1675-1763. Aber nicht weil 7=7, 23=23, 65 x3) 62, 85~88 ist. Sondern: 1756-63 = 1864-71 weil Werkzeit "=" ("=" im Gegensatz zum mathemat. Gleicheitssymbol das Äquivalenzsymbol, das du für deine Mathematik brauchst) "="Werkzeit, die Zeit in der ein Mensch ein geschlossenes Werk aufnimmt und in ständiger Weissglut vollbringt; länger "würde ers nicht aushalten", aber solange hält ers aus. Schiller schreibt mit einem Lungenflügel 1798-1805 seine Dramen x4). Douglas hat es getragen sieben Jahr. Flaubert schreibt einen Roman. Goethe entdeckt die Natur (von der Urpflanze bis zur Farbenlehre). Kant die Kr. d. r. V. (von der "Dissertation" bis zum Buch von 1781). Wagner konzipiert sein ganzes Lebenswerk 1848-56. Und so also hier Friedrich, dort Bismarck. Weiter: 1740-63 = 1848-1871, denn Mannesleben "=" Mannesleben. Von Überwindung des Jünglings (Friedrichs "einziger Gott nun die Pflicht", Bismarcks Johanna) und erstem siegessicherm Zugreifen zur ersten Mannestat (Friedrichs "wunsch meinen Namen in den Zeitungen zu lesen und ein Etwas, das ich nicht nennen kann", Bismarck Percy Hotspur die Legitimität) bis zum subjektiven Resignieren auf der Höhe des objektiven Erfolgs (Friedrichs Privat = Tedeum in Potsdam 1763 und Bismarcks Geschnittenwerden am 18.I.71.) was das Ende des Mannesalters bedeutet. Nun kommt 1806-1871 = 1701-1763 oder Geschichtserlebnis "=" Geschichtserlebnis, nämlich die grose Rebellion des Militärstaats (1848-71, 1740-63) gegen den Papst, der Dauns[?] Degen segnet und nach Königgrätz hört, die Welt gehe unter, gegen den Geist (Abschied in Rheinsberg, Kampf gegen August von Weimar), gegen das Volkstum, das "keinen Schuss Pulver (!) wert ist, mein lieber Professor" und dem in Frankfurt und Nikolsburg der Stuhl vor die Tür gesetzt wird, gegen die freie Persönlichkeit, die als zur maudite race gehörig verbraucht und in der Konfliktszeit so vor den Kopf gestossen wird, dass sie noch heute nicht aus ihrer Ohnmacht von damals erwacht ist, gegen das Reichsgebiet im Titel des Königs von Preussen und in der Zertrümmerung des Bundestags, - also diese grosse Rebellion (wo allerdings die zweite schon unter dem Zeichen oJ trwsaı kai ijasetai steht, wenn auch Bismarcks Versöhnungen der fünf beleidigten Geister {Leo XIII, Universität Strassburg, deutsches Kaisertum, Reichstag, Andrassy} noch alle im Geiste und Interesse des Militarismus geschehen und deswegen erst durch diesen europäischen Krieg gegen den Militarismus aus der blossen Tat in die Wahrheit hineingenötigt werden), - also diese grosse Rebellion ab 1848 und 1740 hat ihre für beide Fälle charakteristisch verschiedene Voraussetzung in den Ereignissen von 1701 und 1806 - Königsberg und Jena und das handelnde Geschlecht erleidet die Geschichtlichkeit seines Handelns in dem Zusammenschluss der drei Generationen Friedr.I., Fr.W. II., Friedrich selbst und Stein, Radowitz, Treitschke selbst. Jedesmal ist die " väterliche Generation" die, die die Handelnden züchtigt, die grossväterliche aber ist die vorbildliche und grundlegende, und ist noch an die Wiege des Enkels getreten und hat ihm den Schwarzen Adlerorden umgehängt. Gegen die väterliche muss sich die handelnde Gegenwart rechtfertigen, sie erscheint ihr im Traum und man schreibt ihre bitterbös kritische Geschichte, die grossväterliche aber freut sich am Enkel, der aus dem bloss anspruchsetzenden "in" das platznehmende j'y suis et j'y reste = "von" machen wird. Im Grossvater findet der Enkel seinen historischen Grund. - Jenseits des Grundes aber noch, der gefunden und gehalten wird, steht der entferntere Grund der nur noch gewusst wird, der Heros eponymos des geschichtlichen Bewusstseins: Dies ist für 1848-71 1786, die vollendete Gestalt Friedrichs, die als Gestalt, als Gespenst (enter the g[h]ost) durch alle Akte des Dramas geht, wenn die Paulskirchler einen Friedrich in Berlin zu finden hoffen und wenn der König ausruft ich bin kein Friedrich, wenn Bismarck mit Gerlach debattiert und schliesslich Moltke nach Mähren rückt. (Man verwirklicht das Ideal Steins, des Grossvaters, aber man leitet den Anspruch zu solcher Tat her aus dem Wissen um den Urgrossvater Friedrich). Entsprechend für 1740-63 Fehrbellin, hier nicht die Gestalt, sondern die, nicht in ihren wirklichen Folgen, aber für das Bewusstsein grundlegende Tat, die den jungen Friedrich noch aus der Erzählung eines Mitkämpfers lebendig vor die Augen getreten ist. Also 1675-1763 = 1786-1871, Geschichtsbewusstsein "=" Geschichtsbewusstsein. Schliesslich 1763-1806 "=" 1871-1914, nämlich Söhne gegen Väter "=" Söhne gegen Väter; eine typische Zweigenerationsgleichung; die Väter haben die grossen Taten des alten Kurses (bis 1786=1890) getan und die Söhne wollten einen neuen und kamen doch von den realpolitischen Lorbeeren des alten nicht los, bis sie der Wind des Ereignisses anblies. - Nun muss es auch ein Rechnen mit diesen Zeitäquivalenzen geben. Z.B.: Nur auf Wirkzeiten folgen Reaktionszeiten, nicht auf Lebenszeiten; auf die folgen Fortsetzungszeiten. So auf das innerpolitische 1713-40 1740-86-97-06, auf 1862-90 1890-1914. Dagegen auf weissglühende "Jahrsiebte" 1806-13, 1840-49, 1864-71 folgen Restaurationen, Reaktionen, Saturiertheiten von der Dauer einer halben Lebenszeit, eben zweiter Lebenshälften: 1815-40, 1849-61, 1871-90. Also auf Septennate folgen Quindecennate, auf Trigennate hingegen ein oder mehrere Trigennate.

