Januar 19211.1.21. Liebes Gritli, es geht zu wie in einem Shakespearetragödienschluss: als ich von der Nacht mit Louis - bis 5 waren wir wirklich beide auf, nachher schlief Louis und ich arbeitete etwas - als ich nachhause kam, war Mutter eben zu Alsbergs: Tante Lieses Mutter war in Meiningen plötzlich gestorben! Ich hatte am Vormittag, ehe ich nachhause ging, noch ein Gespräch mit Trudchen. Mit Louis war es auch eine gute Nacht. Heut Abend haben wir die Leiche auf den Bahnhof gebracht, ich hätte sprechen sollen, aber wie immer konnte ichs nicht. Sepp Katzenstein sprach dann ein paar Worte. Edith schreibt mir betrübt über die Leerheit meiner Briefe. Die Jahreswiederkehr macht mich eben stumm. Ich bin müde von zwei durchwachten Nächten und von dem Grauen vor dem Tod. Der Tod des andern kann einem doch nie vertraut werden; nur wenn man sich selber hineindenkt, geht es. (Im * muss irgendwo das grade Gegenteil davon stehn!). Dein Franz. 2.1.21. Liebes Gritli, heut Abend war der letzte Vortrag, ich wusste ja im voraus, dass es trotz ganz anderem Inhalt wieder eine Stunde werden würde wie die letzte in Frankfurt die du gehört hattest. Deshalb, um ganz unbeengt sprechen zu können, bat ich Onkel Viktor, der heut herkam, nicht zu kommen. Er sagte auch gleich ja. Aber er meinte es nicht ernst und so war er Abends da. Ich war so verzweifelt, weil ich wusste, dass ich dann nicht über die Lippen bringen konnte was ich zu sagen hatte, dass ich ihn bat fortzugehen; er tat es auch, dann hatte ich ein entsetzlich schlechtes Gewissen und merkte nachher im Sprechen doch, dass mein Gefühl mich nicht betrogen hatte: so wie ich sprach hätte ich an ihm vorbei nicht sprechen können. Erst nachher war mir wieder übel vor schlechtem Gewissen, dass ich ihm wehgetan hatte, ich ging mit Mutter noch zu Ehrenbergs, er hatte es nicht so schwer genommen. Aber die ganze Geschichte hat mich doch gelehrt, wie unmöglich auf die Dauer diese öffentlichen Selbstpreisgaben sind. Und dabei giebt es Pfarrer, die jedes Jahr 52 mal predigen, 40 oder 50 Jahre lang! Ich kann mir freilich nicht denken, dass nicht für einen oder den andern der Leute heut eine Epoche in seinem Leben angefangen hätte. ----- Rudi Hallo war vormittags kurz da (seiner Mutter geht es ja recht schlecht); er brachte mir als Antwort auf meinen Brief einen Brief den er an jemand anders geschrieben hatte, ein ganz herrliches Zeugnis für gar nicht mehr Jünger=, sondern ganz und nur Brüderschaft. Nicht meine Worte, aber lauter Worte die ich zu meinen hätte machen können. Ich war sehr froh. Er schreibt ihn mir ab. Dein Franz. Ich habe deine Erlaubnis benutzt und eben Mutter von dir erzählt, damit sie doch nach diesen Tagen wieder was zum Freuen hat. 3.1.21. Liebes Gritli, also wieder in Frankfurt in der Wohnung. Mein Zimmer sieht mit Teppich u.s.w. schon ganz richtig aus. Ich habe unterwegs noch viel an dem zweiten Gurlittheft gearbeitet. Ich schrieb dir, dass ich Mutter gestern Abend noch von dir erzählte. Ich fand, dass sie einfach etwas brauchte, was noch als Zukunft vor ihr steht. Ich glaube ja, dass sie nach ihrer überwundenen seelischen Krise nun in einer Gesundheitskrise steht, in der es sich entscheiden wird, ob sie in den nächsten 2 Jahren sterben wird oder 80 Jahre alt werden. Wenn man sie jetzt in eine wirklich gründliche Kur hineintreiben könnte, so wäre das zweite sicher. Dass sie jetzt krank, gefährlich krank ist, das nicht zu sehen, muss man schon Arzt sein. Onkel Adolf ist ein vollkommener Trottel geworden, der nur noch so viel Verstand hat, seine Kinder taufen zu lassen. Seine Schwestern lässt er untätig krepieren. Tante Rosette hat sich einfach zu Tode gewüstet. Auf all ihre Klagen habe die Ärzte erklärt, sie wäre ganz gesund. Es ist ein Malheur, früher hatte der Mensch einen Arzt, der ihn alle 4 Wochen mal ansah, da war eine Verbindung da zwischen Arzt und Patient. Heute sitzen für jeden zwanzig Spezialisten da, jeder in einer anderen Folterkammer. Und dazwischen steht auf der Strasse der Mensch und krepiert. Dein Franz. 4.I.21. Liebes Gritli, die Einrichtung geht weiter, ich ordne die Bücher, es wird wunderschön. Vom Donnerstag ab werden wir hier essen, morgen kommt das Mädchen. Heut Abend war ich in der Loge zu meinem Propagandavortrag. Es war persönlich ein grosser Erfolg, sachlich gar keiner. Ich hatte es genannt: das jüdische Bildungsproblem und machte es in Form einer - Autobiographie, von Kind an bis zum Programm dieses Trimesters! Am Schluss mit einer Warnung vor Nr. 14 des Programms! Leider gehts mit den Einreichungen wieder so schlecht wie voriges Mal, und ich bin nicht sicher, dass es sich nachher doch ebensogut machen wird wie da. Dein Franz. 5.1.21. Liebes Gritli, heut vor einem Jahr war Hans Hess bei mir und ich brachte den Brief an Edith zur Post. Edith selber schwelgt nicht in Erinnerungen und das ist gut; für morgen habe ich ein schönes Stück zur Hauseinrichtung. Dabei fällt mir ein: was du hierher schicken wolltest, ist nicht gekommen; hast du es denn abgeschickt? Und sind die Goethebriefe noch rechtzeitig gekommen? Wir waren bei Hedi eben. Sie kriegt wieder ein Kind. Wir haben unser Silber geholt; morgen oder übermorgen wirds ernst. Im Lehrhaus wieder erst 90 Anmeldungen (= 1350 M). Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf. Eugens Brief kam von Kassel nach. Aber (du hast ihn ja gelesen) - ich bin nicht zu bekehren. Für mich hat ja die "Tochter" nie etwas bedeutet. Ich habe dies "Pfand" nie angenommen, habe es nie auf mich bezogen, es war mir immer eine private Auseinandersetzung zwischen Eugen und Rudi oder vielmehr von Eugen zu Rudi. Bei der es gar nicht um dich ging, sondern um ein Gespenst. Ich erkannte dich einfach nicht wieder. Apotheosen sind nichts für mich. Und deshalb bin ich so froh, dass der liebe Gott jetzt mit seinem unnachahmlichen Humor dir das metaphysische Theaterpostament deiner Göttlichkeit, auf das dich Eugen partout stellen wollte, unter den Füssen weggezogen hat und dich auf eine eben auch für Eugen schliesslich nicht widerlegbare Weise wieder ins Menschliche, ins Nurmenschliche, und deswegen aber auch Ganzmenschliche zurückgeführt hat. Auf seine sehr göttliche Weise: indem er dir etwas Menschliches, Nurmenschliches, aber Ganzmenschliches passieren liess. Und weil mir alles an dir immer nur menschlich sehr menschlich geschienen ist und ich dich nur in dieser Nurmenschlichkeit geliebt habe, in deiner Gnadebedürftigkeit, nicht in irgend einer erdogmatisierten Zurrechtendesvaterssitzendheit (oder meinetwegen auch zur Linken), so freue ich mich nun, dass die Gnade gekommen ist und weiss, dass sich da nichts "umzustellen" brauchte in dir, denn -- Psalm 103, 3 und 4. Dein Franz. 6.1.21. Lieber Eugen, so wenig ich deinen Brief, den ich gestern bekam, annehmen könnte, so ganz nehme ich jedes Wort des Briefs von heute auf und an. Ich hatte ja selber das Wort, das dich aufgetrieben hat, schon mit dem Bewusstsein, dass etwas daran nicht stimmte, dass es eben, so drückte es sich mir aus - ein Selbstmord wäre der keine Sünde wäre. Aber anfühlen tut sichs freilich gleich, und so gebrauchte ich doch das Wort. Auch die wunde Stelle meines Verhältnisses zu Edith bezeichnest du absolut richtig. Ob es "Stolz" ist, weiss ich nicht, glaube es kaum. Es ist wohl nur die Angst, ins Leere zu reden. Spüren tut sies wohl, aber ihr es sagen - ich fürchte mich vor dem Sagen, und zwar nicht vor den Folgen, sondern grade vor der ---- Folgenlosigkeit! Zu Trudchen hatte ich am Morgen des 1.Januar ähnlich gesprochen, heut bekam ich von ihr einen Brief (zu Morgensterns Stufen, die sie uns zum 6.I. schickte), worin sie mir ähnlich schrieb wie du. Ich bin etwas in Versuchung euch den Brief mitzuschicken, aber es ist ja unnötig. Von Gritli kam heute das Geschenk. Liebes, ich danke dir sehr. Aber Programme des Lehrhauses wird es wohl nicht mehr so viele geben, ich werde wohl den Kreis der Dokumente erweitern müssen über den von dir gezogenen Durchmesser hinaus. Es ist übrigens wunderschön und Edith hatte dich sogar im Verdacht, du hättest es selbst gebuchbindert, was ich aber gleich zerstreute. Die Zahlen sind 150 (=2250 M). Ich habe schändlichen Ärger. Wenns so weitergeht, werde ich einestags wieder "stiller Gelehrter"; es passt jetzt ohnehin besser zu mir, zu dem "stillen Mann", der ich nun doch einmal werde. Dein Franz. 7.1.21. Liebes Gritli, die Wohnung wird jeden Tag fertiger, aber fertig nicht vor 14 Tagen; durch das sehr allmähliche Entstehen der Bücherreihen ist selbst mein Zimmer noch etwas chaotisch. Aber wir haben doch heute angefangen, zu essen; das Mädchen ist gekommen, und es gab einen Freitag Abend mit schönen Dehors; meine Bitten für mich und sie laufen freilich auf schmalen Stegen über einem Abgrund von Unglauben (meinem Unglauben). ------------- 190 Einzeichnungen (=3500 M) Ich habe auch Kopfweh, ich hatte einen schlaflosen Morgen vor lauter Geschäftsärger und einen vertelefonierten Vormittag, bis alles wieder stimmte. An die Vorlesungen habe ich noch nicht wieder denken können. Hämisch ist hier wegen der Ak. d. Arb., aber das wisst ihr wohl. Ich habe in Morgensterns "Stufen" viel gelesen. Zu uns verhält es sich so: ...[Zeichnung] (Zwei Wege die sich ein breites Stück einfach decken und die trotzdem auch in diesem grossen gemeinsamen Stück von uns und von ihm in jedem Punkt in andrer Richtung begangen werden. Aber zum ersten Mal wird mir, an diesem Jünger, der Meister Steiner glaubwürdig, wenn ich ihn auch nicht verstehe. Dein Franz. 8.1.21. Liebe, heut ist mir eingefallen, was ich in der Mappe sammeln kann: Sonderdrucke und Rezensionen. Man hat sie doch nie beisammen, wenn man sie braucht. Vormittags waren wir bei Nobel, er ist sehr erholt, von der einen Woche draussen in Königstein. Er hatte schön gesprohen. Nachmittags war Ernst Simon bei uns. Und abends waren wir endlich mal im Theater, in Iphigenie auf Tauris von Gluck. Aber ich habe mich sehr gelangweilt obwohl es eine schöne Oper ist und die Aufführung ausgezeichnet war; ich vertrage es aber nicht mehr so lange still zu sitzen und andre Leute singen zu lassen. Es ist gut, dass ich mal eine ästhetische Periode gehabt habe, sodass mir das alles doch nicht entgangen ist; heute verstehe ich kaum, wozu es das geben muss; aber ich habe es ja mal gewusst. Unsre Wohnung wird sehr hübsch; am Schabbes hatte sie direkt ihren beau jour. Dein Franz. 9.1.21. Liebes Gritli, ich bin schon seit Mittag im Bett, mit einer tüchtigen Magenverstimmung, und habe brav gearbeitet. Vormittags war Nobels letzte Stunde im Lehrhaus, sehr maniergeworden, und doch glaubwürdig. So schlicht heruntergesagt wie lauter Selbstverständlichkeit, das äusserste Gegenteil von allem Kanzelton. Trotzdem Manier, in der Art zu denken. Und trotzdem Glaubwürdigkeit. Wann sind wir jüngeren wirklich glaubwürdig? (für den, der uns nicht glauben will). In Kassel hat neulich meinen letzten Vortrag, den grossen, der Kapellmeister Hallwachs gehört, der Kassler Georgianer, Germane mit Buberscher Judenneigung. Er war ganz entsetzt, in jeder Beziehung. Wäre es nun schlimm gewesen, wenn er nicht entsetzt gewesen wäre? Dürfen wir von Georgianern überhaupt gesehen werden können?? 