1919

Gritli Letters (Gritli Briefe)

 

Contents

 

 

Januar 1919

          1.I.1919

          es ist das erste Mal! ein

    bös misslungener Versuch!

Liebes liebes Gritli,

    das Haus ist leer, Rudi und Emil sind heut früh vor 7 zusammen fortgefahren. Und Mutter hat sich die Erkältung wieder auf die Stirnhöhlen geschlagen und wir waren ziemlich trübselig beisammen, trotz beiderseitigen guten Willens, aber was hilfts, es ist ein gegenseitiges Sichzurückhalten voreinander, das doch der andre wohl weiss und merkt, und da kann keine ruhige und anständige Stimmung mehr aufkommen. Eugens Brief heute und deinen neulich hat sie mir beide nicht gezeigt (obwohl deinen Rudi und Beckerath!), sie meint es mit Wurst wieder Wurst machen zu müssen und ich unterstütze sie durch absolute Unneugierigkeit in dieser Politik, weil ich hoffe, sie gewöhnt sich dadurch auch das Interesse für deine Briefe ab (vorläufig trage ich sie diesmal einfach dauernd bei mir, so dass sie nicht herankommt! Aber was ist das für ein "Zusammen"leben!). Nachmittags waren wir auf dem Friedhof (es ist heut ihr Verlobungstag) und dann hat sie sich zu Bett gelegt. So zu zweien wird es wohl nicht lange gehn, es fehlt die nötigste Grundlage, das Vertrauen. Solange Emil da war, war es gut, manchmal wirklich nett. Aber nun will ich wirklich zu dir kommen, eine ganze Seite ist genug geklagt. Die Post hat es wieder mal gut mit mir gemeint: deine Briefe vom 28., aus dem Bett, und der vom 29., schon wieder auf, kamen zusammen. Marthali doch wohl auch? Oder bist du am Ende noch gar nicht auf? aber Tinte im Bett ist doch unwahrscheinlich. Vor den Tolstoischen Tagebüchern warnte mich Emil auch schon. Ich mag schon in Anna Karenina nicht die Stücke, wo Lewins - oder wie er heisst - Überlegungen vor einem ausgebreitet werden. Heut fand ich in Dostojewskis "litterarischen Schriften - die "politischen" habe ich schon bei Kriegsbeginn gelesen - eine langen Aufsatz darüber, der auch vor allem gegen Lewin streitet; richtig gelesen habe ichs aber natürlich nicht; es bleibt bei mir ja jetzt immer nur beim Finden. Aber eine kurze Stelle über die Karamasoff, eine Tagebuchnotiz stand da und die enthält eigentlich alles was gegen den denkenden Tolstoi zu sagen ist: "...Diese Tölpel (die zeitgenössischen Atheisten) haben sich eine solche Gottesleugnung noch nicht einmal träumen lassen, wie sie in meinem Grossinquisitor und dem vorhergehenden Kapitel ausgedrückt ist und auf die das ganze Buch die Antwort giebt..." Tolstoi weiss nicht, dass in Dichtungen nur solche Fragen vorkommen dürfen, auf die "das u Antwort giebt", nicht solche die an Ort und Stelle, wo sie gefragt sind, beantwortet werden können.

    Mit Hans ist es so wie du schreibst. Ich setze dir eine Stelle aus einem Brief von der Reise nach Heidelberg an mich her: "Meine skeptischen Fragen musst du nicht auf dein sonstiges Antiphilosophieren beziehen. Aber ein System "vor" Deiner religiösen Lebenstat, das konnte ich nicht verstehn; und ich sehe ja nun auch, dass es das System "nach" der religiösen Tat sein soll; so kann ich es umsomehr auch ganz ernst nehmen, ohne zu vergessen, dass dem göttlichen Tore die Tat, ob vor= oder nachhergetan, das Nähere ist". Wegen der letzten Wendung schreibe ich es dir.

            Dass R.Schmidt Eugen wohl will hätte ich wohl gedacht. Mitteis?? Über das "erste Mal" bin ich auch erstaunt. Aber es ist ja wirklich sonderbar, wie sehr "für sich" dieser grundsätzliche "mit andern"= und "mit allen"= Leber meist gelebt hat. Überhaupt komisch, dass sich auf den "Individualismus" immer leichter Vereine zusammenfinden als auf die Parole "Verein".

            Zum Schluss des alten Jahrs kam gestern Abend von Meiner Antwort auf mein am 27ten mit dem ausfürlichen Inhaltsverzeichnis abgegangenes Angebot von Hegel und der Staat; ich solle es ihm ganz oder teilweise schicken, da er Interesse dafür habe. Bisher noch kein Wort vom dicken Ende. Ich fürchte dennoch, er hat sich über meine Interessantheit zunächst einmal im Telefonadressbuch informiert - "Komerzienrat"! Aber das werde ich ja nun bald wissen. Offenbar drucken sie im Augenblick ganz gern, wegen der Arbeitslosigkeit.

    Der 1.Januar ist herum und ich komme mir unheimlich allein vor in dem grossen Haus. Ich spüre auch das was du neulich mit dem "Bald in unsern Tagen" meintest, sehr deutlich. So kann es nicht mehr bleiben! Und so hat es ja auch nie länger bleiben sollen. Es ist ja nur eine Selbstverständlichkeit. Freilich ist es auch scheusslich, so alles - und doch nichts - "vorauszusehen". Und dann gucke ich wieder weg von aller Zukunft ud halte mich ganz fest an dir, an deiner Liebe und Gegenwart. Liebe Liebe - ich küsse deine Hände - - - 

                         Dein.

                                      2.I.19

Liebes Gritli, der ganze Vormittag und noch mehr ist mir heute auf Mutter gegangen. Sie war etwas wohler. Und denk: das eigentliche Malheur war - Eugens Brief. Sie hat sich über die Worte "Es ist ein Kampf auf Leben und Tod. Gott bessers" so masslos aufgeregt. Auf Leben und Tod hat sie verstanden wie auf Mord und Totschlag. Die Nacht wollte sie sich mal wieder umbringen, heut früh wenigstens die Beziehungen zu euch (denn du habest Mitschuld an dem Brief, da du ihn sicher gelesen hättest) abbrechen. Schliesslich liess sie ihn mich sehen. Ich war ehrlich verwundert, weil ich doch mindestens auf einen scharfen Brief gefasst war, und nun war es so ganz andersrum. Ich habe sie auch schliesslich zurechtgekriegt. Die "Eifersucht auf den lieben Gott" stritt sie natürlich heftig ab, und das ist ja ganz gut, denn wenn sie sie abstreitet, so hat sie sie ja auch nicht mehr. Im übrigen kam wieder die ganze Litanei, bei der ich nun schon so ruhig bleibe, durch das oftmalige Hören, dass meine Ruhe sie heute ansteckte und sie die Dinge auch etwas ruhiger ansah. Ich habe ihr aber gesagt, sie solle den Brief ruhig Trudchen, Rudi und Tante Emmy zeigen (das wollte sie zuerst, und nicht mir), damit sie sähe, wie sehr sie ihn falschverstanden hätte; doch scheint sie mir schon so davon überzeugt. Nachher zeigte sie mir übrigens deinen auch, und ich erfuhr die Einzelheiten der Reise. Aber sie ist doch in einem traurigen Zustand; sie sollte besser doch nur mit alten Leuten umgehn; man muss sie eben behandeln wie ein rohes Ei und für "auf Tod und Leben" muss man schreiben "nicht ganz unwichtige Angelegenheit". Dies eine Wort hat ihr den ganzen Brief verschattet! Geht aber bitte nicht darauf ein, ausser wenn sie es selber in ihrer Antwort noch erwähnen sollte.

            Auf mir liegt es nun wieder den ganzen Tag, während sie sich natürlich angenehm erleichtert fühlt. Hoffentlich hält sie nun wieder 8-14 Tahe Ruhe. Es wäre wirklich Zeit, dass ich wieder ordentlich in den * reinkäme. Heut früh vor dem Frühstück und dem Sturm habe ich wenigstens die von Rudi damals mit Recht monierte Stelle vom Gebet des Sünders um dem Tod des Andern korrigiert, nämlich durch eine grosse Einschaltung, durch die es nun ganz klar wird. Ich wusste doch, dass der Gedanke an sich richtig war. Jetzt ist er geklärt durch Hineinziehung dessen, was ich dir im April einmal schrieb: dass der "andre", solange er bloss "andrer" ist, immer tot ist. Das Ich kann sich nicht denken, dass es auch sterben könnte. Um sich selbst tot zu denken, muss es sich als andern vorstellen, als Leiche. Und der Sünder betet: Lass mich selber Selbst bleiben und den andern Andrer. U.s.w., es ist in Wirklichkeit klarer als hier, es lässt sich nicht so kurz sagen. Vom Tod steht nun allmählich eine ganze Menge drin. Vielleicht mache ich ein - Register dazu, wenns fertig ist!!

            Am 12. werde ich wohl in Berlin sein müssen, Bradt schreit nach mir. Es soll mir recht sein; fertig werde ich hier ja doch nicht; es wird wohl noch in den Februar hineindauern.

    Nachher werde ich Cohens System wieder weiter lesen und dabei gleich meins verbessern, vor allem sehen, was ich vergessen habe. Das giebt dann eine ganz lebendige Kritik; ich habe es neulich gemerkt, als ich etwas darin las.

    Mutter hat neulich die Stelle in II 2 von der Ehe (am Schluss) gelesen, und fand sie doktrinär! Es ist übrigens ja richtig, ich bin ja nicht verheiratet und so ist die Stelle auch. Aber doch nicht doktrinär. Sehnsucht ist doch nicht doktrinär!

    Nach diesem wirren Tag komm ich nun zu dir - in deine geliebte Nähe.

Liebes Gritli -

                        Dein Franz.

  4.I.19

Liebes Gritli, da bist du wieder aufgewacht, wenn auch noch ein bischen verschlafen und verfiebert - und am Ende auch etwas sylversterverkatert? Ich bin auch noch immer in so einem dauernden kateroiden Zustand, ein Schnupfen, der - ganz ungewohnt bei mir drin sitzt und nicht recht herauskommt. Gestern Abend war Rudi Hallo bei mir, aber wir waren beide müde und es war langweilig. Und miteinander müde sein zu können, das ist ja das Höchste, wozu man mit einem Menschen kommt. Ich habe ihn übrigens gedrängt, im Zwischensemester doch nach Leipzig zu gehn.

    Hans ist ja schon lange fort, am 27. glaube ich. Putzi und "E.S."? nichts Neues; aber wenn er sie will - an ihr, dass sie ihn nimmt, zweifle ich leider gar nicht; und sie hätte auch nicht unrecht; sie kriegt einen erträglichen Mann und dafür als Zugabe einen sehr netten Schwager und zwei sehr nette Vettern - was will sie mehr. Der erträgliche Mann (von dem Lehmann = Haupt 1914 für die Klio eine Arbeit über Herodot angenommen hatte) setzte übrigens neulich - erzähl das Eugen - Lionis ins 2te Jahrhundert und hielt Polybius für einen Historiker der Bürgerkriege des ersten! Dies ist Eduard Meyers geschätzter Schüler und der sicher erste Ordinarius von allen "meinen" Privatdozenten, (ausser Beckerath natürlich). Und der hat nur Lust zur Wissenschaft, sonst zu gar nichts - arme Wissenschaft!

    Auf Eugens Sohmaufsatz bin ich fast ebenso gespannt wie er selbst. Hoffentlich denkt er dran, Sohms Bewusstsein zu schonen; ich meine so zu schreiben, dass Sohm sich nicht im Grabe rumdreht. Die Toten haben ja meistens wirklich Unrecht und die Lebenden wirklich Recht. Aber ich weiss von mir her, wie schwer es ist, bei solch posthumen Vergewaltigungen diese Schonung zu üben, die man dem Lebenden ins Gesicht hinein unwillkürlich geübt haben würde. Wenn ich meinen Aufsatz über Cohen schreiben werde, wird mir alles auf diesen Punkt ankommen, ihn wenn ich ihn mit Gewalt herumgedreht habe dann doch wenigstens so zu überzeugen, dass er sich von selber noch eine halbe Drehung weiter dreht und wieder grade liegt.

    Mit Hedi Born ist es so wie du schreibst. Jetzt weiss ich auch, weshalb es mich so gar nicht reizt, aus meiner blossen Zuschauerreserve herauszutreten. Kurios übrigens diese Parallele zwischen den beiden, die mein Gespenst vor ihren vorehelichen currus triumphalis spannen wollten.

    Das Papier ärgert mich. Ich werde mich heut doch mal hier nach dem richtigen umsehn. Ich fühle mich so öffentlich, wenn ich dir darauf schreibe. Und möchte doch so gern auch von Papiers Gnaden - bei dir sein.

                        Dein Franz.

                                     4.I.19.

Lieber Eugen, zwischen Traum und Deutung ist wohl wirklich ein "Styl" = Unterschied. Es muss doch wohl einer sein, sonst hättest du nicht selbst ursprünglich die beiden Teile unterschieden. Beckerath war ja übrigens umgekehrt wie O.Viktor mehr für den zweiten Teil. Ich ja auch (damals; ich habe es jetzt noch nicht wieder gelesen); schon weil ich den ersten ja damals selber auch geschrieben hatte. Kähler (nicht Beckerath; der hat es erst unmittelbar vor der Abreise gelesen) umgekehrt fand den ersten Teil besser, weil er den zweiten, das Kirchenjahr, selber von Haus aus zu kennen erklärte und also dich als überflüssig empfand oder gar auch wieder als Usurpator ("Wenn die Juden anfangen, sich zu germanisieren und christianisieren", sagte er anlässlich deiner und  - Hans zu Beckerath, "dann sind wir verloren"!!! - Schöne "Wir" !!!!!!

            Lies doch ja ruhig Staatslehre, mindestens dann wenn es was einbringt. Als "Kriegs= und Revolutionsrecht" lässt sie sich ja heute wirklich lesen; da steht wenigstens nichts im Titel, was es nicht giebt. Und da es erst im März wäre, so ist es auch keine Überlastung; im Februar wirst du ja reichlich besetzt sein.

            Die Frage, wo du wählen sollst, haben wir schon gestern Abend en petit comité, nämlich Mutter Hans Hess und ich entschieden: Zentrum. Wenn du aber doch noch von der zweiten Seele zu sehr gezwickt wirst, so mach dir doch das Frauenstimmrecht zunutze und wähle selber Spartakus (für den Grabowski eine sehr mutige Lanze einlegt!! im neuesten Heft; sicher als der einzige Nichtspartakist überhaupt, da wir ja gelernt haben zu reden ohne zu schreiben). Also wähle selber Spartakus und lass Gritli Zentrum wählen.

            Das Besondere an Hans ist ja nicht "das Leben" - philosophieren über diesen Text nicht wir alle und ausserdem "auch die Heiden"? (Sogar Simmel, der tote und neulich sogar noch ausdrücklich verstorbene Simmel, reiste die letzten Jahre u.a. (nämlich unter einem runden Dutzend Gedanken) auch auf diesen Gedanken, dass die Philosophie immer einen herrschenden Begriff gehabt habe, die Griechen das Sein, die Scholastiker Gott, die Neuzeit die Vernunft und heute das Leben). Sondern das Besondere an Hans, was ihn von den Heiden ab und zu uns hinrückt ist der Untertitel (und die bewusste Wichtigkeit des Untertitels) "eine Exegese".

            Durch Hans Hess bekam ich gestern das Oktoberheft der Südd. Monatsh., worin eine Auswahl aus Gorkis Zeitung während der Revolution abgedruckt ist, die einem  ein wirkliches Bild giebt und woraus ich gelernt habe: dass es unerlaubt ist zu sagen: die deutsche Revolution sei keine, sei nur eine Meuterei u.s.w. Sondern: entweder ist die russische Revolution auch "keine" oder die deutsche ist "eine". Ich bin für das "oder". Die räumliche Ferne leistet uns für die russische den Dienst, den uns für die deutsche erst die zeitliche leisten wird.

            Und ausserdem brachte Hans Hess, der übrigens bei aller Gescheitheit und geistigen Lebendigkeit doch noch immer ganz unlebendig ist und es vielleicht nie wird, - aber er immerhin er machte mich endlich klar, warum ich Scheler nichts glaube: nämlich weil er zwar seines Christentums sich nicht schämt, aber - seines Heidentums. Und er "hat" doch Heidentum (1.) sowieso, wie jeder Mensch mit Aussnahme der zwei Heiligen in der egyptischen Einöde, von denen der eine in Heidelberg privatdoziert und 2.) auch stadtbekanntermassen). Er fertigt das Heidentum immer nur mit so glänzender Didaktik ab, als ob das ein Duell wäre und nicht vielmehr ein Harakiri. Und deswegen ist mir auch sein Christentum unheimlich.

            Und endlich habe ich von H Hessens Gnaden endlich (im 2.Zieljahrbuch) Werffels christliche Sendung gelesen, und ihr habt recht, man muss sie lesen. Ich schwimme jetzt überhaupt wieder in Werffel; ich habe das Buch Wir sind wieder; es stehen herrliche Sachen drin, die in der Auswahl nicht stehen. Mit der Zeitgenossenschaft ist es doch eine tolle Sache. Und allenthalben stand Dostojewski Gevatter, nur bei dir nicht; du kommst doch noch richtig von Nietzsche her?

            Meine "verruchte" Schrift ist noch böser heut als sonst. Ich habe sie überschrieben heut. Heut morgen ist mir sogar eine kleine antianti= oder vielmehr proalkoholistische Tirade +) aus der Feder gelaufen; ich fühlte mich sehr als pro domo= oder eigentlich pro Lehmkolonie=Schreiber - es ist doch so; sogar die Frauen sind leicht alkoholisch, mindestens von Helene und von Gritli weiss ich es. Und Gritli? ist sie aufgewacht? wenn ja, so grüss sie von Deinem und ihrem - ihrem und Deinem

                                    Franz.

+) d.h. für Brot und Wein zusammen.

                                    5.I.[19]

Liebes Gritli, Rudi ist heut Mittag gekommen. Also nur ein paar Worte und im übrigen als Entschädigung das Umstehende.[Bruchstück vom Maschinenmanuskript des *]

            Ich beginne jetzt erst, einigermassen klar zu übersehen, wie sich III im Ganzen ausmachen wird. III 1 wird doch ziemlich lang. Ich bin noch im liturgischen Teil, und vielleicht auf Seite 50 des künftigen Maschinenmanuskripts. Dann kommt noch die Gesellschaftslehre oder wie man das nennen will. (In III 2 die Seelenlehre). Aber es ist eine Menge "Untheologisches" auch schon vorher. Gestern habe ich heftig gegen das Lesen beim Essen geschrieben und gegen die Junggesellen überhaupt. Auf III 2 bin ich nun doch sehr neugierig. Um den 12. herum muss ich in Berlin sein; gestern Abend kamen Briefe von Bradt und Schocken. Denk dir, es wird erwogen, einen Sekretär für die Werbearbeit anzustellen, und zwar - Hermann Badt! Er wäre gar nicht übel dafür. Ich sah gestern eine jüdische Zeitschrift, wo die Akademie als "Hermann Cohens letzter Wille" bezeichnet wurde. Ist es nicht komisch, dass Hermann Cohens "letzter Wille" eigentlich mein erster ist?

            Kennt ihr die Briefe und Tagebücher der Paula Becker = Modersohn? (ihre Schwester kannte ich von Freiburg her); es ist nicht ganz so viel wie man daraus macht; sogar ein bischen peinlich, alles etwas wie die Überschrift des Buchs "Eine Künstlerin"; aber schluckt man das hinunter, so bleibt allerlei Schönes.

            Ein eiliger Gruss bloss ---------

Dein Franz.

                                    6.I.[19]

Liebes Gritli, ich bin noch immer nicht mit dem geistlichen Jahr in III 1 fertig; es geht langsamer als ich will; auch meine dauernde Verschnupftheit stört mich. Dabei bin ich wirklich neugierig grade auf das Stück, das nach der Liturgie kommt und nun wird es wieder übermorgen bis ich dazu komme. Mit Rudi war ich nun gestern endlich bei Tante Julie; die ist merkwürdig unverändert, nur die Hände sind knöchern und krumm geworden; aber geistig ist sie vollkommen frisch. Sie stellte wieder eine ihrer skeptischen Fragen nach dem lieben Gott, die sie uns eigentlich immer fragt und die schwer zu beantworten sind (sie erinnert selber dabei an Gretchen!!!). Woher sie wohl diese Art Zweifel hat? und schon immer oder erst im Alter durch die Söhne? Mit Rudi war es wieder sehr gut. Ich habe Mutter veranlasst, ihm Eugens Brief zu geben; im blossen Lesen merkte er gar nichts, erst nachher als Mutter darüber sprach. Er fand ihn dann nachher (mir gegenüber) "sehr unpädagogisch". Ich weiss nicht ob er recht hat. Vielleicht hat es ihr gut getan, die "Eifersucht" die ja doch nur in ihrem Unterbewusstsein ist, einmal in ihrem Oberbewusstsein so energisch abzuleugnen; dabei verliert man sie unter Umständen auch im Unterbewusstsein. - Allerdings hat sie bei der Gelegenheit ihre andre Eifersucht, die auf - dich, sehr gemütsruhig und wie eine unabänderliche Tatsache ausgesprochen. - Es ist mir immer sonderbar zu denken, dass du Ältestes zu hause warst. Lange habe ich es auch einfach nicht gewusst. Ich kann mir dich ja überhaupt nicht richtig in der Familie drin vorstellen, immer mehr nur wie auf Besuch. Marlise denke ich mir viel leichter als Älteste. Am Ende hatte sie also mit ihrem Neid auf die "Erstgeburt" ebenso recht wie Jakob, - du würdest sie ja auch um ein Linsengericht verkauft haben. Übrigens war Cecil denn da? du hast gar nichts von ihm geschrieben. - Hedi?, ich schalte mich ja völlig aus, will weder "grob" noch "pädagogisch" sein. Rudis Gedicht hat sie "schön" gefunden, es sei aber "an ihr vorbei gesprochen". Meinst du, da hülfen Worte? Eigentlich kann grob und pädagogisch nur der liebe Gott sein. Wer nicht hören will, muss fühlen. Aber zum Fühlenlassen haben wir das Recht nicht. - Dein Jeremia Zitat stimmt freilich. Und es sind dieselben Leute, die während des Kriegs immer "Frieden Frieden" schrien - "und ist kein Frieden"; von denen steht doch auch bei ihm. Sie haben das Gesicht des Kriegs genau so wenig vertragen wie jetzt das der Revolution. Und sie fühlen nicht, dass sie ausgeschaltet sind; wir fühlens wenigstens. (Grabowski nicht; der Schluss des Spartakusartikels schwimmt plötzlich wieder in einen fröhlichen Optimismus hinein, wo er aus den Lesern seiner Zeitschrift plötzlich wieder ganz fidel die Partei der Zukunft erhofft!). - Berlin? ich schrieb dir ja. Inzwischen gehts da noch drunter= und drüberer. Aber ich weiss nun schon, dass es keinen so dollen Umsturz geben kann, dass nicht aus den Trümmern plötzlich das Kastenmännlein Bradt emporschnellen würde und rufen: es lebe die Akademie! Und da darf ich doch anstandshalber nicht skeptischer sein als mein - mit Schopenhauer zu reden - Apostel. - Das Goethesche Gebet in deinem Kalender ist aber nicht vor Italien und ich meine eigentlich nur die voritalienischen. - Ich habe immer das Gefühl, ich schriebe dir jetzt gar nicht richtig. Es sind doch erst 14 Tage und ich bin unruhiger und sehnsüchtiger wie sonst nach Monaten. Ich muss zu dir - und zu deiner Fraglosigkeit. Liebe –

Dein Franz. 

                                 [7.? I.19]

Liebes Gritli, die Liturgie ist fertig, auf Seite 57 (das ist schon länger als die Einleitung) und nun gäb ich erst was drum, wenn ich nur wüsst, was ich eigentlich morgen noch schreiben werde. Diese Stücke hinter der Liturgie nehmen ja den ersten Teil wieder auf, nämlich in III 1 die Welt, in III 2 den Menschen und in III 3 doch wohl Gott. Während es innerhalb der Liturgie natürlich wie im zweiten Teil geht, Sch. = Off. = Erl. Aber schöner als Breuer ist es wohl geworden, überhaupt wüsste ich wenigstens nichts Besseres, es steht eine Menge drin. Für wen aber ist es eigentlich geschrieben? ich möchte jemand wissen, der alle Anspielungen darin versteht. Cohen hätte sich glaube ich doch gefreut. - Dies Papier ist auch nicht schön; aber es ist mir doch etwas dabei, als wärst du hier und ich könnte dir immer neue Stücke daraus vorlesen; es ist ein zweiter Durchschlag, lang reicht er nicht mehr. Übrigens könnte ich dir aus III 1 gar keine Stücke vorlesen; erst muss auch III 2 fertig sein; erst dann kann ich vorlesen. Dass das bis zum Wahltag sein könnte, glaube ich selber schon nicht mehr recht, und doch habe ich keine Lust, euch auf der Durchreise hier abzuwarten, sondern möchte euch noch in Säckingen sehn. Und dazwischen kommt nun Berlin, wenn die Revolution Bradt am Leben lässt. Allerdings wird III 2 rascher gehn als III 1 weil die Disposition ja genau parallel wird und ich mir dadurch immer leicht ein bestimmtes Pensum für jeden Tag setzen kann. Z.B. dies "ich gäb was drum u.s.w." Gefühl würde ich bei dem entsprechenden Stück von III 2 nicht haben. - Meine Druckwünsche sind stärker geworden; ich werde wohl, sowie es wieder erst einigermassen billig ist, es als Manuskript drucken lassen, damit ich 50 Exemplare habe. - Ich will zu Trudchen heut Nachmittag, zum ersten Mal seit unserm Hindenburgtag! Und Abends kommen Pragers. - Kluges Ethymologisches Wörterbuch ist angekommen (aber der Notker noch nicht) und ist sehr schön; ich habe schon eine Menge drin gelesen. Von "Trotz" zieht er keine Verbindung zu "Treue"; das Wort kommt sogar nur im Mitteldeutschen noch vor, schon im Altdeutschen nicht. Aber vieles stimmt auch sehr schön. Z.B. "bleiben" ist wirklich = "leben". - Konjugier es einmal durch ----

                                                Dein Franz.

                                    8.I.[19]

Liebes Gritli, ich bin noch nicht viel gescheiter als gestern, obwohl ich eine ganze Menge geschrieben habe; es wird wohl noch eine richtige kleine Staatslehre. Dieser ganze dritte Teil ist schwerer zu schreiben als der zweite, weil er wortfremd ist, nicht wie der erste, wo das Wort zu gut war für den Gegenstand - im zweiten stimmte es natürlich ganz genau - , sondern weil der Gegenstand hier zu gut ist für das Wort; man müsste ihn einfach zeigen können. Es genügt nicht , dass die Sprache spricht, hier; sie müsste "illustrieren". - Ich bin also mitten drin bis über die Augen in diesem Schluss des ersten Buchs und weiss nicht ob ich morgen schon fertig werde.

    Zwischenhinein lasse ich mich von dem Kluge in Versuchung führen. Es ist herrlich was da alles zwischen zwei Buchdeckeln zusammensteht; es ist das schönste Konversationslexikon. - Bei Pragers gestern abend sah ich, wieviel ich vergessen habe durch das halbe Jahr, wo ich jetzt nichts mehr lese. Ich muss, muss, muss und muss fertig werden. Breuer soll ein neues Büchelchen geschrieben haben: "Messiasspuren", - nach dem Titel könnte es etwas sein; es wird wohl auf den Zionismus gehn. Ich fragte Prager auch nach dem *, er wusste aber natürlich auch nichts, nur Ps 144,1 und 2 wo es heisst 1.) mein Hort 2.) meine Seite, 3.) meine Burg 4.) mein Schutz 5.) mein Erretter 6.) mein Schild. Aber das setzt natürlich den * schon voraus. - Heut kam ein Brief von dir morgens und einer nachmittags. Das ist eigentlich das Schönste. Ich freue mich, dass ihr im Geist seid. Die Zimmer sind ja nicht schön, aber die Stube unten dafür umsomehr. Von dieser Operationsbasis aus brauchst du dich ja auch vor dem Haus Kantorowicz nicht zu fürchten. Dass ich Marlise nun auch kennen lerne, ist mir sehr recht, und so hat alles "seine gute Seite". - Liebes, merkst du eigentlich, dass wir uns jeden Tag das gleiche erzählen, du mir, ich dir, du heute von der leeren Kirche und dem "Staubecken der Sehnsucht" und ich mein fertig werden müssen. Ich merke es eben wieder, dass es das gleiche ist. 1919 !

    Ich denke an dich und bin um dich und mit dir und in dir. Ich küsse deine beiden Hände. Ich bin dein.

                                    9.I.[19]

Liebes Gritli, III 1 ist fertig, ein bischen frag = mich = nur = nicht = wie. Die Liturgie und was vorangeht ist zwar wohl gut. Aber das nachher ist wohl nicht recht klar, z.T. einfach noch nicht ausführlich genug. Ich bin aber jetzt sehr darauf aus gewesen, zu Ende zu kommen, weil ich in das zweite Buch hinein wollte. Von da aus kann ich dann leicht noch nach rückwärts im ersten verbessern. Die Ausführlichkeit der Politik am Schluss von III 1 muss sich nach der der Ästhetik am Schluss von III 2 richten. Es wäre sehr leicht, z.B. noch etwas über die Verfassungsformen hineinzubringen. Im Ganzen aber, fürchte ich, hält der III.Teil doch nicht das Niveau das zweiten, und das habe ich ja eigentlich gewusst, als ich den zweiten schrieb: dass ich etwas so Gutes nicht wieder machen würde; dies "nicht wieder" gilt eben schon für den * selbst.

            Mit Rudi habe ich eben telefoniert, teils um Rudi Hallo auf ihn zu hetzen. Von Beckerath hatte ich einen Brief, er wird im Februar wieder in Leipzig sein. Und zu uns kommt Jonas auf einige Zeit! Ich werde allerdings wohl trotzdem nach Freiburg gehen. Dann habe ich es hinter mir. Schreib mir, wenn ihr wisst, wann ihr von Säckingen fortgeht. Ich möchte ja gern, ehe ich nach Freiburg gehe III 2 fertig haben. Zwischen III 2 und III 3 ist mir eine Pause nur recht. III 3 wird ja kaum mehr sehr parallel werden, sondern eine Kombination über den beiden Parallelen III 1 und III 2 , ein Türsturz über den zwei Pfosten mit den Statuen der Kirche und Synagoge. Aus Berlin wird wohl augenblicklich doch nichts; und da wäre es möglich, allerdings nur bei einem ziemlich dollen Tempo, dass ich wirklich "bis zur Wahl" III 2 schreibe. Morgen früh fängts an.

            Diese Bogen sind nun auch zu Ende. Morgen kommt ein Rest von besserem Papier und vielleicht bringe ich es dann auch zu einer gewascheneren Handschrift. Es kommt mir vor, so hätte ich noch nie geschmiert. Ich wunderte mich nicht, wenn du es gar nicht lesen möchtest. Oder magst du es doch? -

                                                                        auch so?

                                                                        ? [durchgestrichen]

Nein - kein Fragezeichen.

Dein Franz.

                                    10.I.19

Liebes Gritli, es ist wieder H.U. = Luft um euch, aber bis dieser Brief bei euch ist ja nicht mehr. Ich habe heute III 2 angefangen, der übliche erste Tag, das Ankurbeln; ich war sogar ein paar Stunden auf der Murhardbibliothek, um den genauen Wortlaut der Maimonidesstelle, die ich dir zeigte, festzustellen; mit der fängt es nämlich an. Aber es gelang mir nicht. Ganz verstanden habe ich die Stelle aus Hansens Brief ja auch nicht. Deshalb z.T. schrieb ich sie dir ja. Er wird wohl mit der "Lebenstat" das ganze Leben meinen. Und so würde ich es recht wohl verstehn. Denn deswegen war ich doch bis zum 20.VIII. oder 21. oder 22. - so gewiss, dass ich kein opus schreiben würde. Ich meinte ja auch, so etwas dürfte nur als Frucht am Baum des Lebens reifen. Nun sind es Säfte die in den Kanälen des Stamms hochsteigen durch die Äste bis hinein in die letzte Blattspitze. Man kann den Stamm wohl anbohren und etwas Saft abzapfen, aber eigentlich ist er nicht dafür da. - Übrigens pour moi jedenfalls (und ich glaube, auch sonst) ist penser nicht prier. Wer das gesagt hat, hat vielleicht vor dieser Entdeckung gemeint, Denken wäre "Kopfarbeit"; das ists natürlich nicht; es ist genau so sehr Arbeit des ganzen Menschen wie Beten; auch beim Denken ringt man die Hände. Aber es bleibt trotzdem etwas ganz Andres; ich spüre es zu deutlich. Ich muss heraus - übrigens auch noch aus einem andern Grund: ich muss wieder was lernen, ich vergesse ja alles; ein halbes Jahr ohne etwas zu lesen - "im Atemholen sind zweierlei Gnaden" - -

    Wenn nun Hans es so gemeint hat, so ist es doch sehr viel; denn gesagt habe ich ihm das nicht; er weiss es so. Ich zerbreche mir über dies Vorher und Nachher ja nicht mehr den Kopf. Es ist wie damals als Hans und ich nach Rom fuhren; wir hatten das Dogma "nach Rom nie unter 6 Wochen" so oft und so gläubig beteuert, dass wir grade deswegen ihm ohne Gewissensbisse untreu werden konnten, fast im selben Augenblick wo wir es zuletzt beteuert hatten. Ich freue mich auf das Papier; ich war schon traurig dass es schon zu spät war dich nochmal dran zu erinnern. - Die Brotkarten sind für 14 Tage - nun habt ihr keine mehr zu beanspruchen. Wählen könntet ihr übrigens auch hier! sodass ihr euch im ganzen vier Seelen leisten könntet. Wollt ihr eure hiesigen Stimmen nicht der demokratischen vermachen? um meinetwillen -, ihr habt doch nun beide ein Interesse daran, dass es keine Pogroms giebt. Aber du musst nicht denken, ich politisierte. Ich lese das Tageblatt nur wie einen Kriminalroman, möglichst zu einem Stück Brot. Liebes Gritli - "lass mich deine Stimme hören", es ist wirklich das, wonach ich am meisten Sehnsucht habe --

                                    11.I.19

Liebes Gritli -- das schönste sind die Couverts, allerdings auch die mit der dummen Lederimitationspressung. Aber es ist ja egal.

Ich schicke dir einen Teil davon - dann sind sie balder verschrieben. Und da ich grade bei den Dehors bin, und auch so bis zur Kehle voll davon bin, dass es doch nötig ist, dass ich es herauslasse: also bitte, solange ich noch hier bin, siegle bitte deine Briefe; ein Siegel ablösen ist zwar leicht, aber es so wieder aufkleben, dass das Gummi nicht übersteht, ist sehr schwierig. Und ich kann den Verdacht nicht loswerden, dass Mutter gelegentlich deine Briefe aufmacht; heute kam eine ganze Gruppe Verdachtsmomente zusammen; und es ist ja nicht das erste Mal, dass es so geht. Und zutrauen tue ichs ihr. Ich mag nicht ins Einzelne gehn. Es scheint mir ein lückenloser Indizienbeweis, aber natürlich kann ich mich auch trotz allem irren. Aber der Verdacht selbst ist mir unerträglich. Damit dass ich ihn überhaupt haben kann - was ja eigentlich das Schlimmste ist - bin ich abgefunden. Aber auch nach dieser allgemeinen Abfindung ist es noch scheusslich; es macht mich auch unruhig beim Arbeiten, wenn ich die Post nicht ruhig unten liegen lassen kann. Und ausserdem benehme ich mich schlecht gegen sie, indem ich ja genau merke (oder mir zu merken einrede) wie sie durch gespielte Harmlosigkeiten und durch Nährung meines vorausgesetzten Glaubens an ihre Ahnungskraft - sie unterhält mich mit Vorliebe über etwas was du geschrieben hast, eben z.B. will sie den Hochlandaufsatz, V.u.S., nochmal lesen; sie habe sich schon neulich überlegt, wie wohl das Hochl. ihn habe aufnehmen können. Beim Krzg. des St.banners habe sie es wohl begriffen aber V.u.S. mit seiner Stellung zwischen den Konfessionen, - Weitherzigkeit? oder Schlauheit? und es müsse doch Erregung hervorrufen bei den Lesern; dazu dann als sie mir den Brief heut nachmittag giebt (auch heut morgen hatte sie die Post abgenommen, und heut Morgen hätte er nach dem Abgangsstempel ankommen müssen) also als sie mir ihn giebt, kuckt sie interessiert nach dem Stempel und sagt: ach, Freiburg!? und wie ich ihn mir ansehe, sehe ich dass er locker zugeklebt ist, und an der einzigen festen Klebstelle das Papier etwas verkrumpelt und der Gummi übergetreten ist, genau wie wenn man frisch gummiert hat. Nun habe ich dir doch meinen Indizienbeweis gesagt. Ach so, da ich schon mal dabei bin: also nachher fragt sie mich noch (was sie sonst jetzt meist nicht mehr tut), was drin gestanden habe, und mehrmals. Ich sage ihr, Ihr wäret beim Zahnarzt gewesen. Gritli auch? Gritli doch nicht? dabei weiss sie, dass du auch zahnarztreif bist. Also aber nun genug davon, und schon damit du keinen solchen Brief wieder kriegst: siegle. Begründen werde ichs schon harmlos, wenn sie mich fragen sollte. Etwa: du hättest das Siegel wohl erst jetzt gekriegt (wenns ein eigenes oder indifferentes ist) und wenns ein fremdes ist: ich hätte dir geschreiben, es wäre ein Brief von dir ganz offen angekommen, das Gummi hielte nicht mehr.

            So nun bin ich leichter, und will erst nochmal zurück zum *.

Genug auch davon. Ich bin so sehr jetzt wieder in den einzelnen Büchern, dass ich mich wirklich besinnen musste, was ich denn in Einl.III für die Zuchtlosigkeit des Glaubens plaidiert hatte. Ich bin eben jetzt bei der Kirchenzucht und kucke gar nicht über die Mauer. Rudi hat jetzt den ersten Teil ganz gelesen, d.h. im Manuskript. Vielleicht schicke ich Euch das einfach auch. Denn zum Durchsehen der Mündelschen Abschrift komme ich scheinbar doch nicht. Ist denn Eugen fertig mit dem Sohmaufsatz? Von Krebs hatte ich mir eigentlich schon das Bild gemacht, wie du ihn jetzt beschreibst. Eben weil ich mir einen Typus erwartete. Es ist aber doch ein Glück, dass auch die Muths möglich sind. Es mag ja die einzige Kirche sein, aber Luther hatte doch recht als er ihre Visibilität zu einer blossen Visibilität degradierte. Ich will morgen weiter schreiben. Ich will jetzt Pragers anrufen, vielleicht noch besuchen; Mutter ist in einer Versammlung. Und seit ich III 1 hinter mir habe fürchte ich mich weniger vor den Juden. Ich lese ja wieder Jüdisches, heut morgen wieder auf der Bibliothek und nachher allerhand Jüdisch-deutsches in dem Gebetbuch das ich aus Warschau mitbrachte. Da stehen nämlich ausser den Übersetzungen auch gelegentlich kleine Geschichtchen, Gleichnisse, höchst realistische aus dem ostjüdischen Leben, drin; ich müsste dir mal eins abschreiben. Weisst du wohl übrigens, dass ausser den Psalmen, die den Gebetbüchern meist als Brevier für die 7 Wochentage angebunden sind in diesen östlichen Gebetbüchern als tägliches Lesestück (am Schluss des Morgengebets) das Hohe Lied steht? und für den der sich nicht die Zeit dazu nehmen kann, 4 Verse daraus als Ersatz fürs Ganze, die mit Anfangsbuchstaben zusammen den Namen Jakob geben. Ich hatte es ganz vergessen. Es ist wohl das einzige biblische Buch, das in extenso drin steht.

                         Bis morgen. Dein Franz.

                                  12.I.[19]

Liebes Gritli, es ging so weiter. Über Nacht hat Mutter V.u.S. zum dritten mal gelesen und heut morgen erzählte sie mir: ja, zwei Religionen, und sie meine, ein protestant. Pfarrer müsse das leichter goutieren als ein katholischer, und sie möchte es wohl mal einem geben. Es sei doch merkwürdig, da ja doch das Katholische mit mehr Sympathie dargestellt sei. Und sie wolle die nächsten Hefte des Hochlands sich verschaffen und sehen, ob nicht Entgegnungen kommen würden von kathol. theologischer Seite. - Alles genau, als ob sie mich auf die Weise dazu bringen wollte, als "wunderbares Zusammentreffen" ihr deinen Brief vorzulesen. Sie baut fest auf meinen gar nicht vorhandenen Aberglauben und ihre Ahnungen. Ich aberglaube aber gar nicht daran. Ihr Paradepferd z.B., der "hohe Berg" in Mazedonien, den kann ich restlos auf natürliche Ursachen zurückführen, vor allem auf Straussens Besuch in Kassel (den sie jetzt krampfhaft nach ihren Ahnungen datiert, er war aber vorher). Sie mag manchmal Hintergedanken erkennen, Hinterdinge aber nie.

            Und dann sind Borns ein paar Stunden hier. Hedi hat sich bei Es schlafen gelegt, aber Max war hier; er sah reizend aus; der "Zug um den Mund" steht ihm gar nicht schlecht. Er sprach ruhig und nett. Aber, aber - also Hedi hat die 4 oder 5jährige Irene sexuell aufgeklärt; es sei nicht mehr anders gegangen; sie habe gefragt, ob Vater denn auch im Storchenteich gewesen wäre? und auch ganz klein? und dann also tot? nein lebendig; dann müsse er aber doch gewachsen sein? und hätte also auch nicht ganz klein sein können wie sie. Darauf habe Hedi gesagt, sie wisse es auch nicht, und sei zu Blaschko gegangen, "das ist nämlich" (er sagte: "nämlich"!!) "ein sehr bedeutender" - - - - - - - nun rate: - - - - - "Dermatologe" (mit dem Borns befreundet sind). Und die dermatologische Autorität sagte, das sei sehr falsch gewesen und man solle es den kleinen Kindern gleich alles sagen, damit sie nie zum Erstaunen kämen.

            Das ist nämlich das grösste Unglück wenn man zum Erstaunen kommt, und noch dazu über etwas, das nicht zum mindesten zum Erstaunen ist. Und Kinderkriegen ist ja eine dermatologische Angelegenheit; wie schön, wenn man mit einem befreundet ist. Ich konnte mir doch nicht verkneifen, ihm dies und ähnliches zu sagen; er hat es glaube ich für Ernst genommen, obwohl ich fast meine schöne Zigarrenspitze dabei zerbiss.

            Im übrigen hofft er natürlich [auf] den bekannten Aufschwung des deutschen Geistes infolge der Niederlage, und sein Geist schwingt sich ja wirklich auf. Ich habe keine Lust, Hedi zu sehen. - Bis nachher - der * wartet.

            Guten Abend. Ich bin nicht recht zufrieden mit diesem Buch oder vielmehr: ich bin gar nicht zufrieden. Ich weiss nicht, woher es kommt. Entweder ist es doch verboten,so von aussen über etwas zu schreiben - und nun gar darüber. Denn es ist ja von aussen und Eugens Wort von meiner "christlichen Theologie" war ja nur möglich, weil er, wie alle Christen, nicht wusste, wie weit das Gemeinsame geht. Es kann aber auch sein, dass es einen ganz andern Grund hat: ich bin vielleicht einfach "überschrieben". Nach den ersten 3 oder 4 Wochen kam die Pause von Üsküb bis Belgrad und dann nach wieder drei Wochen die Pause Belgrad - Freiburg. Seitdem aber habe ich höchstens die paar Tage von Säckingen bis Kassel pausiert und selbst seitdem sind es nun schon 6 Wochen. Es wäre mir beinahe recht, wenn ich jetzt nach Berlin müsste und sonst gehe ich jedenfalls nach Säckingen, auch wenn ich mit III 2 nicht vorher fertig bin. Vorlesen kann ich dann allerdings auch aus III 1 nichts. Ich kann es erst, wenn beides fertig ist. - Im Ganzen hemmt mich wohl im dritten Teil auch, dass ich ihn eigentlich nicht mehr schreiben muss, denn ich weiss ja schon alles was drin steht, wenigstens in den beiden ersten Büchern. Die beiden ersten Teile steckten im Rudibrief, ja in der Konzeption des Nachtwegs nach Prilep. Der dritte Teil wäre mehr eine Bestätigung, - ein Messen des Rudibriefs an meinen Schwarzen Büchern des Winters 1913/14. Ich weiss nicht - und du auch nicht, lass es dir nicht zu Herzen gehn, vielleicht ist es auch alles nicht wahr.

            Noch von Born etwas. Er galt bei seinen Kameraden in der A.P.K., in der er ja war, wegen seiner pessimistischen Äusserungen für rot. Infolgedessen kamen bei Ausbruch der Revolution diese Offiziere (genau wie zu Hans in Jüterbog!) zu ihm gestürzt, damit er durch seine Beziehungen, die er aber gar nicht hatte (er kannte nur Bernstein) sie schützte. Das Pack ist also überall das gleiche. Übrigens bestätigte er, dass zwar nicht die klügsten aber die besten Intellektuellen bei Spartakus wären, alle die wirklich etwas tun wollten. (Sag das nicht Eugen, sonst wird er wieder traurig). Über Burfelde wusste er auch ganz richtig Bescheid, offenbar von früher her: dass für ihn Spartakus nicht Gesinnungssache wäre, sondern einfach die nächste Tat; und er sei ein Mensch, der nie warten könne, sondern sich immer ganz einsetzen müsste. Er sagte es anders, aber nett.

            Vorhin beim Ausrechnen der Zeiten ist mir klar geworden, dass du ja schon 3 Wochen fort bist. Ich hatte mir vorgestellt, es wäre viel kürzer gewesen; so ist ja eigentlich meine Sehnsucht schon ganz gerechtfertigt.

            Zu deinem Brief gestern: hast du wohl schon mal bemerkt, dass die grossen Proselyten, die dem Katholizismus proselthiert sind in den letzten 150 Jahren, gar nicht Eroberungen waren wie die Proselyten, die ihm die Jesuiten zugebracht hatten; sondern sie sind in das gehütete Feuer hineingeflogen wie Insekten an die Lampe. Es war ein ruere in servitium. Die ganz Starken sind nicht dabei gewesen. Und mindestens einer von ihnen, Bismarck, ist doch ein grosser Christ geworden. Vielleicht kommt es daher aber auch, dass die Kirche von diesen Proselyten eigentlich doch nicht viel gehabt hat; sie hat sie eben ohne eigne Arbeit und also ohne Mühen und Opfer ihrer Seele erobert, und so hat sie sich in ihrem Innern wohl wenig erneuert, wie man es doch eigentlich erwarten sollte bei einer solchen nicht abreissenden Heimkehrbewegung seit den Stolbergs. Nimm als Gegenbeispiel dies: die jüdischen Proselyten seit 1800 hat sich die protestantische Kirche durch ihre eigene "Johanneisierung" wirklich erobert; sie hat es sich etwas kosten lassen, sie wurde Kulturkirche; das tat weh aber es hat sich gelohnt; Proselyten wie Neander oder gar wie Stahl hat eigentlich die katholische Kirche von den Protestanten nicht aufzuweisen: so ganz ungebrochene.

            Kluge ist in den letzten Tagen verdrängt gewesen durch die Lebenserinnerungen der Schauspielerin Karoline Bauer, glänzende Menschenschilderungen aus den 20er und 30er Jahren, von einem abgründigen Realismus, so wie wohl nur eine Frau beobachten kann, eigentlich erbarmungslos. Sie ist auch innerlich lieblos, hat zweimal eine Versorgungsehe, oder wohl eigentlich nur ="ehe", geschlossen, beidemal unglücklich. Kannst du dir denken, dass es trotzdem, oder grade dadurch, ein sehr menschliches Buch geworden ist?

            Das Dankwort aus der Nuova Vita ist wohl kaum ein Zitat; ein Anklang an die Lukasstelle könnte es allerdings grade dann sein.

Nun lebwohl bis morgen.

                                    Dein Franz.

                                  13.I.[19]

Liebes Gritli, das war schön heut, du kamst gar in dreifacher Gestalt, morgens als Brief und als Muster ohne Wert und nachmittags nochmal als Brief. Ich habe dir heut auch von diesem Papier geschickt, es ist zwar ein bischen gelb, aber dafür sind die Tapeten der Couverts und die Bändchen schön braun, ähnlich wie dein braunes vom vorigen Februar, das du jetzt nur noch zum Haarwaschen trugst.

            Mit mir und dem * war allerlei seit gestern Abend. Da fing ich nämlich, im Esszimmer, mit Mutter an, den ersten Teil zu korrigieren, und verstand kein Wort, ich wohl aus Müdigkeit, Mutter sowieso, aber trotzdem war ich doch erschrocken, wie schwer er ist. Und so blass. Ich weiss nicht, ob es etwas am Stoff liegt. Aber jedenfalls - ich war bedrückt, und Mutter nährte die Stimmung kräftig. Natürlich dachte ich dann heut Morgen: nun grad nicht. Und es ging dann auch besonders gut, wenigstens verglichen mit den letzten Tagen. Und nach Tisch las ich in der Frankfurter und siehe da, von Margarete Susmann eine 6 Feuilletonspalten lange Anzeige eines Buchs von Bloch. Bloch macht seit 1911 oder 12 Heidelberg von sich reden, zusammen mit Lucacz, einem Ungarn, der auch schon einiges veröffentlicht hat, Bloch aber m.W. noch nichts; dies ist das erste; diese beiden also traten offen auf als Besitzer einer eigenen Metaphysik, was Hans, der bis dahin sich noch etwas geniert hatte, veranlasste, sich ebenfalls als das was er war zu bekennen. Sodass also mindestens drei Metaphysiken in Heidelberg waren. Hans hat ein paar Nächte mit Bloch und Lucacz disputiert, daher weiss ich allerlei, Lucacz habe ich auch einmal, auf der Strasse, gesehen. Der interessanteste von den dreien schien mir Bloch zu sein. Er schrieb z.B. an den Papst, weil der irgend eine Rolle in seiner Apokalyptik spielte, sozusagen um ihn einzustudieren damit er auch richtig funktionierte. Eine grosse Rolle in seinem System spielten astrologische Parallelen zwischen Erde und Himmel (Lucacz war hauptsächlich Verfasser in spe einer 7 bändigen Ästhetik, die aber auch Metaphysik war, denn sie sollte die Kunst als Teufelswerk zeigen, das "Luziferische" der Kunst, wie er es nannte). Bloch war ganz wild. Z.B. als Naumann mal Webers besuchte und über die Politik des Jahres - des Jahres, nun etwa 1913 1/2 orakelte und alles ihm sehr andächtig zuhörte, unterbrach ihn Bloch: das sei doch alles sehr nebensächlich, da grade jetzt demnächst der Sirius u.s.w. u.s.w. Nun liess er das Gespräch nicht wieder los und redete vom Sirius und der Gegenwart, und Naumann war ganz bestürzt, und auch Webers war es etwas zu viel. Nun also ist ein erster Band von ihm da, gefällt Margarete Sussmann und handelt scheinbar auch vom *. Ich will dir den Artikel einlegen. Die paar Sätze vom * darin haben mir wieder etwas auf die Beine geholfen und ich fürchte mich nun schon wieder weniger vor dem Korrigieren nachher. Die Einleitung war ja wohl auch das Schlimmste. Sie wird nämlich wie du übrigens auf dem letzten Blatt das ich dir schickte schon siehst gleich nach den neuen ersten Seiten ganz und gar "in" oder vielmehr bloss "ad" philosophos. Du wirst es gar nicht lesen können mit Ausnahme ein paar "schöner Stellen", die ich dir anstreichen müsste, und Eugen nur bei sehr viel gutem Willen.

            Weisst du, zum Aufwachen am Münsterplatz gehört auch noch dass gleich nach dem letzten Glockenschlag die Orgel anfängt; in manchen Zeiten ist es so. Vielleicht bin ich nun bald wieder da, und schreibe den Schluss des *.

            Ich habe mich heute gar nicht noch dir gesehnt, du kamst ja dreimal und der * schrieb sich gut - du warst eben einfach da. - Mutter wartet unten, ich will aufhören. Aufhören?? - ach nein, Liebe Liebe, wie kann ich denn! - niemals.

Immer -

                        Dein

          14.I.[19]

Liebes Gritli, ich stürze mich wirklich in dies Papier; es gefällt mir auf dem weissen nicht mehr. Ich fürchte, dies III 2 wird nur schlecht, ganz einfach schlecht. Am liebsten setzte ich mich heute auf die Bahn und führe nach Säckingen und dann nach Freiburg. Wenn es nur an überschriebener Feder liegt, dann wird es ja danach wieder gehn. Und sonst? ich spüre es wohl zum ersten Mal wirklich, wie ganz unmöglich es ist, Wesentliches von aussen sagen zu wollen. Ich weiss doch alles, aber ich kann es nicht sagen. Die Feder stockt mir nur, weil mir die Zunge klebt. Du musst mir wirklich eila machen und mir sagen, dass es nicht schlimm ist. Aber heute warst du noch gar nicht da. Auch die Zeitungen noch nicht, so hoffe ich noch immer. Ich rede mir ein, ich hätte dich heut besonders nötig. Ich bin so down, dass ich sogar lange schwankte, ob ich den Vortrag in der "Humanität", den Prager voriges Jahr hielt, Ende Februar, annehmen sollte. Statt einfach zu wissen, dass ich sowas doch muss. Sag mir worüber ich sprechen soll. Vielleicht fahre ich auf ein paar Tage nach Frankfurt, auf die jüdische Bibliothek dort, sehe zu ob ich was drüber finde, und spreche über den - *, nämlich den auftentischen; es muss doch irgendwas darüber geben. Etwas andres jetzt vorbereiten kann ich nicht und Unvorbereitetes - so komisch es klingt, aber mir ist nichts eingefallen, was ich so präsent hätte, wie ich es dafür brauchte.

    Ich will zu Tante Emmy gehn, sie hat den Anfag von Rich. Ehrenbergs "Familiengeschichte" da zum Abschreiben und ich soll ihr ein paar Worte entziffern und es überhaupt lesen; er hat natürlich sich weit und breit über das Judentum überhaupt ergangen und Ehrenbergs finden das "sehr rührend" von ihm. Liebes Gritli, kann ich denn was dafür, dass mir die Welt heut gar nicht gefällt?

            Aber natürlich kann ich was dafür - ich vergesse ganz wie gut ich es habe. Ich will einmal daran denken. Also:

                                                Ich bin Dein.

                                   15.I.19.

Liebes Gritli, wo ich gestern stecken blieb und so unglücklich war, das war - an sich schon komisch… - bei Staat und Kirche. Vor dem Schlafengehn fiel mir dann ein, dass ich ja die "stärksten von meinen Künsten" ganz vergessen hatte, da wandte ich sie an, nämlich ich sah mir - den * an! das hatte ich lange nicht mehr getan; und richtig da war plötzlich alles schon da, und heute habe ich also von Staat und Kirche und von Priester und Heiliger geschrieben, alles genau wie es im * zu sehen ist. Aber so down war ich gewesen, dass mir das nicht einfiel, wo es doch das Naheliegendste war: an den * zu denken, wenn man von ihm schreibt.

            Und heute früh kamst auch du, und so war alles gut. Liebes Gritli, ich fahre am Montag oder Dienstag, aber dann gleich durch, sodass ich wohl am Mittwoch schon bei euch bin; ich muss ja einmal in deinem Zimmer mit dir gestanden sein, und dazu ist es ja nun der letzte Augenblick. Ich war ja schon einmal mit dir drin, einen ganzen Morgen, - aber das war beinahe zu sehr mit dir; ich weiss nicht, wie ich es sagen soll.

            Ich schicke dir diesen Brief als Eilbrief, denn du musst mir wegen der Reiseerlaubnis ein Telegramm schicken, mit irgend einem geflunkerten Grund, etwa: "Beginn der Vorträge schon Donnerstag, reisen Sie spätestens Dienstag. Hüssy". Ich bin mehr für solche "Wahrnehmung wichtiger Berufsangelegenheiten" als für "Krankheit naher Familienangehöriger". Übrigens ist es ja noch nicht mal geflunkert. Denn wenn ich bis dahin doch fertig oder sogut wie fertig sein sollte (ich habe jetzt mit dem liturgischen Teil begonnen, der kürzer wird als im III 1, dafür der vorliturgische länger), also wenn ich fertig sein sollte, dann wird ja die Vorlesung auf deinem Zimmer wirklich am Donnerstag beginnen. Und wenn es nun aus irgend einem Grund doch nichts wird - z.B. wenn etwa Montag die Berliner Sitzung sein sollte, so fahre ich euch entgegen nach Frankfurt oder Würzburg oder sonst wohin und ihr fahrt einen Tag früher von Säckingen ab und wir sind dort einen Tag zusammen. An Kassel hatte ich nur gedacht für diesen Fall, weil es ja jetzt Kopfstation geworden ist nach allen Richtungen. Rudi z.B. musste von Gött. nach Lpz. über Kassel fahren.

            In Säckingen werde ich ja doch nichts arbeiten, höchstens den Vortrag; ich habe jetzt ein Thema, wozu ich gar keine Vorbereitung brauche: "Geist und Epochen der jüdischen Geschichte." (Nämlich dass sie nur Geist hat und keine Epochen, - zum Unterschied von aller andren Geschichte - von wegen der Ewigkeit -. Das ist der Knalleffekt. Auch kann ich da grade bei Pragers Vortrag von vorigem Jahr über Grätzens Philosophie der jüd. Gesch. anknüpfen. Und ausserdem kann ich den Leuten da die bösesten Sachen sagen. Also das kann ich mir ja in Säckingen im Fremdenzimmer durch den Kopf gehen lassen - wenn es noch nötig sein sollte.

            Liebes Gritli, wenn du dir jetzt "dein Haus zusammenträgst", darfst du nicht an so böse Geschichten aus dem Evangelium denken. Es ist ja nicht "dein" Haus, es ist "euer" Haus. Und das ist ein grosser Unterschied, an den das Evangelium viel zu wenig denkt.

            Hans Hess kommt eben, und auch so - ich möchte doch nur in einem fort Liebes Gritli schreiben, weiter gar nichts, aber dies immerzu. Das ist keine Stimmung für Briefe -

                        Liebes Gritli liebes liebes ---

                                                Dein Franz.

                                  16.I.[19]

Liebes Gritli,

            es ist ganz spät und war wieder mal ein nervenzerreissender Tag. Ich beschwor ohne es zu wollen beim Mittagessen das Gewitter herauf und dann tobte es bis gegen 6. Danach kam ein freudiges Familienereignis, das glücklich ablenkte.

            Der Vormittag ging mir auf - den "Pilger Kamavita" drauf, den mir Tante Emmy zum Geburtstag geschenkt hatte (d.h. in Wirklichkeit wohl Hans), eine romanformige Darstellung des Buddismus von dem Nobelgepriesenen Gjelerup; anfangs hatte ich mich mehr drüber geärgert als gefreut, aber so in der Mitte des Buchs war ich gepackt und las deswegen heut Morgen in einem Zug zu Ende. In der Mitte stirbt er nämlich und dann spielt alles übrige im Jenseits. Es scheint mir gar nicht verzeichnet, und es ist doch irgenwas dran, obwohl, obwohl natürlich - aber das steht alles schon bei Tertullian und Augustin ganz klar, und der Buddismus ist eben doch bloss Antike.

            Bei alledem habe ich aber doch eine Menge geschrieben; die Kunstphilosophie in III wird wohl schön. Es giebt ein Lob der angewandten Kunst: Architektur – Kirchenmu-sik - Tanz. (Das ist eine aufsteigende Linie). (Das ist schon aus Mazedonien vor der Flucht). Dass ich den Tanz zu oberst stelle, wird dir wohl passen? (Ich rechne natürlich auch Prozession, Festzüge, Turnspiele, Paraden, Manöver, Pferderennen u.s.w. dazu).

            Rudi Hallo ist nicht bloss befangen, sondern wirklich schon umhüllt von einer dicken Schicht Akademischkeit. (Es ist doch gar kein Wunder, dass ihm hier niemand eine Überzeugungstaufe zugetraut hat; er hat eben eine Façade vor sich aufgeführt.)

            Gute Nacht - es ist schon 12, ich denke an dich.

                                                --- Dein Franz

                                   17.I.19.

Liebes Gritli, ein Tag zum Verzweifeln. Zwar der Morgen war schön und Nachmittags war sie weg, aber Abends ging es los. Es ist einfach unmöglich für mich, länger als eine Woche hier zu sein; ich werde völlig in diese Strindbergsche Atmosphäre hineingezogen. Ich kann noch nicht zu Bett gehn, obwohl ich auch so kaput bin, dass ich mein überreiztes Wachsein auch nicht zum Schreiben verwenden kann. Hätte ich was zu korrigieren, so könnte ich die Nacht dran sitzen bleiben. Ich gucke jetzt wirklich aus dieser Höllenbolge Terrasse 1 nach Säckingen und nach Freiburg aus wirklich mit dem Gefühl: revider le stelle. - Mit III 2 werde ich hier nicht mehr fertig. - Ich will einmal versuchen, ob ich noch in den schönen Vormittag zurückfinde; da kamen nämlich deine Briefe. Nein, ich kann dir nicht antworten, ich kann dir heut überhaupt nicht schreiben. Es geht nicht.

