Januar 19191.I.1919 es ist das erste Mal! ein bös misslungener Versuch! Liebes liebes Gritli, das Haus ist leer, Rudi und Emil sind heut früh vor 7 zusammen fortgefahren. Und Mutter hat sich die Erkältung wieder auf die Stirnhöhlen geschlagen und wir waren ziemlich trübselig beisammen, trotz beiderseitigen guten Willens, aber was hilfts, es ist ein gegenseitiges Sichzurückhalten voreinander, das doch der andre wohl weiss und merkt, und da kann keine ruhige und anständige Stimmung mehr aufkommen. Eugens Brief heute und deinen neulich hat sie mir beide nicht gezeigt (obwohl deinen Rudi und Beckerath!), sie meint es mit Wurst wieder Wurst machen zu müssen und ich unterstütze sie durch absolute Unneugierigkeit in dieser Politik, weil ich hoffe, sie gewöhnt sich dadurch auch das Interesse für deine Briefe ab (vorläufig trage ich sie diesmal einfach dauernd bei mir, so dass sie nicht herankommt! Aber was ist das für ein "Zusammen"leben!). Nachmittags waren wir auf dem Friedhof (es ist heut ihr Verlobungstag) und dann hat sie sich zu Bett gelegt. So zu zweien wird es wohl nicht lange gehn, es fehlt die nötigste Grundlage, das Vertrauen. Solange Emil da war, war es gut, manchmal wirklich nett. Aber nun will ich wirklich zu dir kommen, eine ganze Seite ist genug geklagt. Die Post hat es wieder mal gut mit mir gemeint: deine Briefe vom 28., aus dem Bett, und der vom 29., schon wieder auf, kamen zusammen. Marthali doch wohl auch? Oder bist du am Ende noch gar nicht auf? aber Tinte im Bett ist doch unwahrscheinlich. Vor den Tolstoischen Tagebüchern warnte mich Emil auch schon. Ich mag schon in Anna Karenina nicht die Stücke, wo Lewins - oder wie er heisst - Überlegungen vor einem ausgebreitet werden. Heut fand ich in Dostojewskis "litterarischen Schriften - die "politischen" habe ich schon bei Kriegsbeginn gelesen - eine langen Aufsatz darüber, der auch vor allem gegen Lewin streitet; richtig gelesen habe ichs aber natürlich nicht; es bleibt bei mir ja jetzt immer nur beim Finden. Aber eine kurze Stelle über die Karamasoff, eine Tagebuchnotiz stand da und die enthält eigentlich alles was gegen den denkenden Tolstoi zu sagen ist: "...Diese Tölpel (die zeitgenössischen Atheisten) haben sich eine solche Gottesleugnung noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem Grossinquisitor und dem vorhergehenden Kapitel ausgedrückt ist und auf die das ganze Buch die Antwort giebt..." Tolstoi weiss nicht, dass in Dichtungen nur solche Fragen vorkommen dürfen, auf die "das u Antwort giebt", nicht solche die an Ort und Stelle, wo sie gefragt sind, beantwortet werden können. Mit Hans ist es so wie du schreibst. Ich setze dir eine Stelle aus einem Brief von der Reise nach Heidelberg an mich her: "Meine skeptischen Fragen musst du nicht auf dein sonstiges Antiphilosophieren beziehen. Aber ein System "vor" Deiner religiösen Lebenstat, das konnte ich nicht verstehn; und ich sehe ja nun auch, dass es das System "nach" der religiösen Tat sein soll; so kann ich es umsomehr auch ganz ernst nehmen, ohne zu vergessen, dass dem göttlichen Tore die Tat, ob vor= oder nachhergetan, das Nähere ist". Wegen der letzten Wendung schreibe ich es dir. Dass R.Schmidt Eugen wohl will hätte ich wohl gedacht. Mitteis?? Über das "erste Mal" bin ich auch erstaunt. Aber es ist ja wirklich sonderbar, wie sehr "für sich" dieser grundsätzliche "mit andern"= und "mit allen"= Leber meist gelebt hat. Überhaupt komisch, dass sich auf den "Individualismus" immer leichter Vereine zusammenfinden als auf die Parole "Verein". Zum Schluss des alten Jahrs kam gestern Abend von Meiner Antwort auf mein am 27ten mit dem ausfürlichen Inhaltsverzeichnis abgegangenes Angebot von Hegel und der Staat; ich solle es ihm ganz oder teilweise schicken, da er Interesse dafür habe. Bisher noch kein Wort vom dicken Ende. Ich fürchte dennoch, er hat sich über meine Interessantheit zunächst einmal im Telefonadressbuch informiert - "Komerzienrat"! Aber das werde ich ja nun bald wissen. Offenbar drucken sie im Augenblick ganz gern, wegen der Arbeitslosigkeit. Der 1.Januar ist herum und ich komme mir unheimlich allein vor in dem grossen Haus. Ich spüre auch das was du neulich mit dem "Bald in unsern Tagen" meintest, sehr deutlich. So kann es nicht mehr bleiben! Und so hat es ja auch nie länger bleiben sollen. Es ist ja nur eine Selbstverständlichkeit. Freilich ist es auch scheusslich, so alles - und doch nichts - "vorauszusehen". Und dann gucke ich wieder weg von aller Zukunft ud halte mich ganz fest an dir, an deiner Liebe und Gegenwart. Liebe Liebe - ich küsse deine Hände - - - Dein. 2.I.19 Liebes Gritli, der ganze Vormittag und noch mehr ist mir heute auf Mutter gegangen. Sie war etwas wohler. Und denk: das eigentliche Malheur war - Eugens Brief. Sie hat sich über die Worte "Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Gott bessers" so masslos aufgeregt. Auf Leben und Tod hat sie verstanden wie auf Mord und Totschlag. Die Nacht wollte sie sich mal wieder umbringen, heut früh wenigstens die Beziehungen zu euch (denn du habest Mitschuld an dem Brief, da du ihn sicher gelesen hättest) abbrechen. Schliesslich liess sie ihn mich sehen. Ich war ehrlich verwundert, weil ich doch mindestens auf einen scharfen Brief gefasst war, und nun war es so ganz andersrum. Ich habe sie auch schliesslich zurechtgekriegt. Die "Eifersucht auf den lieben Gott" stritt sie natürlich heftig ab, und das ist ja ganz gut, denn wenn sie sie abstreitet, so hat sie sie ja auch nicht mehr. Im übrigen kam wieder die ganze Litanei, bei der ich nun schon so ruhig bleibe, durch das oftmalige Hören, dass meine Ruhe sie heute ansteckte und sie die Dinge auch etwas ruhiger ansah. Ich habe ihr aber gesagt, sie solle den Brief ruhig Trudchen, Rudi und Tante Emmy zeigen (das wollte sie zuerst, und nicht mir), damit sie sähe, wie sehr sie ihn falschverstanden hätte; doch scheint sie mir schon so davon überzeugt. Nachher zeigte sie mir übrigens deinen auch, und ich erfuhr die Einzelheiten der Reise. Aber sie ist doch in einem traurigen Zustand; sie sollte besser doch nur mit alten Leuten umgehn; man muss sie eben behandeln wie ein rohes Ei und für "auf Tod und Leben" muss man schreiben "nicht ganz unwichtige Angelegenheit". Dies eine Wort hat ihr den ganzen Brief verschattet! Geht aber bitte nicht darauf ein, ausser wenn sie es selber in ihrer Antwort noch erwähnen sollte. Auf mir liegt es nun wieder den ganzen Tag, während sie sich natürlich angenehm erleichtert fühlt. Hoffentlich hält sie nun wieder 8-14 Tahe Ruhe. Es wäre wirklich Zeit, dass ich wieder ordentlich in den * reinkäme. Heut früh vor dem Frühstück und dem Sturm habe ich wenigstens die von Rudi damals mit Recht monierte Stelle vom Gebet des Sünders um dem Tod des Andern korrigiert, nämlich durch eine grosse Einschaltung, durch die es nun ganz klar wird. Ich wusste doch, dass der Gedanke an sich richtig war. Jetzt ist er geklärt durch Hineinziehung dessen, was ich dir im April einmal schrieb: dass der "andre", solange er bloss "andrer" ist, immer tot ist. Das Ich kann sich nicht denken, dass es auch sterben könnte. Um sich selbst tot zu denken, muss es sich als andern vorstellen, als Leiche. Und der Sünder betet: Lass mich selber Selbst bleiben und den andern Andrer. U.s.w., es ist in Wirklichkeit klarer als hier, es lässt sich nicht so kurz sagen. Vom Tod steht nun allmählich eine ganze Menge drin. Vielleicht mache ich ein - Register dazu, wenns fertig ist!! Am 12. werde ich wohl in Berlin sein müssen, Bradt schreit nach mir. Es soll mir recht sein; fertig werde ich hier ja doch nicht; es wird wohl noch in den Februar hineindauern. Nachher werde ich Cohens System wieder weiter lesen und dabei gleich meins verbessern, vor allem sehen, was ich vergessen habe. Das giebt dann eine ganz lebendige Kritik; ich habe es neulich gemerkt, als ich etwas darin las. Mutter hat neulich die Stelle in II 2 von der Ehe (am Schluss) gelesen, und fand sie doktrinär! Es ist übrigens ja richtig, ich bin ja nicht verheiratet und so ist die Stelle auch. Aber doch nicht doktrinär. Sehnsucht ist doch nicht doktrinär! Nach diesem wirren Tag komm ich nun zu dir - in deine geliebte Nähe. Liebes Gritli - Dein Franz. 4.I.19 Liebes Gritli, da bist du wieder aufgewacht, wenn auch noch ein bischen verschlafen und verfiebert - und am Ende auch etwas sylversterverkatert? Ich bin auch noch immer in so einem dauernden kateroiden Zustand, ein Schnupfen, der - ganz ungewohnt bei mir drin sitzt und nicht recht herauskommt. Gestern Abend war Rudi Hallo bei mir, aber wir waren beide müde und es war langweilig. Und miteinander müde sein zu können, das ist ja das Höchste, wozu man mit einem Menschen kommt. Ich habe ihn übrigens gedrängt, im Zwischensemester doch nach Leipzig zu gehn. Hans ist ja schon lange fort, am 27. glaube ich. Putzi und "E.S."? nichts Neues; aber wenn er sie will - an ihr, dass sie ihn nimmt, zweifle ich leider gar nicht; und sie hätte auch nicht unrecht; sie kriegt einen erträglichen Mann und dafür als Zugabe einen sehr netten Schwager und zwei sehr nette Vettern - was will sie mehr. Der erträgliche Mann (von dem Lehmann = Haupt 1914 für die Klio eine Arbeit über Herodot angenommen hatte) setzte übrigens neulich - erzähl das Eugen - Lionis ins 2te Jahrhundert und hielt Polybius für einen Historiker der Bürgerkriege des ersten! Dies ist Eduard Meyers geschätzter Schüler und der sicher erste Ordinarius von allen "meinen" Privatdozenten, (ausser Beckerath natürlich). Und der hat nur Lust zur Wissenschaft, sonst zu gar nichts - arme Wissenschaft! Auf Eugens Sohmaufsatz bin ich fast ebenso gespannt wie er selbst. Hoffentlich denkt er dran, Sohms Bewusstsein zu schonen; ich meine so zu schreiben, dass Sohm sich nicht im Grabe rumdreht. Die Toten haben ja meistens wirklich Unrecht und die Lebenden wirklich Recht. Aber ich weiss von mir her, wie schwer es ist, bei solch posthumen Vergewaltigungen diese Schonung zu üben, die man dem Lebenden ins Gesicht hinein unwillkürlich geübt haben würde. Wenn ich meinen Aufsatz über Cohen schreiben werde, wird mir alles auf diesen Punkt ankommen, ihn wenn ich ihn mit Gewalt herumgedreht habe dann doch wenigstens so zu überzeugen, dass er sich von selber noch eine halbe Drehung weiter dreht und wieder grade liegt. Mit Hedi Born ist es so wie du schreibst. Jetzt weiss ich auch, weshalb es mich so gar nicht reizt, aus meiner blossen Zuschauerreserve herauszutreten. Kurios übrigens diese Parallele zwischen den beiden, die mein Gespenst vor ihren vorehelichen currus triumphalis spannen wollten. Das Papier ärgert mich. Ich werde mich heut doch mal hier nach dem richtigen umsehn. Ich fühle mich so öffentlich, wenn ich dir darauf schreibe. Und möchte doch so gern auch von Papiers Gnaden - bei dir sein. Dein Franz. 