240 Anmeldungen. - Dein Franz. [Edith an Gritli:] d.9.I.21. Liebes Gritli, ich kann nichts andres mehr denken; was ich tue - und das ist so einiges - immer sehe ich Dich und freue mich. Was Mitleid ist, wusste ich, aber Mitfreude erlebe ich jetzt richtig zum ersten Mal, und wunderschön ist es. Es ist mir noch so ganz neu, ich kann es mir noch garnicht richtig vorstellen, so wunderbar kommt es mir vor und wie muss dir zu Mute sein! Nur eins tut mir leid, dass Du so weit fort bist, ich möchte Dich gern küssen. Es wird schön bei uns, wann wirst Du es Dir ansehen? Ich habe noch viel zu tun, aber ich habe jetzt ein Mädchen, da wird es etwas leichter für mich. Es war schön, wieder mal bei den Eltern zu sein. Meine Schwester ist auch in Hoffnung - ein schönes Wort, finde ich - . Als ich es erfuhr, weinte ich. Es war kein Neid, ich war nur traurig. Aber als Franz mir von Dir sagte am Freitagabend, unserem ersten hier, da jubelte es in mir. Und meine Zuversicht wächst, dass auch mein Hannah - Gebet erfüllt wird. Ich umarme Dich. Deine Edith. 10.1.20.[=21.] Liebes Gritli, ich werde nun endlich wohnhaft, heut habe ich es recht gespürt. Strauss war zum Kaffe bei mir, Edith musste bald fort, und es gab, wirklich ermöglicht durch die eigene Wohnung, das erste wirkliche Wort zwischen mir und ihm seit ich hier bin. Ich habe ihm alles gesagt, zuletzt so namentlich auf Alice, dass ich nicht anders konnte und ihm, auch summarisch in wenig Worten, (schon damit er nicht das Gefühl hätte, ich spräche als beatus possidens zu ihm) von mir und Edith zu sprechen. Er sagte, er habe es doch natürlich gewusst. Aber es war uns durch die liebevollste Offenheit beiden endlich einmal wohl miteinander. Auch sonst wars ein voller Tag mit allerlei Auflösungen (auch des Ärgers, nach dem du fragst). Mittags hatten wir den Rothschildschen "Neffen", den Erich Marx, zu Gast. Ich habe dir wohl mal von ihm geschrieben: der furchtbar dicke Mensch, den ich deswegen erst so hasste und der sich als ein ganz reines Gold entpuppte. Und dann stand dein Brief über dem Tag. Gar nicht so sehr was drin stand, einfach ein Brief von dir. Ich denke, du wirst doch bald einmal kommen müssen, wenn gestern was mit Eugen hier geschehen ist, (aus der Zeitung ging nichst hervor). Du wirst auch sicher bald können, diese Zustände gehen selten tief in das zweite Drittel hinein. Wir über Sonntag nach Säckingen? Dies nächste Mal sind wir noch zu sehr im Einrichten, das nächste Mal hat Edith Geburtstag, danach, um den 30., ginge es, aber bist du da noch da? aber du gehst wohl nun gar nicht mehr nach Stuttgart? das beste wäre es eigentlich. Ich habe Troilus und Cressida gestern im Bett angefangen, 2 Akte, aber es ist nichts für mich. 300 Anmeldungen. Aber es hat mich unverhältnismässige Mühe gekostet, ohne die wärens keine 100. Auf die Dauer geht das nicht so. Auch die Verkoppelung vom Wirklichen mit dem ganz Durchschnittlich = Schlechten ist auf die Dauer unmöglich, "jedem etwas" ist ein guter Grundsatz für den "Theaterdirektor", aber man verdirbt sein Publikum, indem man ihm das Gute und Schlechte auf denselben Schüsseln reicht. Dein Franz. 11. und 12.1.21. Liebes Gritli, es ist ganz spät geworden. Die erste Vorlesung heut war zu gut vorbereitet, sodass ich unfrei sprach; inhaltlich wars sehr gut. Aber das eigentliche heut war ein Brief von Rudi, den ich euch schicken soll. Für mich freilich nicht, was er sein wollte, sondern doch nur eine Bestätigung des Todesurteils; denn was heisst hier "Judewerden" (und "Christwerden") für uns sonst anders. Wir leben doch nicht mehr vor 5 Jahren. Damals wäre es Leben gewesen. Aber es ist genug davon geredet. Es geht alles seinen Gang, und wenn überall das Sterben sich so greifbar in neues Leben verwandelte wie nun bei dir, so wollten wir alle zufrieden sein. Nur vom Tode aus dass wirkliche gelebte Leben, bloss weil es vorbei ist, zu lästern - das bringe ich nicht fertig und will es nie. Die "geschwätzige" Zeit - o nein, der Stumme darf nicht den der spricht einen Schwätzer nenn, das ist zu durchsichtig. Gute Nacht. Dein Franz. 12.1.20.[=21.] Ist Eugen von Kauffmann wegen der Kritik des * angefragt?? Schick mir den Brief von Rudi immerhin zurück. Ich sah ihn eben nochmal durch. Es graut mich doch beim Lesen. Es ist auch nur noch Stimme von jenseits des Grabes. Mit dieser Sorte Christentum setzten sich also früher die Leute für den Rest ihres Lebens in ein Kloster. Das kann man eigentlich ganz gut verstehen. 12.1.21. Liebes Gritli. Ich hätte dir also Rudis Brief gar nicht zu schicken brauchen, da er dir dieselben schrecklichen Sachen auch direkt geschrieben hat. Und ich habe nun "Jude zu werden", - schon als Folie für die neue Christenliebe. Das Leben ist tot, hoch die Gespenster! Die beiden hebräischen Kurse haben sehr gut begonnen. Im Anfängerkurs habe ich Richard Koch und Frau und Edingers. Mit den "Fortgeschrittenen" heute las ich 2 M 12, 11-13. Die erste Stunde gestern war schlecht, weil ich zu viel (und zu gut) aufgeschrieben hatte - und weil zu wenig Menschen da waren, keine 50. Was ist denn mit der Arb.akad.? "Vorläufig nichts" - schreibst du? Edinger möchte Eugen gern kennen lernen (er "kennt" ihn von Norderney bei beiderseitiger 14 = jährigkeit) und er möchte auch etwas mit der Ak. zu tun haben. - Ist denn für Eugens Stelle "vorläufig" ein andrer vorgesehen? oder die ganze Stelle vorläufig noch nicht geschaffen? in der Zeitung stand doch von einem "Leiter". Straussens Rede damals war mündlich herrlich. Im (verkürzten) Stenogramm ist sie verwelkt. Ich habe die ersten Seiten seines Buchs (mehr ist noch nicht fertig) gelesen, das ist wolkig, aber gross. Ich hatte ein paar gute Worte von dem armen Rudi Hallo. Es geht doch seiner Mutter sehr schlecht. Hans hat sich beklagt, ich hätte ihm auf seinen letzten Brief so nichtssagend geantwortet; er hatte offenbar nachträglich geglaubt, es wäre ein antwortfordernder Brief gewesen, es war aber nur ein Nachrichtenbrief. Ich habe eine schwere Nacht mit Edith gehabt, weil ich ihr gestern Mittag Rudis Brief und meine Antwort zu lesen gegeben hatte. Ich weiss nicht, ob es zum Guten führt. Unser Nebeneinanderleben wird ja immer besser, aber wieviel davon auch dem Miteinander zugute kommt, das wage ich nicht zu messen. Dein dein Franz. 13.1.21. Liebes Gritli, heut die Stunde war viel besser, sie wäre gut geworden, aber ich wurde in der ersten Hälfte so furchtbar gestört, weil Mayer da war und statt zuzuhören die Teilnehmerliste las. Du kannst dir denken, wie mich das bei meiner Art zu sprechen - nicht aus dem Konzept bringt, sondern ins Konzept hinein zwingt. Nachher brachte ich eine Säule zwischen mich und ihn und dann hörte er zu, aber zur richtigen Sprechfreude kam ich nicht. Die Hebräer sind herrlich diesmal, ich glaube dies Dutzend bring ich durch. Koch ist so jungenshaft begeistert. Heut waren sie gar nicht nachhausezukriegen, sie lasen einfach alle durcheinander weiter! Ich schicke dir das Manuskript von der Einleitungsstunde. Von Ernst Simon schicke ich dir morgen einen schönen älteren Ausatz aus dem du ihn kennen lernst. Wir wollen vielleicht am 28. kommen und am 1.II., wenn es mit den Zügen geht, zurückfahren. Verlass dich aber nicht zu fest darauf, es ist nur eine vage Idee, vorläufig. Edinger wusste, dass im Ministerium nur von Eugen für Frankfurt die Rede war. Was mag nun geschehen sein? Fehlt die "zweite Taufe" Radbruchs? Ich lasse Edith - nach Eugens Diagnose - den dritten Teil * binden, in ein wunderbares gelb = changeant Velour = Chiffon. Und den Tischdank in hell Olivgrün. Der * soll übrigens bei Kauffmann schon liegen, broschürt. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Bitte schick mir das Manuskript wieder, ich will es auch Mutter schicken; ich habe heut so einen famosen Brief von ihr. Hedi (die auch im 3. Monat ist) fährt auf 3 Wochen oder länger zu ihr. Gute Nacht - Dein Franz. [14.? 1.21] Liebes Gritli, nur ein paar Worte (eigentlich will ich ja am Schabbes auch nicht mehr schreiben; ich habe gemerkt dass ist auch nötig - nämlich kein Mensch resprektiert den "Sabbat", aber jeder respektiert wenn einer nicht telefoniert nicht schreibt u.s.w. und so ist "Nichttelefonieren" "Nichtschreiben" u.s.w. die einzige Möglichkeit wie man sich seinen Sabbat gegen die Leute und ihre geschäftlichen Ansprüche schützen kann. Sie achten eben nur den Paragraphen, und so muss man ihnen Paragraphen entgegenstellen. Ich war bei Kauffmann, da liegt schon der *. Ich habe drin geblättert, da hat er mir doch imponiert. Ob Eugen schon die Anfrage gekriegt hat? Sonst würde ich nochmal Dampf dahinter machen. Ich habe schon die Dienstagstunde vorbereitet; sie wird glaube ich sehr schön. Ich wundre mich selbst, wie ohne Selbstplagiate ich das machen kann. Aber freilich - für wen mache ichs? heut Abend hatten wir eine Hörerin zu Gast, ein gutes enflammables Mädchen, - aber im Grunde dient ihr jeder, der ihr ein paar grobe handgreifliche "Ideen" giebt, besser als ich. Dies langsame Fortschreiten der Einrichtung von Tag zu Tag hat etwas sehr Lustiges. Aber ich bezweifle dass wir zum 23ten wirklich fertig sind. Dein Franz. 15.1.21. Liebes Gritli, nachmittags war Ernst Simon da und Ruth Nobel mit ihm. Abends waren wir im "Wintermärchen", es war nur eine mittelmässige Aufführung, übrigens in dem Theater in dem wir damals den G.[?] Kaiser sahen. Aber die tragische erste Hälfte ist ja nicht umzubringen, die zweite schon eher. Die Wohnung ist noch ein täglich neues Glück. Wie hab ich nur das Leben dieser 5 Monate ausgehalten? Jetzt sind auch die Sachen aus Berlin da. Mittwoch halte ich mein philosophisches Studentenseminar, diesmal über etwas von Fichte. Darauf muss ich mich richtig vorbereiten! Dein Franz. 16.1.21. Liebes Gritli, wir sind den ganzen Tag in der Wohnung geblieben, ich habe gearbeitet - was ja nach diesen 5 Monaten ein ganz neuer Genuss ist -, und Bücher eingeräumt; (2 Wände sind jetzt fast fertig, nur die dritte sieht noch toll aus). Also nun wirds doch mit Frankfurt? Oder geht es auf Berlin? ich bin ja gar nicht im Bilde über dies letzte Hin und Her. Hoffentlich werde ich an die Bahn können, wenn Eugen durchfährt. Kann er nicht bei uns übernachten? Vom "Kloster" schrieb ich doch neulich auch? an Rudi? oder an dich? ich weiss nicht. Du schreibst ja nun auch das Gleiche, - von dem Akt um deswillen das Stück geschrieben ist. Denkst du noch an die Bilder ...[Zeichnung] die wir uns vor ein paar Monaten schrieben. Das war ja auch das. Mit dem "durch hindurch lieben" - das ist mir ja kaum bei Rudi und dir glaublich - wenigstens weiss ich nicht warum man das noch Liebe nennt. Auf mich habe ich es nicht bezogen. Hinter mir steht das Nichts, da ist nichts "hindurch" zu lieben. Das bischen Lebens= und Liebeskraft was noch da ist wird dir wohl gehören, - aber es ist nicht mehr viel. Dagegen hilft alles Wehren nichts. Aber auch das Reden davon ist unnötig. Aber das Hallelujasingen, weil jetzt endlich das Schweigen des Todes das "geschwätzige" Leben ablöst, - da mach ich nicht mit. Ich will das Vergangene ehren, und das Gegenwärtige bei seinem rechten Namen nennen. Du kommst hier einfach in ein Bett. Das Schlafsofa probiere ich dann selber. An euer 1916 habe ich wohl gedacht; aber es hat nichts vergleichbares damit. Strauss - du wirst ihn sicher sehen. Er kann dir ja nicht fremder sein, als er es auch mir ist. Auch die Notwendigkeit meines Hierseins ist mir doch schon jetzt zweifelhaft. Ich würde, wenn ich irgendwo anders hin könnte, hier schmerzlos weggehn. Die Leute brauchen mich nicht, - nicht mich. Was sie von mir wollen, geben ihnen ihre Pfaffen viel besser. Was ich gebe, merken sie überhaupt nicht. Ausser der technischen Glanzleistung meines "Hebräisch in 17 Stunden" ist alles, was ich hier tue, in den Wind gestreut. Von dem Publikum des vorigen Lehrgangs, das du sahst, ist fast niemand wieder gekommen!! Dein Franz. 