1920

Gritli Letters

 

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Januar 1920

                                                                                                                                   1.I.20.

Lieber Eugen, mit Onkel Adolf habe ich gleich gesprochen, er wills machen, wenn er irgend kann. Gut wird es sicher, du wirst nicht mehr viel dran zu tun haben.

            Die Sorge wegen des neuen Vertrages geht ja nur gegen Brennfleck, nicht gegen Weismantel. Was man von B. weiss, (Weine, Kino, christlicher Verlag), das sieht doch eben so rein nach Schieber aus, dass man auf die Idee kommen muss, sich soweit möglich vorzusehn. Wenn du gehört hast, dass er ein anständiger Kaufmann ist - tant mieux. Aber wird er auf die neue Form eingehn? und bleibt Weismantels Haftung nicht automatisch noch 5 Jahre bestehn? Die Personalfrage, wer an Stelle von Seifert treten soll, ist natürlich schwer. Kann Mirbt nicht? Erfahrung ist da doch wirklich weniger wichtig als ein bischen Verve.

            Ich quant à moi glaube ja doch erst, wenn ich die ersten Druckbogen vom * in der Hand habe. Was ich dann tun kann, durch Vorlesen von III 1 Reklame für die Subskription zu machen (etwa noch in Frankfurt und Berlin) soll geschehn. Freilich muss Weismantel etwas auf meinen Rat hören. Es ist nämlich leichter, das Buch in jüdischen Kreisen subskribieren als nachher kaufen zu lassen. Weil nachher die Schwierigkeiten abschrecken werden. Während durch eine geschickte Auswahl von Stellen die Subskribenten angelockt werden können. Ich bin mir eigentlich dieses Erfolges für Sonntag ganz gewiss. Am besten wärs die Subskriptionseinladung ginge ganz bald heraus - an welche Adressen, muss ich ihm auch sagen -, damit eventuell sogar die Höhe der Auflage sich danach noch bestimmen lässt. Und der Subskriptionspreis darf nicht über 20 M sein, der spätre Preis meinetwegen dann 40 M. Das ist alles unseifertsch. Aber dies Publikum kennt Seiffert nicht. Sonst hätte er ja das Buch überhaupt nicht so pessimistisch beurteilt.

            Woran glaubst du denn nicht an Frankfurt? ich dachte, du hättest mit Strauss doch auch darüber gesprochen. Mach meinen letzten Brief an Gritli, wenn er noch nicht weitergegangen ist, mal auf; da steht allerlei auch zu diesem Thema drin.

            Ich bin gar nicht so traurig wie du vermutest. Vorher war ichs. Aber auch nicht so gelöst, wie du meinst. Jedenfalls nicht in deinem Sinne. Die "Theologica", die ich in den Briefen vom 25. u. 26. "formulierte" lasse ich gar nicht beiseite. Dein "aus ganzem ungeteilten Herzen" habe ich eben nicht. Daran ist nichts anders geworden und kann auch nichts anders werden. Ich erwarte und verlange von Mutter gar nichts andres als die äusserliche Zurückhaltung und Freundlichkeit, die sie im Augenblick hat; dass es in ihr noch genau so aussieht, wie sonst, ist mir sicher - und ich verlange es auch gar nicht anders. Ich gebe ihr wirklich recht. Wenn zwischen Eltern und Kindern das wirkliche Wunder geschieht, dann ist die Welt fertig (vgl. Maleachi Schlussvers, und vgl. Rudi Hallos Sich Zerstören an seiner Mutter); das gleiche Wunder das zwischen den Gleichaltrigen die Welt erneuert, tötet die Welt ab, wenn es zwischen den Alten und Jungen geschieht. Bruder und Schwester - das kommt wirklich in den "besten Familien" vor (bei den Wälsungen, den Kroniden und Pharaonen), aber Mutter und Sohn, das ist der Untergang, Ödipus.

            Ich bin jetzt wirklich sehr offen mit ihr, aber doch nur mit dem Gefühl des ungeheuren Leichtsinns, mit einem Mein = Sach = auf = nichts = Stellen, und ohne Liebe; denn ich traue ihr nicht über den Weg. ich traue ihr erst, wenn es "mit rechten Dingen zugeht". Weshalb habe ich denn an die Versöhnung mit meinem Vater geglaubt? Weil sie nicht in meinem oder seinem Kopfe bestand, sondern höchst reale und normale Gründe hatte. Er sah, dass ich auch auf meinem Wege zu seinen Zielen kommen könnte. Das war eine solide Grundlage. Dass sie gelegt wurde, war das Wunder und ist nicht durch meinen Willen geschehn. Dass er sie betrat, das war dann weiter gar nicht wunderbar. Nun zieh die Parallele zu jetzt mir und Mutter. Ehe nicht eine Grundlage da ist, auf die sie normalerweise treten kann, eher ist alles nur Umnebelung für sie. Gelegt kann auch hier die Grundlage nur par miraculum werden, nicht "normal", das weiss ich wohl. Zeit ists in Majno Morikowo und Bradt in Berlin - das war auch ein Wunder. Kommt dies Wunder für mich und Mutter nicht, so ist jetzt gar nichts geschehn. Denn was ich in diesen Tagen lebendig spüre wie seit langem nicht, ist die Unverjährtheit jener Versöhnung mit Vater; die Medaille, die mir Martha geschenkt hat, sehe ich alle Tage an; von dem mit Mutter spüre ich gar nichts; es passiert alles nur vor ihr, was jetzt passiert, - nicht in ihr.

                                                Dein Franz.

               1.I.20

Liebes Gritli,  ich habe Eugen (schon nach Stuttgart) noch geantwortet, so bin ich nun ganz müde. Wie fast immer in den letzten Tagen, wenn ich an dich schreibe. Wie komisch! Heute war wieder, ausser viel Korrekturen, allerlei, mittags Herbert Ganslandt, sehr langweilig, nachher Hans Hess, anfangs auch, aber nachher kam es doch noch zu einem Gewitter. Vormittag war Rudi Hallo einen Augenblick da. Eugen schreibt, er glaubt nicht an Frankfurt. Ja aber woran denn? Schrieb ich dir, wohl nein, dass grade gestern mir Prager auch einen Brief von Bradt gab, worin der ihn bat, mich zu beeinflussen, dass ich doch der Berliner Akademie treubliebe. Aber wieder ohne bestimmtes. Ich zeigte den Brief gleich Nobel, der wollte es Bradt schreiben, ob ich nicht von Frankfurt aus mich an der Berl.Ak. beteiligen könne. Das wäre mir natürlich recht, obwohl ich mir nichts dabei denken kann. Die Hauptsache ist jetzt wirklich der V.hochschulplan. Heute kam ich noch nicht dazu, und vor Montag wohl überhaupt nicht. Rudi sprach ich heut telefonisch, er war ja auf. Er wäre beinahe zum Sonntag herübergekommen. Aber ich habe es doch verhindert. Ich warte wirklich auf ein paar Worte von dir. Alleine kann ichs noch nicht. Denk doch, ich habe ja nicht das mindeste Bedürfnis ihm von allem zu erzählen, was in dieser Zeit vorgefallen ist. So ist es noch! Im Gegenteil, ich scheue mich beinahe, ihm zu erzählen.

            Ich war so verwundert als heut Nachmittag eure Briefe kamen. Eugens hat mich ja etwas verstört. Er konstruiert so falsch und gewaltsam. Vor lauter Wundersichtigkeit vergisst er das Recht der Schöpfung, das Recht des Normalen, des "Immerwährenden". Glaub, ich weiss, dass ich jetzt wieder in Wundern lebe und dass mir jeden Tag etwas "passieren" kann, wie mit Strauss oder mit Rudi Hallo - und alles was damit zusammenhing. Aber ohne den Generalbass der Schöpfung wäre die Melodie der Offenbarung und ihrer Wunder eine verwehende Improvisation. Nicht bloss der nackte Mensch ist "unbehaust", auch der übervolle, der trunkene ists. Wenn ich jetzt auf den "jüdischen Menschen" traue, so ist darin wirklich beides, das "Jüdische" und das "Menschliche" so eng verflochten wie zwei gefaltete Hände, so dass ich gar nicht weiss, welches jeweils die Rolle des offenbaren Wunders und welches die der geschaffnen Regel spielt - so verschlungen ist beides in eins. Bald ist der Mensch das Wunderbare und bald der Jude, aber nie eins ohne das andre. Eben weil auch die Behaustheit wunderbar ist, deshalb ist sie nie "blosse" Behaustheit. Weisst du was ich meine? Ich sage es noch dunkel. In der Straussdenkschrift muss es hell gesagt werden. Aber Eugen darf nie vergessen, dass ich mit dem blossen Wunder ebenso halbgar herumliefe wie mit dem blossen Haus. Denn das blosse Wunder allein ist eines Morgens wenn man aufwacht entwundert, weil dann die Kraft des "Wunders" in das "Haus" hinübergewandert ist. Nur wenn beides beisammen ist, Gefäss der Schöpfung und Gefäss der Offenbarung, nur dann kann die Kraft niemals ausgehen, denn sie tauscht höchstens ihren Sitz, aber sie bleibt bei ihm wohnen.

            Sei geduldig mit diesen Dunkelheiten, du hörst sie bald so, dass sie dir eingehen. Hab mich doch lieb, du Liebe Liebe. Ich geh noch zu  deinem lieben Heiligen in die Portiuncula, so müde ich bin. Gute Nacht -

               2.I.20

Liebes Gritli,  ich muss dir gleich schreiben, ich bin so verstört. Dein Geschenk oder euer Geschenk kam, ich vertrage ja so etwas nicht, weisst du das denn nicht? ich vertrage ja kaum Bilder, könnte mir keins aufstellen, ich habe tatsächlich keins von dir so dass ichs finden könnte, alle liegen irgendwo in einem Briefcouvert wie sie kamen. Und nun gar so ein Panoptikumsgegenstand. Ich weiss gar nicht in welchem "wo = es am = tiefsten = ist" ich ihn vergraben soll und hoffe, dass ich nie in den Fall kommen werde, den einzigen denkbaren, wo es mir Freude machen würde, ihn zu haben. Die Maske tötet. Und nun gar die Maske deines Lebendigsten, dessen was ich am ersten liebte, das ich in jener Stunde, wo der Zwiespalt in mein Leben kam, der ungeheilt ist und bleiben wird, denn Eugens "aus ungeteiltem Herzen" ist mir fremd - was ich in jener Stunde küsste, - Liebe, und das soll ich jetzt als einen toten Gipsklotz auf den Tisch legen - wohl gar als Briefbeschwerer, nein fort in den - ich weiss noch nicht wohin, nur wo ichs nicht finde ohne es zu suchen, und hoffentlich also nie nie finden werde. Wahrhaftig, ich war nicht sehnsuchtskrank diesmal, aber jetzt möchte ich bei dir sein und deine lebendige in meiner Hand halten und spüren wie sie sich in meine still hineinlegt - nur um den Eindruck dieses Vitzliputzli loszuwerden. Gritli Gritli -

            Everich und Viktorine waren da, heut Vormittag, es gab wieder ein dolles Gespräch. Eva gefällt mir gar nicht sehr. Und Putzi ist wirklich unter aller Kritik. Heut Abend kommt Edith Hahn, Mutter hat schon Jonas ins Vertrauen gezogen, dass er sie mit mir oder ohne mich nach [sic] nachhausebringt, damit na u.s.w. Ich war doch etwas entgeistert als ichs hörte. Und fast hätte ich das Ereignis von heut früh vergessen: ein langer englischer (= allzuenglischer) Bedankemichbrief von Winie. Worauf ich ihr nun morgen oder heut Nacht noch mit einem "richtigen" antworten werde; denn schaden kanns ihr ja keineswegs, wenn ich etwas in ihre englische Windstille hineiblase.

            Liebste, ich versuche nochmal das Götzenbild anzusehn, aber es ging nicht und es wird nicht gehen. Bleib leben, bleib leben, liebes, geliebtes Leben -

                        Dein Franz.

               3.I.20

Liebes Gritli,  zwei Briefe auf einmal waren eben da, der von Silvester und der vom Neujahr. Die Hand - ich hätte dir gern heut ein besseres Wort geschrieben, ich nehme sie immer mal hervor, aber es schaudert mich jedesmal und ich werfe sie wieder fort. Sie schiebt sich jetzt wirklich zwischen mich und dich, zwischen meine wirkliche Stirn und deine wirkliche Hand - ich fühle wie es den Heiden zumute sein muss und weshalb sie es wirklich nur zum Christentum bringen können und das schon etwas Ungeheures für sie ist. - Wie mir ist? Ach ich vermisse von dir nur das eine, was du sorgfältig unterdrückst; deine Briefe tuen, als ob es keinen Rudi gäbe, und doch bist du die einzige, die mir wieder zu ihm helfen kann, ich selber fahre nicht eher zu ihm hin, ich bat dich darum in einem der nicht angekommenen Briefe wohl, du hast es also nicht von selber gespürt, meintest mich "schonen" zu müssen, meinst du, das wäre "Schonung"? inzwischen wirst du ja die Briefe von Stuttgart nachgeschickt gekriegt haben.

            Auch auf dein Wort vom Bolschewismus habe ich dir ja geschrieben. Eugen selbst weiss es ja, dass alles was er sagt für andre nur die Hälfte der Wahrheit sein kann und nur für ihn den Kinderlosen die ganze. Nur daher kann er die Grenzen dessen was z.B. mit Mutter geschehn kann, so verkennen. Du fragst, ob es "ebensoviel" wäre, meine Kinder sähen mich mit meiner Mutter in Frieden leben? ebensoviel? gar nichts wäre das, eine blosse Selbstverständlichkeit, es wäre ein Wunder wenn es anders wäre; ja im Ernst: wenn ich als Vater ihrer Enkel mit ihr in Unfrieden lebte, das würde wahrscheinlich den Kindern ebensoviel bedeuten, als wenn sie jüdisch lebten. Denn beides wäre ihnen das Wunder mitten in der Welt. Das andre kann nur uns Unbehausten, Entwurzelten, als ein grosses Wunder erscheinen. Die Kraft, die ich jetzt in das Verhältnis mit Mutter hineinstecke, werde ich später gar nicht hineinzustecken brauchen.