            Nun kam gestern Abend dein pressgetzlicher Berichtigungsbrief. Ich war auch von mir aus schon so weit jetzt einmal unsern Unterschied festzustellen. Zunächst vorweg, ich hatte ganz recht, Ökumene von Anfang an gering einzuschätzen und gegen Hans an deinem und Rudis Urteil festzuhalten; das einzige wirklich Gute daran ist das Thema (die Grenzen der Staaten in jedem historischen Augenblick als Funktion der Grenze "Europas" aufzuzeigen), aber die Durchführung (zu deutsch: die Methode) ist rankisch und also, da das Thema eben nicht von Ranke sondern von mir ist, schlecht. Hingegen ist dein Europa auf einen höchst fruchtbaren Gedanken gestellt: das Europäische in der Seele der Mächte zugleich als das Gesetz der Gliederung Europas darzustellen. Das ist ein Thema, das ohne weiteres seine eigene Durchführung hervortreibt und sich natürlich verzweigt, nicht "behandelt" wird. Also da kann ich einfach nur lernen (und da ich nicht mulier miles gener [?] bin, von denen du dich verstanden glaubst und nie verstanden werden kannst, so kann ichs auch). Woran ich mich stosse, ist das "zu gefüge", die Abgeschlossenheit, alles was du jetzt schon zum Teil selbst abstreifst. Und dieser Gegensatz brennt lichterloh an dem Punkt Russland. Es hat dir nie viel bedeutet, im Gegensatz zu "uns" (muss ich hier sagen), nämlich Rudi Hans mir. Deshalb hängst du dich an den Apparat was man eben hier nicht (noch nicht) darf, denn der Apparat wird erst ein eigener, wenn die "Revolution" geschehen ist. Den Liberalism unter den Tudors, den Militarismus bei Johann Sigismund u.s.w. kann man nicht suchen wollen; so aber auch nicht Russland unter den Petrinischen und Nikolaitischen Institutionen. Russlands "Revolution" beginnt erst 1878, mit dem Slawenkrieg und den Karamasoff, und ist noch nicht zu Ende. Ihr Absolutismus ist der des Menschen schlechtweg, nicht des freien tätigen Manns und nicht des am Busen der Natur liegenden (Schwinds Bildchen in der Schack) Jünglings. Sein Gleichnis im Haus sind die "Flegeljahre", der einzige wirkliche Egoismus, den es im Haus giebt und geben soll. Im Apostolicum kommt er vor, nicht als Gott und doch für absolut anerkannt, nämlich in den Worten "propter nos homines"; es ist der Mensch, der es nicht anders weiss als dass Himmel und Erde propter ipsum da sind, und Gott und Teufel auch. Dieser Mensch, den du als besondere Gestalt nicht sehen willst, ist schon um "1000" da und heisst damals "Anima" (bei Hugo v. St. Victor z.B.) und dann immerfort bei den "Mystikern". Es ist das Missverständnis der Reformation, wenn man sie für die Revolution dieses Menschen hält und nicht wie du richtig für die Revolution des Jünglings. Nicht bei Luther, sondern erst bei Dostojewski empört er sich, und wogegen? Gegen alles (daher er selbst der Mensch des Nichts, der Nihilist), gegen Europa überhaupt. Der Halbwüchsling (übrigens ja der Titelheld eines Dostoj. Romans "der Werdende") gehört zum Haus, aber er hasst das ganze Haus Vater Mutter, Geschwister, sich selbst sofern er doch auch Jüngling ist; und er ist nur eine Übergangserscheinung. So ist Russland (das Russland, von dem du in deinem Hahn de moribus Ruthenorum lesen kannst, wie Geschworene eben einen Räuber verurteilen wollen, da dringt das Aveläuten von draussen herein, sie stehen auf, bekreuzigen sich, und - sprechen ihn frei) so ist Russland der Übergang von deinem Europa zu deinen 6 Erdteilen. Indem seine "Revolution" gegen Europa im Ganzen geht, ist sie die "Bestätigung" der Einheit Europas, seines für = die = Erdteile = "Kirche" = gewordenseins (so wie die Revolution der Nation 1517 ff. die "Bestätigung" des Ergebnisses der Revol. der Kirche von 1200 ff. ist oder jedenfalls zeitlich mit dieser Bestätigung zusammenfällt.) ( Wie die russ. Revolution zeitlich mit der in den Weltkrieg auslaufenden Imperialisierung des Imperialisierbaren in Europa - und das ist ja der Prozess des Zur = Kirche = für = die = Erdteile = werdens Europas, den du meinst, zusammenfällt). Das sind lauter Fäden zwischen deinen Gedanken und meinen, und wir stehen uns doch auch hier näher als ich erst meinte. - Aber Russland ist der Grund, weshalb das Erbe Europas nicht an Amerika fallen wird, sondern die Geschichte zunächst nach Asien hinübergreift und Amerika nur im Rahmen dieses Eintritts Asiens in die Ökumene seine Rolle spielen wird. Russland ist - natürlich nicht der "Deus ex machina", aber Herr Dietrich von Bern, der die Toten alle bestattet und beklagt. - Nun noch etwas. Frankreich; hier habe ich deine Lösung nicht recht verstanden, weil sie zusehr im Gleichnis blieb. Die Frage stelle ich genau so. Realpolitisch ist ja sein Ausfallen leicht zu verstehen: ein Grossstaat hat 43 Jahre lang statt Grossstaats= (d.h. allseitiger Möglichkeits=) politik Kleinstaats= (d.h. einseitig festgelegte) politik getrieben, in schuldhafter Verblendung. Weshalb aber musste Frankreich nun englisch werden? Ich habe es mir so erklärt (ich weiss nicht mehr, ob ich das in Ökumene gesagt habe): weil England innerlich französisch geworden ist, im Grunde schon durch seine Entshakespearung seit 1649, aber immerhin, im 18. scl., hat es doch noch einen Sterne geben könen, im 19. ist Byron schon nur noch in partibus Engländer gewesen, die Selbstverwaltung weicht Schritt für Schritt dem Boardsystem, Dickens hat der Konvention gegenüber schon keine Ironie mehr (wie Sterne sie hatte) sondern hält sie heilig und sieht nur noch den Humor der Menschen, nicht mehr den der Zustände. Und da England ohne G..[?] ist, so wird das "Geometrische" hier schlechtweg langweilig, (was es in Frankreich nur in Übersetzungen wird, nicht im Original). Kurzum Englands Weltreich ist so ziemlich das Weltreich, das Frankreich auch gründen würde, wenn es 1.) noch eine suveräne Grossmacht und nicht eine revanchegebundene Kleinmacht wäre und 2.) noch Männer hätte (die es 1793 alle geköpft hat, sodass im 19.sc. eigentlich nur noch Künstler Franzosen waren und statt der grossen eigenproduzierten aristokraischen Halunken die leitenden Männer ((auch etwas ganz Besonderes)) Ausländer waren, Napoleon der Italiener und Napoleon der roman. Deutsche (Typus Karl V.).) - Der 100jährige Begriff der Westmächte, in Wien 1814 entstanden, ist in Londen, Sept.1914, fertig geworden. Es giebt kein Frankreich mehr. Dennoch giebt es noch ein französisches Volk, denn "christliche Völker können nicht sterben" (wie du und Treitschke sagen, und wie ich es erkläre: weil sie nicht mehr sterben können wollen, was das antike Volk konnte; das christliche Volk glaubt an seine unendliche Bestimmung); dies französische Volk - Paris - ist nun eine rein geistige Macht, kein Staat mehr, nur noch eine Künstlerschaft. Was aber in Zukunft werden wird? Für die Gegenwart ist der Gegensatz zur Kirche so deutlich wie möglich. Rom und Paris sind beide staatlos geworden, beide herrschen durch einen Orden: Jesuiten und Bohème. - Genug, du siehst, das kocht bei mir noch durcheinander, während ich über Russland im Grunde klar bin; ich bringe es auch mit dir nicht richtig zusammen, während mir das für Russland gelingt - x5). Warum muss ich Niekamp lesen? Warum empfiehlst du mir Reimer[?], dessen sämtliche irgendwie, und selbst nur antiquarisch, erreichbare Schriften ich seit April vorigen Jahres gelesen habe! (willst du das, vergriffene, Buch "Grundlagen und Entwicklungsziele der österr. Monarchie" lesen, so schreib nach Kassel). Ich gehe zwischen 5. u. 10.VI. auf Urlaub, schreib mir also nicht mehr hierher. Was sagst du zu Hanslik? Selbst ein dummerer Österreicher ist noch interessanter als ein kluger Reichsdeutscher (ebenso wie Strzygowski). - Auf dein beinahe wirkliches Gedicht mag ich dir nicht mit bloss "gekonnten" Versen antworten; es verdient eine simple Prosaantwort. Unser Gegensatz ist nicht so glatt aufeinander passend. Denn in mir ist ein Stück Wille und du bist ganz Natur. Die Sinne schwellen mir seit meinem 14. Jahr, aber ich verstärke auch ständig die Mauer, sodass die Flut doch nicht hinüberkommt. Und du bist gewiss kein Schwert, aber in deinem versiedenen Wasser kochen doch, ehe es versiedet, deine Taten gar; du stellst sie nicht hin, aber du wirst sie hinterlassen. Und bis dahin Dein

22.-24.V.17.                - Schrumm Schrumm

x1 Sogar Wagner versagt sich im Tristanschluss, und wohl auch sonst, den billigen Effekt des "Verschwebenlassens" und macht: Schrumm.

x2 (das bin auch ich starre Mauer)

x3 gebräuchliches Symbol für "ungefähr gleich"

x4 besser: das Repertoire der deutschen Bühnen

x5 "Kleine Anfragen" und "persönliche Bemerkungen" sind eine "ganz persönliche Bermerkung"

Juni 1917

[Franz und Margrit gemeinsam an Eugen:]

[Ende Juni 1917]

[Franz:]

L.E.

            Nur ganz kurz. Wegen des "Missverständnisses". Ich will dir ja nicht den Held in die Grossmächte manschen, sondern ich habe ihn für die Generationenarithmetik nur herangezogen, weil er uns "beiden" bekannt ist. Grundsätzlich kann aber statt Bismarck auch dein oder mein Grossvater eintreten, irgend ein beliebiger Mensch. Eben wirklich nur die Generation. Ich will weiter nichts als dass du statt mit Sonnen= mit Lebensjahren "rechnest". Also wirklich nur eine methodische Korrektur. Dass per Zufall mal die Lebensjahre auf Sonnenjahrgleichungen führen und dadurch deine stupenden Keplerschen Prodromusentdeckungen zustande kommen - warum nicht? Aber wir müssen gewissenhaft genug sein, dem drohenden Kantischen "allererst möglich" nicht scheu aus dem Wege zu gehen.

            Italiens Teilnahme am Krimkrieg "=" der am Weltkrieg ist eine wirkliche Entdeckung.

            Ich entziehe mich allen Konsequenzen dieses Briefs und flüchte mich hinter deine Frau.

            P.S.: Wer ist Venizelos?

[Margrit:]

Liebster Mann -

            Diese Papierverschwendung in eiserner [?] Zeit geht doch eben nicht. Versteckt er sich hinter meinem Rücken, so schreibe ich hinten auf seinen Brief.

            Zur Zeit mus ich Friedensengel spielen. Der arme Franz hat es nicht leicht, die Eifersucht einer Mutter ist vielleicht noch schlimmer als die einer Frau. Morgen fährt er nach Berlin auf zwei Tage, infolgedessen ist Frau Adele schon so aufgelöst, als wäre heute wirklich das Ende des Urlaubs. Die arme Frau ist vollkommen fertig mit den Nerven. Und ich glaube auch, daß Franz recht hat, wenn er die Gegenwart eines dritten als besonderen [?] Glücksfall empfindet. Aber ich muß sagen, er hat es nicht leicht. - Gestern saßen wir stundenlang auf dem obersten Treppenabsatz vor meinem Zimmer. Er hat nach all der stummen Zeit ein großes Mitteilungsbedürfnis. Er erzählte mir, wie er ganz unter Dir gelebt hat ohne daß Du eine Ahnung hattest - ich sage ja: Kluge Männer...!        Dank für Deine guten Briefe.

            Ach Eugen, die Kiste war auch nachträglich noch herrlich. Und Frau Ehrenberg hat das Mißgeschick gehört.   In zehn Tagen etwa wirst Du bei mir sein? Da kann man nichts mehr sagen.

                        Lieber, lieber Eugen

                                    Dein Gritli

[Franz und Margrit gemeinsam an Eugen:]

[Ende Juni 1917]

[Franz:]

[Neben Briefkopf Kommerzienrat Georg Rosenzweig:] - na ja.

L.E., über den Aufsatz wird "Censorinchen" dir das Kollegiumsgutachten schreiben.

