Januar 1918[Anfang 1918?] [aussen auf Umschlag geschrieben, - in Gritlis Handschrift: Etwas Liebes zum Ansehen! - ] [...]* und vielen Dank dafür. - Hier sind die Reden wieder. Er wird sie doch einmal fertig machen müssen. Er wird sich nie verständlich machen können, wenn er dem Leser des K. d. W. - pfui, das heisst ja Kaufhaus des Westens! also: des + [Kreuz] d. W. nicht die Begriffe mit denen er darin arbeitet, erst einmal in statu nascendi vorgeführt hat. Und das tuen die Reden, wenn auch vorläufig verschieden gut. Am vollkommensten vielleicht die von der Schrift; auch die von der Gemeinde ist schön. Doch liegt das vielleicht nur daran, dass hier eben der Inhalt selber zur Ruhe und Vollkommenheit gekommen ist. Kurzum er muss es machen. Nachher kann er dann dem Leser ruhig zumuten, dass er ihm in seine eigengebaute Scholastik nachfolgt; das ist ja schliesslich doch unvermeidlich, - soll wohl auch gar nicht vermieden werden. Eine anständige Melodie muss zum Nachsingen sein. (Und "ein Schulmeister muss singen können"). Nur muss das Preislied vor dem Volk erst im Augenblick in Hans Sachsens Stube entstanden sein. - Und da ja das Notizbuch mit den Skizzen da ist, so ist es später nur ein Entschluss zum Anfangen und Durchhalten. "Später"! Lieber Gott, lass "später" werden! (Trotzdem wird mir Kühlmann immer widerlicher. Obwohl er der Mann ist, den wir brauchen, damit es "später" wird. Er ist ein Frack, der einen Menschen angezogen hat. Brr! Dein Franz. [Anfang Januar 18] L.E., für den Fall, dass ich dich telefonisch nicht erreiche: Ich komme Sonnabend nachmittag zu dir u. bleibe bis Sonntag. - Ev. fahren wir Sonntag Mittag nach Montmedy und sind dreieckig mit Weizsäcker zusammen (oder er kommt Sonnatag Mittag nach Dun herüber; aber wahrscheinlich kann er nicht von Montmedy weg). Nein - er ist mehr als Kartellträger. Das war gestern ein Abend! Hast du nicht gesehen, dass er ein neues Gesicht bekommen hat? eine augenblickweise chaotische Leerheit. Vox Dei und Thalatta gingen gestern an dich. Vor allem bin ich neugierig was du zu Thalatta, oder vielmehr zu dem Buch Globus überhaupt sagst; eine kleine Ouvertüre zu den beiden Teilen wird dir aus Kassel zugehn. Verbiete deiner Frau kraft ehemännlicher Autorität dass sie angesichts des immerhin sehr wahrscheinlichen Falls meines Urlaubs in der betr. Zeit bei Pichts annimmt. [Anfang Januar 18] Lieber Eugen, telefonisch wirds doch nichts. Ich fahre Sonnabend Mittag um 120 ab Lamarteau zu dir; die Reise dauert aber blödsinnig lange; ich habe es noch nicht genau heraus, aber ich glaube bis Abend. Deshalb wenn du dich frei machen kannst, so tus Sonnabend, so dass wir uns hier oder in Lamarteau oder in Montmedy treffen und zusammen fahren; oder bei schönem Wetter vielleicht laufen? Ich glaube Dun ist zu Fuss beinahe näher als mit der Bahn. Es ist schon der reine Urlaub für mich. [Eugen und Franz gemeinsam an Gritli] [Eugen:] 13.I.18. Liebes Gritli! Franz ist also da. Er behagt sich in dem schönen Blickhaus, meint auch, es wär wohl meine schönste Behausung bisher überhaupt. Freitag fuhr ich nach Montmedy, übernachtete, ging dann bei Weizsäcker vor, nahm ein herrliches Bad, erst warm, dann Schw[?]immer, fuhr weiter, ging einen eklig vereisten Berg hoch. Da kam er oben her, wir ruschten hinunter, fuhren wieder nach M. assen mit Weizs. Dabei deckten W. und ich Franz mit der Resignation überdrüssiger Verdunkämpfer zu. Er glaubt nämlich, die Deutschen würden im März Paris erobern. Im Postauto fuhren wir nach Dun. Um 1/2 8 waren wir bei mir - durch Schnee und Wind. Obwohl wir sehr müde waren, ging es doch bis 2 Uhr. Wir tranken den edelsten Rotwein seit langem, aus Vaters Weihnachtssendung von Anfang Dezember wartete eine wunderbare Flasche mit rot u. silbernem Siegel. Franz las seinen Brief an Rudi über die Vier. D.h. er nennt es nicht so; versucht mit einem schrecklich unverständlichen Dreieck als noch im letzten Atemzug freimaurerisch - dialektisch - hegelscher Philosoph auszukommen. Wir waren uns ganz fremd in dem was er da geschrieben. Das war gut so. Heut Thalatta verhandelt, unsre Freude an Brest Litowsk wiedergefunden, - ich glaube die Schweizer Zeitungen sind belanglos - Volksstaat und Reich Gottes gelesen. Natürlich ausserdem alles und noch etwas mehr besprochen. Dein Brief mit der Einlage von Frau Adele kam. Von den Masern bei Thea hast du garnichts geäussert. Ist das kein Hindernis? Heut ist Sonntag. Dein Eugen [Franz:], der sich wohl irrt mit der "Vier". Mein Brief an Rudi bewegt sich in Vorhöfen, in denen der glückliche Eugen nichts mehr (mehr?) zu suchen hat. [Eugen:] Und Heim? Franz meint doch Heim für sich erschrieben zu haben. Also scheint das Heim die Mitte zwischen Hof und Haus? Und gehört beiden an? [Franz:] Gewiss, Eugen hat sich in unsrer Heimat schon ein Haus gebaut und vergnügt sich mit der Inneneinrichtung; und ich kann mir noch keins bauen und muss mir die Zeit bis ich es kann (=muss) so gut wie es geht im Hof vertreiben und mir den zukünftigen Bauplatz angucken - das ist alles, - nicht viel. Er hat eben sein Gritli und ich meins noch nicht. Quel malheur cette guerre. [Eugen:] Armes Gritli, Du bist wirklich nicht schuld daran! Dies bezeugt Dir Eugen. [Postkarte: Photo von Offiziersgruppe vor Weihnachtsbaum mit "Prosit 1918" = Schild.] [Unter dem Photo:] Liebes Gritli, Eugen. [Rückseite:] Liebes Gritli, das Bild ist - hoffentlich - ein ...[?] und der Krieg geht zu Ende, ehe eine Neuauflage möglich wird. Ich lebe einen Tag an Eugens Hof (und sehe mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird - es bleibt jedenfalls genug davon für mich übrig). Mit dem Urlaub weiss ich noch immer nichts Genaues. Aber für den Fall dass: Mutter hat sich an Dich verschrieben; nun schreibt sie, sie hätte dich gebeten Anfang Februar zu kommen. Und daran halte ich mich, nicht an den Druckfehler mit dem 7ten. Den einen oder die zwei Tage Berlin erledige ich vorher, allenfalls ruhig ohne die Eltern, mit denen ich ja doch da nicht viel zusammen wäre. Aber vor allem, erst muss mal Mazedonien gesprochen haben. Es ist eine scheussliche Unsicherheit und alles bloss [weil] ich nicht Skat spiele! Dein Franz. [Eugen:] Natürlich: er stellt den Weihnachtsbaum auf den Kopf. [Mitte Januar 18] L.E., zu hause - oh pfui: bei der Formation fand ich deinen Geburtstagsbrief nach Mazedonien. Ich habe so eine Ahnung als ob ich dich hier nicht mehr sehen würde, entweder weil ich (sehr wahrscheinlich) keinen Urlaub kriege und also schleunigst fahren muss, um noch einen Schnitt Kassel zu machen oder ich kriege Urlaub und muss wegen der Sperre froh sein wenn ich durchkomme. Von Rudi noch nichts. Am Freitag sind wir qua Kurs vielleicht in Montmedy beim dortigen Flakgeschüz; vor Donnerstag weiss ich nichts Sicheres; ich werde dich ev. benachrichtigen. Reisetag ist wahrscheinlich Sonnabend. - Wilhelm Ohrs[?] Torheit[?] ist eine schlechte Reklame für die Fortsch. V.partei. Er hat auch den "Zug um den Mund". - Über Marcks war ich entsetzt, und dabei hatte ich ihn neulich noch, Weizs. gegenüber, in Schutz genommen. - Ich glaube, ich habe "Sinn für Quantitäten"; auf Rich. Ehrenberg als Hansdeterminante habe ich dich nur deswegen aufmerksam gemacht, weil du ihm als dem "Alten" ja sowieso begegnetest. Übrigens halte ich das Kennenlernen eines Menschen aus seinen menschlichen Pertinenzen für zuverlässiger als das aus Indiskretionen. Indiskretionen strafen sich selbst, indem sie das Bild grade verzerren. Denn was einer zu einem andern spricht, kann ich nur falsch verstehen; dagegen kann ich sein Andern zuhören ihm nachmachen und ihm dadurch mich nahe leben. Ich hatte noch einiges auf dem Herzen. Aber es wird schon spät und der Katzenjammer des wahrscheinlichen urlaubslosen WiedernachMazedonienmüssens spuckt vor. Dann waren die 40 Stunden in deinem Dunstkreis der Rausch. Dein F. [18.I.18] Liebes Gritli, Urlaub vom 19. ab; am 11. oder 12. muss ich wieder fort. Wenns möglich ist, so bring doch meine Briefe von 1916 mit; dann ordnen wir Brief und Gegenbrief zusammen; ich bin selbst sehr neugierig. Ich freue mich wie - nun eben wie ein Urlauber. Schneekönige freuen sich sicher lange nicht so. Dein F.
Februar & März 1918II.[2.]III.[18] Liebes Gritli, das Barometer steht noch unter Simplicius. Ich sitze zwischen seinen lebenden Kameraden, fahre immer weiter weg von dir und rieche ohne Aufhören an der blauen Riesenblume. Liebes Tröpfchen, wenn - und wenn - und wenn - Ich bin viel mehr als ich gedacht hätte voll von Unerzähltem und Ungesagtem, und vielleicht jetzt nie mehr Gesagtem. Als ich gestern Mittag in Dresden in der Droschke aus meiner allgemeinen Verduseltheit aufzuwachen versuchte und von Trudchens Schokolade essen wollte, lag ein Blatt von ihr darin, das wie ein Trompetenstoss in meinen Schlaf hineinfuhr, denn es stand das Wort darin, das einzige vielleicht, das mir in diesen Tagen - wie lange noch? - ganz unanhörbar ist: Unsterblichkeit. Denn ich bebe an allen Gliedern vor lauter Sterblichkeit. Hilf du mir, wenn du es kannst. - Ich küsse dich auf deinen blassen brennenden Mund - nein aber auf deine Finger und vornehmlich auf den einen, und spüre deine Hand auf meiner Stirn, auf der "steilen umdüsterten". - Ich schreibe ihm noch selbst. Dein Franz. 3.III.[18] Liebes Gritli, gesegnet die diversen Erfinder des Worts der Schrift des Bleistifts und der Feldpost - als ich gestern geschrieben hatte fing ich an mich wieder zurechtzufinden - ist nicht die Welt noch übrig, wie der Mensch unsres grossen Hasses und unsrer noch grössern Liebe sagt. Die Welt zwar noch nicht gleich die simpliciusische, aber immerhin doch schon die des Cohenschen Closettpapiers. Es war sogar ein ganz wunderbares Kapitel und mir sehr gesund. Gleich auf dem ersten Blatt stand: die Menschen sehen ins Auge, Gott ins Herz. Es war so nebenher gesagt, aber in diesem Umweg liegt alles. Ich kann ihn noch nicht abschneiden und du auch nicht. Wir sehen uns durchs Auge ins Herz. Liebes Gritli sieh! Ich habe dich lieb. 4.III.[18] Ich bin noch immer nicht wieder zur allgemeinen Menschenliebe fähig und sehe die Soldaten an als ob es Haustiere wären, noch nichtmal Tiere im Zoo (was sie doch sind). Ich habe den ganzen Tag in mich Eugen und dich hineingestarrt, und Eugens Wort von den Klangfiguren (aus dem grossen Gedicht) hat mich nicht losgelassen - ohne dass ich es verstand. Wir sind eben keine Klangfiguren, keine reinen Klänge. Was sind wir denn? Weiss ich's und will es mir bloss nicht sagen?? - Animula, ich ärgere mich, dass ich noch kein Wort von dir habe und dabei ist es ja natürlich ganz unmöglich und ich weiss ja, dass du mir schreibst wie ich dir. Ich denke an dich. 5.III.[18] Armes Gritli, ich glaube ich schreibe dir immer wenn mir besonders jämmerlich zu mute ist. Nimms nicht zu schwer - die Kruste wird schon wieder wachsen; diese zwei Monate Kriegslosigkeit waren zu viel. Und doch nicht zu viel. Und nun kommst du gar selbst, mit Buch, Handschuhen und beiden Briefen. Zwei so "erledigten"Briefen! Alles - sogar dem kleinen Georg sein "Gutes". Auch die Handschuhe sind ja nun erledigt; man wünscht sich ordentlich einen Winterfeldzug, um sie mit Genuss zu verbrauchen. Nur der Santo hängt noch unentladen am Himmel; hoffentlich reicht mein Italienisch zum glatten Lesen, sonst lasse ich ihn mir doch noch deutsch kommen; aber erst will ichs versuchen. - Ist es nicht schön, dass soviel "erledigt" ist? Du meintest, ich sollte die beiden Briefe lieber nicht lesen - nein es war grade gut so, ich musste aus dem Februar wieder in den Dezember zurückkucken und lernen dass ja alles gleich geblieben ist, im Februar nichts war, was nicht auch schon im Dezember war und schon im Juni, nein und schon viel länger, schon längst ehe wir nach Monaten zählten. Wir sind doch Klangfiguren. Haben wir uns denn im Juni 17 "kennen gelernt"? Doch wirklich nicht; sonst wären wir nicht gleich "so befreundet" gewesen. Februar ist nur ein Glied in der Kette. Liebes liebes Gritli -- o kleiner Georg! Aber von nun ab schreibe ich dir wirklich wieder mit Durchschlag! 6.III.