17.1.21. Liebes Gritli, ich räume Bücher ein, es ist sogut als wenn ich einen Katalog machte, ich weiss ja von so vielem gar nicht dass ich es habe. Dazwischen lese ich Fichte für meine Studenten, - und bin erstaunt was für gute Sachen eigentlich auch bei so einem stehen. Ich werde gar nicht so richtig schimpfen können, wie ichs angesagt hatte. Es war eine schöne Bibelstunde. Edith war nicht mit, - u. - ich merkte als es eintrat dass ich mir diesmal eingeredet hatte, ------ Ob wir am 28. kommen? ich glaube es eigentlich nicht; erst in der Woche nach dem 23. wird Ediths Zimmer fertig. Im Februar wohnen wir dann richtig. - Von Eugen noch keine Nachricht. Dein Franz. 18.1.21. Liebes Gritli, die Vorlesung war z.T. schlecht, im ganzen doch ein so richtiger "F.R.", dass es mir sehr recht war, dass Nobel sie gehört hat. Es scheint ihm wenig gefallen zu haben, aber das schadet nichts, da wenigstens ich selber es war, was ihm dann missfallen hat und nicht irgend ein Zufallsprodukt. Übrigens war es auch formell gut, weil teilweis in Gesprächsform. Morgen ist nun die erste Übung und die erste Aussprache. Das Manuskript kannst du ruhig für Eugen behalten, es ist ja aber nichts Neues für ihn. Vergiss doch nicht: hat Kauffmann bei ihm wegen Rezension des * anfragen lassen? ich muss es wissen, weil ich eventuell sonst nochmal mahnen will. Am Donnerstag kommt Ediths Freundin Lilli, und wird Gott behüte ein paar Tage bei uns wohnen. Dein Franz. 19.1.21. Liebes Gritli, Eugen ist da, ich geriet - aufgereizt durch seine Zufriedenheit - in ein grosses Lamento über den zu frühen Niedergang den ich hier mit meiner Sache erlebe. Er wird dir ja davon erzählen. Heut morgen die Studenten waren zufrieden, ich sprach eben ihre Sprache. Aber jeder verlangt, dass ich seine Sprache spreche, es giebt keine Sprache für alle - weil sie ja die allgemeine Sprache nicht hören wollen. Man ist eben nur Arzt, und der Arzt muss auch jeden Kranken für sich behandeln. Die Prophylaxe, die freilich für alle gleich sein könnte, wäre ja nur bei Gesunden am Platz, also bei noch nicht Kranken, bei Jungen. Das heisst praktisch: entweder Kinderlehrer - oder auf jede Wirkung ausser der in 50 Jahren verzichten. Und die in 50 Jahren ist mir, weil blosse [doppelt unterstr.] Wirkung -, natürlich unsympatisch - man will doch selber noch etwas Gegenwirkung spüren, wenn man wirkt. Es ist spät. Eugen war etwas vor den Kopf gestossen, er kam so vergnügt an - und er hatte ja das gute Recht dazu. Aber mir war es, durch die vielen Parallelen zwischen seiner und meiner Anstellungsgeschichte etwas wie an der Stelle im olympischen Frühling die ich damals in Kassel Februar 1918 vorlas, - weisst du noch? Dein Franz. 20.1.21. Liebes Gritli, es wurde noch ein ganz schöner Tag. Ich war ja des Morgens sehr deprimiert, dass Eugen wegfuhr, obwohl ichs nicht sein wollte. Aber die Vorlesung ging besser als ich vorher dachte und nachher sprach mich Elkan, der Bildhauer an, der dagewesen war, er möchte mich heut Abend mal sprechen; ich war mit Edith zum Essen da und es gab ein wirklich famoses Gespräch, er wollte einen Rat oder eine Bestätigung seines Plans für ein jüdisches Gefallenendenkmal, das ihm die Gemeinde Dortmund in Auftrag geben wollte. Er ist ja nur zweiten Ranges, aber ein netter, aufgefalteter Mensch und so war es ein wunderhübscher Abend. Leider zieht nun das Wohnungsgewitter herauf. Wahrscheinlich wird man mir zumuten, 10000 M zu zahlen für die Gnade in Frankfurt wohnen zu dürfen. Ist das nicht eine grosse Blamage? Morgen werde ich näheres hören. Aber die Hoffnung auf Ruhe zum Arbeiten ist nun wieder hin; einige Wochen werde ich nun wieder mit Laufen und Gesuche schreiben zubringen. Wäre es nur nicht gar so unmöglich, in Kassel zu sein. In Frankfurt zu wohnen habe ich ja schon heute keinen Grund mehr, den einzigen ausgenommen dass es nicht Kassel ist. Dein Franz. [21.? 1.21] Liebes Gritli, Eugen ist meine Unkerei nun doch auf die Nerven gegangen. Er schafft es sich - "oh Eugen! " - vom Leibe, indem er es in ziemlich abenteuerlicher Weise auf den Gegensatz Jud. = Chr. ablädt. Damit hat es natürlich nicht das mindeste zu tun, sondern bloss mit der Tatsache, dass ich am Ende er am Anfang seines ersten Jahres steht. Vor einem Jahr war ich (in kleinerem Massstab, wie meine ganze Sache) ebenso hoffnungssicher wie er, - und ja unter lächerlich gleichen Auspizien wie jetzt er. Das einzige Unterscheidende, dass er den Staat im Rücken als Stüze hat, ich nicht, ist zwar ein grosser sachlicher Unterschied, aber für sein eigenes Gefühl bedeutet das gar nichts. Mein persönliches Fiasko empfinde ich schon jetzt, obwohl es vorläufig noch nicht die mindesten sachlichen Folgen für meine Position hat; ich habe noch genügend "Rückhalt", aber das "Werk meiner Hände" zerrinnt mir. Und wir leben nicht [doppelt unterstr.] von "Rückhalt", sondern vom Gefördertwerden des Werks unsrer Hände. Trotzdem wars Unrecht, dass ichs nicht gehen liess, aber ich war zu voll von mir selber, habe doch übrigens nur diesen schliesslich doch nur sehr nebensächlichen Teil meiner Schmerzen ausgeschüttet. Eugen fragte einmal Edith, was sie dazu sagte. Es ist doch ein Glück, dass ich über etwas zu lamentieren habe, was Edith verstehen kann. Vielleicht empfinde ich es sogar deshalb stärker als ich sonst würde. Denn was ist im Grunde an Erfolg oder Missrfolg gelegen. Aber es ist doch meine gemeinsame Platform mit ihr. Das andre kann ich sagen, kann sie traurig damit machen, aber verstehn kann sie es doch nicht; sie ist einfach zu jung dazu. Das Zusammensein in Frankfurt erschreckt mich nicht mehr. Merkst du denn nicht dass wir darüber hinaus sind? dass wir schon in Einer Stadt leben?! Ich spüre es täglich. Dein Franz. Tante Julies Bild sieht herrlich aus. 22.1.21. Liebes Gritli, Eugen schreibt mir einen Brief worin er zu viel und zu wenig fordert. Zu wenig, denn was er fordert, dass ich für ihn da sein soll versteht sich doch von selbst. Zu viel, denn ich kann für ihn nur soviel da sein, wie ich eben überhaupt noch da bin. Und das ist freilich weniger als er brauchen wird. Um diese Einsamkeit wird er sowenig herumkommen wie einer von uns. Die Zeit des Sich wirklich helfen könnens ist eben wohl vorbei. Jeder muss eben sehen, wie er allein fertig wird. Es handelt sich ja wirklich nur noch ums "Fertig"werden. Den Essay über Student und Philosophie kann ich (selbst schlecht und recht) doch erst schreiben, wenn ich ein bischen Erfahrung gemacht habe. Also nicht vor März. Des "Juden" wegen braucht sich Eugen wirklich nicht aufzuregen. Das spielt doch, trotz Rudis u.s.w. Dekreten, keine grosse Rolle mehr bei mir. Im Grunde zähle ich meinen Frankfurter Aufenthalt nicht mehr länger wie diesen Sommer höchstens. Was dann folgt weiss ich nicht. Jedenfalls wird es mich weder äusserlich noch innerlich hindern, Eugen irgendwas zu leisten, was - er selber haben will (und was ich selber kann, denn z.B. zu christlichen Arbeitern könnte ich nicht reden, weil ich eben ihre Sprache nicht spreche, im Krieg war es anders da gab der Krieg eine gemeinsame Sprache). Also jedenfalls an dem "hinter den Kulissen" wird mich das Jüdische wirklich nicht hindern, bloss das "Nichtvorhandensein". Wir waren bei Eduards heut Abend. Es war nett, und durch Alice doch unerträglich. Nachmittags waren wieder Ernst Simon und Ruth Nobel da. Morgen ist Ediths Geburtstag. Ich stehe äusserlich mit fast so leeren Händen da wie innerlich. Dein Franz.` 23.1.21. Liebes Gritli, Eugen nimmt ja alles viel zu hoch. Ich habe weiter nichts gesehen als die ganz einfache, gar nicht "konstruktions"fähige aber um so genauere Gleichheit zwischen seiner jetzigen, meiner damaligen Berufung. Meine "Sitzung" war glaube ich am 23.IV. Eugen nannte es die Eroberung Frankfurts. Jetzt kam er von der Eroberung Deutschlands. Ich vergesse nicht, dass alles bei ihm andre Dimensionen hat als bei mir. Aber kleines mit grossem verglichen ist die Gleichheit nun mal da und ich habe ihm vorweg die Erfahrung gemacht, dass eine Anstellung, bei der wir selbst angestellt sind und nicht irgend eine Leistung von uns, eine Unmöglichkeit ist. Deshalb muss er durchaus anfangen - das Weitere wird sich schon ergeben; irgendwas wird mit mir nach diesem Sommer ja auch werden, ob grade in Frankfurt oder sonst wo, weiss ich nicht. Ich bereue ja nicht, dass ich angefangen habe. Ich habe ja auch (bei mir) gleich auf Enttäuschung gerechnet, nur nicht so rasch und so gründlich. Biographische Gleichungen wollte ich gar nicht aufstellen. Ich verglich (und vergleiche) nur das Technische: Anstellung eines Menschen wegen seiner Menschlichkeit (Interparteilichkeit) an einer Stelle, wo schliesslich als Kunden lauter Leute hinkommen, die nur Unmenschliches haben wollen und von allen andern Seiten darauf gedrängt und dazu erzogen sind, Unmenschliches zu verlangen. Ich bin zu realistisch, um über solche sichtbaren Ähnlichkeiten zugunsten irgendwelcher biographischer Konstruktionen hinwegsehn zu können. Deshalb habe ich es nicht bei mir behalten können. Eugen war eben hier ganz besonders auf sich selber konzentriert - was ja sehr verständlich ist, nach den Berliner Tagen -, die komisch einseitige Art, wie er an der Bahn mir sein Bleiben zusagen wollte für den Fall, dass ich etwas von ihm brauchte (hie Arzt hie Patient) war ja bezeichnend dafür. Er darf doch nicht vergessen, dass mir diese ganzen Berufsenttäuschungen doch herzlich nebensächlich sind, ja dass sie mir im Grunde sogar willkommen sind, weil ich sie wenigstens Edith mitteilen kann. Grade weil sie eben nur das Werk meiner Hände betreffen und nicht mich selbst. Ein grosser Berufserfolg wäre mir noch viel peinlicher, denn dann hätte ich überhaupt nichts mehr mit Edith gemein; ich könnte ihr dann gar nicht mehr begreiflich machen, wie mir zumute ist. Es ist also schon besser so, dass nicht bloss ich, sondern auch das Werk meiner Hände kaputt geht. Wie sonderbar, dass Eugen erst heute merkt, dass ich nicht gut zu Edith bin. Ich bin es noch nie gewesen. Tage wie heute sind furchtbar für sie wie für mich. Liturgiereformen? u.s.w.u.s.w. Ich muss doch die Zeit (und meine Gedanken) irgendwie totschlagen. Wichtig ist mir das alles nicht mehr. Aber soll ich überhaupt kein Wort mehr mit Edith zu sprechen haben? Über diese Dinge kann ich mit ihr sprechen. Und es macht uns sogar einen gewissen Spass. Ich bin freilich weit weg davon. Also jedenfalls: Eugens Existenzmöglichkeit in Frankfurt bin nicht ich. Denn ich weiss gar nicht, ob ich noch so lange in Frankfurt existiere. Eugens Existenzmöglichkeit ist zunächst er selbst, und wenn dies Kapital aufgezehrt ist, dann der preussische Staat (und "die Gewerkschaften" und "die Stadt Frankfurt"). Eugen weiss noch nicht wie starr, dumm, fett und langweilig dies "ganze, ungeteilt und unumschränkt herrschende Leben" ist dem wir nun verfallen sind. Sowie er einmal merkt, dass jeder andre das was er macht besser machen würde (mehr im Sinne der Auftraggeber und der Empfänger), dann wird ers auch wissen. Dein Franz. 