            Ach du Geliebtes, über Bildnis und irgendein Gleichnis Geliebte, und nun geht es so: Gestern Abend war Edith Hahn bei uns. Sie ist die mir Bestimmte. Es ist ein Paradoxon, dass wir uns nicht heiraten. Sie - aber das Schlimmste ist, wenn ich so mit ihr zusammen bin, zerreisst es mir das Herz, wenn ich denke was so aus ihr wird und was mit mir aus ihr werden könnte, denn sie hat wirklich alles Gute, was eine Frau haben kann, Ehrlichkeit, Feinheit, auch Klugheit. Jetzt hat sie sich in eine "Selbstständigkeit" eingepanzert, lässt sich offenbar als "die kluge Edith Hahn" behandeln, "beschäftigt sich mit..", nennt weibliche Wesen per "Mensch" u.s.w., aber in ein paar Jahren ist das alles (jetzt noch nicht) sauer, wies eben werden muss. Sie hat jetzt den ganzen Relig.unterricht an einem Lyceum, 10 Klassen = 20 Stunden, dazu noch Privatstunden. Und ich weiss, wie lebendig sie mit mir werden könnte und wie sie die künstliche Redseligkeit von gestern (gestern führte sie die Unterhaltung! früher war sie ganz still) wieder verlernen würde und selbst die schrecklichen nervösen Krächztöne. Aber es fehlt - ja wirklich nur "ein Geringes -  was denn? - was denn? - das Siegel"! wies im Figaro heisst, ja wirklich nur das Siegel, nur die Nagelspitze voll Verliebtheit, nur das Gramm Müssen, ach was sage ich "Müssen", nur das Gramm von wirklichem Möchten. Gar kein Zweifel, dass das "nachher" alles kommt, wenn wir ohne die Zurückhaltung von jetzt aufeinander angewiesen wären, denn ich fühle ja wie ich ihr Schicksal bin und sie meins wenigstens erfüllen würde. Aber eben es fehlt dies kleine Etwas. Oder schlimmer sie hat Töne, Stimmtöne, zum Davonlaufen noch unterm Trauhimmel wo ja allerdings jüdische Bräute kein Ja zu sagen brauchen. Und so kucken ihre herrlichen dunkeln Tieraugen so unerlöst aus ihrem Gesicht heraus, eben wie die Augen eines Tiers, das verdammt ist, keine Menschensprache zu sprechen, sondern tierisch zu krächzen. Weisst du wie es einem bei Hunden immer erschüttert: aus den Augen sieht einen eine lebendige Seele an, aber wenn sie sprechen wollen, dann bellen sie.

            Und  - ja trotzdem ich weiss nicht was geworden wäre, aber (lach nicht! es ist doch eher zum Weinen) eben hat Fritz Mosbacher, Hansens etwas jüngerer Bruder, bei dem oder vielmehr bei dessen sehr feiner Frau sie zu Besuch hier ist, sich - bei Mutter angemeldet, er habe sie zu sprechen. Das arme Mädchen soll ausgeboten werden wie sauer Bier. Und nun wird es also sicher nichts. Und es ist nur gut, dass es auch sonst nichts geworden wäre. Obwohl ich jetzt, nach diesen letzten Tagen und Wochen des Jahrs die Kraft gehabt hätte - das wirst du mir glauben - diese Ehe nicht zum "Kloster" werden zu lassen. Heut früh hatte ich mit Rudi H. und Gertrud R. ein Gespräch, sie wollten meinen Brief nochmal auf Kleingeld haben; ich bin mir des Neuen so ganz sicher, ich habe wirklich keine Spur von schlechtem Gewissen mehr gegen die "Orthodoxie". (Aber ich habe eigentlich  nur bekannt - , wie es wirklich in Rudi H. selbst aussieht, weiss ich nicht.) Ich habe ein Gleichnis gesagt: früher stand dies ..tum vor mir und hatte mir an einem bestimmten Verfallstag einen bestimmtem Wechsel zu präsentieren; heute habe ich Bürgschaft geleistet für alle eintretenden Fälle, in unbestimmter Höhe, eventuell selbst in der Schillerschen, also ganz unbestimmt, aber wirklich eine Bürgschaft (grade durch ihre Unbestimmtheit) "mit ganzer Seele, ganzem Herzen und ganzem Vermögen".

            Alles schön und gut. Aber warum bin ich nur nicht in Edith Hahn ein bischen - verliebt?

            Sag was an dir ist, du liebe Lebendige, du mein liebes Gritli.

                        Es wartet auf dein Wort, dein lautes oder stilles

                                                                                    Dein Franz.

               3.I.20

Liebes Gritli,  eben habe ich das unheimliche Ding wieder herausgenommen, es ist wie eine Spur von dir; für einen Augenblick ehe man erschrickt, dass es tot ist, ist es beinahe schön.

So wie ein Hauch von Freude, den man verspürt, aber nur ein Hauch und er vergeht wieder und man zittert gleich, dass er vergeht.

            Wirklich also war Fritz Mosbacher deshalb da. Mutter hat mit ihm allein gesprochen und hat wie wirs ausgemacht hatten, abgewinkt. Es ist so traurig. Es wäre alles gut. Aber ich will doch nicht plötzlich auf meine alten Tage anfangen zu "wollen". Damals, 1914 im Januar, erschrak ich plötzlich, dass ich "wollte" und liess mich treiben, und es war gut so. Denn im Ernst, ich kann doch nur dankbar sein, dass ich damals vor dem höllischen Wollen auch wenn es himmlische Gestalt angezogen hatte, bewahrt blieb. Und jetzt sollte ichs aus blosser Ungeduld? Ach Gritli, ich bin ja ungeduldig, ich bins. Soll ich nun warten, und immer weiter warten?

            Wie traurig nun - das ist Mutter[sic] nun zum zweiten Mal geschehn, damals durch ihre Mutter, jetzt durch den Mann der Freundin, der sie sich anvertraut hatte. Könnte ich nur - aber ich fürchte mich selbst sie so wiederzusehn oder freue mich jedenfalls nicht darauf, so erschreckt mich die Stimme. Ach Liebste, du weisst wie es bei mir "durchs Ohr" geht. Ich bin ein rechter Jid, auch darin.

            Liebes Gritli, es ist der 4te und Abends nach der Vorlesung. Es hat ungeheuer gewirkt, ich hatte es auf etwa 2/3 zusammengestrichen und las in zwei Hälften. Mit allen Mitteln der Sprache. Es war schade, dass du es nicht gehört hast, du hättest auch einen grossen Eindruck gehabt. Überhaupt - wenn du jetzt da wärest! Mit Trudchen sprach ich Nachmittags, ich brachte sie auf den Stand von heute. (Morgen reist sie nach Köln auf 8 Tage). Aber danach fiel mir was ein und ich sagte es dann Trudchen auch auf dem Weg zur Landesbibliothek. Und dabei warst du auch. Ich werde dies Gespinst zerreissen und mit Edith rückhaltlos offen sprechen. Es muss etwas passieren. So oder so. Aber es kann nichts passieren, wenn ich nicht die Schleusentore der Wahrheit aufziehe. Was dabei herauskommt? wahrscheinlich ein grosser Schmerz für sie, denn ich muss ihr eben sagen, dass ich nicht verliebt bin in sie. Aber sie muss dabei überhaupt sehen und hören wer ich bin. In wen ist sie denn verliebt? Was weiss sie denn von mir! Wie stellt sie sich denn das Leben vor! Damals, 1914, konnte nichts werden, denn es war alles auf meinen Willen gestellt. Jetzt soll nichts darauf gestellt sein. Ich will Raum schaffen für das "Geschehen". Jetzt ists wie 1914: es könnte nur etwas nach der Schnur eintreffen, zum Geschehen ist einfach kein Raum, kein Raum für ein Entweder = Oder. Aber es liegt doch bei uns Menschen, Gott Raum zu schaffen, dass er wirken kann. Das Mittel das dazu in unsre Hand gelegt ist (wenn wirs auch nicht immer gebrauchen können) ist: die Wahrheit sagen. Sie sagen zu können, liegt selber schon nicht bei uns. Schon das ist Gottes Erlaubnis. Aber die spür ich nun. Das Weitere steht dann nicht mehr bei mir.

            Sei bei mir in diesen Tagen.

                                    Und immer, immer - ich kann nicht leben ohne deine Liebe.

                                                                                                Dein Franz.

               5.I.20

Liebes liebes Herz,  ich habe den Tag so hingehen lassen, ich wollte erst noch etwas über den Gedanken des Briefs so ein bischen hinwegleben, ich blieb ganz ruhig, wartete noch auf die Nachmittagspost, sie brachte nichts von dir, dann schrieb ich. So wie ichs vorhatte. So also, dass sie sich aus dem Brief keine falsche Hoffnung machen kann, sie wird nur erschrecken. Es ist jetzt genau die Lage hergestellt, die "Gelegenheit" die eben bisher fehlte. Irgendwas kann nun geschehen, wahrscheinlich - nichts. Aber das ist dann ein geschehenes Nichts, nicht wie sonst jetzt ein ungeschehenes. Ein ungeschehenes Nichts ist doch wirklich zu wenig. Wie ichs geschrieben hatte, wuchs es Abends, als Hans Hess da war (dem jetzt endlich mal wieder seine Kartenhäuser zerbrechen) also da wuchs es mir ins Ängstliche auf. Aber ich trug es doch noch Nachts zur Post. Sieh, am Nachmittag ehe ich schrieb, flüsterte mir ein kleiner Teufel (nicht der grosse der Gottes Diener ist, das kann man unterscheiden) also ein kleiner flüsterte mir zu, ich sollte nicht schreiben, "kann dir denn je besser werden als dir ist?" wirklich, so sprach er. Da schrieb ich grade!

            Ach wie nötig ists, dass man verliebt ist um zu heiraten. Es ist doch etwas so Ungeheures; ohne Verliebtheit - wie wagt man sich da durch das grosse Tor hindurch?

            Liebe, Liebste, so sei bei mir, bei allem was geschieht.

                                    Ich bin ja dein und bleib es.

                                                Geliebte  ---- Dein.

               6.I.20

Mein liebes geliebtes Gritli,  es ist doch so gekommen, ich habe mich heut Vormittag mit Edith verlobt. Das Wie kann ich dir noch kaum sagen. In meinen Gefühlen ists gar kein plötzlicher Umschwung, kein "Damaskus", es ist alles noch da was vorher da war, es ist nur - ja Liebste ich konnt es nicht ertragen wie sie litt und hart wurde in sich selber und wie die süssen Augen - du wirst sie sehen und lieben - sich verschleierten. Ich konnt es nicht ertragen, da habe ich zaghaft und leise die Hände hingehalten und ihr Herz das zerbrechen oder versteinern musste, darauf genommen, dass es ganz bleibt. Ist es denn nicht ein Wunder dass es mir noch entgegenschlug, auch als sie alles wusste, alles was sie erschrecken musste, ich habe ihr ja natürlich nichts abgeschwächt, nichts verkleinert, ja die Dinge bei den Namen genannt, die ich selber nur mit Scheu gebrauche. Sie konnte nicht meinen, es wäre weniger als es ist; ich habe ihr gesagt, dass ich einen Blick auf deine "Hand" geworfen habe, ehe ich fortging; die Hand verliert das Tote, sie ist jetzt in diesen Tagen, gestern schon, wirklich ein Stück von dir. Wärest du hier - . Ich will nun zu ihr gehn. Mutter ist ja in Göttingen, ich habe sie eben angerufen, sie muss ja natürlich erschrocken sein, nach den letzten Tagen. Kannst du dir denn das denken, das alles? Ja wirklich "ward je in solcher Laun..." und doch, ich habe es vorhin als wir uns trennten, zu Edith selbst gesagt - ich muss ihr doch alles selbst sagen können, auf diesen Grund der Wahrhaftigkeit habe ich durch meinen Briefentschluss vorgestern die Sache gestellt, und auf diesem Grund ist es nun so gekommen; in diesem Erdreich wächst nun seit heute meine Liebe zu ihr - "ein zartes Pflänzchen, aber es lebt". Sieh, ich hätte mich einfach nicht nicht mit ihr verloben können, heute Morgen.

            Sei bei mir - so sprach ich heut Morgen, als ich mich auf den Weg machte, zu einem andern, so sprech ich nun zu dir. Und sei auch bei ihr. Sei bei uns beiden.

Geliebte Seele  ------Dein.

               6.I.20

Liebes liebes -  nachmittags kam dein Brief, ich hatte ja erwartet, dass ein gutes Wort zum Tag drin stehen würde und so war es auch. Das was du von Turneysen sagtest und wie du sein Wort über Deutschland auf mich gewandt hast. Denn sieh - auch Eugen! - wir sind ja nicht wie 1913/14 "in der Synagoge" zusammengekommen, sondern was wir in diesen Tagen seit meinem Briefentschluss und heute Morgen vor allem empfangen haben, das haben wir unmittelbar aus der Hand empfangen, die über uns allen, euch wie uns, aufgetan ist. Wirklich, erst heut Nachmittag fiel uns wieder ein, dass wir nun ein jüdisches Leben zusammen werden führen dürfen. Das ist nur eine Folge, eine wunderschöne, aber nicht das Band das uns umschlungen hat. Nur so konnte es geschehn, dass wir es ganz vergessen hatten.

            Diese ganzen Wochen nun - ich kann ja nun Rudi wieder sehen, selbst ohne das was du heute schreibst (ich kann das nicht recht nachfühlen, wie du das jetzt schreibst; so sprachst du ja vor Göttingen; was in Göttingen geschehen ist, weiss ich daraus auch nicht; aber ich brauche es jetzt kaum zu wissen. Ich kann ihn eben nun sehen. Diese Wochen haben also hierhin geführt. Vielleicht war es ein Abbrechen einer Krise. Eugen wird es vielleicht so sehen. Aber nein, was in dieser Zeit geworden ist, bleibt unverloren; ich nehme nichts zurück von dem was ich am 25.XII. und den folgenden Tagen schrieb, und eben die Art, wie wir heute zueinanderkamen, wir zwei beide im Tor der Synagoge stehend und doch nicht dort sondern unter Gottes freiem Himmel zusammengeschleudert, zwei Herzen, nicht zwei Juden ---- ist das nicht selber schon ein Siegel auf die Wirklichkeit meines letzten Geburtstags? Dass alles noch keimhaft ist - wie sollte es anders sein. Aber dass das "zarte Pflänzchen", das doch lebt, ja wahrhaftig lebt, - dass es wächst, dafür bietet uns nun die Wärme des alten Hauses, in das wir es tragen dürfen, Gewähr.

            Aber ists nicht wirklich so, als ob mir mein frivoles Belaubfroschen des Jahres "1919" verwiesen werden wollte und "1919"  ausdrücklich hart an den Anfang von 1920 gelegt wird - nur damit ich lerne, was ich eben erst in den letzten "unwiderruflich letzten" Tagen von 1919 hatte lernen können: nicht wollen. Denn nun  habe ich ja was ich wollte, aber erst als ich nicht mehr "wollte".