4.I.19. Lieber Eugen, zwischen Traum und Deutung ist wohl wirklich ein "Styl" = Unterschied. Es muss doch wohl einer sein, sonst hättest du nicht selbst ursprünglich die beiden Teile unterschieden. Beckerath war ja übrigens umgekehrt wie O.Viktor mehr für den zweiten Teil. Ich ja auch (damals; ich habe es jetzt noch nicht wieder gelesen); schon weil ich den ersten ja damals selber auch geschrieben hatte. Kähler (nicht Beckerath; der hat es erst unmittelbar vor der Abreise gelesen) umgekehrt fand den ersten Teil besser, weil er den zweiten, das Kirchenjahr, selber von Haus aus zu kennen erklärte und also dich als überflüssig empfand oder gar auch wieder als Usurpator ("Wenn die Juden anfangen, sich zu germanisieren und christianisieren", sagte er anlässlich deiner und - Hans zu Beckerath, "dann sind wir verloren"!!! - Schöne "Wir" !!!!!! Lies doch ja ruhig Staatslehre, mindestens dann wenn es was einbringt. Als "Kriegs= und Revolutionsrecht" lässt sie sich ja heute wirklich lesen; da steht wenigstens nichts im Titel, was es nicht giebt. Und da es erst im März wäre, so ist es auch keine Überlastung; im Februar wirst du ja reichlich besetzt sein. Die Frage, wo du wählen sollst, haben wir schon gestern Abend en petit comité, nämlich Mutter Hans Hess und ich entschieden: Zentrum. Wenn du aber doch noch von der zweiten Seele zu sehr gezwickt wirst, so mach dir doch das Frauenstimmrecht zunutze und wähle selber Spartakus (für den Grabowski eine sehr mutige Lanze einlegt!! im neuesten Heft; sicher als der einzige Nichtspartakist überhaupt, da wir ja gelernt haben zu reden ohne zu schreiben). Also wähle selber Spartakus und lass Gritli Zentrum wählen. Das Besondere an Hans ist ja nicht "das Leben" - philosophieren über diesen Text nicht wir alle und ausserdem "auch die Heiden"? (Sogar Simmel, der tote und neulich sogar noch ausdrücklich verstorbene Simmel, reiste die letzten Jahre u.a. (nämlich unter einem runden Dutzend Gedanken) auch auf diesen Gedanken, dass die Philosophie immer einen herrschenden Begriff gehabt habe, die Griechen das Sein, die Scholastiker Gott, die Neuzeit die Vernunft und heute das Leben). Sondern das Besondere an Hans, was ihn von den Heiden ab und zu uns hinrückt ist der Untertitel (und die bewusste Wichtigkeit des Untertitels) "eine Exegese". Durch Hans Hess bekam ich gestern das Oktoberheft der Südd. Monatsh., worin eine Auswahl aus Gorkis Zeitung während der Revolution abgedruckt ist, die einem ein wirkliches Bild giebt und woraus ich gelernt habe: dass es unerlaubt ist zu sagen: die deutsche Revolution sei keine, sei nur eine Meuterei u.s.w. Sondern: entweder ist die russische Revolution auch "keine" oder die deutsche ist "eine". Ich bin für das "oder". Die räumliche Ferne leistet uns für die russische den Dienst, den uns für die deutsche erst die zeitliche leisten wird. Und ausserdem brachte Hans Hess, der übrigens bei aller Gescheitheit und geistigen Lebendigkeit doch noch immer ganz unlebendig ist und es vielleicht nie wird, - aber er immerhin er machte mich endlich klar, warum ich Scheler nichts glaube: nämlich weil er zwar seines Christentums sich nicht schämt, aber - seines Heidentums. Und er "hat" doch Heidentum (1.) sowieso, wie jeder Mensch mit Aussnahme der zwei Heiligen in der egyptischen Einöde, von denen der eine in Heidelberg privatdoziert und 2.) auch stadtbekanntermassen). Er fertigt das Heidentum immer nur mit so glänzender Didaktik ab, als ob das ein Duell wäre und nicht vielmehr ein Harakiri. Und deswegen ist mir auch sein Christentum unheimlich. Und endlich habe ich von H Hessens Gnaden endlich (im 2.Zieljahrbuch) Werffels christliche Sendung gelesen, und ihr habt recht, man muss sie lesen. Ich schwimme jetzt überhaupt wieder in Werffel; ich habe das Buch Wir sind wieder; es stehen herrliche Sachen drin, die in der Auswahl nicht stehen. Mit der Zeitgenossenschaft ist es doch eine tolle Sache. Und allenthalben stand Dostojewski Gevatter, nur bei dir nicht; du kommst doch noch richtig von Nietzsche her? Meine "verruchte" Schrift ist noch böser heut als sonst. Ich habe sie überschrieben heut. Heut morgen ist mir sogar eine kleine antianti= oder vielmehr proalkoholistische Tirade +) aus der Feder gelaufen; ich fühlte mich sehr als pro domo= oder eigentlich pro Lehmkolonie=Schreiber - es ist doch so; sogar die Frauen sind leicht alkoholisch, mindestens von Helene und von Gritli weiss ich es. Und Gritli? ist sie aufgewacht? wenn ja, so grüss sie von Deinem und ihrem - ihrem und Deinem Franz. +) d.h. für Brot und Wein zusammen. 5.I.[19] Liebes Gritli, Rudi ist heut Mittag gekommen. Also nur ein paar Worte und im übrigen als Entschädigung das Umstehende.[Bruchstück vom Maschinenmanuskript des *] Ich beginne jetzt erst, einigermassen klar zu übersehen, wie sich III im Ganzen ausmachen wird. III 1 wird doch ziemlich lang. Ich bin noch im liturgischen Teil, und vielleicht auf Seite 50 des künftigen Maschinenmanuskripts. Dann kommt noch die Gesellschaftslehre oder wie man das nennen will. (In III 2 die Seelenlehre). Aber es ist eine Menge "Untheologisches" auch schon vorher. Gestern habe ich heftig gegen das Lesen beim Essen geschrieben und gegen die Junggesellen überhaupt. Auf III 2 bin ich nun doch sehr neugierig. Um den 12. herum muss ich in Berlin sein; gestern Abend kamen Briefe von Bradt und Schocken. Denk dir, es wird erwogen, einen Sekretär für die Werbearbeit anzustellen, und zwar - Hermann Badt! Er wäre gar nicht übel dafür. Ich sah gestern eine jüdische Zeitschrift, wo die Akademie als "Hermann Cohens letzter Wille" bezeichnet wurde. Ist es nicht komisch, dass Hermann Cohens "letzter Wille" eigentlich mein erster ist? Kennt ihr die Briefe und Tagebücher der Paula Becker = Modersohn? (ihre Schwester kannte ich von Freiburg her); es ist nicht ganz so viel wie man daraus macht; sogar ein bischen peinlich, alles etwas wie die Überschrift des Buchs "Eine Künstlerin"; aber schluckt man das hinunter, so bleibt allerlei Schönes. Ein eiliger Gruss bloss --------- Dein Franz. 6.I.[19] Liebes Gritli, ich bin noch immer nicht mit dem geistlichen Jahr in III 1 fertig; es geht langsamer als ich will; auch meine dauernde Verschnupftheit stört mich. Dabei bin ich wirklich neugierig grade auf das Stück, das nach der Liturgie kommt und nun wird es wieder übermorgen bis ich dazu komme. Mit Rudi war ich nun gestern endlich bei Tante Julie; die ist merkwürdig unverändert, nur die Hände sind knöchern und krumm geworden; aber geistig ist sie vollkommen frisch. Sie stellte wieder eine ihrer skeptischen Fragen nach dem lieben Gott, die sie uns eigentlich immer fragt und die schwer zu beantworten sind (sie erinnert selber dabei an Gretchen!!!). Woher sie wohl diese Art Zweifel hat? und schon immer oder erst im Alter durch die Söhne? Mit Rudi war es wieder sehr gut. Ich habe Mutter veranlasst, ihm Eugens Brief zu geben; im blossen Lesen merkte er gar nichts, erst nachher als Mutter darüber sprach. Er fand ihn dann nachher (mir gegenüber) "sehr unpädagogisch". Ich weiss nicht ob er recht hat. Vielleicht hat es ihr gut getan, die "Eifersucht" die ja doch nur in ihrem Unterbewusstsein ist, einmal in ihrem Oberbewusstsein so energisch abzuleugnen; dabei verliert man sie unter Umständen auch im Unterbewusstsein. - Allerdings hat sie bei der Gelegenheit ihre andre Eifersucht, die auf - dich, sehr gemütsruhig und wie eine unabänderliche Tatsache ausgesprochen. - Es ist mir immer sonderbar zu denken, dass du Ältestes zu hause warst. Lange habe ich es auch einfach nicht gewusst. Ich kann mir dich ja überhaupt nicht richtig in der Familie drin vorstellen, immer mehr nur wie auf Besuch. Marlise denke ich mir viel leichter als Älteste. Am Ende hatte sie also mit ihrem Neid auf die "Erstgeburt" ebenso recht wie Jakob, - du würdest sie ja auch um ein Linsengericht verkauft haben. Übrigens war Cecil denn da? du hast gar nichts von ihm geschrieben. - Hedi?, ich schalte mich ja völlig aus, will weder "grob" noch "pädagogisch" sein. Rudis Gedicht hat sie "schön" gefunden, es sei aber "an ihr vorbei gesprochen". Meinst du, da hülfen Worte? Eigentlich kann grob und pädagogisch nur der liebe Gott sein. Wer nicht hören will, muss fühlen. Aber zum Fühlenlassen haben wir das Recht nicht. - Dein Jeremia Zitat stimmt freilich. Und es sind dieselben Leute, die während des Kriegs immer "Frieden Frieden" schrien - "und ist kein Frieden"; von denen steht doch auch bei ihm. Sie haben das Gesicht des Kriegs genau so wenig vertragen wie jetzt das der Revolution. Und sie fühlen nicht, dass sie ausgeschaltet sind; wir fühlens wenigstens. (Grabowski nicht; der Schluss des Spartakusartikels schwimmt plötzlich wieder in einen fröhlichen Optimismus hinein, wo er aus den Lesern seiner Zeitschrift plötzlich wieder ganz fidel die Partei der Zukunft erhofft!). - Berlin? ich schrieb dir ja. Inzwischen gehts da noch drunter= und drüberer. Aber ich weiss nun schon, dass es keinen so dollen Umsturz geben kann, dass nicht aus den Trümmern plötzlich das Kastenmännlein Bradt emporschnellen würde und rufen: es lebe die Akademie! Und da darf ich doch anstandshalber nicht skeptischer sein als mein - mit Schopenhauer zu reden - Apostel. - Das Goethesche Gebet in deinem Kalender ist aber nicht vor Italien und ich meine eigentlich nur die voritalienischen. - Ich habe immer das Gefühl, ich schriebe dir jetzt gar nicht richtig. Es sind doch erst 14 Tage und ich bin unruhiger und sehnsüchtiger wie sonst nach Monaten. Ich muss zu dir - und zu deiner Fraglosigkeit. Liebe – Dein Franz. [7.? I.19] Liebes Gritli, die Liturgie ist fertig, auf Seite 57 (das ist schon länger als die Einleitung) und nun gäb ich erst was drum, wenn ich nur wüsst, was ich eigentlich morgen noch schreiben werde. Diese Stücke hinter der Liturgie nehmen ja den ersten Teil wieder auf, nämlich in III 1 die Welt, in III 2 den Menschen und in III 3 doch wohl Gott. Während es innerhalb der Liturgie natürlich wie im zweiten Teil geht, Sch. = Off. = Erl. Aber schöner als Breuer ist es wohl geworden, überhaupt wüsste ich wenigstens nichts Besseres, es steht eine Menge drin. Für wen aber ist es eigentlich geschrieben? ich möchte jemand wissen, der alle Anspielungen darin versteht. Cohen hätte sich glaube ich doch gefreut. - Dies Papier ist auch nicht schön; aber es ist mir doch etwas dabei, als wärst du hier und ich könnte dir immer neue Stücke daraus vorlesen; es ist ein zweiter Durchschlag, lang reicht er nicht mehr. Übrigens könnte ich dir aus III 1 gar keine Stücke vorlesen; erst muss auch III 2 fertig sein; erst dann kann ich vorlesen. Dass das bis zum Wahltag sein könnte, glaube ich selber schon nicht mehr recht, und doch habe ich keine Lust, euch auf der Durchreise hier abzuwarten, sondern möchte euch noch in Säckingen sehn. Und dazwischen kommt nun Berlin, wenn die Revolution Bradt am Leben lässt. Allerdings wird III 2 rascher gehn als III 1 weil die Disposition ja genau parallel wird und ich mir dadurch immer leicht ein bestimmtes Pensum für jeden Tag setzen kann. Z.B. dies "ich gäb was drum u.s.w." Gefühl würde ich bei dem entsprechenden Stück von III 2 nicht haben. - Meine Druckwünsche sind stärker geworden; ich werde wohl, sowie es wieder erst einigermassen billig ist, es als Manuskript drucken lassen, damit ich 50 Exemplare habe. - Ich will zu Trudchen heut Nachmittag, zum ersten Mal seit unserm Hindenburgtag! Und Abends kommen Pragers. - Kluges Ethymologisches Wörterbuch ist angekommen (aber der Notker noch nicht) und ist sehr schön; ich habe schon eine Menge drin gelesen. Von "Trotz" zieht er keine Verbindung zu "Treue"; das Wort kommt sogar nur im Mitteldeutschen noch vor, schon im Altdeutschen nicht. Aber vieles stimmt auch sehr schön. Z.B. "bleiben" ist wirklich = "leben". - Konjugier es einmal durch ---- Dein Franz. 8.I.[19] Liebes Gritli, ich bin noch nicht viel gescheiter als gestern, obwohl ich eine ganze Menge geschrieben habe; es wird wohl noch eine richtige kleine Staatslehre. Dieser ganze dritte Teil ist schwerer zu schreiben als der zweite, weil er wortfremd ist, nicht wie der erste, wo das Wort zu gut war für den Gegenstand - im zweiten stimmte es natürlich ganz genau - , sondern weil der Gegenstand hier zu gut ist für das Wort; man müsste ihn einfach zeigen können. Es genügt nicht , dass die Sprache spricht, hier; sie müsste "illustrieren". - Ich bin also mitten drin bis über die Augen in diesem Schluss des ersten Buchs und weiss nicht ob ich morgen schon fertig werde. Zwischenhinein lasse ich mich von dem Kluge in Versuchung führen. Es ist herrlich was da alles zwischen zwei Buchdeckeln zusammensteht; es ist das schönste Konversationslexikon. - Bei Pragers gestern abend sah ich, wieviel ich vergessen habe durch das halbe Jahr, wo ich jetzt nichts mehr lese. Ich muss, muss, muss und muss fertig werden. Breuer soll ein neues Büchelchen geschrieben haben: "Messiasspuren", - nach dem Titel könnte es etwas sein; es wird wohl auf den Zionismus gehn. Ich fragte Prager auch nach dem *, er wusste aber natürlich auch nichts, nur Ps 144,1 und 2 wo es heisst 1.) mein Hort 2.) meine Seite, 3.) meine Burg 4.) mein Schutz 5.) mein Erretter 6.) mein Schild. Aber das setzt natürlich den * schon voraus. - Heut kam ein Brief von dir morgens und einer nachmittags. Das ist eigentlich das Schönste. Ich freue mich, dass ihr im Geist seid. Die Zimmer sind ja nicht schön, aber die Stube unten dafür umsomehr. Von dieser Operationsbasis aus brauchst du dich ja auch vor dem Haus Kantorowicz nicht zu fürchten. Dass ich Marlise nun auch kennen lerne, ist mir sehr recht, und so hat alles "seine gute Seite". - Liebes, merkst du eigentlich, dass wir uns jeden Tag das gleiche erzählen, du mir, ich dir, du heute von der leeren Kirche und dem "Staubecken der Sehnsucht" und ich mein fertig werden müssen. Ich merke es eben wieder, dass es das gleiche ist. 1919 ! Ich denke an dich und bin um dich und mit dir und in dir. Ich küsse deine beiden Hände. Ich bin dein. 9.I.