24.1.21. Liebes Gritli, Eugen nimmt seinen Einsatz einen Ton zu hoch. Der Vergleich ist mir gar nicht so wichtig, - weil mir die ganze Sache nicht so wichtig ist. Es waren äusserlich so überraschene Ähnlichkeiten - Eugens Berliner Sitzung so genau wie meine Frankfurter vorigen April - dass mir der Vergleich nahe lag. An sich kann ja trotzdem alles bei ihm anders gehen. Der wirkliche Unterschied, der der Dimension, wird sich da vielleicht zu seinen Gunsten geltend machen. Im übrigen war er schon voriges Jahr über mein Sitzunglein so ausser sich vor Entzücken ("Eroberung Frankfurts"), dass michs nicht wundert, dass ihn die Eroberung Preussens = Deuschlands = der Welt ganz aus dem Häuschen gebracht hat. Das schadet nichts. - Meine "Hülfe" hat er, solange ich eben selber hier bin. Weil das ein unsicherer Faktor ist (mein Hiersein), so soll er auch in Gedanken lieber nichts darauf bauen. Über seine Zeitrechnung mit Jahrzehnten kann ich nur lachen. Ein solches Vieh ist er nicht, dass ihn eine Institution so lange ertrüge. Die Arbeiterakademie mag länger als 2 oder 3 Jahre bestehen, aber nicht mit ihm an der Spitze. Aber auf so lange hinaus brauchen wir gar nicht zu sorgen. Viel 1000 mal leibhaftiger als alle Akademien Lehrhäuser etc. ist mir das, was Eugen also erst jetzt entdeckt hat (obwohl ich ihm seit einem Jahr nichts andres schreibe): dass ich schlecht zu Edith bin. Erfolge und Misserfolge haben dagegegen wirklich wenig zu bedeuten. Er hätte nicht so unmenschlich rasch davon gehen dürfen und noch verlangen, ich sollte ihm erklären: ich brauchte ihn. Wenn man das erklären muss, braucht man einen sicher nicht mehr, oder wenigstens: dann kann man ihn nicht gebrauchen. Ich möchte etwas für sie tun. Und da weiss ich nur das eine: sie hat auf der Welt nur zwei Menschen, mit denen sie sich aussprechen kann, ausser mit mir (und ich bin als Selbstbeteiligter nicht weise genug, sie braucht aber Weisheit): das seid ihr. Deshalb möchte ich, dass sie ein paar Tage zu euch fährt. Ohne mich. Mit mir hat gar keinen Wert. Das müsst ihr verstehen. (Das gäbe Krampf und Ansichhalten, also grade nicht was wir brauchen). Ich selber fahre während der Tage zu Hans, damit wir die Bude zumachen können. (Denn wenn das Mädchen allein bleibt - sie fährt so auch nachhause -, so macht sie die Wirtschaft wieder "trefe"). Ich will auch mal wieder was lernen. Ich hatte den Gedanken. Vielleicht geht es schon dieses Week = End. Sonst nächstes. Es war gestern ein sehr schwerer Tag ---- Das herrliche Stück von Koch soll Eugen erinnern, dass er für seine Biologie etwas viel Besseres hier hat als Strauss, nämlich Koch. Strauss war eben ein paar schöne Stunden bei uns. Ich lese eben den Brief nochmal, den ich gestern Vormittag gleich nach Empfang eures Eilbriefs schrieb und dann nicht abschickte, weil er so ganz aus dem ungelösten Krampf geschrieben war. Ich kann ihn ja ruhig beilegen. Es ist wie in allem Krampf ein Stück Unwahrheit. Vor allem ist eigentlich nicht wahr, dass ich wirklich über Frankfurt hinaussehe. Jenseits läge nur - die Habilitation, also etwas Unmögliche. Ich bin also gebundener, als ich mir selbst einreden möchte. Und unwahr ist auch die Verzweiflung an meiner Ehe. Es bindet uns aneinander freilich immer noch nichts andres als - eben die Verzweiflung. Alles andre ist noch unwirklich. Aber die Verzweiflung darüber - die ist uns wirklich gemein. Wir sind nie so verheiratet als in den Augenblicken wo wir merken, dass wir es nicht sind. In solchen Augenblicken hänge ich an ihrem Leben. Euer Franz. 25.1.21. Liebes Gritli, es ist sehr spät, ich war vom Lehrhaus aus noch in der Loge. Es war eine Subskription auf den * da, 25 sind darauf hereingefallen. Mit Eduard ists jetzt immer nett, - dies Nähersein ist wohl auch kein Zufall, vielleicht lasse ich mir einfach mit weniger genügen. Dass noch etwas geschieht - warum nicht? Vielleicht sogar sehr "viel". Aber es könnte nun alles auch nicht geschehen. Ich erzähle den Leuten, wenn ich ihnen, wie heut Nachmittag, vom "Anfang" erzähle, ein Märchen, bei dem ich selber nicht mehr dabei bin. Es wird schon wahr sein. Aber für mich ists ein Märchen. Neues Leben sprosst eben nur aus den Ruinen. Deshalb müssen wir "alle ruiniert werden", eben wirklich zu Ruinen. Wahrscheinlich wird es doch nun also dies Week = End werden. Nichtwahr, ihr sorgt dafür, dass nicht "H.U." gleichzeitig mit Edith da ist; für ihn ists doch ein Katzensprung, für Edith immerhin eine weite Reise. Ich will ganz gern ein paar Tage zu Hans. Sag Eugen, dass ich Schleich lese (Das Ich und die Dämonien). Und dass ich ihn wegen Edinger bedaure, dass aber Edinger noch "der beste" ist, von dieser Art. Und diese Art füllt die Welt. Die anderen sind stumm. Er soll aber an Koch denken (er braucht nichts zu tun, es kommt schon von selbst). Dein Franz. 26.1.21. Liebes Gritli, der Mittwoch ist immer ein besonders arbeitsamer Tag, Vormittags hatte ich die Studenten, es war wieder sehr nett. Aber für Eugens Gedanken ".... und Philosophie" habe ich jetzt ein viel besseres Material: er soll sich mal den beiliegenden Prospekt ansehn, ob das nicht genau das ist, was er braucht. Die fortgeschrittenen Hebräer haben heute die 10 Gebote gelesen; die beiden für die ich die volle Verantwortung trage, Frau Warenbrunn [Warmbrunn?] und Frau Auerbach, sind mindestens so weit wie irgend eine der andern, die schon jahrelang gelernt haben. Das Mädchen wird in unsrer Abwesenheit hier sein, sie wollte nicht nachhause; es ist Edith sehr unangenehm, weil man ja nicht wissen kann, ob sie da das Geschirr auseinanderhält. Ernst Simon blieb mittags zum Essen, er ist wirklich was ganz Prachtvolles. Dein Franz. 29.1.21. Liebes Gritli, Hans und Else sind eingeladen, so habe ich einen Abend für mich gehabt und gelesen, gelesen. Ich kann ja jetzt wieder mit Leidenschaft lesen - fast wie als kleiner Junge ehe ich zum Leben aufwachte (ich habe auch, wie damals, das Gefühl alles in acht zu behalten, was ich lese). - Else hat grade wieder eine böse Zeit. Hansenes Vorlesungen - ich mag es wohl mit allen etwas ungünstig getroffen haben, ganz gut war nichts, am wenigsten das Hauptkolleg, das ich früher so bewunderte; im Gegenteil es war alles ein bischen unwirklich, unerfahren gesagt. (Er sprach von Glaube Liebe Hoffnung), es war als ob er zitierte oder nachspräche. Er muss sicher heraus aus dieser Luftleere hier. Denn das ists ja schliesslich, wenn ihn ganze 3 Männekens noch hören; da fehlt einfach der nötige Widerstand. Persönlich ist er übrigens grade besonders reizend, so klar und heiter. Edith wird sich sicher wohlfühlen bei euch. Es war mir ja an dem Sonntagabend als der einzige Ort wo sie sich einmal ein bischen erleichtern könnte eingefallen. Wir haben einen Klavierspieler gehört heut Abend. Es war wohl schön, aber für mich ist ja Musik jetzt höchstens Hintergrund für Gedanken, wenn sie mir nicht, wie meist einfach unerträglich ist. Und Gedanken haben wiederum ist mir jetzt kein Vergnügen. Wohl deshalb macht mir das Lesen so Spass. Heut las ich Bernoullis[?] Nietzsche = Overbeck, Öser = Schlatter, und die herrlichen Mereschkowski = Essays im "Gang nach Emmaus" (so schreibt doch keiner von uns, was wären wir, wenn wir Russen wären statt Deutsche!) Grüss Edith. Dein Franz. 31.1.21. Liebes Gritli, ich bin auf der Rückreise nach Frankfurt. Gestern vormittag waren wir mit Weizsäckers am Neckar herunter, nachmittags war ich bei ihnen. Sie ist eine ganz prachtvolle Frau, er kann sich wirklich gratulieren. Beim Thee lernte ich auch den alten Curtius kennen, der hat mir aber gründlich missfallen. Abends war ich mit Hans zu einer Volkskirchen = Werbeversammlung in Seckenheim, einem kleinen Ort bei Mannheim. Da hat er, weniger im Referat als nachher in der Diskussion, so vollendet schön gesprochen wie ichs diesmal sonst nicht von ihm gehört hatte. Es lag allerdings daran, dass er den Diskussionsredner, den ich böserer Psychologe gleich als das verlogenen Maul erkannte, als das er uns nachher von einem Kenner geschildert wurde, ganz ernst genommen hatte und ihn wirklich liebte. Nachher wurden wir in einem Lastwägelchen über die kalte sternklare Ebene nach Friedrichsfeld expediert und fuhren zurück. Heut hat er gearbeitet, ich wie überhaupt in diesen Tagen, gelesen. Ich glaube, es wird jetzt eine lange Lesezeit für mich beginnen, wie ich überhaupt das Gefühl habe wieder in mein Ich, wie es vor dem 16.VI.1900 war, zurückzutreten. Damals war ich vom Kinderschlaf aufgewacht, mit dem Wagnerschen Tristan, und habe von da ab mindestens 5 Jahre kein Buch von über Dramen = Länge mehr gelesen. Dein Brief - du musst immer erst sehen, um zu glauben. Es war doch nur genau das, was ich dir grade in der letzten Zeit immer wieder geschrieben hatte. Dass dies Leben für Edith eine Hölle ist. Ich hatte nur die Möglichkeit, dass ich mich irrte und dass mit ein paar Tropfen "Weisheit" vielleicht alles ein andres Gesicht hätte, nicht ausschliessen [sic], obwohl ich selber wahrhaftig nicht daran glaubte. Da du mir bestätigst, dass ich nicht übertrieben habe, so ist eben alles hoffnungslos. Denn dein Rezept ist natürlich unanwendbar. Wie soll aus meiner Ausgelöschtheit noch Liebe kommen. Mit mir ist es zu Ende. Man kann auch sagen: Ich bin ein Mann geworden. Oder "ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft". Es kommt auf eins heraus. Dein Franz. Februar 19212. und 3.2.21. Liebes Gritli, ich bin schon wieder im Betrieb drin. Heut Abend war eine recht interessante Gesellschaft bei mässig interessanten Leuten, lauter Ärzte, der wertvollste ein Dr Riese, alle in einer gewissen Kochnähe, Koch wird mir durch diese andern allmählich immer sichtbarer (obwohl das Relief, das ich selber von ihm sehe, mir doch das wichtigste bleibt). Hat Eugen den * gekriegt? (Ich ja noch nicht.) Weizsäcker wird ihn für den Logos besprechen. Kann Eugen mir ein korrigiertes Exemplar der Wegbereiter schicken; das gäbe ich dann Kaufmann zum Abschreiben. Es ist eins in der Nacht; ich bin auch körperlich müde. Dein Franz. 