            Dass ich unter der Zartheit des Pflänzleins leide wenn ich daneben den sturmfesten Baum unsrer Liebe sehe, Gritli, muss ich dir das sagen? Ich kann nur von ganzem Herzen bitten, dass es wachsen möge und dass der Baum ihm Stürme auffängt und den Sonnenschein nicht verschattet. Und da bitte ich um ein Wunder. Aber lohnt es sich, um Geringeres zu bitten? Und Edith selber nannte es ein Wunder. Aber sie glaubt daran. Sie glaubt an Wunder. Braucht es mehr?

                                                                        Dein Franz.

               7.I.20

Liebes, du mein liebes Gritli,  ein Brief von dir kam heut sonderbarerweise nicht, so nahm ich heut Abend noch einmal deinen von gestern heraus, sieh, da stand ein Wort, du sprachst von dir und Rudi, aber es leuchtete auch in mein Herz. Dass zwei Seelen die keine Geschwister sind, es nicht werden können. Das ists zwischen mir und Edith. Wir sind uns gar nicht geschwisterlich, die Liebe langt über einen Abgrund weg, hier steht ein Mann und dort ein Weib - ich habe bei dir nie gewusst, dass ich ein Mann bin, noch dass du ein Weib, so schlugen unsre Herzen in eins. Ediths und meins schlagen gar nicht den gleichen Takt, es ist schmerzhaft für mich dem ihren zu horchen, es muss wohl schreckhaft für sie sein, meins schlagen zu sehen, so muss mein Herz überströmen, um ihres zu umfluten, ihres muss wachsen (sie nannte es selber heute so), um in meins hineinzufinden. Es ist keine andre Gelegenheit für uns als diese des Überströmens und des Wachsens. Wie es in dem Augenblick war, der uns zusammenzwang. Wie zum Ersatz dass uns dieser Gleichklang der Herzen, der geschwisterliche - o du Geliebte - versagt ist, ist uns ein andrer Gleichtakt gegeben: unsre Füsse gehen den gleichen Schritt. Ganz wirklich. Weisst du wie schwer es uns wird, wenn wir, du und ich, Arm in Arm gehen wollen? Und wie alles "ganz Wirkliche", ist auch dies ein Zeichen, wo uns der Gleichklang der uns von der Schöpfung her versagt ist doch geschenkt werden wird. Es ist nicht mehr um meinetwillen nötig dass ich jüdisch lebe, und nicht um ihretwillen, dass sie es tut; wir müssens beide um unsrer beider willen. Um nicht unter der Anstrengung des ständig Ganz = Mann = und Ganz = Weib = sein = müssens zu erliegen. So brauchen wir diesen Kreis, wo wir im gleichen Schritt und Tritt gehen. Aber ach Geliebte, so sehne ich mich selbst an ihrer Seite nach deinen lieben Worten, und wenn ich ihre Kinderhände umschliesse, fühlte ich gerne das leise Streichen deiner Hand. O du wirst mich gar nicht los, du Armes, du Liebereiches. Und warst es ja auch selber die mich in jenem Augenblick des Nichtanderskönnen vorwärtsstiess, als ich ganz körperhaft die Länge der Allee herunter wie einen Ausweg sah und eine Flucht; du sprachst nur: man flieht nicht, und wiesest dem Überstrom meines Herzens seinen Weg. Seitdem mag ich Rudi wieder hierhaben - er kommt Sonnabend, es war ja wieder ein Schutzengel da, bei mir. Welcher wohl bei ihr war? meiner? oder ihr eigener? Ich glaube fast, meiner.

Liebes, es war ein stiller und fast glücklicher Tag heute, und was ich dir schreibe, lag nur wie ein Unterton in der Begleitung darunter, aber freilich keinen Augenblick aussetzend. Ich brachte es nicht übers Herz, nachzuspüren ob sie ihn hört. Es war keine Unwahrhaftigkeit. Aber nach dem gestrigen Tag des Geschehens brauchte sie und brauchte ich Ruhe im Hafen heute und kein Treiben auf dem Ozean des Geschehens. Nachmittag haben wir uns beide richtig 1 1/2 Stunden schlafen gelegt.

            Spätnachmittags waren wir dann bei Tante Julie. Das war Geschehen, aber wie in einer andern Welt. Und Abends mit Mutter und Jonas. Die Hilla ist ein herrliches Kind, Rudi ein Barbar dass er sie gehen liess.

            Weisst du, dass ich das Gefühl habe, ich möchte gern, sie läse alle Briefe, die ich dir seit vorgestern geschrieben habe? Vorher keinen. Seit vorgestern - obwohl sich doch nichts geändert hat - alle. Dies eine hat sich eben geändert: dass ich dies möchte. Und ich weiss genau, dass sie es kann. Obwohl ihre Gedanken in dem Hafen des heutigen Tages vielleicht nicht daran gedacht haben. Ist es nicht merkwürdig, dass ich "vielleicht" sage? so fern ist sie mir wie - ein Weib einem Mann. Und so liebe ich sie.

            Du liebes, geliebtes, du κοινοναύταδελφον, du Herz  -- wir sehen uns, wenn ich am 15./16. in Würzburg bin, dort oder gleich danach in Stuttgart. Dann Frankfurt, und am 23. hat Edith Geburtstag in Berlin. Denk sie kann Haushalt und Schneidern, aber man merkt ihr gar nicht an, dass sie was "kann". Überhaupt ists herrlich über wie viele Dinge man nicht spricht. Sie wird 25. Ich hatte sie für 2 Jahre älter gehalten. Gritli liebes - 

                        Dein.

               8.I.20

Mein liebes, geliebtes Gritli,  ich bin müde und möchte zu Bett - was war das für ein schöner reifer Tag, ein rechter "dritter Tag". Ich bin so froh, mir ist so leicht, erst heute weicht mir der Schreck aus den Gliedern, der Schreck des vorgestrigen Morgens, wo mir die beiden Hände, Seine und deine, im meine Gespinste fuhren. Ja auch deine. Du hattest recht, mir ihr Abbild zu schicken, ich liebe es nun auch, es ist mir nicht mehr tot. Die Windstille des gestrigen Tags hatte ja etwas Lähmendes, heut fuhren wir wieder übers Meer, das schlug seine Wellen, aber die Sonne lag darüber. Ich fürchtete gestern, sie könnte vergessen haben, aber nein, sie hat nichts vergessen, sie trägt, aber sie fühlt ihre Kräfte wachsen. Und meine Liebe schlägt heute über all den dummen gefühllosen "Gefühlen", die mich ängsteten, zusammen; es ist gar nichts mehr davon zu sehen, sie liegen vielleicht wie Riffe noch dicht unter dem Wasserspiegel, aber selbst wenn es so ist - der Lotse oben weiss den Weg zwischen hindurch. Und warum sollten die Wasser nicht noch steigen?

            Liebes Gritli, das sind ja alles dumme Worte gegen das eine - ich liebe sie. Auch du wirst sie lieben, ich zweifle eigentlich gar nicht daran. So zu recht kamen heut dein Telegramm und deine Briefe. Ach ich spüre jetzt den Zusammenhang dieser Wochen, auch das Unrecht das ich Rudi tat; er war eben einfach wie ich ihm heute schrieb "Der Prügelknabe der Entwicklung". Sonnabend kommt er. Gute gute Nacht geliebtes Herz  ------- Dein.

               9.I.20

Mein liebes Gritli,  ich bin so froh, es ist so gut mit Edith. Es war wieder so ein schöner, wahrer Tag. Wir haben heut einmal zusammen "gelernt", die Schriftabschnitte dieser unsrer Woche, 2 M.1,1-6,1 und Jerem.1,1-2,3. Lies sie einmal, es stand so viel drin für uns beide. Sie kann übrigens so viel Hebräisch wie ich (oder ich so wenig wie sie), das ist auch lustig. Mit zweitem Namen heisst sie, nach einer Grossmutter, Mirjam. Ist das nicht schön? auch grade für morgen. Und es ist doch gut, dass ich am Dienstag nur zu "Edith" gekommen bin und dass "Mirjam" nur die erst am Nachmittag wiederentdeckte "Zugabe" war. Wir fahren morgen am Spätnachmittag zu Helene und abends mit Rudi zurück. Denk, sie fährt nicht am Sonnabend - ich habe Mittags gewollt -, sie hat sich seit Jahren, so gut sie es in ihrem Elternhaus konnte, ihren eigenen Sabbat zusammengestückt; das gehörte dazu. Es ist so schön, wie das nun ohne jeden Zwang für mich beginnt, wirklich einfach eine Zugabe zu diesem neuen lieben Stück Leben. Ach känntest du sie schon. Ich mag dir von ihren Bildern keins schicken, es ist keins richtig. Ihr Konfirmationsspruch - sie ist in der bei uns neumodischen Weise konfirmiert worden, obwohl sie beinahe noch am Tag davor gestreikt hätte, als sie merkte wie theatralisch es war - also ihr Spruch war Micha 6,8; das kam eben heraus, als ich ihr den Schluss von "Tor" zeigte, zu deinem Brief; als die Stelle kam, da lachten ihre Augen; - ach wenn du sie känntest die Augen! sie sind blau und ganz samten in einem ganz zartfarbenen Gesicht, die Haare ganz dunkel, die Stirn klar gewölbt, die Nase ganz fein, aber an den Mund kommt man nur schwer heran! das Untergesicht springt nämlich zurück, sonst wäre sie eine Schönheit; so ist sie nur - mehr.

            Ach so viel mehr, Gritli. Ja ich las deinen Brief mit ihr mit Ausnahme der Worte über Rudi und Helene, die Zeilen bat ich sie zu überspringen. Es ist so gut. Ja Gritli, es ist gar kein Schnitt; ich habe das immer gewusst, dass es einmal so kommen musste, so sanft. Als ich damals, jetzt vor bald einem Jahr, um einen Schlag von Gottes Hand bat, aber einen sanften, sieh er hat es mir erfüllt, beides, den Schlag am 22.VIII., das Sanfte am 6.I.(und gestern - und nun immer). Nun habe ich, worum ich gebeten habe und nun kann mein Herz nicht mehr zittern, wenn es bei dir ist. Du Geliebte - fast bin ich traurig, dass ich es nicht mehr soll schreiben dürfen, das "Allermeist", aber Liebste ist gar nicht mehr als Geliebte, und wenn selbst - es käme mir gar nicht darauf an - auch du hast es wohl erst vermieden, seit ich dich damit neckte, denn neulich in den Briefen vom September 18 fand ich es auch. Aber nein, du mehr als Liebste und Geliebte, du Meine, du Seele, Du Schwester  ---------Dein.

             10.I.20

Liebes Gritli,  heut Nachmittag waren wir dann in Göttingen. Es war so schön, alles ganz natürlich, und wir konnten sprechen wie stets, es war keine Verborgenheit. Rudi ist nämlich mitgefahren, er ist schon zu Bett, und ich gehe auch gleich; diese Wochen meines "Zürnens" sind ja nun vergangen, wir werden kaum mehr nachträglich davon sprechen. Insofern ist das Neue ein Anfang.

            Auch sonst war es das heute. Es war so schön, wie wir heut Morgen zusammen zur Synagoge gingen und wieder heim. - Ich schreibe dir immerfort nur: es war so schön. Aber was soll ich dir anders schreiben! Ja, es ist so schön. Es ist mir immer ganz verwunderlich, dass ich sie Abends noch in ein fremdes Haus bringen muss. So sehr sind wir schon beieinander. Es ist mir ganz "verheiratet" zu Mut. Und immer wieder wünsche ich nun, du sähest sie. Du wirst sie lieben.

                                    Liebes liebes Gritli ----- Dein Franz.

           11.I.20.

Liebes liebes Gritli,  ja ich glaube es auch, du kannst den festen Glauben haben. Ediths Herz ist gar nicht gross, aber es hat die Kraft zu wachsen, wenn es nur fest gehalten wird. Ich spüre es in meinen Händen wie es sich ausweitet. Vielleicht wird es sich nie aus eigener Kraft ausweiten können, vielleicht immer nur in der haltenden und wärmenden Umschliessung meiner Hände. Aber wäre das schlimm? Es giebt da ja keine Rezepte. Wessen Augen uns erwecken, ist ja so gleich, - wenn wir nur erwachen. Sie ist erwacht. Und wenn sie je wieder einschlafen und sich verhärten sollte, ich fühls, ich weiss die Zauberworte, sie wieder zu erwecken und zu erweichen. Es ist so, dass ich fast - nein nicht fast, dass ich  alles mit ihr wagen kann. Ich verberge nichts vor ihr, was der Tag bringt. Über das Wort "ungesund", das sie am Dienstag Morgen brauchte als ich anfing von dir und mir zu erzählen, haben wir heut selber einfach gelacht. Und als sie mir eben einen Brief einer Freundin zeigte, worin das Wort "Einfühlungsvermögen" vorkam, und ich sagte das wäre ein Fremdwort, brauchte ich ihr das deutsche dafür nicht erst zu sagen. Und Rudis grosses, ganz grosses Neuestes, die "Schwester", hat sie tief aufgerührt; denn es sprach ja das aus, was neu in ihr Leben gekommen ist. Ich kann Gott nur bitten, dass er es doch giebt, dass diese Augen, die jetzt wohl nur mich ansehen können, mit einem so tiefen unendlich gläubigen Blick ansehen können, einmal auch in andre hineinblicken mögen. Denn nur dann, nur wenn es einmal auch für sie gesagt sein wird, das "Wie er dich liebt, so liebe du", nur dann verdiene ich ja das Geschenk, das mir Gott geschenkt hat. "Verdiene" ist ein falsches Wort. Aber du weisst, was ich meine, auch wenn ichs jetzt nicht sagen kann.

            Es war ja so ein grosser Tag durch Rudis ungeheures Gedicht. Was magst du dazu sagen? von seinem Brief hatte er mir schon in der Nacht erzählt und von dem Gespräch mit Helene das drin steht. Sag, es kann doch nicht sein, dass das was mir geworden ist, nicht auch für Rudi und Helene ein neues Stück Weg aufschliessen sollte. Wenn unsre Kräfte verbraucht sind - und sie sinds seit November gewesen, und meine Zerstörtheit im Dezember war nur das Anzeichen davon, unser aller Kräfte waren verbraucht, deine, Rudis, Eugens, Helenes, meine - dann schickt uns Gott einen neuen Menschen, eine neue Kraft, eine aufbewahrte, die erst jetzt die Schale sprengt, sie muss doch die entleerten Adern neu durchpulsen. Jetzt ists nur ein leiser Anfang. Helene liebt sie. Einfach von Natur, in einfacher Neigung, ohne Mühe und Zwang. Was sie an ihr erleben wird - ich kann nur auf den Knien bitten, dass sie etwas erleben wird - das muss sie ja glauben, das wird sie sogar "verstehen", denn sie versteht ja - seit gestern, unmittelbar, von Auge zu Auge, - sie.