[19] Liebes Gritli, III 1 ist fertig, ein bischen frag = mich = nur = nicht = wie. Die Liturgie und was vorangeht ist zwar wohl gut. Aber das nachher ist wohl nicht recht klar, z.T. einfach noch nicht ausführlich genug. Ich bin aber jetzt sehr darauf aus gewesen, zu Ende zu kommen, weil ich in das zweite Buch hinein wollte. Von da aus kann ich dann leicht noch nach rückwärts im ersten verbessern. Die Ausführlichkeit der Politik am Schluss von III 1 muss sich nach der der Ästhetik am Schluss von III 2 richten. Es wäre sehr leicht, z.B. noch etwas über die Verfassungsformen hineinzubringen. Im Ganzen aber, fürchte ich, hält der III.Teil doch nicht das Niveau das zweiten, und das habe ich ja eigentlich gewusst, als ich den zweiten schrieb: dass ich etwas so Gutes nicht wieder machen würde; dies "nicht wieder" gilt eben schon für den * selbst. Mit Rudi habe ich eben telefoniert, teils um Rudi Hallo auf ihn zu hetzen. Von Beckerath hatte ich einen Brief, er wird im Februar wieder in Leipzig sein. Und zu uns kommt Jonas auf einige Zeit! Ich werde allerdings wohl trotzdem nach Freiburg gehen. Dann habe ich es hinter mir. Schreib mir, wenn ihr wisst, wann ihr von Säckingen fortgeht. Ich möchte ja gern, ehe ich nach Freiburg gehe III 2 fertig haben. Zwischen III 2 und III 3 ist mir eine Pause nur recht. III 3 wird ja kaum mehr sehr parallel werden, sondern eine Kombination über den beiden Parallelen III 1 und III 2 , ein Türsturz über den zwei Pfosten mit den Statuen der Kirche und Synagoge. Aus Berlin wird wohl augenblicklich doch nichts; und da wäre es möglich, allerdings nur bei einem ziemlich dollen Tempo, dass ich wirklich "bis zur Wahl" III 2 schreibe. Morgen früh fängts an. Diese Bogen sind nun auch zu Ende. Morgen kommt ein Rest von besserem Papier und vielleicht bringe ich es dann auch zu einer gewascheneren Handschrift. Es kommt mir vor, so hätte ich noch nie geschmiert. Ich wunderte mich nicht, wenn du es gar nicht lesen möchtest. Oder magst du es doch? - auch so? ? [durchgestrichen] Nein - kein Fragezeichen. Dein Franz. 10.I.19 Liebes Gritli, es ist wieder H.U. = Luft um euch, aber bis dieser Brief bei euch ist ja nicht mehr. Ich habe heute III 2 angefangen, der übliche erste Tag, das Ankurbeln; ich war sogar ein paar Stunden auf der Murhardbibliothek, um den genauen Wortlaut der Maimonidesstelle, die ich dir zeigte, festzustellen; mit der fängt es nämlich an. Aber es gelang mir nicht. Ganz verstanden habe ich die Stelle aus Hansens Brief ja auch nicht. Deshalb z.T. schrieb ich sie dir ja. Er wird wohl mit der "Lebenstat" das ganze Leben meinen. Und so würde ich es recht wohl verstehn. Denn deswegen war ich doch bis zum 20.VIII. oder 21. oder 22. - so gewiss, dass ich kein opus schreiben würde. Ich meinte ja auch, so etwas dürfte nur als Frucht am Baum des Lebens reifen. Nun sind es Säfte die in den Kanälen des Stamms hochsteigen durch die Äste bis hinein in die letzte Blattspitze. Man kann den Stamm wohl anbohren und etwas Saft abzapfen, aber eigentlich ist er nicht dafür da. - Übrigens pour moi jedenfalls (und ich glaube, auch sonst) ist penser nicht prier. Wer das gesagt hat, hat vielleicht vor dieser Entdeckung gemeint, Denken wäre "Kopfarbeit"; das ists natürlich nicht; es ist genau so sehr Arbeit des ganzen Menschen wie Beten; auch beim Denken ringt man die Hände. Aber es bleibt trotzdem etwas ganz Andres; ich spüre es zu deutlich. Ich muss heraus - übrigens auch noch aus einem andern Grund: ich muss wieder was lernen, ich vergesse ja alles; ein halbes Jahr ohne etwas zu lesen - "im Atemholen sind zweierlei Gnaden" - - Wenn nun Hans es so gemeint hat, so ist es doch sehr viel; denn gesagt habe ich ihm das nicht; er weiss es so. Ich zerbreche mir über dies Vorher und Nachher ja nicht mehr den Kopf. Es ist wie damals als Hans und ich nach Rom fuhren; wir hatten das Dogma "nach Rom nie unter 6 Wochen" so oft und so gläubig beteuert, dass wir grade deswegen ihm ohne Gewissensbisse untreu werden konnten, fast im selben Augenblick wo wir es zuletzt beteuert hatten. Ich freue mich auf das Papier; ich war schon traurig dass es schon zu spät war dich nochmal dran zu erinnern. - Die Brotkarten sind für 14 Tage - nun habt ihr keine mehr zu beanspruchen. Wählen könntet ihr übrigens auch hier! sodass ihr euch im ganzen vier Seelen leisten könntet. Wollt ihr eure hiesigen Stimmen nicht der demokratischen vermachen? um meinetwillen -, ihr habt doch nun beide ein Interesse daran, dass es keine Pogroms giebt. Aber du musst nicht denken, ich politisierte. Ich lese das Tageblatt nur wie einen Kriminalroman, möglichst zu einem Stück Brot. Liebes Gritli - "lass mich deine Stimme hören", es ist wirklich das, wonach ich am meisten Sehnsucht habe -- 11.I.19 Liebes Gritli -- das schönste sind die Couverts, allerdings auch die mit der dummen Lederimitationspressung. Aber es ist ja egal. Ich schicke dir einen Teil davon - dann sind sie balder verschrieben. Und da ich grade bei den Dehors bin, und auch so bis zur Kehle voll davon bin, dass es doch nötig ist, dass ich es herauslasse: also bitte, solange ich noch hier bin, siegle bitte deine Briefe; ein Siegel ablösen ist zwar leicht, aber es so wieder aufkleben, dass das Gummi nicht übersteht, ist sehr schwierig. Und ich kann den Verdacht nicht loswerden, dass Mutter gelegentlich deine Briefe aufmacht; heute kam eine ganze Gruppe Verdachtsmomente zusammen; und es ist ja nicht das erste Mal, dass es so geht. Und zutrauen tue ichs ihr. Ich mag nicht ins Einzelne gehn. Es scheint mir ein lückenloser Indizienbeweis, aber natürlich kann ich mich auch trotz allem irren. Aber der Verdacht selbst ist mir unerträglich. Damit dass ich ihn überhaupt haben kann - was ja eigentlich das Schlimmste ist - bin ich abgefunden. Aber auch nach dieser allgemeinen Abfindung ist es noch scheusslich; es macht mich auch unruhig beim Arbeiten, wenn ich die Post nicht ruhig unten liegen lassen kann. Und ausserdem benehme ich mich schlecht gegen sie, indem ich ja genau merke (oder mir zu merken einrede) wie sie durch gespielte Harmlosigkeiten und durch Nährung meines vorausgesetzten Glaubens an ihre Ahnungskraft - sie unterhält mich mit Vorliebe über etwas was du geschrieben hast, eben z.B. will sie den Hochlandaufsatz, V.u.S., nochmal lesen; sie habe sich schon neulich überlegt, wie wohl das Hochl. ihn habe aufnehmen können. Beim Krzg. des St.banners habe sie es wohl begriffen aber V.u.S. mit seiner Stellung zwischen den Konfessionen, - Weitherzigkeit? oder Schlauheit? und es müsse doch Erregung hervorrufen bei den Lesern; dazu dann als sie mir den Brief heut nachmittag giebt (auch heut morgen hatte sie die Post abgenommen, und heut Morgen hätte er nach dem Abgangsstempel ankommen müssen) also als sie mir ihn giebt, kuckt sie interessiert nach dem Stempel und sagt: ach, Freiburg!? und wie ich ihn mir ansehe, sehe ich dass er locker zugeklebt ist, und an der einzigen festen Klebstelle das Papier etwas verkrumpelt und der Gummi übergetreten ist, genau wie wenn man frisch gummiert hat. Nun habe ich dir doch meinen Indizienbeweis gesagt. Ach so, da ich schon mal dabei bin: also nachher fragt sie mich noch (was sie sonst jetzt meist nicht mehr tut), was drin gestanden habe, und mehrmals. Ich sage ihr, Ihr wäret beim Zahnarzt gewesen. Gritli auch? Gritli doch nicht? dabei weiss sie, dass du auch zahnarztreif bist. Also aber nun genug davon, und schon damit du keinen solchen Brief wieder kriegst: siegle. Begründen werde ichs schon harmlos, wenn sie mich fragen sollte. Etwa: du hättest das Siegel wohl erst jetzt gekriegt (wenns ein eigenes oder indifferentes ist) und wenns ein fremdes ist: ich hätte dir geschreiben, es wäre ein Brief von dir ganz offen angekommen, das Gummi hielte nicht mehr. So nun bin ich leichter, und will erst nochmal zurück zum *. Genug auch davon. Ich bin so sehr jetzt wieder in den einzelnen Büchern, dass ich mich wirklich besinnen musste, was ich denn in Einl.III für die Zuchtlosigkeit des Glaubens plaidiert hatte. Ich bin eben jetzt bei der Kirchenzucht und kucke gar nicht über die Mauer. Rudi hat jetzt den ersten Teil ganz gelesen, d.h. im Manuskript. Vielleicht schicke ich Euch das einfach auch. Denn zum Durchsehen der Mündelschen Abschrift komme ich scheinbar doch nicht. Ist denn Eugen fertig mit dem Sohmaufsatz? Von Krebs hatte ich mir eigentlich schon das Bild gemacht, wie du ihn jetzt beschreibst. Eben weil ich mir einen Typus erwartete. Es ist aber doch ein Glück, dass auch die Muths möglich sind. Es mag ja die einzige Kirche sein, aber Luther hatte doch recht als er ihre Visibilität zu einer blossen Visibilität degradierte. Ich will morgen weiter schreiben. Ich will jetzt Pragers anrufen, vielleicht noch besuchen; Mutter ist in einer Versammlung. Und seit ich III 1 hinter mir habe fürchte ich mich weniger vor den Juden. Ich lese ja wieder Jüdisches, heut morgen wieder auf der Bibliothek und nachher allerhand Jüdisch-deutsches in dem Gebetbuch das ich aus Warschau mitbrachte. Da stehen nämlich ausser den Übersetzungen auch gelegentlich kleine Geschichtchen, Gleichnisse, höchst realistische aus dem ostjüdischen Leben, drin; ich müsste dir mal eins abschreiben. Weisst du wohl übrigens, dass ausser den Psalmen, die den Gebetbüchern meist als Brevier für die 7 Wochentage angebunden sind in diesen östlichen Gebetbüchern als tägliches Lesestück (am Schluss des Morgengebets) das Hohe Lied steht? und für den der sich nicht die Zeit dazu nehmen kann, 4 Verse daraus als Ersatz fürs Ganze, die mit Anfangsbuchstaben zusammen den Namen Jakob geben. Ich hatte es ganz vergessen. Es ist wohl das einzige biblische Buch, das in extenso drin steht. Bis morgen. Dein Franz. 12.I.[19] Liebes Gritli, es ging so weiter. Über Nacht hat Mutter V.u.S. zum dritten mal gelesen und heut morgen erzählte sie mir: ja, zwei Religionen, und sie meine, ein protestant. Pfarrer müsse das leichter goutieren als ein katholischer, und sie möchte es wohl mal einem geben. Es sei doch merkwürdig, da ja doch das Katholische mit mehr Sympathie dargestellt sei. Und sie wolle die nächsten Hefte des Hochlands sich verschaffen und sehen, ob nicht Entgegnungen kommen würden von kathol. theologischer Seite. - Alles genau, als ob sie mich auf die Weise dazu bringen wollte, als "wunderbares Zusammentreffen" ihr deinen Brief vorzulesen. Sie baut fest auf meinen gar nicht vorhandenen Aberglauben und ihre Ahnungen. Ich aberglaube aber gar nicht daran. Ihr Paradepferd z.B., der "hohe Berg" in Mazedonien, den kann ich restlos auf natürliche Ursachen zurückführen, vor allem auf Straussens Besuch in Kassel (den sie jetzt krampfhaft nach ihren Ahnungen datiert, er war aber vorher). Sie mag manchmal Hintergedanken erkennen, Hinterdinge aber nie. Und dann sind Borns ein paar Stunden hier. Hedi hat sich bei Es schlafen gelegt, aber Max war hier; er sah reizend aus; der "Zug um den Mund" steht ihm gar nicht schlecht. Er sprach ruhig und nett. Aber, aber - also Hedi hat die 4 oder 5jährige Irene sexuell aufgeklärt; es sei nicht mehr anders gegangen; sie habe gefragt, ob Vater denn auch im Storchenteich gewesen wäre? und auch ganz klein? und dann also tot? nein lebendig; dann müsse er aber doch gewachsen sein? und hätte also auch nicht ganz klein sein können wie sie. Darauf habe Hedi gesagt, sie wisse es auch nicht, und sei zu Blaschko gegangen, "das ist nämlich" (er sagte: "nämlich"!!) "ein sehr bedeutender" - - - - - - - nun rate: - - - - - "Dermatologe" (mit dem Borns befreundet sind). Und die dermatologische Autorität sagte, das sei sehr falsch gewesen und man solle es den kleinen Kindern gleich alles sagen, damit sie nie zum Erstaunen kämen. Das ist nämlich das grösste Unglück wenn man zum Erstaunen kommt, und noch dazu über etwas, das nicht zum mindesten zum Erstaunen ist. Und Kinderkriegen ist ja eine dermatologische Angelegenheit; wie schön, wenn man mit einem befreundet ist. Ich konnte mir doch nicht verkneifen, ihm dies und ähnliches zu sagen; er hat es glaube ich für Ernst genommen, obwohl ich fast meine schöne Zigarrenspitze dabei zerbiss. Im übrigen hofft er natürlich [auf] den bekannten Aufschwung des deutschen Geistes infolge der Niederlage, und sein Geist schwingt sich ja wirklich auf. Ich habe keine Lust, Hedi zu sehen. - Bis nachher - der * wartet. Guten Abend. Ich bin nicht recht zufrieden mit diesem Buch oder vielmehr: ich bin gar nicht zufrieden. Ich weiss nicht, woher es kommt. Entweder ist es doch verboten,so von aussen über etwas zu schreiben - und nun gar darüber. Denn es ist ja von aussen und Eugens Wort von meiner "christlichen Theologie" war ja nur möglich, weil er, wie alle Christen, nicht wusste, wie weit das Gemeinsame geht. Es kann aber auch sein, dass es einen ganz andern Grund hat: ich bin vielleicht einfach "überschrieben". Nach den ersten 3 oder 4 Wochen kam die Pause von Üsküb bis Belgrad und dann nach wieder drei Wochen die Pause Belgrad - Freiburg. Seitdem aber habe ich höchstens die paar Tage von Säckingen bis Kassel pausiert und selbst seitdem sind es nun schon 6 Wochen. Es wäre mir beinahe recht, wenn ich jetzt nach Berlin müsste und sonst gehe ich jedenfalls nach Säckingen, auch wenn ich mit III 2 nicht vorher fertig bin. Vorlesen kann ich dann allerdings auch