3.2.21. Den Brief von Rudi hat Eugen mir zu schicken vergessen. Oder vielleicht doch über Hans. Dieses Hin und Her macht ja alles noch schwerer und zwingt einen zur Verhärtung und Dickhäutigkeit. Die Dinge sind ja viel zu einfach um so viel Gerede zu vertragen. Viel einfacher wohl auch als Eugen schreibt. Was ist denn geschehen? Ich habe Edith geheiratet, ohne sie zu lieben. Dadurch sind die Liebeskräfte überhaupt in mir erloschen, ich bin wieder wie als 12 oder 10jähriges Kind. Ich lebe aber in einer Atmosphäre (der jüdischen) wo meine Existenzberechtigung darauf beruht, dass in mir Liebeskräfte sind. Also ist alles was ich tue, Lüge. Ich markiere den Schein das Lebens, ich rede vom Leben und bin eine Leiche. Das ist alles. Und daran ändert sich nichts. Wenn Edith "aus sich herausgeht", ist sie mir am allerschrecklichsten; ich vertrage dann weder ihre Worte noch ihre Stimme noch ihre Bewegungen. Es ist nicht nötig, diesen Satz sofort telegrafisch nach Heidelberg und Göttingen zu übermitteln (und von Göttingen telefonisch nach Kassel). Aber wahr ist er doch, auch wenn ich nicht weiter davon rede. Versteht ihr wohl: ich wünschte mir doch z.B. ein Kind, oder eigentlich Kinder. Aber das ist ein ganz objektiver Wunsch. An sich graut es mir vor - ihren Kindern. Die "Stimme der Natur" schweigt eben in mir, heute noch genau so wie vor einem Jahr. Ich muss mir oft klar machen (wozu ja in Frankfurt reichlich Gelegenheit ist), dass mir andre Frauen noch unangenehmer wären als sie. Ich muss das alles mal so nackt und hart sagen, um die Wirklichkeit gegen alle Konstruktionen mit Kalenderdaten, Lebensparallelen und ähnlichem Schnickschnack zu sichern. Die mögen stimmen oder nicht. Für ein bischen Sichliebenkönnen gäbe ich alle solche Meinetwegenrichtigkeiten. Ich habe die Pflicht, ihr das Leben, soweit es an mir liegt, erträglich zu machen. Weiter weiss ich nichts. Deswegen hab ich ihr den Brief z.B. heut Morgen nicht gegeben. Jetzt, nachdem ich die Antwort aus mir heraus habe und nicht mehr in Gefahr bin, ihr diese Sachen ins Gesicht zu sagen (es genügt wirklich, dass sie sie weiss; die tägliche Wiederholung ist wirklich nicht nötig; höchstens für mich, als eine Restfunktion des Lebens; vielleicht werde ich auch dies Nein eines Tages nicht mehr fühlen, weil ich eben überhaupt nichts mehr fühlen werde), - also jetzt mag sie ihn ruhig lesen. Übrigens verstehe ich den Brief selber nur zum Teil. Ist das Haus der Toten in dem ich seit einem Jahr lebe und das mir nun zerbricht, nachdem ich ein Jahr lang getan habe als ob es lebe, meine Ehe? oder mein Beruf? Du siehst, ich bin gar nicht ganz richtig [ß] bei all diesen Gedanken. Ich weiss nur eins: meine Ehe war nur möglich, solange ich einen Überschuss an Lebenskraft hineinzugeben hatte. Sie hat ihn aufgezehrt, nun habe ich nichts mehr hineinzugeben und sehe nur noch das Nicht. Es ist nur das Trägheitsgesetz, nach dem ich noch das Leben so weiterlebe, als lebte ich noch. In Wirklichkeit müsste ich mich heute habilitieren und alles verleugnen, was ich bisher gelebt hatte. Deswegen kam heut Morgen eine Aufforderung von Vigener (= Meinecke), an Stelle von Frischeisen = Köhler den ständigen Mitarbeiterposten für "Allgemeines" bei der Hist. Zeitschr. zu übernehmen. Dem Gesetz der Trägheit zufolge habe ich abgelehnt, vielleicht auch aus der dummen abergläubischen Hoffnung, es könnte doch nochmal bergauf mit mir gehen. (Und ausserdem aus Grauen vor der masslosen Langeweile dieser "gelehrten Beschäftigung"). Überhaupt weiss ich ja einfach nicht, was andres ich tun sollte. Und deshalb wurstle ich fort. Und lasse mich vorübergehend anwärmen von dem Hauch lebendiger Menschen mit denen ich zusammengerate und die mich nicht als tot erkennen. Das ist vielleicht jetzt das Beste an meiner Existenz hier. Euer Franz. 3.II.21. Lieber Eugen, euer Vorschlag ist wirklich nur "Revolver". Um alles in der Welt: wozu denn? Wen interessiert denn "jüdische Geschichte im 19.scl."? (Mich sicher nicht). (Dazu kommt, dass ich sie mir nur mit ungeheurer Arbeit - und bei meiner völligen Gleichgültigkeit dagegen noch dazu mit schrecklichem Widerwillen - aneignen könnte; serbische Geschichte im 14.scl. würde ich etwa mit dem gleichen Arbeitsaufwand vortragen können. Und wozu? für wen??). Nein: habilitierbar bin ich nur auf Hegel und den Staat hin (also: Die Staatsanschauung der deutschen Klassiker, 2 stündig, privatim. Oder: Die Einwirkungen der idealist. Philosophie auf die Männer der preussischen Erhebungszeit, 1 stündig, publice. - Kannst du dir das wirklich vorstellen? Vor 10 Jahren hätte ich das gekonnt, wollte es aber nicht, aus einem guten Instinkt heraus. Und heute? vor diesem Pack!? Und als der, der ich bin. Der Hegel war doch schon ein Schlag ins Wasser, viel mehr als ich selber dachte. Es kräht kein Hahn danach). Auf den * hin habe ich mich habilitiert, zu deutsch: niedergelassen. Nämlich hier in Frankfurt. Das muss nun erst seinen Weg gehen. Dass ich weiss, dass es nichts ist, bedeutet gar nichts. Erst muss es auch in der Wirklichkeit zu Ende gegangen sein. Das kann ein oder zwei Jahre dauern. Halte ich das solange nicht aus, so bleibt mir nur -- gar nichts bleibt mir, also muss ich schon aushalten. Ob ich dabei lüge ist doch nicht meine Sache. Ich lüge doch nur damit, dass ich eine Wahrheit sage, die für mich gestorben, nein der ich weggestorben bin. Aber sie bleibt doch Wahrheit. Ich verleugne doch nichts. Ich nenne doch die Vergangenheit nicht Geschwätz. Ich nenne sie Leben. Und die Gegenwart nenne ich Tod. Warum soll ich Gespenst nicht vom Leben reden dürfen. Solange es sich das Leben gefallen lässt, dass ein Gespenst von ihm redet. Das andre: dass ich mich für die erkannte und durchschaute Unwahrheit (ob sie nun die Unwahrheit über den deutschen Idealismus oder die Unwahrheit über das Judentum ist - auf der Universität ist alles unwahr) habilitieren würde, das wäre allerdings die Lüge und nur entschuldbar, wenn sie sehr gut bezahlt würde. Vergiss auch das nicht: ich bin nicht freizügig. Ich wohne hier. Ehe ich nicht muss, gehe ich nicht aus der Schumannstr. 10 heraus. Ehe ich nicht muss, gehe ich nicht aus dem Lehrhaus heraus. Ehe ich nicht muss gehe ich nicht aus Frankfurt heraus. Ich habe mich nicht selbst gemacht. Auch nicht zu dem, was ich jetzt bin. Ich bin noch nie im Leben so in einer Situation gewesen, wo es nur den Selbstmord, den richtigen physischen mit piffpaffpuff, als Ausweg gäbe. Und wo es also keinen Ausweg giebt. Ich muss hier bleiben. Hier stehe ich, hier verfaule ich. Es giebt kein abgekürztes Verfahren. Habilitation käme nur in einer Form in Frage: hier, für "Philosophie", als Studentendependance fürs Lehrhaus. Das könnte ich mal für richtig halten. Vorläufig hoffe ich es wird auch so gehen. Denn es ist eine ziemliche Mehrbelastung. Ich muss meine Stellung hier ansehen als das was sie ist (heute ist): als vorläufig äusserlich unerschüttert, im Gegenteil. Ich werde noch "gebraucht". Ich werde noch bezahlt. Ich gehe nur fort, wenn ich anderswo besser bezahlt = mehr gebraucht werde. Daran habe ich mich zu halten. Zu Gewaltakten wie mir einen Meinecke durch den Kopf zu schiessen habe ich aber - von aussen gesehen - überhaupt keinen Grund. Nur für mich bin ich ja hoffnungslos. Aber dass ich verfaulend einen Boden dünge, dass ich grade durch dieses Seelenloswerden, durch diese Erstarrung, Verholzung, grade durch all das erst zum Werkzeug werde, ist mir ja sehr klar. (Lass dir doch von Gritli von jener Schlussstunde erzählen, die sie hier gehört hat). Nicht bloss du treibst in das neue Gesetz hinein. Ich erstrecht. Ich rede seit einem Jahr ganz offen davon. Der Zionismus ist das, was dir der Sozialismus ist. In 100 Jahren hat die Welt wieder eine Form und wir wieder ein Gesetz. Ich selber werde noch eine der Grundschriften schreiben, aus denen es dann kodifiziert werden wird. Denn es wird wirklich wieder ein geschriebenes und doch wirklich gehaltenes Gesetz sein (- ein Wunder, ohne das die Welt nicht leben kann). Dass die Zionisten diesem neuen Gesetz zuleben können nur indem sie sich selbst, ihre eigene europäisch verflochtene Seele opfern, das wissen sie selbst. Ich hatte mir bisher eingeredet, ich dürfte Werkzeug für das neue Werk sein und doch meine Seele auf der Erde retten und behalten. Jetzt sehe ich, es geht mir genau wie jenen. Ich gehe genau so vor die Hunde wie die ganze lebende Generation der Zionisten (ich rede immer nur von den wirklichen). Aber das neue Gesetz wird daraus entstehen. Der * ist irgendwie das Bindeglied zwischen dem alten und dem neuen. Ich hatte schon recht, wenn ich es für ein jüdisches Jahrtausendbuch hielt. Und recht auch, wenn ich es eigentlich nur posthum drucken lassen wollte. Seine eigentliche Wirkung - nicht sein Erfolg - wird erst in 50 oder 100 Jahren anfangen. Das (das alles) habe ich mit der Schlusszeile des * gemeint. Das einzige, was ich dabei nicht wusste, war: dass ich mit dem darin geschehenden Zurückstossen des Buchs in die Vergangenheit mich selber mit zurückstiess. Ich meinte, mich selber nach vorwärts - "INS LEBEN" - zu retten. In Wirklichkeit hat sich nur das Leben selber "ins Leben" gerettet, und ich treibe mit dem Buch auf dem Buch, auf dem Vierwaldstädter See der Vergangenheit. Aber das Leben hat sich auf die Felsplatte geschwungen und agiert weiter. Ich muss nun nur das Grauen vor meiner eigenen Gespenstischkeit verlieren. Und ich darf mich nicht mehr wundern und sträuben, wenn das was die Menschen von mir hier verlangen, immer gar nicht die "Liebe" ist, sondern - das neue Gesetz. Denn darauf kommt alles, was ich hier an Erfolg und Misserfolg erlebe, heraus. Und darin hast du also recht. Dein Franz. 3. und 4.II.21. Liebes Gritli, ich habe mich heut den ganzen Tag mit der Vorlesung gequält, schliesslich wieder eine Kassler genommen; die Einteilung in langweilige (oder vielmehr "interessante") Donnerstage und schöne Dienstage war mir widerwärtig geworden. Mit der Kassler Stunde habe ich mir dann freilich selber das Gericht geredet; es war die über die Ehe; schon im Sommer war es so gemeint, aber erst jetzt fühle ich mich von dem damals aufgestellten Gesetz selber richtig verurteilt. So habe ich dann wohl auch gesprochen, nicht sprechend, sondern wie vorlesend. Manches schien mir auch gar nicht mehr wahr. Ich wollte, dies Semester wäre herum. Diese Vorlesung wird zu einer Strafe. Ich kann sie genau so wenig halten wie im Sommer die Geschichtsvorlesung. Ich bin nicht mehr bei mir selbst. Hier haben die Leute schon den *, 4.II.21. soweit sie ihn ungebunden bestellt haben, z.B. Kochs, bei denen wir gestern waren. Die Frau hat mit gutem Instinkt gleich die 2te Einleitung angefangen; er selbst kann das Buch erst lesen, wenn er sein eigenes, das er jetzt schreibt (Ein Weg zum Judentum) fertig hat; er ist jetzt ungefähr in der Hälfte. Es war sehr nett bei ihnen, und die Frau hat mir doch gut gefallen. Er selber ist etwas ganz Besonderes, immer wieder. Das Gespräch ging über - na eben über das, was man hier (mit Recht) von mir erwartet. Ich bin da ja nur eine weiche Masse, die die Form kriegt von dem, der sie anfasst. Wollte ich das nicht, so bliebe mir nichts übrig als zuhause zu sitzen und mit niemandem zu sprechen. Das Ehrlichste wäre das. Aber das geht doch nicht. Welche Gnade ist es, die Wahrheit sagen zu können. Aber wenn man wahrhaftigerweise überhaupt nichts mehr sagen könnte, sondern nur schweigen und schlafen, so muss man eben - lügen. Ist das die Verwesung? Muss man die auch bei lebendigem Leibe erleben? Dein Franz. 