            Wohinaus? Es ist uns ja nur ein neuer Weg aufgetan. Uns allen. Der heisst Edith. Liebe sie.  Mit ihr, die mein ist,  ---

                                                                        Dein.

           12.I.20.

Mein liebes Gritli,  ich bin noch bis Kreiensen mitgefahren. Da sassen wir am selben Tisch wie heut vor drei Wochen ich. So kurz ist die Zeit dazwischen. - Ich bin heut Abend etwas furchtsam. Ich fürchte die Entfernung. Ich weiss ja noch nicht, ob ich sie mir über die Ferne weg halten kann. In der Nähe brauche ich ja nur ihre Augen zu suchen, diese allerschönsten Augen, so hab ich sie ganz, und in diese Stille kann kein falscher Ton dringen. Aber auf die Ferne - ich fürchte mich vor ihrer Handschrift, die ist so leer und hart, so ganz noch aus der Zeit vor dem Erwachen. Und so schnell kann sie ja noch nicht mit erwacht sein. Es ist wohl unrecht von mir, sehr unrecht. Vielleicht kann ich noch diese Woche hinfahren, denn Weismantel schreibt eben, wegen Bahnstreiks wäre es am 15./16. noch nichts mit dem Zusammentreffen. So hätte ich, wenn ich morgen bald fertig werde mit der Strauss = Denkschrift, die ich morgen anfangen will - der Zusammenhang ist mir im Gespräch mit Edith in der letzten 1/4 Stunde in Kreiensen aufgegangen! - so könnte ich also vielleicht schon bald nach Berlin und erst nach dem 23. nach Frankfurt. Für mich und Edith wäre das gut, für mich und Frankfurt schlecht; denn alles was ich in Berlin tun kann, hängt davon ab, was für Form die Frankfurter Aussichten gewinnen; - nun ich will mich jetzt nicht besinnen, sondern morgen erst mal das V.hochschulding schreiben (Motto aus Pred.12,12)

            Liebes Gritli, bitte sag mir ein gutes Wort. -

            Rudis Brief schicke ich dir heute zurück. Mir war die Stelle auf der 2ten Seite oben sehr eingegangen; so herum (nicht Rudis Verhalten als Bestätigung, sondern als Folge meines zu schwachen Vertrauens) so herum hatte ich es noch nicht angesehn, und fast glaube ich, er hat recht.

            Ihm selber habe ich in der ersten Nacht ausführlich von mir erzählt. Nicht ganz leicht. Es war ein Stück Busse für mein Verhalten gegen ihn, dass ichs tat. Ich tat es nicht mit vollkommenstem Vertrauen. Trotzdem mit vollkommenster Offenheit. Er hat ja einen Dämon in sich, der grösser ist als er. Er leidet selber am meisten darunter. Denn deshalb ist es schwer, ihn zu lieben, weil ihn der Dämon plötzlich fort in die Lüfte reisst. Und zur Liebe gehört die Gewissheit, dass das Geliebte auf der Erde bleibt, bis es - zu Erde wird.

            Geliebte, Bleibende, Nahe, nie Entrissene, nie Entreissbare, - sag mir ein gutes Wort, nein sag es nicht, es ist mir du hättest es eben schon gesagt, ich bin ja so dumm. Nein, ich habe Edith lieb und sie mag mir die dümmsten Schulaufsätze schreiben, ich sehe doch ihre Augen. Nein ich bin ein ekliger Kerl. Behalte mich doch lieb, Gritli, nichtwahr?

                        Dein Franz.

           13.I.20.

Liebes Gritli,  ist es nicht überhaupt so: dieses in die Lüfte Hineingerissen werden ist ja bei allen Männern wie bei allen Frauen das IndieErdehineinVersinken. Deine "Schlaf"=Perioden. Da ist es schwer einander zu lieben. Da leiden wir alle aneinander. Männer können sich allenfalls da oben noch à la Schiller = Goethe begegnen, aber das ist ja nur was Kümmerliches. Wenn der Geist den Mann bei den Haaren ergreift, wenn die Erde das Weib in sich hinabsaugt, - dann ist man eben "nicht zu sprechen". Und "nicht zu sprechen" heisst ja "nicht zu lieben". So geht es dir, aber im Grunde uns allen, mit Rudi. So ging es dir Ostern in der Stiftsmühle mit Eugen, und wieder uns allen. Man muss dann Geduld haben, bis er wiederkommt.

            Gegen die Vereinfachung alles Ereignisses auf den Gegensatz kath. = prot. habe ich Rudi gegenüber sofort Einspruch erhoben, als er sie mir erzählte. Obwohl sie richtig [doppelt unterstr.] ist. Aber sie gehört zu den tödlichen Richtigkeiten. In Wahrheit hat eben jeder wirkliche Mensch Kirche und Ketzer, Haus und Herz im Bezirk seines eigenen Lebens beisammen. Es giebt da keine Verteilung auf zwei Träger. Oder der eine (oder beide) sind keine lebendigen Menschen. Und lieber würde ich Helene (und Rudi) das vorwerfen, als dass ich jene endgültige und mörderische Verteilung auf zwei, noch dazu historische (hang up all history!), Mächte zugäbe. Wer so im "historischen" Sinn der gute Ketzer oder die gute Katholikin ist, der ist sicher im unhistorischen Sinn noch ein schlechter Christ. - Also keine Endgültigkeiten - "nein kein Ende, kein Ende!". Die Hoffnung, die mich jetzt über dies "Ende" hinausschauen lässt in eine neue Zukunft, weisst du.

            Denk einmal, Ediths Farbe, ihr selbst freilich unbekanntermassen, ist eine mir bisher ganz fremde: ein tief olives Samtgrün! Und dein = mein Braun läuft ganz von ihr weg! Ist das nicht merkwürdig? Ich will heute nach einem Papier suchen, fürchte aber, ich finde keins. Du kennst doch die Decke aus doppeltgewebtem Plüsch, die oben auf meinem Sofa liegt, aussen grün, innen grau (ein Grau, das ihr auch steht). An der hab ichs entdeckt. Ich war ganz erschüttert über dies sichtbare Zeichen des neuen Zustroms in mein Leben. Weisst du noch wie traurig mich die grüne Tinte bei deinem ersten Göttinger Brief gemacht hatte?

            Mein liebes, liebes Gritli, nun weiss ich auch warum ich die beiden Knielederstücke dir nie habe verarbeiten lassen, sondern immer eine Hemmung da war, die mich zu faul dazu machte. Du trittst sie ihr doch ab, Geliebte?

                                                            Dein

           13.I.20.

Liebe -  was sagst du zu diesem schlechten Kleid, in dem ich heut schon zum zweiten Mal komme. Aber mein grosser Koffer, worin noch das bessere liegt, ist noch nicht da. Es wäre gut, du besorgtest noch was du von dem "echt deutschen" Herrn Czech kriegen kannst, denn bald ist auch das alle was ich noch im Koffer erwarte. - Wir haben heut Morgen nach einem Stoff für Edith gesucht, Mutter und ich, es war sehr lustig. Einen ganz leichten graubraunen haben wir gefunden, aber den olivgrünen Velvet noch nicht.

            Zum Straussianum kam ich noch gar nicht. Denn es kam ein schwerer aber gewaltiger Brief von Rudi Hallo, ein rechter Ketzerbrief. Und weil ich nicht "Priester" bin und Edith die mich nach meinen Gedanken dazu machen sollte, nach Gottes Gedanken mich nun grade verhindert, es zu werden, so konnte ich ihm ketzerlich antworten. Ich schrieb es ihm in einem mit der Nachricht von der Verlobung. Um die Wirkung ist mir nun bange. Denn er steht hart an irgendeiner Grenze. Und ich habe ihn stark angefasst, und versucht, sein Ketzertum, das Gott den Rücken drehen möchte, auf den Fersen herumzudrehen, dass er ihm wieder ins Auge sieht.

            Von Hans und Else waren heut Briefe da, von Else an mich ein feiner (aber ein "Deutsch" schreibt diese Lehrerin! freilich in allen ihren Fehlern ganz lebendig), sie hat etwas herausgehört aus meinem Brief, trotz (oder wegen) des spasshaften Tons. Hans wieder tief ahnungslos! An Mutter schreibt Else dafür sehr komisch: sie könne sich nicht denken, dass auch eine Frau mich je anders machen würde, als sie mich aus den "Diskussionen mit meinen Freunden" kenne. Das ist doch ein ungewolltes Leumundszeugnis für mich aus diesem Munde.

            Die Nacht zum Einschlafen lese ich immer Jörgensen. Jetzt habe ich die heilige Clara hinter mir. Aber ein bischen viel schweinslederne Hemden mit den Borsten nach innen ist es mir doch. Weisst du, im Leben ist das alles anders. Da ist die Welt drum herum mit seidenen Hemden ohne Borsten. Und da ist die Heiligkeit so lebendig, wie - nun wie irgend eine grosse oder kleine Entsagung in einem selber einem lebendig ist, weil sie eben mitten in dem steht, dem entsagt wird. Aber in der Legende wird die Heilige so isoliert, die Welt ist nur Folie, da wirkt alles kalt = gewaltsam; man spürt die lebendigen Kräfte der Abstossung nicht mehr, die zwischen Heiligkeit und Weltlichkeit sich spannen. Und erst die machen alles wirklich und glaubhaft. Am Anfang der Legende ist das naturgemäss noch nicht, da ist die Welt noch da, da ist noch Sehnsucht nach Heiligkeit und ein Umblicken nach dem Pfluge. Aber nachher wirds mehr und mehr abstrakt, fast - technisch, ja das ist das Wort: eine Technik der Heiligkeit. Ich kann mir nicht helfen, aber es widert mich an, wenn dieser Mann, dem ichs wirklich zutraue, dass er sich untergekriegt hat, immer wieder demonstrativ (versteh: demonstrativ) seine Sündigkeit betont. In solchen Demonstrationen steckt ein Stück Routine.

Greda ein bischen gut sein? das bring ich nicht fertig. Und im Ernst: du glaubst es ja selber nicht. Du hast uns doch in diesen ganzen Jahren so fein säuberlich auseinandergelassen, wie mans nur bei Menschen tut, die man jm Grunde gar nicht zusammen haben will. Du spürst eben im Innersten, dass ich ihr gar nicht gut sein kann. Ihre "christliche" wie ihre heidnische Seite stösst mich gleich stark ab. Dass Rudi die Beziehung zu ihr sorgsam warmhält, nehme ich ihm nach wie vor übel. Und ich meine immer wenn ich von Greda nicht mich abgestossen fühlte, wäre ich nicht, der ich bin: -                                                                 Dein Franz.

           14.I.20.

Liebes liebes Gritli,  ich dachte heut Vormittag, ich fahre Freitag Abend auf alle Fälle nach Frankfurt und Montag treffe ich dich, ob mit oder ohne Eugen hättest du selbst bestimmen müssen, denn ich weiss ja, so sicher wie ich von Anfang an deine Freude wusste, dass er sich ärgern wird und dass er mir das was seinen Ärger beschwichtigen müsste, nur halb glauben wird, es auch nur halb glauben kann, nachdem er sich so stark andersherum engagiert hat; so weiss ich selber gar nicht, ob ich ihn jetzt im Augenblick gern sehen möchte. Aber nun ist alles wieder anders. Denn heut Nachmittag ist mir, als ob ich trotzt Schwiegerelternfolterbank nach Berlin zu ihr fahren müsste. Ich habe noch so wenig Kraft für die Entfernung. Zwar wird mich auch in ihrer Nähe der Familienrummel verstören und schon hier vertrage ich ihn nicht (seit heut ist er im Gang). Und besser wärs, ich spräche E.Strauss und Nobel vorher über mich. Aber vielleicht lass ich alles und fahre zu ihr. Geschrieben hat sie mir noch kein Wort. Und ich hätte es jetzt so nötig. Dass von dir auch nichts kam, wird ja wohl an dem verwirrenden Einfluss von Eugen liegen. Glaub mir doch, es ist gut, auch wenn es schwer wird. Es wird ja schwer. Aber hatten wirs denn je leicht? Liebes Gritli, denk freundlich an mich. Ich brauche deine Gedanken, brauche sie jetzt für mich und für dies gute Menschenkind, das den Mut zu mir hatte. Sei uns gut.

                                                Dein Franz.

           15.I.20.

Mein lieber Eugen, ich brauchte heute Rudis Bestätigung nicht, dass du dich "nicht freuen kannst"; ich schrieb ja gestern schon Gritli, dass ich es von Anfang an wusste. Für dich hat sich ja bei mir wiederholt, was dir 1913 an mir geschehen war. Damals bekehrtest du mich zum Christentum, ich gab mich überwunden und - ging in die Synagoge. Das war in unserm ersten Jahr. Heut, in unserm siebten - du erinnerst dich der Nacht, wo ich dich daran erinnerte, du hattest seinen Anfang selber bezeichnet mit deinem Gebet, es war wohl wirklich die gleiche Nacht wie damals in Leipzig 1913 - heut also wolltest du mich zum Heidentum bekehren, ich gab mich überwunden und ----- gründe mein jüdisches Haus. Das ist also offenbar dein Schicksal mit mir. Aber du kannst mir glauben: meine Unterwerfung ist diesmal genau so vollständig wie 1913, und kann mir genau so wenig verlorengehn; und wie ich meine jüdische Einkehr nicht von jenem Tag in Berlin Oktober 13 sondern von unsrer Leipziger Nacht her datiere, so meine Ehe nicht vom Tag der Verlobung, sondern wieder vom Tag meiner Unterwerfung unter dich, also etwa vom 25.XII (oder selbst von "seit Lotti", wenn du das lieber hören willst). Wenn du dies jetzt zweimal Geschehene (und also, nach Hegel, Wahre) ernstnimmst, dann hast du vielleicht zum ersten Mal wirklich verstanden, was Judesein heisst, besser als ich es selber dir im Augenblick begrifflich ausdrücken könnte. Den Juden macht eben alles noch jüdischer. Aber wie dir die Synagoge seit dem Augenblick sichtbar und glaubhaft wurde, seit du mich aus dem Schatten der Kirche in ihr Tor verschwinden sahst, so - nun so hoffe ich auch jetzt auf deinen Glauben (seit sich uns dies Wort theologisch so schön entlastet, dürfen wirs doch wieder unter uns Menschenkindern brauchen). Und wenn es dir schwerfällt - nun so hör von der, an der du selber ja jetzt den Gang meines Lebens ablesen willst, von meiner Mutter. Sie war gestern nachmittag ganz unglücklich über mich, so unglücklich wie in den ersten Tagen als sie an Gritli schrieb. Sie erkannte ganz richtig, wie wenig die (in ihren Augen) Besserung meines Benehmens während der spätren Tage von Ediths Hiersein in Wahrheit zu bedeuten habe. Sie jammerte um "das Mädchen" und um mich. Ja noch mehr um "das Mädchen". Sie sah mich ohne Leichtigkeit, ohne sichtbare Freude, gedrückt, kalt; dass ich unter der Entfernung litte, gab ich ihr selber zu. Das dürfe doch nicht sein, das sei doch ein entscheidendes Zeichen, wie Unmögliches ich mir und Edith zumutete. Sie sprach schliesslich von nichts anderm als von Zurückgehenlassen. Ich wurde nicht etwa grob, blieb recht ruhig und freundlich. Abends kam Hennar Hallo. (Vorher waren eine Anzahl Besuche dagewesen, und durch mein Benehmen dabei war Mutters Ausbruch gekommen). Da benahm ich mich nun ganz einfach wie mir wirklich ums Herz war. Nicht etwa dass ich grosse Konfidenzen gemacht hätte. Aber ich log auch gar nicht. So dass Hennar merken konnte, wie es ist. Und es war uns beiden, Mutter und mir, leichter. Aber als ich schon im Bett lag, geschah etwas ganz Unerwartetes. Mutter kam zu mir und, obwohl ich ihr doch gar nicht böse gewesen war und ihr das auch gezeigt hatte und obwohl doch am Tatbestand sich nichts geändert hatte und die Glücksaussichten gleich ängstlich standen wie vorher und sie durchaus spüren musste, dass der "erste Tag", und nicht die späteren, der Erste Tag unsrer Ehe sein würde, trotz alle dem: nahm sie alles zurück und sagte, du musst sie doch heiraten.