                                                Dein Franz.

Ich habe gestern Abend oder vielmehr heut früh um 2 nicht zugemacht. Ich wollte dir am Morgen noch ein Wort drunterschreiben. Es geht aber immer noch nicht. Dabei war mir eben als strichest du mir mit der Hand über den Kopf.

                                                                                    Tus - bald.

                         18.I.[19] - der

   erste seit der

                            Revolution!

Liebes Gritli, Stille nach dem Sturm. Sie hatte einen Kater und war nett. Ich bin nach-mittags zu Trudchen gegangen, um meine Hoffnungslosigkeit herauszuschwätzen und bin nun auch erleichtert, nur müde. Ich weiss so genau, dass das einzige was sie auf die Dauer zufriedenstellen könnte, mein Tod wäre; danach würde sie einen Heiligenkult mit mir treiben, vorher giebt sie keine Ruhe; und da ich nicht vorhabe zu sterben, so muss es mit diesem ersten 6 Wochen = Versuch genug sein. Eine Woche lang wird sie mich ja vielleicht aushalten. Ich bin noch müde und schaukle in meinen Nerven. Die Telegramme kamen. Ich fahre wohl Montag Mittag hier ab, bleibe in Frankfurt über Nacht, im Basler Hof, sehe am Dienstag Vormittag die Stelle mit der ich III 2 anfange, dort auf der Bibliothek nach (hier sind nur zensurierte Exemplare, wo die Stelle aus Angst vor der christlichen Obrigkeit weggelssen ist), fahre Dienstag Mittag weiter, sodass ich Mittwoch auf jeden Fall in Säckingen bin. Fertig werde ich wohl keinesfalls, höchstens wenn ich auf der Bahn noch schreiben kann. Den liturg. Teil hoffe ich zwar morgen zu Ende zu kriegen, und sehr lang wird das nachher dann nicht mehr. - Heute musste ich lachen, dass ich gefürchtet hatte, mit III 2, wenn ichs drucken liesse, mir meine jüdische Karriere ist das ja nur natürlich. Den Unterschied, ob ich etwas selbst erlebt habe oder nur an andern erlebt (und etwa noch von aussen gesehen), muss man ja merken. Und das ist der Unterschied von III 1 und III 2. Ich erkläre das Christentum an meinem erlebten Judentum. Sag das bitte Eugen nicht; ich möchte sein Urteil unbeeinflusst von mir.

            Für das Purgatorium hat mich auch erst Dante warm gemacht. Und ist es nicht dichterisch der schönste Teil der Commedia? Es ist eben die Erde zwischen Hölle und Himmel und die Erde ist immer doch der wahre Gegenstand der Kunst, trotz Kamavita, der grossenteils im Himmel spielt, ja und trotz Dante selbst.

            Liebes Gritli, ich verstehe doch so gut, dass du dir jetzt endlich dein Haus einrichten musst und musst. Es geht dir ja nur genau wie mir: du willst eben endlich - heiraten.

            Und Basel? haben wir denn nie davon gesprochen? es ist wohl die einzige ausländische Stadt, nach der ich während des Kriegs manchmal Sehnsucht hatte. Immer wenn sich meine Phantasie malgré moi ins Akademische verirrte, ertappte ich sie auf dem Ruf nach Basel. Nietzsches Fuxen = Proffessur hat ja ihren Glanz vielmehr davon dass es grade Basel war als dass er noch so jung war. Und Burckhardt.

            Spürst du es also auch, dass der Krieg schon so unendlich lange her ist. Obwohl ich doch durch den Stern noch in einem unmittelbaren Zusammenhang mit seinen für mich letzten Monaten August und September bin, ists mir als waren es Jahre.

            Auf den Mantel mit der 165 habe ich ja Anspruch; er gehört zum Entlassungsanzug und ist ein notwendiges Kleidungsstück, wie du ja selber weisst -

            Deine bibelkritische Frage (aber Gritli!!) nach dem Alter unsres hebräischen Texts beantworte ich dir lieber mündlich. Werden wir dazu kommen? man muss es nämlich an einzelnen Stellen sehn, da wird es erst lustig. An sich ist unser Text erst 3 Jahrhunderte nach Hieronymus festgeworden. Und Luther lebte in der lateinischen Bibel, betete doch die Psalmen als Brevier, gelgentlich in einem Zuge, sodass ihm der Urtext beim Übersetzen dazu dienen musste, ihn von dem auswendiggekonnten lateinischen erst überhaupt einmal frei zu machen (wie heut jeder Übersetzer durch den Urtext erst einmal vom Luthertext freigemacht werden muss). Aber bei diesem Freiwerden ist er dann nicht selten ganz  frei geworden und hat einen ganz eignen Vers gedichtet. - Notker ist noch nicht da; um so schöner, wenn er dann kommt; so ein über Monate verteilter Geburtstag ist grade schön; für den Januar wars der Kluge. - Über Luthers Verhältnis zu den Texten speziell in den Psalmen werde ich später einmal eine Anzahl kleiner Aufsätzchen schreiben, darauf freue ich mich schon lange; es geht das so gut, seit alles was es an Entwürfen von seiner Hand, Sitzungsprotokollen der Übersetzungskommission, Druckvaraianten von ihm giebt, vollständig gedruckt ist.

            Dies also nur für den Fall dass wir nicht dazu kommen. Wie wird es werden? Den Brief kriegst du wohl noch am Tag ehe ich komme. Ich freue mich auf dich, deine Augen, deine Hände, dein Herz.

                                  [30.I.19]

Liebes Gritli, es wurde 9, bis ich in Freiburg war, und als ich dann im Geist herunterging zum Essen, wuchs plötzlich riesenlang Beckeraths Vetter ("Herbert"} vor mir aus dem Boden, der ja hier Privatdozent ist; mit dem war ich bis eben zusammen. Nun ists Mitternacht, aus dem Brief an Mutter wirds nichts mehr, und ich bin auch gleich mit Gewalt dadurch in Gespräche gerissen, als ob ich hätte abgelenkt werden sollen. Morgen erzähle ich noch davon, es war glaube ich einiges Merkwürdiges dabei. Ich bin jetzt nur müde und doch voller Liebe und Dank. Gute Nacht, liebes Herz. Es ist noch als wären wir bloss durch ein Stockwerk getrennt und doch seid ihr schon weit weg und bis euch dieser Brief erreicht, seid ihr schon im ersten wirklichen eigenen Haushalt. Ich bin bei Euch - wie ich bei dir bin. Sei auch bei mir - Geliebte. Ich fühle wie du deine Hände um mich legst. Gute Nacht. Schlaf schlaf

                                                - Deiner.

[Telegramm an Eugen und Margrit Rosenstock bei Schumann Haydnstrasse 4 Leipzig]

                                   30.I.19.

                        guten tag! franz

                                   31.I.19.

Liebes Gritli,

            nun seid Ihr schon in Leipzig, habt im Hotel wohl Beckerath getroffen und seid jetzt schon im Haus. Ich habe auch meine verschiedenen Töpfe auf den Herd gestellt; III 3 brozzelt schon leise, und bei Mündel war ich heute Nachmittag 4 Stunden (Ergebnis: Lektüre von 60 Manuskript = 30 Machinenschriftseiten). Rudi hat er schon fertig abgeschrieben. III 3 wird vielleicht doch gut, allerdings ganz anders als III 1 und 2, ja überhaupt anders als alles Vorhergehende. Aber es ist mehr eine Ahnung. So als ob hier erst das philosophisch Wichtigste kommen müsste, das mit der "Tatsächlichkeit". Übrigens habe ich heute beim Lesen von II 3 gemerkt, dass mir das bei dieser Art Lesen genau so zuwider war wie I, so dass also I vielleicht doch besser ist als ich dachte. III 3 kommt nun wieder auf I 1 zurück, indem es auch vor allem von Gott handelt, I 1 das was ich "vorher" von ihm weiss, III 3, was ich "nachher" weiss.

            Ich habe noch viel an das "im Namen" denken müssen. (ejn tw/ ojnomati kommt wirklich erst bei Byzantinern vor, sodass also der weltliche Sprachgebrauch wirklich erst aus dem der Offenbarung stammt). Sag Eugen, es handle sich gar nicht darum, dass man selber das "im Namen" zu seinen Taten dazusagen müsste. Sondern man trägt den Namen an die Stirn gebrannt und die Welt sagt zu dem was er tut, immerfort: aha! Jede Tat wird so zur Heiligung oder Entweihung des Namens. Oder mindestens zur Entweihung. Denn auf die ist die Welt scharf und lässt sich keine entgehn. Die Heiligung, wenn sie geschieht, wird allerdings meist von der Welt geflissentlich übersehen oder weggedeutet. Aber tut die Welt damit nicht gradezu Polizeidienste am Reich Gottes? Denn unser Gewissen muss ihr ja in 99 von 100 Fällen recht geben, wenn sie unsre guten Absichten uns wegstreicht. Wenn wir selbst nicht kritisch sind, so muss es die Welt wohl an unsrer Statt sein. - Und was geschieht dann wirklich unableugbar "im Namen"? Es darf doch nicht alles weggeleugnet werden können? Gewiss nicht, aber deshalb betet ihr: "geheiligt werde dein Name" und wir noch eindeutiger: "er heilige seinen Namen". Er! das Unleugbare muss er selber tun. Wir bringen es immer nur bis zu dem Leugbaren.

    Ich habe mich mit Loofs verabredet. So komme ich immer noch nicht dazu, dir das von Beckerath zu erzählen. Aber morgen.

            Bis morgen - liebes liebes

                                    geliebtes Gritli ------- bis morgen

                                    - und immer.

Februar 1919

          1.II.[19]

Liebes Gritli, heut nachmittag kam dein erster Brief. Es ist immer wieder wie ein allererster; die Spannung von ein paar brieflosen Tagen geht voran und steigert sich von Tag zu Tag und löst sich dann und diese Lösung ist weich wie deine Hand.

            Es ist schade dass ich die Karamasoff nicht jetzt auch grade lesen kann. Oder ist es gar nicht mehr nötig? Dein Erschrecken neulich über Eugens Wort sah ich wohl; ich erschrak sogar darüber, weil du es unnötig schwer nahmst. Es war ja sicher falsch. Was liebst du denn mehr an ihm als dies! Es ist doch sein Innerstes. Und beim "Katholischwerden" ist es doch dies, wofür du fürchtest und was du ihm sogar jetzt schon bei den Anläufen die er dahin macht entfallen siehst. Genug davon. Ich wollte dir noch von Beckeraths Vetter erzählen. Er war ja damals um Emil. Und nun sprach er mir seine Besorgnis aus (in Anbetracht von Emils schwächlicher Konstitution und der erblichen Belastung der Familie mit Geisteskrankheiten) über seine - "mystische Richtung", über die "extrem christliche Richtung", die er verfolge. Es drehe sich alles bei ihm um Nachfolge Christi, um ein "gewissermassen mit ihm sich ans Kreuz schlagen lassen". Ich beruhigte ihn so gut ich konnte, erinnerte ihn an Emils scharfen Verstand, der ihn vor jedem Aberglauben (spiritistischer etc. Art) sicher schützen werde u.s.w. Aber ich war doch erschüttert, teils über die Formulierungen, die Emil offenbar damals ihm gegenüber gebraucht hatte, besonders die letzte, teils auch wie das was uns wie ein Anfang schien, dem andern schon wie ein Extrem vorkam. Dass das alles schon längst vor Dorissens Tod begonnen hatte, wusste er aber auch. - Er ist ein viel netterer und sehr viel klügerer Mensch als ich in der Erinnerung hatte. An Emil will ich nun morgen schreiben. - Zu Kantorowicz gehe ich morgen nachmittag. Mit Loofs gestern war es nicht unlohnend. Am Mittwoch lädt er mich zu einigen Kennenswürdigkeiten zu sich ein (Husserls, Emil Straussens - der Verfasser von Freund Hein, du kennst es sicher, mich hat es als Sekundaner oder Primaner lange begleitet, schon wegen der Antithese Mathematik = Musik; ich sehe noch Tante Ännchens Entsetzen als sie das einmal in einem Gespräch mit mir über das Buch plötzlich merkte. Auch die "Kreuzungen" von ihm sind schön.) Loofs hatte sich eine furchtbar komische gemischt philosophisch = psychiatrische Kunstsprache zurechtgemacht, mit der er mich bombardierte, bis ich ihn auslachte und es ihm verbot. Da war er ganz erstaunt und gestand mir, sonst spräche er gar nicht so, aber er hätte gedacht, ich verstünde ihn so am besten!

            III 3 kocht langsam weiter. Es wird ganz anders als das Vorhergehende. Ich schreibe wie in einem leichten Champagnerrausch und ziehe Fäde aus den früheren Teilen hervor. Es wird der eigentlich orchestrierte Schlussteil. "Tor", dann nur noch der Kehraus, in piano, kleines Orchester. Es wird die übertheologische Theologie wie I 1 die untertheologische war. Eine "Mystik", aber auf Grund all des Unmystischen was auf den 500 Seiten davor steht und dann ja auch wieder neutralisiert durch das antimystische "Tor", das noch nachfolgt. Hoffentlich kriege ich es hier fertig. Wird es so, wie ich jetzt ahne, so wird der veränderte Ton von III 1 und 2 im Ganzen nicht bloss kein Fehler, sondern gradezu eine Schönheit. Es ist dann in seiner Deskriptivität wie ein Riterdando vor dem Schlussaufstieg, der "Apotheose" im wörtlichsten Sinn. Ich muss endlich einmal sehen, was Gott "ohne mich", ja "ohne uns" ist. So wird der III.Teil wirklich das Gegenstück zum Iten. Aber ich bin noch ganz leise und nur ahnend, wie es wird.

            Von Cohn hatte ich einen Brief, der mir nicht leicht zu beantworten wird. Er hat mehr Vertrauen zu mir als ich - im Augenblick tragen kann. - Gute Nacht. Bist du bei mir? Ja du bists!

Gute Nacht  - 

Dein Franz.

                                    2.II.19.

Liebes Gritli,

            das Wasser kocht! es wird wohl so, wie mir vorschwebt. Die Disposition kommt doch in eine gewisse Parallele zu III 1 u. 2. Es wird, wie ich es auch bei der ersten Konzeption damals mir schon dachte, eine Abhandlung vom Schnittpunkt der Parallelen. Und da mir das so wichtig ist, musste es ja wohl doch wirklich an den Schluss kommen.

            Eugens Eltern sind eben angekommen, im Beausejour. Ich werde bald hingehn, schon weil ich Angst habe und jetzt keine Zeit zum Angst haben übrig habe.

            Von Berlin (Bertha Strauss) habe ich jetzt die Maimonidesstelle, die ich zu Anfang von III 2 zitiere. Sie ist im Original viel schöner als in der Übersetzung, auch viel wüster; man begreift, weshalb sie wegzensiert wurde; das konnte man einer christlichen Obrigkeit nicht bieten. Die vielen "gänzlich ungebildeten" Völker, zu denen die hl.Schrift durch das Christentum gedrungen ist und die mir gleich übersetzungsverdächtig waren, heissen "Völker unbeschnittenen Herzens und unbeschnittenen Fleisches". So wird das Einleitungszitat jetzt in andrer Weise ebenso schön wie das Schlusszitat.

            Übrigens diktiert mir Bertha Str. eine Cohenbiografie zu. Ich werde ihr schreiben, dass ich einen grossen Essay über ihn plane, und ihr vielleicht auch den Plan der ύπομνημο verraten.

            Ich muss zu H.U.s  Heilige Margerit, steh mir bei. Übrigens er rief mich heut mittag an, Herr Trescher verstand den Namen nicht, es sei eine "Tante Soundso" gewesen! Tante = Rowitsch!

            Mir ist als hätte ich irgend was vergessen; vielleicht schreibe ich dir heut Abend nochmal.

            Bis dahin

                        nimm

                                    Mich.

                                                                                                                                    3.II.19.

Liebe, es ist ein Brief von dir da, der erste aus Leipzig und ich bin froh. Er ist vom gleichen Tag wo ich hier so unruhig herumlief. Du hast das Wort vom Ruhefinden für mich mitgehört. Es ist ja eins das in beiden Testamenten steht. Aber bei Jeremias geht es weiter: doch sie sagen, sie wollen nicht -

            So spreche ich ja auch, geliebtes Herz, und küsse deine Hände. Nimm meinen Kopf hinein und halte ihn, halte ihn fest und gut.

            - Es wundert mich gar nicht sehr, dass Ihr dort bleibt im März. Und schliesslich, immerhin ist die Thomaskirche da und auch das mondäne Gegenstück, das Gewandhaus; du musst sehen, abends hinzukommen; die Hauptprobe ist nur ein gutes Konzert wie es anderswo auch giebt, aber der Abend ist Musik als Form der öffentlichen Geselligkeit, so wie ich es noch nirgends sonst gefunden habe. (Wenn die Revolution nicht auch das wie die ganze Germania auf den Kopf gestellt hat).

            Ich wollte, Ihr könntet die Wohnung an der Thomaskirche nehmen.

            Bei Kantorowicz war ich also. Ditha war auch da. Weisst du, dass doch Thea die einzige ist, die mir immer wieder gefällt und bei der ich gar nichts zu überwinden habe. Mit ihm (übrigens die Gela ist ein nettes Kind, Hildedore eklich), also mit ihm hatte ich ein, natürlich unerquickliches, Gespräch über Eugens "ewigen Prozess d.R.g.d.St." Er war sehr unglücklich darüber, behauptete es sei alles aus dem "Kalauer" fas = fari entstanden. Es sei unverantwortlich, dass er das blosse (geltende, aber nicht beredete) Recht mit der Gewalt gleichsetze. Das heisse, die sichersten Begriffe der Wissenschaft verwirren. Ich versuchte ihm den Aufsatz als einen rechtspolitischen klar zu machen, um ihn aus der Stellung eines wissenschaftlichen Zionswächters herauszutreiben, - aber es gelang mir nicht. Wem gelang es - . Einiges lobte er auch. Aber im Ganzen - und danach sage er sich doch, dass an dem Verdammungsurteil der Germanisten das er nicht nachprüfen könne, doch etwas dran sein müsse, da es immer genau, wörtlich genau mit dem übereinstimme, das er selber fälle, da wo er etwas davon verstünde. Ich sagte ihm ich misstraute dem Urteil der Germanisten, das ich erstrechtnicht nachprüfen könne, aus dem genau entsprechenden Grunde. Das nahm er glaube ich wieder etwas krumm.

            Die Wohnung ist schön. In seinem Arbeitszimmer habe ich mich aber vergeblich nach deinem Bild umgekuckt, soweit es unauffällig ging. Wo hängt es denn?

            Ach und wo bist du selber? In Leipzig bin ich ja doch nicht bei dir - in Leipzig bin ich überhaupt nicht. Es ist ein zu greulicher Ort. Ganze Stösse braunen Papiers müsste man haben, um es zuzudecken. Ist dies nicht schön? es war wirklich noch das, was ich von damals auf dem Kicker hatte. Komm und schliess dich ein bischen darin ein. Und sei bei mir.

                                    --

                                  4.II.[19]

Liebes, nur ein rasches Wort ehe ich heraus zu J.Cohn gehe. Ich wollte heute eigentlich in Krebsens Kolleg, aber beides liess sich nicht vereinen.

            Mit III 3 bin ich jetzt wieder bei den grossen Rationen angelangt, heut 9 Seiten. Morgen komme ich wohl an den Mittelteil, die beiden Ausstrahlungen des * nach innen und nach aussen. Die nach aussen beschäftigt mich übrigens im Augenblick auf einem dauerhafteren Material als auf Papier. Ich denke nächste Woche wirst du das zu sehn kriegen. Sei ein bischen neugierig.

                        Und hab mich lieb.

                                    Dein Franz.

                                  5.II.[19]

Liebes Gritli, ich war ganz ausgehungert nach einem Brief von dir, die Zeit von vorgestern bis heut Nachmittag kam mir so unvernünftig lang vor. Dabei war es doch ganz klar, dass du auf Wohnungssuche sein musstest. Und nun - schade schade; aber ich glaube, auch bei normaleren Angebotsverhältnissen wärest du schliesslich in so einer Ferd.Rhodestrasse gelandet. Städte wie Leipzig haben das so auf sich. Die richtigen Wohnungen haben so viel Nebenfehler, dass man sich mit einem hausfraulichen Gewissen doch nicht heranwagt, auch wenn man erst wollte. Aber schliesslich - eine eigene Wohnung ist es doch, und ein bischen kann man sich da die Stadt immer aussperren. Freilich diese nächste Nähe zu Michels den Zeitgemässen -

            Es war gestern sehr nett bei J.Cohn; er sprach viel von Spenglers "Untergang des Abendlandes" von dem Eugen neulich auch sprach; er hatte eine Art Respekt davor. Und dann von - Wilamowitzens Plato (wo Eva Sachs im Vorwort ein Lorbeerkränzlein gewunden kriegt). Der scheint meinen Hegel noch zu überhegeln, nennt ein Kapitel "Ein heitrer Sommertag" und so ähnlich. Ich kam mir wieder arg kurpfuscherhaft vor (als Schreiber des *s) und hatte  ein schlechtes Gewissen, wie er so von "Vorarbeiten", die ihn die nächsten Jahre noch beschäftigen würden sprach. Mein Gewissen wird immer wieder erst besser, wenn er dann von der Sache selbst spricht, und etwa "Budda, Jesus und Jeremias" als religiöse Genies nebeneinander nennt. Mich persönlich amüsiert bzw. ärgert dabei immer am meisten diese Höflichkeitserwähnung irgend eines Profeten, den nun die "Wissenschaft" glücklich nach dem Schema des "religiösen Genies" wiederzurechtkonstruiert hat und der nun gelehrte Modepuppe geworden ist. Mir lag auf der Zunge, ihn mit "Budda, Jesus und Schmeie Tinkeles" zu korrigieren; ich verkniff es mir aber; er hätte doch nicht verstanden, dass es im Judentum "religiöse Genies" gar nicht giebt und geben darf. Und eigentlich im Christentum auch nicht; das ganze Dogma hat doch nur den Zweck zu verhindern, dass man Jesus für ein religiöses Genie erklärte und ihn Jesus Genius nannte statt Jesus Christus.

            Am * schreibe ich mit einer Mischung aus Leichtsinn und "Furcht und Zittern", und dem Gefühl sehr mangelhafter Vorbereitung. Ich weiss nicht - aber vielleicht wird es doch gut.

            Heut Abend also wohl Loofs mit Zubehör, ich will nochmal anrufen.

            Und? Ach du kannst es dir denken - es ist nicht bloss deine Stimme, es ist alles an dir und in dir, das ganze Gritli, nach dem ich mich sehne,

                        ich dein ganzer Franz.

                                    6.II.19.

    kamst du da

   nicht voriges

                   Jahr nach Kassel?

Liebes geliebtes Gritli,

            diesen Brief wollte ich dir schon in der Nacht schreiben, dann lag ich statt dessen viele Stunden wach, heut vormittag schrieb ich am * - ich dachte gestern ich würde es nicht können - und jetzt erst schreibe ich ihn, nachdem eben die Post deinen kurzen Antwortbrief auf meinen langen vom Tag heut vor einer Woche gebracht hat. Die Schleier, von denen du schreibst legen sich immer wieder um uns. Wir zerreissen sie wieder und wieder - und doch, mehr können wir nicht, weder du noch ich, können es überhaupt nicht einzeln, können auch dies, wenn je, nur - zusammen. Mein geliebtes Gritli - ich kann nicht von dir und du nicht von mir. Das bleibt, wie wir uns bleiben. Gieb mir deine Hände, ich muss sie küssen, lang, lang, ohne Aufhören.

            Hör von der Nacht: Loofs bestellte mich auf heute um, so ging ich Abends zu Eugens Eltern. Es war übrigens gar nicht so schlimm, er eigentlich gereizter als sie, übrigens aufgekratzter als er sonst jetzt sein soll. Ditha kam auch. Mit der ging ich nachher nach Hause und dann lange in der Ludwigstrasse durch den schönen frischen Schnee auf und ab. Sie hatte vorher bei den Eltern mal so etwas gesagt, als wäre sie sicher, dass Eugen nicht bei der Universität bleiben würde. Ich fragte sie nachher, was sie denn sich denke. Da sagte sie: Landerziehungsheim. Und das ist ja einfach das erlösende Wort, und lächerlich, dass ich noch nie daran gedacht habe. Natürlich müsste man auch erst mal eins finden, wo man ihn will. Aber leichter als eine Fakultät wird das zu finden sein. Und vor allen Dingen, es wäre ja das was er sucht, ohne es zu wissen sogar bei dem "Katholischen" sucht. Es wäre Beruf und Berufung in einem. (Und das sucht er ja, eins so sehr wie das andre). Es wäre ja auch tausendmal besser als der berufsmässige "Essayist" und der gelegentliche, und auch der Einestagesdochverfasser seiner Bücher, würden nicht darunter leiden, im Gegenteil. Du weisst, dass die Schüler der Landerziehungsheime auch nachher noch wiederkommen, sodass man durchaus nicht bloss mit den bis 18jährigen zu tun hat. Ich habe übernommen, ihm das zu schreiben; Ditha wollte es nicht selbst; ich schreibe es also dir. Filtrier es. Ditha hatte es ihm nicht selbst sagen wollen, weil sie sich an seine Erstarrtheit nicht heranwagte. Er ist ihr nämlich ganz starr gekommen, besonders das zweite Mal, als er allein war; so dass sie meinte, das Katholischwerden stände unmittelbar bevor. Sie war aufs höchste erstaunt, als ich ihr erzählte, die Starrheit sei nur ein Zustand und er sei daneben noch genau so bewegt wie früher. Ihr war er nur so gekommen. Und sie war infolgedessen gegen das Katholische eigentlich voller Opposition (auch gegen Krebs, wie mir schien).

            Sie sprach so nach und nach von all diesen Dingen, so dass ich auch davon sprechen konnte, was ich ja erst nicht durfte, weil sie ja nicht wissen sollte, dass ihr mir davon erzählt hattet, von ihrer Angelegenheit. Aber sie behandelte es selbst beinahe als wüsste ich davon und zog mich in die Alternative Protestantisch oder Katholisch, als ob die mich etwas anginge. Und ich liess mich ziehen! Und wagte nicht, meinen Mund aufzutun. Dabei hatte ichs vorher bei Rosenstocks absichtlich mal getan, als mich der Vater nämlich plötzlich ganz rund heraus fragte, wie ich es denn eigentlich fertig brächte, mich religiös mit Eugen zu vertragen. Worauf ich erst etwas von zwei Dickköpfen sagte, dann aber etwas über Judentaufen im Allgemeinen so grob formulierte, weil ich hoffte Ditha damit zu ärgern (von 100 seien 99 aus äusseren Gründen, die 100te geschehe aus Unkenntnis des Judentums und erst die 101te aus Überzeugung). Das hinderte sie aber nachher gar nicht, die Taufe überhaupt als etwas ganz ausser allem Disput zu behandeln. Und ich hatte mir eingeredet, ich wäre weitergekommen seit vor 9 Jahren, wo ich Hans, der ja in Dithas Lage war, sagte: Tus. Und wagte nun überhaupt nicht, den Mund aufzumachen. Was hätte ich ihr auch sagen sollen. Sie heiraten kann ich doch nicht, und das wäre das einzige. Alles andre - wo soll sie denn hin? was soll ich ihr denn für einen Weg zeigen? noch dazu ich, der ich - ein Buch schreibe. J.Cohn hatte gesagt, vorgestern als er über Muhamed und die "religiösen Genies" sprach, sie könnten das "Religiöse" nie zum Mittel machen, alles andre ja , aber dies nicht, und das "ganz grosse" "relig. Genie", "Jesus z.B." könne selbst nichts andres zum Mittel für das Religiöse machen. Aber das ist ja Unsinn. Dieser "extreme Fall" des "ganz grossen", ist ja das normale. Es ist einfach unmöglich, irgendetwas zu wollen. So nebenher ja. Aber wo es eigentlich drauf ankommt - es geht einfach nicht. Sowenig wie ich an Mutter etwas wollen kann oder sonst an irgend einem Heiden, sondern immer wieder nur warten, dass etwas geschieht, so ists auch hier. - Gewiss es ist nicht an mir allein, es ist die furchtbare Lage der Westjuden überhaupt. Eugen hat zwar nicht recht, dass man "ohne jüdische Eltern" nicht Jude werden kann; hat man das sichtbare Judentum irgendwo gesehn, so sieht man auch das unsichtbare, nur künstlich unterdrückte, in seinen Eltern. Obwohl ja der Fall der alten Rosenstocks (hier wie in allem) noch unendlich viel krasser ist als der Fall meiner Eltern, die ja beide sogar ein bewusstes Anhänglichkeitsverhältnis haben. Aber schliesslich ich springe ja doch darüber weg in die frühere Generation. Denk an das was ich vom Ahn und Enkel schrieb; den Vater schalte ich da eigentlich aus. - Und dennoch trotz und trotz allem, durfte ich denn stille sein? ? Wenn sie nun erwartet hätte, ich würde sprechen? Dies "Wenn sie nun" verliess mich nicht und liess mich nicht einschlafen, und lässt mich auch heute nicht zur Ruhe kommen. Ich habe ihr nichts zu geben und weiss keinen Weg für sie und Eugen hat ihr alles zu geben und weiss einen Weg für sie - und dennoch müsste ich und muss ich. Ich werde sie jetzt gleich mal anrufen. Obwohl ich nichts weiss was ich ihr sagen könnte, was nicht glatt an ihr abspringen wird. Es muss sie ja auch beleidigen, wenn ich ihr sage - und das werde ich ihr sagen - dass ich ihren Fall wirklich nur als Fall behandle und hier nur als Jude überhaupt Eugens in diesem Fall ganz persönlich gemeinter Christlichkeit entgegentrete. Ich mag sie ja einfach nicht recht leiden, obwohl sie grosse Qualitäten hat.

   Genug davon für jetzt.

   Vielleicht hängt dies alles näher mit dem zusammen, was ich dir zu Anfang schrieb, als ich mir zugeben mag. Ich weiss es nicht, ich will es nicht wissen. Ich muss durch, durch all dies durch. Gieb mir deine Hand. "Lege mich wie einen Siegelring auf dein Herz."

                        Auf dem Siegel steht: Dein.

                                  7.II.[19]

Liebes Gritli, ich dachte schon, es wäre kein Brief von dir gekommen, und war ein bischen down , nach dem letzten; ich dachte, ich hätte zu sehr in dir herumgewühlt, da brachte mir eben aber der Kellner den Brief doch noch und ich weiss nun wo ihr seid und wo du bist, du. Weisst du, der Arm von dem du gestern schriebst braucht nicht zu schlagen, er kann es auch ganz gelinde machen, wir wollen uns nicht sorgen. Heute stand ich mal am Fenster und sah auf den Münsterplatz, der wieder ganz zugeschneit war. Plötzlich war mir, du stündest neben mir und lehntest mit der Hand auf meine Schulter. Ich wagte mich gar nicht umzusehen, weil ich wusste, dass es dann ja nicht wahr sein würde. Oder war es doch wahr? Ich war dann trotzdem enttäuscht und traurig, als es nichts war und bloss mein Stuhl da stand mit dem schmutzigen Kissen vom Sopha, das ich drauf gelegt habe. Aber war es vielleicht wirklich doch wahr? Sag Gritli, du bist ja bei mir. Ich bin zum Zerspringen voll Sehnsucht nach dir, du bist mir nah und es ist mir doch als hätte ich dich soviel Monate nicht gesehn wie Tage. Nimm meinen Kopf in deine Hände und sage mir dass du mich lieb hast. Gritli?

            Am Montag wird das kleine "lebendige Ding" fertig, auf das du ein bischen neugierig sein sollst. Dann geht es zu dir, ich habe es oft zwischen den Lippen gehabt die letzten Jahre und dann wirst dus zwischen die Finger nehmen, alle Tage ein mal und wirst dabei an mich denken, und ich werde die Spur davon sehen.. - Das ist ja ein richtiges Rätsel geworden, und ich fürchte sogar ein so leichtes, dass du gar nicht mehr neugierig bist. Oder bist du ein bischen dumm? Bitte seis.

            Gestern Abend bei Loofs war es sehr nett, ich war nur etwas müde und es dauerte bis 1/2 1. Es war so eine feine Zusammenstellung von Menschen. Husserls, Emil Straussens. Die Frau Loofs (sie hat einen pietistischen Roman geschrieben der in St.Moritz spielt, "das grosse stille Leuchten") ist blond, dick, älter als er, dabei im Ton ganz jungmädchenhaft und man merkte ihr gestern nichts von Verfasserschaft an; sie hat mir eigentlich gefallen. Loofs selbst, habe ich ihn dir eigentlich mal beschrieben? Er ist kitschig in seinem Äussern auch, trägt z.B. zum Zivil seine Bändchen! hat einen breit schwarz = gelb gestreiften Schlips, aber dabei doch eine kuriose Massivität. Frau Strauss, Schwester von Gerhard Hauptmanns jetziger Frau, grosse Hornbrille hässlich wie die Nacht (oder pfui! die Nacht ist ja gar nicht hässlich), sprach wenig, nur ein paar Mal ganz keifende Alldeutschismen von der jetzt üblichen Sorte.

            Frau Husserl, eine angenehme Enttäuschung, kurios böhmisch aussehend trotz jüdischer Rasse, etwas an Tante Emmy erinnernd und mir grade dadurch verständlicher als sie den meisten ist, freilich nicht so echt wie sie, sondern ein gut Stück Affektiertheit; aber nett aussehend, wie die Tochter (die aber übrigens Vaters Kind ist; sie war leider nicht da); sie trug ein kleines Spitzenkrägelchen über dem Kragen ...[Zeichnung] was sehr lustig aussah zu dem kleinen Frauchen mit dem scharzen runden Kopfkügelchen. Der Comble waren die beiden berühmten Männer. Strauss sieht herrlich aus, wie Hebbel in jünger (ca 45 Jahr) (nein, er hat Ende der 80er Jahre studiert) und in fein. Sehr klug, ohne die Spur Unechtheit, die sonst Künstler haben. Und nun Husserl. Ein Mensch aud jeden Fall. Wahrscheinlich in seinen Büchern ein schlechter Philosoph, grade weil er im Sprechen ein guter ist. Eine grosse Bescheidenheit, die man ihm glauben muss, weil sie mit ebenso grossem Hochmut zusammengeht. Ein verschwommener nach innen gemummelter Judenkopf; im Ton, besonders wenn er ironisch wurde, in den Singsang des "Lernens" fallend. Sich interessierend und dann wieder dozierend. Sicher für junge Leute sehr anziehend; ich wäre sicher zu ihm gegangen, wenn er damals gewesen wäre, wo ich war. Er ist katastrophal gesonnen, erwartet und wünscht das Chaos, zwecks Rückkehr zur Ursprünglichkeit (das hängt mit seiner "Phänomenologie" zusammen, die auch eine Rückführung des abstrakt und formelhaft gewordenen Denkens auf die einfachen unmittelbaren "Phänomene" sein will) und erwartet die Zukunft aus Russland. - Mich ritt aber der Teufel und ich verteidigte die Gegenwart gegen die Herabsetzung gegenüber 1800 und behauptete die schlechten Briefschreiber hätten damals auch schlechte geschrieben und die guten schrieben auch heut gute, und wer sich nicht zerstreuen lassen wolle, der lese heute die "Woche" eben einfach nicht u.s.w. Es ist ja wahr, aber ich weiss nicht weshalb ichs sagte.

            Ists nicht komisch, dass ich nicht bloss keinen Beruf habe, sondern noch nicht mal mein Fach angeben kann? es wurde mir gestern wieder so klar. "Philosoph" bin ich wahrhaftig auch nicht; das merke ich jedesmal wenn ich mit Professionels zusammen bin. Der * ist keine Philosophie, (obwohl Hans, der jetzt bei I 2 ist, die "spezifisch logische (logisch = metaphysische) Begabung" daran rühmt!!) (Übrigens findet Hans "einen gewissen Mangel an Architektonik im Verhältnis zu dem inneren Reichtum"! Ich habe also meine *=förmigen Spuren ...[Zeichnung] gut verwischt.) (was ich ja wollte.) (Er fährt fort, - bei I 1 und I 2! -: "Dadurch wirkt es etwas in der Richtung einer Selbstdarstellung).

            III 3 wird wohl so lang wie III 1. Ich bin jetzt in der Mitte und habe mit den tümern angefangen. Es ist anders geworden als III 1 und III 2. Vom * wird selbst in diesem Buch, das doch nach ihm heisst, nichts vorkommen, vielleicht. Sodass dann alles, was von ihm gesagt wird, in Übergang, Schwelle und Tor stünde und sonst nirgends.

            Wenn ich bis Mitte der nächsten Woche mit III 3 fertig werde, so fahre ich vielleicht wirklich noch ein paar Tage nach Säckingen und schreibe "Tor" an deinem Schreibtisch mit deinem Blick.

            Ich habe heut nachmittag wieder ein bischen bei Ragorzy geschmökert; man kann da für 10 M noch ganze Stösse Bücher kaufen.

            Mit Ditha habe ich mich für morgen verabredet. Es ist mir noch viel im Kopf herumgegangen, sowohl von Seiten der Hoffnungslosigkeit wie der Trotzdem-notwendigkeit.

            Ich wusste gar nicht, dass O.Viktor Eugen ein Kolleg abgetreten hat? und ein bezahltes? ich dachte, es wäre alles unbezahlt. 300 Hörer! - ich bin aber trotzdem für Landerziehungsheim. Du doch auch?

            Sie schliessen. Ich auch. Ich auch?

                         - nein!

                                    Dein.

                                  8.II.[19]

Liebe, heut nach Tisch war ich also bei Ditha. Ich war mit klopfendem Herzen hingegangen und in einer unsinnigen Erregung, aber es war doch sehr gut und notwendig, über Erwarten. Also sie hatte es doch erwartet, dass ich etwas sagen würde und es dann nur auf meine abenteuerliche Freundschaft zu euch geschoben, dass ich es nicht tat. Ich kann dir nicht mehr genau sagen, was wir sprachen; ich sprach nämlich nicht mehr als sie; Schmeie Tinkeles - wie komme ich nur auf den Namen - spielte eine grosse Rolle darin. Aber ich weiss das Einzelne nicht mehr. Dir wäre es auch nichts Neues. Aber das ist es ja: ihr war alles, aber auch alles neu. Und das darf doch nicht sein. Es handelt sich ja nicht um eine Heidin. Der würde man natürlich nicht mehr noch nachträglich ein bischen Heidentum anwünschen, sondern müsste froh sein, wenn es ihr erspart geblieben wäre; denn soviel wie sie zum Christwerden braucht, hätte sie auf jeden Fall in sich, wie jeder Mensch. Aber hier handelt es sich um eine nähere Berufung, die ihr nur noch nicht zu Ohren gekommen war. Eugen selbst hat in dem Brief vom Ende November, den sie mir zum Schluss zu lesen gab, ja etwas Änliches empfunden, aber doch zu formell, wie es ja bei seiner Unkenntnis des Judentums gar nicht anders möglich gewesen ist. Denn ein solcher Besuch beim Rabbiner hätte noch weniger zu bedeuten als ein Besuch beim Pfarrer, weil das Judentum nicht in Worten liegt und auch nicht in Worte zu fassen ist; man muss es sehen; hat man es gesehen, dann versteht man auch die Worte (ich konnte ihr auch nicht sagen: Lesen Sie mal das oder das. Im Gegenteil, ich musste sie warnen vor dem Lesen. Denn das was auf mich den Eindruck macht, weil ich dabei etwas sehe, macht ihr vielleicht gar keinen). Aber ausserdem was wäre ein solcher Besuch, selbst wenn der Rabbiner irgendwie Vertreter des Judentums wäre in dem Sinn wie der Priester Vertreter der Kirche ist, was wäre ein solcher Besuch, der nur in der Absicht geschieht, diese Brücke hinter sich abzubrechen. Eine künstliche Selbsttäuschung. Es ehrt sie, dass sie dieses billige Erkaufen eines guten Gewissens verschmäht hat. Eugen schreibt, dieser erste Schritt sei der leichteste und äusserlichste, oder so ähnlich (im Gegensatz zu dem dann folgenden zweiten und dritten: protest., kathol.). Und das ist eben nicht wahr. So wie der Abgrund zwischen Jud. u. Chr.tum ein Abgrund ist und der zwischen Kath. und Prot. eben doch nur ein Graben, so ist jener "erste Schritt" der schwerste und innerlichste, oder sollte es wenigstens sein, wenn er gemacht würde (sollte, vom christlichen Standpunkt aus) und wird, wenn er das ist, deshalb dann - nicht gemacht werden (sage ich vom jüdischen Standpunkt aus). Über Geschehenes denke ich anders. Den Bruch einer solchen Rückwärtsrevision in ein Leben bringen, darf man nur wenn man die Pflege dieses Menschen für das ganze Leben übernehmen will und kann. Aber hier wo noch nichts entschieden ist im Bewusstsein und das Unbewusste, die Berufung, da ist es ganz etwas andres. Das muss auch Eugen sehen, zumal es ja nur eine Ausführung dessen ist, was er, allzu offiziell, mit einem Besuch beim Rabbiner (wohl als dem Vorsteher des grossherzoglich badischen Konsistoriums der Israeliten, rheinbündischen Ursprungs - etwas andres wüsste ich nicht) erledigen wollte.

    Schwer ist es und bleibt es, und ich habe ihr nichts vorgemacht. Aber ihr andrerseits auch gesagt, dass ich glaube, wer sucht, der müsse da auch finden; nur einen Weg ihr sagen kann ich nicht; sie muss selber suchen; ich konnte ihr nicht sagen, wo, nur was; nämlich nicht etwas was ihr gefällt oder nicht gefällt, sondern nach etwas, was sie - ist. Das ist ja eben der Unterschied. Seht, wenn der Heide Christ werden will und sucht und findet etwas, was er ist, so wäre er sicher auf dem Holzweg. Wenn aber der Jude Jude werden will und findet etwas, was er ist, so ist das Zeichen, dass er schon - am Ziel ist.

    Liebes Gritli, ich war nachher sehr froh, dass ich es getan habe; noch gestern, das zweite Mal (das erste Mal als ich anrief, vorgestern war sie nicht da) bin ich gradezu zähneklappernd in der Telefonzelle gestanden. Und es kann nicht schlecht sein. Am Montag bin ich wieder mit ihr zusammen. Es musste sein.

    Ich war bei J.Cohn; es war ein Dichter Lübbe da den ich nicht kannte, still und nett, mit seiner Frau; er übersetzt Dante, ist schon im Paradiso; grade das erfuhr ich leider erst als er schon fort war. Es war sehr hübsch, aber vielleicht kam es mir auch nur so vor, ich war so von innem heraus froh, nach der Spannung dieser Tage seit Mittwoch Abend wie befreit.

    Dazu zwischen hinein auf dem Weg nach Güntherstal fand ich auch noch deinen Brief. Ich zähle auch schon die Wochen, bis ich nach Leipzig komme; es ist nämlich wirklich nicht mehr so lang. Ende Februar bin ich wohl sicher in Berlin. Da wird nämlich Schocken da sein und das Werbebüro organisieren. Das sind doch bloss 3 Wochen; es kommt mir kürzer vor als die 1 1/2 die vergangen sind. Und vorher kommt noch der kleine Vorbote, auf den du neugierig sein sollst, aber du bist ja gar nicht zur Neugier angelegt, - Herr Mündel macht Feierabend. Nur rasch noch - Dein Franz.

                                  9.II.[19]

Liebes Gritli, in der Zeitung lese ich eben die Todesanzeige von Gredas Mutter; ich sitze nämlich in einem Wirtshaus zwischen Herrn Mündel und Loofs. - Im * bin ich jetzt bei den beiden tümern, mit dem Chr. fertig, morgen kommt das Jud. Es geht ihnen beiden schlecht, etwas wie den Oberländerschen Löwen, die sich gegenseitig auffrassen bis nur noch zwei Schwanzquasten auf dem Wüstensand lagen. Was dann danach kommt, ist mir wirklich noch etwas saharahaft; wahrscheinlich eine letzte Aufnahme von dem sehr Wichtigen was vorherging, etwas ins Naturphilosophische gewendet aus dem Logischen. Diese Schlussbogen schreiben sich mit einem sonderbaren Gefühl des Abschiednehmens; bei einzelnen Gedanken muss ich denken: das ist nun das letzte Mal, dass du vorkommst. Denn es kommen ja alle Gedanken fortwährend vor durch das ganze Buch. Es ist wohl überhaupt eine Art System, die es noch gar nie gegeben hat, dass so alles vorkommt aber unter Sprengung all der gewohnten Paragrafen, unter denen es vorzukommen hätte. Es müsste kein Vergnügen sein, so etwas zu rezensieren. Denn "Religionsphilosophie" ist es doch wahrhaftig auch nicht. -

            Ich glaube wirklich, III 3 wird besser als III 1 u. 2. -

            Liebe, du schreibst in deinem gestrigen Brief, an dem ich, mangels eines neueren, noch zehre, du hättest einen Faible für ältre Herrn die noch jung sind. Ich glaube, sogar für junge, die zu solchen älteren Hoffnung geben. Ich habe bei jungen Mädchen übrigens immer ein ganz bestimmtes Vorgefühl, was für alte Damen sie einmal geben werden. So ist mir bei Mutter schon lange, längst vor ihrer Katastrophe, klar gewesen, dass sie keine "feine alte Frau" werden würde. Es ist übrigens etwas Generationssache; aus der jüngeren Generation - ich meine schon unsre - wird eine ganze Menge kommen. Es ist eine sonderbare Sache ums Altwerden. Vorläufig wollen wir sein wie wir sind und jeden Tag nur um einen Tag älter. - Mir ist so schwätzig, als ob wir nah beieinander sässen. Leb wohl, Liebste, bis morgen nachmittag.

                                10.II.[19]

Liebes Gritli, der Montag ist ein guter Tag, mit zwei Briefen, aber es war auch gut, dass nachmittags noch der zweite kam. Der erste, des Morgens, hatte mich so irrsinnig sehnsüchtig gemacht, dass ich kaum schreiben konnte, ich rannte immerfort nur im Zimmer herum, wodurch aber die Entfernung nach Leipzig nicht geringer wurde. Ist es mir denn nur so, als ob noch nie das Fernsein so unerträglich, so vom ersten Augenblick an unerträglich gewesen wäre. Wenn ich dich jetzt herbeschwören könnte - o Gritli, es ist gut dass ich es nicht kann. Bis in drei Wochen müssen wir uns sehen, ich werde einfach schon über Leipzig hinreisen, sonst ist es ja wieder eine Woche länger.

            Ich habe keine Lust mehr, dir zu schreiben - warum bist du nicht da, warum kann ich nicht sprechen. Ich war bei Loofsens gestern; es sind zwei reizende Töchterchen da, von 2 1/2 und 3/4 Jahren. Die Frau ist wirklich etwas Besonderes. Sie war in der Mission in Egypten. Ich habe die Vorstellung, als ob sie dann an Stelle der Ägypter sich ihren Mann zum Missionsobjekt genommen hätte und als ob noch immer ein grosses ihr noch unereichtes Gelände in ihm wäre; und sie trüge das mit einer himmlischen Geduld und Hoffnung. Vielleicht ist das etwas Phantasie, aber es schien mir so durchzuschimmern. Es war überhaupt ein recht hübscher Abend; er ist sicher etwas geworden, ohne dass ich ihm schon wirklich nah stehen könnte, ihr eher.

   Jetzt gleich gehe ich wieder zu Ditha. Es ist eine schlechte "Vorbereitung", dass ich heut morgen grad die Beschimpfung des Judentums geschrieben habe. Bei unsrer langen Briefentfernung ist es ja beinahe wie in Mazedonien und man muss die gleichzeitig geschriebenen Briefe für Antworten aufeinander nehmen. So deiner vom Donnerstag und meiner. Dithas Idee mit dem Landerziehungsheim ist wirklich eine; hat Eugen vielleicht irgend einen Bekannten, der darin steht? Dass er in dem "besinnungslosen Tanz" um das, noch nicht mal goldne, Kalb der Wissenschaft je eine annehmbare Figur abgeben könnte, glaube ich auch weniger und weniger. Und dann schreibst du grade vom Münster und mir und dir, die immer nur - ich und du sein können, und keine wir. Liebes Gritli, ist es nicht besser? ich will dir gestehn, es war mir manchmal ein guter und stillender Gedanke, dass uns dies immer getrennt hätte, jenseits aller Zufälligkeiten des sich Begegnens. Ich war ordentlich dankbar dafür. Ich kann nicht mehr darüber schreiben.

            Und für den Brief neulich würde ich keinen geheimsten Grund suchen, der offene reicht aus. Sieh, dass wir nicht "wir" sein dürfen, das ist keine Geheimnis, es ist so offenbar, dass es jeder sehen könnte; aber dass wir Ich und Du, Du und Ich sind, dass wir es werden konnten, werden durften und - o du Geliebte - bleiben werden, Du mir Du und Ich dir Ich - das ist ein Geheimnis, an dem ich raten würde, solange ich lebe, wenn ich nicht lieber das Raten aufgäbe und das Geheimnis nähme als das was es ist: als ein Wunder für das ich nur danken kann.

                                    Dein Dein - geliebte Seele -

                                11.II.[19]

Liebes, ein kurzes Wort doch noch; es ist spät geworden und gleich kommt Beckerath. Bei Ditha heut und gestern, jedesmal nur kurz, - es ist schwer für sie und für mich; aber morgen, wo es doch vielleicht das letzte Mal ist, werde ich mir einen Ruck geben und ihr einfach ein bischen vordozieren, gestern und heute das war blosse Zustandsanalyse: so geht es mir, so ist es mir gegangen und so. Sie hat starke und eigentümliche Widerstände gegen Eugen, die es mir grade schwer mit ihr machen; denn ich könnte leichter mit ihr sprechen, wenn ich Eugen bei ihr so voraussetzen könnte wie bei mir. Gegen das Katholische sträubt sie sich überhaupt. Wir waren eben bei Krebs im Kolleg, persönlich fein (etwas mehr "fein" als ich erwartet hatte, und insofern unter meiner Erwartung), als Kolleg sehr gut, aber ganz ausgesprochenermassen nur sehr gut, nicht mehr. Genau wie der Philalethes[?])sche Kommentar.

    Ich schreibe jetzt die Schlusspartien von III 3. Heut habe ich dem Judentum wieder Eiei gemacht, das war sehr schön. Ich habe dir ja heut das "Ding" geschickt. Es ist grade das was ich vorgestern oder vorvorgestern geschrieben habe. Ich habe es einmal ausprobiert. Es geht von mir zu dir - und so habe ich heut keine Sehnsucht, es ist als ob wirklich etwas von mir zu dir käme ud du nimmst es in die Hand und es ist -

            Dein

                                12.II.[19]

Liebes Gritli, ich bin greulich verschnupft (heute vor einem Jahr war mein Urlaub ja eigentlich zu Ende!), also ich bin so verschnupft, dass ich wahrscheinlich gar nicht in Säckingen anfrage, ob ich kommen darf; es ist ja auch schon etwas spät geworden; erst morgen früh werde ich wohl mit III 3 fertig, es wird so lang fast wie III 2 . Vom * ist doch darin die Rede aber in kurioser Weise, so dass der Leser nie recht weiss: ists bloss Gleichnis oder die wirkliche Figur. So dass ganz ausdrücklich von der Figur doch erst in "Tor" gehandelt wird. Morgen muss ich dann III 3 auch noch ganz durchlesen, um es Mündel zum Lesen zu geben, falls ich doch Freitag noch auf zwei Tage nach S. fahre. Es wäre ja schade, wenn nicht. Aber wenn ich noch nicht mal vorlesen könnte - so wäre ich doch zu wenig existenzberechtigt. Es war mir ganz recht, dass mir Ditha für heute absagte, so habe ich viel schreiben können und bin nun schon an dem kurzen naturphilosophischen Schluss. Das Buch ist doch das tiefsinnigste des Ganzen geworden, so tiefsinnig dass ich es selber nicht recht verstehe oder genauer: dass ich nachher wieder genau so schwummerig dazu stehe wie vor dem Schreiben. Es handelt ja von dem, was dir Rudi damals schrieb: vom Geborensein, vom Sichvorfinden als der Höhe der Tatsächlichkeit. (Auch die Wiedergeburt ist etwas Vorgefundenes; grade heut schreibst du selbst etwas in diesem Sinn und exemplifizierst auf Schweitzers Kongoentschluss). Dabei wird nun alles Vorhergegegangene rekapituliert, vor allem Gott Welt Mensch. So ist es ein richtiges Schlussbuch geworden. Wie ich Mittags grad daran schreibe, kommt "eine Dame" herauf und will in mein Zimmer; es war aber noch unaufgeräumt, so brachte ich sie wieder herunter und setzte mich mit ihr in den grossen Raum. Es war nämlich "Tante Paula". Sie wollte, ich sollte abends mit ihr in einen Vortrag über die Offenbarung Joh. gehen; mit Ditha gehen habe keinen Zweck, die verstehe nichts davon, so könne sie mit ihr nicht darüber sprechen. Ich konnte ja aber glücklicherweise nicht, wegen Mündel. So erzählte sie es mir so. Das war nun doch erschreckend. Der Ton und der Blick - ich hatte es mir doch nicht so vorgestellt. Sie brannte in einer Glut, die ich und wir alle vielleicht nicht das Recht haben krankhaft zu nennen, die aber jeder dritte doch so nennen müsste. Weisst du eigentlich die Rolle, die die Off.J. bei ihr spielt. Das neue Jerusalem, so hoch wie breit und lang also ein "Würfel", aber mit 12 Toren je aus einer Perle, also kein Würfel, sondern eine - Kugel. Und nun Tableau. Sie hat sich das ganze Buch zusammenhängend gedeutet. Hätte sie nicht die naturalistischen Angelesenheiten, so wäre sie einfach jüdisch oder christlich. Es ist etwas Unheimliches um das Blut. Aber sie war überhaupt unheimlich; sie selbst. Man musste sich fragen, ob man genau so ist, mindestens genau so wirkt. Aber dass sie auf mich so wirkt, wo ich doch ihren Gedanken folgen kann, ist das eigentlich Unheimliche. Es fehlt irgendwie der Beisatz von Gewöhlichem, Selbstverständlichem, der jeden extremen Gedankengang erst lebendig macht; dies ist ja alles, als ob sie selber es gar nicht spräche. Vielleicht sollte sie hier doch einfach an der Universität hören, um etwas Entspannung zu haben; so ist sie mit ihrem Dämon so greulich allein. Ich war erschlagen als sie ging. Ich hatte ihr klar zu machen gesucht, dass ihr "heiliges Urganzes" nicht der liebe Gott ist, sondern bloss die Welt. Es gelang mir aber nicht. Abends vor Mündel war ich beim hiesigen Rabbiner, Eva S. hatte nämlich geschrieben, ich möchte ihnen doch schreiben, wie es würde. Der Sitte entspricht es also ganz und gar nicht, dass jemand, der das jüdische Eherecht nicht beherrscht, traut, aber ungültig wird die Trauung nicht dadurch. Es ist also ungefähr, wie ich mir dachte; die Versuchung mich zu drücken trat nochmal sehr stark an mich heran (auch Evas Brief war nicht so dringlich gewesen) aber ich will die Gelegenheit nicht benutzen und wills tun. Aber der Rabbiner! Das wäre allerdings Eugens Mann gewesen! Fürs Katholische muss Muth den Allerausgesuchtesten verschreiben, denn es kommt so unendlich, ja es "kommt alles auf die Menschen an", durch die man eingeführt wird, aber zur Vorbereitung des Fusstritts, mit dem man das Jüdische abstösst, genügt irgend ein "bestellter Vertreter der Synagoge". Nein, da muss die Synagoge doch lieber auf die Ehre dieses Fusstritts verzichten. Mit der blossen Erfüllung der Form ist eine Sache wirklich nicht erledigt. Weisst du, es war kein ganz greulicher, nur eben ein junger, ganz uneindrücklicher, so mittelmässiger. Ich bin gespannt und erwartungsvoll auf morgen mit ihr, - ich weiss nicht warum.

    Auf Wilamowitzens Plato sind wir also fast gleichzeitig gelaufen. Die Frauen haben natürlich recht; er ist ein unausgebrütetes Küken.

    Der Brief ist lang und mir ist als ob ich noch irgend was vergessen hätte. Aber was sollte es sein? An dich denke ich immer, und alles was man vergessen könnte, ist ja nur "etwas", ist nicht - Du.

            Ich bin Dein.

                                13.II.[19]

Liebe, also ich fahre morgen nach Säckingen und Montag Mittag zurück, Dienstag früh dann fort von hier und Mittwoch oder spätestens Donnerstag Abend in Kassel. Sonntag dann der Vortrag, dann wohl Ende Februar - über Leipzig oder dicht an Leipzig vorbei - nach Berlin. Weiter brauche ich nun nicht zu denken; schon die beiden letzten Worte waren zu viel. Ich bin mit III 3 heut früh fertig geworden, war zufrieden; dann beim Wiederlesen des Ganzen ganz unzufrieden; die zweite Hälfte steht mir noch heut Abend bevor, und ich habe nun Angst. Bei Ditha war ich eben, erst schien es grade nicht so zu werden wie ich mir gedacht hatte; dann fragte sie aber direkt und holte mich aus, sodass es nun genau so wurde wie ich gedacht hatte; sie hatte also das selbe Bedürfnis für heute gahabt wie ich. Ich habe ihr gesagt, sie soll hebräisch lernen; das ist ja das Einzige, was man in ihrer Lage mit Bewusstsein tun kann.

Ein zweischneidiges Schwert überdies, wenn sie es alleine macht; aber auf jeden Fall ein soliderer "Schritt" als der "Besuch beim bestellten Synagogendiener". Ich muss morgen doch nochmal zu Trömer, da will ich sehen, ob er noch die kleine Stracksche[?] Grammatik hat und sie ihr zur Revanche für die vielen Thees, Brötchen und Gebäcks hinterlassen. - Abends kam Thea und übernachtet bei ihr. - Du hast nie über Eugens Kolleg geschrieben, ich meine, ob er gut zu lesen glaubt oder was er etwa darüber gehört hat. - Ich schicke den Brief Eil, damit du ihn Sonntag kriegst, es ist ja nichts drin, aber es ist doch das Papier, das braune, und schliesslich sind ja alle Briefe nicht mehr als Papier und nur ein einziger Ersatz für das einzige

                         "Dein" - nein kein Ersatz, aber eine Hülle.

Hüll dich hinein.

                                14.II.[19]

Liebe Seele, ich bin in Säckingen, aber ich bin getrennter von dir als in Freiburg, wenigstens ich fühle es stärker; du müsstest ja hier sein und bist nicht da. Marthi trug heute die Haare hoch, da musste ich sie immer ansehen, weil sie dir manchmal auf Augenblicke (dir auf Augenblicke) glich. Aber ich wusste immer nur wieder: du warst es nicht. Es mag auch daran liegen, dass ich wieder in Marlieses Zimmer wohne und oben war dein Schreibtisch zu, als ich einmal heraufwischte; ich fasste mir aber ein Herz und fragte deine Mutter nach dem Schlüssel und da sah ich, dass sie doch erwartet hatte, ich würde hinaufgehn, denn sie sagte, sie hätte oben auch heizen lassen. Ich hätte auch hier unten glaube ich "Tor" nicht schreiben mögen, wenn oben der Schreibtisch gestanden hätte und wäre mir zu gewesen. Das kleine Verzichten ist ja soviel schwerer als das grosse. Hast du das nicht auch schon gemerkt? aber was frage ich --   

            Dabei fuhr mit demselben Zug wie ich dein Brief hierher an deine Eltern, auf den sie schon gewartet hatten und über deren Verzögerung deine Mutter auf dem Weg von der Bahn her mir klagte. Und so warst du ja doch da, aber doch so für alle, ich hätte gern mit dir allein beiseite gehn mögen, in irgend einen Winkel. Warum muss ich dich so lieben - .

    Die Zwillinge sangen zu verstimmten Lauten, es war aber doch sehr schön, dann zum Klavier der Mutter. Deinem Vater gehts doch wieder recht gut. Ich las den I.Akt der Meistersinger. Nun will ich noch am Rest von III 3 korrigieren, ich wurde nicht mehr ganz fertig damit. Und vielleicht kommst du dann, wenn ich zu Bett bin, noch einmal rein zu mir und sagst mir gute Nacht.

            Liebes liebes -----

                                15.II.[19]

Liebes Gritli guten Morgen! Nun sitze ich doch an deinem Schreibtisch; ich hatte ja ganz vergessen, dass du selber mir gezeigt hattest, wo du den Schlüssel hinlegtest. Aber die Bücher hier! Ob ich zum Schreiben komme? Heut früh habe ich erst die Lutherpostille entdeckt, 1581 gedruckt, 1740 - 1780 Familienchronik, dann durch Einheften zweier klassizistischer Stücke reinsten Heidentums auf die Höhe der Zeit von 1800 gebracht, und endlich beginnt mit "Weimar 9.Juli 1917" der Rückweg. Wirklich der Rückweg? - Aber ich will nun anfangen mit Schreiben.