6.II.21. Liebes Gritli, vielleicht an nichts hätte ich so deutlich merken können, dass es wirklich in mir tot geworden ist als an der völligen Gleichgültigkeit, in der es mich lässt, ob du mit Greda bist. Ich spüre gar nichts mehr dabei. Ich begreife kaum, dass ich mich vor einem Vierteljahr noch so aufregen konnte. Es ist wie auf einem entfernten Planeten. Nur dass du mich nicht mit ihr beredest, würde ich dich bitten, grade jetzt nicht. Nicht weil sie es ist. Es ist mir genau so peinlich zwischen Göttingen Säckingen Heidelberg beredet zu werden, und es ist mir im Grunde sehr recht, dass man mir Rudis Brief lieber nicht geschickt hat. Lasst mich in meinem Gebüsch. Der Grund ist nicht der "einfache". Der war ja von Anfang an und ist heut nicht schlimmer als damals. Aber damals war ich nicht hoffnungslos, denn ich spürte, ich hatte noch Lebens= und Liebeskräfte zuzusetzen. Das Verzweifelte heute ist, dass ich mich selbst erloschen fühle und von keinem Menschen auf der Erde mir Hülfe erwarten kann. Soweit ich noch schreien kann, schreie ich zum Himmel. Aber meist kann ich noch nicht einmal mehr schreien. Ich wundre mich sehr über das, was du von Marg. Susmann schreibst. Alles was ich je von ihr zu Gesicht bekommen habe, war fadester Kitsch in Vers und Prosa, gefühlvoller Schwafel. Ich kann ja zufrieden sein, wenn ich mich da geirrt habe. Gestern Abend hatte ich eine wichtige Sitzung. Jetzt bin ich den Zionisten genau so unsympatisch wie bisher nur den Liberalen. Dabei habe ich ihnen einen wirklichen Dienst erwiesen und eine von ihnen verfahrene Situation möglicherweise gerettet. Aber das haben sie nicht gemerkt. Bloss die grundsätzliche Absage. Bei Koch wars gestern merkwürdig. Meine Übereinstimmungen mit Eduard sind unheimlich genau. So als ob er den * genau so geschrieben hätte wie ich. Es ist doch ein Rätsel. Nachmittags war erst Eduard da, nachher Ernst Simon und Ruth Nobel. Vormittags waren wir bei Nobel und mit ihm zur Gerbermühle. Am Freitag Abend hatte wir zwei Hörerinnen von mir da; gestern nach der Sitzung waren wir noch eingeladen. Du siehst, wir leben unter den Leuten. Natürlich. Dein Franz. 7.II.21. Liebes Gritli, lies den langen Antwortbrief an Eugen, er ist ja für dich mit. Das Verzweifelte meines Zustands wird ja dadurch nicht geringer. Es ist eben (in dem Brief) eine genau stimmende Rechnung, aber eine Rechnung ohne - die Wirtin. Von Edith habe ich kein Wort darin geschrieben, das merke ich jetzt wo ich fertig bin und ihn mit Eugens Brief ihr zu lesen gebe. Wir waren bei Edingers gestern Abend - nachmittags waren Salzbergers bei uns. Es waren allerlei Leute bei Edingers und es war mir lehrreich für meine Stellung hier und für das Mass, in dem das "Amt" meinen kranken "Verstand" schützt und die Blicke der Menschen gar nicht auf ihn fallen lässt. Es bleibt unerträglich und doch wird es ertragen. Dein Franz. 8.II.21. Liebes Gritli, auch heute wird es wieder so, dass ich einen Kassler Vortrag nochmal halte! Ich habe versucht, ihn neu zu skizzieren, es wurde aber, da ich ihn neulich gelesen hatte, einfach dasselbe, nur schlechter. So nehme ich also das alte Manuskript. Für die vier letzten Stunden giebt es nichts her, so bin ich da auf mich angewiesen, vielleicht wird das besser. Obwohl ich es nicht recht glaube. Ich scheine mir eben nichts ersparen zu dürfen, keine Phase der Zersetzung. Dabei sind die Dinge objektiv wahr. Wenn ich es mir selber nicht mehr glaubte, so müsste ich es an Strauss und Koch sehen, die jeder unabhängig das gleiche sagen. Eduard bis zur Wörtlichkeit. Gestern in der Bibelstunde wieder. Die Bibelstunde durch ihr immer etwas fluktuierendes Publikum lässt mich grade immer wieder die Notwendigkeit, die Sachen zu sagen, sehen. Es weiss sie wirklich niemand von selbst. Die Menschen merken beim ersten Mal meist überhaupt nicht, was Strauss sagt, so neu ist es ihnen. Sie interpretieren sichs unwillkürlich in ihre gewohnten Phrasen zurück, reden vom "Göttlichen in uns" statt von Gott, u.s.w. Es dauert einfach eine Zeit lang, bis sie merken, dass Strauss es wirklich anders meint als sie. Ich habe ja jetzt meist Orthodoxe als Hörer. Die sind aber ganz genau so. Sie glauben auch nur an die "übertragene Bedeutung". O weh - ich lerne jetzt die unübertragene von einer neuen Seite kennen, wir haben viel zu viel von der Liebe geredet, der Zorn ist genau so wirklich, solange er wirklich ist. Freilich kann man sich fragen: ist es nötig, die Köpfe zurechtzusetzen? Und wenn sie nun zurechtgesetzt sind - und die Leiber sind noch genau so unzurechtgesetzt! das Schrecklichste beinahe ist mir doch jetzt Ediths dauerndes gouvernantenhaftes Sekundieren, wenn ich einem Menschen etwas sage (es ist natürlich auch sachlich stets Unsinn, aber das wäre ja ganz gleich). Ich müsste stumm sein dürfen. Meine Sommervorlesung ist ja eine etwas stumme ("Grundriss des jüdischen Wissens"). Dein Franz. 8.II.21. Liebes Gritli, die Vorlesung war noch ganz gut. Ich bin aber froh, dass ich mit den 4 letzten wieder auf "mich allein" angewiesen bin. Dann war heut Abend Vortrag von Nobel in der Loge. Ein ganzes System in nuce, leider das alte idealistische wies im Buche und vielen Büchern steht. Aber so gesprochen, dass ichs ihm gerne geglaubt hätte. Ein bezaubernder Anblick, auch durch die wunderbare Ahronhafte Sitzgelegenheit im Logensaal. Nachher bog Eduard in seiner Schlussansprache nach Kräften alles zurecht, was hoffentlich nicht viele gemerkt haben. Dann sassen wir noch mit Kochs zusammen (es war nämlich "offene" Loge, also mit Frauen), wir kommen ihnen jetzt gut nahe, die Frau tut sich auf, und beide sind gut zu Edith. Aus dieser Wirklichkeit, (die es immer mehr wird) - Strauss Koch ich - giebt es auch kein willkürliches Herauslaufen für mich. Du wirst sie ja nun alle bald kennen lernen. Auch Strauss, den du dir dann von der Bibelstunde her aufbeissen musst. An solchen Tagen wo ich mir der Vorlesung nicht sicher bin, nimmt sie mir den ganzen Tag! Am 19. spreche ich in Hanau. Vorher vielleicht noch in Darmstadt. Gute Nacht - Dein Franz. 9.II.21. Liebes Gritli, du darfst keinesfalls hierher fahren und dir etwas zumuten, was dir jetzt zu viel wäre. Glaubte ich, es wäre nötig, so führe ich doch heut am Tag zu dir, selbst nach Hinterzarten, das wäre mir ja jetzt ganz gleich. Aber es hülfe ja garnichts. Es ist nichts Katastrophales. Es handelt sich für mich um ein Eingewöhnen in mein "neues Selbst", also um etwas was Weile haben will. Schlecht Ding will genau so "Weile haben" wie gut Ding. Etwas andres ists, ob mir nicht das lange Zusammensein vom Frühjahr an gut tun wird. Das halte ich selbst für möglich; es ist ja nicht mehr lang hin. Die Donnerstagstunde wird nun endlich wieder eine frisch vom Fass, ich merkte es heut bei der Vorbereitung. Die Trennung, die du empfindest, ist nicht die der "Bethäuser". Glaub das nicht. Es ist alles viel wirklicher. Auf solche Unwirklichkeiten kann man nichts abladen. Auf deine Frage, woran ich denn glaube, hab ich dir ja grade in diesn Tagen schon vorweg geantwortet. Ich lerne seinen Zorn kennen. Ob er "zum Besten" dient - mag sein, aber die Schläge schmerzen darum nicht weniger. Mein Glaube an dies "zum Besten" besteht darin, dass ich keinen Augenblick den 6.I.20 aus meinem Dasein wegdenke, wirklich keinen Augenblick lang, und ebensowenig den 9.II.21 oder welcher Tag sich nun grade Heute nennt. Nicht [doppelt unterstr.] darin, dass ich nicht stöhne oder, bisweilen, schreie. Dein Franz. 10.II.21. Liebes Gritli, ich spürte, dass das kommen würde. Dass es von dir zuerst kommen würde, hatte ich nicht erwartet. (Rudis mir vorenthaltener Brief ist ja sicher schon auf diese Melodie gegangen). Eigentlich ist das nun wohl das Letzte. Was könnte nun noch kommen. Aber es ist zugleich so lächerlich, dass ich trotzdem noch antworten kann. Du weisst gar nicht, worum es sich handelt. Wo dir das "Kreuz" helfen könnte, könnte mir das "Gesetz" helfen. Das Kreuz ist ja nur der Gesetzersatz für die Gesetzlosen. Aber ich verzichte auf diese "Hülfe". Ich könnte sie billig haben, so billig wie du das "Kreuz". Ich fälsche mir den wirklichen Tod nicht in einen gemeinten Selbstmord um. Ich bin froh, dass ich dir gestern Abend, ehe ich diesen Brief bekam, dir die wahre Antwort geschrieben habe, die positive. Ich könnte dir jetzt, nach dieser Verirrung, nichts Positives sagen. Wie kann man einer Nonne, die sich in der Betrachtung von Christi Wunden tröstet, von Gott sprechen. Sowenig wie einem Juden, der im Gesetz lernt. Man kann ihm nur sagen, dass sie Götzendienst treiben, dass sie Gott vergessen. Erinnere dich. [doppelt unterstr.] An den einzigen Lebendigen, den einzigen der nicht stirbt. Der uns das "Gesetz", euch das "Kreuz" gegeben hat, nicht um sich vor uns dahinter zu verstecken, sondern um den Menschen ein Zeichen zu geben, unter dem sie sich versammeln können, wenn sie zu schwach sind sich unter ihm selber zu versammeln, und von sich aus dann in Gefahr wären, sich unter jenen Götzenbildern zu versammeln, die noch nicht einmal den Namen des lebendigen Gottes tragen. So gab er uns diese Götzenbilder, an denen wenigstens noch sein Name hängt. Ich nehme Leben und Tod von Ihm [doppelt unterstr.]. Aber ich fälsche mir den Tod nicht in Leben um, was freilich sehr leicht geht, man braucht zum Entgelt ja bloss zu erklären: das wahre Leben ist der Tod (am "Kreuz" oder am "Gesetz"). Nein Tod ist Tod, Leben ist Leben, ich weiche vor seiner Hand nicht aus, ob sie mich streichelt oder ob sie mich schlägt. Ginge es dir nicht so gnädig, dass dir der Tod in Gestalt von sichtbar spürbarem neuem Leben geschenkt wäre, so würdest du wissen wie es tut, und hättest diesen Brief nicht geschrieben. Dein Franz. [ca 10.? 2.21] Lieber Eugen, Edinger ist doch ein Mensch, bonae voluntatis. Du wirst schon davon nicht viele finden. (Aber immerhin doch so viele, dass du nicht auf ihn angewiesen bist). Ich bin sehr zufrieden, dass ich mich über Marg. Susmann geirrt hatte. Von Gritli hatte ich einen sehr törichten Brief - schliesslich kein Wunder, nach den Lasten die mein tägliches Schreiben in den letzten Wochen auf sie gewälzt hat, dass ihr da schliesslich der Kopf benommen wurde und dass sie, wirklich wie die "Toren" mit einem grossen Aufwand von "Theo" = logie erklärt: "es ist kein Gott". Edingers Schrift ist doch ganz toll charakteristisch! Ich habe vor einigen Tagen in Herders Metakritik gelesen. Das ist unser wirklicher Vorläufer. Es stehen auch sonst merkwürdige Sachen drin. So in dem Abschnitt "Genese des Begriffs der Zeit, nach Datis der menschlichen Natur und Sprache": Eigentlich hat jedes veränderliche Ding das Mass seiner Zeit in sich; dies bestehet wenn auch kein anders da wäre, keine zwei Dinge der Welt haben dasselbe Mass der Zeit. Mein Pulsschlag, der Schritt oder Flug meiner Gedanken ist kein Zeitmass für andre; der Lauf eines Stromes, das Wachstum eines Baumes ist kein Zeitmesser für alle Ströme, Bäume und Pflanzen. Der Elefanten und der Ephemere Lebenszeiten sind einander sehr ungleich, und wie verschieden ist das Zeitenmass in allen Planeten! Es gibt also (man kann es eigentlich und kühn sagen) im Universum zu einer Zeit unzählbar viele Zeiten; die Zeit, die wir uns als das Mass aller denken, ist bloss ein Verhältnismass unserer Gedanken, wie es bei der Gesamtheit aller Orte einzelner Wesen des Universums jener endlose Raum war. Wie dieser so wird auch seine Genossin die ungeheure Zeit das Mass und der Umfang aller Zeiten, ein Wahnbild. Wie er, der bloss die Grenze des Orts war, zum endlosen Kontinuum gedichtet werden konnte, so musste Zeit, an sich nichts als ein Mass der Dauer, so fern diese durch eigene oder fremde Veränderungen bestimmbar ist, durch ein immer und immer fortgesetztes Zählen zu einer zahllosen Zahl, zu einem niegefüllten Ozean hinabgleitender Tropfen, Wellen und Ströme werden. Schade, dass du das noch nicht für die Werkzeitungsnummer hattest! Über Beckeraths Brief habe ich mich sehr gefreut. Wer ist denn Michaelis? Dein Franz. 