            Was sagst du zu Viktor? Was kann man dagegen tun? "Freikonservativ"! (Lies auch den Auch = Kalendermann "Macedonikus" - oh Duplizität der Ereignisse -, und vor allem den Schumannschen Artikel über Hanslik). Datum und Namen war ja sehr richtig, aber ich bin bei dir immer schon gewohnheitsmässig ganz unzufrieden, wenn ich bloss so restlos einverstanden bin.-

            Ich vermeide wieder Datum u. Namen unter diesen Brief auf dem schon nicht mehr ungewöhnlichen Wege:

[Margrit:]

            So und nun komme ich dran, lieber Eugen! Schon gestern kam der Aufsatz und Franz und ich lasen ihn zusammen. Morgen wenn Franz fort ist, "darf" ich ihn auch abschreiben im Büro von Herrn Rosenzweig. Aber zu allererst: Ich bin sehr einverstanden mit dem Morgen des 1.Juli. Da aber infolge Nachtreise der Sonntag wohl nicht voll zu zählen ist, könnten wir vielleicht am Morgen des 3. dann alle drei gen Osten fahren. Der Leutnant und der Unteroffizier gehen aber nicht in eine Classe, ich behaupte Du könnest ihn heraufziehen, Franz denkt sich Dich civilisiert zu diesem Zweck in der dritten Classe. Daß wir dann beim Familienfest stören ist ja möglich - Franz fleht zwar inständig, daß wir ihn gerade an diesem Tage nicht verlassen sollen. Ich glaube, Frau Rosenzweig hat überhaupt das Gefühl, daß sie durch meine Schuld zu kurz kommt. Es ist zwar ihre Einbildung, denn die beiden haben sich doch nichts zu sagen, pikanten Klatsch sagt Franz. Gestern abend haben wir wieder bis um eins geschwätzt, Vater Rosenzweig kam schließlich barfuß wieder aus dem Bett gestiegen und fand uns beim Gläschen Sherry!! Aber Dich interessiert jetzt vor allem Dein Aufsatz.

Da muß ich Dir zuerst die betrübende Nachricht mitteilen, daß gerade das Ende, in das Du am meisten verliebt warst, gestrichen werden muß, damit der Aufsatz ganz und druckfähig ist. Die Theatergeschichte ist zwar köstlich, aber sie hat hier nichts zu suchen. Traurig, traurig. Er schlösse also nach Franzens Gutachten mit den Sätzen: "Die Reiche, Staaten und Völker Europas lassen sich nicht mehr durch den Glauben spalten. ...Glauben aber heißt ein Schicksal haben. Europa erwirbt sich durch diesen Krieg Ein Schicksal und Einen Glauben." Das ist doch ein sehr schöner Schluß? So kann es aber auch nicht mehr mit dem "endgültigen" Titel überschrieben werden: Weltanschauung und Freiheit. Franz behauptet, das sei der Titel zu einem andern Aufsatz. Er schlägt vor: die alten und die jungen Völker. Zur Erörterung des Weltkriegs. - Ich meine , es müßte noch ein besserer Titel gefunden werden. - Das Beispiel im Anfang das zur Verdeutlichung da sein soll, verdeutlicht erstens gar nichts und zweitens ist es abscheulich so etwas nur [?] zu sagen. Franz hat einen dicken Strich durchgemacht Dein armes Fraueli [?]! - Du siehst, daß nur nebensächliches auszusetzen bleibt, daß wir also im Grunde sehr befriedigt sind. --

            Meinetwegen könnten die Druckereien ruhig ihre Betriebe einstellen. Ich sitze begraben unter Manuskripten: Von meinem Herrn und Gemahl, von Franz, eine Predigt von Rudi, sogar etwas von Hans Ehrenberg, was ich zur gerechteren Beurteilung auch lesen soll. Gestern abend platzte mir wirklich beinah der Kopf. Aber nicht schlimm. Ich bin doch sehr vergnügt. Ein bischen närrisch bin ich ja vom vielen Lachen, aber das schadet ja nichts.

            Jetzt will ich mit Franz einen Besuch machen. Ich mag gar nicht mehr ordentlich schreiben. Bald bist Du da.

                        Dein, Dein, Dein ---

                                                Gritli

[Franz:]

            Also das Aufsätzchen ist durchaus veröffentlichbar, grade weil du dir von deinem Eigentlichen wenig darin vorwegnimmst und nur eine ganz zahme Spezialfrage - ja eben "erörterst". Natürlich nur veröffentlichbar; ein Muss liegt nicht vor.

            Der Schluss ("das europäische Theater") wäre, wenn du willst unter diesem Titel ganz lustig als kleines Entrefilet in eine konservative Zeitung einzurücken, aber dem Hauptteil des Aufsatzes steht es direkt im Licht, sodass "wir" es weggelassen haben.

[Margrit:]

            Da das Ende doch von mir sein muss

            Grüße ich auf dieser Seite

            als Dein Censorinchen

Juli 1917

[9.7.17]

Lieber Eugen, - das Plus zur Chiffre darfst du aber nicht dir anrechnen, es gehört deiner Frau - also es ist gut, dass nach Mazedonien eine so lange Reise ist, so konnte ich endlich in Ruhe deine letzten Briefe soweit ich sie bei mir hatte lesen, leider muss ich grad die beiden allerletzten noch in Kassel vergessen haben. Unser bischen Mündlichkeit - es kommt mir hinterher sehr wenig vor - spielte ja wieder in einer ganz andern Ecke; es ging zurück auf unsre Fragestellung von vorigem Jahr, die eigentlich sehr wissenschaftlich, nämlich sehr vorhofig war, ehe du mit der Sprachlehre und mit Europas Darstellung den Vorhang vor deinem Adyton aufzogst. Es war die Frage, was denn Heidentum sei, - dieselbe die ich dir auch schon bei unserm kurzen Zusammensein im Frühjahr 14 vorlegte und die du damals so beängstigend leichtsinnig beantwortetest. Der "Glaube" ist eben ein solcher Pantophage, dass man sich schliesslich erschrocken umkuckt, ob er von dem "Wissen" auch nur ein Schwänzchen draussen gelassen hat (da man vom "Wissen" ja übrigens die gleiche Pantophagie behauptet, so käme schliesslich doch wieder das vertraute Bild der beiden Oberländerschen Löwen heraus). Wir hatten nun also das Schwänzchen als Pinsel benutzt und damit ein schönes Fresko an die Wand gemalt. Kennst du aber das wunderbare chinesische Märchenmotiv eines immer möglichen Personenaustauschs zwischen Bildwelt und Beschauerwelt. Einmal kommt eine der gemalten Unsterblichen von der Wand herunter und lebt das sterbliche Leben, und ein andermal sehen die andern Beschauer einen aus ihrer Mitte plötzlich "in das Bild hineingehn" auf dem Weg in der Mitte des Bildes, der sich nach hinten zieht, kleiner und kleiner werden, schliesslich an einen Berg klopfen, es tut sich eine kleine Tür im Berg auf und er verschwindet darin. Einen solche Übergang von der Bildwand herunter zu uns Fleisch = und Blutmenschen behauptete ich für Kant, Schopenh., Nietzsche, ...., und du bestrittest ihn, indem du das Vorhandensein des Bildes an der Bildwand des Tempels Eu = Ro = Pa bestrittest und es zu einem Produkt meiner (und ander Leute) gelehrt überreizter Phantasie machen wolltest. Kant und Konsorten seien immer schon unter uns spazierengegangen. Das eben leugne ich. Weder wären uns dann die alten Philosophen (auch Kant selbst, ehe wir sein Rousseauerlebnis kennen) so "unheimlich". Während uns Schopenhauer und Nietzsche bei aller ihrer Ungemütlichkeit doch nie unheimlich werden.