aus III 1 nichts. Ich kann es erst, wenn beides fertig ist. - Im Ganzen hemmt mich wohl im dritten Teil auch, dass ich ihn eigentlich nicht mehr schreiben muss, denn ich weiss ja schon alles was drin steht, wenigstens in den beiden ersten Büchern. Die beiden ersten Teile steckten im Rudibrief, ja in der Konzeption des Nachtwegs nach Prilep. Der dritte Teil wäre mehr eine Bestätigung, - ein Messen des Rudibriefs an meinen Schwarzen Büchern des Winters 1913/14. Ich weiss nicht - und du auch nicht, lass es dir nicht zu Herzen gehn, vielleicht ist es auch alles nicht wahr. Noch von Born etwas. Er galt bei seinen Kameraden in der A.P.K., in der er ja war, wegen seiner pessimistischen Äusserungen für rot. Infolgedessen kamen bei Ausbruch der Revolution diese Offiziere (genau wie zu Hans in Jüterbog!) zu ihm gestürzt, damit er durch seine Beziehungen, die er aber gar nicht hatte (er kannte nur Bernstein) sie schützte. Das Pack ist also überall das gleiche. Übrigens bestätigte er, dass zwar nicht die klügsten aber die besten Intellektuellen bei Spartakus wären, alle die wirklich etwas tun wollten. (Sag das nicht Eugen, sonst wird er wieder traurig). Über Burfelde wusste er auch ganz richtig Bescheid, offenbar von früher her: dass für ihn Spartakus nicht Gesinnungssache wäre, sondern einfach die nächste Tat; und er sei ein Mensch, der nie warten könne, sondern sich immer ganz einsetzen müsste. Er sagte es anders, aber nett. Vorhin beim Ausrechnen der Zeiten ist mir klar geworden, dass du ja schon 3 Wochen fort bist. Ich hatte mir vorgestellt, es wäre viel kürzer gewesen; so ist ja eigentlich meine Sehnsucht schon ganz gerechtfertigt. Zu deinem Brief gestern: hast du wohl schon mal bemerkt, dass die grossen Proselyten, die dem Katholizismus proselthiert sind in den letzten 150 Jahren, gar nicht Eroberungen waren wie die Proselyten, die ihm die Jesuiten zugebracht hatten; sondern sie sind in das gehütete Feuer hineingeflogen wie Insekten an die Lampe. Es war ein ruere in servitium. Die ganz Starken sind nicht dabei gewesen. Und mindestens einer von ihnen, Bismarck, ist doch ein grosser Christ geworden. Vielleicht kommt es daher aber auch, dass die Kirche von diesen Proselyten eigentlich doch nicht viel gehabt hat; sie hat sie eben ohne eigne Arbeit und also ohne Mühen und Opfer ihrer Seele erobert, und so hat sie sich in ihrem Innern wohl wenig erneuert, wie man es doch eigentlich erwarten sollte bei einer solchen nicht abreissenden Heimkehrbewegung seit den Stolbergs. Nimm als Gegenbeispiel dies: die jüdischen Proselyten seit 1800 hat sich die protestantische Kirche durch ihre eigene "Johanneisierung" wirklich erobert; sie hat es sich etwas kosten lassen, sie wurde Kulturkirche; das tat weh aber es hat sich gelohnt; Proselyten wie Neander oder gar wie Stahl hat eigentlich die katholische Kirche von den Protestanten nicht aufzuweisen: so ganz ungebrochene. Kluge ist in den letzten Tagen verdrängt gewesen durch die Lebenserinnerungen der Schauspielerin Karoline Bauer, glänzende Menschenschilderungen aus den 20er und 30er Jahren, von einem abgründigen Realismus, so wie wohl nur eine Frau beobachten kann, eigentlich erbarmungslos. Sie ist auch innerlich lieblos, hat zweimal eine Versorgungsehe, oder wohl eigentlich nur ="ehe", geschlossen, beidemal unglücklich. Kannst du dir denken, dass es trotzdem, oder grade dadurch, ein sehr menschliches Buch geworden ist? Das Dankwort aus der Nuova Vita ist wohl kaum ein Zitat; ein Anklang an die Lukasstelle könnte es allerdings grade dann sein. Nun lebwohl bis morgen. Dein Franz. 13.I.[19] Liebes Gritli, das war schön heut, du kamst gar in dreifacher Gestalt, morgens als Brief und als Muster ohne Wert und nachmittags nochmal als Brief. Ich habe dir heut auch von diesem Papier geschickt, es ist zwar ein bischen gelb, aber dafür sind die Tapeten der Couverts und die Bändchen schön braun, ähnlich wie dein braunes vom vorigen Februar, das du jetzt nur noch zum Haarwaschen trugst. Mit mir und dem * war allerlei seit gestern Abend. Da fing ich nämlich, im Esszimmer, mit Mutter an, den ersten Teil zu korrigieren, und verstand kein Wort, ich wohl aus Müdigkeit, Mutter sowieso, aber trotzdem war ich doch erschrocken, wie schwer er ist. Und so blass. Ich weiss nicht, ob es etwas am Stoff liegt. Aber jedenfalls - ich war bedrückt, und Mutter nährte die Stimmung kräftig. Natürlich dachte ich dann heut Morgen: nun grad nicht. Und es ging dann auch besonders gut, wenigstens verglichen mit den letzten Tagen. Und nach Tisch las ich in der Frankfurter und siehe da, von Margarete Susmann eine 6 Feuilletonspalten lange Anzeige eines Buchs von Bloch. Bloch macht seit 1911 oder 12 Heidelberg von sich reden, zusammen mit Lucacz, einem Ungarn, der auch schon einiges veröffentlicht hat, Bloch aber m.W. noch nichts; dies ist das erste; diese beiden also traten offen auf als Besitzer einer eigenen Metaphysik, was Hans, der bis dahin sich noch etwas geniert hatte, veranlasste, sich ebenfalls als das was er war zu bekennen. Sodass also mindestens drei Metaphysiken in Heidelberg waren. Hans hat ein paar Nächte mit Bloch und Lucacz disputiert, daher weiss ich allerlei, Lucacz habe ich auch einmal, auf der Strasse, gesehen. Der interessanteste von den dreien schien mir Bloch zu sein. Er schrieb z.B. an den Papst, weil der irgend eine Rolle in seiner Apokalyptik spielte, sozusagen um ihn einzustudieren damit er auch richtig funktionierte. Eine grosse Rolle in seinem System spielten astrologische Parallelen zwischen Erde und Himmel (Lucacz war hauptsächlich Verfasser in spe einer 7 bändigen Ästhetik, die aber auch Metaphysik war, denn sie sollte die Kunst als Teufelswerk zeigen, das "Luziferische" der Kunst, wie er es nannte). Bloch war ganz wild. Z.B. als Naumann mal Webers besuchte und über die Politik des Jahres - des Jahres, nun etwa 1913 1/2 orakelte und alles ihm sehr andächtig zuhörte, unterbrach ihn Bloch: das sei doch alles sehr nebensächlich, da grade jetzt demnächst der Sirius u.s.w. u.s.w. Nun liess er das Gespräch nicht wieder los und redete vom Sirius und der Gegenwart, und Naumann war ganz bestürzt, und auch Webers war es etwas zu viel. Nun also ist ein erster Band von ihm da, gefällt Margarete Sussmann und handelt scheinbar auch vom *. Ich will dir den Artikel einlegen. Die paar Sätze vom * darin haben mir wieder etwas auf die Beine geholfen und ich fürchte mich nun schon wieder weniger vor dem Korrigieren nachher. Die Einleitung war ja wohl auch das Schlimmste. Sie wird nämlich wie du übrigens auf dem letzten Blatt das ich dir schickte schon siehst gleich nach den neuen ersten Seiten ganz und gar "in" oder vielmehr bloss "ad" philosophos. Du wirst es gar nicht lesen können mit Ausnahme ein paar "schöner Stellen", die ich dir anstreichen müsste, und Eugen nur bei sehr viel gutem Willen. Weisst du, zum Aufwachen am Münsterplatz gehört auch noch dass gleich nach dem letzten Glockenschlag die Orgel anfängt; in manchen Zeiten ist es so. Vielleicht bin ich nun bald wieder da, und schreibe den Schluss des *. Ich habe mich heute gar nicht noch dir gesehnt, du kamst ja dreimal und der * schrieb sich gut - du warst eben einfach da. - Mutter wartet unten, ich will aufhören. Aufhören?? - ach nein, Liebe Liebe, wie kann ich denn! - niemals. Immer - Dein 14.I.[19] Liebes Gritli, ich stürze mich wirklich in dies Papier; es gefällt mir auf dem weissen nicht mehr. Ich fürchte, dies III 2 wird nur schlecht, ganz einfach schlecht. Am liebsten setzte ich mich heute auf die Bahn und führe nach Säckingen und dann nach Freiburg. Wenn es nur an überschriebener Feder liegt, dann wird es ja danach wieder gehn. Und sonst? ich spüre es wohl zum ersten Mal wirklich, wie ganz unmöglich es ist, Wesentliches von aussen sagen zu wollen. Ich weiss doch alles, aber ich kann es nicht sagen. Die Feder stockt mir nur, weil mir die Zunge klebt. Du musst mir wirklich eila machen und mir sagen, dass es nicht schlimm ist. Aber heute warst du noch gar nicht da. Auch die Zeitungen noch nicht, so hoffe ich noch immer. Ich rede mir ein, ich hätte dich heut besonders nötig. Ich bin so down, dass ich sogar lange schwankte, ob ich den Vortrag in der "Humanität", den Prager voriges Jahr hielt, Ende Februar, annehmen sollte. Statt einfach zu wissen, dass ich sowas doch muss. Sag mir worüber ich sprechen soll. Vielleicht fahre ich auf ein paar Tage nach Frankfurt, auf die jüdische Bibliothek dort, sehe zu ob ich was drüber finde, und spreche über den - *, nämlich den auftentischen; es muss doch irgendwas darüber geben. Etwas andres jetzt vorbereiten kann ich nicht und Unvorbereitetes - so komisch es klingt, aber mir ist nichts eingefallen, was ich so präsent hätte, wie ich es dafür brauchte. Ich will zu Tante Emmy gehn, sie hat den Anfag von Rich. Ehrenbergs "Familiengeschichte" da zum Abschreiben und ich soll ihr ein paar Worte entziffern und es überhaupt lesen; er hat natürlich sich weit und breit über das Judentum überhaupt ergangen und Ehrenbergs finden das "sehr rührend" von ihm. Liebes Gritli, kann ich denn was dafür, dass mir die Welt heut gar nicht gefällt? Aber natürlich kann ich was dafür - ich vergesse ganz wie gut ich es habe. Ich will einmal daran denken. Also: Ich bin Dein. 15.I.19. Liebes Gritli, wo ich gestern stecken blieb und so unglücklich war, das war - an sich schon komisch… - bei Staat und Kirche. Vor dem Schlafengehn fiel mir dann ein, dass ich ja die "stärksten von meinen Künsten" ganz vergessen hatte, da wandte ich sie an, nämlich ich sah mir - den * an! das hatte ich lange nicht mehr getan; und richtig da war plötzlich alles schon da, und heute habe ich also von Staat und Kirche und von Priester und Heiliger geschrieben, alles genau wie es im * zu sehen ist. Aber so down war ich gewesen, dass mir das nicht einfiel, wo es doch das Naheliegendste war: an den * zu denken, wenn man von ihm schreibt. Und heute früh kamst auch du, und so war alles gut. Liebes Gritli, ich fahre am Montag oder Dienstag, aber dann gleich durch, sodass ich wohl am Mittwoch schon bei euch bin; ich muss ja einmal in deinem Zimmer mit dir gestanden sein, und dazu ist es ja nun der letzte Augenblick. Ich war ja schon einmal mit dir drin, einen ganzen Morgen, - aber das war beinahe zu sehr mit dir; ich weiss nicht, wie ich es sagen soll. Ich schicke dir diesen Brief als Eilbrief, denn du musst mir wegen der Reiseerlaubnis ein Telegramm schicken, mit irgend einem geflunkerten Grund, etwa: "Beginn der Vorträge schon Donnerstag, reisen Sie spätestens Dienstag. Hüssy". Ich bin mehr für solche "Wahrnehmung wichtiger Berufsangelegenheiten" als für "Krankheit naher Familienangehöriger". Übrigens ist es ja noch nicht mal geflunkert. Denn wenn ich bis dahin doch fertig oder sogut wie fertig sein sollte (ich habe jetzt mit dem liturgischen Teil begonnen, der kürzer wird als im III 1, dafür der vorliturgische länger), also wenn ich fertig sein sollte, dann wird ja die Vorlesung auf deinem Zimmer wirklich am Donnerstag beginnen. Und wenn es nun aus irgend einem Grund doch nichts wird - z.B. wenn etwa Montag die Berliner Sitzung sein sollte, so fahre ich euch entgegen nach Frankfurt oder Würzburg oder sonst wohin und ihr fahrt einen Tag früher von Säckingen ab und wir sind dort einen Tag zusammen. An Kassel hatte ich nur gedacht für diesen Fall, weil es ja jetzt Kopfstation geworden ist nach allen Richtungen. Rudi z.B. musste von Gött. nach Lpz. über Kassel fahren. In Säckingen werde ich ja doch nichts arbeiten, höchstens den Vortrag; ich habe jetzt ein Thema, wozu ich gar keine Vorbereitung brauche: "Geist und Epochen der jüdischen Geschichte." (Nämlich dass sie nur Geist hat und keine Epochen, - zum Unterschied von aller andren Geschichte - von wegen der Ewigkeit -. Das ist der Knalleffekt. Auch kann ich da grade bei Pragers Vortrag von vorigem Jahr über Grätzens Philosophie der jüd. Gesch. anknüpfen. Und ausserdem kann ich den Leuten da die bösesten Sachen sagen. Also das kann ich mir ja in Säckingen im Fremdenzimmer durch den Kopf gehen lassen - wenn es noch nötig sein sollte. Liebes Gritli, wenn du dir jetzt "dein Haus zusammenträgst", darfst du nicht an so böse Geschichten aus dem Evangelium denken. Es ist ja nicht "dein" Haus, es ist "euer" Haus. Und das ist ein grosser Unterschied, an den das Evangelium viel zu wenig denkt. Hans Hess kommt eben, und auch so - ich möchte doch nur in einem fort Liebes Gritli schreiben, weiter gar nichts, aber dies immerzu. Das ist keine Stimmung für Briefe - Liebes Gritli liebes liebes --- Dein Franz. 16.I.