Es ist ja noch ein kleiner goldener Siegellackklex auf dem grünen Wachstuch! guten Tag Gritli!

                                15.II.[19]

Geliebtes, es ist wieder Abend, ich habe die Meistersinger heut zu Ende vorgelesen; ich habe viel am Tor geschrieben, 8 Spalten, und bin herzlich unzufrieden damit, wie auch mit III 3 jetzt beim Wiederlesen; alle sind reizend zu mir, und du siehst schon an dem blödsinnigen Wort, das mir da eben aus der Feder kam, dass es mir gar nicht "reizend" zumute ist. Ich hätte nicht hierher gehn sollen. Ende November war es etwas andres, da war es Ouvertüre und dann fuhr ich zu dir, gleich darauf. Diesmal müsstest du überall sein und bist nicht da. Aber es sind doch wohl höchstens noch 14 Tage. Und morgen früh, morgen früh kommt nachgesandte Post aus Freiburg und du du - du. Komm - ich bin unfähig dir noch zu schreiben. Ich studiere immer in Marthis Gesicht herum und wenn ich gefunden habe was ich suche bin ich erst recht unzufrieden. Sieh, ich liebe ja dein Gesicht gar nicht, ich liebe dich, dich, Dich. Was hilfts mir, wenn ich wirklich nun für Augenblicke in Marthis Gesicht deins entdecke.

            Manchmal meine ich, du könntest mich gar nicht lieben wie ich dich, aber das ist ja Unsinn, du kannst es besser und ich bin noch arm gegen dich. O liebe mich. Ich küsse deine Fingerspitzen.

            Verzeih ich kann dir nicht schreiben heute Abend. Ich bin zu sehr ---

                                    Dein

                                   16.II.19

Liebes Gritli, es ist 12 geworden, ich habe den ganzen Hamlet vorgelesen. Und es kamen zwei Briefe von dir, nach Tisch. Und ich habe Tor fertig. Ich hätte immer gedacht, dies Fertigwerden des * würde mir ein Telegramm an euch wert sein. Aber wie es dann heute kam, war es mir gar nicht zum Telegrafieren. Es gefiel mir nicht genug. Zwar habe ich dann noch allerlei gebessert und morgen vormittag wohl noch allerlei. Aber die richtige erlöste Fertigstimmung ist nicht da. Es kommt aber auch nicht etwa daher, dass ich nun traurig wäre, dass dieser Logierbesuch nun abreist; sondern es war eben wirklich bei diesem ganzen III.Teil schon nicht mehr das Rechte. Beim I. und II.Teil schrieb ich ja im Gefühl, für die Dauer zu schreiben; jetzt habe ich das Gefühl nicht mehr. Vielleicht irre ich mich ja. Aber ich habe z.B. keine Lust dir den Schluss abzuschreiben, obwohl es doch in den April dauern kann, bis ich Mündels Abschrift habe. - Du schreibst, es würde Ditha schwer werden über diesen Schatten zu springen. Sie selbst sagte mir (nach dem ersten Mal), es sei ihr als wäre ihr ein Klotz in den Weg gerückt und sie wüsste noch nicht was daraus werden sollte. Ich sagte ihr, wenn sie ihn umginge, so würde er mit jedem Umgehen etwas kleiner und zuletzt wäre er nicht mehr da; wenn sie aber ihn zu überspringen versuchte, so würde er mit jedem Sprung höher wachsen, obwohl sie immer höher springen würde, bis er zuletzt in den Himmel reichte und nicht mehr zum Überspringen auffordere. (D.h. so ausführlich ists ein Treppenwitz; ihr selbst sagte ich bloss: sie sollte versuchen ihn zu überspringen und ich könnte versichern, er würde dann jedesmal höher wachsen). - Ich habe hier wegen Landschule gefragt, aber deine Eltern haben keine Beziehungen zu einer. Examina? entweder sie werden nicht verlangt, oder sie werden - gemacht; das kostet ihn weniger Mühe als eine Kollegstunde. Aber erst muss ein Direktor da sein, der ihn will. Denn zum selber Gründen und Leiten bist - du nicht tüchtig genug. (Übereinstimmender Befund von "Tante Clara" und mir). - Ich habe unendlich bei dir geschmökert wieder, eigentlich freilich immer nur nach den Inschriften und Jahreszahlen gesucht. - Auf H.E.Meyers Viluspa bin ich geraten, offenbar einen Ragorzykauf, und nehme es mit; ich muss dazu freilich erst mein bischen altnordisch wieder auffrischen, aber das ist bald geschehn und ich komme ja nun wieder zum Lesen. Schon auf der Reise hierher hatte ich mich eigentlich so jenseits des * gefühlt (vielleicht ist dadurch dann Tor misslungen), dass ich mit Sanskrit angefangen habe (ich habe eine Grammatik mit lateinischer Schrift gekauft, darin wird es leicht gehen, du kannst das Beckerath sagen). Die zwei Tage Berlin sind mir noch etwas unwahrscheinlich. Bradt wird mich dort gewaltig beonkeln, wahrscheinlich muss ich sogar bei ihm wohnen. Aber vor allem, ich will nicht mehr so lang warten und entweder fahre ich über Leipzg hin oder wir treffen uns z.B. in Wittenberg, das ist ein merkwürdiger alter Ort und genug für einen Tag. Auch könnte es vor Michels eine Hamsterfahrt sein oder - das gälte auch für Berlin: - ein Rendevous mit Greda. In Wittenberg bin ich mal einen halben Tag gewesen, der Bahnhof liegt weit vor der Stadt und es ist auf der Hauptstrecke, sowohl von Leipzig wie von Kassel aus. Denk, es sind nur noch 14 Tage, etwas weniger oder etwas mehr, wie gleichgültig ist das. Berlin würde dann immer noch gehn. Wie lang mich Bradt da halten will, weiss ich nicht, aber für mich ist der Terminus ad quam durch euren Weggang von Leipzig gegeben. Wieso steht das nun fest? Bloss wegen der Wohnungsnot? oder ist Jacobi (grüss ihn) einverstanden? Hier ist es freilich schöner.

            Ob du dich verändert hast zwischen den beiden Daten die im I. Band deiner Karamasoff stehen? Ich habe doch jetzt gelernt, dass du dich überhaupt nicht verändert hast, und habe dich lieben gelernt mit 3 und 12 und 17 Jahren wie heute. Ich weiss wirklich manchmal nicht an welches Gritli ich denke und welche ich eigentlich in die Arme nehme. Wozu übrigens wenig passt, dass ich deine Kinderlocke, die ich in einem Couvert in der Brieftasche trug, jetzt vor der Abreise aus Kassel beim Entleeren dieser Brieftasche höchst wahrscheinlich mit dem Couvert zusammen, dass ich für leer hielt weggeschmissen habe. Aber es ist doch so. Ich weiss nicht mehr wie alt du bist, kaum wie du aussiehst, aber ich will es auch kaum mehr wissen. Ich will nichts mehr von dir wissen und haben als Dich und mein Deinseindürfen.

            Du ---

                                                            Dein.

                                17.II.[19]

Liebes Gritli,

            es ist ja doch einfach schön, ich habe es eben nochmal durchgelesen. Ich werde es jetzt von Mündel nur lesen lassen und dann mitnehmen und ihm erst schicken, wenn ichs dir vorgelesen habe.

            Ich versäumte nämlich heut Mittag den Zug, sodass ich nun noch bis morgen früh hierbleibe. Es war auch insofern gut als ich deiner Mutter grade den Schlussakt des Faust II angefangen hatte vorzulesen und nicht fertig geworden war. Mit ihr war ich überhaupt gut zusammen. Heut Abend gingen die Zwillinge früh zu Bett; ich versuchte, um die Abwesenheit der "Kinder" auszunutzen, Heine vorzulesen, es ging aber nicht, trotz Beckerath, - es war mir widerwärtig. Ohne dass mir dadurch die Erinnerung an Emils Heinelesen verdorben wäre, aber ich kann es nicht von ihm trennen; ein unmittelbares Verhältnis zu ihm habe ich nicht und kriege es auch nicht. Nun ist es wieder bald Mitternacht. Ich sitze nocheinmal an deinem Schreibtisch, den ich heut vormittag schon zugeschlossen hatte. Jetzt will ich ihn wirklich zumachen, mitsamt dem Goldklexchen. Sag ihm einen Gruss von mir, wenn du den Tisch wieder aufklappst.

            Gute Nacht, Liebes Liebes. Ich habe dich lieb.

                                18.II.[19]

Liebes Gritli, ich hatte mich auf den ersten gesiegelten Brief gefreut und da ist er nun. Bei Ditha war ich also nochmal. Ich weiss nicht - es ist doch sehr hoffnungslos, wo alle Fäden des Bewusstseins so sauber durchschnitten sind. Das Unbewusste allein tuts eben nicht. Weisst du, sie hat nun, merkwürdig stark, das Gefühl, sich darum kümmern zu müssen, aber ebenso stark - nicht die mindeste Lust dazu. Wäre ich in Freiburg, so würde ich ihr die wohl allmählich machen können. Aber so - sie wird schliesslich doch einfach aus Selbsterhaltungstrieb den "Klotz" umgehen.

             Das Unbewusste allein tuts nicht - ich habe es gestern gemerkt, daran wie rasend zuwider mir Heine war. Ich habe die Kühnheit gehabt, die "Disputation" zu lesen (die ich dir zeigte). Leise geht es, aber laut ist es nur gemein. Ich wollte "vorurteilslos" sein, aber man ist nicht dazu da, vorurteilslos zu sein. Ich kam mir noch am Morgen beim Aufwachen beschmutzt vor und hatte das Gefühl mich bei deiner Mutter entschuldigen zu müssen, - was ich auch tat. - Bei dem Hamlet vorgestern hättet ihr dabei sein sollen, das war etwas Besonderes. Eugens Tieckfrage stehe ich übrigens noch genau so dumm gegenüber wie vorher; man braucht sich aber auch gar nicht unbedingt darüber klar zu sein. Die Schlegelsche Übersetzung ist ein rechtes Wunder. Sie ist viel Shakespearescher als Voss homerisch.

            Warum Eugens Schwestern - ich meinte bloss Ditha; da war es wirklich nur das "Katholische", (zu meinem eignen Erstaunen, weil ich mir eingeredet hatte, sie liefe grade darauf; ich hatte es mir ja überhaupt z.T. falsch vorgestellt). Bei Käthe ist es wohl ihre Selbstherrlichkeit, die sie sich gegen ihn zu behaupten trieb. Auch deine Mutter klagte über dies Tyrannische an ihr. Deine Mutter aber überhaupt - aber ich schrieb und sprach dir ja von ihr schon. Es war diesmal noch besser wie im November, weil es mehr beiderseitig war.

            Das Säckinger Zimmer habe ich dir nun doch ein paar Tage ähnlich vollgewohnt, wie du mir mein grünes. Es hatte es freilich zum Unterschied von meinem nicht mehr nötig, es war ja schon gut durchgewohnt, und ich konnte bloss meinen Beitrag Bewohnung dazutun.

            Bei Mündel bin ich nun auch fertig. Diese Fertigs machen mir wider Erwarten alle keinen Eindruck. Dieser ganze Abschluss des * fällt bei mir einfach ins Wasser, während ich den Anfang doch stark empfand. Es kann doch nicht bloss daran liegen, dass der III.Teil abfiele; schlechter als der Ite ist er ja sicher nicht und über den macht mir Hans immer weiter Elogen. Sondern es wird wohl dasselbe sein, weswegen ich ihm auch den - musikalisch zu reden - Halbschluss gegeben habe (wie wenn man auf der Terz über dem Grundton schliesst), dies offne Ende. Dass ich ihn anfing, war als Anfang wichtig; dass ich ihn abschloss, ist als Ende ganz unwichtig, und als Anfang - ists ja nur ein Wort. - Ich habe ihn Mündel wieder weggenommen, so wirst du ihn zu lesen kriegen. Wo? wann? Aber es kann ja nicht mehr lange dauern.

                        Gritli ----- Dein.

                                20.II.[19]

Liebes Gritli, gestern fuhr ich also über Heidelberg; mittags war ich da und ging aufs Häuschen, dann kamen Hans und Else aus dem Kolleg. Ich blieb bis heut früh um 5 da. Hans las mir aus seinen neuen Sachen vor, er hat ja drei gleichzeitig in der Arbeit "Tragödie und Kreuz" (in Vorlesungsform, wird ca 15 Bogen stark), das Ketzerchristentum (ca 4 Bogen), soll beides im März fertig werden. Ausserdem schreibt er an "Grösse und Untergang des idealistischen Systems", das ist auf 3 Jahre veranschlagt und ich kriege es gewidmet. Es ist so schade ums Häuschen, dieser Blick über die Dächer könnte mich sogar mit Elses Anwesenheit versöhnen. Hingegen nicht mit Philipsens. Ich ging abends zu ihm, nachher er mit zu uns, sodass ich von 9-1 mit ihm zusammen war. Du weisst ja, dass ich mir einredete, ich könnte ihn jetzt tragen. Ich hatte ihn wirklich im Ernst jetzt oft in Briefen an Hans grüssen lassen. Aber es ging doch nicht. Es war wieder jene komplette Unverträglichkeit, wo es einem fast noch unangenehmer ist, wenn der andre etwas sagt, was einem gefällt als wenn er auch inhaltlich Zuwideres spricht. Ich glaube ihm einfach kein Wort, und je ernsthafter er spricht, um so weniger. Die 5 1/2 Jahre die wir uns nicht gesehn haben, haben es also nur verschlimmert; und ich war recht enttäuscht, weil ich das Gegenteil so fest erwartet hatte. Monna, jetzt 11 Jahre, ist prachtvoll geblieben, immer noch etwas ganz Besonderes. Auch der Agamemnon soweit ich daraus hörte, scheint gelungen zu sein. Die Chrephoren [?] sind auch fertig. - Hans ist in einem tollen Durcheinander von allerlei Praxis, hält Wahlreden in den Dörfern und in Heidelberg, macht mit in der "Neuen Gemeinschaft", einem undefinierbaren Verein für alle, die z.B. jetzt die Totenfeier für die Gefallenen der Universität weggeschnappt hat, und vor allem in der Volkskirche (was sagt Eugen zu dem kaltschnäuzigen Ton, mit dem Muth Max Fischer abfertigt?). Hans steckt jetzt also schon viel mehr unter Pfarrern als unter Professoren. Neulich in einer Wahlversammlung sprach erst Hans, dann ein etwas übergeschnappter ehemaliger Pfarrer, der begann: "Gelobt sei Jesus Christus! Nach dem israelitischen Professor.."; er hatte nämlich Hans, weil der viel von Gott aber gar nichts von Christus gesagt hatte, für einen frommen Juden gehalten! Heut früh kam ich nach Frankfurt, traf mich in der Universität mit Eva Sommer, nachher auch mit Putzi. Und Eva erklärte mir, sie habe inzwischen umgelernt, sehe jetzt, dass Heiraten keine Privatangelegenheit sei und da ich ihr selbst geschrieben hätte, mein Agieren sei gegen die Sitte, so wollten sie doch lieber den Rabbiner. Womit ich natürlich nur einverstanden sein konnte. Sie setzte mir das alles sogar mit einem gewissen erhitzten Pathos auseinander. Es spielt aber noch irgend was dahinter, was sie mir offenbar nicht gesagt hat. Mir ist ja nun eine Last von der Seele, auf jeden Fall. Sie haben mir auch geschrieben, weil sie ja nicht wusste, dass sie mich noch selber sehen würden. So hat sich diese ganze Sache zwischen ...[Zeichnung Pfeil] Frankfurt und Frankfurt ...[Zeichnung Pfeil] ausgesponnen und weiter auseinandergedreht.

            Ich bin rechtschaffen müde von der durchschwätzten Nacht. Dabei bin ich schon tief im Sanskrit drin. Und heut abend also Kassel und Post von dir; es ist mir aber gar nicht sehr darum zu tun; ich komme gar nicht los von der Vorstellung, ich führe eigentlich gar nicht nach Kassel, sondern zu dir; und Kassel wäre nur eine Zwischenstation. Fast ist es ja auch so.

            Ich will ein bischen schlafen. Einen ganz müden kleinen Kuss von

                                                                                    Deinem Franz.

            Ich bin wieder aufgewacht, hinter Marburg. Das Gespräch mit Hans gestern war wieder das übliche; ich war aber besser gerüstet wie früher, weil ich ja wirklich die Notwendigkeit des "Bleibens in dem was einem gegeben ist" erst jetzt begreife, theoretisch begreife. Eigentlich bloss darum habe ich den * schreiben müssen und der neue Begriff der Wahrheit, in den es zuletzt ausläuft, ist wirklich meiner Weisheit letzter Schluss.

            Hans meint zwar, dass er Philips jetzt wieder näher stünde als im Krieg. Aber in Wirklichkeit ist er ihm auch mit seinem friedlichen "Aktivismus" jetzt so fern.

                                21.II.[19]

Liebes Gritli, ich bin in Kassel, Freitag, es ist wirklich nur auf der Durchreise; ich weiss noch nicht wann, aber ich ertrage es nicht mehr lange, ich muss zu dir. Es waren zwei Briefe von dir da, gestern Abend, heut früh kam auch einer. Ich war mit Mutter und Jonas zusammen, und las die Briefe erst im Bett deswegen. Den mit dem Bild machte ich zuletzt auf, liebes Gritli ich bin schwach jetzt und konnte es nicht ertragen, ich war so müde, nun konnte ich lange nicht einschlafen, dies Bild ist zu viel für mich, ich steckte es gleich wieder ins Couvert, aber es war nun einmal da und guckte mich an, ich wollte es dir eigentlich zurückschicken, es ist soviel Wenn darin, soviel Unerfüllbares, schon viel Vergangenes. Ich meinte doch, deine Siebzehnjährigkeit zu lieben wie deine Fünfund-zwanzigjährigkeit, es ist aber nicht so, ich liebe sie schlechter, hemmungslos und verzweifelt. Kommt mit deiner Gegenwärtigkeit, komm und mach mich stille und lass mich wegsehn von Vergangenem und ganz bei dir sein, bei deiner Gegenwart, die mein ist, mein, und der ich gehöre, ganz ganz - o du unsagbar Geliebte, ich küsse deine Kniee, so nimm meinen Kopf zwischen deine geliebten Hände und zieh mich empor an dein Herz - höher ist nicht nötig, aber so hoch muss es sein, dass ich Ruhe finde von dir bei dir. O komm o nimm mich o liebe mich -

            Warum denn noch Worte: es ist alles so sinnlos, ausser dem einen und das ist kein Wort. Wie sah es eigentlich voriges Jahr in diesen Tagen in uns aus? Aber was frage ich da.

            Ich schicke dir den Brief wieder als Eilbrief. Überhaupt, und dann weil ich etwas hetzen muss: nämlich dass ihr nicht mehr in die Kirche geht, wo es schön war, sondern in die "zuständige". Das ist wieder so ein "bestellter Synagogendiener", diesmal mit der Spitze gegen den Protestantismus. Etwas krampfhaftes. Die Katholiken machen doch ihre Wallfahrten und suchen sich ihre Heiligen aus und folgen ihrem Herzen. Und nun macht man sich im Protestantismus künstlich aus der reinen Verwaltungseinteilung, die doch nur um derentwillen geschaffen ist, die zu gleichgültig oder zu herzensträge sind, zu wählen und auszusuchen, eine Art geistliches Verhängnis. Sowenig man etwa gebunden ist, alles nur im Text des Sonntags, der grade ist, zu suchen, sondern es gehört einem die ganze Schrift und die Perikope des Sonntags kommt zwar zu einem und steht auch bereit, dass man zu ihr kommt, aber es ist einem freigestellt, sich selber überall zu suchen was man braucht. Wie da im Kirchenjahr, so ists auch in der Stadt. Das Gegebene ist natürlich der Sprengel, wird man da aber abgestossen, so ists nicht bloss erlaubt, wo anders hin zu gehen, sondern gradezu ein Unrecht, wenn mans nicht tut und sich die Freiheit und Lebendigkeit, die von der Kirche, der protestantischen, selber geschenkt wird, tötet. Die Freiheit nämlich, selbst an die Schrift heranzugehn; und dies Selbstherangehn kann sich ja beim Kirchgehn nur darin äussern, dass man sich den Wortverwalter auswählt; wie man im Lesen blättern darf und soll, so darf und soll man zum Hören sich seinen Sprecher aussuchen, wenn man kann. Auch der Pfarrer selbst muss das wünschen, dass Leute kommen, die ihr Vertrauen und ihre Erwartung zu ihm geführt hat. Wenn das wirklich die Schwäche der prot. Kirche ist, dass da soviel vom Pfarrer abhängt (immer doch auch nur viel, nicht alles), so ist es eben auch die Stärke; und sich an seinen Sprengel gebunden halten, heisst der Schwäche den Zusammenhang mit ihrer Stärke nehmen und sie absichtlich zur reinen Schwäche machen. Und nur um jener Verteilung mit einer neuen Stärke willen durfte man jene Schwächung des Priesters zum Wortverwalter wagen, die der Protestantismus gewagt hat. Das Wort selber hat er schliesslich ebensowenig in die Gewalt des einzelnen Pfarreres getan, wie der Katholizismus das Sakrament. Nur für jene bunte Mannichfaltigkeit des ganzen um das Sakrament als die Aussenwerke herumliegenden kirchlichen Lebens, wo der katholische Einzelne sehr viel Wahlfreiheit hat, - für jene ganze visibile Lebendigkeit gab Luther seiner Kirche zum Ersatz die invisibile Eigenmenschlichkeit der vielen verschiedenen Wortverwalter.

            Da hab ich euch einmal in die Kur gepfuscht. Aber schliesslich habe ich den berühmten § soundsoviel für mich, der vom Schutz berechtigter Interessen handelt. Und ich bin doch wirklich daran interessiert, dass du einen schönen Sonntag Morgen hast. Du weisst, - das besondere Glöckchen. Bitte bitte.

            Es ist gut, dass das Suchen nach der Wohnung nun ein Ende hat, und - also bleibt ihr denn nun die Ferien da? oder geht nach Säckingen? Ich wüsste es auch wegen Berlin gern. Bei Bradt werde ich wohl nicht wohnen, Mutter meint es auch. Ich habe mir übrigens überlegt, ob Eugen nicht mal diskret mit Hänisch Rücksprache nimmt. Vielleicht doch sogar mit Wyneken selbst auch. Natürlich müsste es diskret sein, damit die Fakultät nicht Anstoss daran nimmt. Und dann bin ich froh, dass du wieder griechisch lesen wirst. Deine Entdeckung des "Schulmanns", die ich als eigene vortrug, unterschrieb übrigens neulich Philips vollkommen. Ich habe ihm seine schon 8 Jahre alte Übersetzung des 1.Gesangs Odysse mitgenommen, die ich ja für einen genialen Wurf halte; ich wollte sie euch mitbringen. Lies drum doch bitte den 1.Gesang ganz. Der Sprung von I 100 zu V 1 ist sowieso eine kleine Schulbarbarei, mag auch die Wüstheit aller Wilamowitze hier die "Telemachie" "eingeschoben" finden. Eigentlich ist überhaupt Homerkritik viel gemeiner als Bibelkritik. Ich weiss nicht, warum es mir so vorkommt.

            Den Vortrag will ich morgen mal Mutter und Onkel Otto halten, die ihn ja beide nicht hören. Ich bedaure, nicht ein etwas weniger wichtiges Thema parat zu haben.

            Jonas hat zwei schöne Bilder hier schon gemalt, wirklich schöne, so ganz ohne "Richtung" und dergl., beide übrigens wirklich zum Hinhängen. - Evas Brief: ".. für deine liebe Auskunft danken. Nein: "gegen jede Sitte" wollen wir bei unsrer Hochzeit nichts tun, dafür ist sie uns als althergebrachte und eingesetzte Institution doch zu heilig. Es war uns zu Anfang ein Gefühl des Vertrauens und der Sympathie, dass Du die Handlung vornehmen möchtest, aber grade solche innerlich persönlichste Augenblicke werden durch die Sitte überpersönlich, das ist mir jetzt ganz klar, und ich sehe selbst, dass man als kleiner Einzelmensch kein Recht hat, die begründete Überlieferung nach eigener Willkür anzutasten. Wir werden also zu dem zuständigen Herrn Dr.Seligmann gehen, und das Beste für uns hoffen! Dir danken wir aber noch einmal herzlich für deine Bereitschaft und ..."

            Ists wirklich das, so bin ich natürlich nur zufrieden. - Putzi war übrigens dumm und ununterrichtet genug, mich in Evas Gegenwart zu fragen: Was sagt denn Rosenstock dazu? Ich habe natürlich geantwortet: "Gar nichts". Ich konnte doch nicht sagen: Er schämt sich -

            Deine Karte aus Basel ist ja angekommen, erst jetzt.

            Vom *, die sonderbare Gefühlslosigkeit schrieb ich dir ja. Ich merke nur, dass ich plötzlich furchtbar viel Zeit habe, und bin offen zum Lesen und zu allem Aufnehmen. Dabei werde ich sicher gar nicht zu soviel kommen. Ich werde an Bradt und an Schocken schreiben und ich glaube Ende nächster Woche fahre ich nach "Berlin". Das liegt dahinter, ganz dahinter und was liegt davor??

                        Du, du, du. ----

            Bald - es ist ja nicht mehr lange.

                                                Ich bin dein.

                                22.II.[19]

Liebe - denk, ich habe plötzlich Lampenfieber gekriegt und werde mir den Vortrag heut Abend vielleicht richtig aufschreiben und ablesen. Mutters Angst vor der Blamage hat mich angesteckt. Und dabei ist heut kein Brief von dir gekommen. Aber morgen doch? Übrigens gestern kam noch von Freiburg einer nachgereist, der vom 15. mit der Ausmietung. Ich kann mir "Frau Schumann" so gut vorstellen; so was giebts auch nur in Leipzig, und vor allem nur in Leipzig heisst sowas noch dazu Schumann und blasphemiert also schon mit dem blossen Namen. - Gestern Abend waren Gronaus da; Jonas rettete die Situation. Es war hässlich. - Ich werde Jonas sitzen, wenn ich dabei genügend zum Lesen und Schreiben komme. Angefangen habe ich nun schon wieder, mit Lesen. Es ist mir ganz komisch dabei zumut, wieder Publikum zu sein und nicht mehr Verfasser. Dabei kurioserweise schon fast unglaubwürdig, dass ich es einmal war, und ist doch noch keine Woche vergangen.

   Heut hatte ich ein paar mehrstündige Geschäftlichkeiten mit Mutter. Sie macht es sich und andern doch sehr schwer mit ihrem ständigen unkontrollierbaren Rekurs auf Vater. Vor lauter Gefühlen erfasst sie den geschäftlichen Kern gar nicht, und kommt dadurch dann zu ganz unbegründeten Aufregungen. Ich werde ihr nun wohl doch diese Sachen allmählich ein bischen abnehmen; mich regen sie ja nicht auf. - Von Hedi hat sie mir einen Brief gezeigt, einen wirklich schönen; es stand ganz Ähnliches drin wie in den mehreren, die ich Mutter über sie selbst schrieb; ich habe aber beim Lesen das Gefühl gehabt, als ob es ihr von Hedi mehr Eindruck machen müsste. Es ist doch wirklich was in Hedi drin, auch Erfahrung und ein Gefühl für andre.

            Ein Buch von Schrempf lese ich; ich werde es euch wohl schicken, es ist leicht zu lesen und wie alles von ihm wirklich gesprochen und nicht wie die Schriftgelehrten; es ist sein erstes Wort nach einem mehrjährigen Schweigen, das durch eine persönliche Krise, wie mir scheint in seiner Ehe, veranlasst gewesen sein muss. Der Gegenstand ist die Theodizee, es heisst "Menschenlos" und handelt in 3 Kapiteln von Hiob, Ödipus, Jesus, davor und danach ein kleiner Dialog zwischen dem Verfasser und der andern Seele in seiner Brust.

            Ich sehe mir immer Wittenberg auf der Eisenbahnkarte an. Der Zug nach Berlin hat ja ganz sicher einen Zubringerzug von Leipzig nach Bitterfeld oder Halle; da träfen wir uns dann schon. Wie ists in Leipzig mit der Reiseerlaubnis? Wird ein Telegramm worin ich dir den Tod von Fridolin und seine übermorgen statthabende Beisetzung mitteile, ausreichen?

            Aber nun will ich wirklich an den Vortrag gehn. Aber morgen früh muss ein Brief von dir da sein. Sonst halt ich ihn keinesfalls.

            Also!

                        Dein Franz.

                                  23.II.[19]

Liebes Gritli, ein Wort nur, ich bin sehr müde, durch den Vortrag. Mein Manuskript war sehr unleserlich geworden durch die Eile, so habe ich es erst direkt lesen geübt, und so ging die Zeit hin. Nachher war es ein grosser Erfolg trotz des Ablesens, weil ich sehr auf interessant las und weil es inhaltlich gut und für das Publikum wenn nicht verständlich so doch packend war. Für euch war es kaum Neues.

            Aber am Morgen kamen zwei Briefe von dir und eine ganz löschpapierene Karte von Beckerath, die ich noch nicht vollständig entziffert habe. Vorweg: Merseburg leuchtet mir sehr ein, besonders durch die Elektrische von Halle. Als Hotel kommt wohl die Goldene Sonne in Frage, sie steht am Markt; zu dem am Bahnhof hätte ich gar keine Lust. Und "I.Ranges" "Zentralheizung" "Telefon 339" - was willst du mehr. Meine Weisheit kommt aus dem Automobilisierten Handbuch. Ich glaube, Merseburg ist die von den thüringischen Städten, die ich noch nicht kenne; wenigstens weckt die Beschreibung des Doms im Konversationslexikon keine Erinnerungen bei mir; Dehio hab ich noch nicht nachgesehn. Es ist mir jetzt nach Eugens Brief beinahe leid, dass ich nicht auch III 3 noch von Freiburg wieder mitgenommen habe. Irgendwie haben wir uns da wieder Parallele geschrieben. Oder ist es doch kein Zufall, dass der Brief vom gleichen Tag ist, wo der * fertig wurde? Kommt das wirklich nachher? Ich glaube es doch nicht recht. Aber ich will morgen davon schreiben, heut komme ich sonst nicht mehr zu Bett.

    Von Bruckner hatte ich zum ersten Mal einen wirklichen grossen Eindruck auf einem Musikfest Ostern 12 in Meiningen unter Reger. Vorher hatte ich für diese Aufgelöstheit und dieses Sichverströmen keinen Sinn. Danach riss es wieder ab, einfach weil ich nie wieder etwas gehört habe; aber ich wäre nun immer ganz bereit dazu.

    Zum vollkommenen Siegeln fehlt dir noch eins: dass du grade siegelst. Es geht ganz leicht weil ja die Griff nicht rund ist sondern flach ...[Zeichnung flacher Kreis]. Du kennst "Schwelle" und "Tor" nicht, sonst würdest du wissen, dass der ...[Zeichnung Stern *] so: ...[Zeichnung Stern als Stern in der Mitte runder Kreis] eine kleine Blasphemie ist.

    Und nach dem Vortrag liess ich dann eben noch das Mignon spielen - muss ich dir sagen, was? Es war freilich arg verstimmt, aber doch schön. Liebste  du freust dich schon, dass du bist - und ich, was soll ich denn erst tun? Freuen ist manchmal wirklich kein Wort. Vielleicht ist das einzig Unverbrauchte und Unverbrauchbare das Danken.

                        Dein.

                                [24.II.19]

Liebes Gritli, der 24. ist heut und dein Brief ist da wegen Berlin. Aber das geht nicht, glaube ich. Schon Mittwoch zu fahren, würde ich Mutter nicht begreiflich machen können, kriegte auch nur noch knapp das nötige Telegramm von Berlin. Ich muss warten, bis ich von Bradt Antwort habe. Dann wird es vielleicht gehn, dass ich

etwas früher nach Berlin fahre, aber du unterschätzest Bradts Feuereifer; bin ich einmal da, so beschlagnahmt er mich doch; schon weil er mich ja nebenher auch noch verheiraten will, (mit Fräulein Landau). Da hätten wir wenig ruhige Zeit, vor allem keine Abende. Nein, wir wollen ruhig bei Merseburg bleiben; ob ein Tag oder vier - ein paar Stunden glaube ich, ein Augenblick fast wäre mir auch genug. Und in Merseburg ist kein Bradt und nichts. Berlin? ich denke mir viel eher, du fährst mit Eugen hin, wenn er dort aufs Ministerium geht, um den Boden der Schulreform abzutasten. Da würden wir uns zu dreien treffen; und ich kann viel eher mich nachher von Bradt zu Hegelzwecken verabsentieren als vorher. Und geht das nicht, so komme ich nachher nach Leipzig. Vor dem 15ten will ich gar nicht wieder in Kassel sein. Über unserem Berlin steht ein Un*. Lass es bei der Merseburger Goldnen ..[Zeichnung Sonne]. Da "sehe" ich uns, in Berlin nicht.

    Ich telegrafiere dir auch, weil der Brief vielleicht doch erst Mittwoch ankommt. Ob ich nachher zum Schreiben komme? heut Morgen wieder ein langer Geschäftsgang mit Mutter. Verschaff dir nur die Reiseerlaubnis nach Halle; denn wenn Bradt mich bestellt, fahre ich gleich los. Es kann nicht mehr lange dauern. Auf die Tage bis dahin --- ist es denn nicht ganz gleich, wieviel Stunden nachher, es ist ja nicht "1 Tag", den wir zusammen sein werden, sondern - ein Tag.

                                    Dein

                                24.II.[19]

Lieber Eugen, fast hätte ich mit Kähler sagen müssen: "wenn die Christen anfangen sich zu judaisieren, dann sind wir verloren." Aber das wäre natürlich unrecht. Es ist aber etwas daran. Ungefähr so sagte ja der Ketzerchrist in Heidelberg auch, nur mit ein bischen andern Worten. Ich schrieb Gritli schon, dass wir uns wieder Parallele geschrieben haben, indem ja auch ich die Wahrheit entdeckte, und genau wie du in ihrem Endesein den Anfang, den Schöpfer gerochen habe. Aber, aber, hier kommt der Unterschied. Die Wahrheit ist nicht der Schöpfer, die Wahrheit ist geschaffen, meinethalben als Erstling aller Kreatur, aber geschaffen. Gott ist die Wahrheit, heisst nicht: die Wahrheit ist Gott, - so formulier ichs. Und deshalb hat auch der Kuss, mit dem auch ich - vielleicht zur gleichen Stunde als du deinen Brief [gestr. Schlossest] schriebst - den * schloss, der tötende Kuss der göttlichen Wahrheit, bei mir eine andre Bedeutung. Wie ich ihn ja auch aus einer andern Geschichte nahm, aus der Sage vom Tod Moses, dem Gott das Leben in einem Kuss von den Lippen nahm. Dieser Kuss der Wahrheit ist immer noch ein Kuss der göttlichen Liebe, auch er noch. Der letzte, endende, aber als endender zugleich voll = endender, erfüllender. Das Ende scheint vom Anfang weit getrennt. Aber im Begriff der Erneuerung finden sich Anfang, Mitt' und Ende zusammen. Und die Erneuerung ist der Begriff der Mitte (euer "Es ist alles neu geworden", oder das "neue, fleischerne Herz" Hesekiels). Wir nennen die Schöpfung gradezu "Er = neuung der Welt" ("neu" also wie in Neu = igkeit, novum et inauditum) und die Erlösung auch ("neu" da im Sinn von Renovatio). Die Wahrheit ist sowohl als der Weisheit letzter Schluss wie als Erstling der Schöpfung nur - offenbarte Wahrheit. Der Mensch wird von Gottes Finger gebildet, von Gottes Wort erweckt, von Gottes Kuss vollendet. Keins dieser dreie straft das andre Lügen. Der Tod nicht die Liebe, und die Liebe nicht das Leben. Sondern - Gott ist die Wahrheit, in allen dreien. Im Schauen der Wahrheit stirbt der Mensch, aber aus der Kraft der Wahrheit wird er geboren, und im Vernehmen der Wahrheit lebt er. Nicht die Wahrheit ist tödlich, sondern der Kuss der Wahrheit, das Schauen der Wahrheit. Die Wahrheit ist ebensosehr gebärend und ernährend, wie verzehrend. Gott ist immer die Wahrheit. Es ist das einzige, was man per "ist" von ihm aussagen kann. Dass er die Liebe "ist" kann man eigentlich nicht sagen, man müsste sagen: er liebt - immer und immmer wieder; dass er die Liebe "ist", lässt sein Lieben zu einem Sein erstarren. Also Gott ist immer nur die Wahrheit.

   Und wir: "was sollen wir nun dann tun?" Wir, die wir nicht wie Gott immer sind, sondern wurden, sind und gewesen sein werden. Das Wahrlich, mit dem wir zu der göttlichen Wahrheit Amen, Ja und Amen sagen, wird sehr [gestr. verschieden] anders klingen, wenn wir geworden sein werden, als solange wir sind und wieder anders damals als wir wurden. Als wir wurden, war es stumm, stumm wie das Schreien des Neugeborenen, das noch kein Schreien ist, kein Schreien das hinausschreit über es selbst, sondern das in den Wänden des Menschen verhallt; das ist der Egoismus der Kinder und der Tiere (solange sie stumm sind, also vor der Brunst und in den Zwischenzeiten) und der Steine. Solange wir sind, ist jenes Ja und Amen das Wort der Liebe. Aber wenn es mit uns zu Ende geht, dann freilich hört die Liebe auf, soll sie aufhören; das ist die grosse Entdeckung die du jetzt gemacht hast, eine unchristliche Entdeckung, etwas was der Christ eigentlich nicht entdecken darf und was ihm deshalb in dem Wort, dass die Liebe nimmer aufhört, verschleiert wird; etwas wogegen du selbst dich vielleicht noch vor kurzem gesträubt hättest; ich weiss wie sehr sich Gritli dagegen sträubte, als ich es ihr vor einem Jahr, als ich von Berlin zurückkam, sagte und ihr die Geschichte erzählte, mit der Cohen mir auf die Frage von Frau Wellhausen, ob es ein Wiedersehen gebe, antwortete, die Geschichte wie sein Vater starb und er, der Vater, ihn noch einmal gross und lang ansah, und der Sohn es in diesem Blick spürte: nun sehen wir uns nie wieder. Der Tod, und erst der Tod zerreisst das Und zwischen Gottes = und Nächstenliebe. Er prüft den Menschen, ob in seiner Nächstenliebe Gottesliebe war. Er macht den Menschen einsam. So erzählt auch Beckerath das letzte Zusammensein mit seinem Vater. Und so gehen auch die Tiere, um zu sterben, in die Einsamkeit und verkriechen sich. Diese Einsamkeit ist die Einsamkeit mit Gott. Und es kann sein, dass die Abstumpfung der Liebe in der Welt das Zeichen ist, dass die Welt alt geworden ist, diese europäische Welt, und auf dem Sterbebett liegt. Obwohl, obwohl: wir wissen es nicht! Wir Einzelnen liegen deswegen noch nicht auf dem Sterbebett. Wenn wir zur Zeit, zu Europa, sprechen, mögen und dürfen wir ihr die Sterbegebete vorsprechen und ihr das Wollen und die Tat verwehren und sie zu lehren versuchen (zu lehren! "Schweigeersatz"!) das Warten auf die letzte tödliche Schau. Aber zum Einzelnen, zum 20jährigen, dürfen wir nicht so sprechen, so wenig wie zu uns selbst. Wir leben noch. Wir müssen aus der Schau immer wieder zurückfinden ins Leben. Uns gilt noch das Ja und Amen der Lebendigen, die Liebe. An uns als Einzelne ist die letzte Prüfung noch nicht herangetreten, und wir haben nicht das Recht, sie uns selbst aufzuerlegen; wir dürfen nicht mit dem Sterben der Zeit durch einen Selbstmord unsrerseits Schritt zu halten suchen. Der Selbstmord, und alles was zum Selbstmord verführt oder verführen könnte, ist noch genau so sündhaft wie stets. Dass du Europa das Sterbegebet vorsagtest, war von dir als Einzelnem selbstverständlich eine Tat der Liebe, denn zwar der Sterbende tritt aus der Liebe heraus, aber der, der zu ihm geht, der Lebende, nicht. [gestr. Aber] Und weil du selbst als Einzelner, solange du lebst, gar

nichts andres tun kannst als Taten der Liebe, so durftest du dem lebenden Einzelnen Weidemann nicht anders kommen oder nein richtiger: du durftest nichts andres von ihm verlangen als das, woraus du selber zu ihm kommst; wie du selber zu ihm kommst aus der Kraft der Liebe, so durftest du auch in ihm nichts erwecken wollen als die gleiche Kraft. Wie für dich die Liebe noch nicht einmal da aufhörte, als du an Europas Sterbebett tratst und sahst wie in seinen Augen die grosse Einsamkeit dunkelte, so darf sie für keinen aufhören, mit dem du Mensch zu Mensch sprichst. Denn du bist Mensch, lebender, nicht schauender. Über die Selbstliebe des Neugeborenen bist du hinaus, seit du das Wort von der Nächstenliebe vernommen hast; aber dies Wort hört dir nimmer auf, bis du wirklich ein Sterbender bist. Gott ist der Herr der Wahrheit. Er teilt sie uns aus, je nachdem wo wir sind, so dass sie stets unsre Wahrheit ist oder besser: so dass wir stets Teil an ihr haben, ein ander Teil als Geborene, ein andres als Lebende, ein andres als Sterbende. So wenig wir in den Mutterleib zurückwollen dürfen, sowenig in den Tod voraus. Denn damit würden wir uns eine Wahrheit nehmen, die noch nicht unser Teil, noch nicht uns zuteil geworden ist, und würden so leben, als ob wir [2 mal unterstr.] die Wahrheit wären und nicht – Gott [2 mal unterstr.]. Gott [3 mal unterstr.] ist die Wahrheit.

    Hoffentlich habe ich nicht zu sehr als Kommentator meines eigenen Buchs geschrieben; zu Anfang war es wohl so, fürchte ich. Deinen Brief schicke ich an Rudi. Da du ihn Beckerath vorgelesen hast, tue ichs gleich, ohne erst deine Erlaubnis abzuwarten. - Morgen ist der 25te. Nach 12 will ich an euch denken. Nur "nach 12"? ---

                                          Dein Franz.

                                [24.II.19]

Liebes Gritli, heut tu ich doch den ganzen Tag nichts als an euch schreiben. Nun bist du wieder dran. Nachmittags habe ich ein paar Stunden gelegen, um ein Kopfweh zu verschlafen. Abends war ich bei Prager, wo wir zu vieren, unter der Leitung seines Galiziers, des Althändlers Stretyner lernen wollen; er ist ein guter östlicher Typus; vorläufig geht es mir noch etwas zu rasch (obwohl wir heut in 5/4 Stunden nur 4 Verse gelesen haben; aber wir lesen mit Kommentaren. Deuteronomium. Du wirst lachen, wenn du die 4 Verse siehst. Aber es kam schon Schönes dabei vor. Z.B.: warum Moses diese grosse Gardinenpredigt erst unmittelbar vor seinem Tode halte? Das solle man immer tun, einmal weil einem sonst der Angeredete durch die Lappen ginge, zweitens weil er sich sonst in Zukunft, wenn er einen wiedersehe, schämen würde - ich weiss nicht mehr, es war noch mehr.

    Des Nachmittags kam der beiliegende Heiratsantrag. Ich habe sogar geantwortet, indem ich ihr für die gute Meinung dankte (sie hatte eine poste restante Adresse beigegeben), ihren Wunsch nicht erfüllen zu können erklärte, weil das was sie suchte, sich nicht so absichtlich finden lasse, sondern nur wenn man es von selber werden lasse, und sie betreffs ihrer Zweifel hinsichtlich der Natur an "unsern vortrefflichen Rabbinatsverweser, Herrn Seminardirigenten Dr. Lazarus", verwies. Ich wollte es nicht  ganz unbeantwortet lassen, für den Fall, dass unter der Dalberei doch ein Körnchen Ernst steckte. Du müsstest Lazarus kennen; es ist ein ältliches Männlein, und durchaus kein Wanderer, der sich zu ihr gesellen könnte. Für den Fall dass es ein Ulk ist, wäre es der nötige cochon et demi. Du siehst, auch ich rekurriere bisweilen auf die bestellten Synagogendiener. Aber was sagt Ihr zu diesem Erfolg des Vortrags.

    Eugens Debakle ist doch sehr bös. Den Professortitel hätte er doch wenigstens aus seinen 7 Privatdozentenjahren, die so fett im Privaten und so mager im Dozenten waren, mitheimbringen müssen. Schade. Aber um so mehr ist es nun nötig, dass er sich unter der Hand umtut. Am besten wirklich, er geht nach Berlin. Kultusministerium, Grabowski - irgendwo und irgendwie wird er etwas finden. Von selber kommt kein Landerziehungsheim zu ihm gelaufen. Wenn die Vorlesungen um den 8. herum zu Ende sind - was meinst du? Wenn morgen keine Antwort von Bradt kommt, so schreibe ich ihm nochmal. Denn schliesslich wird die Zeit immer kürzer. Und - ach das Und ist ja so selbstverständlich. Merseburg Merseburg - vor 3 Tagen war das Wort noch gar nicht da und jetzt geht ein ganzes Orchester drumherum - nur schreiben kann ich es noch nicht, ich muss es nocheinmal versuchen: Merseburg - es war wieder nichts rechtes, vor dem b giebt es immer einen Kuddelmuddel.

    Ich bringe den Brief wohl noch zur Bahn, vielleicht kommt er noch zum 25ten, ich möchte mich zum 25ten unsichtbar, wirklich unsichtbar bei euch in allen Ecken ausstreuen können, nicht in geschlossener Person, sondern verteilt und zerschellt wie Homunkulus zuletzt, bei euch, um euch, mit euch, - und in dir. In dir.

Denn ich bin dein.

                                25.II.[19]

Liebes, du magst nicht mehr schreiben und ich mag nichts andres mehr. Teils ist wohl auch das schöne, neue Papier dran schuld. Ich habe dir heute auch eine Packung davon geschickt. - Ich war zu einer Beerdigung heut vormittag. Hans Hess seine alte, über 80jährige Grossmutter ist gestorben, eine harte und besondere Frau, an der er sehr gehangen hat; ich habe sie nicht gekannt. Der Pfarrer sprach wirklich schön; man bekam ein vollkommenes Bild von der Toten, vielleicht ein bischen retuschiert nach der Frömmigkeitsseite, das weiss ich nicht, vielleicht aber auch nicht. Grade ihre Absonderlichkeit hat er dargestellt. Auch von der Tischgemeinschaft, an der sie gehangen habe, hat er schön gesprochen als dem grossen Symbol der Gemeinschaft überhaupt. Text war Ps 31,6. Übrigens grade eine Stelle, die mir jetzt wichtig gewesen war, denn was Luther übersetzt "du treuer Gott", haben LXX und Vulg oJ deoı thı ajlhdeiaı und Deus veritatis.

    Heut Nachmittag will ich zu Trudchen oder zu Tante Julie, weil ich doch dann wieder auf 14 Tage fort sein werde.

    Mutter habe ich heut Morgen vorbereitet, dass ich in Berlin ausser Bradt noch etwas für mich arbeiten wolle, so 3 Tage würde es mich kosten. Da der Hegel bei ihr nicht zieht, sie hat ihn zu oft schon als blossen Vorwand und Lückenbüsser kennen gelernt, so musste ich auf den * rekurrieren; ich sagte ihr, ich wollte einen Vortrag über seine wirkliche, ich meine seine alte Deutung vorbereiten. Das reizt mich ja wirklich, und sie hat es auch geglaubt. Es ist nämlich viel einfacher, ich bin mit Mutters Wissen und ohne Bradts Wissen in Berlin als umgekehrt. Lädt mich Bradt z.B. erst auf später ein, etwa erst auf den 5ten oder so, dann kann ich leicht vorher nach Berlin fahren und wir können es dann so machen wie dus dir ausgedacht hast. Was ich dir dann zeigen werde, Sanssouci und Tegel und ein bischen in den Museen und in der inneren Stadt, da werden wir ihm kaum begegnen, und wenn - nun dann bin ich eben wegen meiner eigenen Arbeiten ein oder zwei Tage inkognito dagewesen, das nimmt er mir dann schon nicht übel; vor allem haben wir dann aber die Zeit ganz für uns; im andern Fall gäb es ein böses Gehetze zwischen den "ollen Juden" und dem Reginahotel. Wenn Bradt mich aber auf bald bestellt, so dass uns keine Zeit mehr vorher bleibt, dann bleibt es bei Merseburg (ich kanns immer noch nicht schreiben, diesmal gings nach dem b schief) und bei der goldenen Sonne! Liebe goldene -- Mir ist als hielte ich dich schon in den Armen. Und dann käme das lange Zusammensein nachher nach Bradt, in Berlin oder in Leipzig, zu dreien. Lang - drei Tage ist ja schon so lang und ein Tag auch, und ein Augenblick kann lang sein bis zur Unendlichkeit. Ist dies Wort mit dem wir siegeln nicht das kürzeste was es nur geben mag? und ist doch unendlich –

Dein

                                25.II.[19]

Liebes Gritli, als ich abends von Trudchen kam, war dein Brief da. Danach war ich mit Mutter und Jonas in dem 2ten Vortrag des Eschweger Rabbiners, eines jungen süddeutschen Orthodoxen, pathetish, aber im Inhalt sehr gut, über jüdische Philosophen, Gabirol und Juda Halevi; und nun bin ich wieder bei dir. Ich schreibe dir gar nicht bloss pro forma. Es ist bloss, als ob ich dir auf viel grössere Nähe schriebe. So ist es ja auch wirklich. Ein Tag bloss, und das Eilporto - hat es eigentlich Zweck? aber je kürzer die Zeit, um so mehr möchte man sie noch verkürzen. Eben habe ich noch einen Brief nach Leipzig geschrieben, an Cahn, oder wenigstens fertig geschrieben, eine noch von Freiburg liegengebliebene Antwort. Bin ich in Leipzig, so muss ich ihn auch aufsuchen. Es ist wirklich nötig dass wir vorher zusammen sind. An Bradt habe ich eben geschrieben, vielleicht ists aber besser, ich telefoniere morgen mit ihm. Es ist schön, dass es nun auf jeden Fall etwas wird, entweder der eine Merseburger Tag oder die vielen Berliner. Wenn er mich z.B. auf Sonntag bestellt, so würde es wohl noch mit Berlin gehen, aber ich will versuchen, ihn zu etwas später zu veranlassen. Ich telegrafiere dir dann, wann ich nach Berlin fahre, du bestellst dir das Zimmer im Regina möglichst mit Salon.

Falls sich etwas ändert, telegrafierst du mir bahnpostlagernd, da frage ich dann im Lauf des Tages nach oder auch noch ehe ich abfahre. Wegen der Reiseerlaubnis muss man jetzt ja oft zur Bahn. Oder besser nicht bahnpostlagernd, sondern "Rosenzweig ankommend Wartesaal erster Klasse Hauptbahnhof Kassel". Zur Not kannst du auch Rosenzweig ankommend Personenzug Kassel = Berlin nach Halle Bahnhof telegrafieren; ich gucke da auf alle Fälle heraus. Aber wenn es bloss Merseburg (ich kanns immer noch nicht!) ist, wollen wir wirklich auch nicht traurig sein. Im Gegenteil, es ist so viel einfacher, und dann die "goldene Sonne", - du glaubst ja gar nicht wie schön die ist, ich habe eine komplette Vorstellung davon. Oder ist es ein Zeichen, dass ich dies M.......g nicht schreiben kann? sollen wir nach Berlin? Ich habe vorhin sogar Trudchen schon auf Vorrat belogen und ihr mein Vorhaben mit der * = Deutung auf der Berliner Bibliothek erzählt, damit sie gegebenenfalls wenn Mutter doch Lunte röche, harmlos wäre; denn Mutter würde sicher bei Trudchen nachforschen. Weisst du dass wir bei all diesen weisen Überlegungen immer noch sehr leichtsinnig sind; es giebt so viele Menschen in Berln die mich kennen. Aber das wird dann alles schon irgendwie werden und unter Umständen wirst du einfach eine alte studentische Bekanntin sein, und ich werde Mutter ausführlich davon erzählen, wie ich die wiedergetroffen hätte, und wir wären nachher abends im Deutschen Theater oder - aber ich will wirklich gleich einmal nachsehen" vielleicht ist nächstens ein Klinglerquartett - ach Gritli Gritli Gritli ich freue mich zu toll auf dich, komm komm. Es ist ja gar keine Sehnsucht mehr, die Sehnsucht ist ganz aufgezehrt in der Freude, die ganz weiss brennt.

            In den Berliner Zeitungen fand ich nichts. Es ist aber auch nicht nötig.

            Den alten Althaus habe ich mal bei O.Viktor kennen gelernt. Er war auch einer von den vielen Leuten, die nicht begreifen konnten, dass ich nicht Eugen war. Der Pfarrer heut früh, der mir gefiel, muss Stein gewesen sein. Wo ist denn das Haus zu den drei Ringen? das klingt ja wie am Markt?

            Aber wirklich nein ich schreibe dir ja auch nur pro forma. Der Inhalt ist ja nur das eine Wort, das kein Wort ist, das Sumbwlon, das Siegel --- Dein.

Liebe schon bald 7, und es ist gar keine Post heut nachmittag gekommen, auch keine Zeitung. Es scheint also wirklich zu Spartakussen. Da wäre Merseburg freilich unerreichbar. Ich habe ausser dem Eilbrief heut vormittag noch dringend an Bradt telegrafiert: "Soll ich Dienstag auf eine Woche nach Belin kommen" und Mutter erklärt, wie ich mein Inkognito gegen Bradt einrichten würde. Aber ich habe noch keine Antwort von ihm. Vielleicht fahre ich über Göttingen, dorthin könntest du mich dann auch, wenn es nötig wäre, in die "Krone" antelefonieren; da komme ich schon mal allein vorbei und kann nachfragen, wenn ich ja wohl auch bei Rudi wohne.

    So ein Tag verstrich ganz leer; ich habe an Kähler geschrieben, und jetzt gehe ich mit Mutter in den Vortrag von dem Eschweger Rabb., obwohl ich unfähig bin, Kollegs anzuhören. Es ist nichts mehr mit mir. Ich weiss nur noch das eine: wir werden uns sehen. Wir - du - ich - dich. Über die Fürwörter kann ich nicht mehr hinausdenken. Meine --

Dein

Kgl. Sächs. Forschungsinstitut

            für

Rechtsgeschichte

            Leipzig

                                    27.2.19

            Frau Dr. Margrit Rosenstock ist genötigt, sich zur Abfassung einer Abhandlung über byzantinische Urkunden in der Handschriftenabteilung der Berliner Universität zu informieren.

                                    Dr.jur. Erwin Jacobi

                                    a.o. Professor a.d. Univ.

                                           Leizpig.

                                [28.II.19]

Liebes Gritli, du hattest ja sehr recht mit Mittwoch - da wäre es noch gegangen. Obwohl es vielleicht besser ist, du bist in Leipzig  geblieben. Ich werde nun wohl oder übel meinen Vorwand verwirklichen müssen und, wenn es geht,  von Morgen  ab auf der Bibliothek arbeiten. Wenn sich unerwarteterweise die Sache balder beruhigt als es aussieht, so könntest du ja immer noch kommen; Rudi ist sowieso schon instruiert, eventuell an Bradt ein Telegramm loszulassen, ich käme erst Mittwoch. Also selbst Sonntag oder Montag würde es sich noch lohnen. Aber ist es nicht wahr, dass für uns über Berlin ein Un* steht? - Es war nett bei Rudi, Hilda hat mich freilich nicht recht goutiert. Ich habe vier neue Predigten mitgenommen. Die hättest du nun in Berlin lesen sollen. Jetzt bringe ich sie nach Leipzig mit. Denn ich denke, so nach dem 10ten wird man ja wieder fahren könne. Ich komme mir recht wie ein begossener Pudel vor. Als ich gestern abfuhr, wollte ich einfach die Nachrichten nicht glauben, aber jetzt muss ich wohl. Ich bin zur Sicherheit über Hannover gefahren, weil mir Magdeburg zweifelhaft war. Schocken kommt Donnerstag auf eine Woche nach Berlin, so schrieb er wenigstens gestern. Nun ist das ja auch zweifelhaft. Überhaupt glaube ich diesmal nicht so recht an einen Sieg der Regierung. Ich glaube, jetzt kriegen wir den Bolschewismus. Und, vom Persönlichen abgesehn, müsste man es ja wünschen. O weh! vom Persönlichen abgesehn! uns pfuscht er gleich recht kräftig ins Persönliche hinein, wie er nur anfängt. Am liebsten ginge ich gar nicht ins Regina; da werde ich das lange Gesicht gar nicht los werden.

            Zwischenhinein glaube ich noch so ein bischen an ein Wunder. Gestern hättest du ja wohl noch über die Dresdner Strecke gekonnt. Aber das ist ja ganz unmöglich. Eben fällt mir ein, diesen Brief kriegst du ja auch erst wenn wieder Züge gehn! Also viele Tage lang keinen. Aber eines Tages kommt er ja doch . Liebes Gritli, da bin ich also wieder, und wir waren sehr dumm, oder vielmehr: du mit deinem Mittwoch warst gescheit, und dumm war nur

                                                Dein Franz.

Hannover Wartesaal, 28.II. Mittags.

Programm vom Schauspielhaus  Am Gendarmenmarkt

Mittwoch, den 5. März 1919

Die Kreuzelschreiber

auf der Rückseite: handschriftliche  Liste der Schauspieler aus

Nathan der Weise

März 1919

                              [10.III.19.]

Liebes Gritli, es ist schon der 10te, ganz früh, ich komme eben von Bradt. Ich ging also vom Bahnhof gleich zu Frau Cohen; da wurde ein Mozartsches und ein Beeth. Quartett gespielt, dann gab es Tee mit viel Kuchen, ich sass neben dem einen Bratschisten, einem Rabbiner Hochfeld, den ich von vorigem Jahr bei einer Sitzung bei Cohen kennen gelernt hatte. Ich fragte ihn gleich rundheraus, was mit der Allg.Ztg. des Jud. würde. Also: sie habe zuletzt nur 800 Abonnenten gehabt, Mosse (der Berliner Tagbl. = Mosse) habe 20000 M jährlich dabei zugesetzt und wollte sie eingehn lassen; da sei vorgeschlagen, sie in ein Publikationsorgan der grossen Verbände umzuwandeln. Für den redaktionellen Teil wusste er keinen, der es für Geigers Gehalt (5000 M) tun würde. Darauf sagte ich ihm, ich hätte Lust, zunächst zwar wohl noch nicht die Fähigkeit, aber die würde sich schon einstellen. Er war sehr begeistert davon dass ich wollte, Straussens, denen ich dann auch davon erzählte (sie kamen erst nach dem Essen) auch. Nun gehe ich morgen auf Hochfelds Rat zu einem Mann, der bei Mosse etwas gilt, Kirstein, und auf meinen eignen Rat zu Cassierer, dem Philosophen, der ja das Schellingianum gut kennt, und von dem ich mir eine Empfehlung an Mosse bez. meiner  litterarischen und wissenschaftlihen Qualitäten geben lassen will. Wäre jetzt der Hegel nur gedruckt! Das würde mir ein Relief geben. Und dann also zu Mosse, der alt und schwierig sein soll. Aber da ich schliesslich mit der letzthinnigen Wurstigkeit "wenn nicht dies, dann sonst was" an die Sache herantrete, so wird es wohl grade klappen. Die Schockensitzung ist erst Donnerstag. So komme ich wohl erst Freitag nach Leipzig und dann also nur kurz. Aber wenn es mit Berlin klappt, so fahre ich ja Ende März schon wieder hin und hole dann den Tag nach. Ist es nicht lustig, wie rasch die Sache geht? Dann ging ich noch zu Bradt, da war Rosenzweig = Ost, der herrliche Cohengeschichten erzählte, meist aus der letzten Zeit. Es scheinen noch ganz dolle Sachen in dem Buch zu stehn. Und Rosenzweig = Ost und Rosenzweig = West schwärmten gemeinsam. Ost hat einen dicken Schutzwall von Anmerkungen um das Buch herumgeschichtet, Belege, die Cohen z.T. selbst nicht kannte, (z.B. zu Cohens Herleitung des Individuums aus der Sünde, also mit meinen Worten" der Seele aus dem Selbst, der Treue aus dem Trotz) die Talmudstelle: "Wenn unsre Väter nicht gesündigt hätte, wären wir nicht auf der Welt" wozu Raschi erklärt: "sondern wären Engel". Dann hinreissende Geschichten von seiner russischen Reise. Bei der Beerdiung waren fast die Hälfte Russen. Es war noch viel. Schade, dass du nun nicht da bist und ich allmählich auftauen würde und es dir alles erzählen. So ein briefliches Gute Nacht - aber stille, ich darf mich wirklich nicht beklagen. Liebes Gritli, ich danke dir. Ich möchte dir alles Glück, was du mir in diesen "neun Tagen, neun Nächten" geschenkt hast anwünschen - es wäre genug für ein Jahr.