            Sieh, da war das eingetreten, wovon du sprachst. Sie hatte wirklich etwas geglaubt, was sie aus eigenen Kräften zu glauben unkräftig gewesen war. Unbeeinflusst und über ihren eigenen, sehr berechtigten, Verstand weg. Der wird noch oft genug wieder lamentieren. Er tuts wahrhaftig auch bei mir. Aber den Augenblick gestern Abend vergesse ich ihr trotzdem nicht, und auch sie kann ihn nicht vergessen. Obwohl ich in dem Moment fast wie über eine Selbstverständlichkeit darüber hinwegging und nur sagte: gewiss, ich zweifelte ja auch keinen Augenblick daran.

    Es war eben plötzlich etwas über sie gekommen von dem was mir passiert war.

            Und dir als Gritlis Liebstem fiele es noch immer schwer? du weisst doch, dass die Hand, über die ich so gejammert hatte, am 6ten Vormittags in der Aue plötzlich lebendig wurde. Du hattest sie mir lassen wollen, wenn ich Mutter deinen damaligen Brief vorlas. Ich hatte es ja getan, aber wissend dass es nicht das bedeutete was du dachtest, denn sie durfte mir da noch nicht glauben. Gestern Nacht tat sies, denn da durfte sie es, und es war genau so schwer (trotz des "Dürfens") und so wunderhaft unerwartet (trotz des "Dürfens"), wie da, wo du es verlangtest. Liebe mich und hilf mir.

                                                                                    Dein Franz.

           15.I.20.

Geliebtes Gritli,  eben erst kam dein Brief vom Montag noch vor dem Wiedersehn mit Eugen; aber ich habe heut Nachmittag schon selber an ihn geschrieben, das starre Gefühl es ihm nicht selber sagen zu können war gewichen, nun wird er hören. Was in dem Brief steht, - du weisst es ja alles, hast es gewusst und konntest dich doch freuen, und so wird er es auch können. Es geht ja nie so wie wir es meinen, und geht schliesslich doch so, "nur mit ein bischen andern Worten". Du Liebe, so wird es ja auch dir mit Edith gehn. Sie selber wollte dir schon schreiben. Mit dem Sehen das muss aber schlau angefangen werden. Denn die Eltern werden streiken. Ich denke es wird sich mit Frankfurt kombinieren lassen, im Februar, indem ich erkläre, ich müsste sie dort mit haben, wegen Wohnung, oder auch damit Nobel sie kennen lernt und sich daraufhin energischer für mich einsetzt, oder so. Dann lässt sich leicht ein Seitensprung nach Stuttgart einlegen, oder sonst ein Treffen. Eventuell wäre es auch mit Leipzig zu kombinieren. Denn nach Leipzig, "um Ehrenbergs zu besuchen", das wird den Eltern auch einleuchten (Tochter Iherings! man ist doch nicht umsonst Jurist), und Edith Fromm = Frank und sich von der photografieren lassen - es giebt noch kein nettes Bild von ihr - eventuell gäbe es eine Tournee Leipzig - Frankfurt - Kassel - Berlin, und da wäre die Stuttgarter Einlage leicht. Ich wollte es ja auch sehr, sie käme zu euch, vielleicht selbst ohne mich, ich würde etwa schon vor nach Frankfurt fahren. Aber das ist alles noch weithin. Am 21. erst fängt ihre Schule wieder an. Hätte ich das gewusst, so hätte ich sie schon jetzt nach Frankfurt genommen und dann - schade!

            Wie es ihr mit dir gehen wird? Sie ist bereiter als Helene. Sie ist ja neuer. Und sie muss es fühlen, das du jetzt mit ihr bist, dass du es in den entscheidenden Augenblicken warst, ja dass ohne dich - sie muss es wohl fühlen. Denn es ist ja einfach so. Deine Art Frauen, die du liebst, ist sie ja so wenig wie Helene. Aber eben sie ist ohne etwas, was sich dir verschliessen möchte. Es wird wohl gehen. Wenn ich ihr von dir sprach, wenn sie mit mir deine Briefe las, so hat sie wohl stets - mehr geliebt, freilich nicht dich (glaube ich) sondern mich. Aber so begrenzt ist ja der Umkreis der Liebe nicht. Sieh, wenn Helene es schwer wurde dich zu lieben, so wars weil sie (glaube ich) auch Rudi nicht recht lieben konnte in den Augenblicken wo sie ihn mit dir sah. Und das ist hier so ganz anders. Das habe ich gefühlt. Das ist das einzige was ich schon weiss. Aber das ganz sicher. Wir haben ja so offen miteinander gelebt, tun es auch jetzt, in dieser Trennung, die mir schwer war, heute wo ich Briefe habe nicht mehr schwer ist. Es war ihr nichts verborgen was in mir war, doch vielleicht einmal, als sie Jonasens schöne Zeichnung von mir, du weisst welche, nicht mochte und die andern eher, da habe ich etwas verschluckt. Sieh, Rudis erste Frage an Mutter war: "hat er ihr von ihr erzählt?"

!!!!!! und dann: "hat er ihr Briefe gezeigt?" Das ist eben der Unterschied. Es ist nicht mein Verdienst, wahrhaftig nicht, es lag wohl einfach an der ganzen Lage, eben daran dass hier dein Schutzengel schon in der ersten Szene dabei war, und allein dein Schutzengel.

            Ich möchte dir gern von ihr erzählen. Aber ich habe doch das Gefühl du weisst viel von ihr. Wie schön sie wurde, von Tag zu Tag schöner, wie die überirdisch schönen Augen schliesslich das ganze Gesicht nach sich bildeten, - und sie trägt wieder statt einer Frisur den schlichten Scheitel den sie als Kind trug, einen Madonnenscheitel hinten mit einem kleinen à la Grequechen. Für Eugen zum Angewöhnen noch eine kleine Geschichte. Ich zeigte ihr, um ihren jüdischen Instinkt für mich auszunutzen, die Lagerlöfstelle des Hegelbuchs, ob man mir den zitierten "Christus" jüdischerseits aufmutzen können würde (denn am Hegelbuch will ich nicht zum Märtyrer werden, sagte ich ihr dazu). Sie fand nichts dabei (ich ändre es übrigens doch), aber sie monierte die "grosse nordische Dichterin": warum schreibst du nicht "die Lagerlöf". Im Stern kannst du so schreiben, aber in das Hegelbuch passt das doch nicht. Also Eugen hat eine Bundesgenossin an ihr in diesem Punkt. Es versteht sich, dass sie ausser dieser Stelle kein Wort aus dem Hegelbuch kannte. Nur aus dem * habe ich ihr die Schlussseiten vom Tor vorgelesen und den Schluss von II 3, über den Psalm Non nobis; und ein paar Sätzchen über Laotse aus I. Dazu natürlich aus dem Vortrag sogut wie ganz III 1.

            Aber das ist ja alles so unnötig für dich zu wissen. Liebe, Liebe, du hast ihr ja dein Herz aufgetan. Und wenn sie heut noch stumm ist für dich, so lass es mich mit für sie sprechen und hör es auch von ihr mit; denn wie kann ich nun noch Ich sagen, ohne dass sich die Gewissheit meines Wir darum bärge, meines neuen und - trotz allem - glücklichen, erlösenden Wir  --------                                         Ich bin dein.

           16.I.20.

Mein liebes Gritli,  ich kam grad von Trudchen, ich hatte, weil ich sie ja nun zum ersten Mal sprach, erbarmungslos gegen mich selbst die Wahrheit in kleinen Mosaiksteinen vor ihr ausgebreitet; es war schwer für sie, schwer für mich, und doch ging es und die Liebe schloss zuletzt den widerspenstigen Wirrwarr der Steine dennoch zum Bild, zum Bild des geliebten Antlitzes. Und wie ich nachhause kam, lag ein ganz lebendiges Zettelchen von ihr da, ein leeres Blatt losgerissen aus ihrem Tagebuch von 13/14, das sie mit Erstaunen wieder entdeckt hatte und dieser kürzeste Brief war näher und reiner als die beiden langen vorher; aber nein, das wollte ich dir nicht sagen: sondern, es lag dein Brief an Mutter da, und ich erschrak fast wie du aus dem wirren Licht meiner Briefe nur den Sonnenschein aufgenommen zu haben schienst. Und doch, Geliebte, du hast ja recht, es wird wahr, wenn es dir so scheint, - es ist Sonnenschein. Dir glaube ichs.

            Und ich brauche auch nicht zu erschrecken, dass meine Liebe zu dir - sieh ich dachte, sie könne nicht mehr wachsen, ich schrieb es dir einmal, sie könne nur noch in Schmerzen reifen und sich reinigen, - aber nein, in diesen Tagen dieses Januar ist sie gewachsen, ich habe eine grosse - aber gar keine schmerzliche - Sehnsucht nach dir, dich in die Arme zu nehmen und dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe. Nein ich will und kann nicht darüber erschrecken, es ist ja alles verflochten; verflochten, nicht vermischt, es ist ein Leben aus vielerlei Fäden der Liebe, ja nur ein Leben.

            Montag fahre ich nach Frankfurt, wir werden uns wohl kaum noch vor Berlin sehen können, immerhin halt dir Mittwoch bitte frei. Denn ich fahre nun nicht über Kassel nach Berlin, sondern direkt und da kann ich eventuell nach Stuttgart oder, wenn Weismantel es lohnt, Würzburg. Am Freitagfrüh spätestens müsste ich natürlich in Berlin sein, da hat Edith Geburtstag. Und lieber schon am Donnerstag.

            Die Straussdenkschrift wird glaube ich doll.

            Liebe, du Geliebte - ich bin und bleibe

                                                Dein

                                                                                                                                   17.I.20.

O du liebes Gritli,  ich bin so weg von deinem lieben Einfall mit dem alten Brief. Ich las ihn wirklich gleich zuerst; die Schrift, obwohl ich sie ja kenne, erkannte ich zuerst auch nicht, und ich war ganz erstaunt, wie anders du damals warst, gewiss auch lieb, aber wie wenig warst du doch. Ich hatte es ja früher immer gesagt, dass Eugen dich geschaffen habe, und seit ich wusste dass es nicht so war, hatte ich es doch vergessen; aber es war doch so, neugeschaffen jedenfalls hat er dich. In diese Schrift hätte ich mich nie verliebt, während mir doch heute schon heiss wird, wenn ich nur eine Adresse von deiner Hand sehe, sie braucht gar nicht an mich zu sein. Und ein bischen gestolpert wäre ich sogar über das was drin stand. Kurz es war eine gute Lektion, und ich danke dir, du meine liebe Lehrerin.

            Aber nötig war sie gar nicht so. Denn denk, Edith schreibt oft wunderschön; ganz einfach, wie sie ist, und gar nicht abgekühlt kommen die Worte. Es strahlt vielleicht nichts von den Briefen aus wenn man sie gelesen hat und sie wieder ins Couvert legt (deine leg ich glaube ich deshalb immer ins Couvert, weil es sonst ist, als könnten sie sich wie Radium verstrahlen und ich hätte schliesslich nur noch die leeren braunen Blätter; so ist es nicht bei ihr, aber solange ich den Brief lese bin ich im Briefbann und spüre sie hinter dem Papier.

            Ja diese Woche ist mir lieb, um des Briefschreibens willen. Ich habe Sehnsucht nach ihr, aber immerhin auch soviel Angst vor dem Berliner Rummel, dass ich ganz gern hier war. Anfangs war es mir ja angst, wir würden durch die Entfernung uns ferner, jetzt spüre ichs schon, wir sind und doch näher gekommen. Heute Morgen fand ich einmal Worte dafür, als ich ihr schrieb.

            Eugen hat mir ja geschrieben, ich mag ihm nicht schreiben, denn auf meinen langen Brief hin schreibt er mir ja ganz von selbst nochmal.

            Du siehst uns schon als verheiratet; genau so gehts mir. Schon am zweiten Tag wars mir komisch, dass ich sie Abends zu fremden Leuten bringen musste. Wir heiraten, denke ich Ende März, hoffentlich mit möglichst wenig Civilbrimborium.

            Die Schwester scheint mir auch Rudis Grösstes (die Schutz Engel sind ja hors de concours) und überhaupt etwas Grösstes. Die Verbesserung des Schlusses wird noch einmal verbessert, damit das Allzulaute und = demonstrative herausfällt (in der Sache bleibts wies ist). - Was du von dir und Rudi schreibst, ist aber eigentlich furchtbar. Denn freilich er ist so, dass er sich in seinen Dichtungen fortlebt, das habe ich dir ja von jeher erzählt. Aber das ist doch seine Unlebendigkeit, eben sein Dichtertum. Und es wäre deine Bankerotterklärung, wenn du nicht ihn zum Menschen machtest, und seis auf Kosten seiner Poesie. Es ist das Unvergleichliche an den Schutzengeln gewesen, dass sie nicht so richtig Werk geworden waren; er hat das freilich auch nicht vertragen können; hat sie auf jeden Fall zum Werk machen wollen, hätte sie gerne weitergezeigt; aber ihre Unzeigbarkeit ist grade für ihn sehr nötig; nur da war er mehr Mensch als Dichter.