[19] Liebes Gritli, es ist ganz spät und war wieder mal ein nervenzerreissender Tag. Ich beschwor ohne es zu wollen beim Mittagessen das Gewitter herauf und dann tobte es bis gegen 6. Danach kam ein freudiges Familienereignis, das glücklich ablenkte. Der Vormittag ging mir auf - den "Pilger Kamavita" drauf, den mir Tante Emmy zum Geburtstag geschenkt hatte (d.h. in Wirklichkeit wohl Hans), eine romanformige Darstellung des Buddismus von dem Nobelgepriesenen Gjelerup; anfangs hatte ich mich mehr drüber geärgert als gefreut, aber so in der Mitte des Buchs war ich gepackt und las deswegen heut Morgen in einem Zug zu Ende. In der Mitte stirbt er nämlich und dann spielt alles übrige im Jenseits. Es scheint mir gar nicht verzeichnet, und es ist doch irgenwas dran, obwohl, obwohl natürlich - aber das steht alles schon bei Tertullian und Augustin ganz klar, und der Buddismus ist eben doch bloss Antike. Bei alledem habe ich aber doch eine Menge geschrieben; die Kunstphilosophie in III wird wohl schön. Es giebt ein Lob der angewandten Kunst: Architektur – Kirchenmu-sik - Tanz. (Das ist eine aufsteigende Linie). (Das ist schon aus Mazedonien vor der Flucht). Dass ich den Tanz zu oberst stelle, wird dir wohl passen? (Ich rechne natürlich auch Prozession, Festzüge, Turnspiele, Paraden, Manöver, Pferderennen u.s.w. dazu). Rudi Hallo ist nicht bloss befangen, sondern wirklich schon umhüllt von einer dicken Schicht Akademischkeit. (Es ist doch gar kein Wunder, dass ihm hier niemand eine Überzeugungstaufe zugetraut hat; er hat eben eine Façade vor sich aufgeführt.) Gute Nacht - es ist schon 12, ich denke an dich. --- Dein Franz 17.I.19. Liebes Gritli, ein Tag zum Verzweifeln. Zwar der Morgen war schön und Nachmittags war sie weg, aber Abends ging es los. Es ist einfach unmöglich für mich, länger als eine Woche hier zu sein; ich werde völlig in diese Strindbergsche Atmosphäre hineingezogen. Ich kann noch nicht zu Bett gehn, obwohl ich auch so kaput bin, dass ich mein überreiztes Wachsein auch nicht zum Schreiben verwenden kann. Hätte ich was zu korrigieren, so könnte ich die Nacht dran sitzen bleiben. Ich gucke jetzt wirklich aus dieser Höllenbolge Terrasse 1 nach Säckingen und nach Freiburg aus wirklich mit dem Gefühl: revider le stelle. - Mit III 2 werde ich hier nicht mehr fertig. - Ich will einmal versuchen, ob ich noch in den schönen Vormittag zurückfinde; da kamen nämlich deine Briefe. Nein, ich kann dir nicht antworten, ich kann dir heut überhaupt nicht schreiben. Es geht nicht. Dein Franz. Ich habe gestern Abend oder vielmehr heut früh um 2 nicht zugemacht. Ich wollte dir am Morgen noch ein Wort drunterschreiben. Es geht aber immer noch nicht. Dabei war mir eben als strichest du mir mit der Hand über den Kopf. Tus - bald. 18.I.[19] - der erste seit der Revolution! Liebes Gritli, Stille nach dem Sturm. Sie hatte einen Kater und war nett. Ich bin nach-mittags zu Trudchen gegangen, um meine Hoffnungslosigkeit herauszuschwätzen und bin nun auch erleichtert, nur müde. Ich weiss so genau, dass das einzige was sie auf die Dauer zufriedenstellen könnte, mein Tod wäre; danach würde sie einen Heiligenkult mit mir treiben, vorher giebt sie keine Ruhe; und da ich nicht vorhabe zu sterben, so muss es mit diesem ersten 6 Wochen = Versuch genug sein. Eine Woche lang wird sie mich ja vielleicht aushalten. Ich bin noch müde und schaukle in meinen Nerven. Die Telegramme kamen. Ich fahre wohl Montag Mittag hier ab, bleibe in Frankfurt über Nacht, im Basler Hof, sehe am Dienstag Vormittag die Stelle mit der ich III 2 anfange, dort auf der Bibliothek nach (hier sind nur zensurierte Exemplare, wo die Stelle aus Angst vor der christlichen Obrigkeit weggelssen ist), fahre Dienstag Mittag weiter, sodass ich Mittwoch auf jeden Fall in Säckingen bin. Fertig werde ich wohl keinesfalls, höchstens wenn ich auf der Bahn noch schreiben kann. Den liturg. Teil hoffe ich zwar morgen zu Ende zu kriegen, und sehr lang wird das nachher dann nicht mehr. - Heute musste ich lachen, dass ich gefürchtet hatte, mit III 2, wenn ichs drucken liesse, mir meine jüdische Karriere ist das ja nur natürlich. Den Unterschied, ob ich etwas selbst erlebt habe oder nur an andern erlebt (und etwa noch von aussen gesehen), muss man ja merken. Und das ist der Unterschied von III 1 und III 2. Ich erkläre das Christentum an meinem erlebten Judentum. Sag das bitte Eugen nicht; ich möchte sein Urteil unbeeinflusst von mir. Für das Purgatorium hat mich auch erst Dante warm gemacht. Und ist es nicht dichterisch der schönste Teil der Commedia? Es ist eben die Erde zwischen Hölle und Himmel und die Erde ist immer doch der wahre Gegenstand der Kunst, trotz Kamavita, der grossenteils im Himmel spielt, ja und trotz Dante selbst. Liebes Gritli, ich verstehe doch so gut, dass du dir jetzt endlich dein Haus einrichten musst und musst. Es geht dir ja nur genau wie mir: du willst eben endlich - heiraten. Und Basel? haben wir denn nie davon gesprochen? es ist wohl die einzige ausländische Stadt, nach der ich während des Kriegs manchmal Sehnsucht hatte. Immer wenn sich meine Phantasie malgré moi ins Akademische verirrte, ertappte ich sie auf dem Ruf nach Basel. Nietzsches Fuxen = Proffessur hat ja ihren Glanz vielmehr davon dass es grade Basel war als dass er noch so jung war. Und Burckhardt. Spürst du es also auch, dass der Krieg schon so unendlich lange her ist. Obwohl ich doch durch den Stern noch in einem unmittelbaren Zusammenhang mit seinen für mich letzten Monaten August und September bin, ists mir als waren es Jahre. Auf den Mantel mit der 165 habe ich ja Anspruch; er gehört zum Entlassungsanzug und ist ein notwendiges Kleidungsstück, wie du ja selber weisst - Deine bibelkritische Frage (aber Gritli!!) nach dem Alter unsres hebräischen Texts beantworte ich dir lieber mündlich. Werden wir dazu kommen? man muss es nämlich an einzelnen Stellen sehn, da wird es erst lustig. An sich ist unser Text erst 3 Jahrhunderte nach Hieronymus festgeworden. Und Luther lebte in der lateinischen Bibel, betete doch die Psalmen als Brevier, gelgentlich in einem Zuge, sodass ihm der Urtext beim Übersetzen dazu dienen musste, ihn von dem auswendiggekonnten lateinischen erst überhaupt einmal frei zu machen (wie heut jeder Übersetzer durch den Urtext erst einmal vom Luthertext freigemacht werden muss). Aber bei diesem Freiwerden ist er dann nicht selten ganz frei geworden und hat einen ganz eignen Vers gedichtet. - Notker ist noch nicht da; um so schöner, wenn er dann kommt; so ein über Monate verteilter Geburtstag ist grade schön; für den Januar wars der Kluge. - Über Luthers Verhältnis zu den Texten speziell in den Psalmen werde ich später einmal eine Anzahl kleiner Aufsätzchen schreiben, darauf freue ich mich schon lange; es geht das so gut, seit alles was es an Entwürfen von seiner Hand, Sitzungsprotokollen der Übersetzungskommission, Druckvaraianten von ihm giebt, vollständig gedruckt ist. Dies also nur für den Fall dass wir nicht dazu kommen. Wie wird es werden? Den Brief kriegst du wohl noch am Tag ehe ich komme. Ich freue mich auf dich, deine Augen, deine Hände, dein Herz. [30.I.19] Liebes Gritli, es wurde 9, bis ich in Freiburg war, und als ich dann im Geist herunterging zum Essen, wuchs plötzlich riesenlang Beckeraths Vetter ("Herbert"} vor mir aus dem Boden, der ja hier Privatdozent ist; mit dem war ich bis eben zusammen. Nun ists Mitternacht, aus dem Brief an Mutter wirds nichts mehr, und ich bin auch gleich mit Gewalt dadurch in Gespräche gerissen, als ob ich hätte abgelenkt werden sollen. Morgen erzähle ich noch davon, es war glaube ich einiges Merkwürdiges dabei. Ich bin jetzt nur müde und doch voller Liebe und Dank. Gute Nacht, liebes Herz. Es ist noch als wären wir bloss durch ein Stockwerk getrennt und doch seid ihr schon weit weg und bis euch dieser Brief erreicht, seid ihr schon im ersten wirklichen eigenen Haushalt. Ich bin bei Euch - wie ich bei dir bin. Sei auch bei mir - Geliebte. Ich fühle wie du deine Hände um mich legst. Gute Nacht. Schlaf schlaf - Deiner. [Telegramm an Eugen und Margrit Rosenstock bei Schumann Haydnstrasse 4 Leipzig] 30.I.19. guten tag! franz 31.I.19. Liebes Gritli, nun seid Ihr schon in Leipzig, habt im Hotel wohl Beckerath getroffen und seid jetzt schon im Haus. Ich habe auch meine verschiedenen Töpfe auf den Herd gestellt; III 3 brozzelt schon leise, und bei Mündel war ich heute Nachmittag 4 Stunden (Ergebnis: Lektüre von 60 Manuskript = 30 Machinenschriftseiten). Rudi hat er schon fertig abgeschrieben. III 3 wird vielleicht doch gut, allerdings ganz anders als III 1 und 2, ja überhaupt anders als alles Vorhergehende. Aber es ist mehr eine Ahnung. So als ob hier erst das philosophisch Wichtigste kommen müsste, das mit der "Tatsächlichkeit". Übrigens habe ich heute beim Lesen von II 3 gemerkt, dass mir das bei dieser Art Lesen genau so zuwider war wie I, so dass also I vielleicht doch besser ist als ich dachte. III 3 kommt nun wieder auf I 1 zurück, indem es auch vor allem von Gott handelt, I 1 das was ich "vorher" von ihm weiss, III 3, was ich "nachher" weiss. Ich habe noch viel an das "im Namen" denken müssen. (ejn tw/ ojnomati kommt wirklich erst bei Byzantinern vor, sodass also der weltliche Sprachgebrauch wirklich erst aus dem der Offenbarung stammt). Sag Eugen, es handle sich gar nicht darum, dass man selber das "im Namen" zu seinen Taten dazusagen müsste. Sondern man trägt den Namen an die Stirn gebrannt und die Welt sagt zu dem was er tut, immerfort: aha! Jede Tat wird so zur Heiligung oder Entweihung des Namens. Oder mindestens zur Entweihung. Denn auf die ist die Welt scharf und lässt sich keine entgehn. Die Heiligung, wenn sie geschieht, wird allerdings meist von der Welt geflissentlich übersehen oder weggedeutet. Aber tut die Welt damit nicht gradezu Polizeidienste am Reich Gottes? Denn unser Gewissen muss ihr ja in 99 von 100 Fällen recht geben, wenn sie unsre guten Absichten uns wegstreicht. Wenn wir selbst nicht kritisch sind, so muss es die Welt wohl an unsrer Statt sein. - Und was geschieht dann wirklich unableugbar "im Namen"? Es darf doch nicht alles weggeleugnet werden können? Gewiss nicht, aber deshalb betet ihr: "geheiligt werde dein Name" und wir noch eindeutiger: "er heilige seinen Namen". Er! das Unleugbare muss er selber tun. Wir bringen es immer nur bis zu dem Leugbaren. Ich habe mich mit Loofs verabredet. So komme ich immer noch nicht dazu, dir das von Beckerath zu erzählen. Aber morgen. Bis morgen - liebes liebes geliebtes Gritli ------- bis morgen - und immer. Februar 19191.II.[19] Liebes Gritli, heut nachmittag kam dein erster Brief. Es ist immer wieder wie ein allererster; die Spannung von ein paar brieflosen Tagen geht voran und steigert sich von Tag zu Tag und löst sich dann und diese Lösung ist weich wie deine Hand. Es ist schade dass ich die Karamasoff nicht jetzt auch grade lesen kann. Oder ist es gar nicht mehr nötig? Dein Erschrecken neulich über Eugens Wort sah ich wohl; ich erschrak sogar darüber, weil du es unnötig schwer nahmst. Es war ja sicher falsch. Was liebst du denn mehr an ihm als dies! Es ist doch sein Innerstes. Und beim "Katholischwerden" ist es doch dies, wofür du fürchtest und was du ihm sogar jetzt schon bei den Anläufen die er dahin macht entfallen siehst. Genug davon. Ich wollte dir noch von Beckeraths Vetter erzählen. Er war ja damals um Emil. Und nun sprach er mir seine Besorgnis aus (in Anbetracht von Emils schwächlicher Konstitution und der erblichen Belastung der Familie mit Geisteskrankheiten) über seine - "mystische Richtung", über die "extrem christliche Richtung", die er verfolge. Es drehe sich alles bei ihm um Nachfolge Christi, um ein "gewissermassen mit ihm sich ans Kreuz schlagen lassen". Ich beruhigte ihn so gut ich konnte, erinnerte ihn an Emils scharfen Verstand, der ihn vor jedem Aberglauben (spiritistischer etc. Art) sicher schützen werde u.s.w. Aber ich war doch erschüttert, teils über die Formulierungen, die Emil offenbar damals ihm gegenüber gebraucht hatte, besonders die letzte, teils auch wie das was uns wie ein Anfang schien, dem andern schon wie ein Extrem vorkam. Dass das alles schon längst vor Dorissens Tod begonnen hatte, wusste er aber auch. - Er ist ein viel netterer und sehr viel klügerer Mensch als ich in der Erinnerung hatte. An Emil will ich nun morgen schreiben. - Zu Kantorowicz gehe ich morgen nachmittag. Mit Loofs gestern war es nicht unlohnend. Am Mittwoch lädt er mich zu einigen Kennenswürdigkeiten zu sich ein (Husserls, Emil Straussens - der Verfasser von Freund Hein, du kennst es sicher, mich hat es als Sekundaner oder Primaner lange begleitet, schon wegen der Antithese Mathematik = Musik; ich sehe noch Tante Ännchens Entsetzen als sie das einmal in einem Gespräch mit mir über das Buch plötzlich merkte. Auch die "Kreuzungen" von ihm sind schön.) Loofs hatte sich eine furchtbar komische gemischt philosophisch = psychiatrische Kunstsprache zurechtgemacht, mit der er mich bombardierte, bis ich ihn auslachte und es ihm verbot. Da war er ganz erstaunt und gestand mir, sonst spräche er gar nicht so, aber er hätte gedacht, ich verstünde ihn so am besten! III 3 kocht langsam weiter. Es wird ganz anders als das Vorhergehende. Ich schreibe wie in einem leichten Champagnerrausch und ziehe Fäde aus den früheren Teilen hervor. Es wird der eigentlich orchestrierte Schlussteil. "Tor", dann nur noch der Kehraus, in piano, kleines Orchester. Es wird die übertheologische Theologie wie I 1 die untertheologische war. Eine "Mystik", aber auf Grund all des Unmystischen was auf den 500 Seiten davor steht und dann ja auch wieder neutralisiert durch das antimystische "Tor", das noch nachfolgt. Hoffentlich kriege ich es hier fertig. Wird es so, wie ich jetzt ahne, so wird der veränderte Ton von III 1 und 2 im Ganzen nicht bloss kein Fehler, sondern gradezu eine Schönheit. Es ist dann in seiner Deskriptivität wie ein Riterdando vor dem Schlussaufstieg, der "Apotheose" im wörtlichsten Sinn. Ich muss endlich einmal sehen, was Gott "ohne mich", ja "ohne uns" ist. So wird der III.Teil wirklich das Gegenstück zum Iten. Aber ich bin noch ganz leise und nur ahnend, wie es wird. Von Cohn hatte ich einen Brief, der mir nicht leicht zu beantworten wird. Er hat mehr Vertrauen zu mir als ich - im Augenblick tragen kann. - Gute Nacht. Bist du bei mir? Ja du bists! Gute Nacht - Dein Franz. 