            Nun also nochmal zur Zeitgleichung. Der Gegensatz ist nicht mehr hie Astronomie - hie Biographie, sondern grade nach deinen letzten Briefen ist['s] nun doch der Gegensatz zweier Erlebnisse geworden; meines: das autobiographische (übrigens ist es nicht so selten wie du meinst; bez. 1864 - 1871 z.B. haben es sicher alle Mitglieder des Zollparlaments von 1867 gehabt), deins: das des Kriegsteilnehmers ("meins" ist eigentlich das des Heimkriegers), und das ist freilich viel arithmetischer, sonnenjährli-cher, es vollzieht keine Zeitsynthese, sondern es kerbt einfach die Jahre in den Robinson-schen Kalenderbaum, es ist kein geschichtliches Bewusstsein sondern ein reines Zeitbewusstsein, eigentlich repräsentiert durch den Sklaven in Hebbels Herodes u. Marianne, der immerfort herumläuft und sich den Puls abzählt und auf Anfrage nur höchst eilig zwischendurch hervorstösst: ich bin die Uhr. - Aber das willst du am Ende grad?! Dann wäre es freilich gradezu der Leib der Seele, an dem Gott dies historische Weltgericht abhielte, und ich würde, wenn überhaupt, dann lieber vermuten, dass der Geist der Seele das grosse >Wer tut muss leiden< erfahren würde. Dieser Gegensatz zwischen mir und dir : mein "Bourgeois" und dein "Marxisten" ist übrigens schon alt; ich glaube ich habe schon in Leipzig einmal verzweifelt ausgerufen, deine Weltanschauung sei die eines Bruders von 6 Schwestern; und du gabst es sogar zu, dass du deine 6 Schwestern durchaus in den Himmel haben wolltest (während ich sie damals zwar als Frauen durchaus für eintrittsberechtigt hielt, aber als Schwestern nicht). Heut macht mich das Alter dieses Gegensatzes eigentlich misstrauisch auf ihn. Denn ich möchte doch gern auch "Marxist" sein, obwohl ich von Natur aus ganz von Herman Grimm komme und mir vor 15 oder mehr Jahren mal jemand sagte: <ich glaube du möchtest nicht leben, wenn es keine grossen Männer gäbe> - worüber ich damals erstaunte, es aber bestätigen musste. Aber allerdings ich meine auch so schon über diese schroffe und ausschliessliche (oder wie heisst das schwierige Wort?) herauszusein, zum Teil durch Hegel (da hast du "Marx"); ich lasse aber Bismarck nur theoretisch stellvertretend für alle stehen, (weil nur der Eine uns genau genug bekannt ist), praktisch aber ist er zwar auch immer noch bloss eine Stellvertretung, aber nicht des Einen, sondern der Vielen (des "Zollparlaments"). Du sagst freilich: wirklich Alle ("jeden Franzosen" erzieht Paris u.s.w.), aber das ist ja einfach nicht wahr; immer nur "den", nicht die Franzosen erzieht Paris, immer nur Viele und nicht Alle (gewiss die Vielen, die die Wesentlichen sind, die den Kohl der betreffenden "Sache" - "Idee" würde ich sagen, wenn ich wüsste ob du dir die Nägel geschnitten hast - fett machen), und immer nur als wichtiger, aber nicht als einziger Erzieher (was du ja selbst zugiebst, indem du jeden Menschen von allen Mächten erzogen werden lässt). Wären es wirklich Alle, dann wäre ja die Geschichte zu Ende, ganz wörtlich genommen (wenn Preussen wirklich ganz u. gar "militärisch" wäre, dann wäre eben nichts weiter mehr zu bemerken, aber es wäre auch nicht mehr geschichtsfähig - und es ist vielleicht der Grund für den von uns beiden, (von mir freilich erst seit dem 1.VIII.14) geglaubten Tod Frankreichs, das von ihm mit mehr Recht gesagt werden kann: jeden Franzosen erzieht Paris als vorläufig vom Engländer, dass jeden die Kolonie, vom Deutschen, dass jeden das Heer erziehe (ein unpariserischer Franzose ist ein Eigenbrödler, bestenfalls ein Genie; ein unkolonialer Engländer, noch mehr ein antimilitaristischer Deutscher ist durchaus die andre Seite; sowie auch der freigeistige "äusserliche" Katholik grade der Beweis für die Lebenskraftt Roms ist). Also [durchgestrichen] aber das Also ist unnötig. Unnötig ist auch das Folgende: Nämlich wie sonderbar mir es mit der guten alten (gähne nicht! aber es ist dir auch im voraus verziehen, wenn du gähnst) also mit der guten alten "Ökumene" gegangen ist; ich habe sie doch zuhause wieder gelesen (ist übrigens auch sonderbar, dass ich Kassel jetzt anstandslos als "zuhause" bezeichne, während ich früher meine "armen Eltern" immer dadurch entsetzte, dass ich mein jeweiliges Freiburg Berlin u.s.w. zuhause nannte; ich bin eben ganz und gar nicht "Mazedonicus" geworden), also ich las Ökumene und fand, sie ist eigentlich doch nur sehr schlecht (nämlich dünn, vorsichtig, mit Cautelen und mit Gesichtsmaske) geschrieben; drin stehn tut aber eine ganze Menge und es ist doch einfach nicht richtig, dass ich den Imperialismen nur ihre Ursprungsmarke "russisch", "englisch" etc. anhänge, sondern sie werden wirklich geschildert (nämlich ein jeder 1.) durch die Konstellation des Augenblicks seiner Geburt und 2.) durch seinen "klassischen Moment") nur geht diese Schilderung dann gleich wieder in die Scheinform des Erzählens ein und löst sich darin auf, sodass ich mich nicht beklagen darf, dass der Leser wie ichs wirklich gesehn habe das eigentlich von mir Gefragte und Geantwortete überhaupt nicht merkt, sondern sich einfach etwas hat vorerzählen lassen. Das Gerüst der Schilderung entspricht sogar genau dir (die "Entstehung" ist deine "Revolution", der "klassische Augenblick" teils deine "Bestätigung" , teils deine "Sühne") nur dass ich wie schon so ein teils teils zeigt eben mir selbst durch das "Erzählen", den verdammten gemütlichen Plauderton dieser unzulässigsten und wenn man einigermassen bei Kräften ist überdies auch langweiligsten aller Wissenschaften, also mir selbst durch das "Erzählen" genau so das Licht verstellt habe wie meinem Leser und infolgedessen die Fragen alle vergnügt in angeschnittenem Zustand gelassen habe, ganz beruhigt, denn da die Dinge ja in dem Bächlein der "Geschichte" sozusagen von selbst in die Gegenwart hineinschwimmen und die Gegenwart ohne weiteres sich als handgreiflich legitimiert, so war ich nicht in Sorge, ob sie nicht bei der langen Reise unterwegs alles verloren hatten und nur noch als kahle "made in Germany England Russia" = Schildchen in die Gegenwart hineingeschwommen kämen. Wie doch offenbar der Fall ist - Beweis, dein Eindruck.

            Heut ist Sonntag und es kommt mir komisch vor, dass es erst eine Woche her ist, dass wir zusammen waren; die grosse räumliche Entfernung fühlt sich an wie eine zeitliche. Aber es war doch schön, der eine Tag, - obwohl der eigentlich wichtige und neuartige Teil unsres Zusammenseins glaube ich in den zwei Wochen vor diesem Tag gelegen hat, ehe du in Person auftratest. Ich glaube sogar du musst es ähnlich empfinden. Deine Frau ist ganz curtiushaft (- oh weh! ich meine natürlich die römischen Ritter, und nun wirds fast ein Kalauer!) entschlossen in den Abgrund von Vergangenheits = und Atmosphärelosigkeit gesprungen, der in unserer (eben ganz und gar nicht "Jugend" =)Freundschaft klaffte, und hat ihn zum Schliessen gebracht, und jetzt ist es erst richtig. Oder wenigstens beinahe richtig. Deine infame Verabschiedung behält ja recht. Also es grüsst dich der - (aber er kann ja nichts dafür!) - "unverheiratete Doktor".

29.VII.17

L.E., oh weh - die neue Mehrheit! ja gewiss: schwarz und rot sind da, aber das Gold der Kaiserkrone ist verschwunden und statt des wahren Reichs = Kanzlers kommt der Staats = Kommissar, - ein graubraunes Männchen (wenn du denn Farben haben willst) mit einer dunkelblauen Schutzmannsuniform. Ja freilich hat er keinen "Humor", das "auch" schenke ich dir gern, denn Bethmann hatte - zwar nicht Humor, aber das was das Wesentliche des Humors (the humour of it) ist, nämlich den húmor, das gewisse Etwas, worin die sachlichen Sachen schwimmen, das bischen Menschhaftigkeit - vgl. das Gespräch mit Gorschen [?], den Passus über Belgien am 4.VIII., das Brögerzitat - kurz vgl. all das, was die Deutschen seine Entgleisungen und seine Dummheiten nennen (womit die Deutschen zeigen, dass sie recht europäisch sind, ich meine europaläufig, weltläufig). Nein, was bleibt, ist das Schwarz = rot eines rechten Schwabenstreichs; und dass sie (Erzberger u. Gefolge) nicht wussten was sie taten, ist in diesem Fall keine Entschuldigung (weil es in der Politik als welche die Kunst des Augenblicks ist, überhaupt keine Entschuldigungen giebt; was du hier von der Minute [?] ausgeschlagen, u.s.w.).

            Ich bin also vollkommen down und nehme keinen Anteil mehr an den Dingen. Die Deutschen haben ihrem guten Gewissen vo[r?] Kriegsausbruch einen Fusstritt gegeben, - denn das war Bethmann - und alles folgende ist nun nur "Liquidation", die mehr oder weniger günstig ausfallen mag - was geht das mich an; an dem Geschäft dieses Krieges bin ich nur mit einer Einlage beteiligt, deren Verlust ich zur Not auch verschmerzen könnte; das Gewissen aber war auch meins.

            Von Hans habe ich noch nichts gehört; aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er noch an sein Sammelbuch denkt. Für wen denn jetzt? (Wäre doch Hertling auf Bethmann gefolgt! das hätte geheissen: > wir verzichten auf das "klar und offen" unsres Gestern, weil wir auf das Morgen nicht bloss "hoffen" wollen sondern voll davon sind und es im Rausch schon wie Gegenwart ergreifen<. Aber das Heute +) allein - und das ist Michaelis besten Falls - ist gar nichts, ist möglich in einem untergeordneten Gliedleben, aber nicht im Leben des Haupts). Ich schickte Hans sogar auch noch, von hier aus, ehe ich von den Ereignissen wusste, einen Aufsatz ("Nordwest und Südost"); ich glaube damit sind meine "politischen Jugendschriften" jetzt zu Ende.

            Deine urlaubsmässige Kürze ist schon entschuldigt; ich habe es ja genau so gemacht und weiss wie es kommt Allerdings hast du an Rudi länger geschrieben. Ich habe ihm daraufhin auch gleich geschrieben sodass er sich vorkommen muss wie Odin mit zwei Raben. Du nimmst die einzelne Predigt etwas stärker dogmatisch als - nicht als er sie selbst nimmt aber: als sie genommen werden darf. In Wirklichkeit geben erst die ganzen 50 oder 60 Predigten zusammen eine einzige. Er ist eben auch hier viel mehr Dichter als es den Anschein hat und weiss nicht was er sagt. Du in andrer Weise ja auch nicht. Du nimmst mit geschwinder Dialektik einen korrespondierenden Standpunkt ein und hältst von da aus eine Predigt, die jeder der nicht entweder dich kennt oder sehr genau den "Text" (Epheser 2) im Auge behält, vollkommen missverstehen muss (kurz gesagt: als eine Philippica). Du verbietest ja, aus dem Gefühl der eignen gegenwärtigen Gesundheit heraus, Rudi, zum Arzt zu gehn, und das muss und kann er doch nur selbst wissen, ob er es nötig hat.