            Und nun also wirklich, gute Nacht.

                               11.III.[19]

Liebes Gritli, gestern habe ich dir über Tag nicht geschrieben und abends war ich zu müde und auch etwas desillusioniert. Denn Kirstein, bei dem ich vormittags war, blies ab. Mosse brauche wenn überhaupt einen dann nur einen Mann von Namen. Nachmittags war ich bei Cassierer, dem Philosophen. Es war ganz nett; so ein bischen wie bei Jonas Cahn, mit dem er befreundet ist. Danach bei Dr.Auerbach, dem Präceptor occidentis, Mutters Bekanntem, der alt geworden ist und mit dem ich ein Gespräch vom Zaum brach, um zu sehen ob er vielleicht für die Akademie auszunutzen sein würde. Er war aber wie Nathan der Weise (nur nicht von Lessing. Es war doch schön?). Dann bei Straussens, die nun reizend wohnen; Budko mit Braut war auch da. Heut vormittag entschloss ich mich, es nicht bei dem ersten Fehlschlag bewenden zu lassen, und ging zu Hochfeld. Der wünscht es immer noch sehr und ich habe ihm nun gesagt, er soll sich dafür bemühen, dass Mosse interessiert wird. Das ist besser als wenn ich selber rumlaufe und mir Empfehlungen zusammenbettele. Ich muss mich etwas als die Kraft aufspielen die man gewinnen muss, nicht als den stellensuchenden Jüngling. Wenn Mosse vorbereitet ist, dann schreibe ich ihm einen ganz knappen kühlen Brief, worin ich mich antrage; den lege ich jetzt schon Hochfeld vor, schicke ihn aber erst von Kassel aus. Ich habe Hochfeld gegenüber ausdrücklich auf discrete Behandlung der Angelegenheit keinen Wert gelegt; es schadet gar nicht, wenn nichts aus der Sache wird, so haben immerhin allerlei Leute gehört, dass ich zu etwas derartigem bereit bin und dann kommt eben etwas andres. Dann ging ich zu Budko; er hat wirklich entzückende Sachen da; er ist ein Meister graphischer Kleinkunst (Vignette, Initiale, Verbindung von Text und Bild). Gelernt hat [er] auf Ciseleur. Also es wird sicher schön werden. Dann zu Mittag zu Straussens. (Gestern Mittag habe ich in der Mittelstandsküche gefeiert. Es war gar nicht schlecht! und sehr reichlich). Bei Straussens war ein ganz weicher und bewegter Breuerscher Orthodoxer aus Frankfurt, ein 25jähriger, der Werfel auswendig konnte (aber nicht wusste, dass er Jude ist). Und nun muss ich herüber zu Bradt. Ich habe wohl allerlei vergessen, aber ich will den Brief doch zumachen. Ich fahre gleich nach der Sitzung am Donnerstag; wenn ein Zug geht, nachts. Frau Strauss fragte vorhin, was denn "das Gritli" mache. Ich war ganz erschrocken, wie da plotzlich dein Name so unerwartet auftauchte.

Bis in ein paar Tagen!

             Dein Franz.

Curtius Griech. Schulgramm. ist nicht was ich dachte.

                               12.III.[19]

Liebes Gritli, eben als ich nachhause kam, lag dein Brief da und endlich auch einer von Mutter, vom 6ten. Mir ist auch nur zum Erzählen. Und dabei habe ich noch nichtmal was zu erzählen. Ich war heut viele Stunden auf der Gemeindebibliothek und habe mich richtig verschmökert. Soviel habe ich übrigens dabei doch festgestellt: ich habe keine Vorgänger im *, - leider. Die Grundbegriffe der Kabbala werden unmittelbar zur Figur eines Menschen zusammengestellt.

Schade. Ich habe gar keinen rechten Respekt mehr nun vor dem was ich gemacht habe, wenn es wirklich bloss von mir ist. Für andres habe ich schöne Bestätigungen gefunden, aber der Kopf schwirrt mir von den paar Stunden; ich muss nun bald wieder mit einem ruhigen und regelmässigen Lesen anfangen. Gestern Abend bei Bradt war Landau. Es wurde wieder an den Statuten gedoktert. Heut Abend kommt Schocken, morgen Mittag esse ich mit ihm im Kaiserhof. Abends Sitzung und leider kann ich dann erst Freitag Mittag in Leipzig sein (2 Uhr soundsoviel, denn Nachts geht kein Zug. Ob es Zweck hat, in Leipzig Meiner zu besuchen? Lassons Gegend ist immer noch abgesperrt. Sonst, wenn Ihr wirklich von Leipzig fortgeht - aber nein, das ist ja Unsinn, also ich komme am Freitag.

   Ich habe heut Vormittag in der Elektrischen, die wieder geht, Abels "Gegensinn der Urworte" gelesen, das lustiggeschriebene Büchelchen, das mir Eugen im Oktober nannte; es ist wirklich die Illustration zu meinen "Urworten".

   Es ist herrliches Frühlingswetter, aber ich habe eine Unruhe, fort von hier zu kommen, wenigstens fort aus dieser geschäftigen Nichtstuerei. Der Morgen auf der Bibliothek hat mir den Rest gegeben. Ausserdem gestern die schreckliche Frau Bradt, mit der ich eine Stunde allein "plaudern" musste. Ein so grässliches kleines Hutzelchen, so "gebildet", so betont "unjüdisch", dabei eine Musterkarte aller "jüdischen" Eigenschaften. Der Mann gefällt mir immer besser.

   Liebes Gritli, dies ist vernünftigerweise der letzte Brief; am Freitag komme ich als mein eigener Eilbote. Bringt doch Frau Schumann vorher um, damit es gemütlicher wird.

   Dass du gleich zu Hauffe gingst! - ich war auch heute wieder in der Mittelstandsküche, vorher allerdings in 3 Konditoreien. Immerhin -

                               17.III.[19]

Liebes, nun sind wir also wirklich auseinander, Berlin am 9ten das war ja kein Abschied. Und nun ist es wieder auf - ich will keine Zeit sagen, es war ja noch stets kürzer, als wir bei der Trennung ausrechnen konnten. Es war gut, dass du an der Bahn noch eingriffest und Eugen zu mir beordertest; so fuhr ich mit einem kompletteren Gefühl fort; ich habe dir gestern recht mit meinem Missmut zugesetzt, verzeih und halte mich in besserem Gedächtnis als ich war.      In Leipzig seid ihr nun eigentlich gar nicht wirklich gewesen. Es lag nicht am Chambre garnie überhaupt, es war dieses Chambre garnie und Leipzig und "Frau Schumann" und ein undefinierbares Gefühl von Provisorischkeit, z.T. auch einfach die wenigen Bücher, was alles nicht das Gefühl einer Wohnung - worin doch "Gewohnheit" steckt - aufkommen liess. Dein Futter ass ich natürlich noch gestern Abend bis Mitternacht auf. Auch den Vortrag las ich gleich. Er ist etwas unausgeglichen grade weil er hier und da den doch immer nur flüchtigen und nicht recht ernsten Versuch macht, zur Schule zu sprechen. Sprachlich ist er besonders gut, gedanklich nicht leicht, weil etwas überlastet. Ich muss ihn nocheinmal lesen. Hätte ich ihn vorher gekannt, so würde ich nicht (wie ich gedacht hatte) ihm abgeredet haben, ihn zu halten. Die Angst vor Geist ist doch etwas wirklich Unermessliches. Ich wünschte nun, er versuchte ihn zum Druck zu bringen (freilich wo? versuchen müsste mans bei Grabowski) und schickte ihn dann an V.Ehrenberg und einige andre; sehen sie ihn so gedruckt vor sich, noch dazu in einer konservativen Zeitschrift, so fassen sie sich doch vielleicht an ihre Fachnasen, und das ist ja an sich und von allem Persönlichen abgesehn ein Ziel aufs Innigste zu wünschen. Überhaupt, wenn er nachher einmal den Staub der Fakultät endgültig von seinen Schuhen geschüttelt hat, dann wird ja seine Einwirkung auf sie erst anfangen und weil sie ihn bei Tag nicht zum Meister hat machen wollen, so wird er ihr nun bei Nacht die Fehler ihrer Ständchen aufmutzen können nach den Regeln wie sie der Schuster kennt dem die Arbeit unter den Händen brennt. Ich glaube wirklich dies Debacle wird Origine für irgend eine chose contemporaine. Noch witziger wäre es, wenn ihm Meinecke (Vigener) den Vortrag für die Hist.Zeitschr. abnäme. So dass der Fakultät ad oculos demonstriert wäre, dass sie wirklich nicht einmal bloss in den chinesischen Mauern der weiland Universität überhaupt sässe, sondern ausserdem noch in ihrem ganz speziellen Fakultätsghetto. Es ist nur unwahrscheinlich, dass die H.Z. den Aufsatz genügend schnell drucken könnte.

             Hier traf ich Mutter furchtbar kaputt. Als aber nachher Besuch kam raffte sie sich wieder zusammen; es war ein Unterschied wie zwischen sterbenskrank und lebendig. Nach Tisch badete und schlief ich, und nun schreibe ich also wieder an dich und es ist der erste einer langen Reihe von Briefen und ich kucke mit Sehnsucht zu dem entfernten Punkt, wo der letzte dieser Reihe liegen muss, der dreissigste oder vierzigste oder - ?

            Eben kommt Mutter aus der Generalversammlung von Frauenbildung = Frauenstudium zurück. Frl.v.Kästner hat in dem Jahresrückblick, nachdem sie Gronauer "für viele wertvolle Vorträge" erwähnt hat, eine wahre Fanfare auf Eugen ausgebracht, auf seine Vorträge die ihr so ganz besonders viel gegeben hätten, und ihr in den seitherigen Wochen immer wieder eine Führung bedeutet hätten! Sie wüsste nicht, ob die andern auch so daran zurückdächten, aber sie könne ihrer nur mit ganz besonders warmem Danke gedenken.  Siehst du? Aber sie verdient doch wirklich ein Exemplar "Chr.und Eur."

            Edith Fromm hat hier verzeifelt angerufen: wer Joh.Müller sei! Ich hatte gedacht, ihr durch "Garmisch" die Sache zu erleichtern. So wusste Mutter also Bescheid, fragte aber nicht weiter. - Das N.D., das ich beilege, habe ich von Putzi, schicke es aber wegen Grabowski und wegen der Predigt über die bisher unentdeckten Verse des 46. Psalms. Es ist dir ja genau so damit gegangen. Ich habe ihn schon in den ersten Kriegstagen oder nein kurz vorher in den Tagen der Spannung auf dies, "der den Kriegen steuert in aller Welt" gelesen. Und bei Delius ist zu lesen, was eigentlich daran sei: virtuosenhaft = leere orientalische Sprüche. So eine Zeitschriftnummer ist ein lustiges Chaos. - Eben nach dem Abendessen fing Mutter wieder von Eugen an, und dabei kam sie auf eine wunderbare Idee: Disputationen! Eugen soll nicht zu Vorträgen mit, sondern zu reinen Disputationen sich engagieren lassen. Er teilt mit der Ankündigung des Themas zugleich seine These mit, und dann lässt er es gehen wies geht. Das wird viel mehr ziehn als die langweilige und ermüdende Form des Vortrags. Den Anfang könnte er etwa jetzt gleich in Heidelberg machen, in Hansens "Gemeinschaft" (das ist nicht die Volkskirche sondern wieder was andres, Universität und Philister gemischt). Thema: Staat und Kirche, oder Deutschland als Staat oder Wilson oder Über Fremdworte oder sonstwas. Er müsste sich natürlich richtig bezahlen lassen wie für einen Votrag. Es würde sicher glänzend werden. Zu verlieren hätte er gar nichts, zu gewinnen alles was er jetzt braucht: nämlich Bekanntheit, ein Publikum das alles von ihm liest, einen Namen auf den hin jede Zeitung ihm seine Aufsätze abnimmt, und endlich irgend was was sich nicht voraussehn lässt.

Es ist ja wirklich seine eigenste Form, das was ihm wirklich kein Mensch nachmachen kann (und auch er selber als Vortragender nicht, er diskutiert eben doch viel überzeugender als er predigt.) Lieber Eugen, wenn du willst, schreib mir (ev. gleich ein oder mehrere Themen dazu), ich werde dann gleich an Hans schreiben, dass er die Sache managt. Was mir so imponiert an dem Gedanken ist dies, dass damit endlich einmal der Anfang gemacht würde mit der "neuen Universität" von der wir sprechen, immer sprechen, ohne zu wissen wie sie kommen soll. Sie muss im Schoss der alten kommen und die alte von innen heraus sprengen. Es muss üblich werden, dass die wissensch. Studentenvereine, vielleicht eines Tages sogar die Seminare bekannte Leute einladen zu mündlicher Aussprache. So allein kann das akademische Eis schmelzen. Fang an! Du bist nicht zum Vergnügen jetzt ein freier Mann geworden. Die Universität konnte dich nicht verdauen und hat dich wieder ausgespien. Jetzt kiekse sie von draussen so, dass sie denkt: hätte ich ihn nur noch sicher in meinem Bauche.

            Liebes Gritli, heut war Frau Koch da, die ihren Mann in Weimar besucht hatte (sie erzählte, die Frauen, auch die mitgebrachten, hätten sich streng innerhalb der Fraktionsgrenzen gehalten!!), sie hatte ihren reizenden kleinen Jungen mit, ein 2 1/2 jähriges. Als sie ging, blieb er einfach sitzen und erwiderte auf alle Aufmahnungen seiner Mutter immer ganz einfach und trocken, beide Worte gleich betonend: "noch nicht". Es geht mir mit unsrer Trennung gestern ganz ähnlich; ich bleibe auch sitzen und spreche: noch nicht.

                                    Dein Franz.

                               18.III.[19]

Liebes Gritli, heut früh kam ein Brief von Hochfeld: Mosse ist schon aufmerksamgemacht, und so habe ich also meinen Brief an ihn geschrieben. Ich habe so eine Ahnung, dass die Sache wird - und ein gelindes Grauen davor. Jede Woche schreiben! und so viel dummes Zeug lesen müssen, und die ganze Politik! Wüsste ich nicht, dass ich den * geschrieben habe und so das Beste was ich geben kann, das was an mir "verloren geht", schon unter Dach gebracht habe, so dass es nicht mehr verloren gehen kann - so würde ich es wohl doch nicht wagen. Aber so fühle ich mich doch frei zum Dienst. Dies Ende der Kriegszeit war für mich doch providentiell - wie wohl eigentlich die ganze Kriegszeit überhaupt. Ich versuchte heut früh, wieder die Logik, die Cohensche, anzufangen, - von vorn weil ich nichts mehr davon wusste, aber ich kam einfach nicht hinein. - Mutters "satanische Schläue" ist natürlich doch auf der Spur! gestern dachte ichs schon ein paar Mal, sie fragte mich so genau, ob denn gar keine Möglichkeit gewesen wäre, aus Leipzig heraus zu kommen. Heut sagte sie mir rund heraus, mit Beziehung auf etwas was ich ihr verheimlichen wollte, sie zweifle ob der Eisenbahn = Streik ganz durchgreifend gewesen wäre. Dass wir uns also treffen wollten, hält sie für ganz sicher, ob überhaupt oder auf Grund eines Nachschlüssels zum Schreibtisch weiss ich nicht. Nur ob wir uns nun trotz Streiks getroffen haben, weiss sie nicht. Ich tat dumm, wurde aber gleich nachher so grünblass, dass sie mich ganz erschrocken fragte, was denn wäre. Da wird sie es also gemerkt haben. Liebes Gritli - das ändert aber gar nichts daran, dass wir zusammen waren - mag sie doch denken was sie will. Nun bist du in München, ich wollte euch gern ein paar Sachen von Hans nachschicken, die eigentlich noch zu dem gehören, was ich euch gestern nach Leipzig schrieb (hoffentlich habt ihr es noch gekriegt), aber Mutter will es erst lesen. Ich wollte der Tag morgen wäre erst herum.

            Vielleicht geht es nun ganz rasch mit Mosse, vielleicht bin ich schon nächste Woche wieder in Berlin. Berlin - Säckingen ist weit, zwei Tage Brief, das ist fast mazedonisch. Und ich werde deine Worte dann doch sehr nötig haben, die Stenotypistin wird sich wundern, - oder soll ich die Korrespondenz durch mein Faktotum Herrn Katz erledigen lassen? Oder am Ende doch selber? Wie du willst.

            Jonas liest Bubers Baalschem, ich las ihm ein paar Originale vor aus einem der Kolportageheftlein, die ich aus Warschau mitgebracht hatte. Es gehört zu allem so viel Zeit, und wenn ich sie nicht finde, so bin ich auch für die Zeitung nichts nütze. Aber ich spreche etwas wie das Lafontainesche Milchmädchen.

            Morgen wird wohl ein Brief von dir kommen. Ich sehne mich doch schon wieder ein bischen nach seinem Eiei. Mach es bald

                                                            Deinem Franz.

                               [19.III.19]

Liebes Gritli, es ist noch gar nichts von dir da. Heut ist der 19te, er geht besser herum als ich dachte; die Äusserlichkeiten der Besuche u.s.w. helfen ihr wieder etwas. Sie hat sogar einen Kranz hinausgebracht; es kam mir doch sehr lächerlich vor, ihn zu tragen; aber ich kann da wohl nicht richtig mitempfinden, mich kühlt so etwas nur ab. Ich bin doch überhaupt sehr kühl dagegen geworden, es liegt nun hinter mir, teils abgetan, teils - und das wohl für immer - unabgetan, aber in beidem hinter mir. Auf dem Weg hin steckte ich den Brief an Mosse in den Kasten; ich rede mir nun einmal ein, es müsste etwas werden, - ohne es sehr zu wünschen; Vielleicht grade deshalb habe ich diese kuriose Gewissheit. - Rudi schrieb einen merkwürdigen Brief von dem was er während der Krankheit Helenens erfahren hat. Er ist wieder 5 Predigten weiter. Ich kriege sie und dann ihr, und dann müsst ihr die 10 nach Leipzig an O.Viktor schicken. - Ich habe nun doch sachte mit der Logik angefangen, ohne mich aber schon recht für "andrer Leute Kinderchen" interessieren zu können. Gestern Abend habe ich mit Jonas eine ganze Menge Baalschemgeschichten aus einem der Warschauer Kolportagehefte gelesen, dabei zwei unmittelbare Vorlagen Bubers (nämlich zu Der Fürst des Feuers und Die Predigt des neuen Jahres); sie werden Buber kaum in viel andrer Form vorgelegen haben; danach ist seine Umarbeitung ganz legitim; er hat den ganzen Inhalt einfach übernommen, hat dann aber die katholische Theorie darüber ausgegossen, die in den Geschichten nicht drinsteht weil sie darin vorausgesetzt wird; der Leser von heut und hier, der diese Lehre nicht kennt, kann die Geschichten nur so richtig verstehen. Buber sagt also nicht zuviel, wenn er seine Stellung bezeichnet als die des nacherzählenden Enkels. Eigentlich sollte ich dir mal eine Geschichte übersetzen, aber es hat ja Zeit bis Säckingen, wo du das Buch von Buber da hast. (Hast du es eigentlich?)

            Heut Abend habe ich (vor Mutter, Jonas, T.Rosette und - Gotthelfts) "Deutschlands Staatseigenschaft" vorgelesen und grosses Wohlgefallen, aber - wie mir schien - kein Nachklingen erweckt. Mir selbst schien es auch bei diesem zweiten Lesen irgendwie unausgeglichen. Mindestens müsste er es für den Druck noch etwas glätten und einige Gelenkstellen deutlicher herauspräparieren; es sind nicht alle Übergänge durchaus überzeugend.

            Hoffentlich bist du noch zu einem Brief an Mutter gekommen. Wie sie nun ist, vermisst sie ihn doch.

            Und ich - ich "vermisse" ihn auch, den täglichen Brief. Kommst du morgen früh?

                                    ?------------ Dein

                               20.III.[19]

Liebes Gritli,

            heut früh kam euer Brief an Mutter und anschliessend daran grosses Herzausschütten. Also, sie hat vom ersten Augenblick an gewusst, du würdest nach Berlin kommen! hat am Tag meiner Abreise einen Brief an uns ins Hotel geschrieben, um uns zu empfangen! den sie dann aber wieder zerrissen hat. Durch den Streik war sie nur wenig irre geworden, weil sie überzeugt war du würdest ein Auto nehmen oder sonst irgenwie herauskommen. Ich war wirklich nahe daran, ihr die Wahrheit zu sagen, weil sie es jetzt wohl ertragen hätte und weil sie es möglicherweise doch einmal erfährt (wissen Ehrenbergs dass du in Berlin warst?); ich liess es aber doch; ich liess sie ausreden, stritt nichts ab, mokierte mich über ihre Kombinationsgabe, und brachte sie dadurch sachte dazu, dass sie nun selber nicht mehr daran glaubt. Aber ein schlechtes Gewissen hatte ich doch. Sie fühlt sich so hintergangen. Dass sie selber mich zu diesem Hintergehen zwingt, ändert ja eigentlich nichts daran. Es war sehr peinlich wie sie zuletzt, nachdem sie anfangs sehr eklich zu mir gewesen war, so eklich dass nur mein böses Gewissen und der Zwang nichts merken zu lassen mich kühl sein liess (kühler als sonst wenn ich mich im Recht weiss), also zuletzt sah sie ein, dass sie mir Unrecht getan hatte in diesem Fall! und revozierte und war wie ein kleines Mädchen, da hätte ich es ihr gern gesagt. Die Mischung ihrer Gefühle gegen dich ist ganz bunt. Die Hauptsache: sie hat sich nun mal wieder für einige Zeit ausgesprochen. Und ich glaube, wir lassen dies "unsern letzten Betrug" sein und versuchen es "das nächste Mal" ihr gegenüber mit Offenheit, ihr Verdacht ist zu wach; sie ist eigentlich, ausser wenn ich mit ihr in einem Zimmer bin, keinen Augenblick sicher, dass ich nicht mit dir zusammen wäre - und eigentlich stimmt das ja auch. Es stimmt sogar wenn ich mit ihr im gleichen Zimmer bin.

            Heut also war ich mit dir an der Cohenschen Logik, auf der Bibliothek und bei Prager.

            Und dazu kam nachmittags dein erster Brief. Du nennst Bassermanns Hamlet christianissimus, ich empfand ihn damals als stark renaissancehaft (in dem Sinn, dass er ihn nicht auf fin du siècle spielte, sondern auf die neueren Jahrhunderte überhaupt).

            Ich adressiere wohl noch eimal nach München. In Säckingen "sehe" ich euch noch nicht auf dauernd. Aber in Leipzig glücklicherweise auch nicht mehr. Und wo nun? ich bin fast ungeduldiger über eure Zukunft als ihr selber wohl. In Säckingen könnte man sich verliegen[?]. Aber ein Hausstand? Heidelberg"??????? Ich weiss nicht wie ich auf Heidelberg komme. Vielleicht entscheidet sich jetzt allerlei bei den beiden Ms, dem katholischen und dem protestantischen.

            Du bist ja selber auch ein M! Leb wohl du liebes M, - du Meine, leb wohl bis auf Morgen und wieder auf Morgen und so fort - was ist das ganze Leben eigentlich weiter als ein solches: auf Morgen.

                                    Alle Morgen

                                                Dein

       21.III.[19]

Liebes Gritli, ich schreibe auf der L.bibl. - ich habe mir mal die Notkerschen Psalmen bestellt, ich war neugierig.

            Heut vor einem Jahr fing Ludendorf seine Offensive an!

    Unsre Beängstigungen über den Redakteur kreuzen sich. Trotzdem - ich durfte es doch nicht lassen. Schliesslich ists ein Versuch. Geht es nicht, so komme ich schon wieder heraus. Das andre aber: zu fürchten, dass es geht - und das fürchtet man ja wenn man mich "zu schade dafür" findet - das will ich grade nicht. Ich nenne übrigens "es geht" nur, wenn es mich nicht ganz beschäftigt. Ich kann ja da nur etwas leisten, wenn ich ausserdem noch zu mir selbst komme. Von Nichts kommt Nichts.

            Mutter hatte heut auch einen Brief von dir. Die Frau Paul Hofmann ist heut eingezogen (unser Hausfüllsel), sie gefällt mir schlecht.

    Weshalb wohl Beckerath alles zunächst kleinmachen muss. Ich gebe ihm einfach nicht das Recht, Hans zu karikieren. Es ist ein Stück Ressentiment bei ihm darin. Er fühlt sich nicht qualitativ, sondern quantitativ angegriffen; er spürt in solchen Fällen im andern nicht das Anders sondern das Mehr als er. Wäre er länger mit Hans zusammen, so würde er sich eines Tages gefangen geben; er hat eben nicht die Vorstellung, dass es seine Aufgabe ist den andern zu entdecken, sondern er wartet bis der andre sich ihm expliziert. So war es jetzt mit Eugen. Mir hat er ihn nicht glauben wollen. Er ist ebensowenig ein Psycholog wie er an Menschen vor dem "Kennenlernen" glauben kann. Und beides, der Unglaube und die Unkenntnis hängen hier irgendwie zusammen.

            Ich wollte dir noch mehr schreiben, ich bin aber ganz müde und abgespannt.

    Der Notker ist nicht leicht zu lesen, weil der Kommentar überall den Text durchwächst, sodass man ihn kaum herauslösen kann. Und auch weil gar keine Erklärungen zu den schwierigen Worten dabei stehen.

    Ich bin jetzt in der Logik wieder durch die Einleitung durch. Ich kann ihn scheints noch weniger lesen als vor dem Stern. Er ist ein arger Idealist.

    Bei Eugens Vortrag haben die Juristen doch vor allem gegen seinen Rechtsbegriff revoltiert, der eben mehr der Rechtsbegriff des Richters als des Anwalts ist. Daher Jacobis Einwand mit dem Herrgott. Für ihn ist die Rechtswissenschaft die Schule der Anwälte.

    Steiner plädiert also für Einbau des Rätesystems in die Verfassung, wenn ich recht verstehe. Das hätten wir doch auch unterschreiben können.

Verzeih mein Durcheinander.

                                    Gute Nacht -- liebes Gritli

                               22.III.[19]

Liebes Gritli, ich vergass, die neuen Predigten ab 41 gehen nicht nach Leipzig weiter, sondern an Hans. Eben habe ich grade wieder eine Folge gekriegt, die schon tief in den August 14 hineinführen. Dieser Brief geht nun schon, wenn nicht etwa heut noch Gegenbefehl kommt, nach Säckingen. Dabei fällt es mir auf die Seele, dass ich noch gar nicht wieder geschrieben habe, seit ich dort war. Vielleicht tue ichs noch. - Bertha Strauss ist hier und kommt heut Nachmittag zu uns. Sie fragte schon am Telefon, ob ich nach Berlin geschrieben hätte; sie waren ja beide sehr weg von dem Gedanken. Sieh: was sollte ich denn tun? du sagst, das Wichtigste ist das Nebenher. Mag sein, aber ich musste und muss mich davon befreien, es nur als Nebenher zu behandeln. Auch "Nebenher" kann (und muss es sogar) bleiben. Aber nur Nebenher - das ging nicht mehr. Es ging nicht mehr, schon seit 5 1/2 Jahren. Und inzwischen sind nun 5 1/2 Jahre verstrichen. Soll ich noch einmal anfannge, den Mund zu spitzen, um dereinst zu pfeifen? Ich muss etwas ergreifen, wo ich sofort mit Pfeifen beginnen kann. Zu allem andern brauchte ich noch Vorbildung, viel Vorbildung. Ich weiss wohl ziemlich viel, aber ich kann noch erschreckend wenig. Wollte ich - um es nur mal zu sagen; geträumt habe ich vor 5 Jahren ja natürlich nur davon - also wollte ich Rabbiner werden, so würde das drei Jahre Studium bedeuten. Und zuletzt - was wäre ich dann? Stünde ich nicht schliesslich in den selben Schwierigkeiten wie als Zeitungsredaktör auch? Eugen sagt, man kann nicht täglich von 8-9 bekennen. Aber grade das muss man, müsste ich jedenfalls und müsste es in jedem derartigen Beruf. Davor allein, vor diesem Wöchentlichen und Zwangsmässigen fürchte ich mich ja auch bei der Zeitungsredaktion. Geht es gar nicht, so brenne ich eben wieder durch. Aber warum soll es eigentlich nicht gehn. Ich werde weder das Goethe = Jahrbuch nebenher zu redigieren haben, noch Vorlesungen an der Universität zu halten. Vorträge, Kurse u.s.w. werde ich mir so einrichten, dass ich sie z.T. nachher in der Zeitung drucken lasse. Denk auch mal, wie viel Rade noch tut ausser die Chr. Welt schreiben.

            Wäre nun der Krieg nicht gekommen, so stünde ich heute ja schon mitten in etwas drin. Ich wollte ja nur den Hegel noch zu Ende schreiben. Den Antibuberaufsatz "Atheistische Theologie" schickte ich damals an das Jahrbuch mit einem Begleitbrief, worin ich schrieb, es wäre mir ganz recht, wenn sie ihn mir refüsierten, denn ich empfände mich auf diesem Gebiet noch nicht als veröffentlichungsreif. Und dennoch war ich bereit, schon anzufangen. Nun kam mir das Gnadengeschenk der Kriegsjahre. Gelernt habe ich wenig in der Zeit, nicht mehr als etwa in 2 Friedensjahren (höchstens), aber Zeit zum Reifen war es voll, dafür waren es wirkliche 4 1/2 Jahre, nicht weniger. Beweis: *. Ich habe ja die Kriegszeit immer so empfunden für mich, als eine Wartezeit, ein Geschenk auf das ich gar nicht gerechnet hatte, ein Nocheinmalatemschöpfen vor der grossen Arbeit. Soll ich nun wo die Arbeit anfängt, nocheinmal "verschnaufen zu müssen behaupten". Ich will den Schluss des * nicht umsonst geschrieben haben.

            Wenn die Antwort aus Berlin negativ ist, oder wenn sich im Laufe der Verhandlung herausstellt, dass ich es nicht annehmen kann (also z.B. wenn M. etwa eine zulange Probezeit verlangt, - bis zu einem halben Jahr würde ich allenfalls gehen) (oder wenn er nicht darauf eingeht das Spaltenhonorar für Mitarbeiter von 2 auf mindestens 8 M zu erhöhen, was freilich pro Jahr fast 5000M Mehrkosten bedeutet), - so greife ich eben nach irgend etwas Kleinkreisigem, einem Vortragszirkel oder so. Aber ich meine, es wird etwas werden; ich habe so das Vorgefühl. Fang ichs dann an, so ist es sicher nur - ein Anfang. Darüber kannst du ganz gewiss und beruhigt sein. Ich bleibe nicht "darin stecken". Vor dem Wort "Journalist" brauchst du nicht scheu zu werden. Denk doch wieder nur an Rade.

            Ich mache den Brief in einem Wirtshaus bei "Musik" fertig, weil ich grade nahe beim Bahnhof bin. Ich gehe vielleicht noch zu Pragers. Ich glaube der Brief wird in Säckingen auf dich warten müssen. Es geht mir diesmal seltsam mit dir. Du bist in zwei gespalten wie die Goetheschen Besen. Von dem einen bin ich überhaupt noch nicht fort, ich bin noch in Gedanken mit diesem Dir in Berlin zusammen, es hat sich gar nicht geändert. Aber dafür bin ich mit dem andern Gritli, dem Dir, das jetzt in München ist, eigentlich ganz fühlungslos, ich bin gar nicht "bei dir" diesmal - du musst es eigentlich meinen Briefen anmerken -, ich bins gar nicht, weil du noch zusehr "bei mir" bist. Das Zauberwort, das das "bei dir" und das "bei mir" wieder zu einem macht, ist mir abhanden gekommen. Es ist aber ganz schön so

--- Dein.

                               23.III.[19]

Liebes Gritli, eben kam das Telegramm. Nun ist schon ein Brief nach Säckingen, der wartet nun dort. An dem Telegramm habe ich übrigens etwas erfahren; ich dachte nicht, dass es von euch wäre, ich meinte, es wäre von Berlin, und ich bekam einen Schreck, ich müsste kommen. Ich bin jetzt wieder so ein bischen im Lesen drin und möchte mich gar nicht aus dem Haus rühren. - Ausser der Logik lese ich das historische Buch von Heim über den Grund der Glaubensgewissheit bei den Scholastikern, dazu auch ein bischen Thomas, den 1ten Band der Summa theol. habe ich neulich in Freiburg gekauft. Und dazu allerlei. Die Baalschemgeschichten. Hier nun wirklich eine: Einmal am Vorabend von Pesach ist der heilige Baalschem sehr eng gewesen und er hat nicht gehabt kein Geld zu kaufen alles was ein Jud gebraucht auf Pesach. Sitzend so verklärt (= in Gedanken) kommt zu ihm plötzlich herein eine Frau und sie verehrt ihm sehr ein grosses Geschenk, was ist genug gewesen auf 'n ganzen Pesach, und das hat in ihm erweckt eine ungeheure Freude, dass er hat sie gefragt, was für einen Segen sie will von ihm. Sie hat ihm erzählt, dass es ist schon 10 Jahr nach ihrer Hochzeit und sie hat noch kein Kind nicht geboren; und weil die grössten Doktoren haben fest beschlossen, dass sie bleibt eine ewige Unfruchtbare, will sich ihr Mann von ihr scheiden. Hörend ihr Weinen hat sie der Baalschem getröstet und ihr versprochen, dass noch in dem Jahr wird sie haben ein Kind. Die Zusicherung hat im Himmel gEmacht einen ungeheuren Lärm, dass er erlaubt sich oft zu verändern die Natur; und ein Engel hat ausgeschrieen, dass dadurch verliert der Baalschem seinen ganzen Anteil an der künftigen Welt (also seine ewige Seligkeit). Wie der Baalschem hat das gehört, ist er sehr fröhlich geworden und hat mit Courage gesagt: "Jetzt ist wirklich kommen die Zeit, da ich soll anheben zu dienen dem Höchsten in Wahrheit, weil auf einen Anteil an der Künftigen Welt hab ich schon mehr nicht zu hoffen". Und mit die Wörter hat er gleich still gemacht seine himmlischen Ankläger und man hat seine künftige Welt nicht zurückgenommen und bei Nacht ist sein Meister, Achja ha Schiloni (der ihn im Traum Kabalah lehrt), zu ihm gekommen und ihm erklärt, dass das ist nur gewesen, ihn zu prüfen, ob er wird weiter bleiben bei seiner Frömmigkeit.

            Wenn ich erst die Zeitung habe, werde ich der Stenotypistin viele solche Geschichten diktieren, dann kriegst du sie zu lesen. - Da dies doch ein Litteraturbrief wird, so auch noch dies, dass ich die Novellen um Claudia gelesen habe, in den letzten Tagen, und ich finde es ein gutes Buch. Mutter sagte, du hättest es nicht gemocht. Ich finde es gut, wie er aus den Novellen einen kleinen Roman macht und wie die Novellen dabei zugleich alle nur Variationen des einen Themas "und keine Brücke führt von Mensch zu Mensch" sind und wie innerhalb der Novellen jedesmal wieder eine "Novelle" das Zentrum, den "Falken" abgiebt. Jedenfalls ein grosses Kunststück, und in sich viel kompletter als das Ritualmorddrama. - Jonas hat wieder ein sehr schönes Blumenstillleben gemalt, rote, rosa und weisse grosse Nelken in dem langen rubinroten Glas.

            Grüss München - ich war seit 1913 nicht dort. Hoffentlich giebts noch was schöneres zu sehen oder besser noch: zu hören, als Machiavell. Seine Staatslehre ist ja im Grunde auch "nur starker Tobak". Und hoffentlich überhaupt. Ich bin sehr, sehr gespannt. Guten Abend, Liebe - es ist mir immer als müsste ich dich in einer Viertelstunde wiedersehn; diesmal stehen die Kilometer wirklich nur auf der Landkarte.

Guten Abend, liebes Gritli.

                               24.III.[19]

Liebes Gritli, lieber Eugen,  ich habe also gleich heut morgen die 10 Themen an Hans geschrieben mit einem orientierenden Beiwort. Die "Gegeninstanzen" nehme ich nicht tragisch - was ist ohne Gegeninstanzen? und "planmässiges Arbeiten mit Hypnose" wäre es nur, wenn die Themen Ende und nicht vielmehr Thesen wären, von denen man nur anfinge, um wer weiss wo zu enden. Das Wichtigste aber, das ruhige Wachsen der Bücher, lässt sich nicht erzwingen; wenn etwas anfängt zu kommen, dann muss man ihm eben Zeit und Raum schaffen; aber vorher nichts tun, damit es wächst - also schlafen, damit es einem der Herr gebe - ?? Ausserdem bleibt es ja ein Versuch, ohne alle Konsequenzen ausser den unmittelbaren. Ein Kolleg bedeutet Verpflichtung für ein ganzes Semester. So eine Disputa ist zu Ende, wenn sie zu Ende ist, und es steht ganz bei dir ob du eine neue anzeigst. Ich dächte mir übrigens, du liessest es in Heidelberg darauf ankommen, wie es das erste Mal geht. Wahrscheinlich stellt sich unmittelbar das Bedürfnis heraus, die Diskussion am folgenden Tag fortzusetzen. Jedenfalls immer nur eine These anzeigen. Sie muss wirklich These sein und was der Gegenstand des nächsten Tages ist, darf sich erst in der Diskussion selber herausstellen. Das habe ich auch an Hans geschrieben. - Edith Fromm? will sie mehr als sich totschlagen? Und dafür wäre ja Abitur und Immatrikulation grade recht. Wer Einfluss auf sie hätte müsste ihr doch dies ganze "Etwastreibenwollen" aus dem Kopf bringen. Aber ich scheue jedesmal vor ihr, wenn ich etwas von ihr sehe, so jetzt ihren Brief an Mutter, der gewiss "rührend" war (in dem was sie von sich selber, von ihrem Philosophiehören, erzählte), aber so verzweifelt steif. - Kästners haben Eur. u. die Chr. Ich wusste es neulich noch nicht. (Gelesen hatte es Julie aber noch nicht, als sie die Sätze über dich in ihrem Jahresbericht einflocht). Heut seid ihr bei Müller; ich erwarte mir gar nicht gleich etwas davon; aber doch für irgendwann. - Du hattest Recht mit Hans, aber er denkt ja unwillkürlich für die neue Universität nicht an "Wissenschaft von heut", sondern an seine Wissenschaft, und wie sehr die von morgen ist, hättest du doch gut sehen können an der Art wie der Wissenschaftler von heut (und der als Wissenschaftler stets "von heut" bleiben wird), Beckerath, noch in der Erinnerung nach einem Vierteljahr darauf reagierte. An der neuscholastischen Universität müsstest du ihm wohl oder übel einen Platz einräumen. Beckerath könnte man freilich nicht dahin berufen. Übrigens allen diesen Sorgen entreisst einen wie stets die Wirklichkeit: die alte Universität kooptiert schon von selbst die Jugend von "heute" in ihre Ordinariate, und speit die Ordinarien der Universität von morgen aus ihren Fakultäten aus. (S. das lebende Bild). - Liebes Gritli, was du von Muth schreibst, von der Kraft zum Dennoch, die ihm ausgegangen ist, hat mich ergriffen, wie Spittlers junge Götter der Ausgang der alten. Denn alles was ich bitten kann und muss, ist

ja nur dass es mir anders geht und ich die Kraft behalte.

                        Seid gegrüsst und geküsst.

                                                            Euer Franz.

                               25.III.[19]

Liebe - ängstige dich nicht wegen Mutter; wenn sie wirklich mal etwas erfährt, so wird sie etwas Humor dafür aufbringen; du musst doch denken, dass sie im Grunde ja doch ihrem eignen Spürsinn mehr vertraut als meinem Leugnen. Das "Ausgabenbuch" hat sie a tempo gesehen, nämlich die Dresd.Bank hat natürlich jeden Scheck, den sie honoriert hat, gleich an mich mitgeteilt und Mutter hat diese Briefe aufgemacht, (wie sie durfte) und in die Mappe geheftet; das habe ich ihr aber gleich plausibel gemacht: viel Auto und Borchardt und Theater - warum nicht? Aber du hättest ihr mal gesagt, wie gern du mal mit mir in Berlin zusammen sein möchtest, und daher war Mutter ihrer Sache schon ganz gewiss, als ich die Sache mit dem Bradt = Inkognito" anzettelte! Und der Streik hat sie kaum irre gemacht: denn Gritli nimmt ein Auto, oder sie fährt südlich heraus und in einem grossen Bogen - du siehst, sie weiss alles, sie wusste es besser als ich selbst! Die Briefe die ich hierhabe, alle, will ich in ein versiegeltes Couvert tun, ausserdem habe ich ja den Schlüssel zu der Schieblade immer bei mir (sie hat vielleicht allerdings einen zweiten, das kann ich nicht wissen). Du darfst auch nicht denken, es wären so besonders schlimme Bilder in ihrem Kopf; es erklärt sich doch alles aus Eifersucht auf dich und Sorge um mich - das zusammen genügt ja; deine Eltern "und Beckerath" haben beide diese beiden Gefühle nicht, und also regen sie sich nicht auf. Mir ist nur ganz gewiss, dass ich es nicht wieder versuchen werde, sie zu hintergehn; sie ist zu klug und nun zu argwöhnisch. Und das ist dir ja auch klar. Es geht mir ja übrigens genau wie dir, ich habe gar keinen Gedanken an ein "nächstes Mal" und wenn es doch sein wird, ich glaube, wir werden uns gar nicht guten Tag sagen müssen, es ist: wie wenn ich nur mal aus dem Zimmer gegangen wäre. Wie kommt das nur? Ich habe dich lieb ohne alle Sehnsucht. Du bist einfach da. Übrigens langweilst du dich wohl ein bischen "bei mir": ich arbeite den ganzen Tag, ich lese lese lese und möchte nochmalsoviel lesen, wenn der Tag nochmalsolang wäre. - Einen Brief von Eugen habe ich aus Leipzig nicht gekriegt, nur von dir. Aber Rudi Hallo hat kurz vor dem Streik (und nach meinem Vortrag, also dem 23.II.) an Eugen geschrieben und meint, dass der Brief wohl verlorengegangen wäre. Er war neulich bei mir; es war steif und akademisch; ich liess mir von ihm über Nelson erzählen. - Das Gegenstück zum Hochland (mindestens!) giebt es ja schon: den Buberschen "Juden". Was fehlt, ist das Gegenstück zur Chr.Welt. Halbmonstsschrift ist allerdings auch noch besser als Wochenschrift.  - Kantorowitzens Aufsatz über Proporz kenne ich in der Urform; er las ihn uns damals in seinem Hausseminar vor. Dass mich Eugen auf Henning und also wieder in die Hegelsche Sphäre lockt, ist sehr brav, aber ich mag noch gar nicht wieder.

            Du schreibst mir etwas, worauf ich dir mit keinem Wort antworten kann, weil es einfach wahr ist. Es begleitet mich den ganzen Tag. Nimm mich an dein Herz und lass mich Dein sein.

                               26.III.[19]

Liebes Gritli, heut geriet ich in den *, das Maschinenmanuskript, und habe in Einl.I, I 1 und II 2 richtig gelesen. Es war doch schön, obwohl freilich nicht leicht. Ich kam darauf durch den Heim, den ich lese; er handelt breit von dem Gottesbeweis Anselms v.Canterbury, den Kant widerlegt haben soll; ich wusste nur noch, dass ich etwas darüber geschrieben hatte, konnte mich aber gar nicht mehr besinnen was; so sah ich nach. Es war wirklich schon beinahe wie das Buch eines andern. Nun habe ich es in Schnellhefter gelegt (zum Klemmen, nicht zum Lochen), da kann man richtig drin blättern wie in einem Buch. Ich möchte dir nur von Büchern erzählen; ich lebe jetzt darin. Mit den Baalschemgeschichten bin ich leider durch; ich muss versuchen noch andre zu kriegen, obwohl es hier in Deutschland nicht leicht sein wird; ich lese jetzt ein Traktätchen über die Kraft des Gebets (oder vielmehr des Bekenntnisses), die Erlösung herbeizuzwingen; es ist moderner im Ton als die Legenden. Heut früh ging mir durch den Kopf, wenn ich im Sommer doch nochmal an den Hegel gehen muss, dies Muss irgendwie auszumünzen, etwa Vorträge über ihn zu halten oder so; ich muss mich ja einfach zwingen, mich nocheinmal ein paar Monate für ihn zu interessieren. In Berlin etwa müsste man doch leicht aus den vielen von der Universität ausgesperrten Studentinnen Hörerinnen gewinnen. Mutter dachte übrigens neulich an dies Publikum für Eugen, aber das ist natürlich ein Missverständnis, denn denen würde er es noch weniger zu Danke machen wie den Studenten. Ich könnte das grade, und wäre dabei gezwungen, Litteratur zu lesen und dergl. Aber es ist nur eine Idee.

            Der Neubauer, von dem ich ein Buch ("Bibelwissenschaftliche Irrungen") gelesen habe, heisst wirklich Jakob und ist es also. Das Buch war gut, wenn auch zu "katholisch". Dass ichs kannte, durfte er annehmen, denn der "Centralverein dtscher Staatsbürger jüd. Glaubens" hat eine Anzahl Exemplare den Feldrabbinern zur Verteilung überwiesen.

            Du schriebst neulich vom Isenheimer Altar und den Reproduktionen. Als ich ihn zuerst sah, gab es wohl noch gar keine. Es war 1906. Hans hatte ihn gesehn und mir gesagt, ich müsste auf jeden Fall hin. Der Eindruck war dann wirklich so unmittelbar, wenigstens bei der Kreuzigung. Wie du schreibst: dass es mit Kunst gar nichts mehr zu tun hatte; und das "haben" nun die Franzosen. Die Kolmarer haben es auch 100 Jahre bald gehabt, ohne zu wissen was sie hatten; ich denke, seit der franz. Revolution.

            Was sagt Eugen zu Ungarn? ich meine nicht zu Ungarn, sondern zu Deutschland und Ungarn. Müsste man nicht doch Bolschewist werden?

            Hab ich dir eigentlich schon geschrieben, dass das jüngere (1 1/2jährige) Kind von der Grete Hoffmann, im grossen Gegensatz zu seiner 4jährigen Schwester, ein ganz famoses Fräuleinchen ist. Wir sind alle ganz verliebt. Es spricht noch kein Wort, ausser nànà und dàdà, aber mit diesen beiden "Urworten" bestreitet es den ganzen Kreis von Ausdrucksmöglichkeiten. Über sein Gesicht geht es immer wie plötzliche Beleuchtungs-wechsel über eine Landschaft, und immer ganz überzeugend und unwiderleglich.

            Dieser Brief geht wieder nach Säckingen. Und morge kriege ich einen Brief von dir, worin steht, ihr bliebet noch bis Anfang nächster Woche in München. Ein bischen gern wäre ich doch mit. Aber wirklich nur ein bischen.

            Mehr als ein bischen, mehr als viele Bischen

                                                 - Dein

                               27.III.[19]

Liebes Gritli, es ist spät. Mutter ist in einer ihrer Sitzungen - sie ist eigentlich fast den ganzen Tag unterwegs, Jonas war in einem Vortrag, ist eben zurückgekommen, ich habe mich aber in den Zwischenstock verflüchtigt, um dir zu schreiben. "Mein" Zimmer oben kriegt mich überhaupt nicht zu sehen, es bleibt dein Zimmer, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Wenn ich fortgehe, nehme ich ja wohl die Büchergestelle mit und den Schreibtisch wohl auch. Er ist so unangenehm stilvoll, und wenn man selber gar nicht (gar nicht mehr) stilvoll ist, so ist das eine so unbequeme Mahnung. Nachmittags (ehe ich zu Prager ging, da bin ich jeden Montag und Donnerstag von 7-1/2 9) waren Mutter und ich bei Paul Franks zum Thee. Es war sein jüngerer (ca 30) Bruder da, ein sehr hässlicher, grundanständiger, eigentlich kindlicher Mensch. Er erzählte in grosser Naivität und Ehrfurcht von dem, was er unter polnischen Juden im Krieg erlebt hatte. Dabei von Haus aus gänzlich entfremdet. Es war scheusslich, wie er, besonders von Ida, bespöttelt wurde. Dies Geschlecht verdient den Zionismus. Ich konnte gar nichts sagen, es schlug sich mir so auf die Stimmung (die vorher durch Waffeln, richtige Waffeln! und mittags durch Kartoffelklösse!) sehr hoch gehoben war. Herr Strattiner war dann ein richtiger Trost. Wenn es sich herausstellen sollte, das ich etwas länger hier bin - ich habe von Berlin, weder von Mosse noch von Bradt, bisher ein Wort - so würde ich privat bei ihm lernen. Für die Anfangsgründe geht es nämlich wohl nur mit Einzelunterricht, wie bei Musikstunde.

            Die 1 1/2 Wochen die ich hier bin, bin ich doch nun noch bei niemandem gewesen! Ich hocke den ganzen Tag über Büchern. Mit der Logik bin ich noch nicht halb durch. Sanskrit habe ich - seit heut vor einem Monat als ich zu dir fuhr - nicht mehr wieder gelernt. So könnte ich immer weiter leben - es ist ein kurioser Gedanke. Es geht ja doch ein Gelehrter an mir verloren; ich merke es jetzt wieder.

            Ich las heut wieder im *; es geht so bequem, jetzt wo er geheftet ist. Aber stylistisch ist vieles doch sehr verbesserungsbedürftig; ehe ich ihn nochmal abschreiben lasse, müsste ich ihn nochmal ganz durchgehen. Und dann nochmal Korrekturen lesen! es ist wirklich soviel Arbei, als ob ich ihn drucken liesse. Leicht ist er übrigens wahrhaftig nicht. (Ich las in Einl.II).

            Zwei Tage war kein Brief da. Also wart Ihr am Montag in Mittenwald und vielleicht noch länger. Mutter sagt, dass in Holzminden (wo die Kantorowiczschen Produkte aufbewahrt werden) der eine Leiter von den Herrenhutern kommt. Das wäre also wohl etwas. Und eine bequeme Beziehung, eventuell auch eine Gelegenheit, das Terrain erst einmal so zu rekognoszieren und nicht gleich mit der Türe ins Haus zu fallen, wäre da. - Der Weg nach Holzminden geht über Kassel. Es lebe die Geographie!

                                    Dein und Euer Franz.

                               28.III.[19]

Lieber Eugen, über Spengler schreiben werde ich auch, wenigstens wenn ich "meine Zeitung" kriege. Lesen werde ich ihn aber wahrscheinlich nicht. Diese Entdeckungen spannen mich gar nicht. Selbst nicht die vom Pantheon (die doch wahrscheinlich übrigens von Strzygowski ist). Ich habe mich wirklich, bei Breysig und Lamprecht, schon damit auseinandergesetzt. Seitdem wünsche ich diese Art der Geschichtsansicht, weil sie ehrlich = heidnisch ist und mit dem Christentum nicht (wie die Hegel = Rankesche) konkurriert. Ich habe 1910 darüber einen Brief an Rudi geschrieben der in einen sehr überhitzten Aufsatz (Typus Baden = Baden) ausartete. Die Wissenschaft muss qua "Wissenschaft" darauf verzichten, "Gott in der Geschichte" zu finden (oder selbst auch nur "zuweilen den Finger Gottes in ihr"); dass sie es qua Wissenschaft sich zutraute, war die Hegel = Rankesche Überhebung des Idealismus. In Lamprecht = Breysig = Spengler lernt sie nun fortiter peccare. Die Geschichte war doch nur deshalb die Modewissenschaft des 19.scl. geworden, weil sie sich für Offenbarungsersatz anpries. Wir können nur wünschen, dass sie das verlernt. Und nun hat sies verlernt. Dass Spengler persönlich seine Wissenschaft und sein Leben auf zwei getrennte Blätter registriert, das spricht - wenigstens für seine Wissenschaft. Ich müsste meinen I.Teil nicht geschrieben haben, wenn ich das nicht begrüssen sollte (ich meine: das mit der Wissenschaft. Spengler selbst wäre dabei freilich - wenn man oben so konsequent richtete, absit! - ein rechter Höllenbraten). Entsinnst du dich nicht meines "Übergangs" mit den vielen Vielleichts? Ich las ihn grade gestern, oder vorgestern wohl, wieder. Das eigentlich Entscheidende ist die Zertrümmerung des Alls in die drei unreimbaren "Gott, der Mensch und die Gestirne". Wer das gesehen hat, dem kann doch Spengler nur wie eine spezielle Ausführung erscheinen. Was er anzettelt, das bleibt ja alles innerhalb der "Gestirne". Nachdem das grosse All zerschlagen ist, zerschlägt er auch das eine der drei kleinen, die "Gestirne".  "Ein schillernder Glanz des Vielleicht liegt über Göttern, Menschen Welten. Grade weil es den Monismus eines jeden dieser drei Elemente im Vollendeten Eins = und Allgefühl ihrer Tatsächlichkeit ganz ausgebaut hat, grade deshalb ist das Heidentum - "Polytheismus" nicht bloss, sondern "Polykosmismus", "Polyanthropismus"; grade deshalb zersplittert es das schon in seinen Tatsächlichkeiten zerstückelte All noch einmal in die Splitter seiner Möglichkeiten, Die vollgewichtige, doch lichtlose Tatsächlichkeit der Elemente zerweht in die gespenstischen Nebel der Möglichkeit. Über dem grauen Reich der Mütter feiert das Heidentum den farbenklingenden Geisterreigen seiner klassischen Walpurgisnacht." Die "Wissenschaft" muss verspenglern, ehe du überhaupt verstanden werden kannst. Weil du Spengler noch nicht kanntest, so musstest du ihn in der Zeitrechnung dir für dich inventieren (parcequ'il n'existait pas encore). Die Zeitrechnung, deine, spenglert ja selbst. Wir brauchen alle dieses Sprungbrett, diese Unterlage, diesen "ersten Teil", diese "Elemente". (Ich fabrizierte ihn mir 1917 in meiner Vergeografisierung der Weltgeschichte. Wir müssen ein jeder uns die Welt von jenem hausgemachten Schein von Überweltlichkeit befreien, mit dem sie der Idealismus auffirnisste. Das ist der Sinn unsres Kampfs gegen desn Idealismus. Deswegen schreist du nach Naturwissenschaft. Deswegen möchten wir Häckel gegen Hegel aufstellen, wäre er nur nicht so grässlich dumm. Und so müssen wir uns die Arbeit selber leisten, obwohl es nur eine Vorarbeit ist. Gut, wenn uns also Spengler diese Arbeit wenigstens der Universität gegenüber abnimmt. Von den verspenglerisierten Universitäten kannst du dir ruhig Leute nach Köln schicken lassen, von den malgré tout immer noch verhegelisierten von heute nicht. Denn obwohl der Geist längst über Hegel hinaus war, schon seit Nietzsche, so waren es die Kinderschulen des Geists, nein seine Kindergärten, die Universitäten, noch nicht. Sie waren eben noch nicht bei Nietzsche. (Denk an Onkel Viktor, oder Meinecke, oder sonst irgend einen dieser älteren Generation, die doch eben noch regierte). Deswegen darf man Spengler nicht einfach ablehnen. Er ist unser Bundesgenosse. (Das Rätsel ist nur: warum glauben sie ihm, und seinerzeit Lamprecht nicht? Z.T. einfach die neue Zeit, Krieg und Revolution, z.T. auch weil Lamprecht den Fehler machte, seine Ansicht als eine neue "Methode" aufzudrängen, statt als "Entdeckungen". Zweifel an seiner Methode betrachtet jeder Gelehrte als eine Unverschämtheit und wird grob. Mit "Entdeckungen" muss er sich "auseinandersetzen".

            Du könntest also ruhig nach "Köln" gehen. Grade wenn Spengler, was bei 6 Bänden ja so gut wie gewiss ist, sich Berlin Leipzig Göttingen Heidelberg unterwirft. Die vorspenglerschen Universitäten konnten Köln hochmütig ignorieren, denn sie hatten "Moses und die Profeten", - Kant und die Idealisten. Aber die nachspenglerschen werden sich selbst so leer fühlen und so finster, dass sie das Licht von "Köln" wenn es zu ihnen dringt, mit Löffeln aufzufangen versuchen werden, um es in ihre Säcke zu verstauen. Und die, die dazu nicht genug Schilda in sich haben, werden sich auf die Strümpfe machen und hinfahren dahin wo das Licht aufging.

            Nun noch etwas: wenn einer die Gleichung nomen = numen leugnet, so hat er sich schon von vornherein kompromittiert. Das was er sagt, kann nun einfach nicht mehr stimmen. Wenn ich diese Gleichung leugne, kann ich natürlich alles behaupten, was ich nur will. Ich kann dann - geistreich sein. Geistreich ist jeder, der diese Gleichung leugnet. Man kann jeden Geistreichen kennzeichnen, indem man die Stelle bezeichnet wo er dies Gleichung leugnet. Wenn ich "eigentlich" sage, bin ich schon gerichtet. Mit dem Wort "Im Namen" begann die neue Zeit. Vorher lebte sie in numinibus und wusste nichts von einem Leben in nomine. Cohens dantescher "Humor", den ich nicht aus dem Buch, aber mündlich kenne, war mir stets nur das Symptom dafür, wie er seine jüdische Unfähigkeit zu Dante vor sich selber vertuschte. Ernst habe ich das (quoad Dante, nicht quoad Cohen) nie nehmen können. Ich will dir nun erzählen, wie es sich mündlich ausnahm. 1918 Januar Spätnachmittag, Hausseminar am runden Tisch, ein paar Damen, "Rosenzweig = Ost", ein kriegsbeschädigter Leutnant (protest. Theol. + Philos.). ich als Gast. Man las absatzweise seine letzte systematische Schrift "der Begriff der Religion im (Cohenschen) System der Philosophie", die sehr schwer ist. Er erklärte und besprach nach jedem Absatz. Dabei begann er über die Grausamkeit der danteschen Höllenstrafen zu donnern und zu jammern (beides durcheinander) und das könne man sich nur erträglich machen durch die Annahme des Humors. Ich wurde sehr böse und platzte los, erklärte den Unterschied der per contrarium geschehenden zeitlichen Läuterungsstrafen des Purgatoriums und der per idem geschehenden ewigen Strafen des Inferno an einem bekannten talmudischen Wort "der Sünde Sold ist - die Sünde". Er wollte es aber nicht wahr haben, fand wohl dass ich Dante zusehr "idealisierte". Am andern Vormittag war ich allein bei ihm und wir kamen nochmal darauf zu sprechen. Da wurde es ganz deutlich, wie er durch den Begriff "Humor" wirklich glaubte, einen ganz verzweifelten Fall - und so erschien ihm dieser Fall Dante vom Standpunkt der Humanität - allenfalls zu retten. Er war doch immer ein grosser Dichter, wenn auch - nun eben ein mittelalterlicher Christ. Er sprach nocheinmal mit tiefem Entsetzen von Dantes Grausamkeit, verglich sie, ungern, aber doch mit dem Gefühl, auch diesen seinen wahren Heiligen nicht reinigen zu können, mit der ebenso furchtbaren Platons in der Tartarosschilderung der Gesetze und endete tief aufseufzend: Was ist der Mensch -  - (sekundenlange Pause, und dann:) - wenn er ka Jid ist.

            So da hast dus. Gritli kennt es schon. Nicht zur Verwendung, aber doch zum Trost und zur Stärkung gegen alle Spenglerschen Humore. Diesen lendemain unter vier Augen, wo die "feine" Unterscheidung von nomen und numen fallengelassen wird und einfach ehrlich nomen gegen nomen tritt und also das nomen so ernst genommen wird wie es verlangen kann, diesen lendemain werden wir ja wohl bei Spengler nicht erleben - obwohl wer weiss, ich glaube wenn er 6 Bände schreibt wird er sich schliesslich auch mal dekouvrieren müssen; das hält ja kein Mensch aus. Aber vorläufig können und müssen wir ihn uns dazu denken, - ich meine den lendemain, und müssen der "feinen" Unterscheidung des nomen und des numen die Kraft entgegenbringen aus der sie selber gekommen ist: die Kraft des - Unglaubens, und zwar eines kräftigen, unbekümmerten, vor während und nach dem Lesen fröhlichen.

            Morgen höre ich also von J.M. Ich bin sehr gespannt. Ausserdem etwas eifersüchtig (wirklich!) auf die "Berge". Aber dieser Brief geht ja schon nach Säckingen, und da bin ich wieder ganz "im Bilde", in jedem Sinn.

                                                                        Euer Franz.