            Das "Helenianum" (Weihnacht) fandet ihr wohl auch schlecht? Die Narren sind ein Spass, aber ein sehr geistreicher, besonders der 2te. - HOH dachte ich mir sofort in der Werkzeitung.

            Helene ist wohl wirklich augenblicklich furchtbar starr. Deshalb liegt mir auch so wenig daran, dass ihr Edith so gefallen hat.

            Würzburg scheint also schon pleite, ehe es angefangen hat. Wenn Eugen Max Hamburger nicht herkriegt, ists ein Malheur. Ich bin einem Kaufmann auch nicht gewachsen. Denn ich weiss ja auch nicht, an welcher Stelle der Unterhaltung ich sagen müsste: bitte, wieviel? Der Grundfehler ist jetzt: das Getrenntverhandeln. Nötig wäre: Eugen, Hans, ich zusammen ohne Weismantel: gemeinsames Programm mit Mindest = und Höchstgrenzen. Darauf Besprechung mit Wsmtel. Hans hat doch scheinbar ganz naiv alles was Eugen schon erreicht hatte, gleich wieder preisgegeben. Und hat sich von Wsmtel das dümmste Zeug aufschwätzen lassen: z.B.: ich hätte die Kassler Druckpreise niedriger gefunden. Während ich in Wirklichkeit zweimal nach Würzburg Warnungen vor Gotthelfts Preisberechnungen geschickt habe, denen aber keine Folge gegeben wurde! - Eugen soll zunächst mal einfach kein Geld hinschicken. Papier ist nur dann eine Sicherheit, wenn die Reihenfolge der Befriedigung der Ansprüche feststeht. An sich halte ich es überhaupt wie schon Anfangs für Unsinn, dass Eugen, der kein Kapital hat, sondern einen Reservefonds, einen Sparpfennig, diesen plötzlich in Kapital, das ihm Zinsen bingen soll, verwandelt.

            Ich denke jetzt manchmal, ich lasse einfach auf eigne Rechnung drucken, wie ichs anfangs vorhatte. Denn wer weiss, was noch alles kommt. Allerdings macht mich das auch noch nicht vom Verlag los. Ich möchte am liebsten ganz raus; mit dem nötigen Zuschuss nimmt mir ein andrer jüd. Verlag den * auch ab.

            Früher hast du mir abgestritten, wenn ich meinte es bedeute nicht viel für uns, dass der * geschrieben sei, und du meintest das Schicksal unrer Liebe wäre an seine Veröffentlichung gebunden. Ist er nicht doch etwas wie ein Kind? Und Kinder sind nicht bloss Früchte der Liebe, sondern ich glaube, die Liebe nährt sich auch vom Duft ihrer eignen Früchte. Aber ich weiss wirklich nicht - habe ja grade II 2 seit wir es vor 13 Monaten zusammen lasen, nie mehr wieder gelesen, ich hatte eine Scheu davor. Und jetzt gar - denn sei einmal ganz still: ich glaube fast - aber nein, ich kanns nicht sagen. Nur - nein es geht nicht.

                                                Ich habe dich lieb.

            Sag Eugen: ob er schon gemerkt hat, dass Maria Eugenia nun doch nach allen ihren Paten heisst. Wie Eugen an deiner Statt vorgetreten ist, so Edith an meiner: Maria = Mirjam. Ein rechtes X. Gemeint waren du und ich. Genannt wurden er und sie.

            Das kann doch kein Zufall sein.

            Es ist auch keiner, dass unabhängig von einander in Berlin wie in Kassel die Zufügung des zweiten doch durchaus bürgerlich = standesamtlichen Namens am Widerspruch der älteren Generation scheiterte!

            Und es ist auch kein Zufall, dass ich euch liebe, und dich lieber Eugen gar nicht mit aufsteigendem Strom, sondern durchaus im natürlichen Herniedersturz meiner Gewässer

                                                Geliebte beide  -----Euer Franz.

           18.I.20.

Liebe - Margarete,  denn du musst nun schon erlauben, dass ich dich auch in dieser Gestalt liebe, du bist selber schuld daran. Denn freilich - 1913 hätte ich wohl nichts mit Margarete "anfangen können", aber die Margarete, die du mir heute, 1920, geschenkt hast, liebes Gritli, die kann ich nun auch nicht mehr lassen. Sieh, wir haben nie einander danken mögen und haben den Dank immer auf den füreinander abgewälzt. Aber diesmal und dafür kann ich dir danken, wirklich dir, dir Gritli für Margarete. Denn zum ersten Mal hast du mir nicht dich geschenkt, sondern richtig etwas, ein Geschenk. Und doch ist auch dies Etwas wieder ein Du, dein Du.

            Ich mag es dir auch gar nicht wiederschicken, ich möcht es mir bewahren. Aber das geht wohl nicht.

            Das Gripplein, das schon diese ganze Woche leise rumort, meldet sich heut energischer. Hoffentlich hinderts mich nicht an der Frankfurter Reise. Und um die Denkschrift ist es mir ganz bange; sie wird wohl nicht fertig werden. Strauss hat grade heut Vormittag eine Besprechung in seinem Plan für mich. Das scheint komischerweise nun auch wieder auf "Wissenschaft" herauszukommen; Strauss hat noch nicht mein Berliner Qui mange du pape y meurt erfahren; auf dieser schiefen Ebene giebt es kein Halten; irgendwo geräts immer ins Täublersche.

            Ich habe gestern Nacht einen kleinen Brief an Helene geschrieben. Das Herz war mir so voll von "Margarete". Liebe, und ich fühle mein Eingewachsen so sehr in diesen Tagen, wie noch nie kommt mir vor. Weisst du, dass ich in Ediths Armen verdorren würde wie eine abgeschnittenen Blume, wenn je der Grund deines Herzens aufhören würde, seine Säfte in mich hinaufzutreiben. Alle ihre Liebe könnte mich da nicht retten. Geliebte, aber du bleibst mir ja und ich bleibe dir, es giebt keinen "Schnitt", ich habe das auch nie für möglich gehalten. Uns kann nichts scheiden.

                                    Du Meine  ---------Dein.

           18.I.21.

Mein liebes Herz,  ich kann gar nicht einschlafen vor Vergnügen, so mache ich das Licht wieder an und schreibe auch noch an dich. Nämlich das neue Zeit ists ist fertig geworden und ganz puppenlustig. Eugen wird seine Freude dran haben und wird ganz beruhigt sein, wenn er diese meine erste jüdische Kundgebung seit dem 6.I. liest. Denn sie ist ganz vom 25.XII., ganz "An Eduard Strauss", ganz "bolschewistisch". Ich bin ja so glücklich, Gritli, dass ich mir das "Bolschewistische" nun ohne Furcht leisten kann, ich habe ja nun mein Haus (Habe ich dir wohl mal erzählt dass in der Sprache des Talmud Haus direkt für Frau gebraucht wird?). Das Neue ist ganz fidel, voller Spässe, kleiner und grosser Bosheiten, ich stecke ganz drin. Nun wenn sie mich daraufhin nach Frankfurt holen, wissen sie wenigstens wen sie holen. Das Ganze ist nur eine lange Selbstofferte. Es ist nicht viel kürzer wie Zeit ists; morgen Abend lese ichs E.Strauss vor, und dann wird sich herausstellen was damit geschieht. Jedenfalls wird ihm die "Volkshochschule" dadurch erst mal wieder als das Wichtigste vorgesetzt, wichtiger (und billiger) als diese "Akademiepläne".

                                                            Bildung - und kein Ende.

                  Pred.12,12.

    Neue Gedanken

                                                zum jüdischen Bildungsproblem

            des Aubenblicks,

                                                insbesondere zur Volkshochschulfrage.

                                                            An   E d u a r d   S t r a u s s.

Heut Abend als ich fertig war habe ich plötzlich eingesehn, das mir ganz recht geschehn ist mit der Akademie. Ich hatte eben in Zeit ists eine Bonzenmiene aufgesetzt, um den Bonzen bonzig zu kommen. Das ist mir gelungen und infolgedessen ist mein Gedanke dann auch - vor die Bonzen gegangen. Ich darf mich gar nicht beklagen, ich habe selber die Schuld.

            Aber nun Licht aus! Gute Nacht, du Geliebte, verlass mich nie! 

                                                                        ----Dein Franz.

           19.I.20.

Liebes, mein heissgeliebtes Gritli  - ach du musst es ja fühlen, grade an den gewaltsamen und beinahe schrillen Tönen, in dem ich es dir jetzt manchmal sagen muss, - wie sehr ich dich liebe und wie ich weiss dass auch deine Liebe nicht abnehmen kann. Dabei ists gleichwohl in mir wie ein gelöster Krampf. Es ist sogar kein Schmerz mehr in meiner Sehnsucht, sie brennt nicht mehr (denk, brennen, ganz leise brennen tut sie nur nach Preussisch = Edithhausen - ich habe den Namen Berlin abgeschafft), aber sie leuchtet und ich sehe dich ganz hell umstrahlt und möchte zu dir in dein Licht. Geliebte - wie könnten wir fragen, ob wir uns sehnen dürfen. Ohne das Müssen, das mein Herz dir entgegenschlagen lässt - ohne dies Müssen, was wäre mir da Edith heute? ein kleiner Gewissensbiss, kaum das. Nun hat jenes gleiche, jenes selbe Müssen um mich und sie den goldnen Ring des Lebens geschmiedet, dein Herz schlug die Hammerschläge die den Reif formten - wie könnte ich da fragen, ob ich dich lieben darf. Aus deiner Liebe kommt mir die Kraft, Edith zu halten, ich fiele zusammen, wenn du dein Herz von mir wenden könntest. Aber du kannst es ja nicht  Geliebte. Eingewachsen - eingewachsen -

            Und du schreibst mir so lieb wie eine erwachsene Schwester, ein ganz neues Gritli, wie du mich beruhigst über die neuen Verwandten (wo ich an den Alten schon genug habe). Liebe, ich will dir schreiben, wie es geht. Für Ilse, die 17 jährige habe ich ja einen alten Faible. Und auch die Eltern sind mir nicht unzugänglich, obwohl der Vater die Schwäche hat, mich für dümmer zu halten als sich; er ist nämlich Jurist. Es wird schon gehn. Ich freu mich so auf Edith. Auch ein klein bischen Angst und Nichtkönnen ist wieder dabei, aber doch viel mehr Freude. Viel mehr. Wie schön wieder die ersten Schritte an ihrem Arm, "im gleichen Schritt und Tritt" - und - aber nein. Ich möchte immer wieder dir von ihren Augen erzählen, aber du musst sie sehn.

            Heut Abend also Strauss. Morgen Abend wohl Heidelberg, Dienstag früh Würzburg. Ich werde wohl mein Verhältnis zu Wsmtl. einfach lösen. Es taugt nichts. Und dann den * mit Geldopfer bei Kaufmann oder so unterbringen. Euer Geld werde ich also versuchen zu retten. - Und würdest du oder gar ihr beide am Mittwoch auch nach Würzburg kommen? es lohnt nur wenig. Ich müsste ja nachts um 11 nach Berlin weiter, damit ich schon Donnerstag nicht erst Freitag (am Geburtstag selbst) früh bei ihr bin. Da fällt mir ein: das Beste wäre: wir träfen uns Dienstag in Heidelberg, abends. Sprechen mit Hans, hätten dann aber die Nachtfahrt 2ter Klasse Personenzug nach Würzburg gemeinsam. Dann spräche ich mit Wsmtl., du schliefest währendem in der Sonne von der Nachtfahrt aus, und Nachmittag und abend wären wir in Würzburg zu zweien oder wenn Eugen etwa dann noch direkt herüberkommt zu dreien allein. Ich werde dir wohl von Frkft. ein langes Telegramm schicken. Ja so gehts. Ich habe eben die Züge nachgesehn, werde es in Frkft. noch fragen. Nun will ich bis Frkft. noch Vorrat schlafen. Eventuell fahren wir auch erst Tags von Heidelberg nach Würzb. - Mit Wsmtl. genügen mir 1-2 Stunden.

                        Mü = müde

                                    Dein Franz.

                                                                                                         [2.Hälfte Januar ? 1920]

Lieber Eugen, lass gut sein - was machst du dich unnötig schlecht. Als ob alle deine Theorien nur "um zu .." gewesen wären. Da kenn ich dich wirklich besser. Du hast sie alle wirklich geglaubt. Selbst die unsinnigste, diesen Herbst, dass ich nicht heiraten würde. Und dass ich eine Christin heiraten müsste. Oder eine Heidin. Oder gar nicht. Und dass meine Mutter dieses "Garnicht" wahrhaben und gutheissen müsste. Nein, so trennen zwischen deinen Worten und deinen Meinungen tust du nicht. Und wenn dus heute tust so ist es ein Rückzugsgefecht. Und wirklich ein ganz unnötiges. Von dem was ich dir zugegeben habe, nehme ich ja kein Wort zurück. Und über deinen Schreck bin ich ja nicht erschrocken. Ich habe sofort zu Mutter, die über dein Nichtschreiben bourgeoise-ment entsetzt war, gesagt: Eugens Fluch wäre mir noch mehr wert als Hansens mit familiensinniger Besinnungslosigkeit gezückter Segen. Wie du deine Theorien ab= oder umbautest, konnte ich nicht wissen, ist auch Nebensache. Die Hauptsache: dass du ja die Theorien ruhig stehen lassen kannst  und nur die angehängten "praktischen Beispiele", die Profezeiungen (Franz muss, Franz wird, Franz wird nie u.s.w.) nur die musst du in der Neuauflage weglassen. Aber die Lehrsätze, das q.e.d. - demonstratum est. Ich lasse mir die Freude, abermals, ein zweites Mal, nach jenem ersten nun im siebten Jahre, von dir überwunden zu sein, nicht nehmen, - von niemandem, auch von dir selber nicht. Wehr dich nicht dagegen. Es hat sich wirklich etwas wiederholt. Du hast mich nocheinmal geboren, wie schon damals 1913. Das ist meinetwegen Theorie, aber kein "Um zu", sondern einfach die Wahrheit. Und die auszusprechen, ist immer gut. Aber nun wollen wirs nicht weiter beschwätzen. Die eigentliche Antwort auf deinen Brief ist dir ja Edith schuldig. Hoffentlich werde ich mich genügend dünn dazu machen können, dass sie sie dir nicht schuldig bleibt. Sonst nimm mit diesem unvollkommenen Männergeschreib vorlieb. Es ist sehr unvollkommen. Einen Vorsprung habe ich doch immer vor dir. Ich muss dich nicht jedesmal erst wieder entdecken. Ich sehe dich eigentlich unverändert nun schon seit vielen Jahren. Meine Liebe zu dir ist lange schon aus den Überraschungen, dem Trotzen und nicht Wollen heraus. Mein Verstand trotzt jedesmal aufs Neue. Gegen deine Theorien steht immer gleich eine ganze Front Widerspruch in mir auf. (Ich fühls jetzt, schon ehe ich ihn gelesen habe, beim Brief an Picht wieder im voraus - ich meine die Ehrlos = heimatlos = These). Aber meine Liebe trotzt nicht mehr. Sie kennt dich. Da kannst du gar nichts gegen machen. Lass es dir also gefallen.