11.II.21. Liebes Gritli, eigentlich bin ich dir gegenüber in eigener Sache jetzt in der gleichen Stellung wie im August, als du drauf und dran warst, dich von Rudi mitreissen zu lassen und Helenes Zusammenbruch in etwas ungeheuer Positives umzudeuten. Inzwischen ist ja an Rudi sehr deutlich geworden, dass es ein Zusammenbruch war und weiter nichts. Rudis Vereinsamung und schliessliche Flucht ins Kloster - was bedarf es weiter Zeugnis. War es Leben gewesen, was damals bei Helene geschah so wäre Leben daraus geworden und nicht das "Spiel", die "Christusliebe" und die Frage an Weizsäcker, er sehe nicht ein, warum er nicht katholisch werden solle, und die Erklärung der Vergangenheit für "Geschwätz". Genau so wie damals gegen die unwahrhaftige Lebensschminkung des Tods bei Helene kämpfe ich jetzt für den ehrlichen Namen der Dinge, die sich bei mir abgespielt haben und will, was Tod ist, Tod genannt haben. Und gestatte weder mir selbst noch dir die Dogmatisierung, die so bequem und so narkotisch ist. Hätte Rudi damals seinen Schreck nicht narkotisiert, so wäre es vielleicht heute für beide besser. Vielleicht auch nicht. Aber an sich ists auf jeden Fall besser, die Wahrheit zu sagen, solange man kann. Die Vorlesung war wirklich sehr gut, und die nächste wirds auch. Abends war Martha Kaufmann da, die ein armes Tier ist. Eben war Hedi da, Rudi hat ihr natürlich die Schutzengel vorgelesen. Warum auch nicht? Geschwätz gehört vor die Öffentlichkeit, - wenn der Schwätzer ein begabter oder gar jetzt bald berühmter Dichter ist. In 50 Jahren machen dann die Kinder Schulaufsätze über "das Erlebnis und die Dichtung", und der Lehrer besprichts vorher in der Klasse, von wegen der richtigen Einstellung. Und das Ganze ist dann "höheres Leben" - nichtwahr? Tod der vor dem Kreuz sich in neues Leben verwandelt hat? Wie figura zeigt. Da möcht ich mich doch hinter all eure (und meine) tümer auf die alte ehrliche Natur zurückziehen, die wenigstens nicht lügt. Dein Franz. 12.II.21. Liebes Gritli, es ist spät geworden über einem langen und unnötigen Brief an Eugen. Mit den Gewaltkuren ist nicht geholfen. Wäre es nicht schon meinetwegen, so müsste ich Ediths wegen im Jüdischen bleiben. Für mich ist es, nächst dem Garnichtmehrsein das einzig Erträgliche, für Edith aber ist es das einzig Mögliche. Grade an den Sabbaten brauchst du sie nicht zu bedauern. Was sie vom Leben hat, hat sie da. Es war wirklich das Gefühl einer Notlage, dass ich sie grade am Sabbat zu euch geschickt habe; ohne dringendste Not hätte ich es nicht getan. Gedankt habe ich lange nicht, aber es kommt ja nicht auf die Worte an. Die zweiten Lebenshälften in die wir jetzt alle hineingestossen werden (Edith, die nie eine erste gehabt hat, ausgenommen), werden uns ja vielleicht alle auch einmal wieder zusammenbringen, nur ganz anders. Es giebt vielleicht auch da wieder etwas wie ein Leben. Ich habe jetzt keine Vorstellung davon und deshalb kann ichs nicht Leben nennen. Das eine weiss ich: die jüdische Atmosphäre um mich herum ist das einzige was mich jetzt halbwegs in Form hält. Ein Heraus aus ihr, wie es Eugen sich ausdenkt wäre mir schrecklich. Hier sind doch Leute, die mich auf das hin beanspruchen, woran ich glaube. "Draussen" habe ich Meinecke, der mich auf das festlegen will, was ich noch nichtmal als ich es machte je für etwas andres gehalten habe als eine Schüler = und Übungsarbeit. Gestern Abend Blaus, heut Vormittag Nobel, Nachmittags Ernst Simon, dann Koch - ein klarer geordneter Tag, und alles was ich tue (mit Ausnahme alles dessen, wa zwischen Edith und mir geschieht) ein Stein zu dem Bau, dessen Umrisse ich sehe und zu dessen Grundriss ich vielleicht die Zeichnung habe machen dürfen ---- was hätte ich zu wünschen, wäre nicht die eine schreckliche Ausnahme. Aber vielleicht geht es grade ohne die nicht. Obwohl - das ist dummes Zeug; ich weiss nicht warum das so sein muss. Und auch zwischen mir und Edith giebt es einen guten Augenblick - zwar nicht wenn wir ganz allein sind, aber wenn der Sabbat als dritter dabei ist. Da lasse ich sogar mich immer wieder von der Hoffnung fangen, und werde freilich gleich wieder aus der Hoffnung herausgeworfen; es sind eben nur Augenblicke. Für mich nicht aber für meine Ehe ist das Gesetz eine Lebensrettung. Dein Franz. 12. und 13.II.21. Lieber Eugen, tant de bruit! pour une étoile! Muss ich dir nun wirklich das alte Buch erklären? Du vergisst die Gliederung des Ganzen. Wenn du es wirklich wieder liest, so lies doch vor allem III 3. Erst das (und sein Auslauf in "Tor"), nicht schon III 1 + III 2 , ist der dritte Teil. Da verschwinden aber die tümer wieder und von dem der da bleibt wird ausdrücklich und in einem Fortissimo das sonst im ganzen Buch nicht vorkommt gesagt, dass er kein andrer ist als der, der in der Mitte des Ganzen, in III 2, spricht und auch das was er zu sagen hat ist nichts andres. Nimm dazu noch die Einleitung zu III, die doch die Voraussetzung für jedes Wort von III 1 und III 2 ist und die von nichts anderm handelt als von dem freien Entgegenwachsen des Lebens von dem du redest, -- und was vermissest du dann noch? Nimm endlich noch, dass noch nie das jüd. Gesetz so ungesetzlich, das chr. Dogma so undogmatisch gesehen worden ist, wie es in III 1 bzw. III 2 geschieht - versteh wohl, nicht das Judentum ungesetzlich, nicht das Christentum undogmatisch, sondern das Gesetz selber ungesetzlich, das Dogma selber undogmatisch, und du wirst selbst zu III 1 und III 2 (die du nicht wieder zu lesen brauchst) ein Verhältnis kriegen. Es ist in III 1 nicht die Synagoge, sondern das Volk, es ist in III [2] nicht die Kirche, sondern der Mensch, de quo fabula narratur. Das ist, beides, noch nie geschehen. Für die Richtigkeit des Aufbaus I, II, III könnte ich mich einfach auf - Hans berufen. Erfahrung, Lehre, Weisheit! Die genaue Entsprechung mit meinen I, II, III ist ganz unabhängig. Genau wie ich bringt auch Hans in seinem dritten Teil, der Weisheit, die philosophischen "Disziplinen" wieder, die er vorher ignoriert (Politik, Ästhetik, Logik). Vgl. darüber bei mir III 3 gegen Ende. Eine eindeutige Reihe ist I - II - III nicht. Das "Versinke denn, ich könnt auch sagen: steige" gilt nur für den Übergang von I zu II. Von II zu III müsste es heissen Steige denn, ich könnte auch sagen versinke. Deshalb ist das Herausbrechen des Schlusses ins Freie, der ja ausdrücklich ein Rücklenken in II 2 ("einfältig wandeln..") ist, auch vom Buch her eine Notwendigkeit. Es ist nicht nur biographisch notwendig. Sondern auch "systematisch". Sieh: im Grunde steht in allen drei Teilen das Gleiche. Nur drei verschiedenen Leuten gesagt. In I dem Kranken (Diagnose: Monismus philosophicus), im II dem Gesunden, im III dem in Behandlung befindlichen, dem Patienten. Dem Kranken wird gesagt, dass er krank ist, dem Gesunden dass er gesund ist, dem Patienten, dass er Patient ist. Denn eben das weiss keiner von ihnen. Der Kranke hält sich für gesund, der Gesunde für krank, und der Patient meint, seine Klinik wäre die Welt. Ich tue z.B. hier sehr oft weiter nichts, als dass ich den Menschen sage: Euer Lieblings = Ismus, (Gottismus, Weltismus, Menschismus) ist nur Ismus. Die Wirklichkeit ist "dreifach", nicht einfach. Wer das begreift, ist eigentlich schon gesund. Denn den nimmt das Leben auf seine Arme und trägt ihn irgendwohin. Solange er sich tragen lässt. Deshalb muss ihm gesagt werden, dass er sich ruhig tragen lassen kann, dass er wirklich gesund ist und dass er die Doktor Eisenbarthe mit ihren Rezepten unbesucht lassen kann (welcher Gesunde weiss das?). Endlich giebts den Patienten. Er hat vergessen, dass er Patient ist. Früher hätten wir ihn dem Kranken gegenübergestellt. Nichtwahr? Als wir noch selber in dieser Vergessenheit unsres Patientseins lebten. Denk an dich selbst in deinen Fanatikerjahren. Dass die tümer nur ihren Sinn jenseits von Gesund = und Kranksein haben, nicht selbst die eine Seite repräsentieren, das habe für euch alle 1913 ich erlebt. Deshalb musste der IIIte Teil der frühstkonzipierte sein. Denn die Jenseitsstellung der tümer musste vorweg entdeckt sein, ehe man die Lehre vom kranken und gesunden Menschen (I und II in ihrer Zusammengehörigkeit) entdecken konnte. Nämlich nun tritt an die Stelle der Schattenantithese Idealismus - Kirche (wie du oder Rudi oder sonst wer, - Pantheismus - Christentum - sie früher formuliert hatte) die Zweigesichtigkeit des Wirklichen: Nacht und Tag, Schlafen und Wachen, Elemente und Bahn, Mathematik und Grammatig, Unterwelt und Oberwelt. I ist eben nicht "Hegel" (dies ist eins deiner Missverständnisse, vielleicht das eigentliche) [X] - I ist Un = und Antihegel, I ist genau so wahr wie II. [1.Fassung:] - I ist Unhegel, Unkant u.s.w., kurz I ist ebenso wahr wie II. Genug von dem Buch. Ich habe es immer noch nicht, bin auch nur gelinde neugierig darauf. Du schreibst ja im Grunde auch nicht über das Buch, sondern über deinen tollen Gedanken, ich solle das ..[?] was ich ..[?] habe aufgegeben um einer "Jetzt" = Theorie willen. Das ist so haarsträubend unwirklich ...[?] richtig erdacht. Ich soll eine Stelle, wo man mich braucht (und wenns noch so wenig ist) aufgeben und zu Leuten gehn, die wenig wissen, aber das eine ganz genau: dass sie mich nicht haben wollen. Denn dass Meinecke mich als seinen begabten Schüler vorzeigen will - bin ich sein Schüler? (Schon als ichs war, habe ich jedem gesagt, dass Wöfflin, nicht Meinecke mein Lehrer in Geschichte sei). Ich soll meine Tätigkeit auf der Basis von Seminararbeiten errichten? Er hat ja Heller e tutti quanti. Diesen Leuten brauchst du nicht erst zu sagen: sie sollten sich habiblitieren, sie habens schon längst vorher getan. Was sollen sie auch sonst tun. Ich habe mir durch den Stern das Recht erschrieben, mich da zu habilitieren, wo - nicht einige Mummelgreise bestattet oder das neue 1813 vorbereitet werden (Universität oder Volkshochschule), sondern wo die Zukunft entsteht. Ob das neue Gesetz schon das "Weltgesetz" sein wird oder nicht - das ist nicht meine Sorge. Die Zionisten glauben es. Marx und Lasalle gehören ebensogut zu der ..[Kom?]ission die es ausarbeitet wie Strauss, Koch, Nobel, ich. Es wird kein § fertig, ohne dass die beiden votiert haben. Mein "jüdisches Jahr" wird also den Rest meines Lebens ausfüllen. Dass die Quelle meiner Mitwirkung in der Kommission nicht mein Jetzt, sondern mein 1900 - 1919 (das was du "das Wunder von 1918" nennst) ist, das weiss ich sehr genau. Nicht die Toten loben Gott. Ich habe ja auch nicht mehr zu leben. Ich habe mich nur noch hineinzuwerfen in den Topf in dem die Zukunft brodelt. Die nicht mehr mir gehören wird. Denn mir gehört gar nichts mehr. Auch nicht die Gemeinschaft mit euch mehr. Wir sind alle (nicht bloss ich) einsam geworden. Auch du und Gritli seid bloss noch verheiratet. Nicht das Leben hat aufgehört, aber unser Leben. Mehr als Gritlis Kreuz = Brief an mich - stärker konnte es für mich und Gritli nicht gesagt werden. Ich habe dagegen geschrieben, aber nur weil ich nicht wollte, dass die hässlichen Scheingründe zwischen ..[?] scheiden sollten. Die Wirklichkeit des Todes ..[?] uns, keine dogmatischen Gespenster. Sie ..