                               29.III.[19]

Liebe, liebe - heut morgen kamen deine zwei nachelmauer Briefe. Es ist sicher gut so, gut auch dass zunächst bei Müller noch gar nichts Bestimmtes herausgesprungen ist. Ich glaube vorläufig noch an ein Gemisch aus allem, was nun vorgekommen ist (Landerziehungsheim vielleicht ausgeschlossen). Also "Köln" (= Muth) und die Disputationsreisen und Joh.M. Denn Müller hat ihn ja nicht bloss wegen Eugen sondern auch für sich selbst mal auf 14 Tage nach Elmau haben wollen. Ich meine, er hat einen starken Eindruck von Eugen gehabt; es kommt mir so vor, ohne dass ich weiss warum. Es ist dann wirklich für zunächst egal, ob protest. oder kath., allerdings nur für zunächst, für die Dauer ist der Fels Petri härter und unbeweglicher als alle Weichheit und Beweglichkeit, die im einzelnen Menschen sein mag, und setzt am Ende seine steinerne Gewalt doch durch. Und deshalb wünschte ich, er überstürzte auch jetzt nichts. Muth ist doch eigentlich in dieser Beziehung nur eine Warnung. Denn um "der ideale protestantische Pfarrer" zu werden (ipsa dixisti!), dazu braucht man nicht katholisch zu werden. Und offenbar doch nur um seine lebendige Seele vor dem erstarrenden Gorgonenblick der Institution zu retten, musste er sich persönlich so von ihr auf seinen persönlichen "Protestantismus" zurückziehn. Im Augenblick ist das alles weit, und wenn man so in der Schmiede, nein gradezu auf dem Ambos des Schicksals liegt wie Eugen in diesen Tagen, so ist freilich für den Augenblick keine Not. Aber auf die Dauer gesehen: ich bleibe dabei, dass zum unmittelbaren Wirken ("Disputa" = Teil des Programms) das Katholischgewordensein gar nicht nötig ist; ganz anders läge es, wenn aus "Köln" etwas würde. Ich sehe die Berufs= (von dir aus gesehen: "Hausstands"=) Seite der Sache eben doch nicht für nebensächlich an; sich auf dem Lande Ansiedeln ist kein Beruf; das ist wirklicher "Protestantismus" im Schimpfwortsinn; - das darf Eugen grade nicht. Sein äusseres Leben, sein Haus, seine Siedelung muss irgendwie καθολικως sein, nur sein Reisen protestantisch. Diese Verteilung braucht er, einerlei ob er vor dem Standesamt protestantisch oder katholisch heisst; ohne sie wäre er als Katholik genau so unzufrieden wie als Protestant. Und seine Tendenz zum Katholizismus ist hauptsächlich das Gefühl jenes Mangels eines Stücks Katholizität im Leben. Müller hat wohl sehr wenig davon gehabt, etwas doch auch; er hat doch so eine Art Sanatorium geleitet, für kranke Seelen.

   Ein eigenwilliger Weg - nein das ist es sicher nicht. Du siehst doch wie alle, die ihn kennen ihn darauf drängen; es ist ja kaum ein Schritt aus seiner eigenen Initiative geschehen. Ditha, Mutter, Jacobi, von mir gar nicht zu reden. Es ist mir nun ganz sicher, dass ihr gar nicht lange diesen Sommer in Säckingen bleiben werdet; es wird schon im Sommer irgendetwas kommen.

    Es ist Hitze und Kälte nötig im Leben. Gehämmert wird das Schwert auf dem Ambos, solang es weich ist. Aber um geschwungen zu werden, muss man es erst in einen Griff passen; und das kann erst mit dem kalten Stahl geschehn. Nur soviel wollen meine Einwände sagen. Ich traue mir selber für mich jetzt auch nur, weil ich kalt und nüchtern bin bei dem was jetzt kommt, mir gar nichts Besonderes vorstelle, ja die gefährlichen und bedenklichen Seiten der Sache ganz klar sehe. Der Entschluss war heiss, die Tat soll kalt sein. Deshalb musste ich dir neulich auch so kurios ausführlich antworten auf deine Bedenken über meinen "Anfang"; ich habe sie eben durchaus auch, und durchdenke sie ganz gern; ich hatte sie grade in den Tagen sehr lebhaft, wo du schriebst, und werde sie wieder sehr haben, wenns Ernst wird. (Ich habe noch keine Antwort von Berlin, es scheint also ernst zu werden).

   Ich habe gar keine Lust, dir nochmal wegen der Novellen um Claudia zu schreiben. Aber - freilich die beiden Leute haben gar keinen Humor, aber der Dichter hat ihn ein bischen und ich Leser hatte ihn sehr stark. Aber ich lese jetzt etwas viel Schöneres: den "andern" Buber, die Erzählungen des Rabbi Nachman. Ich hatte das Buch längst, aber nur die Einleitung und die erste Erzählung gelesen. Die Einleitung mochte ich, aber die erste Erzählung muss ich nicht verstanden haben, jedenfalls schnitt ich darauf die andern noch nichtmal auf. Jetzt lese ich sie mit Entzücken. Offenbar waren sie mir damals micht lehrhaft oder wenigstens nicht pointiert genug und zu undiszipliniert. Ich muss damals noch keinen Sinn für die ganze Breite des Lebens gehabt haben; es war vor dem Krieg. Hast du sie? von zweien las ich anderswo die Originalfassung; Buber hält sich ganz dicht daran, offenbar weit dichter als im Baalschem. Zu der kleinen Geschichte, die ich dir neulich abschrieb muss ich dir nun doch sagen, dass die Pointe auch bei christlichen Mystikern vorkommt (z.B. bei Frau de la Mothe Guyon um 1700).

   Gestern Abend war ich mit Mutter und Jonas bei Wätzold, deutsche Graphik im 15.scl., sehr gut und ein paar sehr schöne Lichtbilder; so dass ich heut Abend wohl wieder hingehe. Und du sitzest auf der Bahn und frierst. Grüss das Zimmer (besonders den kleinen goldnen Klex auf dem Schreibtisch) und Eltern und Kinder.

                        Ich habe euch lieb. Ich bin dein.

       30.III.[19]

Liebes Gritli, heut früh rief Bradt an und ich muss also am Freitag aus meinem Hieronymusgehäus, das ich hier grade bezogen hatte, wieder heraus. Schon die Antwort auf diesen Brief schreib bitte Berlin postlagernd Postamt Linkstrasse; ich werde wohl nicht im Regina wohnen, ich habe keine Lust dazu, habe es auch geflissentlich hier überall so schlechtgemacht, dass ich nicht gut selber da wohnen könnte. Da bleibe ich eine Woche und fahre am Freitag d.11ten nach Frankfurt. Vielleicht schliesst sich gleich an die Hochzeit eine Expedition der Berliner nach Frankfurt an, dann bliebe ich etwas dort; sonst ginge ich etwas nach Heidelberg. (Ich habe von Hans noch keine Antwort wegen Eugen; vielleicht hat er ihm direkt geschrieben). Ich gehe mit einem kuriosen Gefühl nach Berlin, so als ob es eigentlich ein Irrtum wäre, weil doch eigentlich du da sein müsstest. Es ist aber kein Irrtum ---.

            - Mir geht das Wort Beckeraths aus deinem gestrigen Brief nach. Es ist ja selbstverständlich richtig, ich werde am wenigsten etwas dagegen sagen. Diese Verpflanzung des Erlösungsgedanken aus dem gestirnten Himmel der Zukunft in das Erdreich der geschehenen Offenbarung ist ja, mit Beckerath zu reden, "eminent christlich", ist das Christliche. Und für Beckerath ist hier alles am Ende, selbst wenn er eine Verbeugung vor den Russen oder vor Eugens Parusiepredigt macht. Er kann nicht anders: er muss sich "der Wissenschaft freuen". Das andre ist ihm irgendwie unheimlich und jedenfalls "nichts für ihn". Aber Eugen und jeder Christ, der heute am Webstuhl der christlichen Zeit sitzt? Für die alle tritt heute ihr Schonerlöstsein irgendwie in den Hintergrund einer ganz innerstpersönlichen Angelegenheit; dahinein zieht sich dieser Christ, der die Zeichen der Zeit versteht, wohl zurück, zurück aus der Zeit, aber sowie er in die Zeit hineintritt, dann muss er - "jüdeln". Das ist die grosse Wahrheit an Hansens Begriff des Judenchristentums. Eugen kann sich, obwohl er es eigentlich müsste, nicht "der Wissenschaft freuen". Er kann Gottes Welt nicht "annehmen', sondern muss mit Iwan Karamasoff sprechen: Ich glaube an Gott aber ich nehme seine Welt nicht an. Er muss "des Heiles harren" so gut wie irgend ein Jude. Er ist auch (deshalb) nicht "glücklich zu preisen". Die Christen (die am Webstuhl der Zeit) haben aufgehört, glücklich zu sein. Sie sind in all ihrem Tun Unerlöste, und nur am Sonntag wo sie sich aus ihren Werken zurückziehen und sich auf ihren Ausgangspunkt besinnen, nur da sind sie noch glücklich. Der ganze Unterschied von uns ist nur der, dass sie sich handelnd verzehren, wir leidend. In einer der ersten der Rudischen Predigten steht, es wäre nie so schwer gewesen wie heute, ein Christ zu sein.

    Ich will dir ein Gleichnis aus dem jüdischen Büchelchen, das ich jetzt lese, schreiben: das Volk Israel ist gleich einem Kaufmann, der in eine ferne Stadt übersiedeln wollte und verkaufte alles was er hatte und kaufte dafür einen einzigen kostbaren Diamanten. Den steckte er zu sich, denn er war gewiss, dass er in der fernen Stadt dafür alles wiederkriegen würde was er dafür gegeben hatte und mehr. Aber unterwegs - so lange er unterwegs ist, was ist natürlicher als dass er sich nichts kaufen konnte und oft Hunger leiden musste, denn er hatte nichts als den Diamanten und für den konnte er erst in der fernen Stadt sich auf den Erlös Hoffnung machen.

            Sollte ich dir das Gleichnis ergänzen, so wäre die Christenheit eine Karawane, die alle Güter und allen Bedarf für die lange Reise und reichlich Kleingeld mit sich führte. So kommen sie unterwegs nicht in Not, sie leben von dem was ihr Herr am Heimatort erworben hatte; teils unmittelbar leben sie davon, teils indem sie mit den Leuten der Länder durch die sie kommen gegen die Erzeugnisse der Länder tauschen. Aber freilich die Reise währt immer länger, das Reiseziel scheint nicht näher zu kommen; ja wo sie sich unterwegs erkundigen nach der fernen Stadt in die sie gesandt sind und wo ihr Herr ihnen Quartier gemacht zu haben versichert hatte, nirgends weiss man etwas von einer solchen Stadt. Und die Versuchung wird gross, sich irgendwo anzusiedeln in einer der Städte, die sie unterwegs berühren, denn ihre Vorräte beginnen auf die Neige zu gehn; niemand weiss ja wie weit der Weg noch sein mag und ob das Mitgenommene reichen wird. Wäre es nicht besser, meinen manche, erst einmal irgendwo zu bleiben und durch Fleiss und Klugheit die Vorräte wieder zu ergänzen; dann könne man sich ja wieder auf die Reise machen. Und noch andre meinen, im Stillen zuerst, doch bald immer lauter: man werde wohl gut tun überhaupt zu bleiben; wer könne denn wissen, ob die Stadt, von der ihnen doch allein ihr Herr gesagt hat und von der in den Ortschaften unterwegs kein Mensch etwas weiss, überhaupt existiert. Aber wieder und wieder, wenn solche Gedanken aufkommen, begegnet ihnen ein Mann, ein Fusswanderer, in vornehmer aber abgetragner Tracht, der sich mühsam und hungrig vorwärtsschleppt, und sein Ziel ist das gleiche wie ihres, und er hat sich gar nicht für den Weg versorgt, sondern verkauft was er hatte für einen Diamanten, den will er am Ziel einlösen. Und wie die Leute der Karawane dieses Mannes Zuversicht sehen, da werden die Kleinmütigen, die sich schon sesshaft machen wollten, still; und der Zug zieht weiter.

    Guten Abend liebes Gritli, es war ein richtiger Schneetag heute. Du merkst, ich vertrage das Wir=Ihr = sagen nicht mehr, obwohl ichs doch selbst angefangen habe; ich muss bis dahin klettern wo - nicht Wir Ihr und Ihr Wir werdet (dazu hülfe alles Klettern nichts), aber wo es heisst: Wir und Ihr. Du kommst doch mit bis zu diesem Und? Ich brauche nicht zu fragen; du warst da, solange wir uns kennen und solang ich sage, was ich dir sagen darf: Ich bin Dein.

                                  31.III.19

Liebes Gritli, nun bist du also sicher in Säckingen, denn dass du Freitag und Sonnabend in der Bahn gesessen hast, bestätigt mir in zweitägigem Abstand die Briefpause gestern und heute. So friere ich dir innerlich deine äusserliche Erfrorenheit nach. Und morgen früh kommt dann hoffentlich das Lebenszeichen aus der Säckinger Hauswärme und macht mir wieder warm. Aber das ist natürlich nur ein Spass. Ich kann ganz gut zwei Tage ohne Brief sein, --- solange hält es vor, nein sogar länger --- voriges Jahr in Mazedonien. Es kommt mir schon viel länger vor wie "voriges Jahr". - Was sagst du zu dem Zeitungsartikel (Schick ihn bitte zurück, wenn Eugen ihn erst auch gelesen hat). Es steht --- aber bitte lies ihn erst mal selber.

Hast du? Also es steht sehr viel drin, alles wieder mit dieser merkwürdigen Fühlungslosigkeit mit dem wirklichen christlichen Leben der Gegenwart und doch mit einem unleugbaren Riecher geschrieben. Die "unveröffentlichte Arbeit von 1910" hat er damals aber doch veröffentlicht: nämlich als Vortrag in Baden = Baden. Ich habe damals dadurch Schweitzer gelesen, denn Hans besuchte mich in Freiburg als er daran arbeitete und trug mir auf, ihm Schweitzer von der dortigen Bibliothek zu besorgen, damit er während der Freiburger Tage weiter darin lesen könnte. Und Rudi wurde bei der Vorarbeit zu diesem Vortrag mit in die Fragen hineingezogen, und daraus und aus Baden = Baden überhaupt entstand der Halbhunderttag. Schön ist die Lehre von der Kirche (auf der zweiten Spalte); das hätte er früher nicht so gesagt; es ist ihm wohl erst seit der Revolution aufgegangen, also seit er hier eine Aufgabe für sich entdeckt hat; erst seitdem beginnt er zu wissen was Kirche ist. Aber nun flucht er auch gleich wacker wie ein ganzes Konzil und ruft im ersten wie im letzten Absatz ein förmliches Anathema sit. Wie hansisch ist der Schluss des zweitletzten Absatzes, wo der anerkannte Vertreter der Bildung dem Volk entgegentritt. Das dogmatische Hauptstück von der Nurmensch-lichkeit Christi gehört auch zu dem, was er jetzt Gott sei Dank nicht mehr Juden-christentum, sondern Ketzerchristentum nennt. Von den 4 Glaubensartikeln des Credo oder vielmehr der Confessio Heidelbergana führt er nur den von der Wiederkehr näher aus, das ist auch bezeichnend - die Zukunft! Dass er in diesem Dogma weniger "Heide" zu sein meint als die Verfasser des Apostolicums, darüber schlage ich natürlich meine jüdischen Hände über meinem jüdischen Kopf zusammen; ich sehe den Unterschied nicht. Ob man einen Menschen ruhig Gott nennt oder ob man ihm das Einzige zuspricht, wodurch sich Gott von allem Geschaffnen unterscheidet, nämlich die Einzigkeit (Einzigartigkeit, Unvergleichbarkeit), das kommt mir ganz auf eins heraus. Das "alte Dogma" hätte da wohl sogar den Vorzug grösserer Deutlichkeit und auch grösserer Unmissverständklichkeit, Hansens grenzt so dicht an Hero = worship, dass er, um sich selber unzweideutig zu erklären, am Ende doch auf eine trinitarische Formel herauskommen müsste - und wohl auch würde. Hier nennt er sich doch übrigens nun wirklich beinahe "Johannes Ehrenberg", um mit Eugen zu reden.

            Mutter ist aus ihrer Sitzung zurück und liest auch noch Hans. Cohens Logik ist übrigens doch ein geniales Buch; ich bin jetzt "drin".

                                    Gute Nacht - Dein Franz.

 

April 1919

                                  1.IV.19.

Liebe, heut ist schon der dritte Tag. Ich baue sowieso hier ab, lese nur noch wenig - denk, ich wusste nicht mehr wie weit ich eigentlich damals im August die Logik gelesen hatte, nur noch ungefähr; heute wie ich an Seite 394 komme fällt ein vertrockneter Grashalm heraus, den ich damals in der Feuerstellung als Lesezeichen eingelegt hatte; ich hätte dir diesen Zeugen vom Aufgang des * beinahe geschickt, aber es war mir doch etwas zu sehr Reliquienkult; aber verwundert war ich doch; so etwas macht den Abfluss der Zeit plötzlich wie ungeschehn. Geschickt habe ich heute sowieso was, ein Packet mit deinen Lyrikern, dem Schubert für Eugen, der ihn mehr goutieren wird als ich, Papier für dich (aber wenn du mir halbe Wochen lang nicht schreibst, wirst dus so bald nicht brauchen, - böses Gritli) und als Zugabe ein Heft "Ost und West" für dich, aber bitte gelegentlich zurück (es steht allerlei drin, ein beinahe Protrait von - Hedi, ich meine den Zwilling; vor allem der Aufsatz "Lehre der Völker", der Schluss ist vielleicht Erfindung des Schreibers, aber das Büchelchen selbst natürlich echt, wo giebts das noch in der Welt, wirklich 5 M 4,7 und Umgegend; schön ist auch der erste Aufsatz, und kurios an der Warschauerschen Rezension, dass ihr Verfasser offenbar nicht weiss, dass Heiler auch katholisch ist; das Buch von Heiler muss man übrigens sicher lesen, es scheint etwas ganz Bedeutendes zu sein) (und das Blatt von Budko ist schlecht, schön nur die Buchstaben). Ich wollte, ich hätte "meine Zeitung" erst auf diesem Niveau. Ich habe gar keine Lust auf Berlin jetzt, zumal wohl bis Ende der Woche wieder Generalstreik sein wird. Ich fürchte, es giebt dann auch wieder Briefsperre für uns - "wieder" sage ich, so habe ich mich in meine Lüge gegen Mutter hineingelogen, dass ich eben wirklich selber daran glaubte - nein: nicht "wieder".

            Walter Löbs zweites Kind, die unbändige schöne, ist bei Trudchen zu Besuch seit gestern abend; 15 1/2, wieder sehr schön, noch immer sehr temperamentvoll und klug, ich habe sie gleich für Jonas zum Sitzen engagiert: lila Kleid, rote Farben auf gebräunter Grundlage, tiefschwarzes Haar und riesengrosse strahlende schwarze Augen. Sie kommt aus der Odenwaldschule. Die Lehrer sind teils keine geprüften. Der Leiter, Geheeb, wird von den Kindern beim Vornamen geduzt. Gertrud schwärmt von ihm und überhaupt, - trotz hauptsächlicher Breinahrung.

            An die Frau Hoffmann haben wir uns ganz nett gewöhnt; sie ist eigentlich weniger langweilig wie ihr Mann, freilich, wie Mutter sagt, "auch nur Subjekt und Prädikat".

            Liebe, ich sehne mich so nach deinen Adjektiven, Attributen und adverbialen Bestimmungen - schreib schreib schreib. Schreib schnell, ehe Spartakus uns voneinander absperrt. Ich bin heut beim Aufräumen ein gute, nein eigentlich keine gute, Stunde in ein bald 10 Jahre altes Stück vergangenes Leben zurückgekrochen, als ich wieder herauskam, standest du da und gabst mir deine Hände. Ich küsse die geliebten beiden, ganz und jeden Finger besonders - und den kleinen noch ganz besonders, und bin

            Dein.

                                 2.IV.[19]

Liebe geliebte heut früh lag dein Brief da, du schreibst nichts mehr von dem Besuch bei Muth am Donnerstag, ist da nichts mehr geschehen? Es ist fein, dass Hans gleich auf die Idee eingeschnappt ist. Und Werners Zeitschrift wäre ja wieder eine neue Gelegenheit, die sich übrigens mit Cöln sehr schön kombinieren liesse; ich glaube vorläufig noch an ein Mit= und Durcheinander aller der Möglichkeiten, die sich nun in diesen Wochen aufgetan haben. Aber dein "Beitrag" dazu muss ein "Etwas" sein und kein "Nicht" - um Himmelswillen, wie kannst du oder wie konntest du so einen Gedanken haben, dass Eugen um seiner Wirksamkeit willen ohne "Haus" bleiben müsste; dann hättet ihr nicht heiraten dürfen; es giebt keinen Mittelstand zwischen Ehe und Ehelosigkeit, und wenn die Zeit heut diesen Mittelstand geschaffen zu haben scheint - und es scheint allerdings so - um so schlimmer dann für die Zeit. Für uns ist das nichts. Das ist "Hans und Else" oder die von Philips eingesegnete Ehe. Nein du musst tun was du von dir aus tun kannst. Aus diesem Grund vielmehr als aus dem andern. Denn die Doppeltheit der Organe ist wohl bloss eine Schutzmassnahme des Lebens gegen seine eigene Verfeinerung und Verdifferenzierung. Ursprüngliche Organe sind Mädchen für alles und können gegeseitig noch ihre Geschäfte sich abnehmen. Höher hinauf spezialisieren sie sich mehr und mehr jedes auf sein eignes Geschäft. Jetzt wäre der Leib ein furchtbar zerbrechliches Wesen, wenn nun diese Differenzierung bis ins Letzte ginge (so wie es der Mensch mit seinen Händen ja gemacht hat). Die Natur aber hat da ein System von Stellvertretern eingerichtet, die sich gegenseitig vertreten können. Damit sie aber beide im Gebrauch bleiben, teilen sie sich solang sie beide da sind in die Arbeit und erst wenn eins allein zurückbleibt, übernimmt es schlecht und recht die Arbeit des andern mit.

            Liebes, ich werde allerdings nach England fahren aber "ohn Verlangen" und ohne Erwartung. Ich muss das nur hinter mich kriegen. So wie ich jetzt daran denke, nämlich bloss in der dritten Person, - so darf es nicht bleiben. Denn ich denke freilich immer daran, aber ganz bloss äusserlich. Würde ich - so ist es! - heute hören: sie hat sich verlobt, so wäre ich nur zufrieden. Wird es anders, wenn ich sie wiedersehe, nun dann - aber jetzt habe ich das Gefühl, als würde sich gar nichts regen. Manchmal steigt mir ein Bedauern auf, dass ich damals im Winter 13/14 in Berlin nicht zugegriffen habe; aber wie könnte ich auch das im Ernst bedauern; ich sag es dir nur, um dir zu zeigen, wie wenig die innere Nadel noch nach London zeigt. Dass ich dennoch hinfahren muss, ist nur weil ich so bestimmt unter dem Gedanken stehe, dass ich mich "1919" verloben werde; und daran würde mich ein ungelöstes Londonproblem hindern; deshalb muss es so oder so gelöst werden, durch Lösung oder Bindung, einerlei. Wie das dann für dich und mich wird, das kann ich nicht denken, heute. Du magst Recht haben, dass es zuerst unmöglich für sie, für jede Sie, sein würde. Aber auch das ist ja nur ein Gedanke. Er kann sich mir nicht hemmend an den Fuss heften. Das hat uns beide, jeden für sich, das Leben gelehrt, dass es im Leben nur ein Vorwärts giebt und dass alles scheinbar Unmögliche nur dadurch möglich wird, dass man es - verwirklicht. Wir können uns einander gar nicht anders bleiben, als indem wir uns lassen, immer aufs neue, und uns immer aufs neue wiederfinden. Würden wir bleiben wollen, express, so würde uns die Planke des Lebens unter den Füssen wegtreiben; wir müssen auf der Planke stehen bleiben, jeder auf seiner, aber so wird uns das Leben nicht auseinander führen, sondern immer wieder zusammen. Liebste Seele, war es denn je anders, ist es denn heut anders? Reisst uns nicht jeder Augenblick voneinander, und läge ich dir Herz an Herzen; und führt uns nicht jeder Augenblick, wenn wir uns lieben und weil wir uns lieben, wieder zusammen?

                                                Ich liebe dich ----- 

                                3.IV.[19]

Liebes Gritli, also ich fahre nicht nach Berlin (ich werde an das Postamt Linkestrasse telegrafieren, dass sie mir deinen etwaigen Brief zurückschicken; ich war so ganz ohne Lust; es wäre doch nichts als Paragrafenformuliererei geworden und die ist mir so gleichgültig. Auch aus Heidelberg im Anschluss an Frankfurt wird nichts, denn Hans und Else gehen nun doch nach München; so bleibt Frankfurt der einzige (vorläufige) ruhende Punkt. Es ist schade; von Heidelberg wäre es vielleicht nah nach Säckingen gewesen. Ein bischen ist es auch um das Zusammensein mit Hans schade. Obwohl ich ja Eugens Abwehrgefühle gegen ihn auch habe; du bist die einzige die ihm wirklich glaubt (Rudi allerdings wohl auch). Es ist ja vielleicht jetzt bei mir einfach etwas Missgunst, dass er schon so mittendrin ist und ich bin noch immer vor dem Tor. Die Akademie empfinde ich ja jetzt gar nicht mehr als meine Sache, seit sie so vornehm und gelehrt geworden ist.

    Gestern Abend waren Jonas und ich bei Trudchen. Das Loebkind war ganz hinreissend. Es erzählte und zeigte viel von der Odenwaldschule. Das Beste scheint das Nebenher zu sein, z.B. die ganze Maria Stuart (ungekürzt), Don Carlos, jetzt der Avare französisch. Kostüme vom Frkfurter Theater; die Leistungen z.T., wie Gruppen-fotografien zeigten, ausserordentlich. Der Unterricht selbst wird von den Kindern ebenso abgelehnt wie an andern Schulen auch. Eine Religionstunde von Geheeb selbst lernte man aus einer momentfotografischen dramatischen Szene kennen; viel Auswendiglernen von Sprüchen (statt "Himmelreich" "Reich der Himmel" weil es doch basileia twn oujranwn heisst!), wogegen die Kinder passive Resistenz üben. Einen Jungen, der sich nur für Elektrotechnik interessiert, weckt Geheeb aus dem Schlaf: Jesus hat zwar für die Elektrotechnik nicht das mindeste geleistet, aber du kannst doch aufpassen. Die Besprechung offenbar so phrasenhaft drüberstehend wie man sichs schon nach "Reich der Himmel" nicht anders erwartet. - Trotzdem natürlich für die Kinder herrlich, eben durch das Nebenher.

    Du fragtest gestern nach dem Bodensee? Ich bin ja auf deine Berge nur deshalb eifersüchtig weil ich sie nicht mitlieben kann, ich liebe sie nur exzentrisch (in jedem Sinn), (ich empfinde die Zeiten wo ich sie geliebt habe, nachträglich als verstiegen - ein sehr passendes Wort hier). Deshalb war ich froh als du den Bodense mehr liebtest. Da bin ich ganz bei dir. Ich weiss nichts Schöneres, etwa noch neben dem Vierwaldstädter (wo ich mich immer über das Haus des Arztes in Vitznau freute, das in Stein gehauen hat: ού ποτ’ έγω γε ής γαιης δυναμαι γλυκερωτερον αίεν ιδεσθαι). Ich war 1908 acht Tage in Meersburg und von dort überall herum. Seitdem war es jahrelang mein Traum, einmal am Bodensee zu leben, die positive Seite zu meiner negativen Zukunftsidee, der Nicht = Habilitation. Erst seit 1913 habe ich diesen Traum entlassen. Er hatte mich so sehr beherrscht, dass damals Rudis erstes Wort war: nun ists aber nichts mit dem Bodensee. Wenn ihr "irgendwo" leben könntet, à la Johannes Müller (ich wünschte euch aber mehr: "Cöln" und nicht irgendwo) ("irgendwo" ist protestantisch), aber wenn, so solltet ihr dort hin ziehen; so könnte sich doch wenigstens besuchsweise mein Traum erfüllen.

            Leb wohl bis morgen, du Traum und Erwachen meines Herzens, - du -

                                                            Dein

                                                                                                                                 4.IV.[19]

Liebes Gritli, in der Bahn nach Göttingen - das ist der Rest meiner Berliner Reise. Ich bin dabei wieder so müde wie das vorige Mal. Gestern nach Wätzolds Vortrag war er (mit Gronaus) nämlich noch bei uns. Er ist ein netter Kerl, Gronau neben ihm noch unerträglicher wie sonst. Er erzählte sehr merkwürdig von dem jetzt durch die Revolution verrückt gewordenen Kunsthistoriker Warburg (aus Hamburg), einem Gelehrten der mit riesigem Geldaufwand, den er sich leisten kann, nur Sandkörner von Ergebnissen fertig kriegt. Es war wie eine ganz fantastische Novelle.

            Mit Gertrud hatte ich heut Morgen wieder eins ihrer dollen Gespräche. Es ist ein sehr merkwürdiges Kind. Wäre sie nur ein bischen älter, so würde ich mich unfehlbar in sie verlieben. So ist aber, bei aller Verstandesreife, noch etwas Unerwachtes in ihr, das man zu erwecken sich scheut. Sie ist eben doch noch ein Kind, und ihre Klugheit wirkt deshalb fast wie Altklugheit, obwohl sie gar nicht Züsbünzlihaft herauskommt, sondern ganz überraschend. Um ihre Schönheit ists schade, dass Jonas sie malt; er kann einfach nicht genug dafür. Dabei hat sie sogar ganz das Bewusstsein, mitzuarbeiten, und spricht von dem Bild auch per wir, wie ich von meinem.

            Ich will noch etwas vorschlafen, für Rudi. Heut vor einem Jahr ist Cohen gestorben.

                                     Dein Franz.

                                  5.IV.19.

Liebe, ich bin schon heut Nachmittag wieder zurückgefahren. Es war nur dein Telegramm da, noch kein Brief seit dem verschnupften kleinen, dafür einer von Eugen an Mutter. Hast du ein oder zweimal nach Berlin geschrieben? Bei Rudi habe ich nochmal Eugens Kaisertoast von 1919 vorgelesen; nun will ich ihn dir morgen schicken, so kannst du ihn selber noch zu Mündel bringen und mit ihm lesen (er ist nämlich grossenteils sehr schwer zu lesen). Mir hat er überhaupt noch nichts geschickt; er schreibt: da ich es ja doch nicht drucken lassen wollte, so wäre es ja nicht eilig. Kann man gegen ein solches "Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?" überhaupt noch was sagen?! Rudi hatte zwei neue Predigten, stark politisch zeitgeschichtlich (Lothringer Schlacht, Hindenburg, Russland), sehr gut rückgestimmt auf 1914, sodass man kaum denken würde, sie wären erst von jetzt, nun wird es sich bald wieder zuspitzen, sodass der Schluss wieder auf die Höhe des Anfangs steigt. Aber im Augenblick scheint er zu stocken. Ich wollte, er würde zum Spätsommer fertig. Dann müsste er versuchen, ob es Rade für die Chr.W. annehme, von Advent bis Advent zu drucken, und nachher als Buch. Das wäre doch schön. Eine wirkliche grosse und tiefe Verbreitung. Ein ganzes Jahr würden die Leser mit ihm leben. Das ist ja das gleiche wie Eugens ganzer Tag, wo er sie las. Jede Predigt füllt etwa 2 1/2 Spalten grossen Drucks in der Chr.W., also gar nicht zu viel.

   Er selbst ist übrigens noch gar nicht wieder im Stand, er ist so müde wie ich nach meiner Grippe und hat selber noch das Gefühl, das noch etwas in ihm steckt. Das Kind war diesmal zutunlicher, aber doch sehr ernsthaft. Ich habe ein ganzes Buch Mereschkowskischer Aufsätze bei Rudi gefunden, ich schicke es euch in diesen Tagen. Es ist sehr aufregend. In der Bahn hierher liess es sich ein alter Herr von mir geben, der sah, dass ich darin gelesen hatte, und wurde ganz sichtbar aufgeregt und begeistert, ich schielte immer zu ihm herüber. Er hatte auch mit sicherem Instinkt gleich den stärksten Aufsatz, den letzten, gegriffen. Mit Helene habe ich mich über Clara veruneinigt; ich strich Else gegen Clara heraus, und das wollte Helene gar nicht wahrhaben. Rudi wandte sich dabei kurios unterm Pantoffel. Freilich lobe ich Else auch lieber als ich sie - lese, nach dem Lessingschen Sprüchlein. Das ist schon das zweite Lessingzitat in diesem Brief - es ist wirklich Zeit, dass ich schliesse (denkst du noch an unsern Nathan = Abend?). Ich bin in einer Beziehung gespannt auf deinen Brief aus Freiburg (Freitag fahre ich nach Frankfurt, Basler Hof), nämlich auf ein Wort, dein Wort, über den lebendigen Reim auf Sittah, das im jüdischen Haus so erfreulich konfessionslos aufgewachsene Christenkind. Aber schreib doch bitte lieber bald wieder aus Säckingen -

                                    Dein Franz.

                                 6.IV.[19]

Liebes Gritli, ich glaube, ich habe den Brief an dich doch nach Säckingen geschickt! wie ich ihn einwarf, merkte ich es. Der Mereschkowski geht auf dem Umweg über Rudi Hallo an euch. Es steht unglaublich viel drin. Es ist doch 1000 mal wichtiger, dass so einer als dass Spengler unser Zeitgenosse ist. Von dir kamen die Drucksachen und die Briefhüllen. Von Berlin aber noch nichts zurück und von Säckingen noch nichts wieder. Bitte bitte -

            Über Hansens Kirchenzeitungsartikel war die Gruppierung wieder die nun schon gewohnte: (du und) Rudi gefangen, Helene, ich (und Eugen) misstrauisch. Ich bin ganz sicher, dass die Paranthesen stimmen. Aber ich habe übrigens ein starkes "Misstrauen gegen mein Misstrauen"; vielleicht bin ich nur neidisch.

            An Mereschkowski wird einem auch klar wie unsinnig das Bündnis Russlands mit der Entente war. Stimmen wie diese sind ja freilich in Deutschland auch nicht laut geworden, - leise wohl, aber es war eben bezeichnend, dass sie leise blieben, ungedruckt wie unsre oder ungelesen wie Pichts. Mereschkowski ist aber doch ein berühmter Mann, und die haben bei uns wohl alle versagt. Die blosse Objektivität der Marckse und Meineckes, die eben bloss objektiv sein konnte, weil sie eine "grosse historische Linie in dem gegenwärtigen Geschehen nicht zu erkennen vermochte", zählt ja nicht.

            Von Heidelberg habe ich eine jüdische Einladung zu einem Vortrag gekriegt, für Juli - und zwar auf Anlass von Hans! vielleicht fahre ich doch noch von Frankfurt aus hinüber, Weizsäcker soll ja auch wieder da sein. Es ist freilich eine dumme Vorstellung, dass bei so einem Vortrag Hans und Else und Weizsäcker und - Philips Publikum sein werden. Von Berlin noch immer kein Wort, und am 19. hatte ich geschrieben.

            Ich schrieb dir nach Säckingen, du könntest dir III 3 von Mündel mitnehmen; es wird ja leider doch noch lange dauern, bis er so weit ist. Entweder ihr entziffert es selber, oder wenn wir uns einmal sehen, lese ichs euch vor. Ich möchte dich bald wieder sehen, d.h. meine Ohren verlangen noch mehr nach dir als meine Augen. Die Augen halten ihre Erinnerungen viel besser dicht als die Ohren. Bis ich wieder "deine Stimme höre", musst du wohl noch ein bischen schreiben.

                        Liebe -            

                                    Dein

                                  7.IV.19.

Liebe liebe, es kamen drei Briefe auf einmal, die beiden Berliner und ein Säckinger; du hast so recht mich auszulachen von wegen meiner Unabhängigkeit - o weh! nun habe ich mich recht einwickeln und in die Arme nehmen lassen, es war doch über eine halbe Woche. Der Koffer geht also nun als Eilgut ab, Frachtgut wird gar nicht angenommen; hoffentlich kommt er nun an, ehe der Sommer herum ist.

(Rasieressig habe ich herausgenommen, ein paar schöne grosse Kouverts auch). Mutter hat gestern Abend einen Brief an Eugen geschrieben, ich sah schon an der finsteren Miene, was drin stand, auch fragte sie mich einmal wie man sagte: Surrogat oder Surrugat. (Das geht natürlich auf dich). Heut morgen sagte sie mir aber, ich sollte nicht etwa den Brief an Eugen abschicken, der unten läge; sie würde ihn vielleicht nicht abschicken. Ausser der Surrogattheorie steht natürlich noch eine Anfrage wegen Berlin drin. Wenn sie den Brief doch noch schickt oder einen neuen, so bleibt gar nichts übrig als Eingestehen; aber vorläufig kann man abwarten, ob sie ihn schickt. Es ist sehr eklig, es verdirbt mir nachträglich noch Berlin, - nein doch nicht. Noch etwas: den langen Diktatbrief habe ich gekriegt und mit einem noch längeren beantwortet; der scheint aber nicht angekommen zu sein. Er war an dich adressiert nach Säckingen, obwohl drinnen nur an Eugen. Nun kann es sein, dass ich statt Säckingen Leipzig oder München geschrieben habe. Hast du ihn also noch nicht, so schreib zwei Postkarten an Hauptpostamt Leipzig und Hauptpostamt München und behaupte in jeder keck, es sei Ende März von Kassel ein Brief an dich gegangen und versehentlich ohne nähere Angabe einfach nach L. (bzw. M.) adressiert und du bätest u.s.w. Ich glaube, die Post bewahrt Unbestellbares zunächst eine Weile auf, ehe sie es vernichtet. Es lohnt sich, den Brief zu retten, er handelt von Spengler. - Die neuen Predigten schicke ich bald, tut sie (und die Berliner) doch zu eurem Exemplar und schickt das Ganze dann an Hans.

            Die Schule bleibt immer noch; Eugen müsste mal eine sehen. Er wäre ja nie der einzige Lehrer, auch haben es die Landerziehungsheime nicht so mit dem Begriff der "Tüchtigkeit"; der spukt auf den städtischen Gymnasien, bei den Oberlehrern (so übersetzen sie jetzt "virtus".)

            Die Schweitzer = Predigten gehen via Rudi zurück an dich (oder gleich an Picht?) - Das sind ja lauter Bestellungen, und dabei bin ich so voll von Glück aber in diesen Brief will gar nichts hinein - geht es schon wieder nicht mehr mit dem Schreiben? aber es ist doch noch ganz unwahrscheinlich dass wir uns bald sehen; ich will nicht früher daran denken, ehe irgend eine Aussicht ist. - Wie schade, dass du nicht doch nach Heidelberg gefahren bist. - Auf die Frage, ob die Ungarn recht haben wird ja nun in München das Experiment gemacht. "Meinungen" sind immer heute so morgen so, nicht bloss bei dir; erst Erfahrungen sind jenseits von so oder so. Und die werden uns schwerlich erspart. Die Unsicherheit des Lebens jetzt ist eigentlich eindringlicher als sie im Krieg war. Da hatte man im ganzen und von vorherein auf Sicherheit verzichtet. Jetzt macht man den Anspruch darauf und erfährt täglich einzeln, dass man kein Recht dazu hat. - An der bodenlosen Gemeinheit der Franzosen zweifle ich keinen Augenblick. Aber leider doch an der deutschen auch nicht, wenn sie auch wohl nicht bodenlos war. Ich will sehen, dass ich dir noch einen Aufsatz von der Alice Salomon herausfinde, aus dem B.T. von gestern, worin sie, auch sie, jetzt den Schrei nach Bekennen ausstösst, den wie es scheint, nur Juden und Judenstämmlinge ausstossen und über den der Deutsche, ob Christ oder Unchrist oder "Jude", in so masslose Wut gerät. Das war ja auch der Fall Eisner. Allerdings getrübt dadurch, dass man es immer auf die "andern" (die "Militärs" u.s.w.) ablud. Auch Rathenau hat jetzt in seinem Büchelchen über den Kaiser ihn als Exponenten der deutschen Gesamtschuld und des deutschen Gesamtschiksals beschrieben. Und Eugen auch. Aber die Wachs möchten all solchen Dozenten die Visua entziehen. Die Welt ist noch sehr jung. Und Eugen und Mereschkowski sagen, sie sei am Ende. Offenbar ist das beides das Gleiche. J.Müllers Buch ist nicht zwingend, er selbst auch nicht, und doch ist etwas da, eben wohl bloss das, was Eugen seine "Echtheit" nannte; und das ist doch sehr viel. Der Erfolg beweist doch in solchen Fällen. Weshalb ist mir sein Name eingefallen, als ich mich besann?

            Hansens Artikel wirst du wohl nochmal gelesen haben, wenn dir Eugen von Heidelberg erzählte.

            Ich habe das Gefühl, ich müsste über diesen Brief herausspringen, unmittelbar zu dir, nur eine Sekunde, nachher könnte dann der Brief seinen Schneckengang ruhig gehen. Aber das Siegel war ja doch noch ganz warm ---

            Ich bin dein dein dein.

                                                ---------

          8.IV.19.

Liebes Gritli, ich habe eben an Hans telegrafiert, absichtlich so, dass ihr mir leichter ab= als zutelegrafieren werdet (an die "sonstigen Sturmzeichen" glaube ich nicht so recht, obwohl es seit Tagen auch hier in der Luft liegt, und die häuslichen - lieber Gott, ich hätte nicht gedacht, dass Mutter so blass werden würde, wie sie wurde als ich ihr sagte, vielleicht führe ich zu euch nach H., jetzt hat sie sich aber schon wieder zusammengenommen und findet es offenbar selber ein bischen komisch, sodass dies Gewitter also wohl keinesfalls ausbrechen würde; aber ich wusste nicht, ob ihr mich jetzt braucht (nicht "brauchen könnt" - das sicher nicht, sondern wirklich: braucht). Wenn, so ist auch jetzt noch Zeit mir zu telegrafieren, Reiseausweis habe ich schon, Koffer packe ich morgen früh, ich kann mit dem jeweils nächsten 5/37 oder 1/15 Zug auch Donnerstag und zur Not sogar noch Freitag fahren (ich würde dann einfach nach Frkft. erst zur Hochzeit selbst, am Sonntag fahren). Ich habe mich sehr geärgert, dass aus der Disputation ein "Vortrag" geworden ist; das ist viel mehr "Experiment" in dem von Frenger[?] befürchteten Sinn als die Disputio. Und die Angst vor Experimenten und "Ironisierung" - das ist doch ein herrlicher Zug bei einem "Revolutionär". Vielleicht entwickelt sich aus dem Vortrag doch noch die Disputá, aber es wäre nicht das Richtige. Es ist grade wesentlich, dass nicht der Vortrag mit "anschliessender Disputation" angekündigt wird, sondern das Disputieren als etwas für sich, was keinen Vor = trag braucht, sondern sich selber trägt.

            Über Weidemann bist du wohl etwas zu sehr erschrocken (du hattest mir doch noch nichts davon geschrieben), das gehört zu den vielen Dingen, die nachher doch anders werden. Nämlich wegen Weidemann, der bleibt nämlich nicht auf lange. Dass Eugen nun Konsequenzen aus seinem Brief ziehen muss, ist ja nur gut; der Brief war ja nur deshalb unheimlich weil man sich fragen musste: was nun? Nun verkehrt er seinen Nachtwächterruf selber in einen wenigstens persönlichen Hahnenschrei und sagt ihm: komm zu mir. (Während er ihm in dem Brief gesagt hatte: Geh zum Teufel --- denn die Glock hat 10 geschlagen). Und das ist freilich Liebe - was sonst. In der christlichen Liebe steckt immer ein Stück Herrschsucht mit drin, die Ecclesia ist ja immer militans, weil sie ja aufs Triumphieren ausgeht. Das ist der fremde Tropfen, das "irgend etwas andres", was du in Eugens Gefühl für ihn verspürtest. Der gehört aber einfach dazu. Aber du? du musst ihn nicht mitlieben. Das Mitlieben (auf die Melodie: "les amis de mes amis sont mes amis") ist immer ein heidnisches Lieben; wenn du ihn ohne "auch", ohne "mit" einfach mit deinem eigenen Herzen lieben kannst, ist es gut, wenn nicht -- dies ist der Punkt, wo die Ehe sich nie restlos ins Christsein lösen lässt; da bleibt immer ein sich gegenseitig Tragen und sich gegeseitig Lassen. Man wird nicht Ein Mensch, man wird Ein Paar. - Das was dir an Eugens Gefühl für W. unzugänglich oder nein: aber unfühlbar ist, ist Eugens Verlangen nach dem "Zwanzigjährigen" (dem Nachkriegsmenschen), und das ist grade jener Tropfen "Herrschsucht" in seiner Liebe. (Denn die Herrschsucht ist es, die weiss was die Liebe vergisst: dass der andre ein Alter, ein Junger, ein Mann ein Weib, ein Berühmter, ein Armer und sonst was ist; die Liebe selber weiss nur, dass es der Nächste ist, und sucht sie zu diesem "der" die Gattung, das "ein", so könnte sie nur sagen: ein Mensch oder gar: ein Geschöpf.

            Um dies fürchte ich nichts. Viel mehr hat mich die böse Aussicht mit Säckingen erschreckt; ich bin, ebenso Laie, ebenso pessimistisch wie du. Übrigens aber sind wir alle in der Höhe des Polyphem und das höchste wessen sich einer getrösten kann ist dass er zuletzt gefressen wird; ans Geldverdienen werden wir alle denken müssen. Du aber nicht, da kommt nichts heraus (genau so wie Sparen nicht damit anfängt, dass man von Freiburg nicht nach Heidelberg reist); nur wenn du irgendwie Eugen in seinem künftigen Geldverdienberuf hilfst, das ist das einzige. Und zuerst, nämlich bis die Zeitrechnung geschrieben ist, könnt ihr ruhig vom Kapital leben. Tausendmal schlimmer als für euch ist ein solches Umstellen für die Eltern. Mit "Basel" musst du nun jedenfalls warten, bis sich das entschieden hat - aber deshalb und nur deshalb; man wählt sich nicht die Unbehaustheit. Was würden die Eltern denn tun, wenn es soweit kommt? in die Schweiz gehn? und könnte dein Vater etwas andres anfangen? Du schreibst mir ja bald, - wenn wir uns nicht doch vorher sehen. Es wäre ja lächerlich, ich bin in Frankfurt, ihr in Heidelberg. Mutter ist jetzt schon ganz beruhigt. Nichtwahr, du telegrafierst mir noch, wenn du mir auf mein Telegramm hin abtelegrafiert hast.

            Von Hans wirst du gehört haben, wie gut sich meine Hegelsache anlässt: Rickert beisst an. Die Hildebrandplakette ist ganz herrlich, wirklich einmal eine voll erfüllte Hoffnung - (wann kann man das eigentlich sagen, doch sehr selten? es geschieht oft, dass Hoffnung betrogen wird und oft dass die Erfüllung alle Hoffnung weit unter sich lässt, aber eine voll erfüllte Hoffnung, das ist etwas ganz Seltenes.

            Liebe, was mit uns geschehn ist, ist von der mittleren Art, wo die Erfüllung über alle Hoffnung geht.

                                    Dein.

Mutter lässt Eugen bestellen, dass sie mehrere Briefe an ihn zerrissen hat und einen aufbewahrt, damit er ihn "in ein paar Jahren lesen soll". "Obenheraus" mag sie ihm nicht schreiben und "innenrein" zu schreiben unterlässt sie "aus Klugheit". - Du siehst, es donnert noch.

                             9. [?] IV.19

Liebes Gritli, ein etwas schäbiges Kleid, ich will es auch nur mal probieren; ich habe noch ein paar Blätter von dem schönen. Der Tag war wirklich lang genug; um Mittag kam dein Brief. Ich sitze bei Weizsäcker, er ist herunter auf seine Station gegangen. Ich weiss nicht, es ist mir eigentlich doch nicht Angst um Hedi. Wenn es Marthi wäre, ja. Aber Hedi habe ich immer wie etwas Fertiges empfunden, so als ob ihr kein Schicksal mehr bevorstehen könnte. So nimmt ihr diese frühe Entscheidung nichts fort; es wäre auch so nichts weiter gekommen. Und dass er "stumm" ist und eine Mischung aus "Schwerblütigkeit" und Philistrosität - so etwas verliert sich nicht gleich und verliert sich eigentlich überhaupt nie. Da langt es dann eben nicht zur Seligkeit, nur zum Glück, aber das ist auch schon etwas. Und vor allem: für Hedi selbst ist damit wahrscheinlich nichts abgeschnitten, ihr Leben ist wohl im Grunde auch eingespannt in das Entweder - Oder von Glück - Unglück, nicht in das von Leid - Seligkeit. Du darfst sie nicht aus dir heraus verstehen, sie ist doch sehr anders. Wie nehmen es denn die Eltern, vor allem deine Mutter??

            An die Mama Curtiussche Erziehungsmethode glaube ich doch nicht, jedenfalls nicht im Haus Hüssy. Es ist schliesslich doch etwas Unvorbereitbares bei der Ehe und das ist das Eigentliche. Es fängt eben schliesslich doch alles erst bei der Eheschliessung selber an, nicht schon bei der Verlobung. Und wie es dann wird, im wirklichen Zusammenleben, da lässt sich gar nichts voraussagen. - Ich habe mir Hedi immer nur in einer normalglücklichen Ehe vorstellen können. So habe ich auch seit Säckingen selber, obwohl du mir doch deine Besorgnis vorher gesagt hattest, gar nicht mehr daran denken müssen, wie es doch sicher gewesen wäre, wenn mich der Gedanke gequält hätte.

            Weidemann? Liebes Gritli - "Zuneigung"??? es war doch etwas ganz andres in jener Nacht in der Stiftsmühle. Meinst du, das bliebe in dir verschlossen, was da in dir vorging? und willst es nicht wiedererkennen in dem Wiederhall, der aus ihm kommt? bloss weil er mit dummen jungenshaften Scheidungen dir erzählt, es sei "nur sinnlich". Würdest du dir glauben, wenn du dir erzählen wolltest, jenes Gefühl bei dir sei "nur geistlich" gewesen? Giebt es solche Nurs? Und wenn überall, hier nicht. Vor ein paar Abenden habe ich im Einschlafen deine Antwort an ihn geträumt. Ungefähr das hast du ihm da gesagt und hast ihm nicht von Zuneigung gesprochen, sondern von dem was in deinem Herzen ist, von Liebe. Wenn ers in seinem 20jährigen Cynismus nicht wahrhaben will und meint alles habe sich "trivial aufgelöst", - du kannst es ihm sagen, vielleicht nur jetzt, dass das Leben keine Trivialitäten und Auflösungen kennt, sondern seine Knoten verschlungener schürzt als dass wir sie auflösen könnten. Vielleicht nur jetzt ist er fähig das zu hören, vielleicht sonst von jetzt an viele Jahre nicht mehr. Ist es wahr und hast du ihm "kläglich" geschrieben, so schreib ihm noch reich hinterher. Du hast ja im Überfluss, - gieb.

            O du Geliebte, auch ich, ich neige mich zum Überfluss deines Herzens. Lass mich trinken - immer und immer.

                                                Dein - Dein -

                      [vor] 14. IV.19]

Liebes Gritli, nur ein Grüsschen - der Zug geht bald. Ich schrieb Mutter eben schon von der Predigt. Es war nicht bloss das Wie, sondern z.T. auch der Inhalt, der mich so ergriffen hat. Es schlug nämlich etwas in die Kerbe, in die Eugen in Säckingen geschlagen hatte, als er mir vorhielt weshalb ich eigentlich den Zionismus in seinem jetzigen Verwirklichungsstadium nicht für end = gültig nehmen wollte. Die Predigt flocht ein paar Stellen zusammen und erklärte daraus: das Volk habe sich nicht befreien lassen wollen - wie hätten sie sonst noch Brot backen können und gar noch sich ärgern, dass sies nicht mehr hätten säuern können und es gar noch heute "Brod des Elends" nennen (als ob nicht das gesäuerte Brod, das sie bis zu jenem Tag gegessen hätten, das wahre Brod des Elends gewesen wäre und dieses vielmehr das Brod der Befreiung. Und so sei es nach einem "fast blasphemisch klingenden Wort Rabbi Akibas: ""eine Übereilung Gottes"" gewesen - jene erste Befreiung also eine Übereilung Gottes!!! Das Volk war nicht reif - aber Gott kümmerte sich nicht darum. -

            Und wir wollen uns darum kümmern??? wo wir das was wir sind nur sind weil Gott sich übereilte?

            Ich schreibe dir wohl heut Nachmittag noch weiter. Ich habe dich sehr lieb. Ich bin bei dir und Weidemann.

                                                Dein Franz.

                                 14.IV.19

Liebes Gritli,  das war eine schwere Blamage gestern, mein Toast; es ist also kein Rabbiner an mir verloren gegangen; das kann ich nicht. Ich war sehr down infolgedessen. Übrigens sind die Züge so dass sie erst heut nach Heidelberg können, aber auch im übrigen war mein Antippen bei Hans erfolglos; Else behauptete, so "zartfühlend" seien Putzi und Eva nicht. Und im übrigen - Putzi ist gar nicht so schlimm und Eva liebt ihn doch - "gewaltig wie der Tod ist Liebe" wie der Rabbiner immer wieder versicherte, es ist doch ein bedenklicher Text, den sich Eva da ausgesucht hatte. Vorher sangen sie ihr ein Bachduett aus einer Kantate (wachet auf ruft uns die Stimme) auf den Text vom Siegelring (als Bassrezitativ) und "mein Freund ist mein" als Duett. Danach den Marsch aus Figaros Hochzeit. 

            Ich habe Mutter noch allerlei geschrieben, du wirsts ja zu hören kriegen.

            Je mehr ich daran denke, um so mehr würde ich meinen, es wäre gut, du führest mit Weidemann (falls der Bär so weit gezähmt ist, dass er mitgeht) zu Rudi. Er muss doch einfach sehen, dass es noch mehr als Einen Menschen giebt, oder da er das ja nun schon sieht, auch noch: dass es noch mehr als einen Mann giebt. Auch dadurch verliert das was ihm droht das Gewaltsame (freilich auch das ganz Unbedingte, - aber darf es das denn haben? vertritt ihm Eugen in seiner Einzigkeit nicht jetzt das Licht, das von einem Lenter [?] ihm kommen müsste? Erst wenn er Eugen und (z.B.) Rudi sähe, würde er den "Verfasser" sehen " der hinter den Blättern steht", und von ihm sich vergewaltigen zu lassen, vor ihm sich zu verlieren, von ihm sich lieben zu lassen würde er nicht ablehnen. Er muss ja alle Liebe, die ihm wird mit Hass beantworten, solange es nur Liebe der Menschen ist und also fesselnde, umstrickende, fangende. Erst wenn er sieht, dass die ihn lieben selber es nur können weil sie sich lieben lassen, erst dann wird er die Scheu vor ihm aufgeben.

            Liebes Gritli -- -- -- Liebes Gritli, ich bin nah bei dir und weiss genau, dass es gut gehen wird mit dir und ihm. Meine Unsicherheit bleibt über dem was zwischen ihm und Eugen geschehen wird. Weisst du, dass Hans ganz selbstverständlich davon spricht, dass Eugen einer der Ortredaktöre der überörtlichen Zeitung werden soll, zu deren Gründung sie nach Stuttgart gehen? Hans meint, wenns so weit wäre würde er schon bereit sein. Aber das hiesse ja Grossstadt, mindestens Nähe von Grossstadt. Weidemann wäre allerdings da länger in der Nähe zu enthalten als in Unterschüpf.

            Bring mir bitte, ausser den Zigarren auch Briefpapier mit; es

liegt ja welches auf dem Schreibtisch. Deinen Brief las ich gestern noch vor der Hochzeit und Abends nochmal. Es wäre besser gewesen, ich hätte ihn noch in Kassel gekriegt; denn dann hätte ich die erste Nacht in der Stiftsmühle - besser geschlafen ---: durch die zwei Zeilen: "das meinte ich damals, d.h. Eugen glaubt das und ich weiss es einfach noch nicht". Nein, wahrhaftig: du weisst es einfach noch nicht, und du darfst es nicht glauben. Es geht manchmal so, dass sich ein ganzes Bündel von Schwierigkeiten in einer Nussschale zusammenlegen lässt; dies ist so eine Nussschale. Erhalte dir dieses Noch-nichtwissen, dieses einfache Nochnichtwissen - es hängt die ganze Echtheit und Wahrhaftigkeit von allem was geschieht daran, an diesem deinem Einfachnoch-nichtwissen. Ohne dies ists ein Gewaltsturm auf das Himmelreich. In tyrannos - wie konnte Eugen das zitieren! es richtete sich doch in jenem Augenblick ganz gegen ihn.

            Von Rudi bekam ich Eugens Brief nachgeschickt, ich lasse ihn erst dich sehen, ehe ich ihn zurückschicke; es steht etwas darin, was wir zusammen lesen müssen.

            Wie bist du gefahren? die Züge sollen bös voll sein. Dann kommt der Ostertrubel, wenn auch zeitgemäss verkleinert - aber doch -.

            Es ist noch keine 24 Stunden her, mein Kopf liegt noch in deinen Armen, wir sind so stille ineinander, ganz still mein und

Dein

             Dienstag [15.IV.19 ?]

Liebes Gritli, es ist wirklich Frankfurt, ich sehe es mir bei Licht an und treffe überall auf nächtige Bekannte. Sind wir denn damals so viel herumgelaufen? Wenn du hierherkommst, werden wir wahrscheinlich wieder einen Tag hier sein müssen, wohl oder übel; denn der Kassler Zug soll 7[:]27 kommen, der (einzige) nach Heidelberg fährt 7[:]40. Höchstens könnten wir des morgens früh vor 5 über Eberbach fahren. Hoffentlich bleibt wenigstens dein 1[:]15 Zug bestehn. Es ist wieder eine schwierige Reisezeit. Ob du nach Göttingen kommst? Morgen kommt wohl ein Brief.

            Nobel, als er noch in Hamburg war, sah einmal während der Predigt plötzlich einen grossen, sehr breitrandigen hellen Hut, und erkannte daran, dass Cohen da war. Nun sprach er davon, dass das Unendliche überhaupt die Grundlage des Endlichen sei, nicht umgekehrt, und führte das dann auf das Verhältnis von Gott und Mensch weiter. Wie Cohen hörte, wie er so von der Kanzel herunter gepredigt wurde, "fing er plötzlich (erzählt N.) wie ein Kind zu weinen an" und begleitete von da ab bis zum Ende die ganze Predigt mit Nicken und allerlei Zeichen lebhaftester Teilnahme. Für Nobel hatte die Sache aber eine sehr angenehme Folge: es war ein Zionistenkongress in Hamburg und er, als Zionist und Rabbiner, sollte ihn von der Kanzel begrüssen, hatte aber gleichzeitig vom, natürlich antizionistischen Gemeindevorstand, die Weisung, zwar den Kongress zu begrüssen, aber nicht zionistisch! Wie nun der Vorstand sah, dass Cohen weinte, waren sie alle ganz beruhigt, achteten gar nicht auf das Mehr oder Weniger von Zionismus und meinten, antizionistischer als Cohen brauchten sie ja auch nicht zu sein.

            Ich habe von Sommers ein Billet zur Passion morgen geschickt gekriegt, ich habe nicht die mindeste Lust; ich habe den Sinn für die Kunst, als solche, fast ganz verloren, ich merke es wieder daran. - Die Kantate habe ich hier gekriegt - komm und hole sie.

            Mittwoch [16.IV.19?]

Liebes Gritli, heut morgen kam der Brief vom Montag. Ich wünschte sehr, es käme aus Stuttgart irgendwas heraus; leider kommt Steiner selbst wahrscheinlich erst Dienstag (d.22.) hin. Vielleicht wirst du von hier aus gleich Eugen nach Stuttgart nachfahren oder ich selbst, wegen der Wirkung von Weidemanns Brief (falls er ihn gekriegt hat, und falls ihn nicht ein neuer Brief überholt hat). Aus dem Zu euch kommen Weidemanns wird ja aber auch, wenn du ihn zurechtgekriegt hast nichts werden. Man kommt nicht bloss zu Menschen. Das "Folge mir nach" hat kein einziger Heiliger der Kirche dem, der es gesagt hat, nachgesprochen. Es fällt wieder in das Gleiche, dass Eugen im Augenblick nicht Heiliger zu sein prätendierte, sondern ganz etwas andres. Das ist natürlich "Wahnsinn" - Weidemann hat ganz recht empfunden - aber Eugen ist der Kranke und der Arzt in einer Person, und das ists was das Genie vom "Wahnsinn" unterscheidet: der Wahnsinnige ist nur Kranker, der Normale nur Arzt und allein das Genie ist beides. Und eben da fängt meine Sorge an (wie du weisst): dass Eugen das hohe Fieber plötzlich durch eine Pferdekur kurieren wird; ich fürchte also grade nicht den Kranken in ihm, sondern den Arzt. Mutter schreibt etwas zur Sache: "Man soll sichs doch immer sehr überlegen ob man bei Andern eingreift, wenn sie Einen nicht selbst heftig heranholen. Der Mensch kann und soll sich eigentlich nur selbst helfen, wenn es ganze Lebensarbeit zu tun gilt". Das ist natürlich falsch. Der Mensch kann gar nichts selbst, sicher nicht "sich helfen". Aber der andre kann ihm auch nicht "helfen", weil er eben auch ein Mensch ist und d.h.: weil er eben auch nichts selbst kann. Wann hilft man denn in Wahrheit andern? Doch nur wenn man nicht wollte, wenn man etwa sich seiner eignen Haut wehrt. So hat mir Eugen damals 1913 geholfen, ohne selbst überhaupt etwas davon zu merken (ausser dass er glaubte, sich gegen mich verteidigt zu haben). - Es giebt nur ein Helfen, das man wollen kann. Das ist das Primitive, das leibliche helfen, das "Gut sein" zu einander, - das weswegen Eugen dich zu ihm schickte. Aber Eugen wollte nicht wahrhaben, dass das Recht des Leiblichen viel weiter geht: und dass auch sein Weidemannhelfen einen Leib haben muss, sonst verstört er ihm die kaum aufgeschlossene Seele. Deshalb eben kein blosses "zu uns" = Kommen, sondern ein Komm "zu uns" und zu irgend einer Sache. Auf dies Und kommt es hier wie überall an. Es ist das Und zwischen Leib und Seele, das beide erst zu einem, zum Menschen macht. Und auch den Leib kann man sich nicht aussuchen. Man hat ihn. Und der, den man hat, ist der Nächste. Ihm muss geholfen werden. Also in diesem Fall dem Marburger stud.jur. im ersten Semester, obwohl das - zugegeben - ein sehr hässlicher Leib ist und der Unterschüpfer Jünger ein sehr viel schönerer - wäre, wenn er schon Leib wäre und nicht vielmehr ein fernes Luftgebild und kein Nächster. Um ganz deutlich zu sein: warum nicht Unterschüpf! Aber Weidemanns

Aufenthalt dort als ein Ferienaufenthalt mit dem benennbaren Zweck, dort Sohms Institutionen und Schröders Rechtsgeschichte zu lesen und im übrigen viel mit euch zusammen zu sein. Eugen würde sagen: viehisch. Ja gewiss: der Leib ist "viehisch", ουδεν γαρ γαστερος κυνερον άλλο, was Hündischeres als den Magen giebt es nicht, sagt Odysseus, als er bei den Phäaken weinte und plötzlich - Hunger spürte.