2.II.19. Liebes Gritli, das Wasser kocht! es wird wohl so, wie mir vorschwebt. Die Disposition kommt doch in eine gewisse Parallele zu III 1 u. 2. Es wird, wie ich es auch bei der ersten Konzeption damals mir schon dachte, eine Abhandlung vom Schnittpunkt der Parallelen. Und da mir das so wichtig ist, musste es ja wohl doch wirklich an den Schluss kommen. Eugens Eltern sind eben angekommen, im Beausejour. Ich werde bald hingehn, schon weil ich Angst habe und jetzt keine Zeit zum Angst haben übrig habe. Von Berlin (Bertha Strauss) habe ich jetzt die Maimonidesstelle, die ich zu Anfang von III 2 zitiere. Sie ist im Original viel schöner als in der Übersetzung, auch viel wüster; man begreift, weshalb sie wegzensiert wurde; das konnte man einer christlichen Obrigkeit nicht bieten. Die vielen "gänzlich ungebildeten" Völker, zu denen die hl.Schrift durch das Christentum gedrungen ist und die mir gleich übersetzungsverdächtig waren, heissen "Völker unbeschnittenen Herzens und unbeschnittenen Fleisches". So wird das Einleitungszitat jetzt in andrer Weise ebenso schön wie das Schlusszitat. Übrigens diktiert mir Bertha Str. eine Cohenbiografie zu. Ich werde ihr schreiben, dass ich einen grossen Essay über ihn plane, und ihr vielleicht auch den Plan der ύπομνημο verraten. Ich muss zu H.U.s Heilige Margerit, steh mir bei. Übrigens er rief mich heut mittag an, Herr Trescher verstand den Namen nicht, es sei eine "Tante Soundso" gewesen! Tante = Rowitsch! Mir ist als hätte ich irgend was vergessen; vielleicht schreibe ich dir heut Abend nochmal. Bis dahin nimm Mich. 3.II.19. Liebe, es ist ein Brief von dir da, der erste aus Leipzig und ich bin froh. Er ist vom gleichen Tag wo ich hier so unruhig herumlief. Du hast das Wort vom Ruhefinden für mich mitgehört. Es ist ja eins das in beiden Testamenten steht. Aber bei Jeremias geht es weiter: doch sie sagen, sie wollen nicht - So spreche ich ja auch, geliebtes Herz, und küsse deine Hände. Nimm meinen Kopf hinein und halte ihn, halte ihn fest und gut. - Es wundert mich gar nicht sehr, dass Ihr dort bleibt im März. Und schliesslich, immerhin ist die Thomaskirche da und auch das mondäne Gegenstück, das Gewandhaus; du musst sehen, abends hinzukommen; die Hauptprobe ist nur ein gutes Konzert wie es anderswo auch giebt, aber der Abend ist Musik als Form der öffentlichen Geselligkeit, so wie ich es noch nirgends sonst gefunden habe. (Wenn die Revolution nicht auch das wie die ganze Germania auf den Kopf gestellt hat). Ich wollte, Ihr könntet die Wohnung an der Thomaskirche nehmen. Bei Kantorowicz war ich also. Ditha war auch da. Weisst du, dass doch Thea die einzige ist, die mir immer wieder gefällt und bei der ich gar nichts zu überwinden habe. Mit ihm (übrigens die Gela ist ein nettes Kind, Hildedore eklich), also mit ihm hatte ich ein, natürlich unerquickliches, Gespräch über Eugens "ewigen Prozess d.R.g.d.St." Er war sehr unglücklich darüber, behauptete es sei alles aus dem "Kalauer" fas = fari entstanden. Es sei unverantwortlich, dass er das blosse (geltende, aber nicht beredete) Recht mit der Gewalt gleichsetze. Das heisse, die sichersten Begriffe der Wissenschaft verwirren. Ich versuchte ihm den Aufsatz als einen rechtspolitischen klar zu machen, um ihn aus der Stellung eines wissenschaftlichen Zionswächters herauszutreiben, - aber es gelang mir nicht. Wem gelang es - . Einiges lobte er auch. Aber im Ganzen - und danach sage er sich doch, dass an dem Verdammungsurteil der Germanisten das er nicht nachprüfen könne, doch etwas dran sein müsse, da es immer genau, wörtlich genau mit dem übereinstimme, das er selber fälle, da wo er etwas davon verstünde. Ich sagte ihm ich misstraute dem Urteil der Germanisten, das ich erstrechtnicht nachprüfen könne, aus dem genau entsprechenden Grunde. Das nahm er glaube ich wieder etwas krumm. Die Wohnung ist schön. In seinem Arbeitszimmer habe ich mich aber vergeblich nach deinem Bild umgekuckt, soweit es unauffällig ging. Wo hängt es denn? Ach und wo bist du selber? In Leipzig bin ich ja doch nicht bei dir - in Leipzig bin ich überhaupt nicht. Es ist ein zu greulicher Ort. Ganze Stösse braunen Papiers müsste man haben, um es zuzudecken. Ist dies nicht schön? es war wirklich noch das, was ich von damals auf dem Kicker hatte. Komm und schliess dich ein bischen darin ein. Und sei bei mir. -- 4.II.[19] Liebes, nur ein rasches Wort ehe ich heraus zu J.Cohn gehe. Ich wollte heute eigentlich in Krebsens Kolleg, aber beides liess sich nicht vereinen. Mit III 3 bin ich jetzt wieder bei den grossen Rationen angelangt, heut 9 Seiten. Morgen komme ich wohl an den Mittelteil, die beiden Ausstrahlungen des * nach innen und nach aussen. Die nach aussen beschäftigt mich übrigens im Augenblick auf einem dauerhafteren Material als auf Papier. Ich denke nächste Woche wirst du das zu sehn kriegen. Sei ein bischen neugierig. Und hab mich lieb. Dein Franz. 5.II.[19] Liebes Gritli, ich war ganz ausgehungert nach einem Brief von dir, die Zeit von vorgestern bis heut Nachmittag kam mir so unvernünftig lang vor. Dabei war es doch ganz klar, dass du auf Wohnungssuche sein musstest. Und nun - schade schade; aber ich glaube, auch bei normaleren Angebotsverhältnissen wärest du schliesslich in so einer Ferd.Rhodestrasse gelandet. Städte wie Leipzig haben das so auf sich. Die richtigen Wohnungen haben so viel Nebenfehler, dass man sich mit einem hausfraulichen Gewissen doch nicht heranwagt, auch wenn man erst wollte. Aber schliesslich - eine eigene Wohnung ist es doch, und ein bischen kann man sich da die Stadt immer aussperren. Freilich diese nächste Nähe zu Michels den Zeitgemässen - Es war gestern sehr nett bei J.Cohn; er sprach viel von Spenglers "Untergang des Abendlandes" von dem Eugen neulich auch sprach; er hatte eine Art Respekt davor. Und dann von - Wilamowitzens Plato (wo Eva Sachs im Vorwort ein Lorbeerkränzlein gewunden kriegt). Der scheint meinen Hegel noch zu überhegeln, nennt ein Kapitel "Ein heitrer Sommertag" und so ähnlich. Ich kam mir wieder arg kurpfuscherhaft vor (als Schreiber des *s) und hatte ein schlechtes Gewissen, wie er so von "Vorarbeiten", die ihn die nächsten Jahre noch beschäftigen würden sprach. Mein Gewissen wird immer wieder erst besser, wenn er dann von der Sache selbst spricht, und etwa "Budda, Jesus und Jeremias" als religiöse Genies nebeneinander nennt. Mich persönlich amüsiert bzw. ärgert dabei immer am meisten diese Höflichkeitserwähnung irgend eines Profeten, den nun die "Wissenschaft" glücklich nach dem Schema des "religiösen Genies" wiederzurechtkonstruiert hat und der nun gelehrte Modepuppe geworden ist. Mir lag auf der Zunge, ihn mit "Budda, Jesus und Schmeie Tinkeles" zu korrigieren; ich verkniff es mir aber; er hätte doch nicht verstanden, dass es im Judentum "religiöse Genies" gar nicht giebt und geben darf. Und eigentlich im Christentum auch nicht; das ganze Dogma hat doch nur den Zweck zu verhindern, dass man Jesus für ein religiöses Genie erklärte und ihn Jesus Genius nannte statt Jesus Christus. Am * schreibe ich mit einer Mischung aus Leichtsinn und "Furcht und Zittern", und dem Gefühl sehr mangelhafter Vorbereitung. Ich weiss nicht - aber vielleicht wird es doch gut. Heut Abend also wohl Loofs mit Zubehör, ich will nochmal anrufen. Und? Ach du kannst es dir denken - es ist nicht bloss deine Stimme, es ist alles an dir und in dir, das ganze Gritli, nach dem ich mich sehne, ich dein ganzer Franz. 6.II.19. kamst du da nicht voriges Jahr nach Kassel? Liebes geliebtes Gritli, diesen Brief wollte ich dir schon in der Nacht schreiben, dann lag ich statt dessen viele Stunden wach, heut vormittag schrieb ich am * - ich dachte gestern ich würde es nicht können - und jetzt erst schreibe ich ihn, nachdem eben die Post deinen kurzen Antwortbrief auf meinen langen vom Tag heut vor einer Woche gebracht hat. Die Schleier, von denen du schreibst legen sich immer wieder um uns. Wir zerreissen sie wieder und wieder - und doch, mehr können wir nicht, weder du noch ich, können es überhaupt nicht einzeln, können auch dies, wenn je, nur - zusammen. Mein geliebtes Gritli - ich kann nicht von dir und du nicht von mir. Das bleibt, wie wir uns bleiben. Gieb mir deine Hände, ich muss sie küssen, lang, lang, ohne Aufhören. Hör von der Nacht: Loofs bestellte mich auf heute um, so ging ich Abends zu Eugens Eltern. Es war übrigens gar nicht so schlimm, er eigentlich gereizter als sie, übrigens aufgekratzter als er sonst jetzt sein soll. Ditha kam auch. Mit der ging ich nachher nach Hause und dann lange in der Ludwigstrasse durch den schönen frischen Schnee auf und ab. Sie hatte vorher bei den Eltern mal so etwas gesagt, als wäre sie sicher, dass Eugen nicht bei der Universität bleiben würde. Ich fragte sie nachher, was sie denn sich denke. Da sagte sie: Landerziehungsheim. Und das ist ja einfach das erlösende Wort, und lächerlich, dass ich noch nie daran gedacht habe. Natürlich müsste man auch erst mal eins finden, wo man ihn will. Aber leichter als eine Fakultät wird das zu finden sein. Und vor allen Dingen, es wäre ja das was er sucht, ohne es zu wissen sogar bei dem "Katholischen" sucht. Es wäre Beruf und Berufung in einem. (Und das sucht er ja, eins so sehr wie das andre). Es wäre ja auch tausendmal besser als der berufsmässige "Essayist" und der gelegentliche, und auch der Einestagesdochverfasser seiner Bücher, würden nicht darunter leiden, im Gegenteil. Du weisst, dass die Schüler der Landerziehungsheime auch nachher noch wiederkommen, sodass man durchaus nicht bloss mit den bis 18jährigen zu tun hat. Ich habe übernommen, ihm das zu schreiben; Ditha wollte es nicht selbst; ich schreibe es also dir. Filtrier es. Ditha hatte es ihm nicht selbst sagen wollen, weil sie sich an seine Erstarrtheit nicht heranwagte. Er ist ihr nämlich ganz starr gekommen, besonders das zweite Mal, als er allein war; so dass sie meinte, das Katholischwerden stände unmittelbar bevor. Sie war aufs höchste erstaunt, als ich ihr erzählte, die Starrheit sei nur ein Zustand und er sei daneben noch genau so bewegt wie früher. Ihr war er nur so gekommen. Und sie war infolgedessen gegen das Katholische eigentlich voller Opposition (auch gegen Krebs, wie mir schien). Sie sprach so nach und nach von all diesen Dingen, so dass ich auch davon sprechen konnte, was ich ja erst nicht durfte, weil sie ja nicht wissen sollte, dass ihr mir davon erzählt hattet, von ihrer Angelegenheit. Aber sie behandelte es selbst beinahe als wüsste ich davon und zog mich in die Alternative Protestantisch oder Katholisch, als ob die mich etwas anginge. Und ich liess mich ziehen! Und wagte nicht, meinen Mund aufzutun. Dabei hatte ichs vorher bei Rosenstocks absichtlich mal getan, als mich der Vater nämlich plötzlich ganz rund heraus fragte, wie ich es denn eigentlich fertig brächte, mich religiös mit Eugen zu vertragen. Worauf ich erst etwas von zwei Dickköpfen sagte, dann aber etwas über Judentaufen im Allgemeinen so grob formulierte, weil ich hoffte Ditha damit zu ärgern (von 100 seien 99 aus äusseren Gründen, die 100te