                                    Dein Franz.

[gross in dem Feld, das durchs Zusammenfalten des Blatts aussen entstand:] Lieber Eugen -

          [22.I.20]

Du Liebe, es wäre gar nicht nötig gewesen, dass wir uns schon trennten, der Zug ging erst um 3/4, die Maschine war noch nicht voll. Ich war noch im Wartesaal, aber ich fand dich nicht mehr. So ging ich wieder in den Zug, es sass ein reizender alter Mann neben mir, ein Angestellter (offenbar rechte Hand des Chefs) in einer kleinen Plauenschen Weberei, vielleicht bitte ich ihn um seine Adresse für Eugen, er sagte so merkwürdige grundsätzliche Sachen über das Neuaufkommen der Hausindustrie durch den Motor. Er kenne Häuser, wo neben dem Handwebstuhl des Vaters die Maschine des Sohns stünde, und das sei die Zukunft und die Erlösung aus der Fabrik. Er heisst Ferdinand Reiher, Plauen i/V. Lessingstr.116. Wenn Eugen ihm schreibt, wird er Eugen sicher einen schönen Aufsatz schicken. Er war auch in Amerika und hat überall die Augen sehr offen gehabt. Sein Interesse scheint ganz auf solche Dinge zu gehn, die in die Daimlerztg. gehören, gar nicht auf Politisches.

            Liebe, so glitt ich dann fast unvermerkt fort von dir und bins doch weniger als je. Vielleicht durch das gar nicht recht bis ins Bewusstsein gedrungene militärische Wecken heut früh; ich bin noch so bei dir. Es bleibt ja schmerzhaft dass eine Stück Schweigen, Schweigen der Gedanken, da von Edith in mir sein muss, aber es ist ja nur auf Zeit, auf kurze Zeit; es ist mir wirklich als hätte ich einen Vorschuss von ihrem Herzen genommen, und freilich auch, als müsste ichs ihr nun mit mehr Zartheit als ichs ihr bisher gezeigt habe, vergelten - die unbewusste Grossmut dieses Vorschusses. Oder ist das ein Sophisme? Könnte jeder Dieb so sprechen: er habe nur einen Vorschuss nehmen wollen? Kassen[?]fraudenten empfinden glaube ich meist so. Aber nein, es ist kein Betrug. Denn ich sage ja nicht: irgendwann, sondern ich weiss genau: bald, bald und für mein ganzes Leben gehöre ich ihr so, dass nach und nach nichts mehr in mir von ihrer Ahnung nicht erreicht wird. So muss es doch werden? Herrgott, was wäre die Ehe sonst. Du hast ja recht, Rudi und Helene das ist wirklich genau wie es nicht sein darf. Es war von Anfang an ein Schonen darin, das kein Schonen der Geduld war (so wie man schonen darf, nämlich wenn es einem selbst weh tut, zu schreien, aber man tuts doch), sondern ein Schonen, das Helene gern so erhalten hätte, wie sie war, als den heiligen katholischen Engel und das ihr die "geheimeren tieferen Schmerzen des Lebens" gern erspart hätte. Weisst du das? Rudi empfand es als Bräutigam, trotzdem ihm ja die lange Brautschaft natürlich sehr schwer fiel, doch mit Kummer, dass Helene einmal aufhören werde, "reine Jungfrau" zu sein! Er hätte das Leben gern festgebannt. Darin steckte eigentlich alles. Die Unmöglichkeit, das Lustspiel ihr vorzulesen oder zu geben war ja nur ein Symptom dafür.

            Ach du Liebe, aber du und ich - wie schön war es wieder - wie sprach das zweisaitige Instrument wieder an, wie gab es jeden Ton her. Ich habe solchen Mut jetzt wieder zu Edith, sie auch die Töne die noch stumm und heiser in ihr sind, singen zu machen, sie war ja ein Instrument ohne Saiten, edelster Bauart, aber ganz tonlos, ganz unbespannt; nun habe ich mich selbt darauf gespannt, mein ganzes Mich, es ist ein G = saite, nämlich ein E um das ein Silberfaden herumgewickelt ist, nun giebt sie statt der hohen Eigentöne einen tiefen vollen Ton, den stärksten von allen Saiten. Kennst du den Silberfaden, du Geliebte, weisst du wer er ist? Ach du weissts seit je und ich wills nie vergessen. So, Saite mit Silber umsponnen, hat mich der 6.I. aufgespannt, nun nehmen mich diese Tage und Wochen beim Wirbel und stimmen mich, bis ich auf dem rechten Ton stehe. Und dann mag der göttliche Maestro seinen Bogen ansetzen. Ich bin bereit.

            Einen Kuss auf deine Hände  ----- Dein Franz.

           22.I.20.

Liebe,  und dennoch - es ist mir so verworren zumute. Ich bin noch trunken von dir, von dem jäh aufgeschreckten Glück in deinen Armen, und nun = wär ich mit Edith allein, und nicht mit der Familie (die übrigens wirklich nur reizend zu mir ist und es mir gar nicht schwer macht), aber doch wär ich mit ihr allein, so wärs wohl anders, aber so schlägt alles nur so lau an mich heran, ich habe ihr noch gar nicht wieder recht in die Augen sehen können, wir waren uns nur so selbstverständlich nah wie zwei uralte Eheleute, aber zugleich getrennt durch ein völliges Einandernichtsehen. Ich erschrecke bei dem Gedanken, die masslose Offenheit meiner Briefe, der letzten besonders glaube ich, könnte an ihr einfach abgeprallt sein, indem sie sich eingehüllt hätte in einen Schleier von innerem Glück, innerem, ich meine auf dem Wege der Selbstversorgung hergestelltem. An den Kinderbildern, die ich mir eben - es sind schon alle zu Bett (morgen ziehe ich in eine Pension gegenüber, die Adresse weiss ich noch nicht) - also auf Kinderbildern sind so viele harte (weisst du "helenisch" harte) Züge. Aber dann ist eins, endlich eins, wohl 15 jährig da ist sie drauf, das muss ich kriegen und dann schick ichs dir, auch hart, aber ein geheimes Zucken von Licht aus der Härte. Und heute, es kann ja gar nicht anders sein, noch nicht anders sein, sie ist weich nur bei mir und in den Augenblicken wo sie fühlt wie ich sie halte, sonst ist sie noch die Kalte zu der sie von Kind auf bestimmt war. Gritli Gritli - behalt ich die Kraft?

                                                            Dein Franz.

           23.I.20.

Liebes Gritli,  der Geburtstag war heute. Ich war den ganzen Tag drüben. Und ich habe sie wieder gesehen. Des Morgens früh (übrigens ich wohne von heut ab gegenüber, also Brüderstr.7 bei Weisspfennig) des Morgens früh hab ich ihr erst ein schönes Gedicht gemacht für das Buch, das ich ihr schenkte, eine "Zennerenne", das ist ein "Weiber = Chumesch", d.h. eine Weiberthora, das altjüdische Frauenbuch, worin die alten Legenden zu den einzelnen Wochenabschnitten stehen. Legenden und Moralien, die herrlichsten Sachen, auf jüdischdeutsch, mit alten Bildern, Holzschnitten, mein Exemplar ein Sulzbacher Druck von 1790. "Zennerenne" heisst es nach den Worten "Geht und schaut" (Hohelied III, Schlussvers) ("ihr Töchter Zions u.s.w."). Darauf habe ich ihr ein Gedicht gemacht, das am Schluss in den Hohelied = Vers auf Deutsch mündete, diesen Schluss und den Vers im Original in Goldtinte, die 5 Strofen dazwischen in silberner, es sieht reizend aus. Aber weil ich das Buch erst Vormittags beim Buchhändler (und Verleger) Lamm, wo ich es bestellt hatte, abholen konnte, so konnte ichs ihr erst Abends schenken. Aber denk, Lamm, als er merkte, dass ich "der grosse Franz" bin, wurde ganz enthusiastisch und bat mich dringend, ihm etwas in Verlag zu geben, irgendwas! "Zeit ists" wäre noch zu hoch, etwas noch viel Einfacheres sollte es sein. "Von Ihnen möchte ich gern was haben!" Ich erzählte ihm vom Moriah und dass ich da gebunden wäre; nun schreibt er gleich dahin, wegen der Subskription auf den Stern. Vielleicht auch um mal auf den Busch zu klopfen, was denn mit diesem neuen Verlag los sei). Aber eigentlich - ich könnte es offenbar doch bequemer haben als mit Weismantel, und ohne 20000 M zu mobilisieren. Die Broschüre ihm einfach zu geben, war ich wirklich in Versuchung, tue es aber nicht.

            Es war im ganzen ein reizender Tag. Ilse, die mir beim Linieren des Blatts u.s.w. half, ist so lieb geworden, ein so ernsthafter und lustiger und begeisterter Backfisch von 17, und die Gertrud ist auch eine hübsche Person. Mein Schwager Jordan zwar ist ein Stiesel. Heut Abend war eine recht nette Freundin da, und Salomons (Bruder und Schwägerin meiner Schwiegermutter mit Eva, der Tochter von der ich via Kassel zu viel gehört hatte um nicht enttäuscht zu sein. Ediths kühles Urteil hat sich bestätigt. Überhaupt habe ich eigentlich noch all ihre Menschenbeurteilungen richtig gefunden. Der ganze Ton im Hause ist, - "jeder Zoll C 2" - doch famos, so die gewisse Selbstverständlichkeit mit der von den 3 Bräuten geredet wird, die Köchin ist die dritte! Es ist eben wirklich ein Haus, wie ichs ja damals auch schon immer empfand. Und Edith - gewiss ich stolpere immer noch oft über sie und doch - es ist etwas da was mich immer wieder nicht fallen lässt, und seh ich ihr in die Augen --  Liebe wann siehst du ihr hinein? ich wollte es so sehr bald; es steht eine Vertretung für sie in Aussicht, so hoffe ich vorläufig, wird es nach dem 4. möglich sein. (Am 4. spricht Strauss in Kassel, und wenn mein Frkfter Vortrag auf den 11., nicht auf den 18. angesetzt wird, so ists vielleicht zu machen, dass ich am 2.II. hier abfahre, etwa über Leipzig, am 4. in Kassel, dann sie nach Stuttgart, ich nach Frkft., und nach dem 11ten über Kassel zurück. Aber ich habe natürlich noch nichts von Strauss gehört.

            Das schöne Bild schicke ich dir mit, aber bitte schicks mir gleich wieder. Sie war noch jünger, 13 oder 14 jährig, es ist in der Art ähnlich wie dein Konfirmationsbild, das ich mir damals nach Säckingen so wünschte und das du mir zum Geburtstag schenktest. Kindhaft, aber schon da. Eigentlich vollkommen ähnlich. Jedenfalls wird sie dir danach keine Überraschung mehr sein. Und wenn du ihre Augen lang ansiehst, wirst du sie lieben können. Denk eigentlich wie sonderbar: es geht mir immer nur darum, dass du sie lieben können wirst, gar nicht ob sie dich. Es müsste ja eigentlich grade umgekehrt sein. Aber es ist so, nur so. Vielleicht weil ich weiss, dass wenn du sie mit echter Liebe lieben kannst, sie dir ebenso gehören wird wie mir. Nicht weil deine Liebe so unwiderstehlich ist. Aber weil ihr Herz bereit ist, geliebt zu werden. Denn es liebt. Und da versagt der mich peinigende Vergleich mit der armen lieben Helene. Denn der ihr Herz ist nicht bereit, sich lieben zu lassen. Denn es hat ja eben selber in diesem Jahr nicht neu zu lieben gelernt. Es ist eine grosse Gnade Gottes um das Neue. Wir nennen ihn in einem Gebet den "der Neues macht". Das ist vielleicht sein grösster Name.

            Willst du noch ein bischen Theologie hören vor dem Schlafengehn? Aus dem Weiberbuch? in dem kurzen Stück des morgigen Wochenabschnitts, das wir vorhin noch rasch zusammen lasen. Da heisst es zur "Herzensverhärtung" Pharos[sic] durch Gott: Wohin der Mensch will, dahin führt ihn Gott. Will er gut sein, so hilft ihm Gott, will er böse sein, so hilft ihm Gott auch.

            Das stand auf der 10.Zeile; etwa 20 lasen wir. Was sagst du zu dieser Frauenlitteratur? (das Buch wurde am Sabbat während des Gottesdienstes von den Frauen gelesen). Ist das nicht was andres als Thomas von Kempis? Freilich als ich Edith fragte, ob sie nun aber heut einen einzigen Rabbiner wüsste, der so von der Kanzel herab spräche, so ernsthaft und wahr, ohne liberale Flachheit oder orthodoxen Aberglauben, da musste sie verneinen. Aber es giebt ja Gott sein Dank - wirklich Gott sei Dank - noch andre Kanzeln als die Kanzel.

            Gute Nacht, liebes liebes Gritli, grüss Eugen ---

                                                                                    Dein Franz.

                                                                                                                 Kassel, d. 23. 1. 20

Liebe Frau Gritli,

Franz fragte mich, als wir uns heute vor einer Woche zum erstenmal nach seiner Verlobung sprachen, ob ich in letzter Zeit mit Ihnen Briefe gewechselt hätte, und wir stellten fest, daß Ihr Brief und meine Antwort im Mai die letzten gewesen waren. Damals schrieb ich Ihnen “Ich vertraue...”, und in dies Vertrauen war eine Bitte mit eingeschlossen; hätte ich inzwischen an Sie schreiben wollen, so hätte es heißen müssen: “Ich bitte Sie”. Aber nach Zweifeln und Tränen, die ich bekennen muß, (denn ich weinte und kämpfte um Ihr Bild in meiner Seele), blieb diese Bitte ungesagt doch wieder aus – Vertrauen. Heute nun breche ich gern das Schweigen zwischen uns, da der graue Himmel sich so entwölkt hat, und wir solch frohe Aussicht geniessen. Und mein Wort an Sie ist: Ich danks Ihnen. Ich danke Ihnen nicht heute zuerst. Ich tat es bewegten Herzens in dem Augenblick, da ich sah, wie Sie Franz erkannten und liebten. Das hatte ich ja noch nicht an andern erlebt. Und als ich weiter sah, wie Sie sein Leben, das ich aus einer frühen gemeinsamen Vergangenheit nur notdürftig durch wirre, verschlungene Tage in eine erhoffte Zukunft hinüberreißen half, mit einer leuchtenden Gegenwart erfüllten – hätte ich da anders gekonnt als Ihnen danken? Daß diese Gegenwart nicht angetan schien, eine Zukunft aus sich erstehen zu lassen, das machte mir – Sie wissen es – Sorge vom ersten Augenblick an. Und wenn ich immer wieder Vertrauen faßte, so war es eben, weil ich fühlte, daß all diese gegenwärtigen Augenblicke ewig waren, und daß schließlich – irgendwie – unter ihrer Ewigkeit doch auch die Zukunft Platz haben müßte. Und so ist es denn nun wirklich gekommen. Jedem Heute ist ein neues Heute gefolgt und nun – unbegreiflich plötzlich – dies Heute, das auf morgen weist und auf das ganze Leben, das noch kommt.