            Nun bekümmere dich nicht, es wird noch alles gut werden. Lies den Schlussvers des 113ten, ich habe ihn in diesen Tagen so oft sagen müssen, du weisst ja dass diese Psalmen 113ff. ein Hauptstück an diesem Fest sind. Es ist ja ganz selbstverständlich, dass ich dich hier erwarte; die Möglichkeiten zum Weiterkommen sehe ich mir vorher an und habe mein Gepäck an der Bahn, sodass wir eventuell doch gleich weiterfahren können. Oder sonst einen Tag Frankfurt. Die Reiseerlaubnis nimmst du dir ja gleich bis Säckingen. Dass wir unmittelbar aus dem Kassler Zug in den Heidelberger können, ist ja mehr als unwahrscheinlich.

            An Mutter kann ich jetzt vor Mittag nicht mehr schreiben. Das Unrecht, das wir ihr getan haben, nehme ich nicht so schwer wie du. Sie hat es zusehr selbst herbeigezwungen. Und wäre es gelungen mit der Geheimhaltung, so wäre es kein Unrecht gewesen, sondern nur gut für sie.

            Nun kommst du morgen. Ich tue dir die Arme schon jetzt weit auf, komm hinein und sei ganz still. Komm -

                                                Dein.

                          [ca 24.IV.19]

Liebe - so sind diese Tage wieder herum, und ich sehe dich noch wie ich dich zueletzt durch das trübe Wagenfenster sah in deinen beiden Farben, braun und blau, wie du mir winktest und spüre dich überhaupt noch überall, deine leichten geliebten Hände deine weichen Haare - und bin doch fort, wirklich fort, es ist ja besser so als wie die letzte Nacht in der gleichen Stadt und doch unter getrenntem Dach, das ist gar nicht zu ertragen. Und wenigstens die nächsten Tage sind wir ja wenigstens nur einen Tag Briefentfernung auseinander. Freilich dann - aber ich vergesse, dass es ja auch dann nur an uns liegt, die Briefentfernung wieder einmal ganz auszuschalten und wieder einmal miteinanderzusein, Blick in Blick und ohne alles Erzählen, ohne alles Geschwätz. Briefe sind ja doch nichts - lass mich deine Fingerspitzen küssen. In Offenburg hatte ich ein Malheur: meine Brille zerbrach und ich hatte diesmal vergessen, eine zweite in Kassel zu mir zu stecken. So lebe ich jetzt schon seit Mittag mit blossem Auge, und du hättest deine Freude an mir. Auf die Nähe geht es; sogar Lesen, was ich wirklich noch nie versucht hatte, aber schon auf der Strasse bin ich recht hülflos. Morgen früh kann ichs reparieren lassen. Hans kommt erst morgen Abend. Ich habe mir aber die Wohnung mitsamt den historischen Stätten vom Mädchen zeigen lassen. Wohnen tue ich heute natürlich im Darmstädter Hof. Den Brodschen Roman habe ich unterwegs ausgelesen; er ist noch schlechter als Tycho, ein paar impressionistische Lichtlein sonst alles Gedanke, - der dann freilich immerhin so interessant, dass ich das Buch doch wohl morgen an Eugen schicken werde, aber du brauchst es nicht zu lesen. Das Zionistische sitzt genau wie in dem Zweigschen Drama als ein gänzlich unverbundenes Schwänzlein hinten dran, überhaupt das "Jüdische"; ich bin nicht "Parteimann" genug, um das nicht widerwärtig zu finden. Ich verspreche mir nun eigentlich doch nichts von seinem bevorstehenden Judenbuch. Ob es wirklich kein Zurück giebt? ich habe nie recht daran geglaubt, habe jedenfalls bei mir die geringen Restbestände, die mir meine Erziehung noch zugeführt hatte, immer für wichtiger gehalten als alles was ich mir später auf eigene Faust wieder gewonnen hatte. Mit einer Ausnahme freilich: Cohen. Da ist mir in einem zweiten kindhaft empfänglichen Zeitpunkt meines Lebens abermals eine Quelle der Tradition aufgetan worden; was ich an ihm erlebt habe, sitzt mir ebenso fest und selbstverständlich (oder fast ebenso) wie das was ich als Kind noch habe erleben dürfen. Daraus, aus diesem ererbten, nicht aus dem erworbenen Besitz ist dann auch der * grösstenteils gearbeitet. Ich glaube, er wirkt daher auch nicht als ein blosses Schwänzlein. Aber wirklich - ich muss doch noch zu Lebzeiten sehen, ob es so ist. A Jew, a Jew, a kingdom for a jew. Übrigens ist Brods Roman über das gleiche Thema über das auch Meyrinks beide Romane gehn: Wahl oder Gnade, und über das ja auch der * geht. Aber Meyrink, wenigstens das erste, der Golem, ist viel suggestiver. Ich bin nun zunächst einfach zufrieden, dass ich noch ein paar Tage hierbleibe und nicht weiter fort von dir bin. Vielleicht kommt schon bald dein Telegramm, dass ihr nach Stuttgart fahrt. Über dem Schreibtisch hier steht das Hoteladressbuch und für Untertürkheim steht eins "1 Minute vom Bahnhof" - aber das wird ja gar nicht nötig sein. Eugen habe ich mich heute morgen recht dumm gezeigt - er sich wohl mir auch; er fängt in solchen Fällen manchmal so an, dass man verwirrt werden muss, (wie neulich in der Stiftsmühle and dem ersten Abend), so heut früh mit der "Giftnudel"; so war ich gleich ver = stimmt und wie er dann anfing zu spielen, gab es unreine Töne. Liebes Gritli nimm mich an dein Herz.

                                                Dein Franz.

                          [ca 25.IV.19]

Liebe es geht gut an. Hier fand ich ein Telegramm vom 19.IV., es sei ein wichtiger Brief von Rickert da, sonst keine Nachricht. Ich fragte gleich telegrafisch an, was drin gestanden hätte und ob sonst etwas geschehen wäre. Wahrscheinlich zuckt Rickert also zurück, aber ich muss es ja wissen, ehe ich hingehe. (Weizsäcker ist heut früh auf 4 Tage nach Stuttgart). Nachher sass ich in Hansens Zimmer, da kam ein Brief vom Trudchen vom 23., ein Wunder von Brief, und darin schreibt sie mir, dass am Ostermontag die Depesche (aus der Bahn) Mutter zu einem Selbstmordversuch veranlasst hat, Trudchen selbst war nachmittags da (weil Tante Emmy ihr vormittags angerufen hatte, dass Mutter rase) und fand sie auf dem Sopha, Couvertierte Briefe und leeres Morphium-schächtelchen; sie rief Onkel Adolf, konnte sie aber noch ehe er kam selber aufwecken. Trudchen schiebt es auf die Form (die Frage). Wie konnten wir wissen, dass ein harmloser Scherz solche Folgen haben würde. Ich bin ganz ruhig. Einmal kommt es doch. Ich bin darauf gefasst, seit Vaters Tod. Ich werde sogar den Brief, den sie an mich schreiben wird, nicht selber lesen. Onkel Adolf "schüttete sie dann ihr Herz aus, er trat ihr ganz sachlich als Arzt gegenüber und brachte ihr medizinische (Sanatoriums) = Pläne nah. Von den seelischen Gründen ihrer Aufregung, dass es sich um Dein Verhältnis zu Gritli dreht, hatte er keine Ahnung gehabt. Ich war sehr erleichtert zu sehen, wie ruhig und anständig er die Sache ansah angesichts ihrer übertreibenden und sich versteigenden Anklagen. Er sagte deiner Mutter, dass es zwischen ihr und dir nicht so weitergehe, dass ihr euch für eine Zeitlang trennen müsstet, um euer Verhältnis zueinander zu bessern". Dasselbe meint nun Trudchen auch. Ich müsse mir die Abgrenzung meiner Spähre erzwingen dadurch dass ich sie auch mit meinen Sachen ganz in Ruhe lasse. Mutter dürfe keinen Grund haben, meinen Aufenthaltsort in jedem Augenblick wissen zu wollen. "Du musst sie an deinem Täglichen desinteressieren, so wird sie auch ihre Zukunftssorgen nicht durch täglich neue Nahrung zu dieser gespensterhaften Grösse anwachsen lassen und allmählich der Hoffnung wieder Raum geben". Und dann kommt allerlei was ich nicht abschreiben mag. Nur dies dass Mutter sich jetzt grade bez. der Londoner Reise mit "wilden Befürchtungen" plagt!!! (Trudchen "fürchtet nicht nur nichts, sondern hofft wirklich").

            Übrigens meint Trudchen, ich würde jetzt von verschiedenen Seiten Briefe kriegen - das kann ja schön werden. Hoffentlich werden sie dich wenigstens in Ruhe lassen. Immerhin kommt ja nun eure Ansicht mit der der Kasseler überein, und ich habe nun wirklich keinen Grund mehr, in Kassel zu bleiben; ich tats ja (ausser wegen Bett, Essen und meiner Bücher) nur um Mutters willen. (Für die Parenthese finde ich überall Ersatz; auch die Essfrage verliert ihre Schrecken, seit mir heut morgen ein veritabler Bandwurm abgegangen ist!! daher also meine Unersättlichkeit bei gleichzeitiger Magerkeit). Ich denke aber, es ist besser, ich gehe nicht deshalb, sondern für den Hegel oder aus sonst einem äusseren Grund weg. Das andre würde sie doch auf die Dauer deprimieren. Wenn überhaupt noch von Dauer die Rede ist. Denn so einen Selbstmordversuch wiederholt man bloss dann nicht, wenn einem nach dem ersten Mal ganz gründlich geholfen wird; und das ist ja diesmal nicht geschehn; ihre Lage ist genau wie vorher. Mein Wegziehn ist ja auch keine Hülfe, nicht im mindesten, allenfalls eine Erleichterung. (Dabei glaube ich ihr durch meine Anwesenheit hin und wieder wirklich mal etwas geleistet zu haben; aber das rechnet sie für nichts, weil es natürlich neben dem Haufen ihrer Forderungen an mich wirklich nur ein Nichts ist.) Ihr wirklich helfen - was hiesse das jetzt? Es gäbe nur eins - und dass das um ihretwillen zu tun eine Unmöglichkeit wäre, fühlen wir beide gleich unwiderleglich. Und ist es Selbstbetrug, wenn ich mir einrede, dass wenn wir ihr dies Opfer brächten, sofort die andern Punkte ihres Programms, vom Privatdozenten aufwärts, an die leere Stelle nachrückten? Ist das Selbstbetrug, wenn ich mir das einrede - ein blosser Versuch also, mir jenes Unmögliche gar nicht in die Reichweite einer etwaigen "nächsten Pflicht" kommen zu lassen, weil ich es nicht ertrüge [ertrage?]? Man kann vielleicht Liebe um Liebe opfern - vielleicht, obwohl ich mir auch das nicht vorstellen kann. Aber Liebe um Hass - unmöglich. Und ich könnte sie nur hassen, wenn ich ihr dies Opfer brächte, das zu verlangen sie kein Recht hat ausser dem ihres Hasses gegen mich, gegen alles was mich auf meine eigenen Füsse gestellt und aus der schlechten Luft (oder selbst nur: aus der mir unatembaren Luft) ihres Hauses befreit hat.

            Liegt es aber so, kann ihr also jetzt kein Mensch wirklich helfen, so wird sie ganz gewiss wiederholen, was ihr am Ostermontag missglückt ist.

            Liebes Gritli, du erschrickst doch nicht zu sehr darüber? Es mag ja auch sein, dass sie sich zunächst durch das Aussprechen ihrer "Besorgnisse" jetzt etwas abregt und dass sie vielleicht selber glaubt, es würde besser, wenn ich wegziehe. Allerdings wahrschein-lich ist mir das nicht.

            Ich schreibe ihr jetzt einen reinen Erzählbrief, weil ich fürchte, wenn ich irgendwas sage, so nimmt sie wieder Morphium. Vielleicht nimmt sies allerdings auch weil ("weil") ich ihr einen reinen Erzählbrief geschrieben habe. Ich habe eben gar keine Fühlung mehr mit ihr. Denk auch, wie ahnungslos ich am Montag war. Die Fäden sind wirklich zerrissen. Und da sollte ich mich, weil die Fäden zerrissen sind, mit Ketten an sie binden?

            Bleib stark und ruhig, ich bleibe es sicher.

                                                Dein Franz.

                          [ca 26.IV.19]

Liebes Gritli, heut ein Brief von Mutter, vom 22., ich schreibe dir ihn ab, damit du selber siehst: Lieber Franz, ich habe gestern gern sterben wollen, es ist mir nicht geglückt. Das Morphium war wohl zu alt und als es grade wirken wollte, rief mich Hedi dringend von Berlin an und ich schleppte mich schliesslich zum Telefon, um kein Aufsehen zu machen. Durch die Bewegung musste ich mich übergeben, so ist wohl auch ein Teil der Wirkung hin gewesen. Das kam mir erst heute Nacht wieder in die Erinnerung wie auch mein letzter Traum. Ich stand mit Vater in einer grosen Menschenmenge im Hydepark ähnlichen Gelände, ein alter wunderschöner Herr mit weissem Spitzbart redete und fixierte uns dabei ganz besonders. Es war Hildebrand, der am Schluss begeistert auf mich zukam, er hätte mich sofort an Vater erkannt und er wäre jetzt selbst über sein Werk erstaunt, für so gut hätte ers auch nicht gehalten. Und ich sollte mich freuen, zuhause läge schon das grosse Relief. Vater war verschwunden. - Mit einer gewissen Dumpf= und Stumpfheit sehe ich auf mein missglücktes Unternehmen zurück. So risslos wäre es gewesen, wenn ich Erfolg gehabt hätte, dass mir auch der Nichterfolg besonders gleichgültig vorkommt. Höchstens dass nicht unumstösslich dasteht, was ich in Kummer und Groll über dich noch aufschrieb, erleichtert mich. Darüber empfinde ich Reue, sonst nur tote Gleichgültigkeit. - Ein Tropfen macht den Eimer überlaufen. Wäre dies Eugen = Gritli = Telegramm nicht grad am "Feiertag" gekommen, diesen Gipfelpunkten der Verlassenheit, ich hätte das stürmende Auf und Ab der Erregung auch gestern überwunden. So bin ich nicht fähig gewesen, mit mir selbst den Kampf noch aufzunehmen und dir die gerechte Beruteilung zuteil werden zu lassen, die du wie jeder in Leidenschaft verfallene Mensch brauchst. - Ich glaube aber, wir trennen uns nun ganz für eine Zeit. Am besten wäre, du reistest direkt von Heidelberg nach Berlin, wo du ja erwartet wirst und ich schicke die Sachen dorthin. – [gestr. Die Natur]{nun einiges andre, dann} Hedi will mit der Kleinen gerne kommen, ich glaube ich werde es einrichten, weil sie mir durch ihre Umgebung auch etwas aushelfen wird. Das überwiegt die Schattenseiten des Wirtschaftbetriebs. Ist sie dann fort und Frau Ganslandt eingewöhnt genug und auch willig, mich zu vertreten, dann soll ich in ein Sanatorium, gegen welche "Folgerichtigkeit" ich mich ja nun nicht zu sträuben habe. Es ist zwar heller Blödsinn, weil ich ja Kummer und Weh mit hin= und wieder herausnehme, aber ich weiss ja dass man nicht anders über meine Handlungsweise quittieren kann. Danach wäre auch der Weg beschritten, den du wünschst. {dann noch Gleichgültiges - Gertrud Loeb, Putzi und Eva} Sei gegrüsst von Deiner Mutter". Ja da hast dus also. Es ist genau so, wie ichs mir nach Trudchens Brief vorgestellt hatte, auch dies dass sie mir noch eine Giftbombe zur Vergiftung meines ferneren Lebens bereitgestellt hatte, ehe sie aus ihrem herausging. Ich werde ihr ganz ruhig schreiben, denn sonst würde ich giftig. Ich werde ihr schreiben, dass ich doch über Cassel fahren muss, ehe ich nach Berlin gehe, um dort den Hegel fertigzumachen; denn ich muss ja aus Kassel meine Notizen und Bücher zum Hegel mitnehmen. Hans erzähle ich von gar nichts; er ist so gar nicht im Bilde. (Er wunderte sich eben dass ich dir schon schrieb, wo ich doch erst ein paar Tage fort bin). Wahrscheinlich wissen auch in Kassel doch gar nicht viele von Mutters Ostermontag. So bin ich mit Hans sehr gut zusammen. Else ist zwar schrecklich in ihrer parzenhaften Düsternis. Aber Hans - kennst du denn seine beiden Entgegnungen auf die Angriffe? Und den Brief an Max Weber? ich war ganz weg davon und habe seit langem zum ersten Mal ein ganz warmes Gefühl für ihn aufsteigen spüren; ich wäre fast nachts nochmal aus dem Hotel rüber zu ihm gelaufen, als ich die Entgegnungen gelesen hatte. Ich schicke sie dir. Schick sie aber zurück. Nach Berlin muss ich wohl schon vor dem 4.V., weil da die "konstituierende Versammlung" sein soll. Zu Rickert gehe ich morgen. Putzi und Eva hatten sich ganz in das Elsezimmer zurückgezogen, sogar das Sofa aus Hansens Schlafzimmer dort hinüber transportiert. Else war ziemlich unglücklich, weil der ahnungslose Putzi eine ihrer schönen gelben Honigkerzen zum Packetesiegeln verwendet hatte. Du siehst, es ist - ich weiss nicht mehr was "du sehen" solltest, wir waren inzwischen alle in einer Versammlung, wo der Ruge und der bekannte wirklich famose Pastor Samuel Keller sprach, ein Bekenner und Missionär. Nachher war ich mit meinem jüdischen Verbändler zusammen und verabredete den Vortrag für Oktober, im Sommer wollen sie Ferien machen. Und eben als ich zurückkam dein erster Brief und auch der so voll von Selbstmord; nein ich wusste das alles nicht mit Greda, gar nichts, und ich kann und kann nichts verstehen was sich auf den "U" bezieht. Aber fahr doch herauf zu ihr; im schlimmsten Fall musst du wieder herunter, das ist doch beser als dass du unten sitzest und sie oben, und ihr seht euch gar nicht. - Ich bitte dich wieder und wieder, nimm Mutter nicht schwer, ich verhärte mich in mir, anders kann ich nicht ruhig gegen sie bleiben. Am liebsten ginge ich jetzt wirklich an Kassel vorbei und führe erst von Berlin herüber, um meine Sachen zu holen. Ich habe so wenig Lust, lange in Berlin zu sein, dass ich wahrscheinlich den Hegel im Eiltempo absolviere. Rickert schrieb (ich habe jetzt ein Telegramm von Mutter darüber) dass er es der Akademie empfehlen wird. Also muss ich wohl oder übel nach Berlin. Ich werde Trudchen anfragen, ob sie es für besser hält ich komme jetzt, oder erst wenn Mutter das Haus verlassen hat, und hole meine Manuskripte. Zur Not kann ich 14 Tage auch ohne die Manuskripte in Berlin hegeln (indem ich die "neue Litteratur" durchsuche).

            Diesen Gedanken des Selbstmords rede ich ihr nun seit einem Jahr aus, zuerst in meinem Brief von der Rückreise nach Mazedonien im April, sie hat es nie begriffen. Es ist das grosse Schiboleth, an dem sich die Menschen scheiden, ganz selbsttätig, heute noch die Einzelnen wie ums Jahr 0 die Zeiten. Aber damit, mit dieser sehr weisen Weisheit meinerseits, ist ihr freilich nicht im mindesten geholfen. Kann ich es denn? Sag ein Wort. Aber alles was ich ihr sage, wirkt falsch und das einzige was ich ("ich"!) tun könnte, ich habe dir gestern gesagt, wie ganz und gar unmöglich es wäre - ich würde wirklich zur "Giftnudel" werden - nein nein nein. Ich wollte du wärest fort von der Tivolistrasse -, krieg ich ein Telegramm wenn es nach Stuttgart geht? es wäre zu schön. - Es ist in mir etwas ganz sinnloses, was mich wie mit Flügeln fortträgt über all das Greuliche, ich denke kaum viel daran, es ist wohl das, was Mutter "Leidenschaft" nennt, es ist aber etwas Besseres, du weissts und ich weiss, was.

                        Liebe -

                                    Dein.

                               28.IV.[19]

Liebes Gritli, es ist früh, Hans und Else schlafen noch; ich kam gestern nicht zum Schreiben; es war aber schön, wenigstens den Brief von dir in der Tasche zu haben, den ersten - fast einerlei was drin stand. Des Morgens schrieb ich an Mutter, so, wie ich vorhatte, also indem ich ihr die Entscheidung über das absichtliche Nichteinandersehen zuschob, damit sie sich nicht nachher die Dinge so umdeutet, dass ich sie "aus ihrer Wohnung vertrieben" hätte. Im übrigen so ruhig und beinahe "guter Sohn" wie es wohl in so einem Falle nur geht, wenn man genau das Gegenteil von "guter Sohn" ist; ich bin wirklich ausgedörrt im Innern. Die Heimatlosigkeit muss mir so auch noch äusserlich und ganz unwidersprechlich ins Leben hineingestellt werden. Ich hätte sie wohl vielleicht auf Augenblicke vergessen können, wenn ich wenigstens im massivsten äusseren Sinn gewusst hätte wo ich zuhause bin. Nun kann ichs nicht gut vergessen. Dann war ich bei Rickert, dieser kalten und leeren Maschine. Die Aussichten sind nicht schlecht. Heut gehe ich zu Winter, dem hiesigen Verleger, und zu Oncken, damit Rickert nicht allein den Antrag zu stellen braucht. Rickert verlangte übrigens das Manuskript zerlegen zu dürfen - so geht Mutters "erster Enkel" in die Brüche! Mittags und Nachmittags dann bei Zimmermanns, Hans Herr auch dieser Situation. Der Papa ist mir übrigens sympatisch, die Mutter und Schwester weniger. Dann korrigierte ich an III 3 und Abends kamen Philips und Else Schick (Lehrerin aus Mannheim, seine langjährige amie). Es gab, nach politischen Anfängen ein greuliches (von Hans aber wunderschön gefundenes) Gespräch. Ich hielt den Schnabel. Die einzige, die wirklich einfach und glaubwürdig sprach, war Else Schick; ich habe sie gestern wirklich gerngehabt. Philips ist komplett verdreht und Hans tut ihm gar nichts Gutes damit, dass er ihn dauernd nach der richtigen Seite hin interpretiert, ich meine: ihm die christlichen Fetzen mit denen er sich, neben allerlei mystischen, theosophischen und häberleinschen, kostümiert, sofort mit ein paar raschen Stichen zu einem christlichen Katechumenengewand zusammenheftet. Im Gegenteil: vom Leibe sollte er sie ihm reissen, dass er endlich einmal vor sich selber in seiner ehrlichen namenlosen Blösse dastünde; dann, wenn er also sähe, dass er das nomen Christi missbraucht, dann vielleicht wäre Hoffnung, dass er Christ würde. Jetzt verhindert ihn grade Hans selber daran. Aber auch Hansens ganze Fremdheit empfinde ich, nicht bloss bei solchen Gesprächen; und denk: er kommt mit dem IIten Teil des * nicht recht ins Klare (wie es Eugen vorausgesagt hatte). Mir gehts genau so mit dem Ketzerchristentum (ich bin auf Seite 40 von 140 Seiten); ich sehe sein Christentum, seine Art von Christentum nicht. Auch nicht wenn er ganz autobiografisch wird wie in der Einleitung, die er in diesen Tagen dazu geschrieben hat. Ich sehe es nicht wie ich Eugens oder Rudis oder irgend eines vergangenen

Christen Christentum "sehe". Das bedeutet dann natürlich: ich glaube ihm nichts. Grade die Art, wie einerseits alles sehr dogmatisch korrekt ist und dann doch im eigenen, wie er es sagt, wieder ganz verdreht herauskommt. - Wir haben offen darüber gesprochen, und dass das geht, ist eigentlich das Schönste und doch eine Gewähr, dass es noch einmal anders werden muss. Den * (II 2, das er jetzt liest) findet er "unaggressiv"! beinahe sagt er: sehr schön. Kurzum: er lobts mit einem Lob zum Davonlaufen. Ist es wohl in einer Geheimsprache zwischen uns zweien und dreien geschrieben?? das wäre bös. Vielleicht ist das nur eine notwendige Gegenseitigkeit wischen mir und Hans , dies Nichtverstehen, oder vielmehr Nichtsehen.

            Er hat mich dann heut morgen lang wegen Philips und meiner gestrigen Stummheit "gestellt". Ich habe geschimpft wie ein Rohrspatz. Ich habe gesagt, Philips triebe Dialektik der Seele, wo schon Dialektik des Geistes ein Laster wäre. Ausserdem käme er mir irgendwie nicht wie ein Mensch vor, sondern wie etwas Gebackenes.

            Eben kam Eugens Brief vom 26. mit der Einlage von Tante Emmy. Ich bin froh, dass du dir ein Herz genommen hast und einfach herauf gefahren bist. Eugen braucht freilich keine Reue über Kassel zu haben, noch nicht einmal ich bringe dies Gefühl auf. Nur Scham, dass hier etwas wirklich "Nächstes" ist, das mir so über meine Kraft geht. Seid gegrüsst und geliebt von Eurem Franz.

                               28.IV.[19]

Liebes Gritli,liebes, liebes - mittags kam dein Eilbrief von gestern. Es geht uns also allen gleich diesmal mit Mutter. Beinahe erschrecke ich, dass du ihr geschrieben hast; es wirkt ja nun alles verkehrt. Aber sag: nennst du denn wirklich eine solche Budenexistenz in Berlin "Selbständigkeit"? Die habe ich ja vor dem Krieg gehabt; ich war damals kaum je länger als 14 Tage in Kassel. Die Selbständigkeit, nach der ich mich sehne, ist wirklich nur eine mit Amt. Das blosse Privatisieren irgendwo tuts nicht. Es wundert mich, dass du 1917 die Unmöglichkeit meines Seins in Kassel so stark empfunden hast, ich selber war damals viel zu sehr im Ferien= oder Urlaubsgefühl, um daran zu denken. Aber es war natürlich so, es stand dahinter, nur wunderts mich dass du es gesehen hast. Wenn ich nun jetzt, des Hegel wegen nach Berlin gehe, irgenwo in einer Pension wohne - es ist eben nur die Entfernung von dem malocchio - freilich das genügt ja schon. Aber besser wäre es gleich mit irgend einem Amt. Vielleicht - aber nein, nichts bei der Akademie. Eugen sieht zu viel Entscheidung in London. Ich erwarte eigentlich nur die negative, aber die brauche ich, um frei zu einer positiven zu werden. Denn "ob überhaupt" - darum handelt es sich nicht, darf es sich nicht handeln. Ich habe etwas Angst vor Eugens Profezeiungen, seit sich die mit dem Hegelbuch damals (1913) so bewahrt hat. Deshalb schreie ich so dagegen; du glaubst doch nicht daran?! Es wäre der Zusammenbruch für mich, wenn er Recht behielte. - Habe ich dir mal gesagt: dass ich immer Angst vor Mutter hatte, wenn ich einmal verheiratet wäre, und mir damals vorstellte, ich müsste vielleicht die ersten Jahre in Italien leben, bis Mutter mir nichts mehr zerstören könnte?

    Ja, das Opfer wäre ganz sinnlos. Und übrigens ich könnte es auch nicht wenn es sinnvoll wäre. Ich kann nicht - ich --- du weisst.

            Was für ein Brief war das vom 21.IV.18? ich weiss gar nichts. Aber Greda hat Unrecht, es war und ist nicht "Sache der Frau", das Leben der Männer miteinander ins Konventionelle herunterzuziehn. Eugen hatte, ob mit oder ohne mein Gift, Recht. Die Frauen sind doch nicht dazu da, das Wunder zu verhindern.

            Das Wunder geschieht nun auch bei Weidemann schneller als wir ahnten. Er kommt also schon zurück. In diesem Jahr der Zeichen und Wunder 1919 geschieht alles in Wochen, was sonst in Jahren geschieht. Es ist doch wirklich "ein Anfang" und nicht "Schluss, Schluss, Schluss". Alles fängt an und kommt aus dem Nichts. Sei mir gut und halte mich warm im grossen Mantel deiner Liebe. Du magst sie mitteilen und kannst sie doch nie und nie teilen - sie gehört mir ganz so wie ich dir gehöre, nicht dir allein und doch ganz dir - dir, du Geliebte, du Meine.

                                    Ich bin Dein.

                               30.IV.[19]

Liebes, gestern war wieder so ein von früh bis spät voller Tag - dabei doch nicht wirklich voll. Das ist dies Leben hier überhaupt nicht. Ich bringe es auch nicht fertig, dir zu schreiben wenn Hans oder gar Else im Zimmer ist. Else ist wirklich ganz unmöglich. (Dabei vertrage ich mich sehr gut mit ihr). Und Hans - aber ich will erst rasch von gestern erzählen. Vormittags war ich bei Oncken, der sehr skeptisch, aber andrerseits doch auch sehr bereitwillig war, und muss nun heut nochmal zu Rickert. Oncken meint nämlich, es wäre ausgeschlossen von der hiesigen Akademie alles zu kriegen, dagegen ev. von der hiesigen und der Freiburger "Gesellschaft" zusammen. Dann war ich bei Winter. Der berechnet aber seine Unkosten genau wie Meiner und schlug den Zuschuss auch auf ungefähr 100 M für den Bogen an, (immerhin weniger als Meiner, der 120 rechnete). Nach Tisch ging ich zu Weizsäcker. Der las mir eine Sache über Glauben und Wissen vor, die ganz zu uns gehört. Er ist ja sicher der einzige Naturwissenschaftler, der so etwas sieht. Und so muss er es auf jeden Fall einmal ausführen. Denn mit dem blossen Bekennen ist es dabei nicht getan, weil er ja nicht den Glauben neben dem Wissen bekennt, sondern das Wissen als die Frucht des Glaubens, das muss man machen, ausführen, zeigen, sonst bleibt es bloss ein erbauliches Kuriosum. Aber von diesem Ausführen ist er irgendwie noch weit. Dabei hat er einen besseren Grund zu seinen Büchern als wir oder mindestens - nein, Gritli - einen ebensoguten: nämlich einen alten 60jährigen Mann, der danach verlangen würde, Krehl; und das ist ihm selbst klar. Nachher ging ich bei Hans vor, wollte noch zu Rickert, blieb aber hängen, denn Hans hatte seine Gymnasiasten; ich blieb dabei. Es kamen bloss 4, obwohl Hans dem Manager, dem kleinen Wolfgang Frommel, gesagt hatte, er täte es nur weiter, wenn er ihm 10 zusammenbrächte. Aber das war nicht gelungen, wegen F..[?] und wegen Seelenangst vor den Sozialdemokraten (ein Vandale, der ein Zimmer bei Hans mietete, sagte ihm, er habe ein Telegramm gekriegt: Spefüxe vermehren sich kaninchenhaft - erzähl das Eugen). Hans machte es schon zum 4. Mal; er las Humboldts "Hellas und Latium" mit ihnen und Grillparzers Libussa besprach er; diesmal nur Grillparzer. -

            Dann kam Hans, Else, Frühstück, und dann dein Brief und ich verkroch mich in die kleine Thestube vorn links in der Hauptstrasse und schreibe dir weiter. Um mit deinem letzten zu beginnen: das Bandwurmmittel habe ich mir gleich damals gekauft, es aber bisher noch nicht angewendet, denn man muss einen ganzen Tag Brei essen vorher. Über die Schicksale des Kopfes weiss ich selber nichts. - Du schreibst von Mutter. Gewiss - nur eins: wenn es gelungen wäre, wenn nicht Hedi antelefoniert hätte, das wäre doch schrecklich; nur weil es nicht gelungen ist, deshalb kommen wir so glatt drüber weg; und doch kann ich mit diesem "wäre" gar nichts machen. Ich habe noch nichts wieder von Kassel gehört, das geht wohl so langsam; von ihr selbst erwarte ich ja nichts oder wünsche wenigstens nichts zu hören, aber von Trudchen. Dieser vollkommene Abbruch der Ruinen meines Hauses, der mir wirklich geschieht, den ich so gar nicht selber veranstaltet hatte, im Gegenteil - das ist doch auch 1919.

            Hansens reiner Ton - aber ich höre ihn nur da, nur in solchen Äusserungen, nicht in seinen theoretischen. Ich komme nicht heran an das "Ketzerchristentum", ich glaube, es liegt nicht an mir, sondern es würde Eugen genau so gehn. Die Jungens gestern waren hinreissend, Hans zunächst nur ein sehr guter Deutschlehrer, aber die Jungens selbst zwangen ihn vom "Gegenstand", der langweiligen Libussa (für die Hans einen alten, gestern aber selbst als solchen erkannten, Faible hat) ab auf wirkliche Fragen, und da wurde es fein; besonders ein Schweizer, dann der kleine Frommel, aber auch die andern. Ich hatte Neidanfälle. Wenn ich in Berlin hegele, möchte ich mir gleich etwas ähnliches zusammentrommeln, aber so was lässt sich natürlich nicht zusammentrommeln.

            Ich lese Spengler, mit brennendstem Interesse, es ist ein wahrhaft geniales Buch. Ich verstehe doch jetzt erst, dass es Eugen wichtig genug war, dagegen zu schreiben. Die böse Moral von der Geschicht' vergesse ich beim Lesen über der toll spannenden Geschicht' selber. Ich las bisher 100 Seiten. Übrigens finde ich es ja nur gut, dass so ein Buch geschrieben wurde. Und Eugen muss sich eigentlich über das christliche Recht zu Zeitgleichungen doch nun wirkliche Bedenken machen, nachdem er sieht, wie elegant der Heide bzw. der Leibhaftige selber die Zeitzahlen vergleicht. Weiter: sein Begriff von der Antike (All als abgeschlossner nach aussen ausschliessender "Kosmos") ist ja genau was ich in der Metalogik I 2 entwickle; und es gehört dazu, wie Eugen ihm aufmutzt, dass sein eignes Buch selber ohne es zu wollen antikelt, die Geschichte in Kosmosse zerstückelt u.s.w. Das ist genau das Verhältnis von antiker Wirklichkeit und dem heute als Voraussetzung alles Weltdenkens wieder herzustellenden ehrlichen Heidentum, also genau das Verhältnis wie ich es in meinem ersten Teil behaupte, also das was Spengler meint und das was er, wie Eugen feststellt, tut - zusammen.

            Hans sagt er hätte dir damals aus "Tragödie und Kreuz" ein Stück vorgelesen? Hast du gemerkt, wie sich das aufs engste mit mir berührte? Auch ich habe diese Dinge ja zuerst an der Tragödie entdeckt. Die Nähe ist so gross, dass mir beinahe nichts Neues mehr übrig bleibt. Nur dass bei ihm vorläufig noch alles im Ästhetischen stecken bleibt. Aber im Ästhetischen sieht er schon die Sprache (und spricht sie infolgedessen auch); und es ist nun wohl entscheidend für ihn, ob er sie auch unmittelbar sehen wird, nicht bloss unter den tragischen und komischen Masken. Denn bis jetzt ist sein Christentum, wo es geistig sein will, einfach sprachlos, eben - "verdreht". Seine letzthinnige Verständnislosigkeit für den II.Teil des * sucht er sich krampfhaft zu erklären an meinem Judentum, es liegt aber nicht an meinem Judentum, sondern an seinem noch unlebendigen Christentum. Ich habe daher auch gar nicht das Gefühl, mich gegen ihn wehren zu müssen, während ihm mein Nichtsehn  und =hören beim "Ketzerchristentum" sehr auf die Nerven fällt.

            Weidemanns, des "Jünglings", Brief, was du mir heut daraus schreibst, ist wieder herrlich, in seiner Ahnungslosigkeit, wie er so vor lauter Ehrlichkeit gar nicht wagt, alles was ihm in einem geschehen ist, so in eins zu sehen und zu glauben wie es ihm geschehen ist und Eigentliches und Uneigentliches, Lächerliches und Ernsthaftes meint auseinanderklauben zu können. Es geht fast zu rasch bei ihm, oder wohl nicht bloss fast, sondern wirklich zu rasch. Sonst wäre er jetzt schon ganz bei uns und mit uns.

            Ich schicke den Brief schon nach Säckingen - teils weil es wahrscheinlich ist, dass er euch da trifft und teils weil ich froh bin, euch mir dort vorzustellen. Grüss deine Eltern. Und du selber? -

                                    Ich bin dein.

                               [30.IV.19]

Liebe - mittags kam ein Brief von Trudchen, genau auf unsre allgemeine Melodie, auch sie: "Ja ich glaube auch, du wirst erst einmal zu ihr kommen. Sie spricht zwar von "nicht sehen" wälzt aber dabei den Gedanken, dass du von Berlin nach Heidelberg über Kassel kommen und eine Nacht bei ihr sein musst. Und natürlich hofft sie im Untergrund ihrer Seele hierauf und auf eine Aussprache. Obwohl davon nichts zu hoffen ist. Ich habe diesmal aus ihren Worten und ihrem Verhalten, wie es ganz gemildert in ihrem Brief an dich {den ich Trudche abgeschrieben hatte} noch nachklingt, deutlich gesehn was du immer schon gesagt hast und was ich einfach nicht glauben konnte, dass es ihre Verlassenheit, ihr Einsamkeitsgefühl, ihre Ansprüche an dich und ans Leben sind, die sich die Sorge um die Ehre ihres Namens, ihres Hauses, und um deine Zukunft zum Vorwand nehmen. Mein ursprüngliches Mitleid mit ihr hat auch eine starke Abkühlung erfahren. Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da. Und doch - wer ist bedauernswerter als wer so lieblos ist. Es ist zum Heulen wirklich. Nie würde ich dich gebeten haben, ihretwegen den Briefwechsel mit Gritli zu lassen. Jetzt nach so vielem Gezeter darum würde sie ihres Erfolges nicht froher als kleine Kinder die mit Geschrei und Geheul ihren Willen durchgesetzt haben. Sie hat auch andre Dinge, von denen sie dich durch ihr verzweifeltes Gebahren abgebracht hat, nicht weiter verdammt, nachdem sie ihren Willen hatte - im Gegenteil hinterher hat sie ihr Verhalten bereut. Dies ewig wiederkehrende "Hätte ich doch nicht.." das zeigt doch eigentlich die Wurzel= und Grundlosigkeit ihrer Wünsche und ihres Begehrens. Du kannst das Übel nicht an der Wurzel heilen, du wirst nur für ein oberflächlich freundliches Verhältnis sorgen können; wenn du zu Besuch bist dich ganz ihr widmen, ihr Bücher empfehlen..... Das grade dies freundlich konfliktslose Zusammensein schwierig ist ohne inneres Einverständnis, ist klar; aber ich denke, für immer nur wenige Tage wird es einfacher sein als für längere Dauer. Dass du den Wunsch der Trennung ganz ihr zuschieben willst, finde ich sehr richtig....

            So nun hast du eine ganze Briefseite Trudchen auf unserm brauen Papier. Es ist wie ein Gast im Haus, in diesem unserm braunen tapezierten zweidimensionalen Häuschen, in dem - und nur in dem - und ach wie herrlich und wie unerschöpflich reich ist auch dies arme Nur -

                        Du mein bist und ich

                                                Dein.

Mai 1919

                                  1.V.[19]

Liebes Gritli, Gott sei Dank, dass du nun sicher wieder in Säckingen bist. Es ist wie ein Geschenk für mich. Heut kam mit deinem Brief von gestern zusammen einer von Rudi, er war bei Mutter, spart sich das meiste für mündlich. Mutter hofft nun also leider schon wieder, dass ich über Kassel komme. Die "Aussprache" - oh weh. Dabei ist mir aber im Grunde gar nicht unwohl, trotz der Elsischen Atmosphäre hier und trotzdem ich in Heidelberg wirklich nichts zu suchen habe. Gestern bei Rickert - ich merkte wieder wie grundunsittlich (Hans hatte wirklich einfach simpel recht, Max Weber abzuschreiben) auch schon ein blosses Gespräch mit so jemandem mit dem man nicht sprechen kann wirkt. Man müsste ganz frei sein, um wieder sprechen zu können auch mit solchen. Ganz frei, also das genaue Gegenteil von dem was ich hier bin. Der Hegel zieht mich gradezu ähnlich in einen mir ungemässen Betrieb hinein, wie es eine Habilitation tuen würde. Am wahrhaftigsten wäre es, ich machte Eugens alte Profezeiung wahr und liesse ihn. Aber das hiesse die Rechnung ohne den Wirt, nämlich ohne die Juden, gemacht. - Von Weizsäcker las ich gestern, nach den "Thesen" von vorgestern, eine zweite Gefangenschaftsarbeit: 2 Dialoge (der dritte fehlt noch) zwischen "Arzt" und "Theologe" (wobei der Arzt der Theologe und der Theologe bloss Idealist ist). Sehr gut, und wenn der dritte abschliesst glatt zu veröffentlichen. Er sieht bisher nur, was ich als letztes sah: dass die Wahrheit geschaffene Wahrheit ist (er beginnt also mit dem Naturbegriff, den ich am Schluss von III 3 erst - habe); er sieht also bloss die Schöpfung, nicht die Offenbarung (nicht, dass die Wahrheit uns gegeben ist. In dem "uns gegeben" sieht er vorläufig bloss einen Grund der Unsicherheit, die beseitigt wird nur durch das Geschaffensein. Er weiss nicht, dass die Unsicherheit der "uns" (dass es Viele sind) in sich selbst ein Heilmittel trägt: die Einheit der Uns, die von der Offenbarung gestiftet wird. Eugen dürfte doch nicht auf den "Geist" schimpfen, Denn er ist der Irrtum, aus dem der Weg zur Offenbarung führt, während aus dem Irrtum "Natur" der Weg nur zur Schöpfung geht.

            Hans hat infolge meines Widerstands und zugleich nach meinem Rat das Ketzerchristentum neu begonnen: es heisst jetzt Die Ketzerkirche, beginnt erst bei den Aposteln und drängt das ganze missratene erste Drittel in ein kurzes und gutes Kapitel über Jesus zusammen, aus dem ich ihm alle Bibelkritik einschliesslich Schweitzers bis auf unschädliche Reste herausgeholt habe. So kann es nun gut werden. Dies neue erste Kapitel ist jetzt ganz einfach im Ton und doch wissenschaftlich. So hat II nun wahrhaftig schon eine wissenschaftliche "Wirkung ausgeübt"! (Übrigens nicht Scheinsprache meinte ich, sondern Geheimsprache).

            Und nun plant Hans seit gestern Abend und infolge von Weizss erstem Dialog, der ihm einen grossen Eindruck machte:

            Das Wort                                        Natürlich nur einmalig. Allenfalls

Versuche zu christlichem Denken                        zweimalig. Inhalt:

            Ein Jahrbuch                                               Eugen: irgendwas grösseres

            Verlag Siebeck.                                   Hans: Ketzerkirche

                                                                        Weizsäcker: Dialoge

                                                                        Picht: ?

Zweck: einmal als                                            Siebeck: ??

Masse, als Lehmkolonie,                            Ein Münchner: ?

hervorzutreten. Danach wird erst jeder Einzelne sichtbar. Auch die Aktivisten wurden erst sichtbar durch ihr Jahrbuch, das Ziel. Der Titel stammt natürlich vom Welterhalter. Giebs Eugen weiter, falls er noch nicht in Säckingen ist. - Der Profet, der nichts in seinem Vaterlande gilt, wird wohl kaum im Talmud vorkommen. Doch weiss ichs nicht.

            Ich fahre mit Hans nach Mosbach, um ihn dort maifeiern zu sehn. Aber meine eigentliche Maifeier ist das nicht. Die ist, dass ich dir heute als am 1.Mai das gleiche sage wie an allen Tagen:

                                                Ich bin Dein.

                                     2.V.19

Liebes Gritli, es ist "früh", 8 durch, von Hans und Else also noch nichts zu hören. So setz ich mich zu dir. Und nehme deine Hand. Und erzähle.

            Also ich war gestern mit Hans in Mosbach. Wir wurden von den Parteihonoratioren abgeholt, Mosbach ist ein wirklich hübsches altes Städtchen an der Strecke nach Würzburg, um nicht zu sagen: nach Unterschüpf. Es regnete Ströme; trotzdem kam zu Fuss mit Musik die Partei aus dem Nachbardorf (Hans, der Nachbarstadt in seiner Rede gesagt hatte, wurde extra eines bessern belehrt!) Neckareltz; sie sang ein Lied und dann fing Hans an (es waren auch die Bourgeois eingeladen, und auch viele gekommen). Er redete über eine Stunde, bandwurmhaft, nicht unverständlich, trotzdem Niviau, aber keine Rede. Ich glaube, die Leute habe sich sanft gelangweilt. Dann war schon Zeit, dass wir fort mussten. Abends gab es eine lange Auseinandersetzung mit Else. Sie ist doch wohl einfach gemütskrank (nicht was die Ärzte so nennen mögen, sondern wirklich gemütskrank). Hans hat eine rührende Art, sie zu behandeln, aber es hilft ihm nichts. Es wäre wirklich furchtbar, wenn diese Frau je ein Kind kriegte, ganz abgesehen davon dass sie sie hasst (sie erzählte mit entsetzlicher finsterer Entrüstung von einem Vorfall beim Maifest in der Stadt, wo Verwundete ins Gedränge geraten waren und Kinder auch "ja wenns bloss Kinder gewösen wören, was liegt an Kindern, aber Verwundete!!!"). Ihre Unglücklichkeit reflektiert sich nun in einer bei ihr sehr komischen Prüderie und einem erbarmungslosen Richten über andere, besonders über Frauen. Sie ist eben kleinbürgrlich ganz und gar. Übrigens nicht bloss über Frauen richtet sie vom hohen Tron ihrer Tugend ab, sondern selbstverständlich auch über alle Männer; wenn man ihr glauben müsste, gäbe es keinen Pfarrer und keinen Mädchenschullehrer, der kein Schwein gewesen wäre. Erzählt sie dann die Belege, so sind es meist nur komische Geschichten. Aber sie hat selbst nicht den mindesten Humor, wirklich kein Fünkchen. Wie hässlich sie bei solchen Gelegenheiten aussieht (trotz "ordentlicher Haare") weiss sie wohl selber nicht, sonst liesse sies bleiben. Dabei von einer Heftigkeit, wenn Hans nur entfernt scheint etwas gegen ihre Herrlichkeit sagen zu wollen; sie wird in solchen Augenblick eben richtig zum bösen Weib. (Hans will übrigens gar nicht; aber bei seiner unvollkommenen Beherrschung der normalen deutschen Sprache passiert es, dass es so aussieht). Das Gespräch gestern Abend mündete in eins über die Kirche; sie geht nämlich öfters zu den Adventisten, und bildet das nun zu einem Punkt des Widerstands gegen Hansens volkskirchliche Absichten aus (believers church gegen diese Kirche, wo die bösen Pfarrer den lieben Gott blamieren, der doch wenn er wüsste wie diese seine nächsten Diener wären ihnen "isch wüll nicht sogen einen Blitzstrohl, aber eine Blinddarmentzündung schicken müsste"). So nun habe ich mich ewas ausgeschwätzt. Dass ich hier bin, ist doch irgendwie gut, mindestens für mich und Hans. Hans ist ja so sehr impressibel - oder genauer: so usurpatorisch und assimilatorisch gegen alles was ihm zunächst fremd ist, dass es auf dasselbe  herauskommt, als wenn er impressibel wäre.

            Liebe, du hast dir doch nicht von Gredas "mehr an Institutionen als an Menschen glauben" ("glauben"!!!) imponieren lassen? Wenn übrigens irgendwo die Institution wirklich ihr Urteil gesprochen hat, so ist es ja in Leipzig gewesen. Aber das meint sie vielleicht grade. Aber dann - auf das Zeugnis welcher Institution hin glaubt sie denn ihrem eignen Mann? der ist doch auch noch nicht abgestempelt. Nein, ich bin ganz unverändert gewiss,dass du in Leipzig nichts versäumt hast. Die Hoffnungslosigkeit der Situation war uns ja seit dem Sommer schon gewiss.

            Ich lese den Spengler weiter, mit unverminderter Spannung. Eugen tat dem Styl des Buchs doch irgendwie Unrecht; es ist nicht "welk" geschrieben. Es ist nur nicht nachnietzschesch. Eher ein etwas lotterig gewordenes Goethesch. Aber wirklich, selten habe ich bei einem Buch so sehr das Gefühl, dass es geschrieben werden musste. Erst jetzt traue ich Eugen zu, dass er seine Zeitrechnung wird schreiben können; denn durch Spengler wird ihm die Selbstkritik aufgezwungen, die ihm bisher fehlte; er muss sich jetzt überlegen, was er dabei denkt wenn er von Zeit = rechnung spricht. - Rickert vorgestern erzählte: Spengler habe das Buch noch an Simmel geschickt, mit der Bitte darüber zu schreiben; Simmel habe sofort erwidert, er schriebe nie über Bücher. Darauf aber habe ers, schon seines Todes gewiss, angefangen zu lesen, und habe dann Bänsch, der von Strassburg nach München fuhr, aufgetragen, Spengler aufzusuchen und ihm auszurichten: er sei ein Sterbender, aber sonst würde er darüber schreiben. - Simmel glaubte selber an den Untergang Europas. (Rickert natürlich nicht).

            Wenn ich mich wirklich hier noch über Sonntag (wo ich zu Rickert gehe, der bis dahin sich den Hegel angesehn haben will) herumdrücke, so werde ich wohl Montag und Dienstag nach Frankfurt gehen, um meinen Hemden= und Kragenvorrat zu ergänzen. Mir wird bei meiner Akademiebettelei etwas schwummerig. Aus der einfachen Lüge, dass ich das Buch drucken lasse, mache ich dadurch dass ich jetzt soviele Leute persönlich darum bemühe, eine komplizierte. Das einzig Ehrliche wäre, ich liesse es ganz.

            Sogar Hans fand heute, ich müsste mir "einen Wohnsitz" zulegen!!!

                                                            Dein Franz.

                                     3.V.19

Liebe, wieder ein Regenmorgen, und auch heute nichts von dir da, aber der Tag ist ja noch lang. Auch von Mutter kriege ich nichts zu hören. Ich werde ihr heut vielleicht über Trudchen hin schreiben, sodass Trudchen ihr den Brief geben kann, wenn sie meint, dass nicht grade einer der Tage ist, wo sie sich daraufhin umbringt. Denn ich muss sie doch über die Verzögerung der hiesigen Akad.angelegenheit benachrichtigen, da sie mich vielleicht in diesen Tagen in Kassel erwartet; ich habe zwar von Bradt direkt nichts gehört, weiss also nicht, ob die Konstituierende Versammlung in diesen Tagen nun wirklich stattfindet. Dies hier ist ja wahrhaftig nur ein Herumdrücken. Zwar mit Hans ist es nett. Aber allzulange möchte ich es doch nicht. (Ich muss Mutter auch schreiben, weil sie mir noch keine Lebensmittelkarte geschickt hat, seit ich fort bin). Zwischen Weizsäcker und Hans war gestern ein langer wirklicher "Dialog" über Natur"wissenschaft" und Natur"philosophie". Es sind natürlich zwei Seelen in seiner Brust, (in Weizsäckers), die des Schülers seiner Lehrer und die des Lehrers seiner Schüler. Vorläufig kriegt der Lehrer noch ein schlechtes Gewissen, wenn er sich erinnert an das was er auf der Schule gelernt hat. Aber es ist mir doch sicher, dass er machen wird, was - höchstwahrscheinlich - er allein unter allen Heutigen kann. Sieh - und sieh, Eugen - hier ist ein Fall, wo wirklich weiter nichts zunächst zu wünschen ist als dass einer ein Buch schreibt. Das ist in diesem Fall viel mehr "christliche Tat" als alle Taten im engeren Sinn. Es liegt natürlich an dem besonders verlorenen Zustand der Naturwissenschaften und daran, dass der Christ der hineingeriet bisher stets nur ins Apologetisieren verfiel.

            Ich war gestern etwas erschrocken als mir Hans seinen Brief an Eugen gab und ich darin las "Franz liebt Spengler". Aber es wird wohl schon wahr sein. Ich meinte, ich wäre nur verliebt. Aber das dann allerdings sehr heftig. So sehr, dass ich darüber vergesse, dass wir Feinde sind, er und ich. Es ist zuviel darin, was ich früher auch wollte. Eugens Kritik und jede Kritik kann dagegen höchstens als eine Verwahrung wirken, wirklich umbringen liesse er sich nur durch ein ebenso starkes Buch. Eugen wird nun wohl oder übel die Zeitrechnung doch schreiben müssen. Mit der Kritik hat er sich nicht losgekauft. Übrigens bin ich überzeugt, dass er den 2ten Band nicht bloss schreiben wird, sondern schon geschrieben hat und ihn nur noch zurückgehalten hat, weil er erst ein bischen den Gang des Kriegsendes abwarten wollte. - Das Buch bringt das Grösste fertig, was ein philosophisches Buch fertig bringen kann: es zwingt dem Leser die Intuition des Schreibers auf. Es zwingt einen spenglersch zu denken. Mit andern Worten: ich habe schon jetzt nach 250 Seiten das Gefühl, ich hätte viel mehr gelesen. Kurz, er mag "der Teufel" sein, aber kein dummer. Und das Sonderbare ist, dass eigentlich nur ein millimeterbreiter Abstand seine Hölle vom Paradies scheidet, man möchte ihm immer zurufen: geh doch, nur einen Schritt, so bist du drüben. Aber er geht natürlich nicht, er fühlt sich ja wohl wo er ist, er ist eben der Teufel. Vorhin kramte Else unter Hansens Manuskripten, da kam auch allerlei Eugensches zum Vorschein, darunter sein (anlässlich der finnischen Krone) Schwanengesang auf die Monarchie oder vielmehr Schwanenge-sang eines Monarchisten.

            Die Sonne kommt heraus, ich hatte es gar nicht mehr gedacht. Nun kommt wohl auch ein Brief von dir? ich bin verwöhnt hier, es ist wirklich nur ein Katzenzprung. Mein Brief springt ihn. (Magst du eigentlich Katzen? ich mag sie lieber als Hunde.) Und dann nimmst du ihn, machst ihn auf ich bin wieder bei Dir -

                                                Dein.

                              4.V.[1919]

Liebes Gritli, mittags als ich von Rickert heimkam, war auch dein Brief da. Ich hatte schon bei Eugens gedacht, dass er Vorsehung gespielt hätte. Nun warst dus. Aber es wäre vielleicht auch Vorsehung spielen gewesen, wenn du es hättest gehen lassen. Und jedenfalls habe ich Hedi einfach nicht gekannt, war auch durch die Rolle die F.K. immer bei ihr gespielt hatte, irre geworden. Er tut mir übrigens doch leid. Ich kann ihn mir irgendwie vorstellen. Hoffentlich geht es mir einmal besser. Ich meine doch wohl? ? [zweites Fragezeichen ausgestrichen]

            In Trudchens Brief hast du richtig (mit wahrhaft philologischem Instinkt - Kunststück, wenn man die "Materie" mich so beherrscht wie du -) die Auslassung gerochen. Hinter dem Satz vom Abbringen stand nämlich: (Taufe). Das gehört nämlich zu Mutters unerschütterlichen Überzeugungen und so hat sie es auch Trudchen erzählt. Ich habe ihr auf diesen Punkt eine Berichtigung geschrieben, weil es mir doch peinlich ist, dass sie glauben konnte, ich hätte in so etwas nach Mutters Verzweiflungen gehandelt. Aber für Mutter ists doch auch bezeichnend. Sie macht sich sogar (mir gegenüber) ein Verdienst daraus: ihr verdankte ich es doch! Und dabei schrieb ich ihr damals, als ich ihr schrieb, dass ich es nicht tun würde: sie würde aber damit noch viel weniger  einverstanden sein als wenn ich es getan hätte. Wie ja auch eintraf.

            Ich merke dass die Rückseite ganz gut zu beschreiben ist. Aber ich werde es doch nicht mehr. Es hanselt im Zimmer, und so braun ist kein Papier, dass ich dann noch richtig mit dir zusammen sein könnte. Bis morgen früh also. (Ich freue mich schon darauf!) Guten Abend.

                                  4.V.[19]

Lieber Eugen, du wirst sehr böse oder vielmehr, was schlimmer ist, etwas traurig sein, denn hier ist die Adresse und weiter nichts: Georg Gabler bei Frau Black (seiner Schwester), Floring. 3. Ich habe bloss im Haus nachgefragt; hineinzugehn habe ich nicht fertiggebracht.

            Ich kam grade von Rickert und war noch bedrückt von der Unsauberkeit meiner Stellung in dieser Sache. Wenn ich mich selbst diesen Leuten präsentierte, würden sie nichts für das Buch tun. Das einzig Mögliche wäre, es selber zu bezahlen, und das einzig Anständige, es überhaupt nicht drucken zu lassen. Auf eins von diesen beiden wird es herauskommen und hoffentlich auf das zweite (nicht bloss, auf dass das Wort erfüllet werde, das gesagt hat der Profet Eugen).

            Spengler berauscht mich dauernd weiter. Im Anfang stehen ja grade schlechte Sachen, so die törichten Definitionen, die er glücklicherweise nachher selber fortschwemmt.

            Dein + Schema zwingt nicht.

            Hans wünscht du möchtest ausser dem über Rel.pr. u. Off. auch etwas über Sprache schreiben (bzw. etwas Älteres herausrücken). Schon weil es doch Das Wort heissen soll.

            - Inzwischen ist es Abend geworden, und Rickert hat einen guten Gedanken zur Welt gebracht, nämlich: er hatte das dicke Manuskript mit meiner Erlaubnis in mehrere Kapitelteile zerschnitten. Als ich nun zu Hans sagte, ich würde es vielleicht einfach der Akademie hier oder sonst irgend einer Stelle, der Berl. Bibliothek etwa, schenken und nur in den Zeitschriften eine Notiz veröffentlichen, es läge ein Buch von mir da= und darüber dort und könnte von Interessenten eingesehen werden, meinte Hans, ob ich es nicht lassen wollte, wie Rickert es gemacht hatte: nämlich zerschnitten in mehrere Zeitschriftenaufsätze, Akademieabhandlungen und etwa das grosse Preussenkapitel als Buch (ca 8-10 Bogen). Und so wirds nun, und du behältst wirklich recht. Morgen gehe ich zu Winter und biete ihm an: "Hegel und der preussische Staat. Ein geschichtlicher Kommentar zur Hegelschen Rechtsphilosophie". Und ev., wenn nötig, werde ich dafür von der Akademie hier wohl den Zuschuss kriegen. Ausserdem aber ist ein Buch über dies "aktuelle" Thema von 7 M Ladenpreis immerhin verkäuflicher, als eins für 22 M.  - Meinecke in der Hist. Zeischr. nimmt mir glatt ab "Studien zu Hegel (I Napoleon  II Restauration  III Julirevolution)". Bleibt noch "Die Geburt der Hegelschen Staatsanschauung. Eine biographische Untersuchung". Und "Hegels ursprüngliche Staatsphilosophie. Eine Studie zur Entwicklung der Hegelschen Systematik von 1801 - 1806". Daran muss entweder eine Akademie glauben oder Zeitschriften. - Das Vorwort kann in die Preussischen Jahrbücher, die Einleitung in irgendwas und der Schluss ins Scheisshaus. Es ist doch sehr bezeichnend, dass das geht. Der Schluss war die Klammer die das Ganze hielt; die Klammer ist 1918 zerbrochen, nun fällt es in Stücke. Und ich bin das Ganze los, prätendiere nicht mehr, ein Buch geschrieben zu haben, und kriege noch Geld drauf statt was zahlen zu müssen. Es ist doch gut so?