geschehe aus Unkenntnis des Judentums und erst die 101te aus Überzeugung). Das hinderte sie aber nachher gar nicht, die Taufe überhaupt als etwas ganz ausser allem Disput zu behandeln. Und ich hatte mir eingeredet, ich wäre weitergekommen seit vor 9 Jahren, wo ich Hans, der ja in Dithas Lage war, sagte: Tus. Und wagte nun überhaupt nicht, den Mund aufzumachen. Was hätte ich ihr auch sagen sollen. Sie heiraten kann ich doch nicht, und das wäre das einzige. Alles andre - wo soll sie denn hin? was soll ich ihr denn für einen Weg zeigen? noch dazu ich, der ich - ein Buch schreibe. J.Cohn hatte gesagt, vorgestern als er über Muhamed und die "religiösen Genies" sprach, sie könnten das "Religiöse" nie zum Mittel machen, alles andre ja , aber dies nicht, und das "ganz grosse" "relig. Genie", "Jesus z.B." könne selbst nichts andres zum Mittel für das Religiöse machen. Aber das ist ja Unsinn. Dieser "extreme Fall" des "ganz grossen", ist ja das normale. Es ist einfach unmöglich, irgendetwas zu wollen. So nebenher ja. Aber wo es eigentlich drauf ankommt - es geht einfach nicht. Sowenig wie ich an Mutter etwas wollen kann oder sonst an irgend einem Heiden, sondern immer wieder nur warten, dass etwas geschieht, so ists auch hier. - Gewiss es ist nicht an mir allein, es ist die furchtbare Lage der Westjuden überhaupt. Eugen hat zwar nicht recht, dass man "ohne jüdische Eltern" nicht Jude werden kann; hat man das sichtbare Judentum irgendwo gesehn, so sieht man auch das unsichtbare, nur künstlich unterdrückte, in seinen Eltern. Obwohl ja der Fall der alten Rosenstocks (hier wie in allem) noch unendlich viel krasser ist als der Fall meiner Eltern, die ja beide sogar ein bewusstes Anhänglichkeitsverhältnis haben. Aber schliesslich ich springe ja doch darüber weg in die frühere Generation. Denk an das was ich vom Ahn und Enkel schrieb; den Vater schalte ich da eigentlich aus. - Und dennoch trotz und trotz allem, durfte ich denn stille sein? ? Wenn sie nun erwartet hätte, ich würde sprechen? Dies "Wenn sie nun" verliess mich nicht und liess mich nicht einschlafen, und lässt mich auch heute nicht zur Ruhe kommen. Ich habe ihr nichts zu geben und weiss keinen Weg für sie und Eugen hat ihr alles zu geben und weiss einen Weg für sie - und dennoch müsste ich und muss ich. Ich werde sie jetzt gleich mal anrufen. Obwohl ich nichts weiss was ich ihr sagen könnte, was nicht glatt an ihr abspringen wird. Es muss sie ja auch beleidigen, wenn ich ihr sage - und das werde ich ihr sagen - dass ich ihren Fall wirklich nur als Fall behandle und hier nur als Jude überhaupt Eugens in diesem Fall ganz persönlich gemeinter Christlichkeit entgegentrete. Ich mag sie ja einfach nicht recht leiden, obwohl sie grosse Qualitäten hat. Genug davon für jetzt. Vielleicht hängt dies alles näher mit dem zusammen, was ich dir zu Anfang schrieb, als ich mir zugeben mag. Ich weiss es nicht, ich will es nicht wissen. Ich muss durch, durch all dies durch. Gieb mir deine Hand. "Lege mich wie einen Siegelring auf dein Herz." Auf dem Siegel steht: Dein. 7.II.[19] Liebes Gritli, ich dachte schon, es wäre kein Brief von dir gekommen, und war ein bischen down , nach dem letzten; ich dachte, ich hätte zu sehr in dir herumgewühlt, da brachte mir eben aber der Kellner den Brief doch noch und ich weiss nun wo ihr seid und wo du bist, du. Weisst du, der Arm von dem du gestern schriebst braucht nicht zu schlagen, er kann es auch ganz gelinde machen, wir wollen uns nicht sorgen. Heute stand ich mal am Fenster und sah auf den Münsterplatz, der wieder ganz zugeschneit war. Plötzlich war mir, du stündest neben mir und lehntest mit der Hand auf meine Schulter. Ich wagte mich gar nicht umzusehen, weil ich wusste, dass es dann ja nicht wahr sein würde. Oder war es doch wahr? Ich war dann trotzdem enttäuscht und traurig, als es nichts war und bloss mein Stuhl da stand mit dem schmutzigen Kissen vom Sopha, das ich drauf gelegt habe. Aber war es vielleicht wirklich doch wahr? Sag Gritli, du bist ja bei mir. Ich bin zum Zerspringen voll Sehnsucht nach dir, du bist mir nah und es ist mir doch als hätte ich dich soviel Monate nicht gesehn wie Tage. Nimm meinen Kopf in deine Hände und sage mir dass du mich lieb hast. Gritli? Am Montag wird das kleine "lebendige Ding" fertig, auf das du ein bischen neugierig sein sollst. Dann geht es zu dir, ich habe es oft zwischen den Lippen gehabt die letzten Jahre und dann wirst dus zwischen die Finger nehmen, alle Tage ein mal und wirst dabei an mich denken, und ich werde die Spur davon sehen.. - Das ist ja ein richtiges Rätsel geworden, und ich fürchte sogar ein so leichtes, dass du gar nicht mehr neugierig bist. Oder bist du ein bischen dumm? Bitte seis. Gestern Abend bei Loofs war es sehr nett, ich war nur etwas müde und es dauerte bis 1/2 1. Es war so eine feine Zusammenstellung von Menschen. Husserls, Emil Straussens. Die Frau Loofs (sie hat einen pietistischen Roman geschrieben der in St.Moritz spielt, "das grosse stille Leuchten") ist blond, dick, älter als er, dabei im Ton ganz jungmädchenhaft und man merkte ihr gestern nichts von Verfasserschaft an; sie hat mir eigentlich gefallen. Loofs selbst, habe ich ihn dir eigentlich mal beschrieben? Er ist kitschig in seinem Äussern auch, trägt z.B. zum Zivil seine Bändchen! hat einen breit schwarz = gelb gestreiften Schlips, aber dabei doch eine kuriose Massivität. Frau Strauss, Schwester von Gerhard Hauptmanns jetziger Frau, grosse Hornbrille hässlich wie die Nacht (oder pfui! die Nacht ist ja gar nicht hässlich), sprach wenig, nur ein paar Mal ganz keifende Alldeutschismen von der jetzt üblichen Sorte. Frau Husserl, eine angenehme Enttäuschung, kurios böhmisch aussehend trotz jüdischer Rasse, etwas an Tante Emmy erinnernd und mir grade dadurch verständlicher als sie den meisten ist, freilich nicht so echt wie sie, sondern ein gut Stück Affektiertheit; aber nett aussehend, wie die Tochter (die aber übrigens Vaters Kind ist; sie war leider nicht da); sie trug ein kleines Spitzenkrägelchen über dem Kragen ...[Zeichnung] was sehr lustig aussah zu dem kleinen Frauchen mit dem scharzen runden Kopfkügelchen. Der Comble waren die beiden berühmten Männer. Strauss sieht herrlich aus, wie Hebbel in jünger (ca 45 Jahr) (nein, er hat Ende der 80er Jahre studiert) und in fein. Sehr klug, ohne die Spur Unechtheit, die sonst Künstler haben. Und nun Husserl. Ein Mensch aud jeden Fall. Wahrscheinlich in seinen Büchern ein schlechter Philosoph, grade weil er im Sprechen ein guter ist. Eine grosse Bescheidenheit, die man ihm glauben muss, weil sie mit ebenso grossem Hochmut zusammengeht. Ein verschwommener nach innen gemummelter Judenkopf; im Ton, besonders wenn er ironisch wurde, in den Singsang des "Lernens" fallend. Sich interessierend und dann wieder dozierend. Sicher für junge Leute sehr anziehend; ich wäre sicher zu ihm gegangen, wenn er damals gewesen wäre, wo ich war. Er ist katastrophal gesonnen, erwartet und wünscht das Chaos, zwecks Rückkehr zur Ursprünglichkeit (das hängt mit seiner "Phänomenologie" zusammen, die auch eine Rückführung des abstrakt und formelhaft gewordenen Denkens auf die einfachen unmittelbaren "Phänomene" sein will) und erwartet die Zukunft aus Russland. - Mich ritt aber der Teufel und ich verteidigte die Gegenwart gegen die Herabsetzung gegenüber 1800 und behauptete die schlechten Briefschreiber hätten damals auch schlechte geschrieben und die guten schrieben auch heut gute, und wer sich nicht zerstreuen lassen wolle, der lese heute die "Woche" eben einfach nicht u.s.w. Es ist ja wahr, aber ich weiss nicht weshalb ichs sagte. Ists nicht komisch, dass ich nicht bloss keinen Beruf habe, sondern noch nicht mal mein Fach angeben kann? es wurde mir gestern wieder so klar. "Philosoph" bin ich wahrhaftig auch nicht; das merke ich jedesmal wenn ich mit Professionels zusammen bin. Der * ist keine Philosophie, (obwohl Hans, der jetzt bei I 2 ist, die "spezifisch logische (logisch = metaphysische) Begabung" daran rühmt!!) (Übrigens findet Hans "einen gewissen Mangel an Architektonik im Verhältnis zu dem inneren Reichtum"! Ich habe also meine *=förmigen Spuren ...[Zeichnung] gut verwischt.) (was ich ja wollte.) (Er fährt fort, - bei I 1 und I 2! -: "Dadurch wirkt es etwas in der Richtung einer Selbstdarstellung). III 3 wird wohl so lang wie III 1. Ich bin jetzt in der Mitte und habe mit den tümern angefangen. Es ist anders geworden als III 1 und III 2. Vom * wird selbst in diesem Buch, das doch nach ihm heisst, nichts vorkommen, vielleicht. Sodass dann alles, was von ihm gesagt wird, in Übergang, Schwelle und Tor stünde und sonst nirgends. Wenn ich bis Mitte der nächsten Woche mit III 3 fertig werde, so fahre ich vielleicht wirklich noch ein paar Tage nach Säckingen und schreibe "Tor" an deinem Schreibtisch mit deinem Blick. Ich habe heut nachmittag wieder ein bischen bei Ragorzy geschmökert; man kann da für 10 M noch ganze Stösse Bücher kaufen. Mit Ditha habe ich mich für morgen verabredet. Es ist mir noch viel im Kopf herumgegangen, sowohl von Seiten der Hoffnungslosigkeit wie der Trotzdem-notwendigkeit. Ich wusste gar nicht, dass O.Viktor Eugen ein Kolleg abgetreten hat? und ein bezahltes? ich dachte, es wäre alles unbezahlt. 300 Hörer! - ich bin aber trotzdem für Landerziehungsheim. Du doch auch? Sie schliessen. Ich auch. Ich auch? - nein! Dein. 8.II.[19] Liebe, heut nach Tisch war ich also bei Ditha. Ich war mit klopfendem Herzen hingegangen und in einer unsinnigen Erregung, aber es war doch sehr gut und notwendig, über Erwarten. Also sie hatte es doch erwartet, dass ich etwas sagen würde und es dann nur auf meine abenteuerliche Freundschaft zu euch geschoben, dass ich es nicht tat. Ich kann dir nicht mehr genau sagen, was wir sprachen; ich sprach nämlich nicht mehr als sie; Schmeie Tinkeles - wie komme ich nur auf den Namen - spielte eine grosse Rolle darin. Aber ich weiss das Einzelne nicht mehr. Dir wäre es auch nichts Neues. Aber das ist es ja: ihr war alles, aber auch alles neu. Und das darf doch nicht sein. Es handelt sich ja nicht um eine Heidin. Der würde man natürlich nicht mehr noch nachträglich ein bischen Heidentum anwünschen, sondern müsste froh sein, wenn es ihr erspart geblieben wäre; denn soviel wie sie zum Christwerden braucht, hätte sie auf jeden Fall in sich, wie jeder Mensch. Aber hier handelt es sich um eine nähere Berufung, die ihr nur noch nicht zu Ohren gekommen war. Eugen selbst hat in dem Brief vom Ende November, den sie mir zum Schluss zu lesen gab, ja etwas Änliches empfunden, aber doch zu formell, wie es ja bei seiner Unkenntnis des Judentums gar nicht anders möglich gewesen ist. Denn ein solcher Besuch beim Rabbiner hätte noch weniger zu bedeuten als ein Besuch beim Pfarrer, weil das Judentum nicht in Worten liegt und auch nicht in Worte zu fassen ist; man muss es sehen; hat man es gesehen, dann versteht man auch die Worte (ich konnte ihr auch nicht sagen: Lesen Sie mal das oder das. Im Gegenteil, ich musste sie warnen vor dem Lesen. Denn das was auf mich den Eindruck macht, weil ich dabei etwas sehe, macht ihr vielleicht gar keinen). Aber ausserdem was wäre ein solcher Besuch, selbst wenn der Rabbiner irgendwie Vertreter des Judentums wäre in dem Sinn wie der Priester Vertreter der Kirche ist, was wäre ein solcher Besuch, der nur in der Absicht geschieht, diese Brücke hinter sich abzubrechen. Eine künstliche Selbsttäuschung. Es ehrt sie, dass sie dieses billige Erkaufen eines guten Gewissens verschmäht hat. Eugen schreibt, dieser erste Schritt sei der leichteste und äusserlichste, oder so ähnlich (im Gegensatz zu dem dann folgenden zweiten und dritten: protest., kathol.). Und das ist eben nicht wahr. So wie der Abgrund zwischen Jud. u. Chr.tum ein Abgrund ist und der zwischen Kath. und Prot. eben doch nur ein Graben, so ist jener "erste Schritt" der schwerste und innerlichste, oder sollte es wenigstens sein, wenn er gemacht würde (sollte, vom christlichen Standpunkt aus) und wird, wenn er das ist, deshalb dann - nicht gemacht werden (sage ich vom jüdischen Standpunkt aus). Über Geschehenes denke ich anders. Den Bruch einer solchen Rückwärtsrevision in ein Leben bringen, darf man nur wenn man die Pflege dieses Menschen für das ganze Leben übernehmen will und kann. Aber hier wo noch nichts entschieden ist im Bewusstsein und das Unbewusste, die Berufung, da ist es ganz etwas andres. Das muss auch Eugen sehen, zumal es ja nur eine Ausführung dessen ist, was er, allzu offiziell, mit einem Besuch beim Rabbiner (wohl als dem Vorsteher des grossherzoglich badischen Konsistoriums der Israeliten, rheinbündischen Ursprungs - etwas andres wüsste ich nicht) erledigen wollte. Schwer ist es und bleibt es, und ich habe ihr nichts vorgemacht. Aber ihr andrerseits auch gesagt, dass ich glaube, wer sucht, der müsse da auch finden; nur einen Weg ihr sagen kann ich nicht; sie muss selber suchen; ich konnte ihr nicht sagen, wo, nur was; nämlich nicht etwas was ihr gefällt oder nicht gefällt, sondern nach etwas, was sie - ist. Das ist ja eben der Unterschied. Seht, wenn der Heide Christ werden will und sucht und findet etwas, was er ist, so wäre er sicher auf dem Holzweg. Wenn aber der Jude Jude werden will und findet etwas, was er ist, so ist das Zeichen, dass er schon - am Ziel ist. Liebes Gritli, ich war nachher sehr froh, dass ich es getan habe; noch gestern, das zweite Mal (das erste Mal als ich anrief, vorgestern war sie nicht da) bin ich gradezu zähneklappernd in der Telefonzelle gestanden. Und es kann nicht schlecht sein. Am Montag bin ich wieder mit ihr zusammen. Es musste sein. Ich war bei J.Cohn; es war ein Dichter Lübbe da den ich nicht kannte, still und nett, mit seiner Frau; er übersetzt Dante, ist schon im Paradiso; grade das erfuhr ich leider erst als er schon fort war. Es war sehr hübsch, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor, ich war so von innem heraus froh, nach der Spannung dieser Tage seit Mittwoch Abend wie befreit. Dazu zwischen hinein auf dem Weg nach Güntherstal fand ich auch noch deinen Brief. Ich zähle auch schon die Wochen, bis ich nach Leipzig komme; es ist nämlich wirklich nicht mehr so lang. Ende Februar bin ich wohl sicher in Berlin. Da wird nämlich Schocken da sein und das Werbebüro organisieren. Das sind doch bloss 3 Wochen; es kommt mir kürzer vor als die 1 1/2 die vergangen sind. Und vorher kommt noch der kleine Vorbote, auf den du neugierig sein sollst, aber du bist ja gar nicht zur Neugier angelegt, - Herr Mündel macht Feierabend. Nur rasch noch - Dein Franz. 