            Liebes Gritli, ich danke Ihnen, daß Sie Ihre Gegenwart freundlich über diesem Heute leuchten lassen – Sie haben ja damit meine unausgesprochenen bitten erfüllt und mein Vertrauen gerechtfertigt. Und ich wünsche und glaube, daß sie immer weiter so leuchten wird über Franzens Zukunft, seiner Größe und seinem Glück.

                                                                        Ihr Trudchen

           24.I.20.

Liebes Gritli,  wieder ein schöner Tag. Des Morgens nach der Synagoge ein Besuch bei einem wirklich feinen Rabbiner, dem lieberal + zionistischen hier, Warschauer, mit netter Frau und einem entzückenden 15 jährigen Töchterchen. Er sprudelte von Anekdoten aus seiner Studentenzeit; wir waren über eine Stunde da; am Schluss beim Verabschieden ritt ich komischerweise noch rasch eine Attacke gegen seine Theologie oder vielmehr Untheologie, ohne das gehts wohl nicht mehr. Er hatte auf "Lohn und Strafe" gescholten; das gehört ja zu den modernen Hochnäsigkeiten. Sie tuen alle, als wäre es so eine Kleinigkeit, an "Himmel" und "Hölle" zu glauben und als täten sies bloss nicht, weils unter ihrer Menschenwürde wäre. In Wahrheit gehört eben wirkliche Glaubenskraft dazu, dran zu glauben. Und auf einen Augenblick wo ich dran glaube, kommen 10, wo ich viel zu viel Angst habe dran zu glauben, und also lieber - nicht dran glaube. Und auf diese 10 Augenblicke stellt sich der "moderne Mensch" und kommt sich wer weiss als was vor.  Abends war Hermann Badt da; es war sehr nett. Ich besprach die Weisersche Idee mit ihm, da ich ja Weiser an ihn weitergeben werde. Nachmittags hatte ich "das" Gespräch" mit dem Schwiegervater. Anfangs verstand ich ziemlich alles, nachher tat ich nur so. Aber es sind nette Leute. - Am 7.II. hat die Schwiegermutter Geburtstag, so könnte Edith erst am 8. reisen. - Das Manuskript der Broschüre schicke ich morgen an Gotthelfts, damit sie es kalkulieren und lasse es ev. gleich drucken.

                                    Mü - müde  ---

                                                            Dein Franz.

                                                                                                                                   25.I.20.

Mein liebes liebes Gritli,  was für ein schöner Sonntag, mit euren Briefen! war denn eurer auch schön, mit Ediths Bild? Liebe, des Morgens waren wir zuerst bei Weiser, er tut etwas Bestechendes, und ich habe wohl den Eindruck, dass einmal etwas werden kann aus dem was er will; es ist ja das einzige was sich überhaupt tun lässt. Ich habe ihn zunächst an Badt gewiesen wegen der Adressen, die er braucht. Denk, er hat die ganzen deutschen Bischöfe bereist; in zwei Monaten geht er herüber. Das Gespräch war bei allem ohne letzte Fühlung. Edith war nicht recht dabei, ich spürte es die ganze Zeit über, ohne noch zu wissen was eigentlich los war. Ob es am Gespräch lag, oder umgekehrt das Gespräch an Edith weiss ich nicht, ich war aber etwas unglücklich; ich dachte: wärest du dabeigesessen -  Aber dann waren wir bei Bradt; und da war es ganz anders. Sie kannte ihn ja auch noch nicht; sprach natürlich auch dort nicht mit; aber ich fühlte ihr Mitgehn; und das Gespräch war wunderhübsch. Ich habe mich, da auch Bradt mich in Frankfurt wünscht, von ihm ruhig wieder für die Akademie einwickeln lassen, so ein bischen wenigstens. Wenn ich nämlich für Frankfurt die Organisation irgend einer Aufgabe (meinetwegen der Mendelssohnausgabe) übernehme, so werde ichs mit einigem Geschick einrichten können, Mitarbeiter in die Provinz zu setzen und damit meinen Ak.= Gedanken verwirklichen. Natürlich muss das mit List und Tücke durchgesetzt werden, denn an sich wird Täubler es nicht wollen; und Landau ist inzwischen ganz vertäubert. Edith war etwas erschrocken, dass ich mich möglicherweise nun doch selbst mit der Mendelssohnausgabe belud; aber es ist ja zunächst nur ein Fühler, nicht mehr. Bradt war kostbar in seinem hochstaplerischen Idealismus. Am Nachmittag nahm mich Edith zu einem kleinen Zusammensein bei einer Bekannten von ihr; es sollte eine Schrift von Buber gelesen und beschwätzt werden. Es waren zwei feine Leute da, ein Bruder von Kurt Hahn und vor allem ein Ollendorff aus Breslau, Freund von dem Pfarrer Siegmund Schultze (er kennt auch Caro und wusste durch ihn von mir). Das wurde nun durch mich zu einer dollen Stunde, richtig eine Illustration zu dem "Machen Sie das" Nobels. Erzählen lässt es sich eben deshalb schlecht. Im grossen ganzen wars eine Verlobungsanzeige. Das war schön. Abends waren die Schwiegereltern von Gertrud da, Figuren aus einem Herrn[?]feldtheaterstück. Mama Hahn schämte sich vor mir im voraus; ich fands aber eigentlich sehr lustig.

            Und also Mittags lag der Eilbrief da (natürlich 20 Pf. Stafporto!). Liebes Gritli, mir ist ja nun erst ganz verlobt zumute. Obwohl ich doch gar nicht "gezweifelt" hatte. Aber auch wenn man nicht gezweifelt hat, ist der Augenblick der Bestätigung ein grosser Augenblick. Du warst ja nun bei ihr. Und ich wurde zum ersten Mal wirklich von leidenschaftlicher Liebe zu ihr übermannt, in diesem Augenblick, wo ich wirklich dich mit ihr umarmte. Versteh, von leidenschaftlicher - und wirklich über = mannt, so dass ihr mein ganzes Wesen entgegenflog. Denn das war noch nie. Ich fühlte ja immer, dass das fehlte, dass ich - eben nicht aufflog, ich, ich selber, ganz, sondern es war immer nur etwas in mir was ihr zudrängte, nicht mein ganzer Mensch, die ungeschiedne Einheit von Leib und Geist und allem. Es war immer noch eine Zaghaftigkeit in mir. Es hatte mich kein Sturm gefasst; da fasste er mich, so dass mir alles in eins ging und ich nicht viel wusste, ob Stimme von oben oder Stimme von unten. Ich war einfach hingerissen zu ihr. Sie muss es gespürt haben. Es war wie ein Augenblick des Reifens. Nicht mehr so vorfrühlingshaft ängstlich. Sommer. Dank dir du Geliebte. Es war ja wie das Leben selbst. Ich spürte plötzlich, was es heisst: meine Frau. - Seit gestern tragen wir die Ringe.

            So habe ich selbst über deinen Brief an mich zuerst nur so hingelesen. Ich war zu überwältigt. Ich kann dir auch jetzt nichts andres sagen, als dass diese neue Kraft siegen muss über alles. "Ich kann nicht". Auch über Rudis gefährliches (weil zu sehr von ihm selbst ab = sehendes und alles dir und Helene zuschiebendes) Operieren mit den Begriffen "protest." und "kathol.". (Denn er vergisst darüber, dass Helene nur so "katholisch" ist wie er sie gemacht hat - und wie er sie immer wieder macht. Das angstvolle Auge, mit der er die "Wirkung" von Briefen an Helene auf sie beobachtet - du sprachst neulich selbst davon - das, und nicht ihr Beichtvater, macht sie immer wieder "katholisch"). Und er "geht in die Einsamkeit" nur, weil er im Grunde immer drin ist und nie recht herausgekommen ist. Es ist eben ein Unglück, Dichter zu sein. Noch nicht einmal du hast es ihm austreiben können. "Schade" wärs ja. Aber, wenn nicht das Heilmittel, so doch mindestens das Symptom der Heilung. Ja, wir müssen leben. Auf die Gefahr hin, dass dabei ein paar "Talente" verlorengehn. Es ist besser, sie sterben in uns, als wir selber. Du mein, du unser geliebtes Leben –

Dein.

           26.I.20.

Liebes Gritli,  es ist noch Tanzstunde nebenan, mein Bett in der "Pension" kann noch nicht aufgeschlagen werden. Dabei wollte ich morgen früh heraus, um Edith in ihre Schule zu bringen; sie hat ja noch keine Vertretung gefunden. Die Aussicht auf eine Wohnung in Frkft. die sich plötzlich aufgetan hatte - ich hätte auf alle Fälle zugegriffen - ist leider nichts. Überhaupt habe ich ja noch nichts gehört. Heut der Tag hat insofern nichts Neues gebracht. Er war überhaupt nur ein Ausklang des starken Akkords, den der gestrige angeschlagen hatte.

            Die Tage fliegen ja rasch herum. Aber das Leben ist ja lang. Edith bringt eine ganz schöne Mitgift von Menschen, selbsterworbenen, mit in die Ehe, mehr als ich dachte; schon was ich in diesen Tagen gesehen habe.

            Heut Abend waren wir bei der Grossmutter (Salomon), verbitterte Witwe, klug, unangenehm anzusehen. Edith steht ihr nicht näher. Überhaupt hat eigentlich der Kompass unsres Menschengeschmacks bisher immer gleich gezeigt, so dass ich schon anfange, mich einfach auf sie zu verlassen. Überhaupt - (wenn sie nicht so krächzte, wenn sie lustig ist, wäre sie eine ganz vollkommene Person, - es ist also gut, dass sie krächzt, denn was finge ich mit einer vollkommenen Person an; übrigens aber wir müssen nach Frankfurt, schon damit unsre Kinder Frankfurter statt Berliner Kehlen kriegen). Verzeih das dumme Zeug - ich habe sie lieb.

            Ach, und dich auch. Sehr -- Dein Franz.

           27.I.20.

Liebes Gritli,  ich sehne mich so nach einem Wort von dir, grade nachdem ich heute früh einen Brief von Rudi vom Sonnabend hatte, der einen genauen, sehr genauen, viel zu "genauen" Bericht über die gute Wendung bei Helene enthielt. Denn Rudis Brief war so, dass ich einen tiefen Widerwillen hatte, ihn Edith zu zeigen, um ihretwillen, um Rudis willen, um umser aller willen. Eben genau, objektiv zum Erbrechen, eben objektiv - weil er seine eigene Beteiligung bei allem überhaupt nicht gesehen hatte und alles nur als einen Vorgang an Helene (und dir) ansah. Das, was mich gleich entsetzt hatte, als er alles so fein säuberlich auf "die Protestantin" und "die Katholikin" abgezogen hatte. Ich schrieb ihm gleich - Edith war in der Schule - und schrieb ihm grade das, schrieb ihm dass Helene nur so (und nur darum) "katholisch" gewesen wäre weil er sie so gewollt hätte, ich habe es dir ja schon ähnlich gesagt und geschrieben. Ich schrieb ihm auch, dass ich seinen Brief nicht Edith zeigen möchte (er hatte ja wohl auch gar nicht daran gedacht!). Ich fühlte mich eben so fern von ihm, grade in diesem Augenblick, - dass ich wirklich nicht Anlass geben wollte, dass Edith mich auch nur einen Augenblicklang mit ihm (und damit sich mit Helene) verwechselt hätte. Dies Bulletinleben - ich bat ihn zuletzt gradezu, er möchte das Dichten verlernen und das Briefeschreiben an Helene auf Vorrat. Ich habe dann Edith, damit sie doch erfuhr was geschehen war, meine Antwort gegeben. Aber ich hoffte, es käme ein Wort von dir und damit ein reiner Ton auch von draussen; denn es genügt ja freilich nicht, wenn die zwei Stimmen selber rein ineinander gehn; aber ich habe doch recht gehabt, wenn ich diese ganzen Wochen mich sperrte gegen die Töne aus Rudis allzu bombastisch vor sich her getragener Harfe, in der wohl Saiten reissen, weil der Spieler zu gewaltig hineingegriffen hat, aber in seinem Herzen reissen keine Saiten. Nur seine Hand zerreisst welche. Und das ist wohl der Grund, weshalb ich jetzt nicht brüderlich mit ihm leben kann. Solange in mir selbst noch Kräfte waren, die bildeten und schufen, wars anders, aber sie sind nun ganz und gar aufgezehrt, ich bin nur noch selber da; so ist mir ein Herz, in dem nichts springt, ein Mensch, in dem vor lauter Kraft der Hände, vor lauter Gewalt der Tat und vor lauter Fortgang des Lebens die leise Stimme, die peccavi spricht, erstorben ist, - ein solcher Mensch ist mir jetzt un = fass = bar. Fern - er sieht nur, so sehe auch ich ihn nur. Seine Stimme klingt nicht in mir wieder, ich höre sie nur. Die "Schwester" etwa ist gross wie ein Stück Natur, aber ich suche ja auch "in Wald und Hain, in Busch und Wasser" nicht meine Brüder.

            Liebe Schwester - ich muss dich schon so nennen, obwohl Eugen mir das Wort symtomatifizieren und damit mumifizieren wollte, nein, ich habe dich immer so genannt, nicht bloss - nein am wenigsten in den Augenblicken der Scham, nein du weisst ja wo es "geschrieben steht", so muss ich es jetzt und immer sagen, selbst wo ich zu einer andern das "liebe Braut" sagen darf. Sie "meine Schwester" zu nennen, ist mir ja noch verwehrt, ist mir erlaubt nur in seltenen Augenblicken, nur in den Augenblicken unsres "Selbanderschreitens". So wie ich dir das andre Wort nicht laut sagen durfte und darf - und es doch ewig sagen möchte. Was ist da zu tun?  - - - Liebe Schwester, gar nichts. Ich habe dich lieb. Ich weiss nichts andres.

                                                Dein Franz.

           28.I.20.

Mein geliebtes Gritli,  heut vormittag gab mir Edith das Tagebuch, v