            An den Zeitgleichungen beängstigt mich immer noch dasselbe wie 1917, nämlich das primitiv (euklidisch!) Arithmetische. Grade aus Spengler musst du doch sehen, dass die Zeit ihre eigene Mathematik hat. Deine Zeitgleichungen verglichen zwei Zeitspannen als wären es wirklich Spannen, Raumstücke. Während in Wirklichkeit zwischen der Schuld= und der Sühneepoche nur eine funktionelle Beziehung zu sein braucht. Ein Geschlecht kann in wenigen Jahren ausbaden, was ein andres in Jahrzehnten gesündigt hat. Gott zählt nicht, er wägt.

            Liebesersatz? oh weh, du bist kein Ersatz, aber unersetzlich -

                                    auch deinem Franz.

Sei mir nicht mehr böse wegen dem Jungen mit der Hose (oder vielmehr ohne Hose),

                                     5.V.19

Liebes Gritli, heut früh endlich von Mutter ein Brief, eigentlich 2 Kärtchen; sie dachte wohl, es ginge alles auf eins. Immerhin also doch ein Brief und ohne "Aussprachen". Sie schreibt, dass sie dir geschrieben hat, "aber es greift mich zu sehr an, und schliesslich hat niemand was davon, wenn ich schreibe". Von Rudi hatte ich auch einen, ausführlichen, Brief; er stimmt eigentlich im wesentlichen mit Trudchen überein, alle wollen mich fort von Kassel haben, am besten "motiviert durch eine Anstellung" (O.Adolf) - ja woher nehmen und nicht stehlen. Von Bradt hatte auch Mutter kein Wort mehr gehört; es wird also wohl noch nicht konstituiert sein. Bei Winter war ich eben und trug ihm meine Alternative: das Ganze oder ein Stück vor. Kruioserweise schien er aber Blut geleckt zu haben, und sprach als ob er lieber das Ganze wollte und sagte gar nichts von Zuschuss. Ich werde nun ein paar Tage warten. Irgendwie werde ichs ja nun los. Verlangt er Zuschuss, so kapriziere ich mich auf den Teildruck. Übermorgen gehe ich wieder hin. - Rudi schreibt: (übrigens schreib ihm doch vielleicht ein Wort über Weidemann oder beser noch: schick ihm den grossen Brief an Eugen, von dem ich Rudi geschrieben habe, damit er etwas im Bilde über W. ist. Übrigens: der Brief, den er zwischen Stiftsmühle und deinem Kassler Aufenthalt an Eugen geschrieben hat, den hast du nie erwähnt; wie war er?). Also Rudi schreibt: O.Adolf "sah aber ein, dass auch der Privatdozent nichts Endgültiges helfen würde {meiner Mutter}. Ich sagte, dazu könne ich dir nur raten, wenn er dir für deine übrigen Pläne nützen würde. Wie denkst du darüber?" Nun natürlich, dass es nicht geht; denn zwar würde er mir nützen, ähnlich wie das Buch; aber er würde mich, anders als das Buch, mit Beschlag belegen innerlich; niemand kann zweien Herren dienen. Deshalb geht es nicht, obwohl es nützen würde. Rudi schreibt noch: "Hat Dir Deine Mutter geschrieben {nein}, dass Hans Hess bei ihr war, um ihr wegen Ws und Eugens sein Herz auszuschütten: - W. ziehe sich ganz zurück und beharre auf der Wahnsinnstheorie, er erzähle allerhand Christusartige Aussprüche Eugens. Ich wünschte, die Briefe von denen du sprichst {es war natürlich nur der eine} auch kennen zu lernen. Natürlich glaube ich Eurem Urteil, aber hat W. dann nicht umsomehr einen eigenen Weg? - Wie denkst du denn jetzt über die Vergewaltigung des Himmelreichs? - Stuttgart wäre freilich schön in jeder Hinsicht, ist es politisch bedingungslos? - "

            Ich muss zum Mittagessen herüber (ich schreibe im Wartesaal -). Es ist wieder ein Brief mit lauter Gästen geworden. (Das Hegelbuch ist doch auch bestenfalls ein Gast, eigentlich dir wohl fast so unheimlich wie der Gast Kähler). Aber einen Augenblick auf der Treppe sehn wir uns und ich sage dir schnell:

Dein.

                              5.V.[1919]

Liebes Gritli, du rätst nicht, wo ich dir schreibe. Ich bin in Mannheim und höre heut Abend das Klinglerquartett, "nachträglich". Ich hatte eigentlich keinen Mumm, zuletzt bin ich doch herübergefahren. Nun sitze ich in Elsa Schicks Zimmer, die keine Ahnung hat, dass ich hier bin. Es ist ein sehr drollig und hübsch vollgefüllter kleiner Salon, und was tue ich - nun ja.

            Mittags fand ich deinen Brief. Ich werde wohl Mutter erst auf ihrer Durchreise "nach Konstanz oder Badenweiler" sehen, hier oder in Frankfurt und zusammen mit O.Adolf. Das kann nicht so schlimm werden. Geschrieben habe ich ihr zwar: in Kassel auf der Durchreise oder hier, aber es wird schon hier werden. Das Gute dabei ist, dass es dann bei ihr steht, hier zu bleiben oder weiterzureisen, sodass sie sich nicht als von mir verlassen fühlen kann. Die Zeitung über die sie so stöhnt wird ja nun sicher nichts. Es lohnt sich kaum, nochmal zu schreiben, nur der Ordnung wegen will ichs. In den nächsten Tagen fahre ich nach Frankfurt; vielleicht weiss mir Lazarus, der ja aus Berlin stammt, Rat.

            Ich habe dich neulich mit Hans = Else geplagt, einen ganzen Brief lang. Aber es musste heraus. An sich wäre es ja eine grosse Taktlosigkeit gewesen, aus ihrem eignen Haus so zu schreiben, aber an dich wars mir nur wie Selbstgespräch.

            Empfindest du das mit dem Hegel also auch so entwürdigend. Ich bin in einer ganz unklaren Stellung dabei. Das kann man nicht immer vermeiden. Das Schlimme fängt erst da an, wo man bei sowas nicht einfach kurz und knapp selber handelt - mögen dann die Leute einen verstehen oder nicht - sondern andere für sich interessiert und in die eigne Unklarheit hineinzieht. Das ist Missbrauch der Liebe. Denn schliesslich steckt doch in der Hülfsbereitschaft, die man beansprucht, ein Kern Liebe. Und den verunehrt man. Das Buch einfach an einen Verleger verkaufen, - das ist ein trocknes Geschäft, "abgemacht" und abgetan. Erst durch das Hinlaufen zu Rickert, Oncken und dann noch wer weiss wem, Gradewitz, Meinecke, Below! - erst dadurch wird es widerwärtig. Ich war einmal schon in etwas ähnliches verwickelt: als ich als Krankenpfleger nach Asien wollte. Frühjahr 15. Da setzte ich auch wer weiss wen in Bewegung, und konnte meine Motive auch keinem sagen, aus ganz ähnlichem Grund wie jetzt. Auch da war es einfach eine Erlösung als mich das Rote Kreuz vor die Alternative stellte, wieder hinauszugehn oder auszutreten, und mir dadurch das Warten auf die asiatische Expedition abschnitt. Nun siehts ja fast aus, als ob Winter es für möglich hielte, den Hegel ohne Zuschuss zu verlegen. Er fragte mich wenigstens, ob ich an Honorar dächte (ich sagte natürlich: nein, nur Gewinnbeteiligung).

            Von dem Brief an Werner und von der Volkshochschulbroschüre schreibst du noch nichts. Hans hat mit Weisbach gesprochen wegen etwaigen Verlags des "Worts"; der hat Lust. (Es ist der Verleger der "Gesetz d. Menschen unsrer Zeit", von der übrigens jetzt immerhin schon 500 Stück verkauft sind!)

            Es spenglert noch immer bei mir. Meinethalben dürfte er ruhig 6 Bände schreiben, ich läse sie alle. Er hat eigentlich alles in dem Buch, es fehlt immer nur ein ganz kleines Bischen, immer nur das Tüpfelchen auf dem I. Wir werden nun in unserm litterarischen Leben nichts mehr zu tun haben als Ipünktchen machen. Braucht sich Eugen jetzt etwa noch die Finger krumm zu schreiben, um den Leuten sein Jahr 1000 beizubringen? Man braucht wirklich die von Spengler zerstückelte Welt nur in den Medeakessel des Glaubens zu werfen, so ersteht sie herrlich wieder auf. Also genau das, was bei mir vom ersten zum zweiten Teil hin geschieht.

            Spengler spricht nicht, gewiss. So wenig wie Goethe. Aber er schaut an, wieder wie Goethe. Er hat eine für mich gradezu zwingende Kraft des Anschauens. Dabei laufen ihm wohl auch Gezwungenheiten unter, aber wie wenig! Es ist doch eine schöne Sache um ein Genie. Erfüllst du deine Geniuspflicht, frag ich nach deinem Glauben nicht.

            Elsa Sch. scheint zu kommen. Leb wohl.

                                  6.V.[19]

Liebes Gritli, als ich Nachts von Mannheim zurückkam, fand ich ein Telgramm von Trudchen: "deine Mutter infolge Enttäuschung über dein Nichtkommen übererregt. Hatte dich trotz Brief erwartet. Komm sofort auf einige Tage." Es passt mir denkbar schlecht, da sich doch wohl in dieser Woche die Sache mit dem Hegelbuch ordnet. Ich warte jetzt auf ein Telefongespräch mit Trudchen. Denn sonst muss ich fahren, nicht grade Mutters wegen, der ich sicher nicht gut tue, sondern weil Trudchen so kategorisch telegrafiert hat und ich sie nicht vor den Kopf stossen kann. Was kann das für Tage geben! Selbst wenn Hedi dabei ist. Und dazu dann O.Adolf, T.Emmy, Hedi selbst nicht zu vergessen, allen Rede stehen, "was hast du vor, was hast du vor?" und ich habe gar nichts vor, ich weiss nur, was ich nicht vorhabe. Unter dieser allgemeinen Kontrolle darf ich dann nach London fahren! Ich danke! - Vielleicht kriege ich ja noch Aufschub von Trudchen. Sie wird sich eben einfach selbst nicht mehr zu helfen wissen und die "Verantwortung mir gegenüber" nicht ertragen. Dabei ist mir wirklich egal, was geschieht; ich bin auf alles gefasst. Das einzige, was mich etwas irre macht, ist der Gedanke, dass es vielleicht in ihren Jahren liegt (allerdings war sie eigentlich immer so), dann wäre dies also in einigen Jahren wieder gut. Tante Julie ist glaube ich ein paar Jahre lang, zu Lebzeiten ihres Mannes, auch in diesem Alter, in einer Anstalt gewesen. Dann würde es also genügen, sie nur jetzt über den Berg wegzubringen.

            Liebes, es ist zu scheusslich, womit sich jetzt die Briefe füllen. Dabei hatte ich mich auf heut Morgen gefreut, ich hatte dir viel mehr zu schreiben. Von der Musik hatte ich zwar nichts, aber es ging mir so vielerlei durch den Kopf. Jetzt weiss ichs kaum mehr. Es kam vor allem dabei heraus, dass ich den Stern doch wohl drucken werde. Das hat Spengler gemacht. Ich empfinde ihn jetzt plötzlich, anders als damals als ich ihn schrieb, als ein Zeitbuch. Um so komischer ist, dass ich mich noch um den Hegel bemühe.

            Über kurz oder lang ist nun die schöne Nähe nicht mehr. Sie kommt mir viel näher vor als zwischen Kassel und Leipzig, und bloss weil man weiss, man braucht es nur zu wollen, so ist man beieinander. Mehr als das zu wissen, ist ja gar nicht nötig; schon dadurch schrumpft jede Ferne zu einem "Katzensprung" und ist keine Wand mehr, an der man sich den Kopf einrennt, sondern nur wie eine Tür zwischen zwei Zimmern.

            Was du mir vom Opfern und Schadennehmen schriebst, hat mir ja neulich, in ihrem ersten Brief, auch Trudchen noch viel besser geschrieben. Es ist sicher so. Aber es ist nichts was mir heute vorstellbar ist, und darfs wohl auch gar nicht sein. Heute bin ich dir nah, und ich kann mir nicht denken, dass diese Nähe je Ferne werden könnte. Denn du bist mir Nahe und Nächste zugleich. Ich liebe dich wie mich selbst. Denn

                                    - ich bin dein.

                                  6.V.[19]

Liebe, ich bekam das Telefonat doch noch und kurz zuvor einen Brief von Trudchen. Ich erbat mir Aufschub, weil ja vielleicht mein letzter Brief, den Mutter morgen haben wird, sie schon beruhigen wird. (Vielleicht allerdings auch grade das Gegenteil). Ich sähe sie wirklich lieber hier als in Kassel. Sie wird sich hier sicher mehr zusammen nehmen als in Kassel, wo sie schon gewohnt ist zu toben. Hedi wirkt scheinbar nicht beruhigend auf sie; sie lamentiert über "die fremden Menschen im Haus" u.s.w. Zu Trudchen hat sie gesagt, du habest ihr Hoffnung gemacht, "den Briefverkehr mit mir verebben zu lassen". Trudchen schreibt gleich dazu, sie habe nicht geglaubt, dass du das gesagt hast. Siehst du? - Mein ganzer Wunsch ist jetzt, sie so wenig als möglich zu sehen. (Und deiner wohl, so wenig als möglich davon zu hören; aber es hilft nichts: es geht mir zu andauernd im Kopf herum, wenn auch nicht im Herz; was da noch war, hat sie durch ihren Selbstmordversuch totgeschlagen).

            Trudchen kam noch so früh, dass ich noch zu Hans ins Kolleg konnte. Es war ausserordentlich, ganz einfach, primitiv sogar. Er erzählte den Studenten - sein Leben, etwas obenhin, einiges - Verhältnis zu den Georgianern in Berlin - genauer. Das Kolleg, 4stündig, giebt ein System; er will zwischenhinein Fragen stellen; und um die Atmosphäre zu schaffen, vorweg diese Visitenkarte. Alles sehr souverän, erfahren, unpathetisch, menschlich. Lange kanns nicht her sein, dass er so etwas konnte.

            Morgen höre ich vielleicht doch schon was von Winter. Und dann, wenn ers annimmt, fahre ich (falls Mutter nicht grade in den Tagen hier durchkommt) nach Kassel und von da baldmöglichst nach Berlin. Das ist eine unheimliche Entfernung.

            Ich war bei Weizsäcker, den ich zwei Tage nicht gesehen hatte. Er sprach viel Merkwürdiges. Von der Jugendlichkeit katholischer Pfarrer und Nonnen. Katholische Schwestern würden keine "alte Jungfern".

            Ein Kolleg heute wie Hansens ist schon nicht mehr Blüte der alten, sondern schon neue Universität. Man hätte Zwischenrufe machen mögen, - unerhört für frühere Vorstellungen. Ich werde ihn hören, solange ich noch hier bin. - Eugen wird am 14.VII. in der Gesellschaft sprechen über "die Institution im Recht und Staat." Den Folie = Vortrag dazu (das Individuum in Recht und Staat) hält Fehr. Das muss ihn ja an sich reizen. Übrigens gereizt oder ungereizt - das Programm wird schon gedruckt. Falls ihn das Fremdwort (trotz des Schlusssatzes von Rathaus und Roland) ärgert, kann er ja mit einer Schimpfrede beginnen. Der ewige Prozess kam heute. Ja gewiss, es ist alles ganz einfach, aber die Menschen - der Prediger Salomo weiss etwas darüber (vgl. Konkordanz unter "einfach"). Ich jedenfalls möchte ganz einfach sein: Dein.

                                     7.V.19

Liebe - beinahe "meine Liebe",  stell dir mich vor in einem Hemd und einem Kragen von Hans und "gieb dich zufrieden und sei stille"; und auch mit den Brotkarten will ich Else lieber nicht beunruhigen; ich habe ja Mutter geschrieben, dass sie welche schickt, übrigens auch gleich an dich. Nach Frankfurt wäre ich zwischenhinein ja hauptsächlich wegen Lazarus gefahren, so in der vagen Idee, er würde mir etwas wissen. Aber wenn sich Winter wirklich hat dumm machen lassen, so fahre ich ja ohnehin fort von hier. Nein, ich brauche nichts von dir ausser - dich. Ich könnte dir den ganzen Tag schreiben.

            Rudi muss erst mit den Predigten fertig sein (er ist an der 4tletzten). Eher braucht er keine Attaken. Nachher schon. Weidemanns erster grosser Brief, wenn du ihn ihm schickst, ist eine Attake. Dass seine Ehe das war als was er sie empfindet, kann man vielleicht nur verstehn, wenn man die Jahre 1910-12 mit ihm erlebt hat. Es ist natürlich etwas ganz Persönliches, aber so empfindet er es ja auch. Nur in der Projektion katholisch = protestantisch wirft es einen Schatten ins Überpersönliche hinaus. Ein Massstab für andre ist es nicht. Was dich daran anfremdet, ist dass die Ehe ihm nicht bloss Anfang war, sondern ebensosehr Ende. Man muss ihn eben gekannt haben, wie er vorher war. Helene ist freilich "fertig" - sie ist ja katholisch.

            In Rankes Weltgeschichte habe ich grade in diesen Tagen auch etwas gelesen (in einem Inselbändchen), "Muhamed"; ich war enttäuscht.

            Gösta Berling ist ihr Erstlingswerk. Denk, ich habe es nie gelesen, immer bloss drin geschmökert. Daher bin ich nicht bis zu deiner Ablehnung gekommen. Aber offenbar war es doch ein solches Gefühl. Überhaupt lese ich scheints Erstlingswerke nie richtig. Sowohl die Räuber wie den Götz kenne ich vollständig nur vom Theater, und auch den Werther habe ich noch nie durchgelesen. Was hätte wohl die Agnes Günther gemacht, wenn sie länger gelebt hätte? Erstlingswerke von Genies sind doch immer so. Kennst du Michelangelos Centaurenkampf = Relief? Es ist immer dieselbe unzusammengefasste Massenhaftigkeit, alles schon da und doch noch unerträglich, mehr bedrängend als befreiend.

            Ich gehe jetzt zu Winter, um ein Stück für Oncken abzuholen, das ich ihm versprochen hatte zu bringen, weil eine Schülerin von ihm daran arbeitet. Vielleicht kriege ich da schon überhaupt was zu hören. Ich lasse den Brief jedenfalls offen. Leb wohl bis bald. (So ein paar Mal am Tag schreiben, ist wirklich als wäre ich bei euch zu Besuch in Säckingen. Da sehe ich dich ja auch nicht den ganzen Tag.)

            Inzwischen war ich also bei Winter. Ergebnis: 50 M Zuschuss pro Bogen. Das wären also 1500 M. Damit und mit dem Mskript ging ich zu Oncken. Der war sehr entgegenkommend und will ein Gutachten machen, ev. schon für die nächste Ak.Sitzung, die am 17.V. ist. Bewilligt die Akademie mir nur die Hälfte, so würde ich den Rest selber zahlen, um nicht auch die Freiburger noch belaufen zu müssen. Dass ich an Meinecke schreibe, wünscht allerdings Oncken auch, aber offenbar nur, weil er Wert darauf legt, dass Meinecke erfährt, dass man sich für einen Schüler von ihm bemüht, für etwaige spätere Gegenleistungen. In dieser ganzen Sache werde ich also eigentlich mehr weitergeschoben als dass ich selber was tue. Mittags fand ich ein Telegramm von Trudchen. Neue Komplikation: "Onkel Adolf jetzt nicht abkömmlich. Du musst Mutter fortbringen. Drahte Ankunftszeit. Muss dich zuerst sprechen". Ich habe wieder Telefon bestellt und sitze nun und warte. Es ist natürlich sehr unangenehm. Genau das Gegenteil von dem, was einstimmig alle für richtig hielten. Statt dass ich ihr möglichst wenig unter die Augen komme, muss ich sie jetzt zwingen, irgendwohin zu gehn. Wodurch sie natürlich noch wütender auf mich wird. Ausserdem halte ich es für ganz falsch, sie alleine irgendwohin zu setzen. Es handelt sich ja gar nicht um ärztliche Aufsicht. Eugen sieht die Sache ganz falsch an. Sie ist zu klug für die Doktors. Das Zusammengehn mit O.Adolf wäre das einzig Mögliche gewesen. Jetzt wüsste ich nur diese Frau Löwenherz, die sie wohl eine Zeit lang mit Vergnügen auf ihr hannoversches Gut nehmen würde und an die sie selber früher auch schon gedacht hatte. - Da ich hier erst Rickert (und vielleicht auch noch mal Winter und Oncken) sprechen will, so werde ich wohl erst morgen Nachmittag oder übermorgen früh fahren; ich telegrafiere auch noch. Schreiben tu mir dann via Trudchen. Falls es sich in die Länge zieht, natürlich auch nach Terrasse 1, damit Mutter keinen Verdacht schöpft. Aber die Aufregung der täglichen Briefe möcht ich ihr dann ersparen. Auf den langen braunen Couverts hält übrigens das Siegel meist nicht; da benutz lieber welche von deiner Mutter. Und noch was: schick doch an Trudchen die Einleitung zum IIten Teil, sie ist mit dem Iten fertig, und der Durchschlag, den ich in Kassel habe, ist scheusslich verwischt geschrieben.

            Ich schreibe dir jetzt Briefe, die ich am liebsten gleich wieder durchstreichen möchte. Und aus Kassel werde ich überhaupt nur ganz verstohlenerweise dazu kommen. Ich weiss überhaupt nicht, wie es werden soll. Sie wird mich künftig aus der Ferne noch ärger beaufsichtigen als aus der Nähe. Im Hintergrund immer die ultima ratio der Zäpfchen. - Ich weiss jetzt, was ich tue. Ich werde sie überhaupt zu nichts veranlassen. Sie will natürlich von mir zu etwas "gezwungen" werden. Ich werde sie aber zu gar nichts zwingen, sondern einfach sagen, ich sähe gar nicht ein, warum sie nicht in Kassel bleiben könne, wenn sie das wolle. Soll dann ihre geliebte "Familie" sehn, wie sie mit ihr fertig werden. Ich gebe ihrer Wut dann wenigstens keine neue Nahrung. Ich fürchte mich vor diesem Dämon.

            Eben Telefonat mit Trudchen. Grund: sie hat zu Hedi gesagt: wenn ichs ihr klar machen würde, dass sie fort müsste, so würde sie gehen. Es ist also ganz klar: sie will bloss mich für die Verantwortung haben. Da kommt sie an den Verkehrten. Noch etwas: Eugens Brief "war eine Katastrophe". Also er darf ihr nun wirklich nicht mehr schreiben. Wer es nicht muss, sollte es überhaupt bleiben lassen. Hier ist nichts mehr zu machen ausser sie toben lassen. Ich bin eben am Telefon schrecklich erregt geworden. Und ich möchte wirklich nicht von ihr mitgerissen werden. Obwohl sie ja dann zufriedne wäre.

            Genug davon. Ich weiss nicht, wie das werden soll. Ich habe Trudchen gesagt, ich wüsste noch nicht, ob ich kommen würde. Ich weiss es wirklich noch nicht.

                                                Dein Franz.

                                     7.V.19

Liebes Gritli, nur schnell noch, wie es wird: Hans hat einen Weg gefunden, wie ich den Kasslern genug tun kann: ich fahre hin, bespreche alles mit ihnen (Trudchen, O.Adolf, ev. Tante Emmy) und in Göttingen mit Rudi, bleibe vor Mutter Inkognito. Nur wenn es wirklich nicht anders geht, gehe ich dann noch zu Mutter, aber ich hoffe es mir und ihr ersparen zu können. Jedenfalls muss ich rechtzeitig vor dem 17. (mehrere Tage vorher) wieder hier sein. Aber jedenfalls habe ich auch dann erst alles durchgesprochen, sodass die Familie und ich d'accord sind. Hans sprach von der Möglichkeit von Hypnose. So scheusslich es ist, hier handelt es sich ja nicht mehr um eine lebendige Seele. Und da die andre Möglichkeit Selbstmord heisst, so wäre gar nichts mehr gegen Hypnose einzuwenden; es ist ja weiter nichts als auch ein Mord, nur ein reparabler. Schreib mir also an Trudchens Adresse, (aber an sie oder an beide kouvertiert, weil die Kinder nicht zu wissen brauchen, dass ich da bin. - Freitag Abend also voraussichtlich Kassel, Sonnabend Abend Göttingen, Sonntag entweder zurück oder eventuell (hoffentlich nicht) Abends in Kassel ("soeben unangemeldet aus Heidelberg ankommend".) Am Dienstag müsste ich jedenfalls zurück hier sein. - Ich werde möglichst veranlassen, dass sie mit O.Adolf reist, im übrigen Kassel überzeugen, dass die première idée der Trennung (auf ca 1/2 Jahr) wirklich das einzig Richtige ist.

            Schreib mir ein gutes Wort, ein besseres als ich dir schreiben kann; ich habe es nötig. Liebes Gritli -

                              8.V.[1919]

Liebes Gritli, also morgen fahre ich und weil ich ja schon Montag wieder zurückfahre, so kannst du mir schon auf diesen Brief wieder nach Heidelberg antworten. Du hältst mich an einem kurzen Fädchen, ich komme schon wieder zurück zu dir geflogen. Wirklich, Heidelberg ist fast als wäre ich bei dir. Dass ich nicht länger bleibe, auch wenn ich Mutter sehe, ist mir jetzt ganz sicher. Werden sie sehr dringlich, so verspreche ich schlimmstenfalls, wiederzukommen; aber Dienstag muss ich auf jeden Fall wieder hier sein, wegen Oncken u.s.w. Daraus kann ja sogar Mutter nur entnehmen, dass ich mich wirklich nur sehr schwer von hier freimachen konnte und müsste also - eigentlich - meinen "guten Willen" sehen. An Meinecke habe ich heute auch geschrieben und ihm dabei in Kürze mitgeteilt, dass ich nicht auf Habilitation spekuliere. Rickert und Oncken habe ich es dieser Tage auch gesagt. Es ist freilich nichts Rechtes, nur das Nicht zu wissen und nicht das "Was denn [dann?]?". Ich habe Meinecke von meinen hiesigen Schritten verständigt und ihn anschliessend an die Erklärung dass mir das Buch "einen Abschied und keinen Anfang" bedeute, einen "Abschluss einer Lebens= und Bildungsepoche" und nicht den Anfang einer "beruflichen Laufbahen", gebeten es ihm widmen zu dürfen. Ich bin etwas neugierig, wie er antwortet.

            Hansens zweite Kollegstunde ging fort wie die erste begonnen hatte. Hans macht da wirklich was Eugen hätte machen müssen. Aber Eugen hätte es nicht gekonnt. Ich glaube so simpel und menschlich sprechen kann man in dieser vergeistelten Atmosphäre nur wenn man einmal so sehr reiner Geist war wie Hans. Es ist eine Freude zu sehn, wie nun der Schmetterling aus der Puppe kriecht. Er sagt ganz vergnügt zu den Studenten:" ein Professor ist kein Mensch". So hin, so ohne jede Ausdrücklichkeit. Nächste Stunde beginnt das Kolloquium. Leider sitze ich da auf der Bahn.

            Deinen Breirat befolge ich heut aus andern dringenderen Gründen. Immerhin doch prompt, ehe dein Brief kam; schon zum Kaffe gabs Süppchen. Aber leider kann ich die zweite Fliege, welche hier - o Wunder der Natur! - ein Bandwurm ist, nicht mit dieser Klappe schlagen, denn morgen sitze ich vgl. den Schluss des vorigen Absatzes.

            Das "Wunder" Trudchen = Louis begreife ich auch erst seit dem Brief, den sie mir neulich schrieb. Es ist "kein Wunder" und doch eins. Ob bei Hedi die Bedingungen dafür da gewesen waren? Wohl nicht. Doch man weiss es nie vorweg. Übrigens habe ich viel zu viel Vertrauen zu dir, als dass mein Widerspruch, wenn du locuta es, länger als einen Tag anhielte. Du hast getan was du musstest, also ist es gut. Auch mein Widerspruch gegen deinen Weidemannbrief hat sich verkrochen. Ich lasse mein Herz sich ganz still zu deinem legen, ich will gar nichts weiter, bewahr es gut und halt es sanft in deinen Händen diese Tage, die ich fort bin in Kassel. Ich komme wieder und dann hol ichs mir wieder von dir. Bewahr es gut, geliebte Seele - es ist

                                    Dein.

                              9.V.[1919]

Liebes Gritli, es war schon später als ich dachte, so schreibe ich im Zug weiter. Ich habe nun keine eigentliche Angst mehr. Ich habe mein Retourbillet, das nur bis Montag gilt, in der Tasche - in jeder Beziehung. Beinahe hoffe ich selbst wenn ich Sonntag bei Mutter bin doch "Aussprachen" zu vermeiden. Ich will versuchen, auch ihr gegenüber alles auf das "Was ist zu tun" herauszuspielen. Übrigens bin ich arg müde, ich habe nur ein paar Stunden geschlafen, wir waren nämlich gestern Abend aus, bei Hellers, d.h. weiland Emma Lantz. Es kam so: ich traf vor ein paar Tagen eine Berliner Bekannte aus dem Ballmonat 1914 (die, die mich damals malgré alle bei Buber einführte) und sie wohnte hier bei ihrer Freundin Frau H. Daher die Einladung. Es war ein sehr netter Abend. Es waren zwei wirklich feine Mediziner da, nämlich der Mann, jünger wie sie und gut aussehend und ein andrer Assistent. Nur gab es leider trotz runden Tisches und schönen kleinen Zimmers (ganz pompejanischrot) kein gemeinsames Gespräch der 7 Menschen, sondern immer 2 oder 3 gleichzeitig. Das macht mich kribbelig, wenigstens wenn, wie gestern, ein paar Mal die schönsten Ansätze dazu da waren. Es gehört eben offenbar zur Geselligkeit, dass jeder dauernd schwätzt und das geht ja nicht, wenn 7 gemeinsam sprechen. Frau H. ist reichlich intellektuell, aber doch nett. An dich erinnert nichts an ihr, ausser etwa der Handrücken (die Finger nun schon wieder nicht im mindesten). Der Mann scheint jünger wie sie. - Else war wieder sehr komisch; sie ritt eine Attake gegen die Natur, vor der sie sich "fürchte" und die sie nur "durchs Fenster" möge, wo sie am Zimmer "Rückendeckung" hätte. Man hörte ihr auch andächtig zu! Jetzt wo ich fort von Heidelberg bin, ist mir doch ein bischen, als wäre ich aus der Klause eines Hexenmeisters heraus, so etwas wie im Goldnen Topf. Nun komme ich ja in Kassel gleich wieder in die Hexenküche hinein, - so bleibt also nur die Bahnfahrt dazwischen, - eine kurze und etwas zu ambivalente Entzauberung. Richtig entzaubert bin ich jetzt doch nur an einem einzigen irdischen Ort - brauch ichs dir zu sagen, wo?

                        Geliebtes Herz - dein.

                            10.V.[1919]

Liebes Gritli, Hedi und Trudchen waren an der Bahn, Hedi um mich gleich zu Mutter mitzuschleppen, was ich aber energisch verweigerte. Hedis Taktik (die sie auch mir empfiehlt) ist: à la Putzi: "ooch Muttchen". "Hingegen", wirklich "hingegen" empfiehlt Onkel Adolf bei dem ich abends noch war, vollkommene Offenheit, einfaches Aussprechen der Wahrheit - der "Wahrheit", nämlich: Liebe Mutter, wir wollen doch beide das Gleiche: du willst nur mein Glück, ich will nur mein Glück; auf die Art wie du es meinst (Privatdozent) würde ich unglücklich, das kannst du doch nicht wollen. - Dies ist also die lautre Wahrheit. Ich habe mir gar nicht die Mühe genommen, dass das eine noch gröbere und plumpere Lüge wäre als das à la Putzi und dass Mutter sowenig darauf hineinfallen  würde als auf jenes. Auch Trudchen ist inzwischen soweit gekommen wie ich schon war: dass es nur mit Taktik, nur mit Lügen geht. Ich habe keine Spur Gewissen mehr. Wichtiger als Onkel As gute Rate war mir seine Bestätigung, dass es sich höchst wahrscheinlich um eine Alterserscheinung handelt und dass man also hoffen darf, es wird besser wenn sie erst über die kritischen Jahre hinaus ist. Der Nervenspezialist, dem er den Fall in 3 Sätzen vorlegte, sagte sofort: hat also Suicid = Ideen (übrigens eine Wortbildung deren glatte Möglichkeit doch sehr bezeichnend für beide Bestandteile ist, sowohl für den "Suicid" wie für die "Ideen"). - O.Adolf erzählte allerlei Interessantes: z.B. dass sie früher wenn sie eine 2 statt einer 1 geschrieben hatte zuhause tobte wie jetzt bei andern Gelegenheiten. - Eugens Brief hatte Trudchen gelesen und die Wut darüber auf den Gipfel getrieben, indem sie ihn sehr schön fand. Das scheint er - sie erzählte ihn mir genau - ja wirklich gewesen zu sein, aber wie zwecklos ist er für Mutter. Es ist doch zu spät für sie. Sie hat ja keinen Hausstand mehr zu gründen, sondern alles hinter sich. Und wie sie das Wir = sagen missverstand: sie sagte Trudchen, das könne sie ja nicht, ich würde ja nervös wenn sie nur von dir den Mund auftäte. So wenig begriff sie, dass es nicht so gemeint war, zu andern Leuten "wir" zu sagen, sondern erst einmal in foro interno.

            Ich habe nun zum ersten Mal bei Trudchen in dieser Wohnung übernachtet, schreibe jetzt im Wartesaal vor Göttingen. Mutter werde ich heut Abend meine Odyssee richtig erzählen; es schadet gar nichts, wenn sie weiss, dass ich mich nicht mehr unvorbereitet an sie traue.

            Morphium hat sie keins mehr. Sie redet jetzt mehr von "Ausdemfensterstürzen". Na - es wid ja auch mal übermorgen werden.

            Und morgen kommt ja ein rotbezettelter blaugesiegelter Brief - etwas Gutes bringt jeder Tag.

            Ich küsse deine lieben Hände.  

Dein.

                            11.V.[1919]

Liebe Liebe Liebe, ich muss erst einmal wieder untertauchen in dich -

            Ich bin heut Mittag abgefahren. Es war schrecklich. Noch in Göttingen war ich vollkommen ruhig, aber als ich sie dann sah, verlor ich jeden Halt. Den Abend waren Kästners (ausserdem Frau Ganslandt, Jonas, Hedi) da, nachher um 12 kam sie auf mein Zimmer und dann fing es an. Dabei hatte sie den besten Willen, aber ich nicht. Mich ritt ein Teufel mindestens so schlimm wie ihrer. Ich sprach fortwährend was ich nicht sprechen wollte, (nämlich dass wir uns trennen müssten). Ich hatte weder Mitleid noch Liebe für sie. Es kam genau so wie ichs vorher gefürchtet hatte. So ging es den andern Morgen wieder los bis zum Mittagessen. Nach Tisch ging sie auf ihr Zimmer, ich auf meines und suchte die Manuskripte zum Hegel; ich wäre am liebsten Abends mit Hedi abgefahren, so kaput war ich. Denn weder hatte ich vernünftig mit ihr sprechen können, noch mitleidig. Weil mir eben beides, Vernunft wie Mitleid bei ihrem Anblick verschlagen waren. Wie ich dann die Manuskripte suchte, fand ich dazwischen versprengt einen einzelnen Brief von Vater vom Oktober 14. Ich entsann mich noch wohl, ich hatte mich damals darüber geärgert, über diese betuliche und feige Fürsorglichkeit, derer er sich so gar nicht schämte. Jetzt las ich ihn trotzdem mit einer Art komischer Rührung wieder - und da konnte ichs plötzlich, ging zu Mutter herunter und war "nett" zu ihr und bliebs bis heut Mittag zur Abreise. Sie zeigte mir dann auch Eugens Bief und log mich kräftig an, wie schön sie ihn fände u.s.w. ( Auch über dich, über den "Redaktör" u.s.w. lügt sie so hartnäckig, als ob ich nicht genau wüsste, wie sie zu andern darüber spricht). Mag ja sein, dass er irgendwann einmal wirkt (obwohl sie an sich "Briefe" nicht ernst nimmt - und andres natürlich auch nicht; sie nimmt ja gar nichts ernst). Es ist nichts bei ihr vorauszusehn. Es ist mir auch ganz lieb, dass mir alles Planmässige missglückt ist. Es schadet nichts dass sie mich in gemessenen Zeitabständen immer wieder in ihre Hölle hineinreissen wird. Ich habe gar kein Recht, mich dem zu entziehen. Im Grundsätzlichen mache ich ihr ja sowieso keine Konzessionen. Aber dass sie mich von Zeit zu Zeit mal verprügelt, muss ich ihr wohl gönnen, es ist das einzige, was sie noch vom Leben hat; auch ihre Liebe zu Vater nahm ja wohl meist diese Gestalt an. Ich erwarte also in 14 Tagen also neues Toben, neue Reise u.s.w. ad finem. Jedenfalls wird sie, wenn je, nur so einmal wieder zurechtzukriegen sein, nicht durch noch so kluge Pläne von Trennung u.s.w. Die Trennung muss von selber kommen. Ende des Monats geht sie hoffentlich nach Konstanz. D.h.: sie geht nur, weil sie die Vorstellung hat: es hilft doch nicht. Denn sie will [doppelt unterstr.] ihren Teufel behalten, er ist "ihr Leben". - Ich habe jetzt Mitleid mit ihr, aber die Angst ist noch viel stärker. Es liegt in jeder Kleinigkeit bei ihr so viel unbewusste Bosheit. Wirklich "Strindberg".

            Trudchen war Mittags da und brachte mich zur Bahn (Mutter war so kaput, dass sie nicht konnte, sie konnte kaum eine Treppe steigen, nur wenn ichs hätte tun müssen, und sie mir also ostentativ dadurch zeigen konnte, was ich für ein böser Mensch bin, dann sprang sie plötzlich wie ein Eichhörnchen.

            Ich wünsche jetzt selber, dass sie unter Sanatoriumsdisziplin kommt. Sie zu veranlassen, sich gleich mal 2 Tage ins Bett zu legen, (was sie jetzt gut könnte) ist mir wohl nicht gelungen. Genug, genug.

            Ich habe dir wohl recht verworren erzählt. Ich bin es auch noch. Ich weiss gar nicht mehr, wie ich dazu kam, dass der * gedruckt werden müsste; du schreibst davon. Mein "Sanatorium" ist ja glücklicherweise sehr gross - die ganze Welt ausserhalb von Terrasse 1. Mit Rudi wars wie stets. Er ist bei der zweitletzten Predigt. Ein Buch, das er las, schicke ich euch von Heidelberg aus, hoffentlich habt ihrs noch nicht (Eugen zitierte nämlich an Hans neulich einen Nietzschebrief, der da auch zitiert wird). Es macht vieles überflüssig, was sonst wer und vor allem Eugen sagen müsste.

            Eine Weile, 8 Tage oder 14, werde ich ja nun Ruhe vor ihr haben. Und heut Nacht oder morgen Mittag Heidelberg und Briefe von dir und überhaupt - nur ein Katzensprung. Ganz nah - und ganz Dein. Nimm mich, Geliebte.

                                   13.V.19

Liebes Gritli, es ist wieder Tag und ich bin wieder bei dir. Ja ich bin glücklich, es dir wieder und wieder, täglich und stündlich sagen zu dürfen, dass ich dich liebe. In Kassel hätte ich es nicht gekonnt. Da konnte ich nur nach dir japsen wie ein Ertrinkender nach Luft. Aber nun haben sich die Wasser verzogen und der Bogen deiner Liebe steht wieder hell und herrlich über der wieder aufgetauchten Erde meines Lebens. Ich küsse deine Hände und deine Knie.

            Ich kam spät Nachts an. Hans und Else waren schon zu Bett. Aber du warst noch "auf". Ein Brief von dir und das schreckliche Logenbuch lagen da. Das werde ich aber vor Hans sekretieren. Es ist  mir ja grade wertvoll dass er den * liest, ohne eine Ahnung von dem * zu haben. Das ist mir eine gewisse Gewähr; dass meine Gedanken, obwohl aus * entstanden doch nicht an diesen Ursprung gebunden sind. Er liest ganz harmlos, obwohl ich ihm das Titelblatt und die drei Untertitelblätter aufgemalt habe. Er ist ja ein Mensch ohne Hintergedanken. Und wirklich, wozu braucht er davon zu wissen; ich habe ihm zwar den Rudibrief vom November 17 mitgebracht; ich wll ihn ihm vorlesen, wenn er mit II 3 zu Ende ist; ich bin selber wieder neugierig darauf. Aber der * - es ist genug so; denk grade gestern Nacht auf deinem Brief hatte endlich einmal wieder das Siegel gehaftet; so grüsste es mich. Ist es nicht besser, es bleibt so zwischen uns?

            Ich darf doch nicht aufhören zu hoffen, dass es einmal anders wird mit Mutter. Es ihr ins Gesicht zu sagen, hat ja keinen Sinn. Sie versteht nichts. Trudchen hat ihr, als sie ihr Eugens Brief zu erklären versuchte, instinktiv meine Taktik angewendet (die ich am Sonntag Nachmittag auch anwandte): ihr nämlich gesagt: dass es auf den Namen Gott gar nicht ankommt; dass das Wir = sagen der Anfang ist und Gott höchstens die Folge, um die sie sich aber nicht zu sorgen braucht, denn sie kommt von selbst. Sie hatte sich natürlich zurückgezogen dahinter, dass es doch jetzt (sie sagte allerdings ausdrücklich: jetzt, später vielleicht einmal nicht) eine Heuchelei wäre wenn sie "Gott" sagte und dass sie also deshalb auch nicht "Wir" sagen könnte. Trudchen hatte ihr damals als sie so lamentierte, dass ich nun in Säckingen wäre statt bei ihr und überhaupt dass ich in Säckingen wäre, gesagt: sie solle doch ein Mal versuchen: statt immer zu denken: wie schrecklich, dass der Junge jetzt bei Gritli ist, lieber: wie schön, dass er jetzt u.s.w. wie oben. Da rief sie ganz entgeistert: nein, das könne man nicht von ihr verlangen!!!! - Wie sie von Berlin sprach und ich sagte ihr: o, es wäre sehr nett gewesen, sagte sie: ja das glaube sie schon, aber warum käme ich nicht auf die Idee mal mit ihr nach Berlin zu fahren. Und so komisch dieser naive Eifersuchtsausdruck ist, so hat sie doch eigentlich recht. Ich müsste wirklich, so schwer das für mich ist, ein "besserer" Sohn gegen sie sein. Vielleicht mache ich es ihr nämlich wirklich etwas schwer. Freilich sonderbar ist es doch, wie alle eigentlich mir recht geben, auch die die nur von ihr wissen und gar nicht von mir (wie Hedi und Onkel Adolf. Hedi sagte das selbst). Auch Hans erzählte mir heute früh, seine Mutter habe ihm früher die Situation so beschrieben: ich hätte eine Lammsgeduld. Mir war das gar nicht so bewusst; es stimmt wohl auch nicht. Ich hatte ja leicht, Geduld haben, weil ich ja nur wieder "zuhause" (so nannte ich ja ungewollt immer meine Studentenbude) war, so konnte ich auf alles pfeifen und fühlte mich gleich wieder gesund.

            Ich habe ihr die Huch auf dem Schreibtisch liegen gelassen, vielleicht guckt sie mal herein. Erst nach diesem Buch, nach dem Luther wahrhaftig nicht, habe ich den Wunsch, sie kennen zu lernen. - Ich muss aufhören, weil ich in Hansens Kolleg will. Nachher Oncken. Bis nachher, ich glaube ich schreibe dir nochmal heute. Ich möchte dir ja den ganzen Tag schreiben. Eigentlich tue ichs. Und doch ist das nur ein Zeichen. In Wahrheit möchte ich nur bei dir sein, an deinem Herzen - und ich bins. Ich bin ja - Dein.

                                   13.V.19

Liebes Gritli, bei der Huch auf Seite 51 steht eine ganz unerwartete Bestätigung für mein äusserstes Δ. Ihr entsinnt euch der Kritik des Christentums: "Vergeistigung", "Vermenschlichung", "Ver[natur gestr.]weltlichung" Gottes. Im Einzelnen konnte ich das wohl vertreten; aber für die Zusammengehörigkeit dieser dreie fehlte mir der Beleg und grade die Zusammengehörigkeit (wenn auch starr, und in keinem Fluss mehr aufzulösen) behauptete ich. Und nun steht es bei der Huch: Unsre Religion lehrt, dass eine lebendige Willenskraft sich zwiefach offenbart, in der Natur und im Geiste, welche zwiefache Offenbarung im Menschen eins wird: Gott ist ein dreieiniger Gott. Das ist die stärkste Bestätigung, die ich für mein Ganzes wünschen konnte; grade weil sie eine äusserste Konsequenz bestätigt, jenseits deren (wie du schon auf deinem unserm Siegel siehst) nichts mehr ist. - Beim "bon pasteur" war ich wirklich nur froh, dass keine "Bestätigung" darin vorkam. Es war überhaupt wohl gut, das ich mich  früher noch nie um den * gekümmert hatte, im Gegenteil eine Abneigung dagegen hatte. Nun habe eben ich gefunden, was er bedeutet.

            Der Hegel - also Rickert hat den Antrag gestellt, Oncken wird ihn mündlich unterstützen, und so werde ich wohl am Sonnabend erfahren, wie es wird. Ich glaube, wenn sie mir 1000 bewilligen, so lasse ichs gut sein und lege die 500 selber zu; das Prinzig ist ja dann gerettet. - Es passt mir gar nicht, dass ich vielleicht schon am Montag nach Berlin fahren werde; ich habe gar keine Lust dazu. Obwohl - es fahren ja in Norddeutschland jetzt wieder Schnellzüge, so ist es gar nicht mehr so weit.

            Hans ist im Zimmer - da kann ich dir nicht recht schreiben. Nur ein ganz kleines aber ganz ein Gutes -

                                                Dein.

        13.V.[19]

Liebes Gritli, dies ist der dritte Brief heute, es ist nach 11, aber es war ein Zusammentreffen von Szenen, wie es sich kein Theaterdichter erlauben dürfte, ohne unnatürlich gescholten zu werden. Hans Hess kam nach dem Abendessen, er ist seit Mittag hier, um hier zu studieren. Hans war dabei, so kamen wir nicht zum

Sprechen miteinander, erst auf der Treppe um 11, als ich ihn herunterbrachte. Wir sprachen rasch ein paar Worte von Weidemann, der seine "Freundschaft sucht, aber er weist ihn ab; er ist ganz unbedeutend, unglücklich, liest den ganzen Tag auf dem Sofa Romane". Ich wiedersprach dem "unbedeutend", rühmte ihm den grossen Brief (den bismarckschen), ich wollte aber nur auf den an dich heraus, denn ich hatte plötzlich einen Verdacht. So sagte ich: ausserdem habe er sich euch doch schon wieder genähert, denn er habe euch seitdem schon wieder geschrieben. Ja gewiss, aber das sei keine Annäherung gewesen, sondern - nun wollte H. Hess nicht mit der Sprache heraus, wusste aber offenbar von Weidemann selber davon; es sei ein Brief an dich gewesen, ein ganz verrückter, nur zu dem Zweck, ein Ende zu machen und Ruhe vor Eugen zu bekommen, Ruhe um jeden Preis. So habe er eine Komödie aufgeführt, auf die hin nun alles zu Ende sein müsse. Er (Hess) könne nichts weiter darüber sagen, wenn ich es nicht von Eugen selber wisse. Ich tat unwissend. Wie ich ihm die Türe aufschliessen wollte, steht draussen ein Eilbote mit deinem Brief; mir fiel vor Entsetzten über das Zusammentreffen der Schlüssel aus der Hand, so dass Hans, der den Eilboten gehört hatte, herunterrief, was denn gefallen wäre. Ich schickte Hess schnell fort und ging mit deinem Brief hinauf. Während ich hinaufging, war mir klar, dass ich dir auf jeden Fall gleich schreiben müsste, was Hess gesagt hatte, und dass dennoch also dein erster Instinkt damals besser gewesen wäre als mein Traumbrief (1te und 2te Treppe), aber freilich (3te Treppe:) möglich, nein wahrscheinlich ists doch, dass die Komödie eine Komödie "auf Grund einer wahren Begebenheit" gewesen ist, - was er dann natürlich H.Hess nicht gesagt hat. Aber weshalb hat ers ihm dann überhaupt gesagt? doch um die Komödie vor sich selber recht ganz zur Komödie zu machen und das "auf Grund einer wahren Begebenheit" vor sich selbst zu verleugnen, indem er es vor einem andern verleugnet. Da war ich oben und machte deinen Brief auf, Weidemanns kam heraus; ich las ihn nun wie du dir denken kannst ohne erst deine ausdrückliche Aufforderung gelesen zu haben, vor deinem Brief. Ich spürte also sehr stark die Komödie auch in diesem Brief, das Zweckhafte. Der erste Brief hatte nicht genügt, so wurde er diesmal faustdick, in der tollen Vorstellung, er dürfe noch einmal wiederholen, was ihm das erste Mal misslungen war. Es steckt Komödie auch in der Mitte (nicht bloss am Anfang und Ende, wo er selber den Zweck demaskiert und doch auch wieder verbirgt); so ist auch in der Mitte etwas Unechtes; er wollte dir das abschreckende, nach seiner Meinung abschreckende, "nur Sinnliche" ad oculos demonstrieren. Wäre es wahr gewesen, so wäre es viel zarter, viel weniger Schema F (Schema F der Empfindung, nicht Schema F des Aussprechens) herausgekommen; er ist ja soviel "jünglingshafter", (nicht grade in Rudis Sinn). Aber nun muss er erfahren, dass man nicht ungestraft mit sich selber Komödie spielt und "Zwecke verfolgt". Er muss lernen, dass das Wort dem Menschen nicht in die Hand gegeben ist, dass ers gebrauche als ein Werkzeug, sondern in den Mund gelegt, dass ers - spreche. Und so wird er aus deinem Brief, daraus einfach, dass du ihm geantwortet hast - und du musstest ihm antworten, das wusste ich ehe ich deinen Brief las - also so wird er aus deinem Brief mehr lernen was christlich und was heidnisch ist, nämlich heidnisch: Herr des Worts sein wollen und christlich: Diener des Worts sein dürfen - er wird es mehr daraus lernen als aus den Tagen in der Stiftsmühle, die sich ihm doch nicht zu Unrecht in so verzerrtem Bilde eingeprägt haben. Er wird es lernen, auch wenn er (wohl möglich) zunächst aus Schrecken über den Misserfolg dieses zweiten Briefs (den er eben doch auch um des Erfolgs willen schrieb und nicht um sich auszuschütten) auf den Mund geschlagen schweigen wird. Du hast ihn viel gelehrt, weil du ihm geglaubt hast und doch anders gehandelt hast als er wollte. Er wird die Zuversicht auf den Erfolg seines Wollens und seiner Vorausberechnungen verlieren müssen. Nicht Eugen hat ihm den Dostojewski-schen Christuskuss auf den starren Wort = ohne = Antwort formenden Mund gedrückt, wie ers (hier und nur hier wirklich "frech") sich erlaubte voraussagen zu wollen, dieser freche Vorauswissenwoller der Erfolge seiner Taten, - sondern du. Weil du ihm antwortetest, als er rings um sich Schweigen erzwungen zu haben meinte.

    Geliebtes Herz, halte dich fest und stark über dieser Erkenntnis dessen, was als Komödie gemeint war. Es ist schon keine mehr, denn du hast sie zerstört; die Erkenntnis war schon veraltet, sie hatte schon "aufgehört" (έπαιρατο!!!), als du liebtest - weil du liebtest und "nimmer aufhörst".

                        Geliebte Liebende - liebe mich.

                                  14.V.19.

Liebes Gritli, ich ging ganz spät zu Bett, denn ich las dann noch Rudis Predigten, heut Morgen habe ich sie euch geschickt. Und nach ein paar Stunden Schlaf wachte ich wieder auf, ich hatte Weidemann am Schlafittich, diesmal ganz persönlich nicht durch einen Traumbrief von dir hindurch. Heut morgen war ich auf der Bahn und habe mich wenigstens mal nach den Zügen nach Marburg erkundigt. Er hat ja heute deinen Brief. Und er ist, bei dem tollen Spiel, das er mit sich selbst vor sich selbst spielt, im Stande den Brief nicht - an Eugen zu schicken, sondern an irgend einen Hans Hess. Um sich selber zu beweisen, dass es "nur Komödie" war. Wenn er nicht mit einem Male endlich in sich zusammenstürzt. Aber nach so plötzlicher Ergreifbarkeit sieht er eigentlich nicht aus. Ich muss heute Hans Hess ausholen, ob er ihm nur von seinem ersten Brief gesagt hat oder auch von deiner Antwort und dem neusten. Fast glaube ich, nach gestern Abend, nur von dem ersten. Und dann wäre alles gut. Sonst aber muss jemand hinfahren und ihn beim Kopf rütteln, bis ihm hören und sehen vergeht und er endlich merkt, dass es keine Unver=antwort=lichkeit giebt. Sei ganz ruhig, ich mache gar keine Dummheit dabei; ich komme als Eugens Freund zu ihm und ausserdem, weil ich "sowieso" etwas da zu tun habe. Im übrigen ist ja das, was er braucht: sehen, dass Eugen nicht allein stand als er mit ihm sprach, sondern dass er einer von vielen ist. Dies "einer von vielen" - vielmehr diese vielen, das ist mir gestern, als H.Hess da war, so sehr aufgegangen. Den habe ich 1916 im Februar aufgegabelt. Jetzt lebt er einen grossen und den besten Teil seines Lebens zwischen uns allen hin und her. Er kommt nach hier, um Hans zu hören; denn er ist sich höchst zweifelhaft, "ob Eugen recht hat oder Spengler". Eugen selbst - denk einmal wie sehr sich sein Kreis verändert hat, seit damals wo du ihn kennen lerntest. Den einen Picht ausgenommen. Sonst ist er ganz Hans Rudi ich Beckerath Hess Hallo Weizsäcker - es ist eine ganz neue Luft für ihn. So breite "Masse" sind wir nun schon. Ein Mit= und Füreinander das doch keiner von uns "gewollt" hat.

            H.Hess - lupus in fabula - taucht am Horizont auf, ich will ihn gleich stellen, der blinde Gockel sieht mich nicht. Er sieht eigentlich furchtbar komisch aus.

            Bis nachher. Und immer.

Dein.

                                14.V.[19]

Liebes - Hans Hess wusste also auch, dass du W. geantwortet hattest, freundlich humoristisch eingehend, ganz gegen sein Erwarten, und ihn dadurch in Verlegenheit gesetzt hattest. (Er hat ihn zuletzt am 7. oder 8. gesehen). Er erzählte mir jetzt auch einfach, was W. dir das erste Mal geschrieben habe. Ich fragte ihn darauf, ob er nicht meine, es könne vielleicht doch Ernst gewesen sein und nicht blosses Mittel zum Zweck. Er meinte, möglich wäre das wohl. Denn W. habe nach Stiftsmühle eigentlich mich in Kassel aufsuchen wollen, um mich zu veranlassen, Eugen in eine Anstalt zu sperren und dich so vor ihm zu retten!! und er habe sich dann gefragt, ob er das etwa auch nur aus Liebe zu dir gewollt habe! Ich bin mir nun doch ganz sicher, dass wirklich beides in ihm war (und - mindestens bis zum Empfang deines letzten Briefs - ist): die "Komödie" und die "wahre Begebenheit". Und so bin ich eigentlich ziemlich beruhigt; denn wenn es nur "Komödie" gewesen wäre, so wäre es eine Teufelei gewesen, in die alles was du hineingeworfen hättest rettungslos verschluckt wäre. So aber ist es Teufelei und Engelei in einem, und also zu deutsch: menschlich.

    Ich sehne mich nach einem Wort von dir. Es geht wieder im Schnellzug zwischen uns hin und her. Wir sind uns so herrlich nah. Fast meine ich, du müsstest mich hören, richtig mit den leiblichen Ohren hören, wenn ich zu dir spreche. Hörst du mich?: Liebe

-- ich bin Dein.

                                14.V.[19]

Lieber Eugen, eben erst kam dein Brief aus Kassel zurück, ich habe gleich Schmeidler und einen unbemerkten bösen Fehler (Das neue Wesen wird chr. Anschauung sein) verbessert und es per Eil an Kösel geschickt; es ist sehr schön, schon genau so frech wie die Spenglerkritik (Hans schwärmt unmässig von "Recht und Staat", es gefällt ihm besser als alles andre!); verstehen werden es natürlich nur wenige, von den Alten ohnehin niemand (ich meine das Universitätspamphletchen). Anonym, um die Wirkung zu erhöhen? damit die Bonzen fragen: Wer ists? ? Aber im Hochland kannst nur du es sein. Übrigens dasselbe ausführlich, so dass es vielleicht - wenigstens im Negativen - auch Alte verstehen, wäre etwas fürs "Wort".

            Von II hast du schon in Säckingen die Einleitung. Buch 1-3 sind hier; ich glaube Hans wird sie leicht herausrücken, denn im Grunde lässt es ihn ziemlich kühl, kommt mir vor. Er liest noch an II 3; aber so ganz "ohn Verlangen", ohne Spannung, alle paar Tage 4-5 Seiten. Statt I liesse ich am liebsten ein leeres Blatt und schriebe darauf: An Stelle des I.Teils bitte ich den geehrten Leser, lieber Spengler zu lesen. Aber das geht doch nicht gut. Und so werde ich wohl noch durch Dazuschreiben es ein bischen deutlicher machen. Ganz neu schreiben geht nicht, weil es eben doch das Fundament oder vielmehr der Keller des Ganzen ist. Mehr als das Druckproblem interessiert mich im Augenblick, wann ich eine Abschrift des Ganzen haben werde. Mündel hat noch nichts wieder geschickt! - Ob ichs drucken werde, hängt nicht von mir ab. Und wiederum dein K.d.W. (habe ich diesen Kalauer schon mal gemacht?) hängt nicht davon ab, ob der * gedruckt ist. Wir kennen unsre Sachen doch auch so. Und öffentlich aufeinander beziehen wollen wir uns ja gar nicht. Sonst hätte ich ja doch den Anfang machen müssen damit. Ich habe es aber nicht getan. Nocheinmal: ich habe zwar, mit Schrecken wie du, gesehen dass der * ein Zeitbuch ist; grade Spengler hat mich das gelehrt. Aber lieber soll er untergehn als dass ich mich von ihm in die Rolle seines "Verfassers" drängen und damit vom Leben abdrängen lassen würde. Die Wahl zwischen "Redaktör" (et hoc genus omne) und Verfasser des höchst interessanten und bedeutenden Buchs Der * der Erl. -- darf mir nicht schwer fallen.

            Mutter - ja du hast recht, natürlich, die Wirkung der Tat vom 21.IU ist weggeschwemmt. Aber so welterhalterlich kann und darf ich hier nicht handeln, wie dus mir zumutest. Ich musste zu ihr und muss es immer wieder. Gewiss Palliativ. Aber wenn Palliative das Nächste sind!? Sieh, es kommt alles darauf an, dass sie eines Tages mir glaubt. Durch Behandlung aber lässt sich allenfalls das vorbereiten oder auch verzögern, aber nie erreichen. Dein Brief an Sie war auch keine "Behandlung", sondern ein rechter unmittelbarer Versuch, der ganz gut hätte gelingen können. Obwohl es eben doch nichts helfen würde, wenn sie dir glaubte, sie muss lernen, mir zu glauben. Wozu ich zuerst einmal glaubwürdig werden müsste. Wunderst du dich nicht manchmal, dass wir uns einander glauben? Es ist doch zum Wundern! Ja es ist ein Wunder. Wir müssen ganz dankbar sein, schon dafür, - einer dem andern und alle dem einen.

                                                Dein Franz.

                                                                                                                                15.V.[19]

Liebes Gritli, Alterserscheinung? gewiss, es war immer so, aber trotzdem ist es in dieser vollkommenen Hemmungslosigkeit doch erst jetzt. Es kommt eben allerlei zusammen: Vaters Tod und das "gefährliche Alter". Jedenfalls ist mir das ein beruhigender Gedanke, auf den ich gar nicht gern verzichten würde. Sonst könnte ich beinahe wirklich wünschen, sie wäre nicht wieder aufgewacht. Denn die blosse Hoffnung, dass vielleicht doch ein Wunder an ihr geschehen würde - und ein Wunder, das ihr doch zugleich die letzten Wurzeln ihrer bisherigen Sozusagenexistenz nehmen würde wenn es geschähe - ich weiss nicht. - Eugens Brief ist ja nun schon längst ein "schöner Brief" geworden. Briefen glaubt man nicht. Überhaupt glaubt man nicht. Das einzig Glaubwürdige in der Welt sind im Grunde eben doch Exzellenzen, und selbst dass man denen glaubt, will man nicht wahr haben und glaubt also auch wieder das nicht. Aber ich beginne es wirklich wieder zu vergessen.