[18] Liebes Gritli, doch lieber noch nicht mit Durchschlag, aber beinahe. Denk, als ich deine "gestrigen Briefe" bekam, dachte ich (natürlich): ach wenn ich doch auch einmal von dir träumte. Aber so etwas darf man nicht wünschen; es wurde mir erfüllt und war - ganz scheusslich. Nämlich ich war plötzlich aus Mazedonien zurück, aber nur auf ganz kurz, und wir waren auf meinem Zimmer und du hattest gar keine Haare auf dem Kopf, nur so unangenehme Stöppelchen. Ich war ganz traurig und sagte zu dir: "ach wenn es doch nur ein Traum wäre" und darüber bemerkte ich dass es einer war und wachte auf, halb ärgerlich dass ich nun doch wirklich in Mazedonien sass und halb froh dass du deine Haare noch hast. Aber schön wars nicht und nach diesem einen Mal zu urteilen hast du also kein Talent dich träumen zu lassen. Da du mir nun "heute nicht geschrieben hast", sehe ich nochmal in die gestrigen, ob nicht noch was zu beantworten drin steht. In die Kirche wird man freilich hineingeboren, aber ins Christentum nicht - das ist auch ein Fall von + [Kreuz] und vielleicht der eigentliche Antrieb der Bewegugng in der Kirchengeschichte. Mit den Leuten umgehn können auch Aristokraten nicht, höchstens besser mit ihnen fertig werden. Umgehen mit den Leuten kann überhaupt niemand und es wäre auch schlimm, wenn es eine so billige Art gäbe mit Menschen zu leben: man "geht mit ihnen um". Nein es bleibt einem schon nichts andres übrig als entweder wirklich mit Menschen zu leben oder mit ihnen "fertig"zu werden. Tertium non datur und was wie ein tertium aussieht ist leichtsinnige Selbsttäuschung, eine ins Praktische übersetzte liberale Theologie, also ganz gut zum Einpökeln der menschlichen Beziehungen, bis das Rechte vielleicht am Ende doch noch kommt. Wie schwer das ist, das haben nun während dieses Kriegs in allen Ländern Zehntausende erlebt - davon müsste man eigentlich nach dem Krieg etwas merken. Aber in solchen Dingen kommt alles immer ganz anders als man sichs vorher ausdenkt. Die Laubfrösche spüren den veränderten Luftdruck, aber nicht die Schwankungen des Herzdrucks. Deshalb können diese Dinge nur Profeten profezeien, nicht kluge Leute. Weizsäckers Brief war sehr schön. Was ihm so dringlich ist, (warum er über Natur, Eugen über Sprache philosophiert und doch dabei - dabei - über das selbe Ganze) ist genau so auch meine Frage; ich glaube freilich die Antwort zu haben. - Reizend ist wie er ihm die linierten Vogelbauer aufmutzt). Da war doch noch allerlei zu beantworten. Aber was mach ich nun morgen? Einen alten Brief beantworten, ist ja wirklich fast mit Durchschlag schreiben. Und schreiben muss ich dir wohl, solange mir ohne das noch übel zu mute ist (denn grade "so befreundet" sind wir). Bis morgen Dein Franz. 7.III.[18] Liebes Gritli, wie siehst du aus?? das habe ich nun von diesem unglücklichen Traum. Ich weiss nicht mehr wie du aussiehst, der geträumte Stoppelkopf schiebt sich davor. Ich suche mir vergebens alle möglichen Augenblicke wieder auf, Kleid und alles ist da, nur das Gesicht will nicht kommen. Sogar das sonst sichere Mittel, an eine Fotografie zu denken (die auf Mutters Schreibtisch), versagt: auch da die ganze Haltung, nur nicht das Gesicht. Befreie mich von dem blonden Glätzchen - und von einem zwischendurch mich plötzlich foppenden ebenso unsinnigen Reminiscenzlein an eine Primanertanzstun-dennuttigkeit. Schick mir ein Bild, irgend eins egal welches, damit du wieder da bist. Es braucht gar nicht das richtige zu sein, das hat Eugen und ich will es nun nur von ihm haben und nur wenn er es mir von selbst, ganz aus eigenem Einfall, schickt; also das darf es gar nicht sein, sondern irgend eins. Du hast ja mein "richtiges", die Jonassche Zeichnung; ich werde dir mal die, auch Jonas selbst unbekannte, Entstehungsgeschichte schreiben; dann hast du nicht bloss das Porträt, sondern auch eine Illustration oder weingstens eine Vignette zu etwas. Also schick, dann erzähle ich. (Das ist ja ordentliche Erpressung). Aber jedenfalls schick. Im Anzeigenteil des deutschen zionistischen Wochenblatts "Jüdische Rundschau" stehe ich mit Gustav Meyrinks Gesammelten Werken unter "Neue Bücher" folgen-dergestalt: Franz Rosenzweig: Zeit ists... Hermann Cohen gewidmet. Interessanter Bei-trag zur Psychologie desjenigen Teils der deuschen Juden, "welcher sein Judentum irgendwie im Rahmen der deutschen Volks= und Staatsgemeinschaft auszuwirken gedenkt" und, fügen wir hinzu, den rechten Weg nicht findet. - M1 Porto 10 Pf. Nun weiss ichs also. - Heut abend kommt Post, aber für mich kann noch nichts dabei sein. - ich möchte das Papier zerreissen. Gritli - wie siehst du aus? 7.III.[18] Liebes Gritli, nun bist du doch da, die Post kam und brachte den 1.März. Was ist das für ein wunderliches Zickzack, das so ein paar 1000 km Raum in die vorgeblich so ruhig abrollende Zeit bringen. Heut ist mein 7.März und nun kommt dein 1ter und nun ist auch mein 1ter wieder da. Mir verschlug es wirklich das Wort, ich konnte dir erst am 2ten schreiben. Und nun schlägt mein Herz hin und her zwischen 1tem und 7tem, zwischen Weinen und Lachen. Ich hing ja wie im Leeren, ich fiel nicht, aber ich hing, nun sitze ich wieder, du hast mir meinen Stuhl hingeschoben; du weisst ja, ich bin ein Stuhlmensch wie du ein Erdmensch - dir ist doch nur wohl wenn du kein Stuhlbein zwischen dir und dem Boden hast. Immer hin und her - Eugen und Schiller haben recht: die Zeit ist Eine blühende Flur, Was ist heute und gestern! Ich musste nach Mazedonien müssen, um es zu lernen. Gritli, du brauchst mir kein Bild zu schicken das wird alles wiederkommen - ich brauche dich gar nicht zu sehn, ich spüre dich - du bist da - es ist wie wenn du seitlich von mir sässest, da sah ich dich auch nicht und du warst doch da. Gritli Gritli liebes Gritli Du findest mich ja "auf der Strasse"! Ich flüchte nicht mehr vor dem Wort Unsterblichkeit - ich habe die Menschen wieder lieb. Bleibe! [8.?III.18] Liebes Gritli, warum kommt die Post nicht wenigstens täglich? Heut ist wieder der postlose Tag und ich bin es nun schon gewöhnt, dich und seis auch eckig und glatt hier hereinkommen zu sehen. Eckig und glatt - es ist ja so gleichgültig; auch die nächste rundeste Fühlbarkeit ist noch keine Nähe. Wir sind immer nur auf dem Weg zueinander hin. Wär es anders, die Menschen könnten sich genügen und wären einander genug. Aber sie sind es sich nie. Ich schreibe dir ja eine richtige Sonntagsvormittags 10 Uhr = Predigt! Aber ich habe eigentlich mehr das Gefühl, es ist eine Antwort auf etwas was du mir geschrieben hast und was noch nicht in meinen Händen ist. Ich sehe ja deine Briefe heranreisen, eine sonderbare Landkarte Europas mit kleinen weissen rechteckigen Fleckchen drin: eins noch auf Sichtweite von hier still liegend und auf unsern Postempfänger morgen wartend, eins vielleicht auch noch auf Sichtweite auf der kleinen Pferdebahn am andern Rand der Ebene, eins im Lastauto über den Pass rappelnd, eins in der Bahn in Serbien oder irgendwo in Ungarn, eins in Deutschland oder vielleicht grade auf deinem Schreibtisch. Aber wo mag der sein? Noch bei uns oder doch schon in Hinterzarten? Ich glaube du tust Mutter gut. Ich hatte zuletzt ein böses Gewissen gegen sie. Es ist mir zwar eine unmögliche Vorstellung, sie mit dir über 1914 sprechend. Sie weiss zu wenig davon. Ich kann jemandem doch nichts erzählen, wenn ich nicht das sichere Gefühl habe, er weiss es auch ohne mein Erzählen. Das ist ja auch der Grund, nebenbei bemerkt (und nicht nebenbei bemerkt), weshalb man sich Gott "allwissend" vorstellen muss - was sonst doch ein blosses privates Fündlein der Philosophen wäre. Liebes Gritli, weisst du noch, dass ich Eugen gegenüber das "L.E." trotzdem ers längst wünschte, erst abtun konnte, als du hinzugekommen warst? - Das ist auch eine Antwort auf einen deiner Unterwegsbriefe oder mindestens auf einen ungeschriebenen aus den letzten Tagen - und ausserdem auch ein Zusatz zu dem was ich dir gestern schrieb. Der braune Klex da oben [Pfeil] stammt von einer der mitgenommenen Trixzigarren, die ich ganz sparsam aufrauche, weil an jeder das ganze grüne Zimmer hängt und zwanzig nach Tisch = Stunden. Ach was sind das alles für schwanke Brückchen. Ich hatte doch nicht recht, mit dem was ich vorhin schrieb. Nähe ist wenig und doch alles! o du Nahe! Dein. 9.III.[18] Liebes Gritli, die Zeit schlägt einen neuen Purzelbaum. Ziemlich sicher (entscheiden muss es sich in den 2, 3 nächsten Tagen) komme ich zum Kurs nach Warschau, der am 18. beginnt. Vielleicht kann ich doch über Kassel hinfahren. Ob du noch da bist? und wie es mit Tante Julie sein wird? Diese 7 Tage Zwischenraum! Über die man nicht hinüberspringen kann. - Aber Warschau das heisst 2 Tage Briefentfernung und das ist fast Sehweite. - Ich komme aus dem Rechnen gar nicht heraus. Und nun kam die Post vom 2. u. 3. Wir haben uns zur gleichen Stunde das Gleiche geschrieben, du hasts geflüstert, ich habe geschrien - das ist der ganze Unterschied - du warst ja auch unter Menschen, ich war allein. Ich habe es die ganzen Tage seitdem immer wieder geschrieen; es ist so und es soll so sein wie du es sagst und wenn ich nicht in deiner Liebe ihn mitlieben kann, jeden Augenblick und ohne Unterschied, so bitte ich den, den man bitten kann, das er mir die Kraft gibt, auch den Schlüssel zu den neun erlaubten Türen von mir zu werfen ins Nichts wo es am tiefsten ist. Den Finger, Gritli, den Finger! Hilf mir und hab mich lieb. Gritli ------------ liebes Gritli ---- [10.?III.18] Liebes Gritli, heut habe ich dir Werfel vorgelesen. Es war sehr schön. Hast dus gehört? Franz. 11.III.[18] Liebes Gritli, ich bin stumpf heute, in der Unsicherheit ob ich hier bleibe oder nach Warschau gehe. Der Verkrustungsprozess wird durch so etwas verzögert - obwohl ich die Kruste ja in Warschau genau so nötig habe wie hier, aber der möglicherweise eine Tag Deutschland dazwischen - das ists. "Ort und Stunde" ziehen immer neue Saiten auf, um uns zu beweisen, dass sie wirklich "das Wichtigste bei jedem irdischen Ding" sind. Geografie und Chronologie lassen uns nirgends los und nie - würde ich dichten wenn ich Eugen wäre. In den letzten Tagen habe ich viel über meine eigene Chronologie in der Vergangenheit nachgedacht und fand sie viel einfacher als ich wusste; die Erdgeschichte und die planetarischen Konstellationen in klarster Übereinstimmung. Die Knoten, vor 1913, liegen 1909/10, 1906/07, 1900/01 - so alt bin ich schon, denk! Die Kindheit liegt auf einer Insel ganz für sich und ganz komplett. Sie ist vielleicht sogar die einzige ganz komplette Welt, die man besitzt, bis man einmal alt geworden ist und dann das ganze Leben hinter einem so da liegt wie jetzt bloss die Insel der Kindheit. Die man besitzt - wenn man sie besässe und nicht vielmehr nur besessen hätte. Die ganzen älteren Werfelschen Gedichte leben ja von diesem Rückblick zur Kindheit. Das Gefühl des Wir sind kann er ja nur an dieser Welt jenseits seines Lebens sich erfühlen. Er macht Anleihen bei dieser Welt, ja er bettelt sie gradezu an. Denn diesseits in seinem wirklichen Leben, wo Ort und Stunde regieren, kommt er nicht drum herum, Ich bin zu sagen und nicht Wir sind. Und in den neuesten Gedichten hat er sich denn auch wirklich entschlossen, ich zu sagen. Deshalb sind sie viel gewöhnlicher als die früheren. Es ist aber fein, dass er keine "Spezialität" daraus gemacht hat, sondern weitergeht, auf die Gefahr sein Dichtertum zu verlieren; in der langsätzigen Prosa dieser neuesten Gedichte steckt mehr als ein "Dichter". Such dir mal im Zarathustra das Kapitel "Von den Dichtern" heraus; da ist von ihm geweissagt, am Schluss wo er die neuen Dichter weissagt: "Büsser des Geistes, die wuchsen aus ihnen". - Ich lese im Santo - Sei mir gut. Ich bin es dir auch. Dein Franz. 11.III.