            Julius Caesar? und warum denn? hättest du ihn wenigstens gleich mitgeschickt (etwa wegen Brutus?). - Ob du wohl die Kronenwächter kennst, von Arnim, ein ebenso schlechtes wie schönes Buch (bei mir eine Folgeerscheinung der Eichendorffschen Litteraturgeschichte). (Reklam). Es kommt alles darin vor und bleibt doch alles (nicht bloss äusserlich) fragmentarisch. Der Wilhelm Meister ist ein rechter Verderb für die Späteren gewesen.

            Ich wünsche jetzt nach Bethmanns Sturz den Frieden ganz privat und persönlich, obwohl ich mich - auch - davor fürchte.

            Was soll denn Michaelis mit Österreichern und Ungarn und Bulgaren und Türken anfangen? Dieser Genitivus objektivus eines höchst persönlichen subjekthaften Nominativs. Dann schon lieber Hindenburg selbst!

            Trostlos, hoffnungslos, reichsfeindlich

                                                Dein F.

+ "wirkst du heute kräftig frei"

29.VII.17

Liebes Einzelwesen, - denn das bist du ja nun wieder seit Tagen und bis dieser Brief ankommt schon wieder so lange, dass du schon wieder dran gewohnt bist. Es ist und bleibt scheusslich, diese Zeit nach einem Urlaub; ich fühle mich auch noch gar nicht wieder recht in meinem Bärenfell. Der Sonntag zwischendurch in Menschengestalt war zu schön. Dazu kommt jetzt noch für mich die Verstimmtheit (und mehr) über die politischen Ereignisse; ich habe mich eben an Eugen darüber ausgeschrieben, er wird es weniger schwer nehmen als ich, eben weil er weniger in "grossen Männern" denkt als ich.

            Dass ich sooft zwischen dir und mir im Plural den Trennungsstrich gezogen habe, ist mir gar nicht mehr bewusst. Es geschieht eben so selbstverständlich, dass ich darüber in Gefahr bin, die persönliche Wirkung auf mein armes harmloses Gegenüber ganz zu vergessen. Aber die Brücke ist ja da (Woher übrigens weisst du sie "jetzt"?). Sie ist für die beiden Plurale, die "Wir" hüben und drüben, die Gemeinsamkeit der Hoffnung und selbst der - trotz teilweis dos-à-dos darauf Stehens - gemeinsame Grund und Boden dieser Hoffnung. Dies letzte war mir in dem Gespräch zwischen Eugen und mir nachts wo du dabei warst wieder so deutlich; ich sprach die Worte gewissermassen aus dem Hebräischen übersetzt und er hörte sie als wenn ich ihm Neues Testament zitiert hätte; es waren aber die selben Worte. (Z.B. einmal das Wort "Weg"). Das ist die Brücke für die Plurale. Man beschreitet sie aber in der Gegenwart (und in aller Zeit) nur im Geist. Dagegen die Singulare, das Ich und das Du, schlagen sich ihre eigenen Stege, und darauf kommen sie wirklich, in aller Gegenwärigkeit, zusammen. Alles persönliche Zusammenkommen ist ja eine Vorwegnahme der letzten grossen Hoffnung, und eine erlaubte, vielleicht die einzige ganz fraglos erlaubte. Freilich ohne Geländer sind diese Stege und man kann bös herunterfallen; ich habe Eugen nie erzählt: ich hatte vor dem Du eine fast abergläubische Furcht; vor jetzt mehr als 7 Jahren hatte ich ein sehr böses Freundschaftserlebnis, mit verhängnisartiger Schuldlosigkeit auf beiden Seiten; das hat lang in mir nachgefressen und ich fühle mich eigentlich erst seit wenigen Jahren wieder befreit davon; und jener Rest von Aberglaube hat sogar noch bis in die letzte Zeit nachgewirkt. Man bleibt eben selbst doch immer "der Alte", belastet mit der ganzen eignen Vergangenheit; und nur an neuen Menschen wird man selber neu und erlebt wieder innere Morgen und Vormittage.

            Es grüsst dich, liebe Neue,

Dein Franz.

August 1917

6.VIII.17

Liebes Gritli, - denn Eugenia geht wirklich nicht, schon wegen der Konkurrenz mit der Kellerschen Legendenperson. Überhaupt bin ich nun schon enturlaubt ("hier steh ich, ein enturlaubter Stamm"), dass ich gar nicht mehr weiss, was ich mir denn für hässliche Bemerkungen über deinen Vornamen gestattet habe. Ich revoziere und depreziere.

            Also Eugens Politicum, das eben ankam, ist entstanden an dem Tag des grossen Malheurs, am 14.VII. (die Franzosen hatten Grund, den Tag zu feiern); ich habe eben noch mal nachgesehn, von wann dein Brief mit dem Bild des im Gartenkäfig auf= und abwandelnden Löwen war. Es ist nicht sehr gut geschrieben, nämlich weder über den Leser hinweg, sodass der gezwungen wäre hinzuhorchen, noch Auge in Auge mit dem Leser, sodass immer wenn der Leser ein verständnisloses Gesicht macht der Schreiber sofort mit seinem "Das heisst verdolmetscht" bei der Hand wäre. Das zweite mindestens wäre zu verlangen. So wird der Aufsatz ein Schlag ins Wasser werden; die Farbensymbolik bleibt ganz tot (er setzt ungewollt Kenntnis des "Dreifarbenbands" voraus); die Teile sind zueinander unproportioniert, und es geht auch kein fortreissender Wind durch das Ganze, es - lahmt. Inhaltlich ist es sicher gut. Das (für ihn selbst) Neue darin (das, was er auf jenem Gartenspaziergang gesehn hat) - das Verhältnis von Reichstag und äusserer Politik - war mir auch neu und ist letzthin wahr, aber mit dem schäbigen Erzbergerschen Augenblick hat es gar nichts zu tun, der ist eine Parodie auf diese Wahrheit. Erzbergers "Tat" war das Gegenteil von Politik, war eine Revolution des deutschen Spiessers, des selben Ewigen Deutschen, der zu Kriegsanfang sagte: unsre 42er werden es schon machen, und nachher "unser Hindenburg", und der jetzt seine Enttäuschung hervorspritzte, dass unsre U-boote nicht wie doch fest versprochen, England "bis zum 1.VIII. auf die Knie gezwungen hätten". Also Kriegspsychose, die ebenso haltlos im umgekehrten Fall (eines "auf die Kniee gezwungenen" Englands) in Machtnationalismus machen würde. Grade weil es so ist, würde ich nun allerdings wünschen, dass das politische Ideal in diese jämmerliche Gegenwart hineingestellt würde. Eugen wills, tuts aber nicht. Ich glaube, in einem Flugblatt geht es im Augenblick überhaupt nicht (weil nämlich der Augenblick augenblicklich überhaupt nicht die sichtbare Illustration zu den kurzen Flugsätzen des Flugblatts abgiebt, der Augenblick ist augenblicklich ein nervöser Krüppel). Sondern der Gedanke muss sich augenblicklich wohl oder übel schon selbst illustrieren, d.h. Eugen muss die kurze Flugschrift zu einem ausgeführten wenn auch kurzen Buch (ca 120 Seiten) von einer gewissen ruhigen Breite umschreiben. Das wird eine Arbeit von 14 Tagen für ihn sein. - Das wirkt dann wie Naumanns "Mitteleuropa", als ein Ding für sich, das am Wege steht und wohl oder übel gesehen wird. Das Buch muss nicht lang sein, aber grade so lang, dass auch für die Armen im Geiste und vor allem für die Schwachen im Magen (und das ist ja jetzt das ganze Civilpublikum, - ich führe auch die Reichstagsereignisse des Juli grösstenteils darauf zurück) kein Satz dunkel und kein Gedanke bloss glänzend oder abenteuerlich bleibt.

            Die Frankfurter wird den Aufsatz kaum nehmen, Max Weber wird ihn als etwas "litteratenhaft" - so wie er, der Staatstechniker, das Wort versteht - empfinden.

    Dank für Vermeylen; ich hatte schon in Kassel brieflich deswegen alarmiert! Und du schwimmst in Manuskripten, - arme nun doch beinahe Siebenlegenden-eugenia! Nein, um Himmelswillen kein Tagebuch "Gespräche mit Eugen", du bist doch seine Frau, du brauchst dir doch nicht von ihm imponieren lassen; meinetwegen alle sonst, aber du nicht. Zu dem Zweck (dass du dir nicht von ihm imponieren lässt) hat er dich ja geheiratet. Überdies, weisst du, dass Eckermann 1823 verlobt nach Weimar kam, mit der Absicht, "demnächst" zu heiraten, und dass aus dem "demnächst" das Jahr 1832 wurde? Wer also eckermännern will, der gehe hin und tue desgleichen; für dich ists aber für diese Wahl schon zu spät; du hast "Eugen" gewählt, und die Nachwelt muss sich wie mit so vielem so auch damit abfinden, dass einige von "Rosenstocks" goldnen Worten durch "Gritlis" Schuld verloren gehn. Tröste dich und sie mit dem, ich glaube durch Eckermanns Verdienst geretteten, goldnen Wort: "Litteratur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste von dem was gedacht, ist aufgezeichnet worden, das wenigste von dem, was niedergeschrieben wurde, ist bis auf uns gekommen". Und überhaupt ist das Wort ja nicht dazu da, "aufbewahrt" zu werden, sondern beantwortet, und wenn es gar keine Schrift gäbe, so müsste und würde die Menschheit auch in Wort und Antwort und Widerwort = Wiederwort ihren Weg bis zum letzten Wort des jüngsten Tags finden.

            Lutz[?]ist das Halbfabrikat, nicht? Eugens Aufsatz geht gleichzeitig ab. Es grüsst dich und den Verfasser

                                    sein F. und dein Franz.