            Wie gut, dass die Kinder nicht in die frz. Schweiz müssen. (Weisst du übrigens, dass ich mit dir meinen unsinnigen Gedanken, sie sollten nach Kassel, wohl grade zur gleichen Zeit besprach, wo Mutter damit beschäftigt war, sich umzubringen?) Wenn sie nun auch noch [mit der] Klimperei aufhörten - aber die Huch sagt auch, junge Mädchen müssten "beschäftigt" werden. Übrigens wäre es schliesslich vielleicht sogar möglich, dies unfruchtbar vertane Kapital von zehn Jahren nachträglich noch fruchtbar zu machen, nicht durch "Klavier"= sondern durch Musik = Unterricht. Ich meine, so etwas müsste es geben, wenn auch natürlich nicht grade in Säckingen. Vielleicht sogar da. Der Schulrektor versteht wahrscheinlich mehr von Musik als das Klavierfräulein. Schwetz-ingen ist uns gestern missglückt; so waren wir Abends im Bergkaffee (hinter dem Schloss); wir trafen Frau Lissauer, eine geschiedene Frau, Sozialistin (die aber die drei Parteien schon hinter sich hat), eine ganz nette Person, die vor allem den Vorzug hat, während des Kriegs Cohen gehört zu haben und für ihn zu schwärmen.

            Ich habe heut früh II 1, 2, 3 an Eugen geschickt. Mit Hans sprach ich gestern über den * und wir formulierten unsre Differenzen. Es kam eigentlich darauf heraus, dass ich Eugenianer bin und nicht Hansianer. Was ich ja auch so schon wusste. Jetzt will ich zu Hans ins Kolleg. Er wird es übrigens von jetzt ab dauernd lesen, jedes Semester, und zwar unter dem Titel: "Die Lehre und die Weisheit (Einführung in die Theologie und die

philosophische Systematik)". Ich glaube, das ist auch nur ein Stadium.

            Ein rascher Gruss und ein Kuss auf die Fingerspitzen –

Dein Franz.

                                21.V.[19]

Liebes Gritli, nur ein kurzes Wort, du bist ja noch gar nicht weg, jeden Augenblick könntest du noch wieder zur Türe hereinkommen. Hans und Else sind nach Wiesloch zu einer Versammlung wo Hans spricht. Ich wäre mitgegangen, aber darauf entschloss sich Else mitzugehn, so blieb ich hier, denn sie war heut besonders unausstehlich (wirklich an sich, nicht bloss weil ich von dir kam,) sie misshandelte Hans scheusslich, und dabei ist sie so dumm. Ich blieb also, und nachher gehe ich noch zu Weizsäcker. Ich habe allerlei für den Hegel getan: Briefe an Winter und Meiner, ein Besuch bei Bezold. Es kommt dieser Tage schon in die Zeitung!, dass die Heid.Ak. dem Doktor Franz Rosenzweig aus Kassel 1500 M zum Druck seines Werks H. und der St. gegeben hat; dies Geschoss war schon aus dem Rohr, als ich zu Bezold kam! Nun fehlt also nur noch das Wunder; die Profezeiung ist schon heraus.

            Ich kann dir wirklich noch nicht schreiben, ich bin noch zu sehr bei dir, ganz eingesponnen in dich. Ich glaube diesmal sind die Fäden in die du mich gelegt hast, dehnbar: Wenn ich übermorgen nach Berlin fahre - ich glaube, ich werde nicht das Gefühl haben,ich führe weiter weg von dir. Es ist ja auch so, du hältst mich am Bändel. War es nicht auch ein schönes Abschiednehmen heute? wie erst noch ein paar Minuten lang das Geleis zwischen uns war, so dass wir noch uns mit der Stimme erreichen konnten und doch schon nicht mehr sprechen mochten, und dann erst der fahrende Zug und das letzte Winken. Ich denke, so müsste der Tod sein: auch so, dass man ihn erst eine Weile lang schon wüsste und er doch noch nicht da wäre und erst dann, nachdem man das ausgekostet hätte, diesen letzten Becher, den noch das Leben dem Tod kredenzt, erst dann käme er selbst. Ich habe mir immer gewünscht, bei Bewusstsein zu sterben. Die Verheimlichungstaktik der Ärzte wäre mir sehr zuwider, - in meinem Fall.

            Aber Liebste - noch ist es nicht der Tod, noch ist es ein kurzer Abschied im Leben, ein Abschied zwischen einem Beisammensein und einem andern Beisammensein. Und was dazwischen liegt - ist es denn eigentlich etwas andres als auch ein Beisammensein? Nein, ich bin bei dir und du bei mir, ganz nah, ganz dicht, ganz Herz bei Herzen, ganz, was mein ist, Dein.

                                [22.V.19]

Liebes Gritli, ich bin noch hier. Ich fahre erst heut Abend, bin morgen ganz früh in Kassel und werde also wirklich zur Sitzung in Berlin sein. Von Winter hatte ich eine etwas einlenkende Antwort, die ich aber erst von Berlin aus beantworten werde, weil ich erst Antwort von Meiner und von Diederichs abwarten will. Winter begrenzt meine Haftpflicht auf 100 Exemplare und ist einverstanden mit 2800 Buchstaben (sodass also das Buch nicht über 30 Bogen anschwillt). Im übrigen bleibt er hart.

            Ich habe gestern noch ein paar Besuche gemacht. Schrieb ich dir, das ich vorgestern bei Bezold, dem Assyriologen, war, - ein ganz entzückender alter Mann. Gestern bei Rickert, Oncken wo nur die Frau da war, Zimmermanns, Hellers. Abends Weizsäcker. Vorher war ich mit Else allein, die zu beichten anfing, was ihr glaube ich gut tat. Ich habe ihr in aller Höflichkeit etwas den Kopf gewaschen und ihr einmal gesagt, was sie eigentlich an Hans hat. Es ging mir leicht vom Munde, ich bin ja selber voll davon. Ich freue mich dass ich sein Kolleg heut Morgen nochmal höre.

            Schwelle habe ich gestern korrigiert und schicke es noch von hier an Eugen. Vergiss nicht ihm II 1,2,3, mitzubringen, er schrieb [neulich] an Hans darum, weil er nicht wusste dass es schon in Säckingen ist. Hast du eigentlich mal versucht, I zu lesen? über vieles müsstest du ja weglesen. Aber vieles doch auch nicht.

            Ich komme hier nicht mehr recht zu was. Und nachher in Berlin wirds mir auch etwas über dem Kopf zusammenschlagen. Ich weiss nicht, ob ich schon Pfingsten nach Stuttgart komme, vielleicht auch erst später, so im Laufe des Juni. Ich muss einmal sehen, in was für einem Tempo das Buch sich abmachen lässt. Doch weiss ich noch nichts sicher. Ich werde ja nicht an Ferien gebunden sein, sondern kann fahren wie ich will.

            Hoffentlich kriege ich nur Mutter weg ins Sanatorium. Ich füchte, sie tuts nicht.

            Ich muss in Hansens Kolleg. Ob ich nachher noch mal ruhiger zu dir komme?

                                                                        Sehr - dein Franz.

                                23.V.[19]

Liebes Gritli - im Frankfurter Wartesaal. Ich habe einen ganz schönen Drang nach vorwärts. Heidelberg hat sich so schön abgewickelt. Ich habe noch einmal so recht das grosse Glück empfunden das mir diese Wochen gebracht, wiedergebracht haben: Hans. Du hast es ja von Anfang an miterlebt, wie ich mich erst sträubte; es ist gut, dass du nun auch selber da warst und ihn jetzt gesehn hast. Wie hast du recht behalten. Du hast ihn besser erkannt als wir dummen Mannsleute. Seit 1911 hatten wir uns immer mehr entfremdet. Nun sind wir wieder zusammen, und können uns - jetzt erst - wirklich erzählen, wo wir während der Trennung waren. Ich habe ihm heut den Rudibrief vom Nov.17 vorgelesen. Auch Philips habe ich heut Nachmittag noch besucht und war ganz zahm, ich frass aus der Hand (er hatte freilich auch ein wahres Wunder von Caffee gebraut). Mit Weizsäcker war ich noch, auch nochmal bei Oncken, der mich bat, ihm die Korrekturbogen zu schicken, damit er das Buch möglichst bald lesen könnte - dies Buch für alte Herren und solche die es werden wollen. Vor der Arbeit grauts mich ja nun freilich; so obenhin wird es sich nicht machen lassen. Im übrigen aber fahre ich mit einem freien Gefühl nach Berlin, habe keine Angst, weder vor Mutter morgen noch vor Bradt übermorgen. Und am Sonntag, wenn ich in Berlin bin, fährst du nach Stuttgart und unsre Briefe haben einen direkten Schnellzug zur Verfügung - was wollen wir mehr. Liebes Herz, heut vor einem Jahr muss es gewesen sein, dass ich nach Warschau fuhr und du fuhrest mit nach Kreiensen, ich in meinen hohen Stiefeln, ich spüre heut noch den leichten Druck darauf -. Es ist doch besser jetzt. Obwohl es mir grade heute wieder das Herz etwas abschnürte, als Else ein altes Zeitungsblatt vom 1.VIII.18 brachte mit fetter Überschrift: Der Kaiser an Volk, Heer und Flotte. - Das ist alles nun weg, nicht bloss die 4 Substantiva, sondern auch das "und", es giebt keins mehr in Deutschland. Geblieben ist von all den Worten nur das eine, das "an". Und das ist der Gewinn. Statt des einen "an", das es damals gab - eben jenes - ist nun ganz Deutschland voller ans geworden; jeder wendet sich an jeden, es ist ein lustigeres und luftigeres Leben geworden.

            Und ich - ich schreibe "an" dich

                                    -           und bin Dein.

                             [24.? V.19]

Liebes Gritli, ein schöner Thee! Onkel Adolf riskiert die Reise nach Konstanz nicht, (wegen Besetzungsgefahr - und die wird ja für die Ängstlichen noch vielleicht Monatelang über uns hängen) - und so bleibt Mutter in Kassel. Sie schreibt mir einen sehr durchsichtigen Beruhigungsbrief. Nun werde ich O.Adolf und Trudchen mobilisieren, dass sie in den Odenwald oder wo dies Asbach liegt hingeht. Die Berliner Sitzung ist eine reine Formsache: die Stifter sind dazu geladen. Also werde ich dabeisitzen und vor Wut bersten. Indem ich dabei höflichst erwähnt und für das fossile Institut, das sie da herstellen, verantwortlich gemacht werde. Das einzige bleibt, dass ich mich dabei zeige. Vielleicht wars ein Fehler, dass ich nicht in den inneren Ausschuss gegangen bin, was ich damals vor 2 Monaten ablehnte weil mich noch das sachliche Interesse leitete (die Akademie braucht "Namen"). Jetzt wo es mir nur noch Sprungbrett sein soll, müsste ich drin sitzen, und könnte es quant à jüdisches Wissen ja wahrhaftig so gut wie Cassierer. Auch vor dem Hegel ists mir schwummerig. Ich reise recht gedrückt nach Berlin.

            In diesen meinen Trübsinn kommt eben endlich von Mündel ein Lichtblick: Schwelle und Einl.III, leider nun doch auf einmal, sodass ich es so bald nicht mehr korrigieren kann. Immerhin.

            Es ist doch ein Glück, dass ich den * geschrieben habe.

            Und noch ein andres ist ein Glück -

                                                Ich bin Dein.

                                24.V.[19]

Liebes Gritli, es wird schon dunkel und gleich bin ich in Göttingen; ich habe Rudi gebeten mich von dort bis Hannover zu begleiten. Er ist jetzt an der Reihe, Mutter zu zwingen, ins Sanatorium zu gehen; O.Adolf sieht, wie Trudchen sagt (ich habe ihn selbst nicht gesehn), nicht dass es so nötig ist; er hat Mutter eben nur das eine Mal so gesehen. Ich selber halte es jetzt für nötig, nicht an sich, sondern damit Mutter das Gefühl hat, ihre Tat vom Ostermontag durch irgend was sühnen zu müssen; indem sie sie so ausdrücklich verleugnet, tut sie sie von sich ab; sonst würde sie ihr einfach gleichgültig und hätte gar nichts bedeutet. Also ich will sie aus dem Grunde ins Sanatorium haben, aus dem Eugen meinte, ich dürfe nicht zu ihr gehn. Ich werde dann (direkt oder durch Rudi oder durch O.Adolf) einfach über ihren Kopf weg alles vorbereiten und dann nehme ich (oder Rudi) sie huckepack und bringe sie hin. Sie ist passiv genug, sich das gefallen zu lassen. - Es war übrigens ganz erträglich heute mit ihr.

            Jonas schwelgt in Akademie, er ist ganz selig! und singt wie sein Heros eponymos Psalmen im Bauche des Walfischs, - der ihn doch auch wie jenen nicht ewig sondern nur "drei Tage" will sagen 3 Monate behalten soll. Ich glaube, es giebt einen Durchbruch für ihn. Er hat Riminis [?] Bild in 20 Minuten in Pastell skizziert, ganz prächtig, mit wirklichem Humor.

            Der Brief soll rasch fort. Ein Gruss -

                                                Dein Franz.

Was sagt Ihr zu diesem Titel fü die Christl. Welt:

                        Aus Anfang in Eingang

                        Ein Weg von Advent zu Advent.

                                25.V.[19]

Liebes Gritli, also ich bin in Berlin, in "unserm" Berlin; wirklich habe ich mich heut Nachmittag immer auf Vergessenheiten betroffen. Aber wegen der Sitzung wäre mein Kommen nicht nötig gewesen. Trotzdem ich mündlich und schriftlich fast mythisch gefeiert wurde. Die Sache war nämlich schlecht vorbereitet und so lief alles auseinander. Anfangs, als ich den Saal voller Menschen sah, war mir noch etwas kurios, weil ich dachte: das habe ich nun also angerichtet. Aber nachher kam es mir bloss noch dumm vor. Einstein habe ich bei der Gelegenheit gesehen. Er macht schon einen grossen Eindruck (etwas Typ Louis Mosbacher ins humoristisch = groteske gesteigert), freilich wie alle Naturwissenschaftler, wenigstens seit dem 19.scl., mit einem kindlich unentwickelten Zug im Gesicht. Man könnte sie sich alle im Wägelchen vorstellen. - Ob nun die ganze Sache verkorxt ist? Der Täubler war mir wieder sehr ärgerlich. Heut Abend gehe ich zu Bradt. Er hat es vorher überall als "historischen Moment" ausgerufen, und nun ists gar keine konstituierende Sitzung geworden, sondern die kommt nun erst. Es war schlechte Regie - und obendrein warens Juden -  - was konnte es da anders geben als ein grosses Pele - Mele. Ich hatte aber das Gefühl, als ginge es mich gar nichts an. Hermann Badt traf ich, der seit 4 Wochen hier bei Heine im Minist. d. Inn. arbeitet und jetzt seine Familie nachkommen lässt. Ich ass mit ihm zu Mittag. Dann suchte ich Wohnung, fand noch nichts. Die Nacht war ich von 9 bis 4 Uhr früh mit Rudi. Ich habe ihm den Brief an Rade entworfen, den er heut abschicken wird, sehr ausführlich; Rade soll sich die Predigten nur schicken lassen, wenn er nicht grundsätzlich ablehnt, sie ev. in der Chr.W. zu drucken. Das war beser als der Rummel heute. So viel Honoratioren sind schwer zu verdauen. Ich fühle mich heute vom Leben und der Zukunft, meiner Zukunft ganz besonders weit weg. Da ist kein Platz für mich. Ich muss ganz klein aber als ich selbst anfangen. Wie mag das aber geschehn?

                                                             Dein Franz.

                                26.V.[19]

Liebes Gritli, ein ganzer Tag Wohnungssuche, am Spätnachmittag nahm ich dann schliesslich ein Zimmer, ziemlich übel, tageweise, so kann ich heraus, wenn ich was Besseres finde. Ich werde ja, ausser zum Schlafen, kaum drin sein; für die Dauer wäre es auch zu unsinnig teuer. Nun kann ich also morgen früh auf die Bibliothek. Ich glaube, es wird sehr fix gehn; ich kann ja von meinem Geschriebenen nie los. Das Beste bisher hier war der Abend gestern bei Bradt, wo Täubler auch war; mit dem platzte ich heftig aufeinander. Anfangs warfen wir bloss Giftbomben gegeneinander, nachher gingen wir aber zur blanken Waffe über. Und das war besser. Er ist sicher eine Kraft. Mir so konträr in all und jedem wie man nur denken kann. Auf Cohen hat er einen grenzenlosen Hass. In vielem ist er (wie Spengler, an den er überhaupt stark erinnert) das was ich einmal war. Es ist ja ganz natürlich, das ich so einem gegenüber in meinem augenblicklichen Stand der Unterlegene bin, denn er ist und ich bin noch nicht (der * als das Geheimbuch das er ist stärkt meine Position dabei gar nicht; im Gegeneil, ich vergesse selber dabei, das ich ihn schon geschrieben habe, und komme mir vor, als müsste ich auch ihn erst noch versprechen). Das Gute war, dass wir uns beide etwas gesehen haben, und ich habe jetzt ein Herz für ihn. Während er  - mich managen möchte! (ist das nicht reizend? ich habe ihm gesagt, ich würde mir alles gefallen lassen, es wäre mir alles recht. Verstehst du, mich managen nicht etwa nach seinem, sondern nach meinem Sinn, den er ja nun zu sehen glaubt.

            Auf dem Postamt Linkestrasse war noch nichts von dir. Ich bekam einen kleinen Schreck, aber dann wischte ich ihn gleich wieder weg. Es kann dir nichts passiet sein.

            Ich wollte, ich fühlte micht erst ein bischen fest hier. Vorläufig komme ich mir noch ganz schattenhaft vor. Und nun noch dieser Rückgang zu Hegel, der ja auch ein Weg ins Reich der Schatten ist - Ich klammre mich daran, dass ich sowie ich erst einmal mich durch diesen Hirsebreiberg halb (bis an das Kapitel "Restauration") hindurch-gefressen haben werde, ich herunter zu euch fahre. Anders, ohne diesen Gedanken, würde ichs hier schlecht aushalten.

            Ich muss wissen, ob Eugen bez. des III.Teils der Spenglerkritik gegen Picht hart geblieben ist. Ich fürchte etwas das Gegenteil, weil ihm ja der Brief im Ganzen mit Recht Eindruck machen muss.

            Ich schreibe am Potsdamer Platz im Freien vor der Wirtschaft wo wir auch einmal waren. Überhaupt verwechsle ich die Zeiten. Ich habe einen so schwierigen Kalender dies Jahr.

            Leb wohl und gut Nacht, liebe Kalenderheilige.

                                                                        Dein Franz.

                                28.V.[19]

Liebes Gritli, heut war also der erste Tag wieder auf der Kgl.Bibliothek, - die nun ja keine Königliche mehr ist. Ich war zum ersten Mal seit Kriegsausbruch drin. Auch die neuen Räume kannte ich nicht. Unter den Beamten fast alles alte Gesichter. Ich stürzte mich also kopfüber hinein - das neuste Heft der Histor.Zeitschrift war, offenbar zu diesem Zweck, gänzlich verhegelt - gleich 2 grössere Aufsätze die ich "lesen musste". Und dem Einleitungskapitel habe ich ein bischen die Runzeln wegmassiet, ich bin ja wirklich seit Anfang 1911, wo ich es schrieb, um 8 Jahre jünger geworden. Nach Tisch ging ich aufs Postamt, da waren zwei Briefe von dir da. Nun ist mir wieder wohler, obwohl sie eigentlich beide ein bischen traurig sind. Ich habe dir ja in den letzten Tagen in einem ähnlichen Gefühl geschrieben. Aber die Flucht nach dem Osten fliehe ich nicht. Ich gehöre in den Westen, sogar in den "W". Berlin W oder Frankfurt W - nichts andres wird einmal mein Feld. Ich habe eine grosse Scheu vor allem Gewaltsamen und Gewollten. So lasse ich mich auch von meinem Schicksal ruhig reiten und bocke nicht dagegen auf. Was ich erlebt habe und wie ichs erlebt habe, davon will ich nicht "absehen". Ich drehe niemandem und nichts den Rücken - das wäre es wenn ich nach dem Osten ginge -, es ist genug, dass man auch wenn man nichts weiter tut als grad aus gehen schliesslich doch allerlei in den Rücken bekommt - das ist die einzig erlaubte Art, Menschen den Rücken zu kehren: grad aus gehen.

            So will ich mich jetzt auch um den Hegel nicht sorgen, nachdem ich nun einmal entschlossen (worden) bin, ihn zu machen. Gewiss ists eine Maskerade. Aber ganz ohne Maske lebt man ja überhaupt nur selten. Und diese setze ich nicht lange auf. Wer weiss überhaupt: vielleicht springt doch etwas bei der Arbeit heraus. Z.B. ich muss Hölderlin lesen, es ist seit damals viel Ungedrucktes gedruckt. Ich will etwas Lassalle lesen, etwas Marx und Engels - das lohnt sich doch auch. Und die Akademie - sie hat mich vorgestern Täubler gegenüber zu einer so vollkommenen Demaskierung gebracht - man kann eben wirklich nicht wissen, aus welchen Winkeln einem die Gelegenheiten und Augenblicke zugelaufen kommen. Heut Abend gehe ich wieder zu Bradt. Ich habe allen Menschen gegenüber das Gefühl, wenn sie etwas von mir verlangten, müsste ichs tun. Ich habe eben keine Spur von "Lebensplan" mehr.

            Am Donnerstag ist ja die Bibliothek zu, da will ich die Einl.III korrigieren, damit Eugen zum Sonntag sein in Tyrannos lesen kann. Obwohl es nun, nach Picht, gar nicht mehr nötig ist. Weisst du noch: als du von Kassel zurückkamst, rechnete ich mit Picht als ultima ratio.

            Guten Abend - ich möchte dich ganz still bei den Händen nehmen - Kloster ist das nicht, aber doch auch "eine Ruhe". Lass dich ganz einschliessen und sei still bei mir. Das andre kann nicht ich dir geben; aber was ich kann das gebe ich dir. Liebes Herz - ich bin dein.

                                [28.V.19]

Liebes Gritli, gestern Abend wieder Täubler (bei Bradt) und heut Mittag zufällig in der Bibliothek wieder. Mein Respekt vor ihm wächst. Er erzählte gestern die Geschichte seiner Habilitation, er hat sich ja erst vor kurzem habilitiert. Vorher, seit 1912, war er an der Lehranstalt gewesen. Seine Gründe weshalb er sich nicht gleich habilitiert hatte, sind etwas ähnlich wie meine. Er hat alles jetzt ganz grob und unverblümt in seine Vita geschrieben gehabt und wurde daher auch von jedem einzelnen Professor darüber interpelliert. Überhaupt hat er eine grosse Schärfe und Offenheit. Er ist eben "Zionist". Da sagt man einfach: "ich musste mit dem Judenprolem ins Klare kommen" - und alle andern Leute die auch an nichts glauben, verstehen einen vollkommen. - Ich kam mir heut recht dumm vor, als mich Bradt fragte, was für eine Art Stelle ich eigentlich wünschte. Ich weiss ja wirklich nichts, was ich ausfüllen könnte. Wo ich Lehrer sein wollte, müsste ich immer zugleich auch mein eigner Schüler sein. Der Hegel ist da wirklich eine ganz gute Gelegenheit, sich zu verkriechen. Ich werde aber "trotzdem" ein starkes Tempo anschlagen. Das Buch ist so gut, es ist gar nichts dran zu verbessern. Jetzt, wo ich, seit gestern, wieder "Litteratur" lese, sehe ich, dass es sich wirklich neben allem sehen lassen kann. Die "Litteratur" ist eben durchweg frisiert, wie die Studentinnen im Kolleg und nicht wie -

            Erzähl Eugen, dass die Kgl.Bibl. fast leer ist, jetzt mitten im Semester! Die Studenten arbeiten eben nicht mehr, scheints. Und die andern Menschen wohl erst recht nicht. Über die "Universitätsdämmerung" hat der Hebbel = Albert Malte Wagner (während  des Kriegs in Warschau) einen offnen Brief an und gegen Eduard Meyer geschrieben im Neuen Deutschland von Anfang Mai. Überhaupt habe ich gestern und heut Zeitschriften geschmökert. Im Ganzen wirds mir wohl mit meinen 4 3/4 Jahren so gehn wie Goethe als er einmal 4 Wochen keine Zeitungen gelesen hatte und nachholte: er fand, dass er eigentlich nichts versäumt hatte.

            Ich freue mich auf morgen, wo ich für einen Tag zum * zurückkehre. Was für ein Glück ist es doch, dass ich ihn geschrieben habe. Ich hielte jetzt diese Zeit schwer aus, vor lauter Zweifeln an mir selbst. So aber zweifle ich gar nicht. Ich habe den Beweis ja schwarz auf weiss. Und freilich nur schwarz auf weiss. Und das ist wieder das Schlimme.

            Ich lege dir etwas Werbematerial bei, wie es neulich vor der Sitzung verschickt wurde. Nur der Kuriosität halber, nicht dass du es liest. Apropos lesen: ich lese Cohens Ethik, ich bin noch im Grundsätzlichen zu Anfang. Da widerspricht mir fast jeder Satz. Ich weiss nicht, ob ich den Aufsatz oder die Aufsatzreihe über ihn je schreiben werde. Aber eigentlich müsste ichs.

            Erst 2 Tage Hegel, und es kommt mir schon vor, als wären es Wochen.

            Ich bin müde vom Tag. Es war auch kein Brief von dir da. Das postlagernde Fräulein in der Linkestrasse grient mich schon an, wenn ich komme. Aber nun beginnt ja bald der direkte Verkehr wieder. Das Zimmer werde ich übrigens nicht lang behalten.

            Es ist nichts mit Schreiben, ich bin zu müde. Gute, gute Nacht. 

                                  29.V.19.

Liebes Gritli, dein Brief lag schon seit gestern Mittag im Kasten, aber weil die Wirtin den Schlüssel verlegt hatte, konnte ich ihn erst heut früh kriegen! Leider, ich hätte gern gleich geantwortet. Ich hatte mich so eingedacht in den Werkzeitungsplan für Eugen, einschliesslich der Enttäuschungen, - dass es mir jetzt leid tut, wenn gar nichts daraus wird. Wann soll er denn endlich einmal mit den Menschen im Plural zu tun kriegen? Riebensahm ist ja wieder ein Mensch. Eugen muss seinen Glauben an das Volk doch einmal im Leben - leben. Anders als mit "Mannschaftshäusern". So hoffe ich, das auch wenn R. ihn nimmt, dabei schliesslich doch auch mal so etwas herausspringt. Unbasiert ist ja die Stellung bei R. auch, alles "Private" ist unbasiert. Die Basierung, die das vor dem Werkzeitungsplan voraus hat, ist doch nur die fananzielle. Und grade um die war mir auch bei dem Zeitungsplan nicht bang. Noch etwas: ich weiss es ja nicht, ich war nicht dabei, aber ich bin mir ganz sicher, dass R. von Eugens Innerstem gar nichts weiss, selbst wenn ihm Eugen davon "erzählt" hat (er hat das dann einfach überhört oder nicht ganz schwer genommen), und dass er sich also einestags, wenn Eugen sich einmal durch eine Tat dekouvrieren wird, als der Getäuschte vorkommen wird: ja wenn ich das vorher gewusst hätte. Dagegen würde auch ein noch so ausdrückliches Bekenntnis Eugen nicht schützen. Denn die Menschen glauben Bekenntnissen nicht - und haben Recht daran.

            Das Katholische würde ich auch jetzt noch als einen Kopfsturz empfinden. Als ein Sich = die = Welt = ersparen. Er muss erst einmal in die weltliche Ordnung irgenwo eingewachsen sein; wenn er dann noch katholisch wird, dann ists kein Ersatz für weltliche, sondern einen geistliche Tat. Die Welt lässt sich umgehen, sie ist geduldig. Aber wehe dem der es tut.

            Meine Kriegsküchenerfahrungen hier sind ähnlich wie deine. Aber es ist etwas Gewöhnungsfrage.

            Dass euch dieser Brief in Stuttgart trifft ist mir ganz sicher. Denn auch ein Nein von Rübensam würde so gesagt sein, dass es euch festhielte.

            "Ausgang" geht nicht, weil es ja in Verbindung mit Eingang nur den Sinn von exitus hat und gar nicht den von initium. Auch ist Anfang deutlicher. Denn es meint ja: Anfang > Eingang

Tat        > Tod.

Ich habe noch nichts wieder gehört von meinen verschiedenen Verlagssachen. Dabei wollte ich eigentlich morgen Winter antworten. Vormittags werde ich wohl Meinecke nach dem Kolleg aufsuchen um vielleicht von ihm etwas geraten zu kriegen.

            Es ist ein übles Leben hier für mich. Hätte ich wenigstens noch Loebs hier. Das blutete auch wieder frisch, seit ich hier bin.

            Es ist nichts mit mir. Hab mich trotzdem lieb.

                                                ------

                                30.V.[19]

Liebe - gestern habe ich wirklich den ganzen Tag fest an der Einl.III herumgemalt und heut früh sind die drei Exemplare nach Göttingen (> Kassel), Heidelberg, Stuttgart gegangen. Abends wollte ich zu Straussens, sie waren aber nicht da, so lief ich auf dem Rückweg in einem Kino auf und blieb das ganze Stück lang, so hübsch war es; ich habe nun wieder grosse Lust, mehr zu sehn. Es war ein Detektivfilm oder mehr ein Kriminalfilm, gar nicht sehr gepfeffert (es war nachher gar kein Mord, sondern bloss ein Unglücksfall gewesen), das Hübsche war die Technik der Rückblicke, nämlich bei den Verhören u.s.w. sah man immer wieder Teile des Vorgefallenen, die Ermordete also noch am Leben, etwas furchtbar Eindrückliches, was so auch nur der Kintopp geben kann.

            Nun denk, die Allg.Ztg. taucht wieder am Horizont auf. Bradt in seiner Angst, mich zu verlieren, hats gemacht. D.h. eigentlich wars ein Zufall. Er war mit dem Sohn von Steinthal, einem alten Arzt, zu sammen, und der klagte dass dies alte Blatt nun eingehen würde. Ich war heut bei ihm. Er schwört, mein Brief müsste verloren sein; unhöflich wäre Mosse nicht. Ich hatte einen Vorgeschmack von dem was kommt, indem er mich auf entschieden liberale, antizionistische Gesinnung festlegen wollte, kein Liebäugeln mit dem Zionismus. Ich sagte, liebäugeln würde ich auf jeden Fall. Er wird nun an Mosse herangehen lassen durch einen Oberbonzen, namens Minden - ich sah ihn neulich, ganz scheusslich - und so wirds vielleicht doch. Besser als dieses Nichts ist es auf jeden Fall. Es mag ja sein, dass es so kommen wird wie du meinst und dass es mir zwischen den Händen zerrinnen wird, alles wobei ich den * im Hintergrund habe statt ihn vor mir her zu tragen. Aber das gehört dann zu den Dingen, die erfahren werden wollen. Es muss mir einmal erst etwas zerronnen sein, ehe ich Konsequenzen daraus ziehe. Tröste dich übrigens: wenns zerrinnt, dann sehr rasch. Es geht jetzt alles sehr rasch bei uns. Und so und deshalb wird nun also die Spenglerkritik ungedruckt bleiben. Was für ein Jammer! Weshalb ist er denn von Leipzig weg, wenn er nun den Mund halten will. An der Grenze des Aussprechbaren? Ja an der Grenze des in Leipzig (von dem zukünftigen "grossen Gelehrten") Aussprechbaren. Aber eben über diese Grenze ist er hinaus. Dass er jetzt vielleicht schon wieder nicht mehr so sprechen kann, weil er schon wieder in etwas hineinwächst - ändert nichts daran, dass er das Zeugnis dieses Augenblicks auf der Grenze zwischen Etwas und Etwas heraus = geben muss. Mindestens muss ers Muth schicken. Nimmt ders, dann - es gehört wirklich nicht mehr Ihm, dass er es zurückhalten könnte nach Belieben. Du weisst wie sehr ich Picht beistimmte. Aber hier ist er einfach noch universitätsverblendet. Sollen Leute wie A.M. Wagner das letzte Wort gegen "Eduard Meyer" gesprochen haben. Und die, die wirklich das letzte Wort zu sprechen haben halten den Mund?

            Die Wohnung wäre herrlich. Aber könnten nicht Donndorfs sie vermieten? warum diese doppelte Vermieterei, erst an euch und dann weiter.

            Rudi ist auf der Rückfahrt des Morgens von Hannover ein - Einakter eingefallen, den er jetzt schreibt. Er sagt nichts vom Inhalt, meint aber er könnte vielleicht ins Jahrbuch. Ich dachte, er hätte sich ausgeschrieben. Nun schreibt er also weiter. Ich denke, es wird trotz christlichen Problems eine Erholung von den Predigten sein, vielleicht von ihrer allzu männlichen Atmosphäre.

            In den Hegel komme ich nun wirklich wieder etwas herein und könnte mich nun für "Probleme" interessieren. Z.B. für Montesquieu jetzt, über den es auch weiter viel schlechte Litteratur gegeben hat, Kantorowicz ist nicht der Letzte geblieben, der ihn nicht verstanden hat. Ich habe mit Behagen die lange, hasserfüllte Anmerkung gegen ihn wiedergelesen, die ich 1911 geschrieben habe; wenn ich irgend Platz habe, lasse ich sie stehn. Es macht mir Spass, dass ich ihn nie habe leiden können. Nächste Woche lasse ich mir die grosse Hölderlinausgabe von dem gefallenen Sohn des bayr. Kriegsministers v.Hellingrath geben, darauf freue ich mich. Mehr wie die ersten 160 Seiten will ich vor Pfingsten gar nicht durchgesehen haben. Pfingsten will Bradt ev. nach Frankfurt, da müsste ich mit und da würde ich dann Stuttgart anschliessen, auch wenn ich noch nicht so weit bin. Im Ganzen ist ja dies Durcharbeiten ziemlich ergebnislos für das Buch (nur ich selber komme wieder herein, und auch das ist ja gleichgültig). Wenn ich das Manuskript in einer Woche fertig zur Druckerei geben müsste, ginge es auch. Es ist nur eine alberne Gewissenhaftigkeit. Den Altmännerstyl kriege ich doch nicht heraus, auch wenn ich gelegentlich ein "eigentlich" (à la Ranke - "hier eigentlich begann..") wegstreiche.

            Mein Zimmer ist ein dumpfes Kabüschen; gestern der Tag darin hat mich fast krank gemacht; Blick auf einen Hof, so einen schachtartigen Berliner Hof, ist etwas Scheussliches. Ja auf dem Libanon ists besser. Deshalb gehe ich heut Abend nach dem Essen zu Straussens, - Libanonersatz, eigentlich sehr komisch dass Straussens mir Libanonersatz sein müssen und mein wahrer Libanon mir dort steht, wo du deine Briefe einwirfst - meine Schwester, liebe - ich kann es nicht zu Ende schreiben, es steht ja doch in keinem Buch ganz so wies ist, auch nicht im lebendigsten von allen. Nur eins steht ganz so darin wie es wahr ist:

                                                Ich bin Dein.

                                31.V.[19]

 Liebes Gritli, es ist offenbar wieder nichts; der Besuch bei Minden zeigte mir, wie aussichtslos die Sache ist. Diese und jede. Nächstens hänge ich mich auf oder habilitiere mich für neuere Geschichte. Es war überhaupt ein dies ater: des Morgens bekam ich von Hans einen Brief von Winter, worin er von dem bisherigen Vertrag überhaupt zurückspringt, und einen von Meiner, worin er ca 5-6000 M Zuschuss (ausser den 1500) verlangt, (also noch beträchtlich unverschämter als Winters erster Vertrag). Ich bin nun wieder bei dem Zerschlageplan angelangt, obwohl auch das wieder ein elendes Korrespondieren mit Zeitschriften und so giebt. Hätte ich dies Buch nur 1915 abgestossen! ich verbessere jetzt gar nichts Wesentliches. Ich war ein Esel. Diese Veröffentlichungsdinge sind das Einzige in meinem Leben, was ich bereue. Aber das ist natürlich nebensächlich. Viel übler ist das andre, dies nichts = über = das = eigne = Leben = sagen = können, denn das "nicht habilitieren" ist doch etwas Negatives. Ich möchte mich vor den Menschen verkriechen. Wirklich, ich schäme mich zu Meinecke zu gehen. Dabei muss ich es nun, schon wegen des Hegel.

            Und die Juden - gestern "Muttel Badt"; ich hatte doch vergessen was für ein Greuel sie ist. Kein einziges natürliches Wort, lauter "Herzlichkeit", und dazu noch zu wissen wie hart und scheusslich sie gegen die "Friseurstochter" ist, (so nennt sie nämlich die Schwiegertochter! wenn es eine Geheimratsgöre wäre, so hätte sie ihr ihre Abstammung sicher längst verziehen). Übrigens war es ausserdem nett bei Straussens. Es waren viele Leute da. Ein Arzt, Geh.rat Rosin, der ein sehr sonderbares Erlebnis in Babelsberg erzählte: er war aus Versehen in den inneresten Teil des Parks geraten und stiess auf die Kronprinzessin, die bekam erst einen Schreck und wollte sich verstecken! sie war mit einem Jungen; er grüsste sie und darauf führte sie ihn, ohne ihn zu kennen, durch den Park, zeigte ihm alles, sprach ganz offen, viel von ihrem Mann, etwa 1/2 Stunde lang. Er sagt, sie müsse offenbar ein ungeheures Sprechbedürfnis haben; sonst hätte sie es ja nicht getan.

            Aber etwas Schönes habe ich noch: denk, der "Freund"  an den "Luthers Glaube" geschrieben ist, ist Wölfflin! Ich war ganz erschüttert als ich es hörte. Für beide Teile, und für den "Dritten" dazu. Dies hat sich also zwischen den 50 jährigen abgespielt, das gleiche wie in unsrer Generation, aber mit welchen Hemmungen und doch auch wieder mit welch tieferer Resonanz. Mich hatte ja schon damals der "Roman" darin fast stärker gepackt als das Theoretische. Nun wo ich weiss, wer der Luzifer ist, und N.B. auch endlich, (aber nun mit einem Schlage) weiss wer Wölfflin ist - und wie lange wollte ich das wissen! Er ist ja von allen lebenden Gelehrten der der mich am stärksten beeinflusst hat, der der mir den Anstoss zur Produktivität gegeben hat. Nun weiss ich also, wer er war. Ich muss nun Luthers Glauben nochmal lesen.

            Heut Abend werde ich endlich mit Badt zusammen sein; er fährt Nachts nach Breslau, um seine Frau zu holen, er ist seit gestern Dezernent im Min.d.Inn. (bei Heine). Ich wollte, ich wäre auch was.

            Ich muss dir so vorlamentieren. Und die Post hat mir nichts von dir gebracht. Ich brauche dich sehr, ein Wort ein gutes jeden Tag.

            Liebes liebes Gritli -

                                    Dein Franz.

 

Juni 1919

                                 1.VI.[19]

Liebes Gritli, der Sonntag Morgen hier in dem Büdchen war gar nicht so schlimm diesmal, der Berliner Hof zeigte seine gute Seite: so zwischen 9 und 10 kamen etwa ein Dutzend Jungen mit einem Lehrer, wohl Waisenkinder und sangen zweistimmig ein paar Lieder, keine alten, sondern neue Machart und schlecht gesungen und kümmerlich und verhungert anzusehn, aber es war doch nett wie der Hof lebendig wurde und aus allen Fenstern die eingewickelten "Sechser" regneten. Das dritte Lied fing sogar an: Du bist der Stern auf den wir schauen.

    Ich habe es satt, Absichten zu haben. Es muss jetzt etwas von selbst kommen. Vielleicht übernehme ich einfach das Korrespondenzblatt der Akademie und was so an kleinen Sachen kommt und arbeite viel für mich bis ich mich an der Lehranstalt habilitieren kann; das ist ja eigentlich das Natürlichste; einmal muss ich doch dazu kommen. Auf jeden Fall gehe ich Pfingsten mit nach Frankfurt, wenn etwas daraus wird (und komme dann anschliessend zu euch; sonst später). Ich muss eben jede Gelegenheit suchen, bekannt zu werden. Dann kann ich übrigens den * ruhig veröffentlichen, da ich dann ja eben gar nicht auf etwas Sofortiges und Offizielles reflektiere. Im Gegenteil, es ist dann sogar gut, wenn ich ganz in der Gestalt bekannt werde, die wirklich meine Gestalt ist; dann wird am ehesten das Richtige für mich kommen. Schade, dass es dabei dann wohl Berlin wird, nicht Frankfurt.

            Eben da kommt dein Eilbrief vom Freitag, ich hatte meinen Hunger schon bis auf morgen beschwichtigt. Du hast mir gar nicht schlecht geschrieben, ich hatte es mir so vorgestellt, wie du es jetzt beschreibst. Aber deswegen bleibt es doch schade, dass nun wieder einmal "die " Menschen "die" Menschen bleiben. Denn als Privatsekretär des Direktors verkehrt er, mag er denken was er will, mit den Arbeitern doch nur wie mit den Soldaten im "Mannschaftshaus". Und das bleibt schade. Es hat sich einmal wieder die Gemeinschaft von zweien (= vieren) vor die grosse Gemeinschaft geschoben. Und grade weil Eugen nach der verlangt, müsste er sie endlich auch einmal haben. Zweie sind nie die Welt. Es ist doch ein Klebenbleiben. Auch für die Werkzeitung wäre es nötig gewesen, dass Riebensam Eugen liebte und nicht bloss über ihn erschrak, eben deshalb war mein Gefühl, dass du auf jeden Fall mit nach Stuttgart musstest, als du nach Marburg wolltest. Nun ist es anders gekommen. Was nur nötig gewesen wäre für das andre, wird nun das Einzige. Sehr gut und sehr schön, eine "Lösung", auch für dich sehr einleuchtend, weil ganz übersehbar (denn eines Menschen kann man immer gewiss sein, vieler nie). Aber nicht das was er braucht, nicht das weltlich = katholische, das protestantisch = katholische. Und darum erschrecke ich auch, dass prompt als Ergänzung dazu das katholisch = Katholische wieder am Horizont aufsteigt - wie ja gar nicht anders sein kann.

            An Riebensam selbst zweifle ich gar nicht, an Eugens Verhältnis zu ihm nur an dem einen Punkt, den ich dir schrieb, du antwortest grade darauf nicht.

            Sieh, ich müsste doch erleichtert sein: ich bin ja eine Verantwortung los, denn mein schrankenloses Zustimmen zu der prekären Stellung mit der Werkzeitung war ja ein Wagnis. Aber ich hatte dabei das bestimmte Gefühl, dass er da einmal hinein musste: nicht wegen "Sanierung" irgendwelchen "Werks", sondern um seine alte Liebe zum Volk einmal zu büssen. Jetzt fehlt etwas: diese Liebe zum Einzelnen mag vielleicht Schmerzen bringen, aber keine Enttäuschungen. Und das ist der Unterschied von Mann und Frau (und deshalb verstehst du hier nicht, worum es geht, und spricht dein Herz erst jetzt und nicht schon beim Arbeiterplan): dass die Frau nur die Liebe sucht, die Schmerzen bringt, der Mann aber ausser dieser auch noch die andre suchen muss, die Enttäuschungen bringen kann. Und deshalb traue ich mir hier mehr als dir. - Wäre nicht die andre Aussicht vorhergegangen, die jetzt zurückgeschoben (und damit aufgehoben) ist - denn en passant lassen sich "die" Menschen nicht lieben -, dann wäre ich ja jetzt ganz bei euch. Denn R. sah ich schon vor Deinem Brief so wie es ist. Aber nun kann ich nicht davon los, dass hier etwas zergangen ist, was gut und hart und nötig war. Aber ich hadre freilich nicht mit euch, sondern mit dem Gang der Dinge, der wieder einmal eine Entscheidung aufgespart hat. Vor Jahren (1916) schrieb mir Eugen mal (vgl. Briefbuch, hrsg. vom fleissigen Gritli, S.xyz): ich Sonderling redete ökumenisch wie ein Konzil und er Katholik redete immer nur zu Einem. Soll denn das immer so bleiben? Und nun war ein Konzil da und grad wie er hineingehn will und seinen Platz einehmen, stellt ihn Kaiser Konstantin am Eingang zum Palast, worin die Bischöfe schon versammelt sitzen und nimmt ihn mit in sein Privatkabinett.

            Es ist schwer immer Ja zu sagen zu allem, was der da oben anzettelt.

            Immerhin da zettelt er doch wenigstens. Mich aber lässt er hier unten herum laufen und nicht wissen wohin. Wo ich hier auf einen Menschen stosse, tut sich ein Abgrund auf. Der andre merkts gar nicht, aber ich. Die Leute haben mich ja sogar gern - aber doch nicht mich! So gestern Abend Badt, so heut Nachmittag Rosenzweig = Ost, den ich zufällig traf (nachdem ich eine Stunde zuvor an ihn gedacht hatte). Es ist etwas nicht richtig mit mir.

            Heut früh las ich in einem Notizbuch von Anfang Januar 14, - überall Ansätze zum *, auch manches was schon darüber hinaus weist und schon mehr Predigt als Gedanke ist. Wann? wann?

            Du darfst mir nicht böse sein, dass ich dich quäle. Wenn ich mich selber quäle, quäle ich dich eben mit. Das ist nicht anders. Du hast mich doch sehr lieb, ich komme zu dir und lege meine Stirn in deine Hände. Liebes -

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                                 2.VI.[19]

Liebes Gritli, heut früh kam dann unerwartet noch dein Himmelfahrtsbrief nach, der worin du von Frau Rs Alleinbesuch erzähltest. Er trug aber nur nach; ich bin mir ganz sicher, weil ich all dies Positive, das menschliche, das "Unter 8 Augen" ja genau so schon gesehen hatte, - schon einfach deshalb weil ich es vorausgesehen hatte. Meine Sorge , die bleibt, hat nichts damit zu tun, sie greift darüber hinweg. Sie ist so unabhängig von dem, was ihr augenblicklich tut, dass ich gar nicht wünschen oder wollen könnte, ihr tätet es anders. Eben wie ich dir gestern schrieb: ich widerspreche nicht euch, sondern der Vorsehung.

            Die Napoleonmaske kenne ich wohl, aber sie "kann nicht lügen??" Wenn ich eine illustrierte Ausgabe vom NT zu machen hätte, so würde ich sie zu dem Vers abdrucken vom Satan, der sich verstellte in einen Engel des Lichts. Wäre er anders gewesen, meinst du die ganze Welt wäre auf ihn herein gefallen, von Goethe abwärts? Aber gewiss, wenn Satan in einem Menschen Fleisch wird, so muss er irgend eine Schönheit in ihm schon vorfinden. Und die Totenmaske lehrt, welche das war. Es ist das erste Bild wo er wieder aussieht wie auf Davids Zeichnung zum Arcolebild der 26 oder 27jährige. Nur dass das Hamletische jenes Jugendbilds auf der Totenmaske cäsarisch versteinert ist; er ist hinaufgelangt und hat sich höchst königlich bewährt und alles ist schon wieder vorbei. Weisst du, welches Gesicht auf der genauen Mitte zwischen jenem Noch nicht und diesem Vorbei steht, das Hamletische und das Cäsarische in eines verschmilzt: Amenophis in Berlin.

            Dabei fällt mir ein, ich war noch weder in einem Museum noch in einem Theater und habe auch gar keinen Mumm dazu. Obwohl Koriolan gespielt wird, nach dem ich mich von Kind auf gesehnt habe - es war mein erstes Shakespearestück das ich las. Übrigens aber vor Landschaft hätte ich jetzt auch Angst, ich bin ganz froh, dass ich wenigstens zwischen Steinen sitze. Ich würde mich genieren, und hätte keine Ruhe.

            Ich habe von O.Adolf wegen der Sanatoriumssache, die er auf meine Verantwortung und Kosten einleiten sollte (über ihren Kopf weg) noch keine Antwort! Ich fürchte es wird nichts.

            Den Hegel machen eigentlich die Heinzelmännchen. Ich lese ihn bloss und finde ihn sit ut est aut non sit. Von Diederichs habe ich Antwort: augenblicklich nicht; ich soll, wenn ich ihn bis dahin nicht untergebracht habe, im Herbst wiederkommen; ev. fahre ich daraufhin doch mal nach Jena. Ich muss aber erst sehen, was Meinecke über Oldenbourg sagen wird, doch war der schon im Frieden an unsinnige Zuschüsse gewöhnt. - Viel dran arbeiten also keinesfalls! Ich werde wohl sachte in Judaica hinübergleiten, damit die Zeit nicht so verloren ist und die Germanica den ohnehin ja germanischen Heinzelmännchen überlassen.

            Bei Frau Cohen war ich gestern; sie zeigte mir ein paar Briefe von ihm aus dem Anfang der 70er Jahre, an ihre Eltern. Wie seine frühen Bilder, ein viel ruhigerer, klassischerer, bourgoiserer Mensch. Die Risse in ihm die später zu Klüften auseinanderklaffen sollten noch höchstens als feine Linien zu erkennen. Auch im Einzelnen viel Interessantes. Ich habe ihr sehr zugeredet, ein Briefbuch vorzubereiten, sie hat ja die Schreibmachine noch und kann die Briefe leichter bekommen als später Fremde. Nachher bei Bradt, wo Rosenzweig = Ost war, mit dem er lernt. Ich blieb dabei. Rosenzweig = Ost ist wirklich ganz blinder Cohenschüler, in verba magistri. - Klatzkin übersetzt die Ethik ins Hebräische. - Ich lese sie doch mit grossem Erstaunen und fortdauernder Spannung. Hast du sie eigentlich da?

                        Dein Franz.

                                 3.VI.[19]

Liebes Gritli, - grade da kommt der Brief von deiner Mutter, sehr mütterlich warm und säckingisch in meine Berliner Hofhöhle. Aber nun doch erst: Liebes Gritli - dein Sonntagsbrief ist heut morgen früher aufgestanden als ich, ich schlief bis 1/2 10 obwohl ich vor Mitternacht im Bett lag; es war ein Vorhang vorgezogen, daran lags. So lag der Brief schon draussen auf meinen Schuhen und erwartete mich. (Sonst kommst du meist Nachmittags gegen 5; es ist wohl schon der neue erweiterte Fahrplan, seit dem 1ten). Du weisst doch inzwischen, dass ich mit euch ganz und gar einig war, nur mit dem alten Herrn nicht. Er hat mir eben für mein Karlsruher Welterhalten einen kleinen Nasenstüber gegeben und die Sache gründlicher zu Ende geführt als ich meinte. Er will sich eben nicht ins Handwerk pfuschen lassen.

            Ich war gestern Mittag bei Budko wegen der Grabangelegenheit. Wunderschöne Blätter sah ich, auch Entwürfe zu einer hebräischen Psalmenausgabe, die ein christlicher Verleger bei ihm bestellt hat, das Schönste eine Initiale zum 90. Psalm (mit dem ja das 4te Buch nach der Büchereinteilung des Urtexts anfängt): unter einem grossen ..[hebräisches Tet] eine weite gewölbte Ebene, die die Vorstellung der Erdkugel heraufruft, eine ganz kleine einsame Figur  eines stehenden Beters mit erhobnen Armen ...[Zeichnung].

            Nachmittags habe ich angefangen bei meinem östlichen Namensvetter zu lernen; ich werde es jetzt in der nächsten Zeit so oft als möglich, damit ich endlich einmal diese gröbste Lücke ausfülle. Wir haben nichts Schönes genommen, sondern etwas richtig Schweres, rein Juristisches, über Verjährung; vielleicht heut, sonst morgen gehts weiter. Es geht eben doch nicht, dass ich Ansprüche mache und gar nichts Rechtes zu bieten habe. Heut Abend gehe ich zu Täubler in seine Übung und dann mit ihm zu Bradt; er will mir einen Vorschlag machen, sagt er. Ich weiss nicht was, aber ich werde wohl Ja sagen. Wahrscheinlich handelt es sich um das Korrespondenzblatt.

            Neulich, auf dem Weg von Straussens zu dem Kino kam ich an dem hiesigen Daimlerhaus vorüber.

            So schlimm fand ich die Anna D. nicht, wohl weil ich schon wusste wie sie war und mir gar nichts Besonderes drunter gedacht hatte. Sind die Kinder nicht nett?

            Deine Mutter schreibt, Ameisenberg passte zu dir. Wenn sie nun gar vom Libanon wüsste - ! Aber bitte lern keine Graphologie - "gibt eben das Geld aus". Wenn du zuviel Zeit hast, so lies doch Griechisch oder diktier am Briefbuch (??) oder besser noch (kein Fragezeichen!) schreib

                                                Deinem Franz.

                                 4.VI.[19]

Liebes Gritli, ich schreibe dir nur ein kurzes Wort zwischen Rosenzweig = Ost und Badts (die ja nun hier sind, ich fürchte mich etwas vor der Frau; dass er ein Dezernat im Min.d.Inn. gekriegt hat, schrieb ich dir wohl schon. Vielleicht schrieb ichs dir sogar schon ein paar mal; sowas imponiert mir ja jetzt. Aber grade dazu müsste ich sehen, dass zu all so was doch auch Vorbedingungen gehören und dass ich sehr wenig davon aufzuweisen habe. Gestern Abend bei Bradt eine dieser endlosen Statutsberatungen, die ebenso nötig als unfruchtbar sind. Täubler mit unermüdlichem Interesse. Ich war vorher bei ihm in der Übung. Sehr guter Universitätsdurchschnitt. In seinem Organisationseifer hat er nun auch endlich meine Beteiligung festgelegt: eine monumentale Mendelssohnausgabe (Leitung: "Cassierer", "Max Herrmann" und ich; ob ich auch mitarbeite, steht bei mir). Es ist eine sehr gute Idee, grade in meinem ursprünglichen Sinn: junge Litteraturhistoriker ("Germanisten" a non Germanico) und Philosophen aus dem allgemeinen Betrieb in diesen Garten hinüberzulocken. Ich selber werde etwa "Jerusalem" übernehmen, die grosse Emanzipationsschrift, die ich seiner Zeit für den Hegel durcharbeiten musste, weil H. zeitweilig von ihr beeinflusst war; sie hat in der Zeit (z.B. bei Kant) eine gewisse Sensation gemacht (wie alles was von diesem Naturwunder eines "jüdischen Sokrates" ausging), hat nach der Vergangenheit zu interessante Anknüpfungen (an Spinozas Staatsschrift, sowie an unsre Scholastik) und nach vorwärts ins jüdische 19.Jahrhundert hinein ist sie von verhängnisvoller Wirkung gewesen - also genug, um eine schöne und ein bischen böse Einleitung und interessante Anmerkungen dazu zu schreiben. Auch der Bibelübersetzer interessiert mich natürlich. Grade auch in seinem Verhältnis oder Unverhältnis zu den volkstümlichen jüdisch = deutschen Bibelübersetzungen, die er verdrängen wollte, und zu Luther und dem Jahrhundert Klopstocks andrerseits.

            Ich werde eben ins Gelehrte hinübergeschoben. Es ist vielleicht richtig so. Das Eigentliche darf man wohl nicht suchen; das muss von selber kommen.

            Mit Rosenzweig = Ost werde ich schnell vorwärts kommen. Ich bin doch weiter als ich selber dachte. Ich habe eben in den Kriegsjahren eine Menge dazugelernt, mehr als ich wusste.

            Und schliesslich wäre es ja gewaltsam, wenn ich mich den Konsequenzen von Zeitists, also schliesslich der Abhängigkeit von der Kreatur, die ich machte, entziehen wollte. Es ist ja eigentlich das Natürlichste von der Welt, dass ich auf diesem Geleise zunächst einmal laufe und nicht auf neue Eingriffe von oben warte.

            Den Hegel mögen inzwischen die Heinzelmännchen machen.

            Ob ihr schon im Schwalbennest wohnt? Bei deinem Wort von der Fürstengruft fiel mir ein, dass mich eigentlich die ganze Zeit etwas bei der Vorstellung von eurem Wohnen dort im Haus bedrückt hatte. Das ist nun fort; oben passt ihr besser hin.

            Liebes Schwälblein, wann -- ?

            Dein Franz.

                                 5.VI.[19]

Liebes, es war mir heut morgen zu lang mit Warten, dein Brief war ja schon 3 Tage alt; so telegraphierte ich. Über diesen Klotz dürft ihr ja jetzt nicht mehr stolpern. Allenfalls müsste sonst doch wieder der erste Plan, die "unbasierte" Werkzeitung, aufs Tapet gebracht werden. Aber von Stuttgart weg dürft ihr nun auf keinen Fall wieder.

            Ich wollte, ich hätte erst ein Wort. Es ist mir, als ob Berlin und Stuttgart im Augenblick sehr weit von einander wären. In der Pfingstwoche gehe ich wohl nach Leipzig und Jena (ich telegrafiere noch rechtzeitig); Jena wegen Diederichs und S.Fischer. In Leipzig werde ich Rudi sehen. Er schrieb mir, dass Eugen ihm die Frucht des Todes geschickt hat.

            Denkst du gar nicht mehr an Weidemann? ich muss noch viel an ihn denken. - -

            Gestern bei Badts wars wirklich nett. Sie wohnen bei einem Bekannten, dessen Frau und Kind auf Monate aufs Land sind, einem Kaufmann mit einigen fast leidenschaftlichen litterarischen Interessen. Die Frau war doch nett. Sie hat damals als ich sie in Breslau sah für mich darunter gelitten, dass ich so absichtlich, beobachtend und mich verstellend zu ihr kam. Es ist ein grosses Unrecht was ihr von der Familie geschieht; allerdings weiss ich nicht, ob es nicht angenehmer ist von diesem Scheusal von "Muttel" geschnitten zu werden für eine Schwiegermutter (und selbst für einen Sohn) als von ihr umgeben und bemuttelt zu sein. Ich verstehe jetzt auch ein bischen, wieso eine solche Frau wie die Frau Cohn (= Vossen) (mit der ich 1918 damals den kleinen Briefwechsel hatte) sie schätzt. Und dann ist ein Clou da: der zweijährige Wolf. Der aber wenn man ihn fragt wie [gestr. man] er heisst, diesen Namen verleugnet und sagt - ja was wohl? - du rätst es nicht, und zwar sagt ers mit Inbrunst und Überzeugung: Franz! Und weil es spät ist, ich noch essen will und zu Straussens gehen (um unsre seiner Zeit durch den Krieg bei Jes.47 abgebrochne Lektüre mit Jes.48 wieder aufzunehmen), so sage auch ich mit Inbrunst und Überzeugung:

                                                Franz.

                                 6.VI.[19]

Liebes, dein Eilbrief brachte die Antwort auf mein ungeduldiges Telegramm. Ich bin froh, das ihr noch in Stuttgart hängen bleibt. Irgendeine Form muss und wird sich finden. Die Gefahr dabei sehe ich unverändert und es hätte gar nicht des Eintreffens des damals vorausgesagten Zeichens - das wieder Akutwerden des Katholischen - bedurft, dass ich sie hätte sehen müssen. Aber ich wüsste und wünschte kein Zurück. Dass es nicht das Gleiche ist als Sekretär und Freund des Direktors vor den Arbeitern zu stehen und als freier Litterat, müsstest du doch schon ganz äusserlich einsehen. Ausserdem ists aber doch innerlich ein ungeheurer Unterschied, ob man aus Liebe zu Einem handelt oder aus Liebe zu Vielen. Ich schrieb dir ja neulich schon davon. Aber das ändert nichts an der nächsten Notwendigkeit. Wie sehr ich die spüre, habe ich ja gestern früh selber an dem Anfall von Telegrafitis plötzlich gemerkt.

            Es ist ja das grösste Glück, unter einer nächsten Notwendigkeit zu leben. Du hast ganz recht, dass ich nicht in Ordnung bin, und dass du es mir ansiehst. Aber ich komme allein nicht heraus aus dem Schleier. Vor dir trag ich ihn ja nicht. Und deshalb kannst du mir auch nicht helfen - bei dir ist mir ja schon geholfen. Ich habe nun in diesen ganzen Wochen hier eigentlich doch noch mit keinem Menschen wirklich gesprochen. Es ist eine Wand zwischen mir und Badt, mir und Straussens, mir und R.= Ost, mir und Bradt, mir und Täubler. Dass der * allein, wenn er gedruckt wäre, das bessern würde, glaube ich nicht; er ist doch schliesslich nur ein Buch - was ist ein Buch! Um anschaulich zu bleiben: meinst du, es hätte mir damals bei Ditha im mindesten geholfen, wenn der * gedruckt gewesen wäre. Wenns brennt (und wo brennts nicht!), lesen die Menschen keine Bücher. Heut Morgen war ich bei Meinecke; nach Besprechung der Hegelei fragte er mich auch, was ich vorhätte; ich sagte ihm, frei nach Täubler, bei dem ich ja nun gelernt habe wie das in der Professorensprache heisst: mich hätte schon seit Jahren, schon vor dem Krieg, das jüdische Problem gepackt, und dem müsste ich nun leben; in welcher äussern Form, wüsste ich nicht, danach suchte ich noch. Er sagte, das sei (wir waren auf der Strasse) sehr schade, denn es sei unlösbar bzw. lösbar nur so dass man es nicht zu lösen versuche, sondern in der allgemeinen Kultur aufginge; worauf ich: ich sei mir der Unlösbarkeit und dass es im einzelnen Fall und in meinem Fall vielleicht ein ergebnisloses Opfer würde, b