[18] Ach, Gritli, die Ohren haben mir am 4ten Abends wohl gar nicht geklungen, soviel ich mich erinnere. Ich sass in Prilep im Soldetenheim bei einem Kerzenstumpf und schrieb mit dem bekannten preussischen "eisernen Pflichtgefühl" den Aufsatz für Kaplun = Kogan fertig - der wohl auch danach (nach "Pflichtgefühl") geworden sein wird. Dazu schimpfte ein rheinländischer Angestellter auf Grund von Beichterlebnissen seiner Frau und seines Töchterchens wütend auf die Pfaffen und was damit zusammenhähgt und ein schöner Norddeutscher mit handwerklichem Pietistenkopf suchte ihm vergebens Widerpart zu halten. Dann versuchte ich Cohen zu lesen, hörte aber zwischendurch einem Jägerfeldwebel zu, der vom Westen erzählte und muss mich benommen haben wie von einem andern Stern, fühlte mich überflüssig und legte mich schlafen. Zwischenhinein werde ich wohl an dich geschrieben haben. Das war mein 4ter März Abend. - Aber über deinen habe ich mich gefreut. Ich hatte schon zu resignieren versucht für dein und Trudchens Zusammenkommen. Grade das was man für selbstverständlich hält, will ja manchmal nicht. Und Trudchen hat Hemmungen, - die ich an ihr liebe, weil sie ihr Schicksal und mein Wille (lange Zeit empfand ich: meine Schuld) sind, die aber für den Dritten wohl nur hemmen. - Aber du bist ja eben kein "Dritter" hier. - Ihr Blatt hat sie dir wohl nicht gezeigt; selbst wenn sie ein Unreines dazu hatte was ich noch nicht mal weiss. Aber nachdem sie dir meine Antwort, die kaum eine war, gezeigt hat, will ichs dir abschreiben. Du wirst dann auch erst begreifen wie es mir kam, wie erschreckend und zerreissend, so dass ich gar nicht gleich anfangen konnte zu klettern und auch jetzt noch auf halber Höhe halte. - Ich bin auch froh, dass dir Eugen die Briefe schreibt die du brauchst; ich weiss dass ich dir sinnlos rücksichtlos schreibe, nur wie ich es brauche und kaum fühle ob es dir wohl oder weh tut. Es muss heraus und du musst es aushalten. Und willst es ja auch. - Hier kommt Trudchens Blatt: Auf Wiedersehn! - ich muss es dennoch sagen Das ganz verbrauchte Wort; Den Kindern wards zum vaterländschen Sport In jenen leidenschaftlich grausen Tagen, Als eng die Grenze uns umband, Und zur Gewohnheit wards im Land In den bedrängten, engen Jahren. Doch da die Märzenstürme brausend wollen Das Band zerreissen, das gefesselt hält, Dass wieder weiter werde unsre Welt, Da sag ich es noch einmal mit dem vollen Tönen der Tiefe dessen, was geschehn: Auf Wiedersehn - Auf dass du nicht entgleitest Im Sturm der Zeit, Noch festeren Grund bereitest Deiner Unsterblichkeit, Wie du im Hoffnungsgrün Stehst heut, da Wolken türmen, Sollen dir nach den Stürmen Noch Sommerblüten blühn. Du siehst, es handelt wieder von "Raum u. Zeit". Alles handelt davon. Die "Grenze"! Und die "Ahnungen", deren ich mich übrigens jetzt schäme, nachdem sie auf dem Weg hierher immer bestimmter geworden waren. Ich habe nämlich früher nie welche gehabt, und auch diesmal war es mehr Vernünftelei, mehr das alberne "Ring des Polykrates" = Gefühl (ein wirklich dummes Gedicht!): Nachurlaub, die Berliner Anfänge u.s.w. - Es ist Betrieb um mich herum. "Fliess" ist wieder im Land und stellt alles auf den Kopf. Ich will zu Abend essen; - eigentlich war es auch in der Beziehung in Kassel blödsinnig schön. - Warschau scheint nichts zu werden; sonst müsste der Befehl schon da sein. Es schadet nichts; ich bin grade im besten "Eingewöhnen" hier und lebe schon auf den nächsten Postempfang hin. Schlaf gut, liebes Gritli. [12.?III.18] [Anfang fehlt] Heut morgen verlässt mich unser Zauberflötenersatz = Beethovenandante nicht, - obwohl ich mich auf den Wortlaut genau so wenig besinnen kann wie, noch immer, auf den Wortlaut deines Gesichts. - Da fällt mir sogar grade der Wortlaut des Satzes ein! der andre natürlich nicht; damit bin ich schon ganz abgefunden. Was war das für ein wunderschöndes Geschenk des Zufalls, dass es an jenem Abend mit Carmen nichts wurde. Elsabell hat freilich ein ganz andres Schicksal wie du, in jedem Zug anders, aber ihr seid ja eben auch bloss Geschwister. Familienähnlichkeit und doch ein ganz andres Leben. Vom Santo habe ich erst ein paar Stellen vorweggelesen, das Gespräch mit Elia Viterbo, die Geschichte von den 3 Ringen oder vielmehr den 4 Teufeln; dann ich bin ich richtig hineingestiegen und freue mich am Italienischen, das doch eigentlich weder mit Lateinisch noch mit Französisch mehr als eine ganz äusserliche Ähnlichkeit hat. Es ist ein Gesicht ganz für sich und spricht michtunmittelbar an, ohne Umweg über das Übersetzen, wie sonst keine moderne Sprache und von den alten auch nur griechisch und hebräisch. Auf das Buch war ich seit Jahren schon neugierig, ohne die geringste Ahnung was eigentlich drin stehn möchte. Diese Zwiebelbriefe die ich dir schreibe!, du liest sie doch hoffentlich nicht wie man die Zwiebel entblättert, sondern von inne n nach aussen. Sie entstehen so durch die seltenen Postabgänge und weil ich nicht nochmal ansehn mag was ich geschrieben habe, - ich könnte jetzt gar nicht mit Durchschlag schreiben. Ich muss immer neu zu dir flüchten können. - Immer wieder: "ich muss" "ich brauche" und gar nicht gefragt, was du brauchst - o Tröpfchen. Warum haben wir uns nicht gleich am ersten Tag du gesagt? Wie konnten wir 14 Tage lang auf Sie = Stelzen nebeneinander her laufen? Dein Franz. [13./14.III.18] Liebes Gritli, ich barme sehr nach der Post. Mit Warschau ist es nichts. Dafür kann ich Ende des Monats nach Üsküb zu den Feiertagen. Ich bin es ganz zufrieden so; ich war eigentlich bei dem Gedanken, wieder auf einen Tag, und nur einen Tag, zu hause zu sein, fast erschrocken. - Der Santo ist trotz des aufregenden Inhalts gar kein aufregendes Buch, vor lauter Anschaulichkeit. Darin ist es ähnlich wie Tolstoi. Und das ist wohl auch seine Grenze. Nämlich dies: dass die Dichter ihren Stoff nicht erfunden hätten, wenn er nicht schon da wäre. Während die ganz grossen Dichter ihren Inhalt s'il n'existait pas, inventiert hätten. Wie Dostojewski das Christentum. - Die "Grossmacht" Kirche ist ganz darin, weit mehr als etwa in Newmans Apologie. Im Postsack lag dein Brief vom 5ten (neulich machte ich den Sack selber auf, da lagst du gleich zuoberst!) und hat mir warm gemacht; ich bin voller Antwort. Ich bin etwas aus der Fassung über die Adresse; ich wusste es doch natürlich, aber ich hatte mich so daran gewöhnt, dich in Terrasse 1 zu sehn, - ja eigentlich Terrasse 1 zu sehn, dich "sehe" ich ja nicht; nun sehe ich also weder dich noch dein "Milieu" - ich glaube, wenn ich das merke, so giebt dies hier einen Brief von der Höhe der Kletterstange, einen der nach Durchschlag schreit. - Und übrigens, da du mich durch eine Adresse verstörst, gleich die Revanche: bis zum 23. schreib mir "m. Br. Armeerabbiner d. XI. Armee Dr. Lazarus Dtsche Etappeninspektion XI. Dt.Feldpost 176. Und am 24. u. 25. ebenfalls "mit Br. Armeerabb. d. XI. Armee Dr. Lazarus, (aber:) Kommandantur Üsküb". Was wird Frau Picht sagen, wenn sie etwa dir diesen Brief in den Kasten stecken sollte! Ich aber sage, dass ich dich auch dort schrifthaftig bei mir haben möchte, trotz der Befreiung aus Egypten, denn du weisst ja - ich schrieb es dir im Sommer einmal: du - und alles Du zwischen Menschen, die nicht im Du geboren sind - du bist nur der Vorbote der letzten Befreiung, und die wird nach dem Profeten ein grösseres Wunder sein als die erste. Also komm du zu mir auch in den Üsküber Tagen. Mutter ist dir um zwei Posttage voraus; sie schreibt schon vom 6. u. 7., und erst am 7. hat sie Nachricht von mir, offenbar einen Brief, den ich in der Nacht vom 3. zum 4ten - nein aber am 3. einwarf, von unterwegs. Ich schreibe morgen früh weiter. Ich will heut abend noch etwas im Santo lesen. Felicissima notte -- Gritli! 14.III.[18] Ich bin mit bösen Gedanken aufgewacht. Wenn ich nun jetzt nach Warschau gekommen wäre, so hätte ich dich noch in Kassel getroffen. Es ist besser so. Lieber den Gleichtakt der Briefe aus der Ferne, der so nahen Briefe aus der Ferne, als so ein einzelner Tag. Frühlingsanfangstag - im Feld hat man andre Jahreszeiten. Voriges Jahr fing der Frühling an an dem Tag wo ich nach Üsküb ging, obwohl das Wetter nicht anders war wie die ganzen Tage vorher; aber ich ging, ich war mein eigner Herr, hatte ein paar Tage frei vor mir mit selbst zu findenden Menschen; der Wachtmeister bei der Protzen hielt mich für übergeschnappt, dass ich nicht auf unsrerm Fuhrwerk fahren wollte, das grade den gleichen Weg machte, sondern die paar Stunden bis zur ersten Feldbahn lieber allein mit meinem Rucksack machte. - So ein Frühlingsanfangstag kann also auch ganz ausbleiben. Nun muss ich dir etwas schreiben, trotz der Adresse, unter der der Brief zu dir kommt. Pichts Brief. Er hat mich furchtbar erschreckt. Trotz allem was du mir gesagt hattest, so hatte ich es mir doch nicht vorgestellt. Diese temperierte Fremdheit, nach so viel Jahren! Da ist etwas unrichtig. Und zwar nicht auf Eugens Seite. Der Liebende ist immer im Recht. Ganz einfach: Picht ist ein kurzatmiger Mensch. Das Wort vom Takt, der zum Christsein gehöre, das mich so erfüllt hat, das hat er - fürchte ich - geschrieben ohne selber von seiner Furchtbarkeit ganz erfüllt zu sein. Denn sonst könnte er nicht so beruhigt die Grenze, wo die Liebe aufhört und der Takt anfängt, so gar dicht um sich und seine Allerdichtesten ("Nächsten" darf man doch hier nicht sagen - denn wer wäre mehr sein Nächster als der Mensch Eugen der so nach ihm schreit) herumziehn. Hätte seine Liebe den langen Atem, so würde sie es in dieser umzäunten Enge nicht aushalten. Sieh, es ist wieder das alte Lied: die frühe Heirat, die den Menschen da abschneidet, wo sie ihn trifft. Nun bleibt es bei dem Geheimchristentum des Geheimbüchleins, und in dem gezogenen Kreis kann er noch atmen und kann sich neue Widerstände erleben und wird so drinnen nie erstarren (ich denke an das Kapitel in K. u. K. vom Mann und Weib), wird immer ein lebendiges Feuer bleiben, und doch wird seine Wärme nie durchschlagen ins Grenzenlose, ins Freie, in das ihn der Schöpfer doch hineingeschaffen hat. Wer ihn befreien könnte, der müsste ihn so gewaltig pressen können, dass er meinte ersticken zu müssen und einen tiefen Atemzug täte. Einen einzigen, den ersten seines Lebens! aber es würde nicht der letzte bleiben. Aber wie sollte er je bis an die Erstickungsgrenze kommen! seine Frau würde ihm ja von ihrem Atem abgeben und so ihn immer vor diesem Äussersten bewahren. Nur das Schrecklichste was ihm geschehen könnte, könnte ihm helfen. Und wer darf das wünschen, ja auch nur denken. - Die Schrift ist auch nicht gut, sowenig wie Eugens oder meine. Diese Schriften sind alle zweideutig. Sie bestehen aus starken und schwachen Buchstaben. Stark ist bei ihm z.B. das M. Stärke und Schwachheit sind eben bei Männern zwei geschiedene Dinge. Bei Frauen ist das ja anders und deshalb giebt es soviel leichter gute Frauenhandschriften. Frau Pichts ist gut, deine auch. Ihr habt keine verschlafenen Buchstaben neben den lebendigen. - Ich glaube, für Picht ist die Selbsttäuschung, ein tätiges Leben zu leben, die Scheinerlösung vom Banne des blossen Intellektuellentraums, die der Krieg so billig gewährt, gradezu ein Unglück. Eine richtige Tätigkeit mit mehr Inhalt und weniger Schein, wie sie der Frieden, überhaupt jeder nichtmilitärische Betrieb, verlangt, wird einmal gut für ihn sein, - einfach weil das Takthaben doch nirgend so leicht ist als in dem so schon taktmässig ablaufenden Uhrwerk des "Militarismus". - Aber was geht mich Picht an! Eugen geht mich an. Es täte mir leid, wenn er hier lernen sollte bescheiden in seinen Ansprüchen und Wünschen zu werden. Bescheidenheit ist immer ein Laster. Etwas andres ist es mit der Geduld, und wohl unwillkürlich hatte ich es mir nach allem was ich wusste so vorgestellt, dass Eugen wartete. Aber wie ich nun gestern abend plötzlich den Stand der Dinge zum ersten Mal unmittelbar mit Augen sah und sah wie weit es nun über dem Warten gekommen war, erschrak ich und fürchte dass er resigniert. Absit. Greda gegenüber wird dich das Geschriebene doch nicht beengen? du wirst es am besten los, wenn du mir gleich wieder schreibst. Und sonst - ich kanns nicht ändern. Es stand noch etwas in deinem Brief, was mir schon seit ich fortging, immer wieder auf der Zunge lag (ach Gott! die Zunge ist von Graphit) und was ich doch nicht fragen mochte. Nun fängst du - o herrliche Selbstverständlichkeit, dass es so ist - selber davon an. Ich hatte keine Vorstellung von deinem Protestantismus, am wenigsten von dem, den du gegen Eugen verfochten haben könntest. Allerdings dachte ich auch nicht, noch weniger, an einen eindeutigen Hang zum Katholischen und hatte den katholischen Kirchgang vom letzten Sonntag, den ich ja aus deinem Brief merkte, bloss für zufällig, nicht für selbstverständlich gehalten. Die "sichtbare"? Was ist denn sichtbar? die Stickereien, die Bilder. Aber