[?] jenes und sucht es auf dieses abzuschieben. Nur das will ich nicht. In der Tatsache selbst heisst es sich fügen. Zu den Zionisten gehe ich ja. Was willst du?! Und vergiss bei allem nicht. Was für mich ein Ablaufen der Uhr ist, ist für Edith das einzige Leben was sie noch hat. Sie nimmt an der Enstehung des neuen Gesetzes teil. Dafür hat sie offne Augen. Für sonst nichts. Für nichts, was mit jenen "Quellen" meiner Beteiligung daran etwas zu tun hat. Aber für meine Beteiligung selber. Was sollte aus ihr werden, wenns das nicht mehr wäre. Und ich gezwungen wäre, eine kühle bonzenhafte Tätigkeit vor Studenten oder meintwegen vor deinen Arbeitern (die mir doch genau so fremd sind wie Studenten) auszuüben In dem jüdischen Topf lasse ich mich noch gern zerstampfen, in dem "deutschen" wirklich nur mit äusserstem Widerwillen. Dieses "gern" spürt sie, und ..[?] das Beste an ihrem wahrhaftig nicht gu[?]ten Leben. Dein Franz. 13.II.21. Nach dem, was du nun heute schreibst, könnten wir ja den eigentlichen praktischen Inhalt deiner Briefe vertagen, bis der Ruf kommt. Wenn er nämlich kommt (auf den * hin! nicht etwa auf den Hegel hin) dann nehme ich ihn an. Denn das wäre dann keine deutsche Universität und es studierten keine deutschen Studenten da - wenn ich auf den * einen Ruf als Professor der Philisophie kriegte. Und nebenher - selbst die Philosophie wäre dann nicht so greulich langweilig wie sie ist. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer es mir fällt, Philosophisches zu lesen, ich winde mich vor langer Weile. Also wollen wirs bis zum Ruf vertagen? Aber im Ernst: dies Nachholen wovon du sprichst, das tue ich ja jetzt wirklich. Meine Vorlesung hier ist ein solches Nachholen. Die Überschrift Jüdisches Denken hat dich vor den Kopf geschlagen. Aber ursprünglich hatte ichs "Einführung in den Gebrauch des gesunden Menschenverstands" nennen wollen, und nur aus äusseren Gründen darauf verzichtet. Trotzdem kann ichs nur vor Juden machen. Im einzelnen Fall gegenüber jedem Menschen. Aber bei grösserem Publikum, vor der Öffentlichkeit nur vor Juden. Denn nur da habe ich die Anknüpfungsmöglichkeit an Gemein = Erlebnisse. (Im Krieg hatte ich die ein wenig auch vor andern). Es gehört zu dieser Art Vordenken, dass man auch Mitleber ist. (Die Abschaffung des Katheders!). Dem einzelnen Menschen kann ich gegebenenfalls (eventuell) stets Mitleber sein. Der Gemeinschaft nur wenn ich ihr angehöre. Deshalb kann ich nur unter Juden wirken. Nur da wird mein Wirken unmittelbar gesetzerneuernd sein. Ob noch anderswo, das ist nicht meine Sache. Vielleicht durch euch hindurch. Mag sein. Ob das neue jüdische Gesetz schon das letzte, das Weltgesetz sein wird - die Zionisten glauben es, ich weiss es nicht. Auch das ist nicht meine Sache. Marx und Lassalle? sie sind meine Mitarbeiter dabei, sogut sie Nobel und sogut wie Strauss und Koch. Blüher sagt (in der Broschüre gegen Link): Philosophieprofessor Litteraturprofessor ----------------------- = ------------------- Das ist genau richtig. Ich war als Verfasser Philosoph Dichter. des * (und bins in Nachklängen noch jetzt) Philosoph. Das Philosophieprofessorieren ist mir heute ganz unmöglich, wirklich einfach wegen der ungeheuren Langweile die es mir verursacht. Also, gieb dich zufrieden. Für Herder genügt die Quellenangabe wie ich sie dir schrieb. Meine Ausgabe ist nicht die, die man zitiert. Dein Franz. 13.II.21. Liebes Gritli, ich lege auf Eugens Wunsch einen Brief an seine Mutter bei. Den an ihn von gestern Abend schicke ich nun nicht; er ist übrigens z.T. durch seinen heutigen noch unnötiger geworden. Du kannst ihm sagen: den Ruf auf den * hin als Professor für Philosophie würde ich annehmen. Damit muss er doch zufrieden sein? Nämlich, wenn das geschieht, dann sind die Universitäten keine Lachkabinetts mehr, die Professoren keine Karrikaturen und die Studenten keine Deutsche mehr und die Philosophie ist eine kurzweilige Sache geworden. Vier Vorraussetzungen, von denen jede einzelne das Ende aller Dinge bedeuten würde. Bis dahin (also bis zum Ende aller Dinge nach meiner oder bis zum Eintreffen des Rufs auf den * hin nach seiner Zählung) soll er mich ungeschoren lassen. Ich lege übrigens die 3 ersten Blätter des Briefs doch bei. Dass du mich zum Christentum bekehren wolltest, habe ich gar nicht angenommen. Du hast nur eine Trennung zwischen uns aussprechen wollen. Dagegen kann ich gar nichts sagen. Nur die dogmatische Phrase habe ich abgelehnt. Uns trennt nicht Juden= und Christentum, sondern der Tod. Nenn ihn meinetwegen Leben. Aber dass das eine sehr andre Art Leben ist als was wir früher so nannten, das könnte dir daran aufgehen, dass das was du jetzt Leben nennst, uns (alle, nicht bloss dich und mich, sondern jeden von jedem) scheidet; das was wir früher Leben nannten, verband uns. Ob wir "[Zeichnung, Kurve aufwärts und abwärts] Mensch" sind oder nicht, danach wird wenig gefragt. Es geschieht uns, ob wir wollen oder nicht. Dir gnädiger als uns andern. Infolgedessen hörst du sogar auf, zu verstehen, was in andern vorgeht. Oder möchtest dir einreden, es läge daran, dass sie eine andre Theologie hätten. Nun lege ich auch den 4ten Bogen bei. Es ist schliesslich alles gleich. Dass ich deine Freude nicht mitfühlen kann, ist mir doch selber schrecklich genug. Es ist aber nur ein Stück davon, dass ich überhaupt nichts mehr mitfühlen kann. Es ist zu Ende mit mir, mit Mit= und allen Gefühlen. Zum guten Onkel wirds noch langen. Ich sehe jetzt darin dass ihr herkommt, wovor ich mich früher fürchtete, nun eine Rettung. Wenn überhaupt ein neues Sozusagenleben zwischen uns entstehen soll, so brauchts dazu das Zusammensein. Irgend eine Form wird da schon entstehen. Ich lasse selber nichts fahren, begehe auch im Detail keine "Selbstmorde". Solange man leiblich lebt, muss ja irgend etwas wie Leben weitergehn. Ich kann mich nur nicht auf etwas freuen, wovon ich nur das weiss, dass es ganz anders sein wird als alles woran ich bisher hing. Ich kanns eben nur hinnehmen. Das "Lächeln Gottes" lässt sich nicht komman-dieren. Dein Franz. [2.Hälfte Februar? 21] Lieber Eugen, eine Intrigue liegt gar nicht vor, sondern einfach eine unglaubliche Dummheit des Verlegers, der der Frankfurter Zeitung noch ein Exemplar geschickt hat! Ich habe sofort an Kauffmann telefoniert; die Dame (die verreist war) - die einzige mögliche Person im ganzen Verkauf[?] - hat mit Geck, dem Feuilletonredaktör der Frankfter Ztg. gesprochen, der "sehen will was sich tun lässt". Nicht viel! - Mir selber war das Merkwürdigste, dass ich mich wirklich darüber geärgert habe. Es ist eben für meine Stellung hier eine Notwendigkeit, dass in der Frkft. Ztg. mal ein Feuilleton über mich gestanden hat. Da's beim Hegel versäumt ist, so muss es nun beim * sein. Erst wenn die Frankfurter ihren Segen über mich gesprochen hat, bin ich glaubwürdig. Ich gehe nachher noch selber zu K. hin, um die Einbände zu sehn, sie sollen sehr hübsch sein, - und übrigens noch länger dauern! Ich habe ja noch gar kein Exemplar hier. Zwei Nächte ist fein, der Brief weniger, aber der Mann ist gut für dich. Besonders wenn du ihn vorher etwas in die Lehre nimmst (wozu er bereit sein wird, denn er geht ja noch zur Schule - Jonas Cohn! Über den Raum stehen die nötigen Sachen bei Herder ein paar Seiten früher. In Freiburg hast du ja die Metakritik leicht zur Hand. Ich dachte schon einmal daran, Mündel einen * zu schicken. Aber ich werde es wohl bei dem Pietätsexemplar für Frau Cohen bewenden lassen, der ich darin die Stellen, wo Cohen auftritt, mit Seitenzahlen bezeichnen werde (einschliesslich des Mottos, des verliebten Toren, und des letzten öffentlichen Vortrags). Wieso ist deine Zukunft "in Berlin"?? Ist denn mit Frankfurt irgendwas geschehn, was du vergessen hast mir zu schreiben? Dein Franz. 14. und 15.II.21. Liebes Gritli, die Einbände zum * werden so hässlich, dass ich meine Freiexemplare jetzt doch ungebunden genommen habe, wenigstens fünf. Bei Strauss war eine besondere Stunde heute, 2 M, 3. Abends hatten wir einen merkwürdigen Studenten aus Wien da. Das war der Tag. Dein Franz. 15.II.21. Eben ruft Hermann Badt an, der für einen Tag hier ist. Vom Verlag kam von Eugen der rote Band von der Susman. Ich habe erst die beiden ersten Stücke gelesen. Trotz des schönen Einbands, ists als ob man was mit Schreibmaschine lese, so das Manuskript irgend eines Rudi. (Übrigens ist manches ganz rudisch). Auch zu den Dunkelheiten darin habe ich ein ähnliches Verhältnis wie zu denen, die man zuerst bei Rudischen Sachen verspürt. Dein Franz. 15.II.21. Liebes Gritli, wieder eine sehr gute Vorlesungsstunde. Diese beiden Stunden Ästhetik sind so gut geworden wie ich dachte. Es war vorher nur mein Fehler, dass ich alte Manuskripte zugrundelegte. Das darf ich offenbar nicht. Badt sah ich nur heut Abend nochmal, wo ich bei Nobel war und ein Stück raffinierter Frankfurter Politik gemacht habe, die Fortsetztung von der Zionistensitzung von neulich. Ich habe den * ringsherum beschneiden lassen, dass er nun ein sehr behagliches Format hat. Ich würde es Eugen auch raten. Die Rezension der "Hochzeit" von E.Tr. bekam ich heute. Ich finde sie ganz herrlich. Es ist doch kaum zu begreifen, wenn er ihn nicht kennt. Aber er hat ihn eben aus dem Buch erkannt. Es giebt einem gradezu Mut zu schreiben. Auch die Sonderstellung, die er der Spenglerkritik giebt, ist wohl richtig; es ist ja auch natürlich, - einfach infolge des grossen Augenblicks wo sie entstanden ist. Die Unterschüpfer sollen eine Gedenktafel ans Wirtshaus machen. Oder lieber an das Haus, das ihr kaufen s[?]olltet. Die 2 Stunden Ästhetik handelten nur vom Auftraggeber. Heut ist die Synagoge zu ihrem Recht gekommen. Es wäre ja auch schlimm, wenn sie beim "jüdischen Denken" gar nicht vorkäme. Dein Franz. 16.II.21. Liebes Gritli, ich las gestern Abend noch das dritte Stück in dem Buch der Susman, es ist wohl schlechter als die beiden andern, aber komischerweise auch in diesem "schlechter" rudisch. Zur "Aussprache" waren heute ganze 3 Weiberchen gekommen. Es ist sehr nötig, dass ich in Frankfurt bin. Es kann ja nochmal ein Aufschwung kommen. Aber der wird dann auch rasch wieder abflauen. Und wahrscheinlich kommt er noch nichtmal. Wäre nicht die komische Situation, dass dieses "In Jena hat jeder Lehrer Ein zwei auch drei Zuhörer Die nennt man Musensöhne, In Jena ist es schöne" - hier ganz normal ist. Vor vierzig Menschen sprechen heisst hier: viele Hörer haben! Es ist alles relativ. Auch dies. Dein Franz. Wer mag nur dieser "E.Tr." sein? 17.II.21. Liebes Gritli, gestern ist es ja zwei Jahre her, dass der * fertig wurde! es fiel mir heute ein. - Es war wieder eine gute Vorlesung und die nächste, letzte, wird es erst recht. Ich habe angefangen, bei Nobel zu lernen. Ruth lernt mit! Heut Abend war ein Vortrag von Strauss. Vor Tisch war ich etwas bei Koch, der darmkrank im Bett liegt. Das war der Tag. Von Mutter war ein Brief da, mit dem ich viel mehr mitklinge, als ich ihr sagen kann und darf. Dein Franz. 20.II.21. Liebes Gritli, Hans ist da, es ist spät darüber geworden. Seine Anwesenheit tut mir ganz wohl. Rudis Brief gestern (er schickte mir das Traktätchen vom Ende Januar mit einem neuerlichen Zusatz an den verstockten Sohn Israöls von dem Erlöseten des Hörrn in Göttingen) hat mir doch noch einige Schmerzen gemacht, obwohl ich ja wusste was drin stehen würde und ob | ||||||||||