10.VIII.17

Liebes Gritli,

            das "17" schreibe ich immer mit einer gewissen gêne scheu hinzu; es enthält den Anspruch auf Aufgehobenwerden des Briefs und obwohl ich wie du weisst ein sehr genauer Briefaufheber bin, ist es beim Schreiben selbst doch ein dummer Gedanke. Über Eugens Brief an Rudi habe ich mich schon längst an Rudi ausgetobt und glaube ich nachher auch an Eugen noch etwas. Z.T. das selbe was Rudi auch schreibt, wo er die bestehenbleibende Verschiedenheit sieht; ich habe Rudi freilich gewarnt, Eugen selbst allzusehr beim Wort Eugens des Polemikers und Briefschreibers zu nehmen; Eugen hat die Neigung sein Gegenüber und sich auf eine Wippschaukel zu setzen, wenn er dann der Erde nah kommt, dann sieht er mit Vergnügen wie der Gegenüber gen Himmel fliegt und umgekehrt. Will man den richtigen, ganzen Eugen haben, dann muss man ihn rösten, statt sich von ihm rösten zu lassen. Wenns ihm dann heiss wird, schreit er und bekennt alles, den ganzen Eugen, - was er um keinen Preis gesagt hätte, solange er noch selbst Holz zum Scheiterhaufen trug. - Ob und wie Rudi "Dichter" ist, das sieht, wer es sieht, auf Bogen IV des Briefs in den drei obersten Zeilen. Sie sind wohl der Grund der Predigt, die er jetzt schreibt. Es ist mir aber im Grunde sehr einerlei, ob er ein Dichter ist, wenn er nur - na ja. Aber insofern meine Laubfroschehre dabei engagiert ist, halte ich seine Dichterschaft gegen Eugen doch aufrecht. Hingegen das "Naturwissenschaftliche"? Wenn Eugen doch nur einmal Zeit und Fleiss fände, das wirklich kennen zu lernen, bloss damit er sähe, dass alle geisteswissenschaftliche Trottelei noch nichts ist gegen die Kümmerlichkeit der Naturforscher. Jeder philolog. Oberlehrer hat immer noch mehr Ahnung von dem worauf es ankommt (dem oben sogenannten "na ja") als Helmholtz selbst. Aber das glaubt Eugen nicht, obwohl es die oberflächlichste Erfahrung stündlich zeigt, und biegt ganz anders gemeinte Äusserungen Rudis so zu recht dass sie ihm passen. Das einzige, was die Naturwissenschaftler vor den andern voraus haben, ist, dass wenn sie zur Einsicht in ihre Dummheit gekommen sind, sie vollkommen frisch für die Wahrheit sind (weil sie nämlich bis dahin überhaupt nichts mit ihr zu tun gehabt haben), während der Geisteswissenschaftler schon allerlei unsaubere Geschäfte mit ihr gemacht hat und deshalb keinen so reinen Tisch vor sich findet. Das ist wie das mit dem bekehrten Sünder; weshalb freut man sich da im Himmel so sehr? (der "Gerechte" ist doch auch was wert) der bekehrte Sünder geht eben mit der ganzen Verve des neuen und infolgedessen gut kehrenden Besens an die Arbeit, während der Gerechte schon etwas stumpf gekehrt ist. So ähnlich der Naturwissenschaftler, wenn er ... (ich denke da grade an Rudi selbst, und auch noch an einige andre). Aber im übrigen - ich habe gut zwei Jahre an dieser harten Speise gekaut. Manchmal glaube ich, es sei eher umgekehrt: die Naturwissen-schaft brauche gradezu die Befruchtung der andern; die Entwicklungslehre scheint ja ein krasses Beispiel dafür zu sein. Aber revenons à notre mouton Eugène: er braucht sich seinen Weg nicht "bestätigen" zu lassen, sicher aber nicht von denen, mit denen er gar nichts gemein hat. Seine Methode ist, wenn irgendwas, dann immer noch eher "philosophisch" als naturwissenschaftlich. Ich würde sie aber, (ohne ihre Wahrheitsmög-lichkeiten damit im geringsten anzweifeln zu wollen) ruhig als poetisch bezeichnen.

            Hoffentlich schreiben sie sich weiter; für Rudi ist es gradezu eine sanitäre Notwenigkeit, für Eugen eine kleine Arbeit und eines Tages wird er auch etwas davon haben. - Auf Jensen bin ich gespannt. Ich lasse auch grade über Kassel ein Buch an Eugen gehn, von Kleinpaul, einem sehr lustigen Sachsen, worin aus der Sprache bewiesen wird, dass der Mensch keine Seele hat. Er übereugent Eugen und soll wie immer diese persönlichen "Über"menschen der Pfahl im Fleisch, der Satansengel sein, der ihn mit Fäusten schlägt. Und, da ich bei Büchern bin: der Vermeylen ist auch eins, aber doch bloss ein Buch; ich habe selber nichts damit anfangen können, wenn es möglich ist, so schreib mir doch, was Eugen dir darüber oder dazu geschrieben hat; vielleicht dass mir dann noch nachträglich etwas aufgeht, - obwohl ich kein rechtes Zutrauen dazu habe. - Eugens Weigerung oder Zusage zu Hansens Sammelbuch nehme ich wirklich nicht tragisch. Nämlich 1.) habe ich das Sammelbuch nie tragisch genommen, sondern war immer überzeugt, dass nichts daraus wird, und fand es nur lustig daran zu denken, auch nützlich zur Hervorlockung von Aufsätzen aus Hans und aus mir - und 2.) weiss ich jetzt, nach Bethmanns Sturz überhaupt nicht mehr in welchem Land das Buch erscheinen sollte - in Deutschland sicher nicht; der neue Ton verlangt andre Musik.

            Rauher Kriegsmann? der Gedanke ist noch phantastischer als die Universität Salzburg mit Staffage. Aber da ich hauptsächlich auch in Zukunft u. Vergangenheit herumphantasiere - die Gegenwart mit dem rauhen Kriegsmann existiert nicht genug - so habe ich auch schon manchmal ähnlich geträumt. "So oder so ähnlich".

            Das eigentliche Gleichnis des Geschehenen steht bei Treitschke im 2. Band: die preussische Ministerkrise von Ende 1819. Innerhalb der gleichen "Richtung" der Kampf der konträren Gesinnungen, Humboldt u. Hardenberg. Äusserlich giebt es nur einen Stellenwechsel der Gesinnungen, aber in Wirklichkeit hat die feindliche Richtung gesiegt; und nun geht es unaufhaltsam auf das Jahr 48 zu. Auch "weiss" bis heute noch niemand, was eigentlich der  "Grund" für den Gegensatz zwischen Humboldt u. Hardenberg war; auch über die Ereignisse vom 7.-12. Juli 1917 wird man sich noch in 100 Jahren streiten, und doch ist es schon heute klar. - Das ist alles sehr weise; aber - hang up philosophia, can she make Juliet?! (übrigens Bethmann als Julia ist nun doch eine schwierige Vorstellung und dieser Bogen reicht nur noch für die - unchiffrierte Unterschrift

Deines und seines Franz

13.VIII.[17]

Du hast mich ganz verwirrt gemacht, nicht durch das grosse βιογαμμα παραλληλον - das ist ja so klar, wie es eben seit Ende vorigen Jahres "eigentlich" zwischen uns ist (was wir uns 1917 geschrieben haben, ist ein neuer Anfang und hat sozusagen nichts mit unserm Briefwechsel von vorigem Jahr zu tun), aber du hast mir den Boden jenes Briefwechsels von 1916 erschüttert. Rudis Vertrauensbruch einmal geschehen (ich kann mich darüber nicht freuen; was du von der notwendigen Schamlosigkeit sagst, ist richtig, aber die begins at home, am eignen Leib und nicht auf Kosten andrer, eines Freunds, einer Frau. Das bleibt grauenhaft und untergräbt die Möglichkeit alles interhumanen Verkehrs genau so wie die notwendige Schamlosigkeit, die, gegen sich selbst, ihn begründet, nota bene wenn sie Wahrhaftigkeit ist, d.h. sich genau so weit von dem Zuviel entfernt hält wie von dem Zuwenig; das Zuviel - und was "zuviel" ist, bestimmt sich nach Umständen und "Publikum" - das Zuviel verstört die Wahrheit genau so wie das Zuwenig). Aber einmal geschehen: was hast du mir dann nicht gleich gesagt: dies und das weiss ich von dir aus dritter Hand, so hätte ich gewusst mit wem ich spräche und hätte nicht (wie ich jetzt weiss) meine Sprechmaschine leer laufen lassen, soundsooft. Wie musst du manches, was ich dir schrieb belächelt haben! und hast mich sogar noch aufs Eis gelockt, fragst mich ob ich den Hebräerbrief kenne und derlei. Es ist mir unbegreiflich, wie du das hast machen können. Das war ein Spiel. Gewiss es war auch von mir nicht letzter Ernst, weil ich eben den letzten Ernst unsrer Auseinandersetzung schon hinter mir hatte, in der zweiten Hälfte des Jahres 1913, aber wenigstens das Contumaz = Urteil nachträglich nochmal durch eine richtige beidseitige Verhandlung zu bekräftigen, das war mir Ernst; ich habe da alles vorgebracht, wofür ich bei dir Gehör voraussetzen konnte - ich wusste ja nicht, dass du mit überlegen zurückgehaltenem Wissen mir gegenüber standest und mich nicht bloss fragtest ("peinlich" fragtest, wie es sich gehört) sondern mich obendrein noch examiniertest! Sag - brauchst du denn noch diese ganze Katechisation? hättest du nicht alles - nun kurz: alles was du jetzt wieder in dem Parallelbiogramm formulierst, schon ebensogut zu Eingang wie am Ausgang jener Korrespondenz formulieren können? Oder bist du wirklich so - gelehrt umständlich, dass du die chemische Analyse nötig hast um zu glauben dass aus dem Brunnen, den du nächtlich singen gehört hast (schon gehört hast) wirklich - Wasser fliesst?