das eigentlich Sichtbare, die Menschen, unter den Sticke-reien, vor den Bildern, die sind in Rom ebenso sichtbar = unsichtbar wie in Genf u. Wittenberg. Und die wahre Sichtbare wäre doch die, wo die Glieder des Leibes selber, also eben die Menschen, sichtbar wären und nicht die Gewänder, bei denen doch immer die Gefahr ist, dass es umgekehrt geht wie in dem Andersschen Märchen von des Königs neuen Kleidern. Ich trage die Sache mit mir herum, weniger für dich als für Eugen. Denn während es für Rudi gar nicht gefährlich wäre, wenn er katholisch würde, wäre es für Eugen ein Unglück. Eugens Trieb zum jeweiligen Gegenteil, zur "andern Seite der Wippe" würde dadurch der Eckstein seines Lebens werden und während er bisher doch nur die Unruhe in seinem Uhrwerk war würde es dann eine schwere unverrückbare Last sein. Denn er ist eben doch Protestant, Ketzer oder wie du willst, und der Katholizismus, der Grossinquisitor ist ihm immer nur sein "Andres", sein Gegenüber. Es wäre schlimm, wenn er sich auf sein Andres festlegen wollte. Und eben du kannst ihm helfen, weil du das hast was er nicht hat: protestantischkirchliches Erbe: Du musst die Erbschaft nur wirklich antreten. Der Sonntag Vormittag tut es nicht, die katholischen Glocken brummen tiefer und die Glöcklein zittern heller, da kommt die Lutherkirche nicht gegen an. Das protestantische Erbe ist aufgespeichert zwischen Buchdeckeln. Lies die grossen Ketzer. Seit der Kirchentrennung hat die Una sancta keine Ketzer mehr. Vor Luther war sie ja "katholisch" und "protestantisch" in einem. Aber seitdem sind die Ketzer der Eigenbesitz der neuen Kirche geworden. Lies Eugens Abscheu Kierkegard. Oder wer dir sonst zwischen die Finger kommt. Lies gar nicht, sondern denk bei denen, wo man sonst kaum daran denkt, dass sie Christen sind, denk bei Schiller Goethe und Consorten dass sie in der protestantischen Kirche und nur in ihr gross werden konnten. Denk dass der Heide an der katholischen Kirche zum Voltaire wird, in der protestantischen zum Goethe. Zur Protestantin kannst du dich auf Grund deines Erbes bilden; Kirche und Christentum ist eben immer wieder zweierlei; als Christin kannst du jenseits von beiden Kirchen wohnen, musst es sogar. Aber um Eugens willen wachs ein in dein Eignes! - Liebes Gritli - nein ich habe nicht mehr geschrieben als ich durfte. Und du sagst noch etwas, aber ich weiss nicht ob ich recht darauf antworten kann. Die "Einheit im Raum", die der Ewigkeit für die Zeit entspricht, ist doch - das Himmelreich. Aber während von der Zeit zur Ewigkeit jeder Augenblick und vor allem jedes letzte Augenschliessen die Brücke schlägt, gehen vom Raum zum Reich Gottes keine festen Brücken, sondern nur der harte langsame bodengefesselte Weg über die Eine Erde. Die Seele hätte keine Weltgeschichte nötig. Aber weil wir Leib und Seele sind und also dem Gesetz des Raumes untertan, deshalb geht der lange Weg in der Zeit über die Erde. Die Ewigkeit umrauscht uns in jedem Augenblick, es brauchen uns bloss die Ohren aufgetan zu werden, im Leben und im Tode; sie war, ehe die Welt geschaffen wurde. Aber das Reich Gottes wird. Gott lässt sich leicht lieben, der Nächste sehr schwer (weil sich Gott schenkt, aber der Nächste nicht). Und doch -- hab du mich lieb! Franz. 15.III.[18] Liebes - oder vielmehr Braves Gritli, du musst mir gelegentlich, wenn du sie mal findest, Stellen aus Eugenbriefen über den Santo abschreiben. Es schwant mir als ob er mir auch einmal davon erzählt hat, aber ich weiss nichts mehr davon. - Und trotzdem: Dass der Heilige hier nicht zum Ketzer wird, sondern eben doch wirklich zum Heiligen, das ist gewiss die Stärke der kath. Kirche, aber auch ihre Schwäche. Sie schlägt auch um den Ketzer ihren grossen blauen Mantel und ist stark durch seine Demut; aber sie raubt dem Christentum die lebendige Kraft, die von dem unheilig freien Ketzer ausgeht. Das grosse Wort, das der Santo selbst in dem Vortrag vor den Intellektuellen sagt (der Protestantismus baue auf dem toten, die kathol. Kirche auf dem lebenden Christus) mag - vielleicht - als Kritik gemeint sein, ist aber keine; denk an Rudis Pfingstmontagspredigt über "euer Herz erschrecke nicht; meinen Frieden lasse ich euch", um zu sehen, was dies Bauen auf dem Gestorbenen bedeutet. - Nachher kommst du wieder. Ich freue mich auf dich. - Eben wirst du von 2 Gäulen den Berg hinauf gezogen. Und bist nun da, mit zwei Briefen, vom 7. u. 9. Warum schreiben wir uns? doch mehr um des Schreibens willen als wegen des Augenblicks des Empfangens. Denn wir antworten uns ja schon im Schreiben, längst ehe uns das Geschriebene in die Hand kommt. Und doch sehne ich mich nach deinen Worten, und wenn es nur um die Bestätigung wäre. Ich "weiss" nicht mehr wie du, aber das weiss ich auch. Ich habe dir ja inzwischen das Gleiche geschrieben. Ich küsse die Hand, die dich hält, in die du deine gelegt hast. Liebe Liebe, ich bin ja nicht über die Sterblichkeit erschrocken; sondern bis zum Rande voll vom Gefühle meiner Sterblichkeit stiess der Ton "Unsterblichkeit" auf Trudchens Blatt in mich hinein und entsetzte mich. Nun nachdem du das Blatt selbst gesehn hast, musst du das verstehn. Ich mag nicht mehr sagen. Und du wirst es auch so schon verstehn. Glauben Vertrauen Liebe kannte ich schon lange; aber was es heisst: ihm danken - das weiss ich erst seitdem. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Stille! auch vor dir. Gute Nacht. 15.3.[18] Liebes Gritli, Ich danke dir für das Buch. Ich bin nun fertig damit und kann noch nichts "darüber" sagen. Es ist ja gross wie die Wirklichkeit selber; es spricht von den Geheimnissen der Seele ebenso einfach, ja noch einfacher, wie von dem Sichtbaren der Strasse. Hier ist das, was ihre Gelehrten nicht haben, eben die Einfachheit. Und was sie auch nicht haben können, sowie sie eben bei Einzelfragen bleiben. Der Katholizismus kann nur "katholisch", nur als Ganzes gesehn werden; jedes Herausgreifen eines Einzelnen führt zur Karrikatur. Und dies Ganze ist hier da und daher die Wahrheit bis ins Innerste. Nochmal Dank. Dein Franz. 16.III.[18] Liebe, "schade" sage ich auch, aber eigentlich mehr dass du es alleine hast lesen müssen; das geht eben wohl doch nur mündlich. Alleine hast du dich wie du selber ja fühltest, verstiegen; ich will sehen, dass ich dich von dieser Martinswand wieder heruntertrage. Am Fremden das Eigene erfahren, das geht ja immer so. Eugen zitiert (ich weiss nicht woher): nur aus dem Fernsten kommt die Erneuerung. Ich habe ja auch ursprünglich am Christentum das Judentum begriffen; das Selbstverständliche hört eben durch das Andre auf "selbst" = verständlich zu sein und wird so verständlich. Aber aber - ich weiss von mir selbst her, wie man dabei doch in Gefahr ist, das was einem selbstverständlich ist, unwillkürlich auch in das Fremde hineinzusehn. So ist es mir bis zu jener Leipziger Nacht (es ist das die wissenschaftliche Seite des damals Geschehenen) mit dem Christentum gegangen: ich liess es nur als ecclesia pressa gelten und schon die militans, erst recht die triumphans waren mir Entartungen; das Jahr 313, wo es Staatsreligion wird, ein Abfall. So gab ich der wahren Kirche das Gesicht der Synagoge. Nun hör: Monotheismus ist natürlich ein schreckliches Wort, und Cohen grenzt allerdings damit das Judentum gegen das Christentum ab, wie es jeder Jude tut, der das Bekenntnis sagt. Die "13" Eigenschaften sind ja eben keine 13, sondern diese offenbar sonstwoher heilige Zahl wird gewaltsam in die Stelle hineingedeutet, indem z.B. der doppelte Anruf des Gottesnamens zu Anfang als zwei "Eigenschaften" gezählt wird - Gottes Liebe ehe und nachdem der Mensch gesündigt hat - u.s.w. Es sind eben doch alles nur Umschreibungen der einen dem Menschen einzig erreichbaren Eigenschaft Gottes, der Liebe. Alles andre, die "Eigenschaften seiner Gerechtigkeit" bleiben dem Menschen immer dunkel. "Wie Er barmherzig ist, so sei du es" sagt der Talmud, aber nicht "wie Er gerecht, so sei dus". Du siehst aber: da ist nichts zu vergleichen. Sondern dem jüdischen "Einzig" entspricht das "Christus allein", das "sola fide" der Reformation. Um dessentwillen ist das Christentum "Monotheismus". Was ist denn das Wesen des Heidentums? Dass man vor einem Gott beim andern Schutz findet. Der Euripideische Hippolytos dient der Artemis und beleidigt dadurch die Aphrodite, Orest gehorcht dem Apollon und erweckt die Eumeniden. Das ist nun, wenns nichts Schlimmeres (nämlich Davonlaufen) ist, das was wir auf der Schule bei Max Pikkolomini u.s.w. als "Konflikt der Pflichten" kennen gelernt haben. Eben diesen Konflikt kennt die Offenbarung nicht, weil sie den unbedingten fraglosen einzigen Befehl in den Menschen schleudert (denk an die Worte vom Zurücksehn und vom Totenbegraben). Darin also giebt das Christentum dem Judentum nichts nach. Und deswegen verwehrt das offizielle rabbinische Judentum seit langem, den Begriff des "Götzendiensts" auf das Dogma von der Dreieinigkeit zu beziehen. Ja und? Es bleibt dennoch ein grosser, ein unüberbrückbarer Unterschied, nicht im Gefühl – das kann gleich stark sein, ob einer nun "allein" oder "einzig" sagt - aber im Ziel des Gefühls. Das jüdische Einzig zielt auf Gott selbst ,auf den Vater unmittelbar ohne etwas dazwischen, das christliche Allein bleibt auf halbem Wege stehn, bleibt eigentlich in der Welt, und es ist die ganze Verstandeskunst des Dogmas nötig, um den Zusammenhang der Welt mit Gott, des "Sohns" mit dem "Vater" zu sichern. Vom Dogma sagt Cohen mit Recht (mit geheimnisvoller Stimme und entsetzter Miene): "ich will Ihnen etwas sagen"!!! es hat noch niemand daran geglaubt!!!!!!" Aber sicher! das Dogma ist auch gar nicht dazu da, "geglaubt" zu werden; geglaubt wird Christus, das Dogma wird gewusst. Das Judentum braucht das Dogma nicht, weil es ja schon im Gefühl die Welt überspringt und sie freilich darum auch nicht besitzt. Und deshalb darf Cohen den jüdischen Monotheismus als reinen Monotheismus ansprechen. Es ist mit der Erbsünde so etwas ähnlich. Auch ungeheuer tiefsinnig als Gedanke und doch eben bloss ein Gedanke (Dogma und Gedanke ist übrigens glaube ich Ein Wort). Wie Cohen es in Worte bringt, ist es weder spezifisch Cohensch, noch spezifisch jüdisch. Denk an das Wort vom reuigen Sünder oder an Luthers viel = missverstandenes aber so gemeintes "Esto peccator et pecca fortiter", überhaupt an Luther. Gritli - es ist doch eben einfach wahr. Was hilft mir die schönste Erklärung. Sie wird sich doch immer mit andern Erklärungen schneiden. Wir müssen uns an das halten was uns über alle Erklärung hinaus gewiss ist. Es ist das Hinreissende des Cohenschen Kapitels, dass es das tut. Vielleicht hat es noch nie ein Denker getan. Vielleicht konnte es auch nur ein Jude. Denn es ist ja kein Zufall, dass das Judentum auch hier wieder kein Dogma ausgebildet hat. Wir haben ja faktisch die Erberlösung, die erbliche Gotteskindschaft. Und der Jude verwechselt immer sich selbst mit dem Menschen überhaupt (weil er ja die messianische Zeit immer wieder vorwegnimmt), und kommt so gar nicht auf den Gedanken, dass allen Menschen ausser ihm angeerbt ist nicht Abrahams Glauben und Bereischaft, sondern eigne Art und eigne Ehre. Und dass es also allen Menschen ausser ihm gilt, sich ihres Erbes zu entledigen um für Gott offen zu sein; ihm allein aber es eins ist: tiefer in sein Ererbtes hineinzuwachsen und sich Gott zu öffnen. Der Jude erlebt so das "ohne Erbsünde", das - wieder - das Dogma von Christus aussagt. Und weil Cohen des Dogmas, der Erklärungen u.s.w. unbedürftig war, deshalb hat er so sehr das Wesentliche sehen können und hat davon reden können wie noch nie ein Philosoph. 56 Tage Briefsperre wäre furchtbar, auch kaum glaublich (es klingt wie 26 + 30 = März + April, so wäre das Gerücht wohl entstanden) Es würde mir gar nicht passen, dich so allein zu bombardieren; und ich muss dir doch schreiben. Vom 25ten wusste ich nicht. Zum 10. habe ich dir wohl schwerlich etwas geschrieben - das widerspräche ja der Theorie vom Schreiben und Empfangen. Aber vielleicht am 10. Hoffentlich. Sag mir, ob ich es da gewusst habe. Mit Bewusstsein freilich sicher nicht. Am 10. früh fragte mich mein einer Feldwebelleutnant - was heut für ein historischer Tag sei. Ich wusste nur, dass Kaiser Wilhelm I heut einen Tag tot gewesen sei (er starb am 9. wo infolgedessen immer Abonnementskonzert in Kassel ist, und ebenso am 22. als am Geburtstag). Darauf triumphierte der Fwlt.:Todestag der Königin Luise, Aufruf an mein Volk. So überhörte ich also die Stimme von oben; es war auch ein gar zu unwahrscheinliches Organ. - Nun, so und so bist du nun ein Vierteljahrhunder alt und wohl jetzt die gleiche Zeit erwachsen, die du Kind warst. Werde wie Tante Julie. Dein Franz. 