9.II.[19] Liebes Gritli, in der Zeitung lese ich eben die Todesanzeige von Gredas Mutter; ich sitze nämlich in einem Wirtshaus zwischen Herrn Mündel und Loofs. - Im * bin ich jetzt bei den beiden tümern, mit dem Chr. fertig, morgen kommt das Jud. Es geht ihnen beiden schlecht, etwas wie den Oberländerschen Löwen, die sich gegenseitig auffrassen bis nur noch zwei Schwanzquasten auf dem Wüstensand lagen. Was dann danach kommt, ist mir wirklich noch etwas saharahaft; wahrscheinlich eine letzte Aufnahme von dem sehr Wichtigen was vorherging, etwas ins Naturphilosophische gewendet aus dem Logischen. Diese Schlussbogen schreiben sich mit einem sonderbaren Gefühl des Abschiednehmens; bei einzelnen Gedanken muss ich denken: das ist nun das letzte Mal, dass du vorkommst. Denn es kommen ja alle Gedanken fortwährend vor durch das ganze Buch. Es ist wohl überhaupt eine Art System, die es noch gar nie gegeben hat, dass so alles vorkommt aber unter Sprengung all der gewohnten Paragrafen, unter denen es vorzukommen hätte. Es müsste kein Vergnügen sein, so etwas zu rezensieren. Denn "Religionsphilosophie" ist es doch wahrhaftig auch nicht. - Ich glaube wirklich, III 3 wird besser als III 1 u. 2. - Liebe, du schreibst in deinem gestrigen Brief, an dem ich, mangels eines neueren, noch zehre, du hättest einen Faible für ältre Herrn die noch jung sind. Ich glaube, sogar für junge, die zu solchen älteren Hoffnung geben. Ich habe bei jungen Mädchen übrigens immer ein ganz bestimmtes Vorgefühl, was für alte Damen sie einmal geben werden. So ist mir bei Mutter schon lange, längst vor ihrer Katastrophe, klar gewesen, dass sie keine "feine alte Frau" werden würde. Es ist übrigens etwas Generationssache; aus der jüngeren Generation - ich meine schon unsre - wird eine ganze Menge kommen. Es ist eine sonderbare Sache ums Altwerden. Vorläufig wollen wir sein wie wir sind und jeden Tag nur um einen Tag älter. - Mir ist so schwätzig, als ob wir nah beieinander sässen. Leb wohl, Liebste, bis morgen nachmittag. 10.II.[19] Liebes Gritli, der Montag ist ein guter Tag, mit zwei Briefen, aber es war auch gut, dass nachmittags noch der zweite kam. Der erste, des Morgens, hatte mich so irrsinnig sehnsüchtig gemacht, dass ich kaum schreiben konnte, ich rannte immerfort nur im Zimmer herum, wodurch aber die Entfernung nach Leipzig nicht geringer wurde. Ist es mir denn nur so, als ob noch nie das Fernsein so unerträglich, so vom ersten Augenblick an unerträglich gewesen wäre. Wenn ich dich jetzt herbeschwören könnte - o Gritli, es ist gut dass ich es nicht kann. Bis in drei Wochen müssen wir uns sehen, ich werde einfach schon über Leipzig hinreisen, sonst ist es ja wieder eine Woche länger. Ich habe keine Lust mehr, dir zu schreiben - warum bist du nicht da, warum kann ich nicht sprechen. Ich war bei Loofsens gestern; es sind zwei reizende Töchterchen da, von 2 1/2 und 3/4 Jahren. Die Frau ist wirklich etwas Besonderes. Sie war in der Mission in Egypten. Ich habe die Vorstellung, als ob sie dann an Stelle der Ägypter sich ihren Mann zum Missionsobjekt genommen hätte und als ob noch immer ein grosses ihr noch unereichtes Gelände in ihm wäre; und sie trüge das mit einer himmlischen Geduld und Hoffnung. Vielleicht ist das etwas Phantasie, aber es schien mir so durchzuschimmern. Es war überhaupt ein recht hübscher Abend; er ist sicher etwas geworden, ohne dass ich ihm schon wirklich nah stehen könnte, ihr eher. Jetzt gleich gehe ich wieder zu Ditha. Es ist eine schlechte "Vorbereitung", dass ich heut morgen grad die Beschimpfung des Judentums geschrieben habe. Bei unsrer langen Briefentfernung ist es ja beinahe wie in Mazedonien und man muss die gleichzeitig geschriebenen Briefe für Antworten aufeinander nehmen. So deiner vom Donnerstag und meiner. Dithas Idee mit dem Landerziehungsheim ist wirklich eine; hat Eugen vielleicht irgend einen Bekannten, der darin steht? Dass er in dem "besinnungslosen Tanz" um das, noch nicht mal goldne, Kalb der Wissenschaft je eine annehmbare Figur abgeben könnte, glaube ich auch weniger und weniger. Und dann schreibst du grade vom Münster und mir und dir, die immer nur - ich und du sein können, und keine wir. Liebes Gritli, ist es nicht besser? ich will dir gestehn, es war mir manchmal ein guter und stillender Gedanke, dass uns dies immer getrennt hätte, jenseits aller Zufälligkeiten des sich Begegnens. Ich war ordentlich dankbar dafür. Ich kann nicht mehr darüber schreiben. Und für den Brief neulich würde ich keinen geheimsten Grund suchen, der offene reicht aus. Sieh, dass wir nicht "wir" sein dürfen, das ist keine Geheimnis, es ist so offenbar, dass es jeder sehen könnte; aber dass wir Ich und Du, Du und Ich sind, dass wir es werden konnten, werden durften und - o du Geliebte - bleiben werden, Du mir Du und Ich dir Ich - das ist ein Geheimnis, an dem ich raten würde, solange ich lebe, wenn ich nicht lieber das Raten aufgäbe und das Geheimnis nähme als das was es ist: als ein Wunder für das ich nur danken kann. Dein Dein - geliebte Seele - 11.II.[19] Liebes, ein kurzes Wort doch noch; es ist spät geworden und gleich kommt Beckerath. Bei Ditha heut und gestern, jedesmal nur kurz, - es ist schwer für sie und für mich; aber morgen, wo es doch vielleicht das letzte Mal ist, werde ich mir einen Ruck geben und ihr einfach ein bischen vordozieren, gestern und heute das war blosse Zustandsanalyse: so geht es mir, so ist es mir gegangen und so. Sie hat starke und eigentümliche Widerstände gegen Eugen, die es mir grade schwer mit ihr machen; denn ich könnte leichter mit ihr sprechen, wenn ich Eugen bei ihr so voraussetzen könnte wie bei mir. Gegen das Katholische sträubt sie sich überhaupt. Wir waren eben bei Krebs im Kolleg, persönlich fein (etwas mehr "fein" als ich erwartet hatte, und insofern unter meiner Erwartung), als Kolleg sehr gut, aber ganz ausgesprochenermassen nur sehr gut, nicht mehr. Genau wie der Philalethes[?])sche Kommentar. Ich schreibe jetzt die Schlusspartien von III 3. Heut habe ich dem Judentum wieder Eiei gemacht, das war sehr schön. Ich habe dir ja heut das "Ding" geschickt. Es ist grade das was ich vorgestern oder vorvorgestern geschrieben habe. Ich habe es einmal ausprobiert. Es geht von mir zu dir - und so habe ich heut keine Sehnsucht, es ist als ob wirklich etwas von mir zu dir käme ud du nimmst es in die Hand und es ist - Dein 12.II.[19] Liebes Gritli, ich bin greulich verschnupft (heute vor einem Jahr war mein Urlaub ja eigentlich zu Ende!), also ich bin so verschnupft, dass ich wahrscheinlich gar nicht in Säckingen anfrage, ob ich kommen darf; es ist ja auch schon etwas spät geworden; erst morgen früh werde ich wohl mit III 3 fertig, es wird so lang fast wie III 2 . Vom * ist doch darin die Rede aber in kurioser Weise, so dass der Leser nie recht weiss: ists bloss Gleichnis oder die wirkliche Figur. So dass ganz ausdrücklich von der Figur doch erst in "Tor" gehandelt wird. Morgen muss ich dann III 3 auch noch ganz durchlesen, um es Mündel zum Lesen zu geben, falls ich doch Freitag noch auf zwei Tage nach S. fahre. Es wäre ja schade, wenn nicht. Aber wenn ich noch nicht mal vorlesen könnte - so wäre ich doch zu wenig existenzberechtigt. Es war mir ganz recht, dass mir Ditha für heute absagte, so habe ich viel schreiben können und bin nun schon an dem kurzen naturphilosophischen Schluss. Das Buch ist doch das tiefsinnigste des Ganzen geworden, so tiefsinnig dass ich es selber nicht recht verstehe oder genauer: dass ich nachher wieder genau so schwummerig dazu stehe wie vor dem Schreiben. Es handelt ja von dem, was dir Rudi damals schrieb: vom Geborensein, vom Sichvorfinden als der Höhe der Tatsächlichkeit. (Auch die Wiedergeburt ist etwas Vorgefundenes; grade heut schreibst du selbst etwas in diesem Sinn und exemplifizierst auf Schweitzers Kongoentschluss). Dabei wird nun alles Vorhergegegangene rekapituliert, vor allem Gott Welt Mensch. So ist es ein richtiges Schlussbuch geworden. Wie ich Mittags grad daran schreibe, kommt "eine Dame" herauf und will in mein Zimmer; es war aber noch unaufgeräumt, so brachte ich sie wieder herunter und setzte mich mit ihr in den grossen Raum. Es war nämlich "Tante Paula". Sie wollte, ich sollte abends mit ihr in einen Vortrag über die Offenbarung Joh. gehen; mit Ditha gehen habe keinen Zweck, die verstehe nichts davon, so könne sie mit ihr nicht darüber sprechen. Ich konnte ja aber glücklicherweise nicht, wegen Mündel. So erzählte sie es mir so. Das war nun doch erschreckend. Der Ton und der Blick - ich hatte es mir doch nicht so vorgestellt. Sie brannte in einer Glut, die ich und wir alle vielleicht nicht das Recht haben krankhaft zu nennen, die aber jeder dritte doch so nennen müsste. Weisst du eigentlich die Rolle, die die Off.J. bei ihr spielt. Das neue Jerusalem, so hoch wie breit und lang also ein "Würfel", aber mit 12 Toren je aus einer Perle, also kein Würfel, sondern eine - Kugel. Und nun Tableau. Sie hat sich das ganze Buch zusammenhängend gedeutet. Hätte sie nicht die naturalistischen Angelesenheiten, so wäre sie einfach jüdisch oder christlich. Es ist etwas Unheimliches um das Blut. Aber sie war überhaupt unheimlich; sie selbst. Man musste sich fragen, ob man genau so ist, mindestens genau so wirkt. Aber dass sie auf mich so wirkt, wo ich doch ihren Gedanken folgen kann, ist das eigentlich Unheimliche. Es fehlt irgendwie der Beisatz von Gewöhlichem, Selbstverständlichem, der jeden extremen Gedankengang erst lebendig macht; dies ist ja alles, als ob sie selber es gar nicht spräche. Vielleicht sollte sie hier doch einfach an der Universität hören, um etwas Entspannung zu haben; so ist sie mit ihrem Dämon so greulich allein. Ich war erschlagen als sie ging. Ich hatte ihr klar zu machen gesucht, dass ihr "heiliges Urganzes" nicht der liebe Gott ist, sondern bloss die Welt. Es gelang mir aber nicht. Abends vor Mündel war ich beim hiesigen Rabbiner, Eva S. hatte nämlich geschrieben, ich möchte ihnen doch schreiben, wie es würde. Der Sitte entspricht es also ganz und gar nicht, dass jemand, der das jüdische Eherecht nicht beherrscht, traut, aber ungültig wird die Trauung nicht dadurch. Es ist also ungefähr, wie ich mir dachte; die Versuchung mich zu drücken trat nochmal sehr stark an mich heran (auch Evas Brief war nicht so dringlich gewesen) aber ich will die Gelegenheit nicht benutzen und wills tun. Aber der Rabbiner! Das wäre allerdings Eugens Mann gewesen! Fürs Katholische muss Muth den Allerausgesuchtesten verschreiben, denn es kommt so unendlich, ja es "kommt alles auf die Menschen an", durch die man eingeführt wird, aber zur Vorbereitung des Fusstritts, mit dem man das Jüdische abstösst, genügt irgend ein "bestellter Vertreter der Synagoge". Nein, da muss die Synagoge doch lieber auf die Ehre dies | ||||||||||