            Vielleicht bin ich zu hart und eng, - mein Herzensteufel ist nicht der "Grossinquisitor", sondern der Polizeipräsident -, mag sein, es wird mir auch schwer genug, bei der ungleichen Vierzehntägigkeit des Hin und Hers, die ich heut zum ersten Mal empfinde, dir das zu schreiben; ich könnte mich ja an den Ausgang halten, an das Biogramm und alles gut sein lassen. Aber mündlich hätte ich auf jeden Fall gesprochen und so tue ichs doch lieber schriftlich auch.

            Aber nein - ich frage mich immer wieder: wie konntest du unausgesetzt auf mein Benehmen im Juli 1913 zurückgehn und so als ob du nichts von dem Lauf der beiden Planeten nach der Katastrophe wüsstest, und so aus mir stückweise die Dinge herauslocken. Ich kann es nicht begreifen. Du markiertest ja gradezu die noch vom Juli 13 her beleidigte Leberwurst und ich wusste kaum wie ich dich begütigen sollte.

            Ich weiss überhaupt vom Juli 13 weniger wie du. Von einem katastrophalen Gespräch Ende des Monats mit Ausgangspunkt Kierkegaard überhaupt gar nichts. Meine Erinnerung bricht ab bei dem für mich katastrophalen Gespräch nachts vom 7. auf den 8. Juli (du, ich, Rudi dabei, im Esszimmer bei Ehrenbergs, Ausgangspunkt das Antichristbuch der Lagerlöf, wo ich allerdings dich zu anfang in dem Ton "Gewogen u.s.w." behandelte, eine Folter die du nicht ertrugst, sondern endlich einmal dein Geheimnis sagtest - denn weil du viel sprichst, bist du gleichwohl nicht weniger schamhaft, du!!!! und lässt den "Grossinquisitor" und den "Heiden" deine Geschäfte besorgen, bloss um den Christen sans phrase im innersten Winkel deines Doms still knien zu lassen - also du sagtest dein Geheimnis, warfst mich eben dadurch sofort von meinem angemassten Richterstuhl herunter, stiegst selbst hinauf und verhörtest mich in Grund und Boden, zerrissest mein künstlich vor mir selbst gesponnenes Alibi, bis ich mir selbst mein Geständnis ablegte und das alibi auf das ibi zu übernehmen mich gezwungen sah. Von da ab weiss ich zwischen uns nichts mehr (einmal, weiss ich, haben wir auf dem 8eckigen Flur vor meinem Zimmer am Rathausring nochmal gesprochen, ich fragte dich glaube ich nach den Sprachen oder nach dem Krieg oder nach beiden und verstand deine Antwort nicht; aber das ist das einzige was mir noch dunkel vorschwebt; im übrigen war ich einfach auf den Mund geschlagen, noch viel zu nahe jenem völligen vis - a - vis du rien mit dem ich an jenem Morgen nach der Nacht in mein Zimmer gekommen war und meinen Browning "6,35" aus der Schreibtischschieblade nahm. Ob mich Feigheit oder Hoffnung damals abgehalten hat ihn zu gebrauchen weiss ich nicht; und werde es auch nie wissen, hier unten wo es ein "Frohlocken" doch nur "mit Zittern" giebt. Was also in der Zeit danach bis zum Monatsende noch vorgefallen ist, dafür bin ich ohne Verantwortung, ich war nicht mehr "dabei"; so ist mir allerdings auch nicht zu Bewusstsein gekommen, dass ich dich irgendwie getroffen oder gar erschüttert hätte; ich meinte, du müsstes mir meine Zerbrochenheit in jener Nacht angesehn haben; sie zu verbergen hatte ich gar keine Kraft mehr übrig.

            Ehe wir uns schrieben, ja schon im Sommer 14 kurz vor Kriegsausbruch, wollte ich immer das Gespenst meines grossen Alibi der Jahre vor 1913 einmal schriftlich aufstellen und die einzelnen Stösse, mit denen du es zerrissest. Aber ich raffte mich nie dazu auf und nun ist es auch nicht mehr nötig. Das Biographische ist freilich nicht nachzuholen durch keinerlei Indiskretionen über unser Vergangenes, - wir sind uns im Weltäther begegnet, mit unsern Gestirnen, nicht als die Menschen als die wir unten herum laufen. Aber auf manchen Planeten giebt es ja auch Atmosphären und da mag dann etwas eigenes wachsen.

            Aber überhaupt gehen ja die Menschen einander auf und unter wie Gestirne, die solang sie sichtbar sind, zugleich Ursprung (oder wenigstens Durchgang) und Urkunde für das Schicksal des Menschen in dieser Zeit bedeuten. Nur die "Haus" = genossen sensu strictissimo wirken auf unser Schicksal nicht wie Gestirne sondern wie der Erdboden. Nur bei ihnen ist eigentlich das Biographische aufbewahrt. Der Rest ist - Horoskop. Biographisch ist nur das was sich nicht zwischen mir und dir abgespielt hat, nicht zwischen Planet u. Planet, sondern von Haus zu Haus, - so wie man einander grüsst.

            Das tue ich. Du brauchst das dumme Zeug zu Anfang dieses Briefs nicht zu schwer nehmen, gesagt u. gefragt musste es werden, aber nun ist es eigentlich schon wieder vorbei und ich spüre nur noch dass ich dich, - bei jeder Antwort, (auch bei gar keiner) und nicht bloss planetarisch nach Newtonschen Gesetzen, sondern direkt und gesetzlos - liebhabe.

                                    Dein Franz.

19.VIII.17

L. E., ich schreibe an dich - und gebe dir zu bedenken: - ach ich gebe dir gar nichts zu bedenken. Wenn du diese verhungerte (denn diesmal bin ich so naturwissenschaftlich, darin den Grund der Juliereignisse zu sehen) also diese verhungerte Parlamentariergesellschaft mit ihrer heiligen Angst vor der eignen Courage Paulskirche nennst - habeas. Da kann ich nicht mit. Selbstverständlich ist B. nicht über die Resolution zu Fall gekommen, (sondern durch die direkt an den Kaiser gerichteten Misstrauensvoten des Centrums und der Nationalliberalen); aber die beiden Ereignisse waren Asudruck der gleichen Depression. Jetzt ist das Deprimiertsein, wie Loyd Georges Rede (gegen die Schwarzseher) unwiederleg-lich beweist, an den Engländern; Flandern + Cernowitz (+ Uboot) hat da das Fass zum Überschwappen gebracht. Es wird wirklich noch diesen Herbst mit den Verhandlungen angefangen werden (ich bleibe sogar bei "September") und die mesopotamische und syrische Bewegungsfront wird den nötigen Dampf dahinter machen. - Übrigens glaube ich nicht an die Geschichte von den unausgeführten Befehlen, das ist typisches deutsches Vordertreppengeschwätz, eben die Nervo-sität aus der die Juliereignisse entsprungen sind. Meinecke sprach auch derartige Sachen, man kann sich dem nicht entziehn wenn man zuhause ist; aber ich habe ihm ins Gesicht gesagt, ich glaubte es ihm nicht. Die Leute sind viel zu verhungert, um noch Gerüchte sieben zu können. Diese Realität der Hunger durfte zur Revolution führen - die war ein solider Ausdruck für jene solide Tatsache -, aber nicht zu der besinnungslosen Bethmannpreisgabe. Ich glaube die Kanzler-stürzer von links wollten jetzt schon, sie hätten sich lieber besser in den Zügeln gehalten, statt sich selber durchzubrennen.

            "Graubraun" - hast du die Auszüge aus seinen Schriften in der Frankfurter Ztg. gelesen? So ein wunderschön korrektes "persönliches Christentum". Alles "stimmt" und nichts lebt. Ich habe selten so eindrücklich gesehn, dass das Herr Herr sagen, und sei es noch so ehrlich, wirklich noch gar nichts ist. Vive le paganisme! (nämlich: écrasez le malheureusement absolument pas infame!)

            Also nun machst du ein eignes Sammelbuch. Wenn Hansens wider alles Erwarten einen Verleger findet, so gieb einfach deine Aufsatzgruppe hinein. Sie würde wirklich hineinpassen und in ihrer Masse ja auch nicht im übrigen verschwinden. Über die Wiedergeburt des R.tags schrieb ich schon an Gritli, was ich meine; aber 6 Aufsätze zusammen geben vielleicht die Breite und Eindringlichkeit, die dem einzelnen wie mir schien fehlte. Hans scheint auch weiter Bethmann widmen zu wollen, ist aber im übrigen nicht deprimiert, genau wie du; er bläst auch in das allgemeine Horn: persönlich nicht mehr fähig, den Abschluss zu finden. - Du bist bei Spinoza und ich trabe brav hinter dir her und bin bei Schopenhauer, von dem ich auf der Fahrt hierher das (ausgezeichnet gemachte) 50 Pf. = Ullsteinbuch (auch viel Briefe an ihn) fand und mir nun die Reklamausgabe der Briefe kommen lies. Dabei lerne ich auch seine Philosophie wieder kennen, die ich 1909 zu spät (weil schon südwestdeutschkantisch und =hegelsch klüger) und zu früh (weil noch ein dummer Junge) getrieben habe. Natürlich finde ich auch lauter "Bestätigung" aber ich glaube ich würde mich genieren das meiner Frau zu schreiben, denn es ist ja eine reine Selbstver-ständlichkeit. Von dem Augenblick an, wo man zum ersten Mal "denkt", wird alles Lesen nur noch Bestätigung +); und Zurechtweisung erfährt man von da ab nur noch im Denken bzw. Sprechen. Das εύρηκα der Bestätigung beim Lesen, ist eine Selbsttäuschung die man nicht auf andre verbreiten sollte; oder der andre müsste wissen, dass dies εύρηκα nur ein sich seines Fleisses rühmen ist, was bekanntlich jedermann darf.