18.3.[18] Liebes Gritli, die Menschen reden immer wieder so kühl klug als ob sie sich, einer den andern, sehen könnten. Und dann erfahren sie immer wieder, dass es kein Einandersehen giebt, sondern immer gleich ein Einanderfühlen. Wir leben soviel dichter aufeinander als wir wahrhaben wollen. Jede Saite schwingt ihre Schwingungen für sich, aber schon in der Luft ist es aus allen Saiten nur Eine Schwingung geworden. Keine bleibt für sich. Es giebt keine Zuschauer, soll keine geben. Wer meint, sich das Anrecht auf einen Parkettplatz gekauft zu haben, zu dem kommt mitten im Spiel der Theaterdiener und bittet den Herrn, sich doch gefälligst auf die Bühne begeben zu wollen und mitzuspielen. Ich komme nicht zurecht mit dem was du mir von Eugen schriebst, trotz allem und allem. Wäre nur diese unglückliche Postsperre vorüber. Du hast mir so gut zugesprochen und trotzdem - es bleibt ein Rest. Mein Herz ist bei deinen Tränen ..[unleserlich] bei deinem Lätare, - aber näher doch bei den Tränen[?]. Ps 130,6. Sei gut. Franz. 19.3.[18] Liebe, mir ist schwer, sehr schwer zu mut. Ich warte auf die heutige Post mit Furcht und Zittern, als ob sie mir ein Orakel bringen sollte. Und dabei kann sie gar keins bringen, denn von dir und mir weiss ich ja, und Eugen sitzt hinter der Postsperre. Oder sollte mir schon der eine Satz genügen? müsste er nicht? Mein ganzes Gefühl ruht auf dem breiten Rücken seiner Liebe zu mir; wenn er mir den wegzieht, so fällt es ins Bodenlose; wieviel von mir mitfällt, weiss ich nicht. Empfindet er nicht das ganz Besondere zwischen mir ihm dir, empfindet er bloss das Natürliche, bloss das was "man" in so einem Fall empfindet - dann sind wir nicht über Paganinis Geige gespannt, sondern über irgend eine; und dann - dann ist uns das Gestz gegeben wie irgend einem. Es liegt alles bei Eugen, ich brauche seine Hand wie du sie brauchst (und jetzt mehr denn je), nicht zwar dass sie mich hält, aber dass er mir sie lässt. Ich weiss nicht, zum ersten Mal seit ich dir scheibe, ob ich diesen Brief abschicken soll. Also wohl grade. Gritli -------------- 19.III.[18] Und nun kam das Orakel und war so unzweideutig und gut, und am besten das was aussen auf dem Couvert stand obwohl es doch nur Etikett war, nicht der Wein selbst (aber dir glaube ich den Wein auch auf das Etikett hin). Es war mir so bitternotwendig zu wissen, dass ein "allerbestes" Wort von Eugen da ist - ein "gutes" hätte nicht genügt. Ich bin nun wieder froh, ganz froh, Gritli. Auch mein eignes Wort, das du mir zurückbrachtest, vom Februar als Glied in der Kette, und wie dus mir zurückbrachtest, --- aber die Hauptsache war doch das "allerbeste Wort". Nun kriegst du die gestrige Nacht und den heutigen Morgen und wieder die heutige Nacht - wir müssen durch alles hindurch, was menschlich ist; das Menschliche rundet sich auch im kleinsten Kreis immer wieder gleich: Inferno Purgatorio Paradiso - und kein Paradiso ohne die beiden zuvor (und du fragst, ob das "spezifisch Cohensch" ist!) Ich freue mich, dass wir leben und sind, und fühle deine Gegenwart gute gute Nacht - dein Franz. [Telegramm an Frau Rosenstock bei Picht vom 25.3.[18] aus Casselwilhelmshöhe] Franz kommt diese Nacht [Ende März 1918] Liebes Gritli, ich hatte den Brief von Eugen aufgemacht, weil ich dachte, es läge einer für mich oder für Mutter drin - er fühlte sich von aussen so an als ob erwas Kouvertiertes drin läge. Es ist wohl besser dass ich mit Mutter jetzt allein zusammen bin; Edith ist ja ein Niemand oder macht sich dazu. Es ist besser für Mutter, und vielleicht auch für mich selber. Ich brauche diese Tage auch. Es ist ein Nachholen von Versäumtem. Ich schreibe dir später, vielleicht noch von hier, wahrscheinlich erst von dort unten. Ich glaubte schon auf der langen Reise ins Reine gekommen zu sein und doch fängt nun hier alles von vorne an. - Mutter ist ein Wunder von Mensch, - das haben wir nicht gewusst, so nicht gewusst. Wenn sie so bleibt, so hätte ich meinen Geburtstagswunsch neulich an dich auch anders ausdrücken können. Liebes Gritli, es giebt eine Freimaurerei zwischen allen, denen das gleiche geschehen ist, das ganz äusserlich Gleiche - und grade das ganz äusserlich Gleiche (Geburt und Tod und alles was dahin gehört) ist das Wichtige und das einzig Wichtige in der Welt. Ich will dir noch davon schreiben, aber auch nicht heute. Denk, ich habe nicht das Gefühl, meiner Mutter nötig zu sein. Das ists was ich vorhin meinte und was ich nie vorher in dieser Lage für möglich gehalten hätte. Sie ist genau so gross wie das was ihr geschehen ist - nicht kleiner (wie ich erwartet hätte) und nicht grösser (was ich schrecklich gefunden hätte), sondern wirklich ganz genau so gross. Ich sch - eben höre ich von Berlin dass Cohen sehr schwer krank ist, wahrscheinlich im Sterben liegt. Liebes Gritli, ich kann nicht weiter – Dein Franz. [Ende März? 1918] Freitag [TERRASSE 1] Liebes Gritli, es ist wahr, meine Gedanken kommen jetzt nur zeitweilig am Tage zu dir - auch im grünen Zimmer. Aber dann drängen sie sich zu dir und du nimmst sie in die Arme. Ich schicke dir hier Cohens Brief. Es geht ihm besser; wenigstens ist wieder Hoffnung. Edith bleibt bis zum 10ten. Willst du nachher kommen? es kann auch später sein, aber ich glaube du willst gern bald. Du fragtest neulich wegen der Georgsreden für Rudi. Ja, und Kommentar überflüssig, dagegen das Gerüst, der Gesamtplan erwünscht, so ausführlich wie du ihn hast. Liebes - Worte sind sehr viel; das habe ich jetzt gelernt; und doch hat man sie nicht immer. Liebes - dein Franz. Mutter sagt eben, es könnte sein, dass Tante Helene Ehrenberg aus Leipzig für die zweite Hälfte April herkäme. Mutter schreibt dir noch, wie es wird. 31.III.[18] [TERRASSE 1] Gritli - ich habe dich ja um mich, ich fühle dich ganz dicht, - nur ohne Sehnsucht. Ich weiss und spüre es vorweg: ich werde mich in ein paar Tagen dort unten vor nachträglicher Sehnsucht nach dir verzehren, aber hier und in diesen Tagen nicht. Wenn Cohen noch lebt, fahre ich über Berlin zurück. Sonst hätten wir uns in Frankfurt gesehen, aber nun bist du ja in Säckingen. Eugen braucht mir nicht zu schreiben; ich schreibe ihm. Wenn du hierher kommst, wirst du etwas Merkwürdiges sehn: die Briefe an Mutter aus diesen Tagen. Es sind viele wunderbare einzelne, aber noch merkwürdiger der einstimmige Massenchor. Wie viel haben wir vom Tod gesprochen, im Februar. Es war alles wahr, so wahr wie eben Vorwegnahmen sein können. Ich muss an das denken was du vom Protestantismus schriebst: wie hülflos lässt er die Menschen in den grossen Angelegenheiten des Lebens. Er hat immer nur das Buch und wieder das Buch: da, nimm und lies. Es ist wirklich viel verlangt. Ich bin froh, in einer visibilis zu leben. Ich will dir etwas erzählen, wo "Buch" und "visbilis" vorkommen. Ich wurde der Sitte gemäss gestern, als Trauernder, "zur Thora aufgerufen", also zur Vorlesung eines Stücks der Perikope. Mein Stück war ganz kurz, nur 4 Verse: 2 M. 33, 20 - 23. Du kennst es wohl aus dem ABWCpapier und weisst, dass in dem Gegensatz des keinem Lebenden sichtbaren "Angesichts" und des sichtbaren "Hintennach" (der "Herrlichkeit" Vers 18 und der "Güte" V.19) Cohen mit Maimonides die letzte Wahrheit formuliert findet. Und doch trifft es gleichzeitig auch auf Vater, ja auf das was zwischen mir und ihm stand (Hans schreibt mir, in einem Brief der wirklich wie von einem verklärten Geist ist, wirklich jenseits des Weinenkönnens - was du über ihn schreibst, ist ja wörtlich wahr - : "Er lebte in der Welt und fand hier seine Ideale; wir Jüngeren mit unsern Jenseitsseelen möchten dies nicht so achten; aber ich sehe darin doch Höchstvollkommenes und auch eine Darstellung der Liebe, in der Liebe zu den Menschen und Liebe zu sich selbst eins ist. Sollen wir denn uns nicht mehr lieben? Nirgends steht das geschrieben x). In ihm war die Liebe gesund. Ist sie es noch in uns? Manchmal zweifle ich daran.") O Gritli, mir ist traurig und doch gut zu mute, - viel zum Lachen und viel zum Weinen - das liegt nah beieinander. Sei gut und nimm ein "Gutes" von Deinem Franz. x) ein schlechter Bibelkenner war Hans immer!
April 191819.4.[18] Liebes Gritli, ich leide so sehr unter der weiten Entfernung von Kassel und nebenher auch von Berlin (Bradt), dass ich mir sehr ernsthaft überlege, ob ich mich nicht nach dem Westen melde. Durchgehn tut so ein Gesuch glatt. Früher war mir ja diese Front sympathisch, wegen des interessanten Hinterlands, der schönen Südlichkeit und auch grade wegen der Entferntheit - das einsiedlerhafte Dasein an der Peripherie gefiel mir -, aber jetzt ist es schrecklich, so weit weg zu sein, nicht rasch schreiben oder gar, was im Westen geht, telefonieren zu können. Im Punkt der Gefährlichkeit ist es eher eine Verbesserung, da meine Art Flaks im Westen wenig in vorderster Linie eingesetzt wird. Ich habe das Gefühl, zur Hand sein zu müssen, wo Vater nicht mehr da ist. Entgegensteht eigentlich nur mein grundsätzliches Nichtsselberverschieben, dem ich im Militärischen folge. Es wäre ein "Schritt" und ich habe seit meinem Eintritt im Frühjahr 15 keinen "Schritt" beim Militär getan. Schrieb ich dir, dass ich eine kleine Fanfare für das Cohen = Gedächtnisheft der Monatshefte geschrieben habe? nur ein paar Takte, aber con forza. Damit doch wenigstens nicht nur das mezzoforte der Bonzen hörbar wird. Wenn der "Jude" ein Cohenheft machte, wäre es nicht nötig. Schade. Anfangs dachte ich, ich würde nichts für die Öffentlichkeit über ihn schreiben können, jetzt. Aber dann kam der Cassierersche Artikel, den ich dir schickte und da - facit indignatio versum. 19.4.[18] Liebes Gritli, die Erfahrung selber habe ich längst gemacht gehabt, eben wirklich gehabt und mich damit abgefunden. Aber doch immer nur den Eltern gegenüber; und jetzt wo Mutter alleine war, kam mir alles so neu vor, dass ich meine alte Abgefundenheit vergass. Auch wohl vergessen musste, denn es war eben eine augenblickliche Not, wo man denkt, es müsse sofort etwas geschehn. Auf meinen Brief hat sie mir ungefähr zurückgeschrieben, es wäre ein sehr schöner Brief gewesen und ein hoher Standpunkt u. dergl. Aber ich war ja darauf gefasst, und vielleicht wenn sie ihn je wirklich brauchen sollte - und er war ja eigentlich nur für diesen äussersten Fall gemeint - wird sie sich doch daran erinnern und dann wird er ihr vielleicht helfen. - Man ist ja wohl immer machtlos, wenn man "will". Aber hier freilich ganz besonders. Dabei, es ist ja so gar nicht das Übliche: ich will ja nicht selber gehört werden, ich will doch nur dass sie vernimmt. Aber schon das ist "gewollt". - Du darfst auch mit Eugens Depression nicht viel "wollen". Ansprache von aussen wäre doch nur Betäubung. Ists wirklich ein Altersruck, so musst du es eben rucken lassen, schieben kann da niemand, auch du nicht. Bloss halten kannst du ihn, halten und nochmal halten. - Ich habe ihm auf seinen Brief gleich zweimal geschrieben, aber Ansprache von aussen ist das ja nicht, und die brächte ich auch nicht fertig. Ich bin ihm nun nicht aussen genug. (Leider, müsste ich hier wohl sagen, in diesem Zusammenhang, - aber ich kann es nicht sagen, sondern nur: Gott sei Dank). Ich sitze nicht mehr in dem Loch am Rande der grossen Ebene, sondern mehr in den Bergen drin. Dein Franz. 21.IIII.[18] Liebes, ich bekam deinen Brief aus Freiburg - manchmal ist der Zeitabstand doch spürbar: den Brief aus der Bahn, auf den du antwortest hätte ich inzwischen manchmal mir selber schreiben müssen. Aber auch deine Antwort darauf. Ja und wirklich ja. So zupft das Ich das Du an der Nase und wird gezupft - "zu lernen und zu lehren". Ist es nicht merkwürdig dass Cohens Namensvetter Jecheskel (denn sein jüdischer Name ist Jecheskel - "dass ich Jecheskel der Soundsovielte kommen musste, um Jecheskel den Ersten zu rehabilitieren" sagte er mir im Januar -, auf der Chaislongue liegend, weil es der Arzt befohlen hatte - und jubelte mir dann Hes.18,31 vor), also dass auch wieder dieser Entdecker der Einzelnen Seele es war der auch die wechselseitige Verkettung dieser Seelen (33,2-9) zuerst ausgesprochen hat? Die bewusstlose Gestalt in der diese Verkettung zuvor da war, die Gemeinschaft der gegenüber der Mensch gar nicht wusste, dass er Einzelner war, diese bewusstlose Gestalt hat er, sollte man denken, zerstört, indem er aussprach, dass "die Seele sündigt"; und grade er stellt sie nun auf dem neuen Menschenbegriff wieder neu her, in der "Sünde des Bruders" für die ich verantwortlich gemacht werde. Er löst das Volk zu Seelen auf und dann baut er es aus Seelen neu. Wie ist aber nun das? Else, Hansens Frau, schreibt meiner Mutter (und auch mir schon mehrmals), Hans verlange so nach Briefen von mir, und ich schreibe ihm ja auch aber ganz "ohn Verlangen". Und doch weiss ich, dass wir uns nocheinmal im Leben wieder "bevorstehn". Wenn nun Else nicht einfach übertreibt und allgemeine Sehnsucht nach "Intellekt" mit spezieller nach mir verwechselt, so ist alles was ich ihm schreibe, fehl am Ort. Und auch er selbst kann mich nicht zwingen, wie ers doch können müsste, wenn er wirklich sehnsüchtig wäre. Denn was zwingt uns denn zueinander als die Sehnsucht, die der andre zum einen hat? --- Dein. [22.4.18] Der Steuermann muss das Ziel kennen, aber das Ziel nicht den Steuermann. Vom Leuchtturm aus kann man wohl Ausschau halten des Tags und bei Nacht die Signale geben - aber fahren muss das Schiff doch selber. Die Aufgabe des Leuchtturms aber ist, dass er steht und besetzt ist. Er muss stehen, einerlei ob man das Schiff von ihm aus kommen sieht oder ob das Meer "öd und leer" scheint. Dem Schiff andrerseits weist zwar der Leuchtturm das Ziel, ist aber nicht selber das Ziel; das Schiff will nicht zum Leuchtturm, sondern in den Hafen. Und Steuermann und Turmwart brauchen einander nicht zu kennen. Kennen sie sich, - wohl ihnen ("wenn in der Ferne ein Gesicht - aufsteigt"). Liebes Gritli, die Auflösung dieses Bilderrätsels steht ja am Schluss. Es ist ja immer wieder das Gleiche. Schliesslich sind beide, Steuermann und Türmer, um des Navigare necesse est und um des Hafens willen da. 22.4. 23.4.[18] Liebes Gritli, der Geigersche Artikel ist doch nicht schlecht. Aber - nun ja, man müsste vielleicht lauter Anekdoten erzählen, um ein echtes Bild zu geben, und das geht auch wieder nicht. Meine Erinnerung an ihn konzentriert sich sehr auf die drei letzten Male: Juni 17, Januar u. Februar 18. Kennst du dies: ich sprach, im Juni, mit ihm über die Rezension seines Ende 15 erschienenen Buchs "Der Begriff der Religion im System der Philosophie" in der Christl. Welt (Das Buch ist nicht selber eine Religionsphilosophie sondern eine, wahnsinnig schwer geschriebene, Auseinandersetzung über das Verhältnis einer zu schreibenden Religionsphilosophie zu den drei Teilen des Cohenschen Systems, also Glauben und Wissen, Glauben und Tat, Glauben und Herz. Die Religionsphilosophie selber gehört offenbar nicht mehr zum System. Aber das wollte ich gar nicht erzählen. Also: da kam er auf ein Gespräch, das er einmal mit Baudissin glaube ich, dem Berliner Alttestamentler, oder mit Herrmann, dem Marburger Dogmatiker, hatte, und wo der andre die Intimität des Verhältnisses der Seele zu Christus rühmte - die doch der Jude nicht kenne. "Da sagte ich ihm: {vom Bass zum Tenor anschwellend: Was?!!! [Dynamikzeichen darunter] {und nun im Tenor fortfahrend:} Der Ewige ist mein Hirt - - - - - -: {im prestissimo abstürzend:} mir mangelt nichts." Man muss das so mit Vortragsbezeichnungen notdürftig geben, wie ers sprach. Es ist ja weiter gar nichts, ein Psalmzitat, noch dazu ein ganz geläufiges, aber ----- nun du siehst ja. Also - du hast wirklich dein Teil daraus genommen. Mir war es damals gar nicht klar, warum ich grade so teilte. Aber es ist schon so: ich habe ja eine sehr glückliche Kindheit gehabt, ganz ohne Qual des Alleinseins, obwohl ichs war; so ist mir das Kind selber, das dir grade vertraut ist, fremd. Ich fühlte mich in dem Buch berührt durch die phantastische zweite Welt; in so einer, aber ganz glücklich, lebte auch ich, und zwar so lange bis das Erwachsenwerden und nun zugleich sofort auch die Qual anfing; jene erste Welt verschwand da so plötzlich, dass ich heute fast nichts mehr davon weiss; ich hatte aber wohl eine richtige private Kinderreligion gehabt; sie ist ganz versunken. Grade als ich Sprache bekam, und gleichzeitig sofort erfuhr, dass man nicht sprechen kann ohne sich zu schänden, da erst spürte ich die Schmerzen der Einsamkeit, und alles Folgende ist eigentlich bis heute nur ein einziger Kampf um das Wort, das wahr ist, ohne zu entweihen. Bis heute, das weisst du selber. Jahre lang schien mir die Wissenschaft eine solche verschämte Geheimsprache werden zu können, deshalb stürzte ich mich in sie. Und erst Eugen hat mir den Weg gezeigt, den einzigen wo das Heilige nicht beschmutzt wird, die einzige Rettung der Scham, die mutige Schamlosigkeit. Edinger, auf den auch ein Nachruf, mit Bild, in der Zeitschrift steht, ist der Bruder von Eva Sommers Mutter. Schick das Heft, im übrigen möglichst ungelesen - es lohnt nicht -, nach Kassel, wenn es nicht von selber schon dorthin wandert. Liebe - Dein Franz. 23.4.[18] Liebes Gritli, der Sonntagsbrief kam und der vom Montag, wo du mir wegen Mutter schreibst. Es ist eben trostlos und ich kann nur wünschen, dass ihr die letzte Prüfung erspart bleibt, da sie ihr sicher nicht gewachsen wäre. "Und keine Brücke führt von Mensch zu Mensch", steht irgendwo, ich weiss nicht bei wem. Sie kennt nur das traurige Entweder = oder: Gefühl oder - Selbstbeherrschung ("Erziehung", "Vernunft" und wie sies noch nennt); sie ahnt nicht, dass es im Gefühl selbst noch eine Steigerung giebt, in der es nicht erstickt, sondern befreit und beseligt wird. Wie kann man ihr das sagen, und was hülfe es, wenn mans ihr sagte. Was ich früher nie recht geglaubt habe: es ist doch ein Unglück für sie gewesen, so in ihrer ahnungslosen unentwickelten Siebzehnjährigkeit von Vater weggeheiratet zu werden, und dann auch noch von jemandem wie Vater, der sie eigentlich vor jedem wirklichen Kampf und Schmerz immer beschützt hat, weil - nun eben weil ers konnte, und weil er tat was er konnte. Nun steht ihr Leben auf der schmalen Scheide des irdischen Zufalls. - Ich dachte eigentlich immer, Menschen die den Schlüssel zu der "Kammer" nicht ausgehändigt bekommen hätten, hätten ihn wohl auch nicht nötig und seien deswegen nicht unglücklich zu nennen. Aber ich soll wohl in dieser Zeit den Begriff des "Dankens" immer gründlicher kennen lernen. Wir müssen wirklich danken. - Doch damit ist den andern nicht geholfen. Übrigens sie schreibt, wenn sie erst mit allem Geschäftlichen im Trab sei und auch Zeit zum Ruhen habe, möchte sie, du kämest. - Ich denke wohl, dass das Anfang Mai sein könnte. Die Familienüberfälle en masse, die sich jetzt bei ihr abspielen, indem alle "sich sagen": "man muss doch zu Dele", fallen ihr natürlich auf die Nerven, ohne dass sie den Mut hat sie abzuweisen. Dabei ist ja jetzt Helene Ehrenberg aus Lpzg noch bei ihr, also sie noch nicht mal allein. Den Mut sich gelegentlich etwas von Familie zu emanzipieren hat sie nie gehabt. Auch das ist ein Stück ihrer persönlichen Unentwickeltheit, die ja übrigens auch auf dem Grunde ihres Unglücks mit Frau Gronau liegt (denn sie hat sich von ihr nehmen lassen ohne eigne Aktivität, und so musste sie sich auch von ihr wegwerfen lassen. Übrigens ist Dora zwar jetzt wieder angerückt, aber das wird ja nicht von Dauer sein). Was ich dir schreibe, ist alles traurig, du musst es eben mittragen. Ich trage auch was in dir ist. Hier ist die Stelle aus Eugens Brief vom 1.IV. (der mich erst hier unten erreichte), - da du sonst aus dieser Zeit nur das eine Wort von ihm hast: "Ich dämmre so hin, die Bratsche pausiert, indes die beiden andern Instrumente umso feuriger spielen. Wenn sie dann von beiderlei Art männlich und weiblich genug wieder gehört und eingesaugt hat, wenn sie noch einmal sich soll füllen dürfen mit all den Tönen aus der Höhe und Tiefe, wird sie plötzlich wie der zwischen Geige und Cello liegende Felsblock anfangen mitzuschwingen und mitzujauchzen, zur Verherrlichung der göttlichen Majestät. Denn gibt es ein anderes Lied, und besonders ein anderes Lied für uns, selbdritt zu singen?" Ich habe jetzt Auszüge aus den Grabreden für Cohen; es scheint wirklich alles schwach gewesen zu sein. Kellermann sein jüdischer, Cassierer sein philosophischer Hauptschüler - alles Trauerklösse. Natorp hat wenigstens ausgesprochen, dass ihm allein Marburg sein Renomée in der Gegenwart dankt. Ich schicke dir die Zeitschrift noch. Geiger im Leitartikel versucht wenigstens, ein Bild von ihm zu geben. Aber es ist doch, als ob ihn niemand gekannt hätte. Es hat ihm aber wohl bloss niemand - geglaubt. Vielleicht nur Dein (wirklich grade dein) Franz. 25.4.18. Liebes Gritli, ja wie schrecklich ist die Entfernung mit ihren lächerlichen Verzerrungen der Zeit. Ich bekam gleich damals als ich den Brief am 7ten an dich weggegeben hatte, einen Schrecken, ich hatte mich so im Gefühl gehen lassen, wie man es eben nur darf wenn man sich gegenüber sitzt und sichs gleich dazu sagen kann, dass doch alles gut ist. Und statt dessen kam erst eine Pause von 4 Tagen, bis überhaupt wieder Post abging. Und viertagelang sitzest du nun vor meinem verspätet entsetzten Gesicht, das du doch in Wirklichkeit schon längst glatt gestrichen hast. Bis du diesen Brief kriegst, weisst du es ja schon selber, ja du wusstest es schon damals, dass du bei mir bist, ganz bei mir, ob hineingenommen oder hineingekommen, was macht das - kennst du das, wie man kleinen Kindern das Gehen beibringt: "wer mich lieb hat, kommt in meine Arme"? wir müssen alle immer wieder gehen lernen, und lernen es immer wieder nur so. Ich bekam wieder einen so hülflosen Brief von Mutter, wieder den Versuch einer Antwort auf meinen Brief aus der Bahn und wieder so ganz ahnungslos. Ich habe ihr geantwortet und diesmal vielleicht die richtigen Worte gefunden. Vielleicht. Ob nur der Jude weiss, was Blutsverwandschaft ist? Ja, weil wirklich wissen ja wohl heisst: in Gott wissen. Nein, weil der Jude überhaupt nichts für sich hat, was nicht alle einmal haben sollen. Ich hatte das Gefühl, als müsste das so wie ich jeder erleben; es giebt doch Augenblicke wo man die "Menschheit" unmittelbar spürt, ohne Zwischenin-stanzen. Und zwischen dem Juden und andern Völkern besteht ja keine Arbeitsteilung wie zwischen den Völkern untereinander, sondern er ist bloss der Vorläufer der Menschheit. Wenn wir Israel sagen, ganz Israel, so meinen wir die Zukunft aller. Wir werden einmal alle in Gott wissen, dass wir Menschenkinder blutsverwandt sind. "Menschenkind" ist in allen Sprachen, wo man es sagt, ein Hebraismus. Das Heidentum bringt es nur bis zum genus humanum, allerhöchstens. Ein genus humanum wie es ein genus aller andern Tiere giebt; warum auch nicht? den filius hominis kennt erst die Vulgata. - Etwas andres: der Jude spricht von einem "jüdischen Herz" und meint, er habe es allein. Das hängt nicht bloss damit zusammen, dass er nun einmal die "christliche Liebe" im Laufe der Jahrhunderte immer nur unter der jeweils zeitgemässen Form des Scheiterhaufens kennen gelern hat; sondern es hat einen wirklichen Grund. Die christliche Liebe ist Überquellen des eigenen Reichtums oder auch sehnsüchtiges Überfliessen der eigenen Armut, in jedem Fall Überfliessen, Überquellen - der andre wird, durch die Liebe, zum Nächsten, er wird zum Nächsten. Sie ist nicht Mitleid, sondern Sehnsucht, Sehnsucht aus Fülle oder aus Armut, immer Sehnsucht. Das "jüdische Herz" ist gar nicht Sehnsucht, ist nur Mitleid. Mit = Leid. Es leidet selbst und weiss wie dem andern zu Mute ist, es war Knecht und Fremdling in Ägyptenland und ist es noch immer geblieben, und so "kennt es das Herz" des Knechts und des Fremden (du weisst wohl die Stellen). Der andre ist ihm Nächster, wird es nicht erst. Ich will hier, von aussen gesehen, ja keinem den Vorzug geben, nicht der schöpferischen des Christen und nicht der heimisch beim Nächsten