            Ich schicke dir zwei Zeitungsartikel die dir vielleicht entgangen sind. Der eine als Bestätigung, der andre als Zurechtweisung.

+) das Buch kann sich ja nicht wehren.

26. August 1917

Liebes Gritli, der Brief ist da, das Manuskript noch nicht; es ist auch grade eine kleine Postunterbrechung für mich; vor übermorgen kann ich es nicht haben. Die Karamasoff sind eine gute Entschuldigung, ich finde es ist alles mögliche, wenn man sich die Zähne putzt solange man an dem Buch ist; ich las es vor bald 9 Jahren zu Semesterbeginn in Freiburg und sass drei Tage lang neben meinem unausgepackten Koffer. Das macht, dass es abgesehn von allem andern ein vollkommenerKriminalroman ist; und Kriminalromane sind ja sowieso die schönsten. Aber im vollen Emst. Es giebt glaube ich ja überhaupt keinen Dostojewskischen Roman, der nicht um ein Verbrechen herum geschrieben wäre. Aber das Verbrechen ist ihm immer nur das technische Mittel, etwas sichtbar zu machen, was unsichtbar ist und was er eigentlich meint: das Böse was in des Menschen Herz "von Jugend an" ist. Er sagt Verbrechen und meint Sünde. Oder: er spricht in der dritten Person (tut so als ob er erzählt) und in Wirklichkeit spricht er in der ersten und sagt "ich bins" und zwingt den Leser ihn zu unterbrechen: "nein ich bins". Den alten Karamasoff - wer hätte ihn nicht ermordet? wer ist nicht wild wie Mitja oder kultiviert wie Iwan oder verderbt wie der Diener genug dazu?? Roh genug, klug genug, gemein genug? Und wer könnte sagen, er sei wie Aljoscha, unfähig dazu? Niemand ausser ihm, und er selbst würde es nicht sagen, weil er es nicht weiss, dass er anders ist wie seine Brüder, sondern vor seinem eigenen Herzen ist er wie sie. Wegen dieser "Indiskretion" ist das Buch "qualvoll", was ein Vorwurf nur wäre, wenn es wirklich ein Kunstwerk wäre, denn da gehörte es sich allerdings zwischen hell und dunkel zu unterscheiden und zwischen geheim u. offenbar; es ist aber eine Beichte, also das vollkommene Nein aller Diskretion. Die Beichte ist freilich nicht das Letzte, aber Dostoj. ist hier dabei stehengeblieben; nicht mit Absicht - ich weiss nicht ob du weisst dass die Brüder Karam. nur das Vorspiel zum eigentlichen Roman sein sollten, dessen Held Aljoscha werden sollte; aber er ist gleich nach Vollendung der Karamasoff gestorben und hat es Russland überlassen, zu zeigen was aus Aljoscha wird. Vielleicht erleben wir jetzt den Anfang dieser Testamentsvollstreckung. Vielleicht aber ist es symbolisch gewesen, dass Dostojewski starb, als er Russlands Möglichkeiten ausgesprochen hatte und nicht mehr zur Verwirklichung kam; vielleicht wird so auch Russland der Weit den "eigentlichen" Roman schuldig bleiben. - Dostojewski selbst hatte freilich schon einmal einen "Aljoscha"-Roman geschrieben, aber einen tragischen (und der wäre der richtige Aljoscharoman nie geworden). Nämlich im "Idiot" wird vorgeführt, wie ein Aljoscha (ein fertiger, aber der "Idiot" in den Augen der andern) zu seinem "Verbrechen" kommt, allmählich, unbegreiflich (ich weiss schon jetzt, nach drei Jahren, nicht mehr wie) aber unausweichlich. Dabei eigentlich bei aller Furchtbarkeit ein heiteres Buch, weil der Held strahlend in seine Nacht hineingeht und weil diese Nacht die sanfte Nacht des Wahnsinns ist.

Du hast Recht. "Vom Rechte das mit uns geboren ist" ist zum mindesten ein möglicher Titel. Wenn die Veröffentlichung zustande kommt (was doch sehr unwahrscheinlich ist) wird er schon einen weniger ewigkeitsgemässen Titel finden. Buchtitel finden ist ja überhaupt schwer, - die einfachsten kosten die meiste Mühe. Ein so selbstverständlicher wie "Hegel und der Staat` hat sicher 10 - 20 früh gerstorbene ältere Brüder gehabt. Aber vor allem ich glaube zwar dass das Manuskript fertig wird, aber das Buch? und jetzt? Wenn Hans allem Erwarten zuwider einen Verleger für sein Sammelbuch findet, dann muss Eugens Aufsatzreihe doch da hinein. Sie gehört hinein, und gegen das Eugensche Vorurteil namens "Hans Ehrenberg" werde ich dann Sturm laufen. Aber erst, wenn wirklich was draus wird und wie gesagt ich halte es für ausgeschlossen. - Hier siehst du, dass der Jensen gekommen ist. Gekommen, gesehen und gesiegt. Ich bin entzückt und schrieb eben an Eugen darüber.

Noch etwas: Dostojewski hat es so eingerichtet, dass man auf den "tatsächlichen" Mörder überhaupt keinen Verdacht schöpft, weder die Richter noch der Leser; er geht frei aus. In Verdacht hat man von Anfang an abwechselnd die beiden "möglichen" Mörder. Und dabei ist jener mit einer rechten Galgenphysiognomie ausgestattet, eine Meile weit zu sehen, während die beiden andern rechte Idealmänner sind, voll Kraft der eine und voll Geist der andre. Und doch wird der Leser gezwungen grade ihnen das Verbrechen zuzutrauen. Das ist die grosse Umkehrung der Begriffe, und freilich "qualvoll", aber durch diese "Qual" muss der Mensch hindurch.

Schluss. Dein

Franz.

September 1917

2.9.17

L.E., vorweg die Literatur - ich meine: die hausgemachte. Goethe und Bismarck ist sehr hübsch; unter dem vorausgeworfenen Schatten H Us steht nur der erste Absatz, nicht wie Gritli fürchtet das Ganze. Die Stellung der Georgianer müsste etwas sauberer konstruiert sein, da das Ganze so streng symmetrisch ist, dass man anspruchsvoll in dieser Beziehung wird. Wo hast du das mit Bismarcks Altersentchristlichung her?; ich kannte nur eine Notiz von Marcks (oder Vallentin?), dass "auch sein Glaubensleben noch einmal heftig aufgerüttelt wurde" oder so ähnlich und die Hardensche Anekdote von dem Verbot an die Fürstin, Traktätsches unter die Hausleute zu verteilen, und war schon immer neugierig Genaueres zu wissen. Ich schicke es also befehlsgemäss an Rudi und den interessanten und natürlich "sehr richtigen" Hilfeaufsatz, vor dem es der Hilfe, Gott helfe ihr, bange wurde, gleich auch; es war allerdings etwas stark, dass du den Slawen das gute Recht zum Hochverrat zugestandest; du hättest das selbe aber diplomatischer sagen können; wenn man im Ernst Politik machen will, muss man sich immer so unradikal wie möglich geberden, mindestens aber dem zu Gewinnenden nie mehr als eine Radikalität auf einmal zumuten; hier z.B. war es völlig genug, wenn der Leser seinen Fehler einsah, österreichische Politik nach Parteien statt nach Nationalitäten perzipiert zu haben. (Die Hilfe ist eigentlich keine gute Zeitschrift; Naumann ist lange nicht herrschsüchtig genug als Redakteur; liest du das Neue Deutschland? es ist jetzt in einenr brillianten Periode; Grabowsky wäre wahrscheinlich sogar kulturliberal genug, um den von der Hilfe abgewiesenen Artikel aufzunehmen; der Versuch wäre interessant; Goethe und Bismarck nähme er mit Kusshand.

            Ja und nun noch einmal Bethmann. Was du ihm vorwirfst - denn die Berolinica von "schleifenden Zügeln" u.s.w. rechne ich nicht, das ist wie die "Spione" zu Kriegsanfang -, dass er nicht (wie wir klugen Leute) bei Kriegsausbruch schon an Polen gedacht hat, ist grade der Beweis dafür, dass er wirklich Politiker war. Der Politiker ist nämlich kein Visionär; er fasst Gott "am Saum seines Mantels" also wenn er vorbeikommt, sieht ihn aber nicht kommen. (Bismarck ist wohl so ziemlich der Deutsche gewesen, der zuletzt an das Paulskirchenprogramm geglaubt hat, alle andern sahen es kommen, er, weil er bestimmt war es auszuführen, sah es erst in dem Augenblick wo es an ihm vorbeikam, d.h. wo es in seine Reichweite kam. Der Politiker profezeit nicht, sondern erreicht und hält "in Reichweite" Schritt mit der Geschichte. Gerade über diese Eigenschaft ist Bethmann dann ja auch gestürzt; denn rechts und links wollten sie ihn auf ihre Profezeiungen festlegen und er wollte die Freiheit des Politikers behalten.

Und die persönliche Seite der Sache? Ja du fragst ganz richtig. Du kannst das deutsche Volk ohne Deutsche leben, weil du selber einer bist (schon des englische hast du nicht, wenn du nicht Loyd George oder sonst bestimmte grosse Engländer hast u. so alle andern Völker; sich selber als Mittler des Volkserlebnisses hat man eben nur beim eignen Volk). Und der Jude kann Gott ohne Jesus Christus erleben und leben, weil er selber (Ipse dixit) sein "erstgeborner Sohn" ist und so