wohnenden des Juden (von aussen nicht, von drinnen tuts ja jeder und spricht mit Cohen im Januar, als er mir eben entsetzt über Platons und Dantes Tartaros bzw. Inferno und die Grausamkeit dieser Strafphantasie sprach, plötzlich aufseufzend: "Was ist der Mensch! - wenn er kein Jid ist") (bzw. eurerseits umgekehrt). Aber das wird ja grade "von aussen" deutlich, dass das "jüdische Herz" so fühlt wie die "christliche Liebe" fühlen würde, wenn sie am Ziele ihres Weltlaufs wäre. Sie braucht nicht zu fürchten, dann nichts mehr zu lieben zu haben; wenn sie sich alles Fremde zum Nächsten umgeschaffen hat, kann sie in ihm wohnen wie - das jüdische Herz. Die Sehnsucht ist dann Mitgefühl geworden. Auch hier wieder: Alles nur Jüdische ist nur solange nur jüdisch als es nur jüdisch ist. "Ich will euch wiedersehn" - wir sprachen im Februar mal darüber, dass, da Brahms offenbar keinen andern Spruch gefunden hat, es wohl auch keinen anden giebt. Und dass dieser eine ja grade nicht sagt, was man möchte. Denn es sagts nicht ein Mensch zum andern, sondern Christus zu den Seinen. Die Menschen wollen aber grade einer den andern wiedersehn und haben an dem Schauen Gottes x) nicht genug - im Grunde eben doch, weil sie nicht genug daran glauben. Das Verlangen nach Wiedersehn ist eben offenbar nicht christlich, sondern ein Stück schwer auszujätendens Heidentum, das Christ und Jude ja immer noch und immer wieder in sich tragen. Ich habe dir ja inzwischen genauer geschrieben, wie ich mir das wirkliche Wiedersehn der Seelen in Gott denke. "Götzendiener waren unsre Väter" sagen sogar wir, obwohl es doch lange her ist, in unsrer Oster = Agende (der "Hagada", dem Büchelchen mit den vielen Bildern, das ich dir zeigte). Das Heidentum, der Aberglaube mischt sich immer wieder mit dem Glauben nnd von Zeit zu Zeit wenigstens muss man mal mit der Schere hineinfahren; ganz kriegt man ihn nie heraus, und es ist auch nicht nötig, solange er den Glauben nicht überwuchert. So ists auch mit dem Gebet für die Toten. Es kann sich eng mit Aberglauben verschwistern; es wird ganz Aberglauben, wenn es anfängt, Gott seine Gnade nachzurechnen. Aber sonst ist der Protestant gegen den Katholiken und Juden sehr arm, dass er nichts dergleichen hat; das weiss ich nun. Über die Seelenmessen weiss ich wenig Bescheid. Das Kaddisch - so heisst das jüdische Totengebet, das etwa eine ähnliche Stelle einnimmt wie die Seelenmesse in der kath. Kirche - ist eigentlich vor allem Aberglauben, nämlich vor aller Sorge um das Heil dieser Seele, geschützt: nicht der Einzelne alleine kann es sagen, sondern nur am Schluss des Gottesdienstes der Gemeinde und mit dem Amen der Gemeinde. Nur der Sohn für die Eltern kann es sagenxx), nicht der Vater für den Sohn, nicht der Mann für die Frau; nicht das Heil der Seele wird "gerettet", sondern der in die Zukunft führende Zusammenhang der Geschlechter wird bezeugt. Und soweit der Aberglaube sich hier doch mit der Vorstellung eines zu "rettenden" "unsterblichen Teils" hineingedrängt hat, wird er gleich wieder ausgestossen; die Purgatoriumsstrafen (eine wirkliche Hölle lehnen wir ab) dauern höchsten "ein Jahr" - deswegen darf das Kaddisch nur 11 Monate lang gesagt werden; es ist verboten zu denken der Verstorbene könnte es die vollen 12 Monate "nötig haben"; später sagt man es an den Todestagen, also überhaupt nicht um der Seelenrettung willen, sondern um die himmlische Freude der Seele zu erhöhen. Endlich, und das ist das Entscheidende, der Wortlaut: es kommt überhaupt nichts vom Tod drin vor, sondern es ist ein Gebet um das Kommen des Reichs, das auch sonst vielfach im Gottesdienst verwendet wird; also [durchgestr. als wenn] so etwa wie ihr das Vater unser; inhaltlich ist es anders als das Vater unser, hingerissener, weniger weltheimisch (wenigstens wie das Vater unser im Gebrauch der Jahrhunderte geworden ist). Es ist kein Gebet für den Toten, sondern für die Welt. Es verneint den Trost, und grade deshalb ist es, "über alle Tröstung, die je gesprochen ward in der Welt" - ich sehe wieder, dass es nicht zu übersetzen ist, auch wenn man es wörtlich versucht; der Ton, die Absätze, das Verstummen lässt sich nicht so wiedergeben, dass man es beim Lesen richtig hört. Ich habe es, als ich jetzt wieder hierherkam, in der dumpfen Trauer des Wiederhierseins und Zuhausenichthelfenkönnens, und um daraus herauszukommen, übersetzt, als Übersetzung glaube ich sehr gut. Hochheilig preisen wir den grossen Namen Im Weltall, das du schufst nach deinem Sinn. Führ bald herbei dein Reich und lass uns in Ihm leben samt den Deinen. Drauf sprecht: Amen. Gelobt, erhöht, verherrlich möge werden Dein Name, hoch ob allen Lobpreis fort Und Spruch und Sang und jedes Trosteswort, Das einer je ausfinden mag auf Erden. Der grosse Friede, deiner, fliess uns zu Vom Himmel her; dazu sei uns beschieden Von dort her auch des äussern Lebens Ruh. Du schaffest ihn in deinen Höhn, den Frieden; Den selben hohen Frieden schaffe du Bei uns und allen deinen hier hinieden. Amen. Sei stille und hab mich auch lieb. Dein Franz. x) das ja für den Christen ein Wiedersehn ist. xx) infolge eines schändlichen Missbrauchs seit dem 19.Jahrhundert auch sagen lassen 27.IV.[18] Liebes Gritli, gestern bekam ich ausser deinem traurigen Liegebrief einen von Trudchen; da erzählt sie mir von ihrem ingeniösen Vorschlag, der meinen noch über"tüchtigt". Du siehst aber aus dem komischen Zusammentreffen, dass wirklich etwas dran sein muss. Trudchen schreibt fast wörtlich wie ich: "Wenn man beiderseits darauf einginge, wäre es gar nicht übel: dem Ärger über die Faulheit wäre der Boden entzogen." Es ist eben schon so: erst wenn sich ihr bourgeoises Gewissen zur Ruhe legen kann, erst dann wird sie sich gestatten, dich so gern zu haben wie sie eigentlich möchte. Es ist ja alles sehr komisch, und nur ein bischen traurig, in diesm Fall. Im ganzen gesehn wächst sich freilich dies "bischen" zu riesenhafter Grösse aus und hält einen lebendigen Menschen in Gefangenschaft. Darüber schreibe ich dir ja nun jedesmal wieder, weil es mich eben mit jedem Postempfang wieder neu überfällt. Diesmal schreibt sie von einer Statistik, die sie für den Rechtschutz machen musste "von 1/2 10-2" "So etwas Blödsinniges, rechnen in dieser primitiven geisttötenden und doch Aufmerksamkeit beanspruchenden Art, dies Stricheln u. Ausziehn aus den Büchern sollte ich immer machen müssen! Wenn man ja auch wohl dabei verkümmert, aber man wird so seelenlos, so ganz Maschine. - Aber nun ists für ein Jahr schon erledigt. -" Ich fühle mich machtlos, ich sehe jetzt ganz klar, was für ein Leben sie eigentlich bisher geführt hat. Ich habe ein Stück "Toleranz" verloren durch diese Einsicht. Wenn ich auch nicht grade wie "der U" den Staat heranzitieren möchte, und doch es regt sich etwas "grossinquisitorisch" in mir gegen die schrankenlose Freiheit, in der eine glatte Lüge den Menschen die Kraft zum Leben aus den Knochen saugen durfte. Und doch müssen wir die Freiheit wollen. Und dürfen die Versäumnisse nicht ausser uns suchen. Denn was 32 oder 50 Jahre zerstört haben, kann ein Augenblick wieder bauen, wenn ich die Kraft habe ihn zu ergreifen. Wenn! Liebes Gritli, dieser Brief trifft dich ja am Ende schon in Kassel. Du wirst vielleicht noch andres an Mutter merken, was dich schmerzen wird. Legs zu dem Übrigen. Es hat alles den gleichen Grund: die Vertrauens= und Hoffnungslosigkeit einer befangenen Seele. Lass dich nicht davon anfechten. Wie soll sie an Flügel glauben, wo ihre eignen nie aus den Stümpfen sich herausgefaltet haben. Sie hat eben immer Stege gebaut bekommen, hat nie hülflos vor einem Wasser oder gar einem Sumpf gestanden, und drüber gemusst, - wie sollten sie ihr da je wachsen! Ich bleibe dein Franz. 28.IV.[18] Liebes Gritli, heut ist dein Sonntagsbrief fällig; auf den freue ich mich schon immer im voraus. Auf die andern ja auch, aber da weiss ich nie was drin stehn wird, und zu Vorfreude gehört eben ein gebahnter Weg, eine bestimmte Erwartung, und die habe ich nur für den "Sonntagsbrief". Da läutest du immer ein Glöckchen. Ich "feiere" in diesen Tagen eine Jahreswiederkehr, meinen - wie soll ich sagen? - - Korbtag vor 4 Jahren. Ich möchte wohl wissen ob ich ihn alleine trage; manchmal wiegt er so leicht, selbst für einen Strohkorb, dass ich meine, es trüge noch jemand mit. Aber wer kann etwas wissen? damals ratschlagten die klugen Leute, ob Blut oder Wasser "dicker" wäre, aber jetzt fliesst ein dicker Strom aus beidem gemischt und zieht die Grenze. Von Hans hatte ich einen nicht ganz ausgetragenen Brief. Er interwiewt mich! man kann es gar nicht anders nennen. Er hat wichtige Bestätigungen (natürlich! was sonst!) in den Kirchenvätern zu seiner Ansicht oder Theorie der "Unsterblichkeitsfrage" gefunden, (die mir aber selber noch unbekannt ist!!). Und dann: "Schreib mir nochmal Deine Ansicht in historicis und auch vom jüdischen Glauben aus". Wörtlich! Und er meint, nun legte ich los. - Übrigens aber laubfrosche ich, dass er wirklich demnächst in die Politik hineinkommt, nicht bloss mit Aufsätzen. Es wäre ein sehr schöner Rückweg für ihn vom Offizier zum Professor. Er hat zum Politiker ja grade was Eugen fehlt. "Volksstaat u. R.G.", das du - er schreibt "Gritly" - ihm gabst, nennt er "etwas sehr Schönes", Eugen nennt er abgesehn von seiner "religiösen Vergewaltigung der politischen Ideen" einen "wirklich fabelhaften Politiker". Ich bin so heraus aus der Politik, dass ich noch nicht mal weiss, ob es wahr ist. O Gritl"y"! - Dein Franz. 29.4.[18] Liebes Gritli ich hatte aus deinem vorigen Brief gar nicht gemerkt, dass du richtig lagst; ich dachte, nur aus "Faulheit", - weil du doch mit Tinte schriebst. Inzwischen bist du nun wieder auf, und ich brauche nicht "Gute Besserung" zu sagen. Es war eine richtige kleine Feldpostteufelei, diese Viertagespause grade zwischen den Briefen vom 7.u.8. Der Unteroffiziersstand kam mir jetzt eigentlich auch unmöglich vor; schrieb ich dir das nicht selbst? Aber die nötige Energie will ich doch nicht darauf wenden; so nebenher geht es nicht; ich müsste es doch richtig wollen, und dafür ist mir mein Wille zu schade. Schliesslich wäre doch nur eine Maske mit der andern vertauscht, die "etwas gewagte" die ich jetzt trage mit einer konventionelleren - es lohnt eben doch nicht. Es wird dir also wohl oder übel auch weiter gleichgültig sein müssen. - Die Ähnlichkeit mit Vater, von der du schreibst, weiss ich wohl, - aber die meine ich nicht, ich meine etwas was man gleich sähe und spürte. Und das ist offenbar wirklich nicht dagewesen. Wir waren gar nicht verschieden wie Vater u. Sohn, sondern wie zwei sehr verschiedene Brüder, bei denen man sich gar nicht wundert, wenn wirklich alles verschieden ist. - Im Haus war er freilich "gedrückt"' das sagte er im Spass selber. Nach meinem Abiturientenexamen bin ich ja mal 14 Tage oder 3 Wochen bei uns im Geschäft gewesen, vorgeblich um mal ein Geschäft zu sehen, in Wahrheit hautsächlich, um mal ihn in seiner Tätigkeit kennen zu lernen. - Seine Klugheit habe ich freilich, aber eben ich "habe" sie. Was man bloss hat, ist man nicht. Er war freilich ungeheuer konziliant dabei, ich habe das voll gesehen eigentlich nur das eine Mal, wo er mit Prager abends im Esszimmer sprach und Mutter uns alle Momente zurückrief weil es sie vor Frau Frank glaube ich genierte, du warst auch dabei. Später ist mir dann klar geworden, dass er zu mir ganz ähnlich war, freilich meist ohne Erfolg; jetzt in Kassel las ich seine "Privat"= Korrespondenz 1917, da hatte ich gradezu das Gefühl, ein Stück Menschenbehandlung zu lernen. Er sprach so rein die Sprache des draussen, des Markts, der Strasse, des Rathauses - denk an Eugens Sprachkreise -; in den Beileidsbriefen an Mutter war sein Bild deutlich, wohl mehr als in Mutters eigner Vorstellung. - Ich komme nicht zu Rande damit. Für mich ist eben etwas Werdendes in der Entwicklung abgeschnitten. Er hätte grade um meinetwillen länger leben müssen - oder auch kürzer; in beiden Fällen wäre es etwas Fertiges gewesen; so aber kucke ich ihm nach. Greda - ich habe doch allmählich eine Vorstellung von ihr, durch dich, durch die Kinder, vor allem durch den Brief und die Handschrift. Aber immer störst du mir wieder alles, wenn du den H. U. dazu nennst. Sie ist doch ein grade gewachsener Mensch, was soll ihr dieser Heuschreck. Über die vielen Anspielungen in "Globus" schimpft auch Eugen. Ich weiss weniger als je, ob mit Recht. Ich meine, auch wenn ich viel breiter geschrieben hätte, dürften die Ereignisse, das 3-4 Unr nachmittags, doch nur in Anspielungen erscheinen, aus Gründen der Perspektive, nämlich damit sie Hintergrund bleiben und nur das geographische im Vordergrund zu sehen ist. Doch wie gesagt ich weiss nicht, ob das nicht bloss eine Beschönigung eines Stylfehlers ist. Wenn du übrigens [dich] wirklich dadurch veranlasst sähest, "Rankes Weltgeschichte von vorn bis hinten durchzulesen", so hätte ich dir etwas sehr Gutes getan und wäre zufrieden mit dem Erfolg. Dein Franz. April 2 1918 [Auf Rückseite eines Durchschlags von einem Brief an Hans Ehrenberg vom 4.V.18., s. Briefe Band I, Nr.524, S.551-553, dort gekürzt wiedergegeben. Auslassungen am Briefende:] [:::] Nicht bloss Kühlmann, auch Tirpitz bzw. Capelle, und Helfferich sind Minister geworden und suchen sich ihren Anschluss bei einer der souveränen Mächte - da sie eben selber, als Ressortspitze, nicht das Zeug zur Souveränität haben. Das ist leider nocht nicht sehr klar. Ich hätte lieber bis Morgen warten sollen. - Ich schicke den Durchschlag gleich selber an Rosenstock. Dein Franz.] [4.V.18] Lieber "Dr. Rosenstock", so machen wir Musik zu Kühlmanns Ende wie damals zu seinem Anfang. Die natürlichen Jahreszeiten haben ihren Lauf umgedreht, und sein Oktober hält nicht vor bis in den Juli. Hast du eigentlich Hansens drei Voss = Artikel gekriegt? Sie lohnten sich alle, besonders der erste (gegen die Regierung) und der dritte (gegen die Mehrheit), weniger der gegen die Minderheit. Im übrigen - on forms of governement let fools contest - Dein Franz. 5.4.[18] Liebes Gritli, nun ist Cohen tot. Dein Franz. 5.4.[18] Liebes Gritli, der äussere und der innere Rahmen unsres Februar ist zerstört - das Haus in Kassel und Hermann Cohen. Es bleibt nur noch die unaufgespannte bemalte Leinwand - wir selbst. Hör, das Merkwürdigste, was mir geschehn ist: als ich am 20.März die Nachricht bekam, überfiel mich eine Schwäche wie noch nie im Leben und wie ich sie auch nie wenn ich mir dies Ereignis je vorstellte, für möglich gehalten hätte; ich lag wie ein abgerissener Zweig am Boden; ich hatte nie gewusst, wie sehr ich bloss Zweig gewesen war. Dann aber spürte ich plötzlich, dass ich nun selbst im Boden steckte, Wurzel geschlagen hatte, Stamm geworden war. Bisher hatte ich doch nur durch meinen Vater mit der alten Erde meines Volks zusammengehangen. Jetzt stand ich plötzlich selber darin, war selber das lebende Glied der langen Kette der Geschlechter, und Abraham Isaak und Jakob unmittelbar meine Väter. Das ist das unverrückbare Erlebnis dieser Tage. Jener letzte Rest von Ausflucht, den das Dasein meines Vaters immer noch in meinem Leben liess, ist verschlossen. Ich wachse aus meinem Vornamen in meinen Zunamen hinüber. Wirst du mir da folgen können? Wird deine Liebe gross genug, entsagend genug sein? Rein genug, Liebe genug ist sie, das weiss ich. Aber wird sie grösser sein können als deine, als meine Sehnsucht? Sag "ja", - laut oder leise wie du es kannst, aber sag "ja". Dein Franz. 6.IV.[18] Liebes Gritli, der serbische Frühling ist dies Jahr dem deutschen höchstens um 10 Tage voraus; bis der Brief da ist, werden bei dir die Bäume auch blühen. Bei dir - wo mag das sein? ich adressiere auf gut Glück nach Hinterzarten, weil du für Säckingen ja nur "1.-7." angabst. In Kassel wird nach Ediths Abgang - sie ist rührend und respektabel, aber ich kann nichts mit ihr anfangen und sie nichts mit mir - Tante Lene aus Leipzig "antreten". Dies Antreten ist auch eine böse Sache für Mutter, dies dass die Besuche sich ablösen wie Wachtposten. Sie muss jemanden haben, der dauernd bei ihr wohnt oder so gut wie dauernd, und nicht als "Besuch". Hanna v.Kästner wird es sein. Ich habe noch nie so sehr vermisst, nicht verheiratet zu sein - jetzt eine Schwiegertochter mit 2 Enkelkindern im Haus, und alles wäre gut. So hat sie bei allen das Gefühl, sie kämen zu ihr aus Pflicht und Mitleid, und da setzt sie sich natürlich zur Wehr. Überhaupt unterschätzt sie sich nun selber, redet sich ein, die Leute wären vornehmlich Vaters wegen zu uns ins Haus gekommen - was doch nur für eine Sorte Leute zutrifft -, und so sieht sie nichts in der Zukunft. Und da sie ganz abhängig ist von dem, was sie sieht, und gar nichts andres hat, so kannst du dir denken wie es in ihr aussieht. Selbst ihre schöne Stärke in den ersten Tagen, die auch auf mich noch solchen Eindruck machte, ruhte noch auf dem Grunde eines Sichtbaren, der in der Volkstrauer sichtbaren öffentlichen Persönlichkeit Vaters. Die gab ihr die Kraft selber so wundervoll zu repräsentieren, nein: dazustehn, wie sie es wirklich in jenen ersten Tagen fertig gebracht haben muss. Dazu wohl noch etwas besonders Schreckliches im ersten Augenblick: durch ein Missverständnis bezog sie die Nachricht zuerst nicht auf Vater, sondern auf - mich, tobte wohl 10 Minuten lang entsetzlich, bis man merkte, was sie meinte, und ihr sagte, es wäre Vater. Auch diese schreckliche Umstülpung des Herzens hat ihr von da ab wohl eine innere Starrheit geschaffen, die sich zwar nicht als Starrheit äusserte, sondern als schöne Ruhe, aber im Grunde doch Starrheit war. - Ganz konsequentermassen will sie sich umbringen, wenn ich etwa falle. Das wäre ja an sich gar nicht schlimm, entsetzlich ist mir nur der haltlose und leere Zustand, den dieser Gedanke schon für jetzt verrät. Solange sie im Glück war, konnte man darüber hinwegsehn, obwohl ich es nie getan habe und du und Eugen auch nicht. Aber nun - . Ich habe nun gestern versucht, ihr durch einen harten Brief den Halt zu schaffen, den ich ihr mündlich nicht geben konnte. Es ist das so furchtbar schwer, weil der liebe Gott Contrebande ist. Erwähnt man ihn, so wird sofort gemeint, man wollte den Glauben an einen alten weisbärtigen Herrn, der mit einem Badetuch bekleidet auf einer Wolke sitzt, empfehlen und dann stopft sie sich für alles weitere die Ohren, denn "das kann ich nicht glauben". Dass man es selbst ebensowenig kann, weiss sie nicht und will sie nicht wissen. Deshalb habe ich die Worte sehr vorsichtig gewählt und denke, ihr sicher durch diesen Brief eintretendenfalls die Tat, vielleicht (was mir unendlich wichtiger wäre) schon jetzt den Gedanken unmöglich gemacht zu haben. Der Selbstmord-gedanke ist ja eben wirklich das Schiboleth des Heidentums. Ich schreibe dir das alles so genau, diesmal nicht bloss weil ich davon voll bin, sondern auch einfach damit du Bescheid weisst. Sie hat kein Verlangen nach Menschen, eher Misstrauen. Wer ihr Vertrauen geben kann, hat ihr viel gegeben. Edith war ihr grade in ihrer starren Leerheit und hülfreichen Unpersönlichkeit angenehm. Du? das wird sehr davon abhängen wie du dich ihr anträgst. - Noch etwas: a tempo nach dem Tod ist - Dora Gronau "wiedergekommen", hat getan als wenn nichts geschehen wäre und wird vielleicht, wenn du in Kassel sein wirst schon wieder auch für Mutters Gefühl die nahe Freundin sein, und eigentlich muss ich ja nur wünschen dass es so kommt. Vorläufig war es Mutter noch unheimlich bei diesem plötzlichen Revenant, da sie sie doch schon längst begraben hatte. Eine Frage: wie kommt es, dass "Tante Paula" das versprochene Mskript nicht schickt? Wünscht sie nochmal extra gebeten zu werden? dann tue ichs natürlich. - Leb wohl, liebes Gritli, und sei nicht traurig über das viele Traurige in diesem Brief. Dein Franz. 7.4.[18] Liebes Gritli, ich bin wieder beim Zug. Alle deine Briefe nach der Abreise von Kassel lagen da. Sie sind so sonderbar alt, - älter als die die ich noch in Kassel bekam, kommt mir vor. Diesmal liegt nicht bloss die Entfernung, die "paar 1000 Kilometer" dazwischen, sondern - nun eben, dass sie nicht nach Kassel gerichtet waren. Ich bin noch nicht aus Kassel zurück, kann mich nicht davon loslösen. Es ist gar nicht so sehr Mutter, nein wirklich - ich schrieb dir davon. Ich bin froh, dass ich dort war; ich hätte es hier unten vor Starrheit nicht ausgehalten, trotz Mutters erschütternd gegenständlichen ruhigen Briefen aus den ersten Tagen, trotz einem unendlich guten Wort von Trudchen. Du sprachst wirklich wie von draussen; ich merke es erst hier, in Kassel wo du es selber schriebst merkte ich es noch gar nicht. Wie kommt denn das? ich habe doch ganz offen vor dir gelegen. Und doch - vielleicht wusste ich es ja vor dem 19ten, oder vielmehr 21ten, selber nicht. Wenn du es nicht gesehn hast, so war es wohl nicht zu sehn. Ich weiss nicht Gritli, ich bin auch sehr müde, und ich möchte so gern Liebes Gritli sagen - und ich tus auch. Ich bin vielleicht jetzt ein Bündel von verschiedenen Menschen - und du kannst sie nicht alle kennen, bis sie wieder zusammenwachsen zum einen deinem Franz. 8.4.[18] Liebes Gritli, was habe ich dir gestern in Müdigkeit und Bedrücktheit für verworrenes hässliches Zeugs geschrieben. Und nun ist es schon fort, und dies geht erst 2 Tage später fort. Dabei hast du ja seitdem mir schon selber alles geschrieben, ich hatte es da nur nicht so recht gemerkt, wie wahr es war. Ja, du hast Tod und Geburt noch nicht erlebt, nur das was dazwischen liegt, das Leben. der Tod bleibt unbegriffen, auch wenn man ihn erlebt hat, aber die Geburt bleibt es auch; begriffen - ergriffen wird nur das Leben. Die Sonne des Tags scheint nicht in die beiden Nächte die ihm angrenzen. Und deine Worte hatten mich geblendet, weil sie zuviel Tageslicht in ein verhangenes Zimmer trugen. Und dabei - wie ists denn anders möglich! Ich weiss ja noch genau, was mich am 19ten ausgefüllt hat; es giebt wohl Ferngefühle von Leben zu Leben, aber keine von Leben zu Tode. Während ich mit dir durch Inferno Purgatorio Paradiso ging, sass Mutter bei Vater - . Verzeih wenn ich zu dir aus dem Dunklen ins Helle spreche; wir müssen uns einander geben wie wir sind, sonst geben wir nicht uns selbst. Ich bin traurig, heute besonders, denn ich sitze wieder in dem gleichen Raum mit dem gleichen Blick durch die Tür auf die Ebene wie an dem Tag wo ich die Nachricht bekam, es ist wieder alles genau so und auch wieder so unbegreiflich wie damals. Es ist hier auch besonders schlimm, so weit von allem weg. Zuhause konnte ich zugreifen, auch im Geschäftlichen, auch versuchen den Akademieplan über den schweren Doppelschlag hinüberzuretten, ich telefonierte täglich mit Bradt, war am 3. bei ihm in Berlin, - Cohen habe ich nicht mehr gesehn -, etwas wird wohl sicher werden, ob das Richtige ist mir zweifelhaft. Hier bin ich nun wieder ausser Reichweite; vorher habe ich das nicht so empfunden, eben weil Vater da war - da konnte ich ganz gut im Hintergrund bleiben. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, dir auf allerlei in deinen Briefen zu antworten. Das hol ich noch nach. Auch meine unteroffizierliche Kümmerlichkeit drückt mich jetzt, zum ersten Mal. Ich hatte eben auch da unbewusst auf Vater abgeladen und mir die Wurstigkeit geleistet. Weisst du, dass von deinen Bildern zum Gespenstervertreiben das ganz kleine (mit dem fehlenden Untergestell) am besten taugt. Vielleicht weil es reine Momentaufnahme ist. Zwischen Moment und Monument giebt es eben nichts dazwischen. Oder vielmehr, was dazwischen liegt, ist "Photographie". Die Geschichte der Jonasschen Zeichnung? Ich las damals die Bibel, hebräisch und zwecks Vollständigkeit, und an jenem Nachmittag die Psalmen vom ersten bis zum letzten; Jonas wusste nichts davon; er ist während des Malens völlig in Trance und wusste wohl überhaupt nicht, dass ich Franz heisse, in einem Buch las u.s.w. So ist es eine von beiden Seiten ganz unbeabsichtigte (ich hatte mich zum Gemaltwerden nur hergegeben unter der Bedingung dass ich lesen dürfte, und es war die erste Sitzung) Illustration geworden. Während des Kriegs hat die theol. Fakultät der Univ. Berlin eine Preisaufgabe gestellt: das Ich in den Psalmen, - da müsste ihr eigentlich Jonas dieses Blatt einschicken. - Ich bekam einen Schrecken, dass du Greda mit Globus behelligen willst; mit Ungedrucktem überfällt man keine Fremden; wenn dus nicht schon getan hast, so lass es bitte. Auf dich und Globus bin ich etwas neug | ||||||||||